Schlaflos im Spiegel

Nachts. Ich wache auf, weil sich auf Grund einer hartnäckigen Erkältung die Atemwege meiner Frau störend laut bemerkbar machen. Ich würde natürlich nie behaupten, dass sie schnarcht. Die darauf folgenden Diskussionen sind einfach unnötig. Ein Fakt bleibt jedoch ein Fakt - ob man ihm nun wahrhaben möchte oder nicht.

Ich drehe mich zu ihr um und rüttle sie an der Schulter. Nur leicht, ich will ihren kostbaren Schlaf nicht mehr stören als nötig. Sie fährt dennoch ganz plötzlich hoch und beißt kraftvoll in meine Hand. Herrjeh! Das Blut spritz wie wild und während ich staunend bemerke, dass ich keinerlei Schmerz verspüre, wache ich ein zweites mal auf. Und diesmal wirklich.

Meine Frau schnarcht immer noch, also hab ich das nicht nur geträumt. Hat mich das Schnarchen geweckt? Oder vielleicht die Tatsache, dass ich wohl schon eine geraume Zeitlang ungünstig auf dem linken Arm gelegen hatte und dieser sich aufgrund des erzwungenen Blutmangels wie abgestorben anfühlt. Nun ist der arme arme Arm erst einmal aus dieser Misere befreit und genießt die neu gewonnene Freiheit. Das Blut strömt mit Macht in diesen Körperteil zurück und verdrängt mit einem unangenehmen Kribbeln die Taubheit.

Ich stemme mich hoch und schaue aus dem Fenster. Auf dem mit Sternen übersäten Himmel zeichnen sich bereits die ersten Zeichen des sich nähernden Morgen ab. Die Scheiben des Autos werden gefroren sein, aber das ist angesichts des Datums auch durchaus in Ordnung. Wir haben Ende Oktober und sollte ich mir nachher mit dem Eisschaber in der Hand den Hintern abfrieren, dann halt mit dem Gefühl, es längst vorhergesagt zu haben.

Da ich nun schon einmal wach bin Im Bad dann der nächste und vielleicht übelste Schock dieser frühen Stunde. Im Badezimmerspiegel schaut mir ein griesgrämiger alter Mann entgegen. Erschreckend! So also sehe ich zu dieser nächtlichen Stunde aus. Ich will es kaum wahrhaben, aber so ein Spiegel lügt nicht. Hat er jedenfalls bislang noch nie getan. Mit den Augenringen komme ich schon irgendwie klar, aber diese drei tiefen Furchen zwischen den Augenbrauen machen mir Angst. Wer ist dieser grimmige Fremde? Wie konnte es nur soweit kommen? Erst die unumgänglichen grauen Haare, jetzt das unbeschreibliche Grauen im Spiegel. Damit kann ich unmöglich durchkommen.

Besser ich hau mich noch ein paar Momente aufs Ohr und träume von vereisten Frontscheiben und bissigen Schnarchnasen. Der viel zu frühe Morgen kommt bestimmt und mein treuer Wecker wird es ganz sicher nicht versäumen, mich lautstark darauf aufmerksam zu machen.

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