Heute ist Montag, ein Tag an dem normalerweise beim Allgemeinmediziner die Hölle los ist, ein verlängertes Wochenende wirkt halt stets recht reizvoll. Hier beim HNO-Arzt ist es ein wenig anders, hier findet an jedem Wochentag der selbe Zirkus statt. Gesetzlich Versicherte winken mit ihren Überweisungen, privat Versicherte pochen auf den telefonisch abgesprochenen Termin und die hin und wieder völlig überlasteten Schwestern machen das unsinnige Theater komplett.
Letzte Woche hat ein neues Quartal begonnen. Patienten, die das Glück haben, nicht privat versichert zu sein, wissen genau was das finanziell bedeutet. Aber auch Überweisungen verlieren ihre Gültigkeit und wenn dann die Schwester an der Anmeldung einen schlechten Tag hat (wie heute), dann hilft kein Betteln und kein Flehen. Keine Chance unbürokratisch den Gehörgang durchgeblasen zu bekommen. Es sei denn, das Ständchen, welches einem gerade um die Ohren fliegt, heilt bereits den genügsamen Patienten. Die Schwester nutzt natürlich diesen für sie nahezu unerwarteten Steilpass, um ihren ganzen privaten Frust an den um Gnade winselnden Patienten auszulassen. Ja, gib's ihnen Baby. Wie können es diese gesetzlich versicherten Würmer sich erlauben, überhaupt krank zu werden?
Eine Frau K. Wird zum wiederholten mal aufgerufen, endlich in den Untersuchungsraum zu kommen. Hallooo Frau K.! Haben wir vielleicht etwas mit den Ohren? Sind wir hier etwa beim Ohrenarzt? Stille… Ach ja, wir sind hier beim Ohrenarzt. Und deshalb hat die nette Schwester inzwischen begonnen, rein visuell die Suche nach der vermissten Patientin anzugehen. Sie wird die Hilfsbedürftige nur Minuten später in irgendeiner Ecke irgendeines Warteraums in einem durchaus passablen Zustand die „Bunte“ lesend antreffen.
Aber das kann schon mal passieren, schließlich scheint Frau K. ihren achtzigsten oder neunzigsten Geburtstag schon vor sehr langer Zeit gefeiert zu haben. Nun, so stellt sich mir doch folgende Frage: Braucht ein solcher Oldie, ein Urgestein der menschlichen Evolution so zu sagen, überhaupt noch einen Ohrenarzt? Fehlt unserer göttlichen Kassenlandschaft am Ende vielleicht dadurch genau das Geld, welches eine süße sechzehnjährige Rotzgöre viel dringender bräuchte, um ihren schiefen Zinken gerade biegen zu lassen.
Die Anzahl schwerhöriger Kleinwüchsiger, auch Kinder genannt, nimmt zu und in der Spielecke steigt der Geräuschpegel. Schwestern stürzen aufgeregt über den Gang, wahrscheinlich soll dies eine besondere aber offensichtlich heuchlerische Geschäftstätigkeit vortäuschen. Die lieblos zusammengeklebte Osterdekoration allerorten soll das Harmoniebefinden der Patienten in den Himmel steigern. Mir wird fast schlecht beim Betrachten und überlege mir, wie es den Unglücklichen ergehen muss, die dieses Massaker aus Ostereiern, kleinen Plastik-Häs'chen und Papiergras jeden Tag aufs neue ertragen müssen.
Stapel unordentlich aufgeschichteten Altpapiers bestehend aus abgegriffenen Exemplaren diverser Presseerzeugnisse sorgen für den notwendigen Wartezimmerflair. Man fühlt sich nicht unbedingt heimisch, aber wer erst einmal in der Höhle des Löwen, also im Behandlungsraum selbst war, der wird diesen Vorhof der Hölle sehr zu schätzen wissen.Die Herrin des Empfangs bekämpft nach wie vor wenig erfolgreich brav anstehende Hilfsbedürftige. Auch andere Schwestern zeigen Gesicht und selbst diese könnte mal wieder freundlicher sein. Aber man ist ja krank und deshalb beim Arzt und all das soll ja keinen Spaß machen, wie schon mein seliger Schleifer bei der Bundeswehr viel zu oft erwähnte.
Ich glaube zwar nicht, das mein Name gleich durch den Raum schallen wird, aber dennoch komme ich nun langsam zum Schluss. Ich möchte noch ein wenig diese einzigartige Atmosphäre geniessen, die möglicherweise viel mehr zur Erholung dieser Genesungsunwilligen beiträgt als jegliche Medizin.
Bis denne…