Prolog | Einmal Danzig – Kolberg und zurück | Tag 2
Schweren Herzens folgen wir dem Weckruf unseres Smartphone-Weckers. Raus aus dem Bette, runter unter die Dusche, rein in die bereitgelegten Klamotten und ohne uns mit Belanglosigkeiten aufzuhalten, geht es direkt zum Auto. In diesem haben wir sämtliches Gepäck verstaut, welches für einen acht Tage Bildungs- und Erholungsurlaub in Polen notwendig ist. Der Skoda setzt rückwärts aus der Einfahrt zurück, Esther tritt aufs Gaspedal und nach kaum mehr als einer halben Stunde halten wir überpünktlich vor dem Haus der Bollers. Wir werden natürlich längst erwartet. Sven steht vor seinem Haus und weist Esther den allseits beliebten Parkplatz vor seiner Garage zu.
Eine erfolgreiche Reise beginnt mit einem guten Frühstück und wie schon bei unserer letztjährigen Reise nach Paris haben uns Karin und Sven zu einer zünftigen Wegzehrung eingeladen. Wer weiß wann wir das nächste Mal ordentlich zu Essen bekommen. Oh, ist das etwa schon eines meiner vielen Vorurteile gegenüber unserem östlichen Nachbarland.
Das Frühstück war spitze! Karin und Sven haben sicher die halbe Nacht gebraucht, um ihre Reisevorbereitungen in den Griff zu bekommen und gleichzeitig ein leckeres Frühstück auf den Tisch zu zaubern. Wohl genährt beladen wir kurze Zeit später den Kofferraum vom Touran mit unserem Gepäck. Die Reiseteilnehmer sitzen auf, es wird durchgezählt, Sonnenbrillen aufgesetzt, das Navi programmiert und Punkt zehn Uhr, oder nur wenig später, setzt sich der Bollerwagen in Richtung Flughafen Düsseldorf in Bewegung. „Werte Damen und Herren! Herzlich Willkommen an Bord des Bollerwagens. Wir erwarten eine ruhige Fahrt nach Düsseldorf. Das Wetter hält sich heute besonders freundlich im Hintergrund. Bitte bleiben Sie angeschnallt bis zum Erreichen des Ziels. Während der gesamten Fahrt ist das Rauchen an Bord untersagt. Wir wünschen Ihnen eine angenehme Autofahrt und würden uns freuen Sie bald wieder an Bord des Bollerwagens begrüßen zu dürfen! Ihr Navigationssystem“
Es ist Sonntagvormittag, der fehlende Berufsverkehr macht sich positiv bemerkbar. Wir kommen auf der Autobahn gut und schnell voran. So schnell, dass uns offenbar Svens Navi nicht mehr folgen kann und irgendwann ganz aussteigt. Die Strecke zum Flughafen in D-Dorf kann man durchaus auch ohne die Unterstützung eines Navigationssystems bewältigen. Auf dem Flughafen-Gelände aber gleicht das Straßensystem einem undurchdringlichen Asphaltdschungel, einem Labyrinth, in welchem immer wieder Autos auf nimmer Wiedersehen verschwinden. Sich dort ohne die ortskundige Führung mittels Navigationsgerät zurecht zu finden, ist - verharmlost ausgedrückt - schwierig. Zu mindestens wenn man sein Ziel noch am selben Tag erreichen möchte. Deshalb steuern wir den nächstbesten Autobahn-Parkplatz an, um dort der Technik auf den Pelz zu rücken. Die kurze Pause gibt Sven zudem die Gelegenheit für eine schnelle Zigarette.
Die Zigarette war geraucht, der Motor gestartet und der Wagen bewegte sich wieder weiter. Doch dann die erschreckende Erkenntnis: Die Zielführung des Navigationssystems war noch immer nicht einsatzbereit. Eigentlich eine willkommene Gelegenheit für eine weitere Zigarette, doch Karin interveniert blitzschnell und obendrein erfolgreich. Sven fügt sich ohne zu klagen und lässt auch minutenlang lang meine kostbaren Ratschläge und Tipps zur Einrichtung eines Navigationssystems stillschweigend über sich ergehen. Jedenfalls bekommt das Navigationssystem endlich die passende Ansage, liefert im Gegenzug eine zufrieden stellende Antwort und gar nicht so viel später befinden wir uns in der Einfahrt zum Parkhaus 8 des Maritim-Hotels auf dem Flughafen Düsseldorf.
