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Einmal Danzig – Kolberg und zurück | Tag 1

Prolog

I

Eine gute Geschichte beginnt seicht und steigert sich mit fortlaufender Dauer. Das Ende ist an Spannung kaum zu überbieten, alles klärt sich auf und alle sind zufrieden. Hat der Autor jedoch noch ein paar Pfeile im Köcher, dann lässt er sich einen guten Cliffhanger einfallen und quält seine Leser mit einer grausamen Ungewissheit bis zur Fortsetzung. Eine gute Geschichte besitzt ein einen Plan. Was passiert wann und wo, wer sind die entscheidenden Akteure und steht im Kühlschrank immer ausreichend gekühltes Bier?

Um Bier gehts in der vorliegenden Geschichte auch, aber nur ganz weit am Rande. Es geht um eine Reise, um Erlebnisse, seltsame Begegnungen, Piroggen und Bier. Und um Aperol Spritz, bevor sich die beteiligten Frauen vernachlässigt fühlen. Es ist definitiv keine Geschichte, die Soll ich noch mehr verraten?

Mir sitzt kein Grammatiknazi als Korrekturleser im Nacken. Kein Lektor, der warnend den Finger hebt, wenn es zwingend an der Zeit dafür ist. Oder der den Rotstift im Namen der Qualität durch die Seiten der Quantität tanzen lässt. So kann ich einfach schreiben wir mir gerade der Sinn steht. Vielleicht findet sich doch noch jemand, der genug Ausdauer, Nerven und Freizeit aufbringt und all das streicht was ihm nicht gefällt. So einfach und so demütigend ist das manchmal.

II

Der alljährliche Familienausflug der Familie Fischer sollte dem Wunsche meiner Schwiegermutter nach sie selbst, ihre drei Töchter und deren Anhang ins polnische Ostseebad Kolberg führen. Die Kurstadt war schon vor dem letzten Weltkrieg eine weithin bekanntes Urlaubsziel und ist seit ein paar Jahren ein Geheimtipp für deutsche Urlauber. Nur etwa dreihundert Kilometer von Berlin entfernt, ist Kolberg recht schnell mit dem Auto zu erreichen. Der Ostdeutsche ist schneller am Kolberger Strand als mit dem Flieger auf Malle, wen er es darauf anlegen würde. Und das macht mich natürlich neugierig.

Startet man die Reise nach Kolberg in Hessen oder gar im Rheinland, denn ist die Entfernung natürlich eine andere Hausnummer. Die beinahe eintausend Kilometer pro Tour für einen Tag Aufenthalt wirken allerdings etwas dekadent. Macht es Sinn, für erlebnisreiche vierundzwanzig Stunden (zuzüglich zweier Übernachtungen) zweimal tausend Kilometer an einem langen Feiertagswochenende quer durch ein staugeplagtes Land zu fahren?

Nun glänzten Esther und ich bei Familientreffen der vorangegangenen Jahre oft mit Abwesenheit. Sankt Petersburg und Moskau im Jahr 2019 war noch aus beruflichen Gründen nahezu tabu. 2023 gings ohne uns nach Rom. Diese Stadt ist für Geschichtsinteressierte das Mekka schlechthin. Die Aussicht nur zum Pizzaessen in Rom aufzukreuzen und nebenbei ein paar Sehenswürdigkeiten zu besuchen, motivierte mich wenig bis gar nicht. Esther hatte zur selben Zeit ein Klassentreffen in der guten alten Heimat. Und so waren wir wieder nicht dabei.

Esthers Schwester Sarah feierte im August 2023 ihren Geburtstag in Prag und diesmal waren wir dabei. Die tschechische Hauptstadt an einem Tag zu erkunden haben wir uns gar nicht erst vorgenommen, sondern waren in erster Linie wegen der Geburtstagsfeier in die „Goldenen Stadt“ gereist. Die lange Anreise steht trotzdem in einem völlig sinnfreien Verhältnis zur Verweildauer. Vielleicht befinden wir uns auch nur in einem schwierigen Alter.

In Prag fiel die Entscheidung das der nächster Familienausflug im Jahr 2024 in Kołobrzeg, bzw. Kolberg stattfinden soll. Müßig meine Begeisterung darüber auszudrücken, dass erneut ein Ort gefunden wurde, der alles andere als direkt nebenan liegt. Aber Kolberg hat auch seine Vorzüge. Der Urlaubsort an der Ostsee mit seinen etwa 50.000 Einwohnern verspricht eine überschaubare Anzahl von Attraktionen und Sehenswürdigkeiten. Hier droht eher gähnende Langeweile als touristische Reizüberflutung. Esther ist fest entschlossen in Kolberg dabei zu sein und dem füge ich mich natürlich. Die enorm lange Anfahrt bleibt mir trotzdem ein Dorn im Auge.

