Im Wald und auf der Heidi

Um dem stressigen Alltag für ein paar Momente zu entfliehen, entschloss ich mich spontan spazieren zu gehen. Mir steht der Sinn nach einem Streifzug durch die luftigen Höhen weit oberhalb des Rheinufers. Weit weg von Hektik und Straßenlärm, nur die holde Natur, ich und mein Ego. Ich schnappe meinen MP3-Player, lege ihn aber wieder zurück. Ich will die Natur von seiner einzig Wahren Seite und nicht durch kommerzielle Beats verfälscht genießen. Also auf in die friedliche Harmonie gelangweilter Flora und Fauna.

Ich setze meine Füße wagemutig in die von Laub und Unrat übersäte Spur eines von der Natur zurückeroberten Weges. Verzweifeltes Kreischen der von mir zertretenden Insekten kann mich in meinem Drang nach innerem Frieden kaum beeindrucken. Es ist der Lauf der Dinge und mein rücksichtsloses Wandeln, welcher dem Kleinvieh Panzer und Gliedmaßen zermalmt. Ein grausames Schicksal, zugegeben. Es ist einfach nicht der Tag dieser unglücklichen kleinen Biester.

Irgendwo in der Nähe lärmt ein Specht hämmernde Löcher in den Stamm des Alterspräsidenten unter den Buchen dieses Waldes. Ein paar gestresste Piepmätze flüchten durchs Unterholz. Sie zu verfolgen würde beim hoffnungslosen Kampf gegen die allgegenwärtigen Brombeersträucher schmerzhafte Konsequenzen nach sich ziehen. Abgesehen von den vom Donnengestrüp verursachten Wunden erscheint mir ein solches Unterfangen eh viel zu stressig.

Ich nähere mich einer Lichtung, welche entfernt einer idyllischen herbstlichen Alm gleicht. Gar nicht mal so klein das gute Stück. Ich sehe Rindvieh on mass und einige Bauern, welche in Eile einen überstürzten Almabtrieb organisieren. Was ist hier los? Warum holen die Bauern in wilder Panik ihre Rinder von der Weide? Etwa wegen mir? Rein aus Angst vor ansteckenden Wahnsinn? Hallo, ich bin harmlos! Ich beiße auch ganz bestimmt nicht. Menno, das ist Mobbing! Mobbing auf ganz hohem Niveau. Kein Ahnung, wie ich damit umgehen soll. Angst und Schrecken auf der Rindfleischweide - Raoul Duke hätte seinen Spaß gehabt. Ich nicht! Seit Wochen meide ich Alkohol und fettes Essen. Grünzeugs morgens, mittags und abends, gut verdünnt mit Wasser. Auf das die Kilos in Massen purzeln. Warum also an einer Kuh herumnagen? Ich werde aus dieser Welt nicht klug!

Nun wäre es wohl am besten wieder umzu kehren. Heim in die trostlose Kaserne, zurück in die deprimierende Wirklichkeit unerfüllter Träume und der viel zu träge nahenden Tatsache, dass hier bald alles ausgestanden ist. Ich wende mich von der Kuhfladen-verseuchten Wiese ab und trabe motiviert zurück. Der Wind hat sich gedreht und die Rückkehr ins kalorienreiche Leben steht kurz bevor. Ich kann es kaum erwarten.

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