Die Schranke zur Parkhaus-Einfahrt zeigt erst einmal wenig Verständnis für unser Begehren hier eingelassen zu werden. Sven hatte bereits einen Stellplatz im Voraus gebucht. Da ist unsere Ungeduld sicher verständlich, wenn unerwartete Probleme technischer Art auftreten. Hinter meinem geistigen Auge sehe ich Sven und mich wild auf den sturen Blechkasten eintreten und die Schranke verbogen im Gebüsch verschwinden. Geduld ist manchmal (wirklich nur manchmal) keine meiner Stärken. Doch Sven hat die Lösung parat - Technik muss manchmal nur richtig bedient werden und schon gibt sie den Weg in die Tiefgarage frei.
Es dauert einen kurzen Moment bis wir uns ans typische Halbdunkel unterirdischer Parkeinrichtungen gewöhnt haben. Wir stellen fest: wir sind nicht allein! Offensichtlich sind neben sämtlichen Bewohnern des Rheinlandes auch die des Niederrheins und Westfalens auf der Flucht oder auf dem Weg in den Urlaub. Ein jeder hat sein Automobil ausgerechnet in diesem Parkhaus untergebracht. Sauber aneinandergereiht steht Auto neben Auto, Mini neben SUV, Benziner neben Elektro, Dacia neben Mercedes. Und weit und breit keine Lücke, in welchem sich der Bollerwagen wohl fühlen würde.
Offensichtlich bezieht sich das Parkplatz-Buchen lediglich auf das erfolgreiche Durchqueren der Einfahrtsschranke. Das Finden eines freien Stellplatzes bleibt dem Fahrer überlassen. Und dieser legt sein ganzes Vertrauen in das Vermögen des Buchungscomputers, dass dieser stets Übersicht über die Stellflächen in den Eingeweiden dieses Parkhauses behält.
Nach einigen Schleifen auf dem obersten Parkdeck entdeckt Sven die Abfahrt in ein weiteres Untergeschoss. Diesmal gehen wir die Suche etwas strukturierter an und nutzen nach einer weiteren erfolglosen Runde direkt die Abfahrt in das nächst tiefer gelegene Parkdeck. Und tatsächlich, irgendwo in diesem Irrgarten fanden wir sie: die letzte freie Parklücke östlich des Rheins. Während andere verzweifelte Autofahrer die verworrenen Gassen des Parkhauses nach einer Parkmöglichkeit durchkämmen, verschwinden wir mitsamt dem Gepäck im Fahrstuhl und streben unaufhaltsam dem Flughafengebäude entgegen. Dort wären wir auch in wenigen Augenblicken angekommen, hätten wir nicht die Nikotinsucht von zweien, deren Name hier nicht erwähnt werden soll, völlig unterschätzt.
Eine Zigarettenlänge später erreichen wir das Innere des Flughafengebäudes und nehmen ein paar tiefe Atemzüge einer vom Reisestress geschwängerten Atmosphäre. Wie das prall gefüllte Parkhaus schon vermuten ließ, ist auf dem Düsseldorfer Flughafen richtig was los. Menschen und Koffer wirbeln völlig chaotisch umher und doch hat jeder ein Ziel vor Augen. Wir dagegen sind noch auf der Suche und nach dem Durchlesen der beeindruckenden Menükarte heutiger Abflüge etwas klüger: Danzig - Check-in an den Schaltern 17-19. Eingecheckt waren wir längst, schließlich mögen wir solche Online-Spielereien. Nun müssen noch die Koffer aufgegeben werden. Eine Woche nur mit dem zu überleben, was in das Handgepäck passt, ist uns etwas zu viel Abenteuer. Weshalb wir neben dem kleinen Handgepäck einen Koffer dabeihaben und dennoch unsicher sind, ob die eingepackte Kleidung den klimatischen Ansprüchen der polnischen Ostseeküste gerecht wird. In etwa einer Woche werden wir es wissen.
Das Aufgeben der Koffer verspricht eine weitere hochspannende Spielerei:
Level 1: Begleitet vom hilfsbereiten Personal druckt sich der angehende Flugpassagier an einem Automaten eine Banderole pro Koffer aus. Dazu benötigt man seinen Flugschein, den man während des Online-Checkins digital bereitgestellt bekommt. Alle Versuche, diesen Flugschein daheim von der App auf ein analoges Stück Papier zu bekommen blieb erfolglos. Werde ich langsam alt oder habe ich das mit dem papierlosen Büro immer noch nicht verstanden? Beides?
