Der Meister der guten Vorsätze

Der Wecker nervt. Ich wache auf. BAMM! Jetzt nervt er nicht mehr. Verdammt, schon wieder so spät! Ändern sich die unangenehmsten Dinge des Tages nie? Alles in mir sehnt sich danach, sich der Trägheit vergangener Tage hinzugeben und noch ein paar Minuten liegen zu bleiben. Ein wenig Einzudösen. Zu verschlafen.

Nein! Heute nicht! Es ist an der Zeit ein paar großartige Änderungen im langweiligen Lauf ganz alltäglicher Dinge zu zulassen. Ich atme tief ein und betanke die wenigen bereits wachen Gehirnzellen mit ausnahmslos positiven Gedanken. Das Jammern muss endlich ein Ende haben und dazu ist eine absolut positive Einstellung in maximaler Dosis notwendig. Verdammte Phrasendrescherei!

Ich erreiche schlaftrunken das Bad und ein lang anhaltendes Gähnen stellt alle guten Vorsätze schwer in Frage. Ein Rückfall droht. Bestürzt registriere ich, dass ich zu diesem frühen Zeitpunkt nicht mit ernsthaftem Widerstand gerechnet habe. Ein paar konsequente Aktionen sollten trotzdem genügen, um auf Kurs zu bleiben. Ich schau mich um. Welche Möglichkeiten bietet Waschbecken eines abendländischen Durchschnittsbades? Ich sollte meine Ohren mit der verdammten elektrischen Zahnbürste bearbeiten. Und dann Wattestäbchen bis zum Anschlag in die Nase bohren und ordentlich schnauben. Bamm, das war jetzt ziemlich ekelhaft – aber nun stimmt die eingeschlagene Richtung wieder.

Ein paar Dutzend Momente später (ich war versucht sie zu zählen, doch leider wurde ich ständig abgelenkt) betrete ich den Ort meines täglichen Martyriums. Zuviel Beton, gleichmäßig verteilt in Wänden und Köpfen. Die Kollegen gehen vorsichtiger weise auf Distanz, sind sie doch eine solch positive Stimmung von mir und zudem zu dieser morgendlichen Uhrzeit nicht gewohnt. Ich kann es ihnen nicht verdenken. Der Wahnsinn grassiert auf den Gängen und ein halbwegs normales Auftreten stempelt einen direkt als Einzelgänger ab.

Wie oft betrat ich mein verdammtes Büro mit der traurigen Gewissheit viel lieber ganz weit weg zu sein. Aber nicht heute! Erstaunt stelle ich fest, wie einfach das Betätigen des Lichtschalters sein kann, wenn man dies mit einer gehörigen Portion Zweckoptimismus angeht. Der Raum erstrahlt gleich in einem ganz anderen Licht. Zufrieden platziere ich meinen Körper hinter den Schreibtisch und genieße für ein paar Sekunden die friedliche Ruhe des Augenblicks.

Das Telefon klingelt. Ein kleiner Rückschlag in meinem Kampf um die ideale Harmonie am Arbeitsplatz. Ich hole tief Luft, verbanne alle pessimistischen Gedanken aus den Gehirnwindungen und verspüre sofort einen markanten Anstieg des Endorphinspiegels. Ich hebe ab und verwirre den Anrufer augenblicklich mit einem herzhaft kräftigen „Guten Morgen!“ Das wirkt. Der eingeschüchterte Anrufer hält sein Problem sofort für nicht mehr so wichtig und verspricht ein Handbuch zu Rate zu ziehen. „Eine vorzügliche Idee“ versichere ich ihm und lege zufrieden auf. Bleibt mehr Zeit für die obligatorische Dosis Koffein.

Der Chef betritt das Büro. Meine gute Laune begeistert ihn sofort. Er verlässt schnellen Schrittes das Büro und kehrt kurz darauf mit einem dicken Stapel Akten unter dem Arm zurück. Diesen knallt er mir lächelnd auf den Schreibtisch und meint, dass er einfach nicht wusste, wem er dieses Bündel aufdrücken sollte. Bei meiner prächtigen Stimmung wähnt er sich hier an der richtigen Stelle.

Ein Volltreffer in die Eingeweide allgemeinen Positivdenkens! Erste nachdenkliche Schützengräben zerfurchen meine bislang furchtlose Stirn. Negative Vibrationen liegen in der Luft. Ein Zittern geht durch den aufgeschichteten Aktenberg und eine Staublawine stürzt sich lärmend von den obersten Akten ins Tal hinab. Ich bekomme allein vom Echo eine Gänsehaut. Oh du grausames Schicksal!

Das Telefon lärmt erneut. Die negativen Ereignisse drohen sich zu überschlagen. Das Display verrät mir eine weitere unsäglich deprimierende Wahrheit. Ich mag die Nummer nicht, ich mag den zugehörigen Typen nicht und seine Art Probleme vorzutragen mag ich schon gar nicht. Wenn ich da rangehe wird mein Kaffee definitiv kalt! Widerstand keimt in mir auf. So geht das nicht. Ich bin doch keine Telefonfürsorge. Aber mein Chef steht noch immer in der Tür und schaut überaus neugierig meinem Tun zu. Nichts Gutes ahnend nehme ich also den Hörer ab.

Sofort ergießt sich ein endloser Redeschwall durch die Ohrmuschel und spült letzte positive Aspekte eines hoffnungslos verdorbenen Vormittags hinweg. Mir fröstelt. Eigenartige Dinge ereignen sich hier. Deprimiert knalle ich den Hörer auf die Gabel. Ich gebe auf. Jede Form positiven Denkens ist hier verloren. Unendliche Abgründe tun sich auf. Frustriert bearbeite ich die Tastatur. Grönemeyer lärmt im gleichen Takt aus dem Büroradio und endlich wache ich durchgeschwitzt auf. Puh, nochmal Glück gehabt! Ich schleppe mich müde und schlecht gelaunt ins Bad und übe vor dem Spiegel die grimmigste Miene ever…

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