Schwerstversichert

Ein Versicherungsvertreter stattete mir neulich einen Besuch ab. Ein selten gewordener Augenblick. Er käme sicher öfter, wenn ich ihn hin und wieder mit ein paar Abschlüssen beglücken würde. Aber immerhin nimmt er sich einmal im Jahr ein paar Minuten, um sich auch seiner enorm sparsamen Kundschaft zu präsentieren. Um deren Sorgen und Nöte kennenzulernen und natürlich bei der Gelegenheit vielleicht doch ein paar Abschlüsse zu tätigen.

Er kündigte sich langfristig telefonisch an und somit konnte ich mich schon ein paar Tage auf seinen Besuch vorbereiten. Ich war halbwegs ausgeschlafen und selbst auf die schwierigsten Verhörmethoden vorbereitet. Mein eingestaubter Versicherungsordner stand griffbereit und in einer versteckten Ecke warteten eine Vielzahl an Macheten und Schrottflinten auf ihren Einsatz. Nicht dass diese Gerätschaften wirklich notwendig waren, aber bei einem angekündigten Vertreterbesuch ist man besser gut vorbereitet. Zudem neige ich bei gewissen Fragen hin und wieder dazu extrem zu werden.

Der Herr erschient selbstverständlich überpünktlich. Meine erste Methode, ihm mit unserem Hund einen gewaltigen Schrecken einzujagen, scheitert an der Tatsache, dass der Mann ein absoluter Hundeliebhaber ist. Okay, das bringt ihm bei unserem Hund ein paar Sympathiepunkte. Ich bleibe skeptisch und bewahre eine gesunde Distanz. Auch biete ich ihm weder ein Glas Leitungswassser oder gar einen Kaffee ein. Der Herr soll schließlich frühzeitig erkennen, dass er sich auf feindlichem Territorium befindet!

Das Gespräch beginnt mit belanglosen Banalitäten. Beiläufig öffnet er seinen Aktenkoffer, wühlt darin herum und entnimmt ihm einen Schnellhefter, auf welchem mein Name prangt. Aha, man führt also eine Akte über mich. „Wie geht’s denn so?“ fragt er nebenher, während er nach irgend etwas sucht. Ich antworte: „Total schlecht!“ – „Das freut mich für Sie!“ antwortet er geistesabwesend und dann hellt sich seine Miene auf. Er hat gefunden, wonach er suchte. Ich weiß allerdings nicht, worum es sich handelt und genau das macht mir Angst.

„Herr Wusch, ich würde sehr gern ein paar Daten überprüfen. Es kann ja sein, dass sich hier und da etwas geändert hat.“ - „Okay, legen Sie los. Ich habe keine Geheimnisse!“ Hoch motiviert fährt er fort: „Alles klar, gut, alsooo… Name, Vorname, ja, das schenken wir uns. Hat sich die Anschrift geändert?“ Ich blicke ihn verdutzt an: „Wie haben Sie eigentlich hier her gefunden?“ – „Ehhh, ja, ist also gleich geblieben…“

Er fährt fort: „Familienstand? Verheiratet? Ehm, vielleicht geschieden?“ – „Nein, immer noch glücklich verheiratet!“ Ich schiele zu den Waffen. Hier ist Vorsicht geboten. Er läutet nichts ahnend die nächste Runde ein: „Wie stets mit dem Geburtstag und Geburtsort?“ – „Gut dass Sie mich fragen, hier hat sich einiges total geändert!“ – „Was? Echt?“ Er schaut erstaunt auf und blickt in ein blöde grinsendes Gesicht. Dann begreift auch er und klappt den Hefter zu. „Okay, schon klar, blöde Fragerei. Sie müssen verstehen, ich mache halt nur meinen Job. Dann können wir das hier abschließen.“ Wow, das war knapp!

Er zieht eine weitere Mappe heraus. „Wie schaut es denn mit Ihrem Versicherungsschutz aus?“ – „Nun…“, ich überlege kurz, denn das ständige Alarmläuten im Schädel lenkt mich allmählich ab. „Stimmt mit meinem Versicherungsschutz irgendetwas nicht?“ – „Doch doch, aber ist dieser noch zeitgemäß? Stimmen die Daten noch? Und was noch wichtiger ist – gibt es vielleicht Lücken? Sie wissen doch, Herr Wusch, da gibt’s immer wieder mal Ereignisse, die Ihnen wegen fehlender Schadensabdeckung sehr teuer zu stehen kommen können?“ Aha, so beginnt es also. Vorsichtig erwidere ich „Wie meinen Sie das?“ „Nun, bei der Durchsicht der Akten bin ich darauf gestoßen, dass Ihr Haus zum Beispiel nicht gegen einen Tsunami und Vulkanausbruch abgesichert ist. Was ist, wenn Ihnen in der Nacht ein Meteorit aufs Haus fällt? Ebenfalls fehlt in Ihrer Krankenversicherung der Passus über eine Zahnspange zur Korrektur von Kieferdefekten.“ Ich denke mir 'Junge, mach so weiter und ein Kieferdefekt ist so unwahrscheinlich nicht mehr!'