Level 2: Die nächste Herausforderung besteht darin, diese Banderole am Tragegriff des Koffers zu befestigen. Sven hat den Kniff sofort heraus und rollt lässig seinen Koffer in Richtung Level 3 – dem Endgegner. Meine Banderole klebt auch sehr schnell, aber an den völlig falschen Stellen, worauf ich auch höflichst hingewiesen werde. Wider Erwarten lassen die die verklebten Enden lösen, ohne dass ich die Banderole beschädige. Nach dem nächsten Versuch habe ich den Dreh mit dem Zusammenkleistern verstanden und befestige das Ding vorschriftsmäßig am Koffergriff.
Also auf zu Level 3 und der eigentlich einzigen kritischen Situation bei der Gepäckaufgabe. Wird unser Koffer die strengen Gewichtsvorgaben von maximal 23 kg einhalten oder ist er zu schwer? Doch umsonst geschwitzt! Nach dem Messen war noch genügend Luft nach oben bzw. Gewicht in der Reserve. Der Koffer verabschiedet sich unspektakulär in die Innereien dieses Flughafens. Unseren Triumph müssen wir allerdings alleine auskosten. Kein Konfetty, keine Sektdusche und auch keine Groupis, die uns hochleben lassen. Der Endgegner wurde zwar überwunden, doch das ist dem Kofferautomaten herzlich egal. Wenn nicht uns, dann eben jemand anderes, dem er den übergewichtigen Koffer vor die Füße spucken kann. Die nächsten Kandidaten drängeln bereits von hinten und ich ertrage meine überschäumende Euphorie stillschweigend.
Vom sperrigen Gepäck befreit erwartet uns nun dass Bosslevel: die Sicherheitsüberprüfung. Die Aufgabe besteht darin, sich artig in die Schlange der Wartenden einzureihen und zu warten, dass man endlich an der Reihe ist, die Kisten auf dem Transportband zu befüllen und nach dem Ausziehen des Gürtels nicht die eigenen Hosen zu verlieren. Die Sicherheitskontrolleure tasten gerade ein Kleinkind ab, welches bestenfalls ein Jahr alt ist. Ungläubig folge ich der Situation und überlege, wie ich es schaffe die Hosen nicht zu verlieren. Ich strecke meinen Bauch noch etwas mehr aus als üblich und löse so das Hosenproblem für den Moment der Kontrolle.
Esther folgt mir unmittelbar. Auch bei ihr gibt es nichts zu beanstanden. Sie hat zwar Medikamente dabei, die als Spritze gekühlt im Handgepäck mitgeführt werden müssen. Aber Esther hatte sich frühzeitig informiert und entsprechend die nötigen Papiere für diesen Transport dabei. Das interessiert hier allerdings niemanden. Eine rege Umtriebigkeit macht sich die gesamte Zeit unter dem Sicherheitspersonal breit. Jeder tut so, als gäbe es grad unglaublich wichtiges zu tun, nur um Esthers Rucksack kümmert sich niemand. So steht das gute Stück einsam innerhalb eines mit Plexiglas abgesperrten Bereiches, dort allerdings immer noch erreichbar für meine Frau. Geduld ist eh nicht ihr Ding und so setzt sie alles daran, wieder in Besitz ihres Rucksacks zu gelangen. Zum Glück tut sie dies auch verbal, womit das Sicherheitspersonal frühzeitig von Esthers Absichten erfährt und gewaltlos einschreiten kann. Statt Esther mit Gummiknüppeln und Reizgas eindrucksvoll auf ihr Fehlverhalten hinzuweisen, nimmt das Sicherheitspersonal die Situation mit Humor auf und rückt den Rucksack freiwillig heraus. Das erinnert mich daran, dass meine Hose nach wie vor ihren Gürtel sehr vermisst. Nun aber schnell… Level 4 wäre somit überstanden. Was folgt als nächstes?
Wir befinden uns endlich im Sicherheitsbereich des Flughafens Düsseldorf. Der Weg zum Gate führt durch den Duty Free-Bereich. Die Duty Free-Shops sind nicht mehr das, was sie einstmals waren. Dank des zollfreien Verkehrs innerhalb der EU kostet mein Lieblingswhiskey hier inzwischen mehr als in den meisten Läden außerhalb des Flughafens. Angesichts der überteuerten Whisky-Preise heißt es deshalb „Nur Angucken - aber nicht anfassen!“ Ich mag den Shop trotzdem, kommt man hier doch hin und wieder mit anderen Hobbyalkoholikern ins Gespräch über das gute Zeug.
