Ein neuer Tag nimmt seinen Lauf und dieser wird verflucht zäh, soviel ist klar. Träge verinnen die Minuten und Sekunden. Ein Blick auf die Uhr bringt mir die banale Information, dass es kurz vor neun Uhr ist. Genau genommen ist es 8:49 Uhr. Erst! Die Schulung schleppt sich so dahin, und irgendwie liegt der Beginn dieses Schulungstages bereits Stunden zurück. Viele lange und ereignisarme Stunden. Und nicht erst knapp 50 Minuten.
Dabei müsste dieser Tag eigentlich eine völlig andere Gangart vorlegen. Mit Elan betrat ich heute morgen den Seminarraum, bewegte meinen Hintern mit viel Schwung auf den Drehsessel hinter dem Schulungsrechner und harrte der Dinge die da kommen. Doch dann folgte ein theoretischer Rundumschlag, der Genuss einer Valium kommt mir dagegen Adrenalinfördernd vor.
9:00 Uhr - endlich Pause. Himmel, wie habe ich diese herbeigesehnt. Alles bereitmachen zum finalen Sturm auf den heilige Kaffeeautomaten! Anschließend gehts mit dem heißen Plastebecher in der Hand hinaus in die eisige Kälte dieses Septembermorgens - mit dem Ergebnis des Erweckens sämtlicher, in der vergangenen Stunde entschwundener Lebensgeister. Doch kaum ist man wieder halbwegs wach, ist auch schon diese Pause vorbei. Wie kann das sein? Zeit ist nicht relativ, nein, relativ ist etwas ganz anderes…
9:28 Uhr. Das Grauen geht weiter. Die Pause liegt gefühlte Stunden zurück und eine unangenehme Müdigkeit schleicht sich hinterrücks heran. Oh je, das wird noch ein weiter Weg bis zum Feierabend. Sinnlos sich darüber Gedanken zu machen, was danach geschehen möge. Dieser Zeitpunkt liegt noch so unerreichbar fern in der Zukunft. Vermutlich werden wir ihn nie erreichen. Es ist grausam!
9:33 Uhr. Traurig vermeldet das Ziffernblatt meiner Armbanduhr diese Uhrzeit. Das vom Dozenten vermittelte Thema ist weiterhin so interessant wie das Schicksal der vereinsamten Kastanien draussen auf dem Hof. Vielleicht sollte ich eine Selbsthilfegruppe bilden mit dem Thema „Das NTFS-Verhalten gemeiner Kastanien während besonders langweiliger Lehrgangsvormittage“. Der unendliche Monolog des Dozenten lässt mich sehnsüchtig an die wohltuende Stille in meiner Unterkunft denken. Wie gern wäre ich jetzt dort.
9:36 Uhr. Die allgemeine Trägheit nimmt zu. Selbst auf dem Hof tut sich nichts. Die Zweige der Kastanie verharren in stiller Eintracht, niemand überquert eiligen Schrittes die betonierte Fläche und nirgendwo gibts eine Spur von irgendwelchem Getier. Ist das denn möglich? Wirre Gedanken diverser Hirngespinste von Science Fiction-Autoren befallen mich. Bin ich etwa in einer gemeinen Zeitfalle gefangen? Gibt es die Zeit überhaupt noch? Oder wurde sie durch eine übel riechende rosarote Masse ersetzt, welche sich nicht um Kastanien, NTFS und DV-Schulungen schert?
9:35 Uhr. Verwundert schaue ich auf die vom Computerbildschirm präsentierte Uhrzeit. Ich hatte es ja schon geahnt. Doch die traurige Gewissheit ist niederschmetternd. Verdammt! Nun läuft die Zeit tatsächlich rückwärts. Klar doch, das ist wahrscheinlich ebenfalls relativ zu sehen - nun, Einstein kann mich mal! Ein Blick auf die Armbanduhr belehrt mich jedoch eines besseren, nämlich, dass diese ein paar Minuten Vorsprung gegenüber der Computeruhr herausgelaufen hat. Nun, welche Uhr geht eigentlich richtig? Patzig akzeptiere ich die Tatsache, dass ganz offensichtlich der Rechner Recht hat. Soll er doch!
Und ganz langsam entwickelt sich ein Gedanke, eine Idee für die weitere Gestaltung dieses unleidigen Vormittags. Mir schwebt eine Reise in das innerste Innere dieses Computer vor, eine Expedition durchs digitale Gedärm des Rechners. Ein Klick hier, ein wenig Code dort und ein Späßchen mit den Systemeinstellungen ganz am Rande. Und dann mal schauen, wie dieser hochnäsige Haufen digital verseuchten Schrotts damit klar kommt. Vielleicht überliste ich auf diese Weise sämtliche Barrieren, Schranken und Sumpflöcher, die diese unflätige Zeit heute morgen für mich bereit hält. Wir werden es sehen! Bis denne…