Nach Monaten himmlischer Ruhe meldete sich zuletzt mein Rücken schmerzhaft zurück. Jedoch nicht wie üblich schleichend, voller Hintertücke, um dann nach Tagen sich steigernden Leidens in einem Nerv tötenden Unwetter zu enden. Nein, diesmal war es anders. Der Schmerz haute direkt voll rein, stechend, in alle Richtungen ausstrahlend. Von einem Tag zum anderen. Und einmal mehr zeigt sich, dass wir Männer (und nur wir!) in der Lage sind, eine solche Pain sofort zu erkennen, stilecht zu klagen und den Schmerz aus vollen Zügen zu genießen.
Natürlich ist an Schlaf gerade nicht zu denken. Das überrascht mich nicht. Es ist 3:45 Uhr und die Wirkung der gerade konsumierten Schlaftablette lässt auf sich warten. Die Wirkung des am Vorabend genommenen Tramal hingegen verfliegt allmählich. Schmerzmittel sind wohl auch nicht mehr das, was sie mal waren.
Also lass ich die Gedanken schweifen und langsam schweben die letzten Wochen und Monate mit mehr oder weniger „Rückenaua“ an mir noch einmal vorbei. Es ist vielleicht tatsächlich mal an der Zeit unsere Pharmazie, Orthopädie, Physiotherapie und Osteopathie hochleben zu lassen und das Ganze in einen kleinen aber feinen Text zu verpacken. Also ziehe ich mir das iPad heran und fange an zu tippen…
Mein Vertrauen in das Schaffen meines letzten Orthopäden war irgendwann in den vergangenen Jahren verloren gegangen. Möglicherweise lag es an seinem merkwürdigen Auftreten (Halbgötter sind hin und wieder etwas merkwürdig, oder?) Vielleicht war auch die Tatsache ausschlaggebend, dass er außer einer (zugegeben recht schmerzvollen) Akkupunktur keine weitere Behandlungsidee vorzuweisen hatte. Doch am Ende war es letztendlich sein Fazit, ich solle es doch mal mit einem Schmerztherapeuten probieren, was mich Treffen dieser weitreichenden Entscheidung motivierte. Sprich, der Orthopäde war der Meinung, ich bilde mir das Ganze nur ein. Aber wenn ich mir die Rückenschmerzen nur einbilde, dann brauche ich auch keinen Orthopäden. Und zack, hatte er einen Patienten weniger. Was blieb, war ein alljährlich wiederkehrendes kaum zu ignorierendes Schmerzgefühl im Rücken, welchem ich mit heißen Schmerzmitteln, Kirschkernkissen, Gymnastikbändern und viel Bewegung zu Leibe rückte.
Also wandte ich mich im Winter 2015/16 an eine weitere Lichtfigur dieses Fachgebietes, also der Orthopädie. Meine Wahl fiel auf eine Frau Doktor, die beinahe erwartungsgemäß mich erst einmal sechs Wochen auf einen Termin warten ließ. Zum Glück bin ich Privatpatient. Als Kassenpatient hätte die Warterei möglicherweise mehrere Jahre gedauert.
Da sich nach diesen sechs Wochen zur allgemeinen Überraschung keine Selbstheilung eingestellt hatte, waren meine Erwartungen an die Heilkunst der Orthopädin verständlicherweise hoch.
Doch schon das erste Treffen verlief schlecht. Ich hatte meine mehr als zwei Jahre alten Unterlagen, verschiedene MRT-Aufnahmen, vergessen, um die sie im Vorfeld gebeten hatte. So ein Mist. Die Sprechstunde war kurz, wenig herzlich und ich verließ die Praxis einer Überweisung zum MRT.
Eine MRT ist mir nicht neu, deshalb wusste ich, wo ich eine solche Untersuchung in kürzester Zeit bewerkstelligen konnte. Drei Tage später hatte ich meine Ergebnisse in der Hand: eine CD-Rom mit den Aufnahmen, diese zum Teil auch in ausgedruckter Form und eine kurze Diagnose des anwesenden Arztes. Und damit zurück zu Frau Doktor – erfreulicherweise ohne diesmal sechs Wochen auf einen Termin zu warten.
Freudig erregt betrat ich mit meinen neuen Unterlagen das Sprechzimmer. Zusätzlich hatte ich diesmal auch ein paar uralte Untersuchungsunterlagen dabei. Aber zu meiner Überraschung benötigte sie nichts von alledem. Eine eingehende Untersuchung fand sie ebenfalls für überflüssig. Die Ärztin hatte die per Post eingetroffene Kurzdiagnose des MRT-Arztes vor sich liegen und verkaufte mir nun dessen analytische Ergüsse als ihre eigenen. Das hätte mir mein Hausarzt auch eröffnen können. Anschließend gab es Rezepte für Akkupunktur, Krankengymnastik und allerlei Tabletten.