Viel zu früh sitzen wir am Gate und warten. Bis hierher hat alles funktioniert. Klopfe auf Holz! Murphy und sein Gesetz ist schließlich immer und überall am Start.
Eigentlich war der Plan eine Wasserflasche an einem Wasserspender aufzufüllen. Bei den Preisen für eine Flasche stillem Wasser auf dem Flughafen macht so etwas Sinn. Eigens deshalb habe ich eine leere Plastikflasche durch die Sicherheitskontrolle geschleust, was im Gegensatz zu gefüllten Flaschen durchaus erlaubt ist. Die Suche nach einem Wasserspender wird jedoch erfolglos aufgegeben. Hierbei hat bestimmt die Mineralwasserindustrie ihre Finger im Spiel, die ihre viel zu teuren Flaschen dem Kunden aufzwingen möchte. Doch zu unserem Glück befindet sich im Geschoss unter uns eine nahezu unfrequentierte Toilette. Dort kann ich ungestört das Leergut mit Trinkwasser füllen.
Der Flieger der Fluggesellschaft „air Baltic“ - ein Airbus 220 mit ungewöhnlichen fünf Plätzen pro Reihe steht pünktlich bereit. Air Baltic? Noch nie davon gehört. Das Kopfkino bereitet mich auf einen Besuch der legendären Holzklasse vor: Alte Mütterchen, die einen Korb Gemüse vom Düsseldorfer Wochenmarkt dabei haben. Zwei Bauern, die ihr Federvieh stets auf Reisen mitnehmen. Die Hühner und Enten laufen im Stroh pickend zwischen den Passagieren herum. Sollte ich noch einmal zum Duty Free-Shop zurückkehren und nach Vogelfutter fragen? Es ist nie verkehrt vorbereitet zu sein. Nichts ist so entwürdigend wie vom Hühnerdreck verunreinigte Sneakers. Besser, man hält sich die Viecher mit Vogelfutter vom Hals.
Im Flugzeug befinden sich natürlich weder Hühner noch Holzbänke. Es ist alles wie gewohnt: zu laut, zu eng und… etwas moderner als erwartet. Keine Stewardess erklärt heute die üblichen Sicherheitshinweise. Die Erläuterung der Fluchtwege, Schwimmwesten und Sicherheitsgurte erfolgt digital. Ich verstehe es als kleinen Wink mit der Zaunlatte: „Verehrte deutsche Fluggäste – so geht Digitalisierung!“ Es hört und schaut trotzdem kaum einer hin.
Der Flieger hebt außerordentlich pünktlich ab. Zum Start gibt es das obligatorische Händchenhalten mit Esther, um ihr ein wenig die Flugangst zu nehmen. Ich glaube, ich mache das ganz gut. Esther wirkt äußerlich ruhig, aber das kann sich schnell ändern. Ein unerwartetes starkes Ruckeln, der Verlust einer Tragfläche oder nervende Säuglinge können schnell dafür sorgen, dass Esther mir in den Unterarm beißt. Oder Schlimmeres. Deshalb ist etwas Obacht durchaus angebracht.
Neben mir ist der Fensterplatz freigeblieben. Das Flugzeug ist längst gestartet - da wird wohl keiner mehr kommen. Oh wie verlockend! Irgendwo hörte ich mal, dass das Tauschen von Sitzplätzen im Flugzeug nicht erlaubt ist. Bei einem Absturz kann das zu einigem Durcheinander bei der Identifizierung führen. Hmm, genau. Genau deshalb ist mir das auch egal. Bei der nächst besten Gelegenheit rutsche ich auf den freien Platz, schnalle mich wieder an und genieße für etwa dreißig Sekunden den Blick durch das ovale Fenster. Ich schau mir die Welt gerne von oben an. Dann schlafe ich ein.
