Ode an den Frühling

Die Sonne scheint, die gewöhnungsbedürftigen Temperaturen halten sich endlich dauerhaft positiven Bereich der Celsius-Skala auf. Die Zahl an verwirrten planlos dahin surrenden Ungetier in Insektenform nimmt minütlich zu und sorgt nicht minder für unangenehmes Erschaudern unter den sich für unglaublich intelligent haltenden Bewohnern des Planeten. Deren Bekleidung wandelt sich ebenso von unglaublich bepelzt in „ich versuch es mal etwas knapper“. Und endlich gibt's für getragene Sonnenbrillen wieder einen Grund.

Das eben noch invasorisch wirkende satte Grün des Rasens bekommt erste bunte Tupfer, welche eine noch vielfältigere Farbverteilung für kommenden Wochen vermuten lässt. Allein die schnell zunehmende Anzahl der Gänseblümchen lässt vermuten, dass ausgedehnte weiße Gänseblümchen-Flächen auch in diesem Jahr große Mengen der Sonnenstrahlung ungenutzt zurück ins All reflektieren werden. Die Klimaerwärmung wird weiter auf sich warten lassen.

Den Nikotinsüchtigen ist die Freude am Rauchen wieder im Gesicht anzusehen, es wirkt in den Raucherinseln dieser Republik wieder freundlicher und unterhaltsamer. Keine grimmigen verkniffenen Gesichter mit Trotz im Blick, einer abgelutschten Kippe im Mundwinkel und einem bitter bösen Fluch übers Wetter auf den Lippen.

Die Autofahrer vertrauen wieder ihren eingestaubten Sommerreifen, die Kellner in den Straßenkneipen sammeln die dekadenten Hitzestrahler in ihren Biergärten ein. Denn was man auch tut, unaufhaltsam und bahnbrechend räumt der Winter seinen Platz, nichts hält ihn auf, unsere irdischen Gefilde im Sturm zu verlassen. Nehmen wir es als Tatsache, dass schon seit Tagen der Frühling seine gespenstischen Vorboten zurückgezogen und nun selbst in schadenfrohster Pracht auf den Plan getreten ist. Ab sofort zwängen sich Mensch, Tier und Pflanzte unter der Knute des allmächtigen Regimes des Frühlings. Die Zweige schlagen aus, die Knospen schießen um sich und die Pollen tun ihr Übriges…

Pah, und alles freut sich auf den Frühling, unvoreingenommen und losgelöst. Was ist das schon für eine lächerliche Jahreszeit? Nennt mir Superlative, nennt mir Rekorde, nein, da gibt es überhaupt nichts. Der Frühling beginnt schon mal damit, dass zu Frühlingsbeginn der Tag genauso lang ist wie die Nacht – ich finde das unglaublich aufregend! Aber sonst? Tut mir ehrlich leid – einer pessimistischen Seele wie mir gehen diese allerorts zur Schau getragenen Frühlingsgefühle schwer auf die Nerven.

Und dabei vergessen alle, dass das elende, überall herumkrabbelnde Viehzeug eine liegende Verweildauer auf dem Rasen zum Russisch-Roulette verkommen lässt. Okay, das gibt wenigsten ein wenig Spannung, ein wenig Kick… Aber die Chance, noch einmal sein Auto über spiegelglatt gefrorene Straßen zu lenken, gibt’s erst wieder im kommenden Herbst oder Winter. Ich freue mich auf den kalten unbeständigen November, dann neigt sich dieses Elend dem Ende zu und die selbe herzliche Kälte hält in der Natur Einzug, die ohnehin das ganze Jahr zwischen den Menschen herrscht.

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