Ein möglicher Reiseplan könnte folgendermaßen aussehen: Am Freitag (der Brückentag nach Fronleichnam in Polen und in weiten Teilen Deutschlands) fahren wir quer durch Deutschland die etwa 1000 Kilometer nach Kolberg. Dort checken wir von der Fahrt völlig erledigt im Hotel ein und fallen hundemüde ins Bett. Dank einer zu harten oder zu weichen Matratze wird die Nacht selbst wenig erholsam. Wir starten arg übermüdet in den Samstag und versuchen den familiären Trubel ohne Eskalation zu überstehen. Mit Rücken- und Kopfschmerzen kommen die üblichen Spaßbremsen dazu, so dass wir es kaum erwarten können erneut ins Bett zu fallen. Der Sonntag steht ganz im Zeichen der Abreise. Wir fahren nach Hause und geniessen wenigstens zehn Stunden beste deutsche Staukultur vom äussersten Nordosten bis in den Westen der Republik. Der Part auf den maroden polnischen Autobahnen und Landstraßen noch nicht einmal mitgerechnet. Mit etwas Glück bekommen wir daheim noch einige Stunden Schlaf bevor es wieder ins Büro geht. Nein, ein solcher Plan wird nicht funktionieren. Wir brauchen eine Alternative.

Das Auto ist aus dem Rennen. Bleibt das Flugzeug oder eine Reise mit der guten alten Eisenbahn. Esther fliegt nicht gern, also prüfen wir erst einmal mögliche Bahnverbindungen. Und so schaut unser Plan aus: Wir machen es uns in Düren in einem Bahnwaggon bequem und fahren über Köln und Berlin nach Angermünde. Von dort geht es mit dem Bus in anderthalb Stunden nach Stettin und den Rest nach Kolberg mit der Bahn. Ohne Probleme dauert die gesamte Reise zwischen elf und zwölfeinhalb Stunden. Hakt es irgendwo, kann die Reise schnell sehr viel länger dauern und wir erreichen den Zielort erst am folgenden Tag. Die Bahnfahrt schlägt mit insgesamt etwa 500-600 Euro zu Buche - ein üppiges Sümmchen für ein paar Stunden trauter Gesellschaft in Familie.

Die Geschichte mit der Bahnfahrt wartet übrigens mit einem winzigen Schmankerl von Altersdiskriminierung auf. Um die Jugend für die Bahn zu begeistern, existieren eine ganze Reihe von Ticketangeboten für Fahrten ins europäische Ausland. Für die Bevölkerung im greisenhaften Alter von 27 und älter gibt es dagegen nur Tickets zu Standardpreisen. Ich drücke eine kleine Träne weg und suche nach weiteren Alternativen. Der Online-Reisedienst der Deutschen Bahn bietet eine recht interessante Strecke mit Halt in Nürnberg, Wien, Prag und Warschau aus. In sechsundzwanzig Stunden pro Strecke - versteht sich. Da verkommt unser Aufenthalt in Kolberg zu einem simplen Zwischenstopp auf einer Rundreise durch Mitteleuropa. Ich streiche nun auch die Eisenbahn von der Liste der möglichen Alternativen. Bleibt noch der Flug.

An dieser Stelle kommt Danzig zum ersten Mal ins Spiel. Die Hauptstadt der Woiwodschaft Pommern verfügt nämlich über einen Flughafen und das Rheinland gleich über zwei in Köln und Düsseldorf. Nach etwa neunzig Minuten Flug erreicht man den Lech Walesa-Flughafen und kaum eine halben Autostunde später ist man in Danzig.

Aber Danzig ist immer noch nicht Kolberg. Wenn man eine Karte mit zu großem Maßstab zur Reiseplanung heranzieht, können weit entfernte Städte schnell zu Nachbargemeinden werden. Und schon unterschätzt man die verbleibende Reststrecke. Tatsächlich ist Kolberg aber etwa 250 Kilometer von Danzig entfernt. Das Fehlen einer modernen Zugstrecke erfordert eine vierstündige Fahrt mit einer Bimmelbahn. Mit einem Leihwagen stehen etwa drei Stunden reine Fahrzeit für diese Strecke im Raum. Alles ziemlich ernüchternd. Doch noch immer sind wir nicht bereit aufzugeben und kommen endlich auf die entscheidende Idee.