Aber nur kurz, denn schon rüttelt mich jemand an der Schulter. Verdammt! Ist es wegen dem Fensterplatz? Nein, vielmehr meint Esther ich hätte geschnarcht. So etwas behauptet sie laufend. Eines Tages bekommt meine Psyche einen Knacks auf Grund dieser ständigen und völlig haltlosen Anschuldigen. Wo ich nun aber einmal wach bin, versuche ich mich in der Landschaft aus gefühlt zehn Kilometern Höhe zu orientieren. Wälder, Seen, Flüsse und Felder sind mehr oder weniger chaotisch aneinander gereiht. Keine Chance hier durchzusehen, auch nicht mit der Unterstützung der KartenApp auf dem Handy. Wo sind wir? Die Antwort zu dieser Frage präsentiert uns der Flugkapitän, in dem er den kleinen Airbus um 14:50 Uhr auf dem Rollfeld des Flughafen Lech Walesa in Danzig aufsetzen lässt. Sämtliche Fragen zur aktuellen Position sind schlagartig beantwortet. Da wären wir also!
Das Flugzeug verlassen wir kurz darauf über die herangerollte Treppe, es geht weiter ins Terminal und wir landen bei den Gepäckbändern. Die Wartezeit wird genutzt den Bereich etwas genauer unter die Lupe zu nehmen. Hier stehen relativ viele Geldwechselautomaten herum, ohne dass sich ein Fluggast daran zu schaffen macht. Warum deckt sich keiner mit polnischem Bargeld ein? Wissen die Leute mehr als wir? Irgendeinen Sinn müssen diese Automaten schließlich haben. Weshalb stellt man hier sonst alle 25-30 Meter so ein Teil hin? Wir halten es jedenfalls wie die Antilopen an der Wasserstelle: Mit Abstand! Da könnten Krokodile drin sein!
Die Koffer sind noch immer nicht da. Also besuche ich das WC und werde mit Meeresrauschen und Möwengeschrei empfangen. Bei aller Willkommensfreude wirkt das doch etwas befremdlich. Ich mache mein Geschäft und suche schnell das Weite. Am Gebäckband hat sich inzwischen viel getan. Es halten sich inzwischen kaum noch Leute auf. Svens Koffer kommt als letzter aller Koffer auf uns zu und nun sind wir endlich bereit Danzig kennenzulernen.
In der Ankunftshalle wartet ein junger Mann und hält ein Schild „Boller“ vor der Brust. Offensichtlich ist das der Fahrer des Taxis, welches Sven geordert hatte. Nichts geht über gute alte generalstabsmäßige Planung. Sven hat definitiv ganze Arbeit geleistet. Ein Mercedes Benz Vito wartet ein paar Schritte außerhalb vom Terminal auf uns und das Gepäck. Wir nehmen im komfortablen Kleintransporter Platz und befinden uns nun auf der letzten Etappe unserer Anreise – der Fahrt zum Hotel.
Die Fahrt ist wenig spektakulär. Erst auf den letzten Metern ragte hier und da ein altes Backsteingebäude zwischen den langweiligen grauen Fassaden heraus. Ob wir all diese alten Häuser in den kommenden Tagen zu Gesicht bekommen werden? Ich bin mir ziemlich sicher. Nach einer halben Stunde Fahrt später erreichen wir das Scandic Hotel von Danzig. Das Hotel schaut ungewohnt aus. Beim Namen „Scandic“ habe ich direkt vielstöckige Welten aus Glas und Beton vor Augen, dazu meterhohe Neonreklame, die weit über die Stadt strahlt. Das ist hier in Danzig nicht der Fall. Dieses Scandic hat grad drei Etagen. Wenigstens ist eine Neonreklame vorhanden, wie ich nach kurzer Suche feststellen kann. Von der dritten Etage aus ist die Reichweite der Reklame jedoch bestenfalls auf den Bereich bis hinüber zum frisch restaurierten Bahnhof begrenzt.
