Ich liege lang ausgestreckt inmitten einer grünen Wiese, deren letzte Bekanntschaft mit dem Rasenmäher mindestens schon eine Woche, möglicherweise aber deutlich länger her ist. Verschiedene vielfarbige Blümchen, aber überwiegend Gänseblümchen sorgen dafür, dass das Grün angenehm bunt gesprenkelt wirkt. Ich liege einfach nur so da. Habe die Augen geschlossen, lausche in die wohltuende Stille und sauge die frische Luft in großen Zügen auf. Ganz in der Nähe streiten sich zwei Spatzen um die ersten Früchte des nahenden Sommers. Na, wenn das nicht die Aufmerksamkeit eines irgendwo träge im Schatten liegenden Katers weckt.
Nicht weit weg höre ich etwas im Wasser planschen. Wahrscheinlich versucht der Kater Nachbars Goldfische zu fangen, um diese dann enthauptet auf der Wiese liegen zu lassen. Warum wegen einer solchen Kleinigkeit die Augen öffnen denke ich mir. Es liegt halt an den tierischen Trieben eines Katzenviehs, die Fische hin uns wieder an deren Position in der Nahrungskette zu erinnern. Vielleicht ist das aber auch einer dieser verrückten Fischreiher, die sich's, dem neu errichteten Elektrozaun zum Trotz, im Gartenteich gemütlich machen. Und während dessen die Kojs die langen Stelzen zum Slalomschwimmen missbrauchen, bedient sich der Reiher am breitgefächerten Goldfisch-Buffet.
Die beiden Angler am kleinen Teich sehen das natürlich nicht gern. Mit Angel, Klappstuhl und Thermoskanne bewaffnet schauen sie feindselig zum unbeeindruckten Reiher, der so eben einen weiteren rot geschuppten und heftig zappelnden Gefährten vor dem Ertrinken gerettet und dann direkt verspeist hat. Er schaut bereits nach dem nächsten Appetithappen und stakst durch kühle Nass. Im Schilf schlägt ein Frosch an, sein Quaken erinnert mich irgendwie an Bellen. Wahrscheinlich habe ich es mal wieder mit den Ohren. Ich blinzle in das dämmrige Sonnenlicht.
Der stahlblaue Himmel hat den Wolken heute frei gegeben und langweilt sich alleine da oben, während auch hier unten die gelebte Langeweile sich wohltuend auf Herz und Nerven auswirkt. Die drei Angler sitzen schön in Reih und Glied nebeneinander. Ihre Angeln glänzen im Sonnenlicht. Die Sehne hängt schlaff von der Angel ins Wasser, ebenso schlaff wie die Herren in ihren Campingklappstühlen. Irgendwie schauen alle Angler gleich aus, wie vom Band gefertigt. Etwa Opfer gentechnischer Experimente, oder eineiige Drillinge? Schwarze Armeestiefel, eine kurze Armeehose wohlbefestigt an bunten Hosenträgern und eine olive Weste, welche entfernt durchaus an eine Splitterschutzweste erinnert, sowie auf dem Kopf eine schmutziggrüne Schirmmütze.
Nur der vierte sieht etwas anders aus. Er trägt eine Sonnenbrille aus den Siebzigern und ein buntes T-Shirt mit Bob Marley-Bild. Seine Dreadlocks fallen ihm in die Stirn. Er sieht verwirrt und herzlichst ungepflegt aus. Auch hat er seine Angel noch nicht ausgeworfen und insgesamt erweckt er den Eindruck, dass er das auch nicht mehr tun wird. Vielmehr kramt er eine Selbstgedrehte aus einer Hosentasche und steckt sich das mickrige Ding nach kurzem Zögern an. Die gläsernden Augen taxieren die Wasseroberfläche und anschließend die restlichen Anwesenden der Anglergilde.
Die drei Sitzenden wickeln frustriert einige Frühstücksbrote aus und reichen sich die Thermoskanne herum. Etwas heißes Dampfendes zischt in die Becher, und einer der Herren lässt direkt den Becher zu Boden gleiten. War wohl zu heiß Dickerchen? Ungläubig schaut er dem davon rollenden Becher hinter her. Doch dann schiebt sich so etwas wie Erleichterung auf sein Gesicht. Er hat seine ausgewickelten Frühstücksbrote entdeckt und greift breit grinsend danach. Während er eines fest mit seiner Pranke umschließt fallen die übrigen Brote ebenfalls zu Boden.