III

Wir landen also in Danzig. Warum also nicht die Chance direkt am Schopfe ergreifen, getreu dem Motto: „Wo wir schon mal da sind…“ Doch dazu sollte ich eine wesentliche Vorgeschichte erwähnen, ohne die dieser Reisebericht nie und nimmer entstanden wäre. Seit einiger Zeit nutzen wir alljährlich ein verlängertes Wochenende um mit einem befreundeten Paar, den Bollers, irgendeine Stadt zu besuchen. In den Jahren waren wir mit Karin und Sven, so die Namen der Bollers, unter anderem in Amsterdam, Brügge, München oder Paris unterwegs. Fast immer mit dem fahrbaren Untersatz der Bollers, einem VW Touran, welcher in den audio-visuellen Rückblicken unserer Ausflüge den Namen „Bollerwagen“ erhielt und unsere Ausflüge die „Bollerwagen-Tours“ genannt werden.

Zurück in den Spätherbst des Jahres 2023. Esther und ich kommen auf die Idee, dass die Bollerwagentour 2024 nach Danzig führen könnte. Wir erschlagen damit zwei Fliegen mit einer Klappe: Wir nutzen die beste Alternative für die Anreise zum Familientreffen in Kolberg und verlängern den Aufenthalt in Polen um ein paar Tage für einen Besuch von Danzig.

Also unterbreiteten wir Karin und Sven diese Idee und sind überrascht, schnell mit ihrer Zustimmung konfrontiert zu werden. Karin hat bereits eine gewisse Beziehung zu Danzig, da ihr Vater gebürtig von dort stammt. Anfang der neunziger Jahre des letzten Jahrhunderts war sie mal in Danzig und ist nun natürlich neugierig, wie sich die Stadt seitdem verändert hat. Sven hingegen ist oft für halbwegs originelle Idee zu begeistern und somit steht das Ziel der Bollerwagen-Tour 2024 fest: die ehemalige Freie Reichsstadt Danzig. Anders als sonst dauert unsere Reise diesmal nicht nur ein verlängertes Wochenende, sondern eine ganze Woche, von der wir allerdings das Wochenende getrennt in Kolberg verbringen werden.

Die Eckpunkte des Ausfluges nach Pommern sind somit geklärt. Jetzt kann gebucht werden. Wie schon bei der Planung unserer gemeinsamen Parisreise 2023 sitzen wir dazu bei den Bollers auf der Kinocouch und planen die Flüge und Hotelaufenthalte auf dem großen Flatscreen. Kann man mal so machen. Karin nutzte solche Gelegenheiten gern um ihre Kochkünste in nicht weniger als drei Gängen zu beweisen. Daran kann man sich echt gewöhnen. Sven zeigt wie so oft einen vorzüglichen Riecher was die Wahl der Unterkunft angeht. Mit dem Hotel Scandic haben wir nicht nur ein sehr schönes Hotel ausgesucht, es liegt auch noch in unmittelbarer Nähe zu Danzigs Stadtzentrum.

Die Flugbuchung erfolgt aufgrund der aktuellen Flugpläne des Spätherbstes 2023 - und nicht auf der Grundlage des Sommerflugplanes von 2024, der zum Zeitpunkt der Buchung noch unbekannt ist. Die Quittung kommt ein paar Wochen später in Form einer Umbuchung des Hinfluges auf einen Flug einen Tag eher. Und somit passt auch die Hotelbuchung nicht mehr.

Die Aufregung ist natürlich erst einmal groß, da diese Umbuchung zuerst nur unsere Flugbuchung betrifft und der Flug der Bollers zunächst wie geplant fliegen sollte. Statt Montag geht unser Hinflug nun bereits am Sonntag. Ein oder zwei Tage später wird schließlich auch der Flug der Bollers umgebucht. Tja, was sollen wir nun tun? Nach all den Überlegungen zur Autofahrt, Bahnfahrt und nun dem Flug, nach all den bereits erfolgten Buchungen nun doch alles abblasen? Oder riskieren wir eine Verlängerung unseres Kurzurlaubes in Polen auf nun inzwischen acht Tage? Nun, dieser Reisebericht umfasst acht Kapitel - wofür werden wir uns wohl entschieden haben?