Das Innere des Hotels bietet dem erstaunten Gast viel Platz. Die Rezeption befindet ein Fussballfeld entfernt vom Eingang. Beladen mit allem Gepäck rücken wir näher. Die Empfangsdame hinter der Tresen ist von unserem pompösen Erscheinen kein Stück beeindruckt. Weder von den beiden Svens, auch nicht von unseren vielen Koffern und leider auch nicht von den beiden amazonengleichen Geschöpfen mittendrin. Nein, diese Dame ist es gewohnt zu sagen wo es lang geht. Sie ist hier die Chefin im Ring. Es ist an der Zeit uns mit der Dame zu unterhalten. Das dürfte nicht einfach werden. Uns fehlt es nämlich an Dreistigkeit. Oder anders ausgedrückt: Sei ein typischer Deutscher und benimm Dich in fremden Gefilden so als wärst Du hier zu Hause. In diesem konkreten Fall bedeutet dies deutsch zu sprechen! Setze einfach voraus, dass der Angesprochene Dich irgendwie verstehen wird oder wenigstens will. Mach das Thema Verständigung zu seinem Problem. Klingt das dreist? Ein Deutscher mag hier verachtet werden, ein englisch sprechender Deutscher wirkt deutlich verachtenswerter. Bevor ich Sven warnen kann beginnt dieser mit der Anmeldung im besten English. Und schon haben wir es direkt verkackt. Sollte die Empfangsdame tatsächlich der deutschen Sprache mächtig sein, dann ist sie es nun nicht mehr. Egal wieviel Mühe ich mir gebe, die Zimmerbuchung mit Händen, Füssen und einigen Brocken Englisch kommunikativ zu regeln, Ihr Blick bleibt eiskalt. Ihre Antwort kommt im Befehlston über die Theke und schau an, tatsächlich bleiben ein paar Informationen hängen: Frühstückzeiten, Zimmerreinigung (es gibt nämlich keine) und das eminent wichtige WLAN-Kennwort.
Wir begeben uns schließlich auf den Weg ins Zimmer. Drittes Stock, also ganz oben. Einen Stadtrundgang von den Aufzügen entfernt befindet sich unser Zimmer. Mit einer Plastik-Karte öffnet man die Tür, dieselbe Karte braucht man, damit Licht und Steckdosen funktionieren. Ja, wir sind hier voll auf Höhe der Zeit. Die getrennte Betten sprechen allerdings eine andere Sprache und sind möglicherweise dem polnischen Staatskatholizismus geschuldet. Eine Dusche gibt es nicht, statt dessen lädt eine Badewanne zu Stunden der Entspannung ein. Ich glaube nicht, dass es in den kommenden tagen entspannende Momente geben wird. Und wenn doch, dann wohl eher irgendwo in der Fußgängerzone dieser Stadt unter einem Sonnenschirm und mit einem gut gekühlten Bier in der Hand.
Was gibt es sonst erwähnenswertes in diesem Zimmer? Es ist relativ eng, aber für fünf Übernachtungen völlig ausreichend. Wir haben noch Zeit, also wird kurz das TV-Programm gecheckt. Im Fernsehen gibt es zwischen vielen polnischen Sendern nur zwei deutsche Sender: RTL und NTV! Nein, die Polen mögen uns tatsächlich kein Stück!
Es ist an der Zeit durchzustarten. Dieser Tag ist schließlich noch jung! Die Sonnenbrille nimmt ihren gewohnten Platz auf der Nase ein und dann geht es runter in die Lobby. Doch warum die Hotelbar entern wo doch das Hotel doch eine ausgezeichnete Terrasse hat? So jedenfalls kommuniziert das Sven, wohl nicht ganz ohne Hintergedanken. Auf der Terrasse ist schließlich das Rauchen erlaubt. Ansonsten ist es dort wenig angenehm. Den enormen Lärm der Hauptstraße und die überaus sommerlichen Temperaturen kann man kaum ignorieren. Gegen die hochsommerliche Sonne schützt uns ein Sonnenschirm (und ein wenig meine Sonnenbrille). Gegen den Lärm sind wir hingegen machtlos.
Zur Hitze des Nachmittags gesellen sich essentielle Fragen: Wie heißt Hefeweizen auf polnisch? Wie bezeichnet man hier die Blubberbläschen im Wasser? Und hey, warum lässt sich hier auf der Terrasse keine Bedienung sehen. Vor einigen Minuten kurvte noch eine Hotelangestellte im Slalomstil von Tisch zu Tisch und räumte hier und da auf. Beinahe provokant ignorierte sie den Tisch mit den vier merkwürdigen Deutschen, die sich ohne vorher zu fragen den schattigsten Platz auf der Terrasse sicherten. Was bleibt uns anderes übrig, als dass sich beide Svens an die Bar begeben, um dort die polnische Übersetzung von Wasser mit Bubbles und Weißbier in Erfahrung zu bringen. Man glaubt es kaum - diese erste Schlacht geht an uns. Wir bestellen tatsächlich die gewünschten Getränke. Die Aussprache der polnisches Bezeichnung für Hefeweizenbier, nämlich „Piwo pszeniczne“ bleibt uns natürlich ein Geheimnis, eines, dass mit zunehmender Anzahl konsumierter Weißbiere immer unaussprechlicher wird.
