BTI, oder: Wer will Millionär werden?

(Mai 2024)

Während eines Kurzurlaubs in Danzig übernachten wir im Hotel Scandic. Während eines schönene Abends, der noch jung war, ziehen wir uns in die Tiefen einer launchigen Couch zurück, gönnen uns ein paar Drinks und geniessen, was uns in der Hotellobby geboten wird. Und dies soll hier völlig unbeeindruckt und höflich anmaßend wiedergegeben werden.

In den Konferenzräumen des Hotels findet gerade ein Businessmeeting statt. Schlipsträger stürmen durchs Foyer, meist um vor der Eingangstür einen Glimmstängel in Rekordgeschwindigkeit wegzuatmen. Der Regen macht ihnen nicht das geringste aus. Der eine oder andere kehrt gut durchnässt von der Raucherpause zurück. Es werden Pressefotos mit Leuten in feinen Anzügen vor eigens zu diesem Zwecke aufgestellten Werbetafeln gemacht und spätestens jetzt war mein Interesse geweckt. Ohne, dass ich nur die Spur einer Ahnung habe, welches Geschäftsmodell hier verkauft wird, ahne ich, dass in den hiesigen Räumlichkeiten gerade viel Geld verdient wird. Höchstwahrscheinlich werden gerade Leute über den Tisch gezogen, die von ihrem Glück noch gar nichts ahnen. Geht mich das was an? Kein Stück! Aber mit einem Whiskey in der Hand erscheinen die Probleme anderer mit einmal unglaublich faszinierend.

Was auch immer hinter den Türen der Konferenzräume vorgeht, lässt sich nur vermuten. Ich schleiche mich zu einem der Werbe-Pappaufstellern. Mein Polnisch ist nach zwei Tagen in Polen noch immer genauso gut wie vor drei Tagen. Aber eine Firma mit dem Namen „BTI“ lässt sich bestimmt im Internet finden. Und so ist es dann auch. Die hier anwesende Firma BTI verkauft die in Bücher gedruckten Ideen von Brian Tracy. Jener Brian Tracy ist amerikanischer Sachbuchautor und schreibt über Erfolge im Wirtschaftsleben. „Die ewigen Gesetze des Erfolgs“, „Das Gewinner-Prinzip“ oder „Thinking Big“ - genau das, was die hier anwesenden Durchstarter und Jungkapitalisten dringend benötigen. Tracy deckt diesen Bedarf, in dem er seine Wahrnehmungen in ein Buch schreibt und damit viel Geld ver… ehm, andere sehr glücklich macht.

Der überwiegende Teil der Gäste werden trotz ihrer in dieser Veranstaltung erworbenen universellen Formel vom Glück durch Reichtum gewaltig auf der Strecke bleiben. Es gibt halt Gesetzmäßigkeiten, die einem das Leben und kein Träumer des amerikanischen Traums erzählt. Der eine oder andere heutige Gast wird sein Ding machen. Bestimmt. Aber nicht weil er ein kluges Buch erworben hat, sondern weil er Ellenbogen besitzt, wie sie in der heutigen Gesellschaft nötig sind. Ganz besonders hier in Polen, wo der Kapitalismus schon länger in vollen Zügen gelebt wird. Ein paar Wenige scheffeln das Geld, dass sehr sehr vielen auf irgendeine Weise abgenommen wird. Das war schon immer so und wird sich mit Sicherheit nicht ändern. Es sei denn, ein Meteor schlägt auf die Erde ein und löscht alles unintelligente Leben aus. Womit die selbstzerstörerische Menschheit mit einem Schlag ausgestorben wäre.

Wir bekommen auf unseren gar nicht so billigen Plätzen einiges geboten. Und selbst wenn wir mit unserer Einschätzung der Situation völlig daneben liegen, egal, wir fühlen uns gut unterhalten. Neben den an Souveränität kaum zu überbietenden Veranstaltern laufen hier auch einige Angestellte herum und scheinen alles mögliche zu regeln, was eben während einer solchen Veranstaltung im Hotel zu regeln ist. Eine Mitarbeiterin scheint arg soziopathisch veranlagt zu sein, beklagt das Nichtvorhandensein an Selbstbewusstsein oder ist schlichtweg die Sklavin der Chefetage. Sie stakst wie ein Zombie umher, stets bemüht nicht untätig zu wirken. Der Kopf ist meist nach unten gerichtet, als ob der direkte Blickkontakt zu anderen Menschen strengstens untersagt wäre. Kurzum: Sie ist ein merkwürdiges Wesen, dessen Aura etwas arg bedrückendes anhängt.

Die Veranstaltung ist schließlich vorbei. Die geladenen Veranstaltungsgäste waren gekommen um etwas mitzunehmen und gehen nun mit mehr oder weniger prallgefüllten Papiertüten an uns vorbei. Ob es den Inhalt der Tüten im Tausch für eine Niere, ihre Seele oder einfach nur verdammt viel Geld gab? Wer weiß das schon? Von Nadelstreifenanzugsträgern und Damen in einteiligen knallbunten Kostümen bis hin zum Nerd, der extra heute mal die Sicherheit seines Kellers verlassen hat - ist hier quasi alles vertreten, was sich noch nicht desillusioniert selbst aufgegeben hat. Das hier sind keine typischen TV-Glotzer, Vorgartenpfleger oder Biertischprediger. Sie sind Träumer des amerikanischen Traums von Freiheit und Reichtum. Und gleich werden sie nass, weil es draußen regnet.

An der Bar gibt es noch einmal den dringend benötigten Nachschub an Getränken. Und spätestens wenn die Gläser erneut geleert sind, wird es auch für uns Zeit das Hotelzimmer aufzusuchen.

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