Rosenmontag in Kölle (Reloaded)

Es ist Montag – Rosenmontag und somit Feiertag im närrischen Rheinland und im Jeckenland rund um die Karnevalshochburgen unserer Republik. Ich sehe mich natürlich in der Pflicht, mich auf die Suche nach der essentiellen Ursuppe des Kölschen Karnevals zu begeben. Von den vorangegangenen Karnevalstagen schwer gezeichnet, könnte der Schreiberling jedoch Schwierigkeiten mit einer 120%ige Einsatzbereitschaft bekommen. Man ist schließlich nicht mehr der Jüngste. Aber gejammert kann auch noch am Aschermittwoch werden. Deshalb raus aus den Federn, rein ins zerknitterte Kostüm und mit einem anständigen Frühstück die überlebenswichtige Grundlage für spätere Ereignisse schaffen. Und dann geht’s auch schon los.

Es ist nicht möglich, im herkömmlichen Sinne über das Treiben in der Domstadt zu berichten. Viel zu bunt, zu laut, zu lebendig, zu… Man verlässt die S-Bahn und fühlt sich schlagartig von allen guten Geistern verlassen. Was verdammt hat mich geritten hier und heute an diesem Orte zu erscheinen? Was trieb mich hierher und wie soll es eigentlich weitergehen? Ach was, einmal tief Luft holen und dann hinein ins Getümmel. Auf einen Jecken mehr oder weniger kommt es nun auch nicht mehr an.

Der zähen Masse aus Menschenleibern im und vor dem Hauptbahnhof entgeht man dann allerdings nur durch eine konsequente Flucht nach vorn. Die überschäumende Euphorie wirkt hier um diese Uhrzeit noch verdammt aufgesetzt. Also weg, nur schnell weg und bloß nicht schon hier vom sich rasant ausbreitenden Frohsinns anstecken lassen. Erst mal runter an den Rhein, hin zu vereinsamten Bierständen, deren verschlafene Besatzung mir zu meinem ersten Kölsch an diesem Tag gratuliert. Hier und da schälen sich die ersten zerknitterten Kostüme aus den Schatten und Winkeln renovierungsbedürftiger Häuser. Es sind jene, die seit Weiberfastnacht durchweg am Feiern sind. Haltet durch ihr Narren! Aschermittwoch ist nahe!

Langsam leere ich den Plastikbecher, das Kölsch mag nicht recht schmecken. Aber ich bin mir sicher – das wird noch. Das nächste, oder spätestens das übernächste Kölsch erinnert sicher wieder entfernt an Bier, das es jedoch niemals sein wird. Ich blicke auf die Uhr – es ist an der Zeit sich dem lärmenden Wurm im Gedärm der Kölschen Altstadt zu nähern. Eine Karte der Domstadt oder gar hilfsbereite Wegweiser sind dazu nicht nötig. Auch brauchte ich nicht mit Ortskenntnis glänzen. Ein paar halbwegs funktionierende Hörorgane reichen. Es scheint unmöglich, sich bei diesem lärmenden Chaos in irgendeiner der vielen versteckten Gassen zu verirren. Alle Wege führen zum Zug.

Mit einem weiteren randvollen Becher frischem Obergärigem mache ich mich auf die Suche nach dem Allerheiligsten des närrischen Treibens auf Erden. Vorbei an vereinsamten Würstchenständen, verwirrt blickenden Jecken und allerlei kuriosen Dingen, deren bloße Erwähnung diesen Text gnadenlos platzen lassen würden.

Mit einem Mal geht’s nicht mehr weiter. Ich bin am Zug angelangt, welcher jedoch völlig von Menschenmassen verdeckt kaum einen Blick auf sich zulässt. Aber ich bin mir sicher, keine fünf Meter vor mir passiert irgendetwas, wahrscheinlich verdammt aufregendes, wenn ich die Geräuschkulisse richtig deute. Dann, ein paar skurile Figuren überragen das närrische Volk am Straßenrand. Oh je, was ist das? Worin liegt der Sinn des Ganzen? Ich muss feststellen: Ich bin ganz eindeutig noch nicht betrunken genug für diese Veranstaltung.

Eine Horde stillos in Jeans und Cowboy-Hut gekleidete Amerikaner schwatzt hyperaktiv auf einander ein. Bei jedem vorbeirollenden Wagen schrecken sie dann erregt auf. „Kamelle, Kamelle“ hallt es Kaugummi kauend in Richtung Karnevalswagen. Der darauf einsetzende Kamelleregen soll sicher als gezieltes Bombardement die kreischenden Amis zum Schweigen bringen. Während nun fleißige Yankee-Hände die Süßigkeiten von der Straße sammeln, ertönt von anderer Stelle das unterwürfige Gebettel lärmender Jecken um die begehrte Kamelle. Ich bin mir sicher: auch sie werden erhört werden!

Mein neugieriger Blick wandert durch das bunt verkleidete Volk. Auch in diesem Jahr spiegeln die ausgefallenen Kostüme den ernsthaft beknackten Bezug der Narren zu unserer großartigen Gesellschaft wieder. Ich sehe Schlümpfe, Zwerge und ganze Bataillone Bundeswehrsoldaten. Da sag doch mal einer, unsere Armee sei unattraktiv!

Mein letztes Kölsch ist nun schon geraume Zeit Geschichte. Ich stehe vor der alles entscheidenden Frage, ob ich noch eine paar Minuten am Umzug verweile oder den Rückzug antrete. Irgendwo wartet bestimmt ein Getränkestand mit etwas Kühlem auf mich. Doch was dann? Ich könnte mich von der gnadenlos alkoholschwangeren Stimmung davon tragen lassen. Einfach so. Und lande dann direkt in den Armen des hoffnungslos partysüchtigen Volkes in einer der vielen Kneipen Kölns. Da wäre ich bestimmt nicht übel aufgehoben.

Aber mein Schicksal fordert ein ungleich größeres Opfer von mir. Nämlich genau dann aufzuhören, bevor es am schönsten ist. Wo das sonst enden kann, ist mir spätestens seit Weiberfastnacht nur zu gut bekannt. Es ist definitiv an der Zeit all jenen Jecken den Vortritt zu lassen, die sich ihren Platz im Einschlagsradius der Kamelle redlich verdient haben. Ich mach die Fliege und überlasse den wahren Karnevalisten das Feld. Bis denne…

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