Mit Getränken bewaffnet kehren wir auf die sonnenüberflutete Terrasse zurück. Nach einem weiteren Bier flüchten wir endlich vor Lärm und Sonnenbrandgefahr ins Innere des Hotelrestaurants und erfreuten uns hier einer Bedienung. Seit dem Frühstück in Witterschlick ist viel Zeit vergangen und so gilt es etwas gegen das aufkommende Hungergefühl zu unternehmen. Die Karte im Hotelrestaurant ist nicht unbedingt üppig, reicht aber für unsere Ansprüche. Wir stärken uns durchaus und machen dann Danzig unsere Aufwartung.
Als lupenreine Deutsche benötigen wir natürlich erst einmal Bargeld. Bargeldlose Zahlweisen gibt es sicherlich auch in Polen. Doch da wo wir herkommen, ist das Vertrauen in ein bargeldloses Leben nur spärlich vorhanden. Nein, ohne ein prall gefülltes Portemonnaise sind wir nicht wir selbst. Wir entdecken einen Bankautomaten und nehmen diesen direkt in Beschlag. Es benötigt eine kurze Orientierung und dann wird der Bankautomaten halbwegs zielorientiert bedient. Der Automat bedankt sich mit tausend Zloty. Cash. Nur Bares ist schließlich Wahres! Nun sind wir startklar.
Erst einmal muss man mit der eigenwilligen Stadtgliederung klarkommen. Danzig ist anders gewachsen als so manche andere europäische Großstadt. Das liegt daran, dass Danzig einst aus mehreren Siedlungen bestand, die unabhängig von einander sogar das Stadtrecht besaßen. Die Danziger „Altstadt“, an der unser Hotel grenzt, war stets das Zuhause vieler Handwerkerfamilien und befindet sich außerhalb der Stadtmauern. Die Reste der heutigen Stadtmauer umschließen noch immer die mächtigere „Rechtstadt“, der Heimat der Kaufmannsfamilien. Die Danziger Rechtstadt war schon frühzeitig Hansestadt und wird wahrscheinlich aus diesem Grund „Hauptstadt“ genannt wird. Dann gab noch die „Jungstadt“ und das „Hakelwerk“ und inzwischen viele weitere Stadtteile, die hier nicht weiter von Belang sind. Erwähnenswert ist auch die Speicherinsel, die sich zwischen den Flussarmen der Moltawa befindet und zur Rechtstadt zählt. Soviel also kurz zur Gliederung dieser Stadt.
Wir befinden uns also in der Altstadt und bewegen uns auf dem Weg ins Zentrum auf eine alte Mühle zu, einem ungeheuren großen Backsteinbau, der wenig mit dem klassischen Bild einer Wassermühle gemein hat. Aber genau das war sie lange Zeit bis sie 1945 außer Betrieb gestellt wurde. Einst sollen hier 18 Wasserräder die Mühle angetrieben haben. Das heute im Inneren befindliche Bernsteinmuseum ist ein Fall für Schlechtwettertage. Da mit einem solchen kaum zu rechnen ist, ist ein Besuch des Museums durch uns unwahrscheinlich.
Gegenüber der Mühle befindet sich die Katharinenkirche, welche bis 1945 eine evangelische Kirchengemeinde beherbergte und nach dem Krieg zu einem katholischen Gotteshaus umfunktioniert wurde. Nach interessanter als die Kirchengeschichte ist ein Verkaufsstand rechts (Esthers Meinung) bzw. links (meine Meinung) vom Kircheneingang. Für Leute, die ähnliche Probleme mit einer Links-Rechts-Schwäche haben wie ich, wäre ein kurzes Schulterzucken für eine solche Situation eine durchaus angemessene Reaktion. Dort, also direkt neben der Kirche, steht ein Verkaufsstand für Eis, Waffeln und anderen verdammt süßen Geschichten, die unsere Aufmerksamkeit vollends in Beschlag nehmen. Hier gibt es Baumstrietzel, die mich schon oft anlachten und aufgrund meiner schlanken Linie stets von mir ignoriert wurden. Aber nicht heute! Karin und Esther gönnen sich ein Eis, meinereiner bestellt sich einen Strietzel und darf erstmal warten. Gut Ding will Weile haben. Als Dank für meine Geduld schmeckt der mit Zucker und Zimt bedeckte Baumstrietzel richtig gut. Zum Niederknien.
