Welch schönes neudeutsches (Doppel-)Wort trennt unsere Geschlechter: Shopping-Tour. Während Frauen schon beim bloßen Gedanken daran einen Eisprung riskieren, dürfte die Männerwelt jene fatale Abneigung entwickeln, die sie stets und letztendlich zum Opfer des Konsumwahns ihrer weiblichen Geschlechtsgenossen macht.
Zu Beginn wehrt er sich aus vollen Kräften, aber wogegen eigentlich? (okay, vergessen wir den finanziellen Aspekt mal) Das Taschetragen ist doch längst Geschichte und seit längerem werden auch kaum noch Männer in Kinderspielecken abgegeben. In Wirklichkeit ist der Mann von Heute ähnlich versessen auf das neuzeitliche Jagen und Sammeln in den Konsumtempeln unserer Zeit. Der Grund: Die Eitelkeit unter den Herren ist nicht mehr das was sie mal war. Sie ist viel schlimmer.
Ich war am Wochenende mit meiner Herzdame schoppen. Ein paar meiner Jeans hatten das Zeitliche gesegnet und es bestand Bedarf an neuem Beinkleid. Die Qual der Wahl war angesichts des unüberschaubaren Angebots dennoch recht gering, da meine Größe nicht dem landläufigen Durchschnitt entspricht (bitte keine abschätzigen Bemerkungen zu meiner Figur!). Dann die Qual des Wartens im Anprobier-Bereich - alle Kabinen besetzt. In diesem Fall macht man natürlich das Beste daraus und lässt den in uns allen vorhandenen Voyeur ein wenig Ausgang. Die Kabinen waren normale Boxen mit einem roten Vorhang, welcher etwa 20cm oberhalb des Bodens das offenbarte, was in den Ankleideboxen vor sich ging. Der geübte Psychologe würde direkt begeistert sein, 20cm sind eine ganze Menge, jedenfalls wann es um den Fußraum von Umkleidekabienen geht! Das Beobachtungsthema: Der deutsche Durchschnittsbürger und sein Umgang mit Waren, welche er mit großer Wahrscheinlichkeit eh nicht kauft. Diese Bekleidungsstrücke auf den Hocker zu legen oder gar an einen Haken zu hängen, nein, völlig unmöglich - hier ist der Kunde König! Und wer ist hier der arme Trottel, der unter diesem Probiergebahren leidet? Richtig - der nächste Kunde, der seinen Frust darüber erneut an der Ware ausläßt. Und so weiter und so fort…
Auch der persönliche und ureigendste Sigmund Freud könnte also in der reichlich vorhandenen Zeit ausgelebt werden. Die Psychologie des Entkleidens einer Jeans z.B., so zu beobachten war eine „Hakentretertechnik“, oder gar die „Nachuntenstrampeltechnik“. Tief betroffen saß ich da und konnte kaum den Blick von diesen magischen zwanzig beinfreien Zentimetern abwenden.
Doch was sagen uns diese Verhaltensformen der kraftvollen Befreiung der Beine vom baumwollenden Stoff über den Verursacher derselben? Ich weiß es leider nicht. Es tut mir natürlich unendlich leid, wenn ihr künftig Ankleideboxen meidet. Und dass nur, weil ihr davor sitzende Spanner vemutet, die euer wahres Wesen aus der Art des Entkleidens einer Hose ergründen. Zur Not seigt auf den meist vorhandenen Hocker und entledigt euch dort die viel zu eng sitzenden Jeans.
Weniger angenehm war eine andere Tatsache während des rastlosen Wartens auf eine freie Kabine. Denn mit einmal Anprobieren wars leider nicht getan. Während meiner stets wiederkehrenden Warte-Sessions (ah, ein altdeutsch-neudeutsch-Wortgebilde) überkam mich Abscheu, Verwunderung und Demut. Ich beobachtete einen von sich selbst sehr überzeugten jungen Mann bei seinen Vorbereitungen zu irgendeinem Balzritual. Sein Ego war eigentlich viel zu groß für so eine kleine Box, weshalb er diese auch immer wieder kurz verlies, um ein weiteres Kleidungsstück der wartenden Menge und dem großen Spiegel zu präsentieren. Ich überlebte diesen von ekelhafter Eitelkeit tiefschwangeren Moment schwitzend und in der Hoffnung, diese Hallen der Verkommenheit im Vollbesitz meiner geistigen und Körperlichen Kräfte (insofern diese jemals vollständig waren) verlassen zu können. Doch noch war ich gefangen und auf mich warteten noch gut ein Dutzend Jeans zur Anprobe. Das Leben kann so grausam sein!