Aber er fährt wie aufgezogen fort: „Ihr Hund ist auch wieder etwas gewachsen.“ Mein Hund wedelt erfreut mit dem Schwanz, nicht ahnend, dass sein Versicherungsschutz gerade arg in Frage gestellt wird. „Ich denke, er könnte inzwischen in die Kategorie ‚große Hunde’ fallen und benötigt damit eine andere Versicherung. Aber Sie haben Glück! Ich habe vorsorglich etwas vorbereitet.“

Ich ignoriere das Blatt Papier in seiner Hand und wage die alles entscheidende Gegenfrage: “Sagen Sie, Ihr Job birgt doch so einige Gefahren in sich. Wie versichert man sich dagegen? Ich meine, ehm, Krankenversicherung, Unfallversicherung, Sie wissen schon, Zahnersatz, plastische Chirurgie oder so…?“ Verwirrt blickt er auf. Das Blatt in seiner Hand zittert unmerklich. Wut über mein ungebührliches respektloses Benehmen? Angst vor meinem Hund, welcher gespannt die elektrisierende Atmosphäre beobachtet und bereit ist, beim leisesten Anzeichen von Angstschweiß und Achselnässe seinen natürlichen Instinkten zu folgen? Oder einfach nur ein unerwartet starker Anflug von Verwirrung? Ups, was bin ich doch für ein verdammt unhöflicher Gastgeber! Grinsend versuche ich die Situation zu entschärfen: „Das habe ich mir doch fast gedacht. Ich kann Ihnen versichern, weder mein Hund noch ich brauchen irgendwelche neue Versicherungen. Ihre Sorge um unser Gemeinwohl ist völlig überflüssig. Aber ich bin Ihnen durchaus sehr Dankbar für Ihre fürsorgliche Haltung“

Er versucht die aufkommende Harmonie zu nutzen: „So dürfen Sie das nun auch nicht sehen. Herr Wusch, die Welt ist unberechenbarer geworden. Wie schnell passt man nicht auf und schon ist ein Schaden da!“ Lächelnd erwidere ich: „Eben! Und deshalb passe ich gerade in diesem Moment ganz besonders auf!“ Mutlos und verwirrt gibt er auf. So, nun muss ich ihn noch loswerden. Wenn ich nur wüsste wie? Hab ich da nicht noch einen wichtigen Termin? Muss ich vielleicht noch ein paar Videokassetten zurückgeben? Unbehagliches Schweigen breitet sich im Raum aus. Wer wird es wagen und diese Ruhe stören?

Sein Handy klingelt. Hektisch tastet er danach und findet es schließlich in seiner Jackentasche. „Hallo?… Hallo?… Mist, weg!“ – „Kein Empfang, nicht wahr? Verwundert mich nicht im Geringsten. Gibt's vielleicht eine Versicherung für eine 100%-ige Netzabdeckung aller Mobilfunkanbieter?“ – Er grinst mich an: „Darf ich kurz bei Ihnen telefonieren?“ – „Nein! Auf gar keinen Fall! Das ist ein unversicherbares Privattelefon!“ Soweit kommt es noch. Der Vogel soll seine Geschäfte woanders abwickeln, aber nicht hier und schon gar nicht auf meine Kosten. Wo kommen wir denn hin? Genervt (oder enttäuscht, wer weiß das schon) schaut er auf. „Okay, Herr Wusch. Ich muss dann mal weiter. Es hat mich sehr gefreut! Ich schaue im kommenden Jahr wieder vorbei.“ Ganz klar eine Drohung! „Tun Sie was Sie nicht lassen können!“ Ich versuche lässig zu klingen und halte ihm die Tür auf. Er geht. Ich versichere mich, dass er auch tatsächlich in seinen fetten mit Provisionen finanzierten Wagen steigt und davonfährt. Ja, dies scheint die einzige Versicherung zu sein, an der mir heute viel gelegen ist…

<<< Zurück | Weiter >>>