Auf dem Weg ins touristische Herz Danzigs kommen wir an der alten und architektonisch sehr schicken Markthalle vorbei und betreten damit die Rechtstadt. Augenblicklich ändert sich das Aussehen der Fassaden. Eben bestimmten noch vereinzelte alte Backsteingemäuer zwischen moderneren Bauten die Optik der Stadt. Nun betreten wir die Welt der alten Kaufmannshäuser, deren alte Fassaden durchweg farblich verschieden sind. Ziemlich beeindruckend, auch wenn man besser nicht zu genau hinschaut wenn man keinen bröckelnden Putz sehen mag.
Entlang der Ziegengasse wandeln wir an einer Vielzahl von Restaurants vorbei (die wir sicherlich allesamt besuchen werden) und gelangen zur wichtigsten Strasse der Stadt - der Langgasse. Hier also tobt das touristische Leben. Wir nehmen im erstbesten Vorgarten eines Restaurants, dem „Kozlovna Zlota Brama“, Platz und versuchen erneut unser Glück bei Bestellen der Getränke. Mit deutsch kommen wir kein Stück voran und polnisch versuchen wir erst gar nicht. Außer woda und gaz hätte ich auch nichts zustande gebracht und ob das russische „Spazibo“ hier in Polen als Wort des Dankes gern gehört wird, möchte ich gar nicht erst herausfinden. Also bleib nur die englische Sprache zur Verständigung. So sitzen wir im „Kozlovna Zlota Brama“ unmittelbar am Goldenen Tor und beobachten die vorbeischlendernden Menschen in der einbrechende Dämmerung. Viele der Urlauben und Passanten, die ziellos die lange Straße auf und ab flanieren, tun dies mit einem Eis in der Hand. Das in unseren Breiten bekannte Softeis ist genauso vertreten wie auch ein ungewöhnlich geformtes Eis. Schmaler, dafür aber mindestens doppelt bis dreimal so hoch wie das uns bekannte Softeis füllt es das übliche Waffelhörnchen. Nun, unsere Neugier ist geweckt. Wie heißt es? Wo gibt es das Eis? Und wer ist der Mutige, der sich im Namen der Wissenschaft opfert und bei nächster Gelegenheit ein solches Eis testet?
Wir zahlen. Gut, Sven zahlt, aber unser System des „heute zahle ich, morgen Du“ gleicht am Ende wieder alles aus. Dazu nutzen wir eine Smartphone-App, die mit allen in Frage kommenden Rechnungen gefüttert die Kosten brüderlich teilt. Wer natürlich ganz spendabel mal einen raushauen möchte, der ignoriert die App das eine mal.
Der Tag war lang. Auf einen romantischen Spaziergang durch Danzig bei Nacht hat keiner wirklich Lust. Der direkte Rückweg zum Hotel muss es aber auch nicht sein. Also schlendern wir noch einige Schritte die Langgasse entlang in Richtung Rathaus. Die Straßenbeleuchtung taucht alles in ein ziemlich weihnachtliches Licht - und das Ende Mai. Ortskenntnis vortäuschend gehen wir einige Nebengassen entlang und gelangen auf diese Weise zum Hotel zurück. Am Scandic-Hotel eingetroffen gönnen sich Esther und Sven im Raucherbereich vor dem Hoteleingang einen weiteren Glimmstengel. Alleine aufs Zimmer möchte ich nicht, herumstehen und den beiden beim Nikotineinatmen beobachten ist auch nicht mein Ding. Also verabschiede ich mich kurz und schaue mir die Gegend um frisch sanierten Bahnhof und gebe ein paar Winkzeichen hinüber zu den Nikotin-Junkies, die jedoch nicht erwidert werden.
Die Bar in der Hotel-Lobby ignorierend geht es direkt hinauf auf das Hotelzimmer. Es wird kurz geprüft, ob sich das TV-Angebot zum Besseren geändert hat. Natürlich nicht! Wie zu erwarten war, wird das deutsche Hochwert-TV weiterhin ausschließlich von RTL und NTV vertreten. Da braucht es keine weitere Motivation, das Fernsehgerät direkt wieder auszuschalten und stattdessen aufmerksam zu lauschen, wovon das Kopfkissen berichtet.