Er beißt herzhaft in sein üppig belegtes Brot und erstarrt augenblicklich. Mehrere gut beleibte Herren nähern sich, nur in knappen Badehosen bekleidet, in eindeutiger Absicht sprintend dem von Schilf und Steinen umsäumten Becken, in welches etwa ein gutes Dutzend Angler ihre Angeln geworfen haben. Das Becken hat inzwischen kaum noch Ähnlichkeit mit dem kleinen Gartenteich, aber in einer schnelllebigen Zeit wie der unsrigen soll so etwas schon mal vorkommen. Warum aber habe ich das Gefühl, dass hier etwas nicht mit rechten Dingen zugeht?
Schon erreicht der erste, ein etwa 50jähriger glatzköpfiger Mann das recht große mit etwas Schilf bewachsene Becken, läuft über den dunkel gefliesten Beckenrand und springt prustend hinein. Mehr als ein Bauchklatscher wird nicht draus, das niedrige Schilf verschluckt das Geräusch fast, so dass ich nur ein leises Plumpsen vernehme. Auch ein zweiter quer über Bauch und Rücken tätowierter Mann, ähnlich knapp auf dem Kopf wie um den Leib bedeckt, nähert sich in erschrekend schnellem Tempo dem Wasser und lässt sich hinein fallen. Diesmal kein Bauchklatscher, er ist wie eine Wasserbombe ins empörte Nass gestürzt. Tief geschockt oder einfach alles tolerierend sitzen etwa zwanzig Angler stumm und steif auf ihren wackeligen Klapphockern und starren auf den Wald von großen und kleinen Angeln, welche von Dutzenden bunten Libellen umschwirrt werden. Ich denk so bei mir 'he ist denn schon Plattfisch-Saison'?
Ein dritter dicker Öko-Aktivist stürmt an mir vorbei zum vom Chlorwasser blau schimmernden Becken hin. Dieser hatte keine Badehose an, sein schwer vornüber hängender Bauch bedeckte das wenige, ohnehin kaum Bedeckenswerte. Angewidert drehe ich mich weg. Sein massiger Körper durchschlägt der Wasseroberfläche mit so viel Energie, dass einige Wasserstoff- und Sauerstoff-Atome getrennt fortan eigene Wege gehen. Das Wasser spritzt hoch und schon nach kurzer Zeit war der größte Teil des Wassers aus dem Schwimmbecken auf Wanderschaft. Starkbehaarte Rücken wälzen sich durch das stetig abnehmende kühle Nass, war das eben eine Rückenflosse? Und da, eine Wasserfontäne hebt sich gen Himmel. Die Tropfen erzeugen für kurze Zeit einen Regenbogen, ein Reiher fliegt vorbei.b Die drei geniessen ihr Bad in vollen Zügen, prusten Laut vor Anstrengung und vollziehen eine Walfisch-Orgie, der nur in Freiheit aufgewachsene Blauwale etwas Anziehendes abgewinnen könnten. Und das nur bei Mondschein und ganz kaltem Wasser.
Eine junge Dame stürmt wutentbrannt vom Schwimmbecken in meine Richtung. Blondes Haar, blauer Badeanzug und eine gelbe Schwimmbrille - fehlen nur noch Schnorchel und Badehandtuch für den idealen Badeausflug, denke ich so für mich. Man sieht ihr ziemlich deutlich an, dass sie sich ihr Badevergnügen etwas anders vorgestellt hatte. Aber so ist das wohl manchmal im Leben, mal verliert man und mal gewinnen die Anderen. Sie fuchtelt mit den Armen und schimpft irgendetwas von toten Fischen im Erdbeerbeet, einem umgekippten Rasenmäher im Gras und davon, das das Mittagessen gleich fertig ist. Sie läuft um mich herum und tritt mir dabei ungeschickt (wirklich?) auf eine Hand.
Kurze Panik - wo bin ich? Dann habe ich mich wieder in der Gewalt und öffne die Augen. Grelles Licht blendet mich. Keine Spur von Walhaien, der Fischerei-Industrie oder irgendwelchen überfüllten Schwimmbädern. Nur mein Nachbar werkelt an seinem kleinen Gartenteich und flucht über irgendeinen verdammten Kater. Über mich beugt sich meine Tochter und schenkt mir ihren strafendsten Blick. Die Gute weiß gar nicht, wie angenehm einige Augenblicke der Ruhe sein können. Also hoch auf die Beine - es wird höchste Zeit den Rasen auf eine Höhe zu kürzen, welche das versehentliche „auf die Hand“-Treten eigentlich unmöglich macht. Und dann werde ich mal nach meiner Angel schauen.