Tag 1 | Einmal Danzig – Kolberg und zurück | Tag 3
Morgens um halb acht treiben uns arg nervige Geräusche aus dem Bett. Verdammtes Smartphone! Unser Urlaub beginnt mit einem Handy-Alarm, es folgen knallhart terminierte Events wie Frühstück und kaum eine Stunde später um Punkt zehn Uhr folgt die von Sven angekündigte Überraschung. Welche Überraschung? Bei wichtigen Terminen und langfristigen Planungen beschleicht mich hin und wieder ein Anflug von Alzheimer. Man wird wohl nicht jünger. Seit einigen Tagen grüble ich, was er da ausgeheckt hat. Dabei bin ich mir sicher, dass wir sicher drüber gesprochen haben. Ganz bestimmt sogar. Aber keine Chance, es ist wie weggeblasen. Ich sehe es positiv – jeder kleine Gedächtnisverlust für neue Überraschungen. Was also auch immer gleich passieren wird, ich habe keinen blassen Schimmer. Wie aufregend!
Das Wetter verheißt einen schönen Tag, ganz wie der Wetterbericht es seit Tagen prophezeit hat. Während in weiten Teilen Deutschlands Landunter herrscht, scheint hier die Sonne. „Wenn Engel reisen“ sag ich nur. Denn dass wir in Bezug auf gutes Ausflugswetter ausgewiesene Engel sind, daran besteht kein Zweifel. In kurzen Klamotten fahren wir mit dem Fahrstuhl ins Erdgeschoss und betreten das Restaurant.
Hier wird also gefrühstückt. Ein Fakt den man nicht einfach so stehen lassen kann. Um das Hotelfrühstück ranken sich viele Mythen. Dem modernen Ambiente im Pariser Hotel stand im Prag der gute alte sozialistische Charme einer Kinderferienlagerspeisung gegenüber. In München, Brügge und Münster übernachteten wir in kleinen Hotels, entsprechend unter sich war man beim Frühstück. Meistens waren Karin und Sven lange vor uns beim Frühstück, was nicht heißen soll, dass wir unpünktlich waren. Jedes Frühstück hatte seine kleinen und manchmal auch großen Besonderheiten. Sven hat jedes mal ein gutes Händchen bei der Wahl des Hotel gezeigt. Wie schaut es nun hier aus?
Mit einem Teller bewaffnet nähere ich mich dem weit ausladenden Buffet. Neben den Klassikern des Frühstücksbuffets wie Rührei, vielen Müslis und gebratenem Speck werden auch viele andere Leckereien angeboten. All dies wiederzugeben fehlt mir der Mut und ein fotografisches Gedächtnis. Aber ich erinnere mich an Bratwurststücken in zerlassenen Zwiebeln. Ich war versucht mich direkt in die Schüssel zu legen, um so einfach mehr Zeit mit dieser Delikatesse zu verbringen. Dann waren da noch die Pancakes. Eine jede Verwendung von Ahornsirup, Marmelade oder anderem zuckerhaltigen Unfug wäre eine Bagatelle. Bereits pur sind die Pancakes ein Leckerbissen. Gemüsesalate, Oliven und Schafskäse, sowie viele Säfte - die Auswahl ist überraschend groß. Sollte man dieses Frühstück bewerten, dann wäre die Höchstpunktzahl durchaus angebracht. Das schönste: Auf uns warten noch vier weitere Frühstücksbuffets bis zu unserer Abreise im Scandic. Die Bollers hatten sogar das Privileg zwei Tage länger hier im Hotel zu verbringen und kommen somit auf zwei weitere Frühstücke. Diese Glücklichen!
Trotz aller Vergesslichkeit habe ich unseren 10 Uhr-Termin nicht vergessen. Nun ist es 10 Uhr und ich werde in wenigen Momenten erfahren, was passieren wird. Während Karin und ich den beiden Rauchern vor dem Hoteleingang beistehen, nähert sich ein junger Mann, der entweder Vollzeit-Urlauber oder Touristenführer ist. Und dann war alles klar, die Erinnerung kam schlagartig zurück: Unser streng geheimer Termin ist eine Stadtrundfahrt durch Danzig.
