Magerfleisch

Gestern flüstert mir halbbetrunkenden Jeck meine Herzallerliebste folgenden epischen Satz in mein ohnehin schwer geplagtes Ohr: „Schatz, Topmodells geht heute wieder los!“ Etwa drei Sekunden kämpfte ich gegen eine drohende Ohnmacht an, mir wurde kurz schwarz vor den Augen aber dann hatte ich mich wieder völlig unter Kontrolle. Nein, nicht schon wieder! Sind wir durch katastrophale TV-Events nicht schon gestraft genug. Lernen wir nie aus den peinlichen Fehlern unserer Unterhaltungsbranche? Nein, dass tun wir wohl nicht und deshalb hat dieser Blogbeitrag seine volle Daseinsberechtigung.

Halb Deutschland trauert einem abgetretenen bayrischen Adligen nach, in Nordafrika stellen Demonstranten derzeit jedwede Regierungsform in Frage und das Rheinland versinkt im Karnevalstaumel. Und nun kommt Germanys Vorzeige-Blondchen und teilt dem überwiegend suicidgefährdeten pupertierenden Weibsvolk mit, dass sie allesamt zu fett, zu hässlich und absolut stil-los sind. Und was machen die wenigen der angesprochenen Girlies, die derzeit nicht im Alkoholkoma liegen? Sie schmachten sabbernd vor dem TV-Gerät und saugen das Gezänk, Gezicke und Geschleime der Kandidaten bis zur vollständigen Hirnamputation in sich auf. Ähnlichen tun auch viele verträumt dreinblickende Mütter, die durchweg Mordgedanken verspüren, wenn sie daran denken, wer ihnen die Modellkarriere versaut hat. Genau – das dürfte der dickbäuchige Ehemann gewesen sein, der auf Grund des aktuellen Fernsehprogrammes friedlich in seinem Sessel schnarcht und zu seinem Glück nichts von der mörderischen Gefahr neben sich spürt.

Inzwischen erreicht die Sendung ihr ureigenstes Epizentrum. Die drei als Juroren verkleideten Vollzeit-Komödianten aalen sich in gottgleichen Posen und schicken in regelmäßigen Abständen Bedauern heuchelnd total ungeeignetes Frischfleisch zurück in dessen lebensunwürdige Wirklichkeit. Wobei Fleisch in der Tat die falsche Bezeichnung ist, da die Hungerhaken kaum ein Solches auf den Knochen haben. Irgendwann in ferner Zukunft wird diese Selektion ein Ende finden und eine Mixtur aus bestem Gen, geringster Skrupel und einem Minimum an Talent den Sieger auszeichen.

Und während ein Drittel der Zielgruppe dieser Sendung zum wiederholten Male an diesem Abend ihre Bulimie in vollen Zügen auslebt und die gemeine Hausfrau in Gedanken ihre umfassende Sammlung an Küchenmessern durchgeht, unterbricht die Werbung Deutschlands einzigartige Knochenschau. Selten habe ich mich so über die verdammte Reklame gefreut. Aber selbst von dort winkt mir das blonde Luder von eben teuflisch zu – wir sind alle verloren!

Noch während ich nach der Fernbedienung greife, streift mich der tödlicher Hauch eines nichts Gutes verheissenden Blickes vom anderen Ende der Couch. Ich ziehe instinktiv die Hand zurück, stehe auf und hole mir ein weiteres Bier. Mal sehen, ob man sich das allabendliche Fernsehprogramm wenigstens schön saufen kann. Prost!

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