Gut, an diesem Punkt unterscheidet sich schon mal nichts von vorangegangenen Facharztbesuchen. Missmutig verlies ich die Praxis, fuhr zur Apotheke und erhielt die verschriebenen Drogen und gleich nebenan die benötigten Termine für die Bewegungstherapie.
Die neuen Tabletten schlugen gut an. Binnen kürzester Zeit war ich schmerzfrei. Geht doch! Ein Hoch auf unsere gottesgleiche Pharmazie! (Verdammte Blasphemie) Die Akkupunktur und die Krankengymnastik wurden natürlich fortgesetzt. Es ging rasant aufwärts und so ein wenig machte ich mir schon Gedanken, welche Chemie die Tabletten zu ihrer Wirkung verhelfen. Oder liegt‘s doch an der Physiotherapie? In Sachen Fitness kann ich mir nämlich grad wenig vorwerfen. (Eigenlob stinkt) Olympia in Rio naht und wer weiß, vielleicht schafft der Wusch es tatsächlich noch nach Brasilien. Dann allerdings wohl eher zu den Paralympics…
So lief es eben ganz gut, bis vor einigen Tagen als uns das Voreifelklima einmal mehr feuchtkaltes Wetter bescherte. Die Schmerzen im Rücken kamen im ganz großen Stil zurück. Erst gab es hier und da ein Stechen, dann die falsche Bewegung zur falschen Zeit und schon ist alles beim Alten. Oder ist vielleicht doch etwas dran mit einer gewissen Wetterfühligkeit?
Zum Glück stand der nächste Akkupunkturtermin (wegen der total verspannten und verhärteten Rückenmuskulatur) in der Orthopädie-Praxis an, der natürlich genutzt wurde, die aktuellen Entwicklungen in allen möglichen Facetten zu schildern. Die Muskelthese war somit vom Tisch, da sich die Muskel-Verhärtungen durch viel Bewegung gelockert hatten.
Natürlich nutzte die Ärztin diese neuerliche Chance nicht, sich mal einige Bilder der letzten MRT-Untersuchung anzusehen. Ein Dickkopf wie ich versteht das natürlich und auch den Grund, der sie daran hindert endlich zuzugeben, dass ihre erste Diagnose den Kern des Problems bestenfalls nur gestreift hat.
Und so überraschte es mich auch nicht, dass auch jetzt keine zweite, eingehendere Untersuchung gab. Warum auch? Die Rechnungsadresse war bekannt, der Patientenvertrag unterschrieben, der Geldhahn offen…
Also änderte sich an der Behandlung nichts und so wurden mir weiterhin Akkupunkturnadeln Dartpfeilen gleich in den Rücken gerammt. Anschließend liegt man auf der Matte fest getackert eine halbe Stunde herum und grübelt über Sinn und Unsinn der derzeitigen Lage nach. Irgendwann erscheint dann die Schwester, zupft die Nadeln vom Körper und wischt gegebenenfalls etwas Blut weg. Nichts Wildes halt, jedoch hat das alles recht wenig mit fernöstlicher Heilkunst zu tun. Sage ich – doch welche Ahnung von traditioneller chinesischer Heilmedizin habe ich schon?
Wie soll das ganze enden? Wie auch schon ihr Vorgänger brachte die Orthopädin irgendwann eine psychische Alterative ins Spiel. Demnach sorgt beruflicher oder privater Stress für meine penetranten Rückenschmerzen. Tja, und das war dann der Punkt, an dem ich erneut vor eine wichtige Entscheidung gestellt wurde: Soll ich Ausschau auf den nächsten Orthopäden halten, der mich wieder ein paar Monate warten lässt und dann seinen neuen Privatpatienten wie eine goldene Kuh melkt? Oder lasse ich das Ganze sein und schaue mich nach alternativen Behandlungsmethoden um. Gesagt, getan: Nun steckt alle meine Hoffnung im Können eines Osteopathen, der mich monatlich eine gefühlte Stunde lang behandelt und dessen Behandlungsmethoden mir etwas Mut machen. Die Hoffnung kehrt langsam zurück und mir ihr auf leisen Schritten der Frühling.
Meine Gedanken schweifen in immer kürzeren Abständen ab – ein sicheres Zeichen, dass die Schlaftabletten langsam wirken. Höchste Zeit für ein Fazit? Nun, gibt es denn ein Ende der Rückenschmerzen? Wie sind die Aussichten auf baldige Genesung? Die Vermutung, mein Jammern wird noch eine Zeit anhalten, wird sich wohl als wahr erweisen. Und am Ende wird es wohl heißen: „Du wirst alt, Alter! Finde Dich also damit ab! Besser wird’s nicht mehr…“
Zum Glück knallt gleich mein Kopf auf das iPad. Aber nicht um dort Korrektur zu lesen. Mein Gejammer findet jetzt jedenfalls ein abruptes Ende. Ich wünsch euch was…