Ein Hoch auf die epische Kreativität der Entscheidungsträger in globalen Kalenderfragen. Ich bin immer wieder erstaunt welche Anlässe Einzug in unsere überlebensnotwendige Jahresplaner halten. Und natürlich auch über die kleinen Unterschiede, welche zum Teil regional, religiös oder überhaupt nicht erklärbar sind. Beginnen wir mit regionalen Feiertagen, welche zumeist auch religiösem Ursprungs sind, jedoch nicht überall als arbeitsfreier gesetzlicher Feiertag begangen werden.
Christi Himmelfahrt, auch Männertag, Herrentag oder Vatertag genannt, ist Deutschlandweit Feiertag, Mariä Himmelfahrt nur in südlichen Gefilden unseres Vaterlandes. Momentan ist Karnevalszeit – natürlich auch verbunden mit einigen (allerdings nicht gesetzlichen) Feiertagen, wie etwa der Rosenmontag, der nicht überall gefeiert wird, und wo doch, dort dann besonders überschwänglich, schließlich braucht man unerklärlicherweise an diesem Tag nicht zur Arbeit. Finde ich gut!
Ostern, Weihnachten und Pfingsten gehören inzwischen so fest zum Alltagskalender, dass auch hier viele die wahre Bedeutung irgendwo zwischen Kommerz und Fernsehkultur vermuten, die wenigsten kennen die religiöse Wahrheit und ich verrate an dieser Stelle auch nichts weiter. Für mich als Heiden sind die Anlässe für Feiertage wie Fronleichnam, Allerseelen oder Allerheiligen völlig unbekannt und auch relativ egal. Hauptsache ich habe frei. Ich vermute, mehr als 90% der Bevölkerung sehen das ähnlich. Am Buß- und Bettag sowie am Reformationstag geht’s leider zur Arbeit, was hilft es also bei letzterem zu wissen, was der Anlass zu diesem evangelischen Feiertag ist?
Der Muttertag ist (als Erbe des Dritten Reiches wohlgemerkt), wenn auch nur als Sonntag, allgemein zu Ehren der Mütter landesweit bekannt. Man macht der geliebten Mutter das Frühstück und anschließend holt der triste Alltag das harmonisch geheuchelte Familiengefüge ein. Der (immerhin „internationale“) Frauentag am 8. März findet nun allmählich auch in den alten Bundesländern Einzug, da die Blumenindustrie im „Tag der Frau“ durchaus Umsatzpotential vermutet. Über den Valentinstag möchte ich dabei gar nicht erst reden, hier hat die Industrie längst den Weg ins Gewissen eines jeden Mannes gefunden, welches grottenschlecht und verkommen ist, sollte er seine Liebste nicht mindestens mit einem Präsent im Werte von 20 Euro beglücken.
Machen wir nun einen kleinen Exkurs in Sachen Nationalfeiertag. Für mich als Kind des Ostens gab es mal den Tag der Republik, auch Republikgeburtstag genannt, doch diesen gibt’s wie die alte DDR nicht mehr. Wie sah es in Sachen Nationalfeiertag im kapitalistischen Westen aus? Der überwiegende Teil der Bevölkerung wusste leider nicht, wann ihr Heimatland gegründet wurde. Also feierte man den Tag des niedergeschlagenen Volksaufstandes des verhassten sozialistischen Nachbarlandes als Nationalfeiertag.
Glücklicherweise gab es inzwischen eine politische Wiedervereinigung, deren Termin und Name (Tag der Deutschen Einheit) nun als Nationaler Feiertag herhält und nicht etwa die friedliche Revolution, die diesem Ereignis vorangegangen war.
Der erste Mai ist, falls irgendwer das nicht weiß, der „Tag der Arbeit“ – und sollte dieser mal nicht am Wochenende stattfinden, dann ist der „Tag der Arbeit“ arbeitsfrei – macht das Sinn?
Nun zu den unerklärbaren, rätselhaften und kuriosen Feiertagen. Am 1. Juni findet weltweit der internationale Kindertag statt. Weltweit? Nein, nicht unbedingt in Deutschland. Offiziell findet der Tag des Kindes in hiesigen Landen erst am 20. September statt. Noch ist dieser Termin nicht bis in die Kalender der Spielzeughersteller vorgedrungen, was dazu führt, dass diese beiden Termine nahezu vergessen sind.
Einen ganz besonderen Stellenwert haben natürlich die freien Tage, welche direkt an ein intensiv gefeiertes Ereignis anschließen – also Ausnüchterungsfeiertage. Momentan fällt mir da allerdings nur Neujahr ein, es sein denn, man feiert am Oster- oder Pfingstsonntag besonders ausschweifend.
Dann gibt’s den Tag des Klopapiers - den man sicher nicht unter vierlagig feiert, den Tag der Jogginghose, den Tag der Ruhe, den Weltmilchtag, den Weltnichtrauchertag, langsam wird’s spannend, den Tag des Singles, den Tag des Bieres, es gibt den Tag der Umarmung, den Tag des Kusses, auch den Tag der Zahngesundheit, den Tag des Kondoms, den Tag des kaputten Kondoms (falsch, das war der Kindertag) und letztendlich den Tag der Familie.
Tage wie etwa Pioniergeburtstag, Tag der Befreiung oder der Tag der NVA sind inzwischen ersatzlos gestrichen worden, dies macht auch Sinn, es gibt heute weder Pioniere noch NVA, und was die Befreiung angeht, da scheinen heute auch andere Ansichten vorzuherrschen. Dennoch wären derartige Gedenktage durchaus sinnvoll. Denn gerade in diesen schweren Tagen würde sich ein „Tag des Bürgers in Uniform“ als Anerkennung und Huldigung unserer ruhmreichen Streitkräfte sehr empfehlen. He, noch ist Karneval, da darf man das wohl mal anmerken. In unserer nüchternen normalen Welt ist dies natürlich nicht möglich, weil viel zu teuer, zu altbacken und zu preussisch. Und gerade das geht natürlich nicht.
P.S.: Und irgendwann wird es den Tag der wiederhergestellten Internetverbindung geben, hoffe ich jedenfalls. Denn nach nun mehr als zwei Monaten ohne funktionierenden Zugang zur multimedialen Scheinwelt sehe ich mich bei zunehmenden Frühlingswetter fast dazu verdammt, meine Freizeit mit Gartenarbeit verschwenden zu müssen. Ach ja, biete „Tag der Gartenarbeit“ - suche „Tag des weltweiten Online-Wahns“.