Götterdämmerung

He, warum gibt’s seit Tagen kaum noch auf die Augen? Bin ich etwa faul geworden? Fällt mir nix mehr ein? Hasse ich euch etwa? - Nö!!!

Aber was ist wirklich los? Nix – ganz ehrlich! Nischt zu meckern oder zu mosern. Und zwar deshalb:

Nach einer eingehenden Diskussion mit Arbeitskollegen durfte ich heute ganz still tief in mir drin erkennen, dass das, was ich immer für gut und richtig hielt, nicht unbedingt Mainstream ist. Das macht mich in der Tat sehr glücklich. Im Detail durfte ich feststellen, dass ich weder auf die Millionen neureicher Taugenichtse neidisch bin oder gar auf Modern Talking abfuhr, als halb Deutschland dies tat. Yeah, es ging auch ohne diesen Schwachsinn in meiner Jugend. Dafür gab's anderen Blödsinn, auf den ich heute nicht sonderlich stolz bin, aber das gehört halt untrennbar zur Jugendzeit dazu.

He, streichle ich mir gerade meinen Bauch? Ja, ein biss'chen vielleicht. Aber darum geht’s nicht. Wenn ich dann in der Diskussion erleben muss, dass meine Aussage „Bohlens Musik fehle jeglicher Tiefgang, Stil und künstlerischer Wert“, von anderen nicht nur nicht anerkannt wird, und „wer bitteschön legt fest, was künstlerisch Wertvoll ist“ über mich ergehen lassen muss. Ja dann kommt tief in mir viel Stolz hoch. Nein, ich bin kein Spießer geworden, nein, ich bin immer noch im höchsten Maße naiv und hurra, ich fühle mich immer zu jung, um meine Seele an den deutschen Medien- und Klischeeteufel zu verkaufen.

Lasst euch eines gesagt sein: Es ist keine Frage des Geschmacks, wenn man Kitsch und Schund für Kunst hält. Zu mindestens wenn es sich dabei um Musik geht.

Nicht immer ist der Hang Musik zu machen gepaart mit wahrhaft künstlerischen Ambitionen.  Und Geld ist selten die Triebfeder für etwas, was die Zeiten überdauern und die Massen begeistern soll. Sogen wir es mal so, wenn man lediglich von seiner Musik leben will, mag Geld nicht die Kreativität verschandeln, aber wenn man eigentlich nicht mehr auf monatliche Gagen angewiesen ist, dann wird's schon dünn an der kreativen Front.

Ich mag es immer noch viel zu laut Musik im Auto oder daheim (nur wenn ich alleine bin – meine Tochter findet meine Musik abartig) zu hören. Und nein, ich glaube nicht, dass bei mir daheim etwas von Herrn Bohlen komponiertes läuft. Rein gar nix, auch nicht, wenn mein Mageninhalt ganz schnell retour meinen Körper verlassen müsste und ich gerade kein Bild von unserer Kanzlerin in der Nähe habe.

Ach ja, ich bin weder ein Rebell, noch der geniale Quertreiber, der ich mein halbes Leben gern gewesen wäre. Die Tatsache ein, absoluter Rhetorik-Legasteniker zu sein, machts auch nicht einfacher. Beklage ich mich deshalb? Okay, wer mich näher kennt, weiß, dass belangloses Jammern eine meiner Stärken ist. Doch eigentlich macht mich das nur männlicher, ups, ich werfe mit Klischees um mich.

Momentan schmelze ich dahin, wenn die Editors erdbebenartige Erschütterungen mit meinen Boxen erzeugen und der geneigte Hörer „Put Your Head Towards The Air“ darin erkennt. Neuzeit-New Wave mit Tiefgang, so jedenfalls empfinden meine vom Tinnitus geplagten Ohren diesen unglaublich eingängigen Sound. He, da überkommt mich doch die Idee, monatlich etwa, eine CD oder nen guten Film zu kritisieren. Nicht um etwas zu zerreissen, sondern um (meiner Meinung nach) „künstlerisch wertvolle“ Kultur anzupreisen und der vom deutschen Privatfernsehen versauten Menschheit einen Weg aus ihrem eigenen Dilemma zu weisen. Das wäre es durchaus wert, wenn auch mitleidige Blicke neuzeitlicher Spiesser einem manchmal negative Emotionen hochkochen lassen.

Doch ist es nicht herrlich, wie egal einem manchmal Meinungen anderer Menschen sein können - Meinungen von Menschen, die einem nicht wirklich egal sind.

Toleranz ist nicht alles, Baby.

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