Tatort Gruppenleiter inmitten eines rheinischen Kletterwaldes. Meine kleine zehnköpfige Gruppe versucht sich an diesem Hindernis. Bislang sorgte ich in erster Linie für die Sicherung der wenigen Verrückten, welche sich am Hochklettern versuchten. Aber nun reichts.Genug gesichert! Jetzt bin ich an der Reihe meine Leidensfähigkeit zu präsentieren. Vor mir ein unspektakuläres Bauwerk aus waagerechten Baumstämmen, welche an Stahlseilen in Abständen von mehr als einem Meter angebracht sind und das Gebilde in seiner Gesamtheit einer überdimensionalen Leiter ähnelt. Von ganz oben verhöhnte ein aufgehängtes und gerupftes Fressnapf-Moorhuhn die kümmerlichen Figuren am Waldboden.Respektvoll gedenke ich den Paaren vor mir, welche diese Strapaze kämpferisch bezwungen und das Moorhuhn den Bauch quetschend zum Fiepen gebracht haben. Und da irgendwann meldete sich der kleine Junge in mir und meinte „Japp, dat will ich och!“ Schnell noch den beiden Herrenweh leidig gedenkend, die eben auf halbem Weg nach oben ihrer fehlenden Fitness den gebührenden Respekt zollten und schließlich aufgaben. Nun aber starren mich erwartungsvoll zehn Augenpaare an und langsam wird mir klar, dass ich nun tatsächlich da rauf muss. Naja, so schwer sieht es schon nicht aus, kurz in die Hände spucken und hoch!
Mein Partner ist für mich Motivation pur, da weiblich. Versagen ist also in jedweder Form keine Alternative. Dass die Dame einen Kopf größer war, spielte natürlich keine Rolle und sollte letztendlich meine Rettung bedeuten.
Also ran an den (eigenen) Speck. Die erste Sprosse wird im Sturm genommen. Rauf und fertig! Die zweite Sprosse ist in Griffnähe, die Schlinge, welche uns das Ersteigen erleichtern soll, ebenfalls. Spontan biete ich der Dame (mit dem Namen Ulrike auf dem Helm) meine Hand, doch noch bevor ich mich versehe, hat auch sie die erste Etappe hinter sich gebracht.
Das Nutzen der stählernden Halteseile an den jeweiligen Enden jeder Sprosse ist untersagt, wobei für die schwerfälligen Erwachsenen ein Auge zugedrückt wird. Was? Schwerfällig? Ich? Ich beschließe fortan diese Möglichkeit zu ignorieren. Sprosse zwei wird erklommen. Die Luft ist für einen Moment weg, verdammt, ein Kaffee wäre nicht schlecht. Meine Partnerin schaut bereits zur nächsten Sprosse. Langsam Mädel, ich bin Bürotäter. Ich schau nach unten, wie weit waren die beiden Herren von eben gekommen. Eine noch, okay, die schaffe ich auch noch. Irgendwie…
Ich taste nach oben. Nichts da, der etwa zehn Zentimeter breite Stamm scheint unerreichbar. Ich werfe die Schlinge herum und Bondgirl Ulrike neben mir zieht die Schlaufe zu. Okay, ich greife zu. Soll ich wirklich? Klar doch. Und rauf jetzt. Verdammt, einfach ist was anderes.
Sprosse drei ist geschafft. Noch zwei. Wirklich? Nein, unmöglich. Die Luft ist raus, die Lust ist weg. Ich will runter! Verdammter Bürojob, ich wusste, dass meine Fitness nicht die Beste ist, aber für so schlecht hatte ich sie nicht gehalten.
Der Drill-Meister ruft irgendetwas hoch, es klingt wie „das Schlimmste hast Du geschafft“. Ich sitze auf dem Balken, schaue nach oben und sehe irgendwo da oben den nächsten Balken. Nein, das Schlimmste wartet noch da oben. Brauch ich das nun wirklich? Ach komm, es reicht eigentlich, ich hab es probiert und bin doch wirklich weit gekommen. Ach was, jämmerlich! Wo ist der Knoten am Ende der Schlinge? Hab ihn. Und nun ziehen. Kräftiger und mit Schwung das Bein über den Balken werfen. Hoch, rauf, rüber!
Boah, geschafft! Hauptsache, mein Magen behält das Frühstück bei sich, sonst gibt es unten eine gehörige Schweinerei. Luft holen und schnell ein paar dumme Sprüche über die fehlende Fitness loswerden. Das lenkt hoffentlich ab, erst mal sammeln und dann die Ziele korrigieren.
Bis hierher reicht es nun vollkommen. Hab allen gezeigt, dass der Wille da war. Ich registriere, dass Ulrike viel sportlicher die Geschichte angeht und bereits die Schlaufe an der obersten Sprosse befestigt hat. Respekt! Mag sie die letzte Stufe allein überwinden und dann verdient da oben jubeln. Ich gönne es ihr. Bin platt, keine Kraft mehr in den Armen. Verdammt noch mal, he, bin ich Tarzan?
Da oben, in drei Metern grinst mich dieses dämliche Plastik-Huhn an. Das nervt. Der Wusch hängt wie ein nasser Sack auf der vorletzten Sprosse der Gruppenleiter. Sicher ein wenig attraktiver Anblick, hoffentlich sitze ich hoch genug, damit nicht jeder mein Elend bemerkt. Warum lassen die mich hier nicht runter? Ulrike erreicht gerade die oberste Etage und schaut irgendwie mitleidig zu mir herab. Darf sie das? Hallo, so nicht, werte Dame!
Los Wusch, beweg Deinen Hintern und greif endlich nach diesem merkwürdigen Strick. Und hepp… Verdammt ist der weit weg. Bin ich etwa so klein? Noch einmal, ah, die Finger erreichen den Knoten und greifen zu. Und nun ziehen, den Hintern hoch bewegen, ein Bein über den Stamm und dann hochdrücken. Würg, schnauf, krächts… geschafft! Und gar nicht erst sitzend abwarten, gleich weiter, am herabhängenden Tau hochziehen, bis ich aufgerichtet auf der obersten Sprosse neben der wartenden Ulrike zum Stehen komme.
Nein, ist das möglich? Ich bin ganz oben. Verschmitzt schiele ich hinauf zum Hühnchen. So, und nun zu Dir, du Plastik-Broiler! Quietsch ruhig, hier oben kommt Dir niemand zur Hilfe! Yeah, ich genieße die Höhenluft. Herrlich!
Und nun wieder runter! Aber das geht viel einfacher, schneller, bequemer… Ich lasse mich in die Sicherungsgurte fallen und langsam schwebe ich dem Erdboden entgegen. Da wo meine Mädels warten und hoffentlich ihren Helden gebührend feiern. Wow, Leute, das gibt 'nen Muskelkater – garantiert!