Die Tour durch Danzigs Gassen erfolgt in einem überdimensionalen Golfwagen, einer wahren Stretchlimosine untern den Golfmobilen. Hier hat nicht nur der Golfspieler, sein Geschäftspartner und auf der Rückbank die Taschenträger Platz. Hier passen acht Leute rein, die es recht bequem haben, wenn sie ihre Golftaschen daheim lassen. Das Gefährt wird elektrisch betrieben und fährt sogar dann noch gerade aus, wenn sich der Stadtführer gefühlt eine Ewigkeit zu uns umschaut, statt auf den Verkehr zu achten. Ihm bleibt auch nichts anderes übrig, weil er wirklich viele Geschichten zu erzählen weiß und dabei seine Fahrgäste lieber anschaut als die Straße. Das hat dann auch unfallfrei funktioniert, also wird das schon seine Richtigkeit haben.
Meiner Meinung nach machen Stadtrundfahrten am Start eines Städtetrips wenig Sinn. Zu Beginn der Fahrt lauscht man neugierig den Worten des Guides, folgt seinem ausgestreckten Zeigefinger und freut sich über jede kleine Anekdote. Doch schon schnell setzt eine gewisse Reizüberflutung ein. Es gibt halt einen schnellen Überblick über markanten Ecken der Stadt und die eine oder andere Info bleibt hängen. Dennoch erwischt man sich dabei nicht mehr ganz bei der Sache zu sein und ausgerechnet jetzt stellt der Touri-Führer irgendwelche Fragen und schaut einen auch noch direkt an. Die Ausrede, man versteht den Guide nicht, zieht nicht wirklich. Der junge Mann spricht nämlich ein ganz gutes Deutsch. Man kann sich stumm stellen und sich über die Zeit retten. Man kann sich auch einfach seitlich vom Auto plumpsen lassen. Das ist nicht ganz schmerzfrei, aber die vorherige Situation ist überstanden. Wie auch immer, wir halten uns im Text viel zu lange mit unwichtigen Sachen auf. Lasst uns endlich die Rundfahrt beginnen.
Die ersten Infos gibt es zum gerade erst renovierten Bahnhof. Unser Guide entpuppt sich als großer Kenner der Architektur Mitteleuropas, in dem er die zwei anderen Bahnhöfe irgendwo westlich der Oder aufzählt, die vom selben Baumeister im Stile der Neurenaissance errichtet wurden. Wir sind noch immer nicht losgefahren, da wir in Sichtweite des Bahnhofs stehen. Dann aber setzt sich das Mobil in Bewegung und bringt uns recht überraschend nicht auf direkten Weg in die altehrwürdigen Ecken Danzigs. Im Gegenteil, wir besuchen eine nahe gelegene Werft und bleiben vor dem Fabriktor stehen. Linkerhand von uns wächst eine hohe Säule aus dem Boden eines großen Platzes. Dieses „Pomnik Poległych Stoczniowców 1970“ benannte Denkmal steht hier seit 1980 zum Andenken an die mindestens 42 getöteten Menschen beim Aufstand im Dezember 1970. Die Einfahrt zur Werft ist noch im Original erhalten, von der Werft selbst ist nicht mehr so viel erhalten. Hier nahm die Solidarnocs-Bewegung ihren Anfang und nicht wenige meinen, dass hier ebenfalls der Beginn des Falles der Berliner Mauer zu suchen ist. Bevor ich mich hier aber in einen Vortrag über die gesellschaftliche und persönlicher Wahrnehmung politischer Ereignisse verrenne, lasse ich den Guide sein Gefährt wenden. Nun geht es tatsächlich ins touristische Epizentrum dieser alten wie auch schönen Stadt.
Die Altstadt zeigt sich sehr grün, schließlich wurde hier nach der beinahe völligen Zerstörung Danzigs im zweiten Weltkrieg nur wenig wieder ausgebaut. Als wir am Rathaus der Altstadt vorbeifahren, zeit unser Stadtführer auf einen weißen Fiat 500 und erklärt, dass dies das Auto der Bürgermeisterin ist. An der Brigittenkirche gibt es weitere Informationen zu Solidarnosc, zum Papst und viel Bernstein, aber dazu kommen wir an späterer Stelle noch etwas detaillierter.
