(Mölln ?)
An einem viel zu heissen Sommertag verschlägt es mich auf das windige Eiland Fehmarn. Der Wind macht die Hitze erträglich, der Himmel zeigt sich in seinem allerbesten Blau und ich bin auf der Suche nach etwas, was die Farben dieses gar nicht so grauen Urlaubstages noch etwas bunter erscheinen lässt.
Da hatte ich doch vor einiger Zeit eine Dokumentation über das legendärste aller Rockkonzerte gesehen, im Netz nach weiteren Informationen gesucht und dabei erfahren, dass das kleine unbedeutende Fehmarn eine gar nicht so unbedeutende Geschichte in der Rockmusik spielt. Oder besser spielte…
Also verlief ich mich in die verlassenste Ecke dieser Insel. Die Anfahrt über abenteuerlich schmale Wege wurde am Ende durch die Erkenntnis übertroffen, dass bereits einige tausend Camper den selben Weg erfolgreich genommen hatten. Nun gut, seis drum. Da war ich nun.
Ein Wegweiser wies mir den Weg, ganz wie es seine Bestimmung war. In neunhundert Meter befand sich also das Ziel. Ein Gedenkstein, ein Monument, nein, vielmehr ein magisches Stück Felsen nur wenige Meter von der Ostseeküste entfernt. Hier fand 1970 ein Love & Peace-Festival statt und kein Geringerer als Jimmy Hendrix stand auf der Bühne. Hier und danach nirgendwo wieder. Zwölf Tage später starb er.
Dieser Gedenkstein scheint noch immer eine gewisse Anziehungskraft zu besitzen. Wie eine Art Heiligtum für jene Ewiggestrigen, ein Kultplatz der letzten Hippies, ein rosafarbener Granitfelsen im feinen grauen Sand des Ostseestrandes. Auch ich fühlte die Magie, die einem glauben lies, dass mit bunten Blumen, lauter Musik und leichten Drogen die ganze Welt verändert werden konnte. Ja, zweifelsohne lag hier etwas in der Luft. Etwas anderes zu behaupten wäre schlicht anmaßend.
Noch während der Stein - typisch für unsere Zeit - stilecht mit einem Selfie entweiht wurde, näherte sich eine Person über die versengte Strandlandschaft. Seinem Gesicht sah man an, dass es so manches im Leben durchgemacht hatte. Gut möglich, dass er vor beinahe fünfzig Jahren Teil der Love und Peace-Bewegung war. Je länger ich ihn betrachtete, desto wahrscheinlicher erschien mir dies.
Er stellte in würdevoller Entfernung sein Fahrrad an einem verwitterten Zaunpfahl ab, ging noch einige Schritte und zollte Jimmy seinen Respekt. Dann drehte er sich um und pinkelte ein paar Meter entfernt in einen Busch wilder Rosen - ganz so wie es sich wohl gehörte.
Die Rosen waren mir vorher gar nicht aufgefallen. Sie wucherten entlang eines beinahe verwitterten Holzzaunes, von dem ohnehin nur noch die Pfähle übrig waren. Zeugen eines längst vergangenen Sommers, dessen zahlreiche Revivals nie den Zauber des Originals erreichten.
Also tat ich es ihm gleich und entleerte meine Blase in respektvoller Entfernung. Der Mythos längst vergangener Tage lebte auf. Zeit den Hippie in mir zu suchen. Wieviel Love, Peace and Rock'n'Roll steckt im Schreiberling, der 1970 noch gar nicht geboren war?