Und so hangeln wir uns gefühlt von Kirche zu Kirche, bekommen einen Einblick in Baugeschichte der alten Stadt und irgendwann spendierte Getränke. Etwas Enttäuschung meine ich im Gesicht des Guides entdeckt zu haben, als die Runde geschlossen Mineralwasser bestellt. Für Alkohol war ist es im Moment noch zu früh, es ist schließlich noch nicht einmal Mittag. Da muss er halt durch. Nicht uninteressant fand ich die Anmerkungen zu einem der größten Volksstämmen neben den Polen in diesem Land - den Kaschuben. Diese siedeln überwiegend hier in Pommern, haben ihre eigene Sprache und Traditionen bis in die heutige Zeit erhalten und sehen Danzig als ihre Hauptstadt an. Die kaschubische Sprache enthält einiges an deutschem Sprachgut, das Wort Frühstück gehört trotz der zwei „ü“ dazu. Kaschubisch wird vielerorts an den Schulen vermittelt, schließlich nutzen heute über einhunderttausend Kaschuben diese als Umgangssprache. Die Kaschuben verstehen es außerdem ein ganz ordentliches Bier zu brauen. Unseres polnischer Stadtführer ist gerade erst in eine Kaschubische Familie hinein geheiratet, so dass er das kaschubische Leben aus erster Hand miterlebt. Als wir kurz darauf tatsächlich seiner Frau begegnen, die wie er auch Stadtführerin ist, komme ich mit all meinen Vorurteilen nicht mehr hinterher. Sie ist dunkelhäutig und das in einem recht ausländerfeindlichen und nationalistisch geführten Land. Ist etwa alles falsch, was ich bislang in den deutschen Medien über Polen gehört habe?
Nach einem Vortrag über die Bausünden der Sowjets fahren wir am Goldenen Tor sowie am historischen Sitz der Geheimpolizei vorbei. Egal wer auch immer das Sagen in Danzig hatte, sein „Secret Service“ fand in diesem Gebäude stets eine gute Bleibe. Wie schon in Prag lässt auch dieser lokale Touristenführer kein sozialistische Vergangenheit in keinem guten Licht stehen. Aus Überzeugung? Oder weil der deutsche Tourist das genau so hören möchte? Letztendlich war es dieses stetige Fluchen auf die Sowjets, was mein Interesse an dieser Führung zunehmend schwinden lässt.
Doch jede Stadtführung hat einmal ein Ende und unsere endet gerade auf dem Langen Markt, da wo man touristischen Puls dieser Stadt am deutlichsten spürt. Hier landet irgendwann jeder, der der Anziehung der alten Hansestadt erlegen ist. Wie lupenreine Touristen benehmen wir uns nun auch. Der erstbeste Souvenirladen wird im Sturm eingenommen. Wir gehen auf die Sache nach dem ganz besonderen Mitbringsel, konkret nach einem möglichst stylischen Magneten für unsere Magnetsammlung am heimischen Kühlschrank sowie einer Kleinigkeit fürs liebe Kind anlässlich des in Kürze stattfindenden Kindertages. Das Angebot ist auch vielversprechend. Von kleinen Fläschchen mit Bernsteinkrümeln, Kühlschrankmagneten bis hin zu Glasquadern, in denen berühmte Gebäude der Stadt gelasert sind, die Entscheidung wird einem hier nicht leicht gemacht. Wir kommen klar, werden fündig und eine Menge Geld los.
Nur ein paar Schritte entfernt vom Souvenirladen befindet sich der berühmte Neptunbrunnen und um nicht negativ aufzufallen, stellen wir uns davor und machen Selfies. Der Brunnen hat an und für sich nichts umwerfend besonderes, sagt der Kunstbanause in mir. Schick und imposant, aber am Ende doch nur ein Springbrunnen. Irgendwer hat einer der Nixen ein kitschiges Glitzerkettchen um den Kopf gelegt, was - gewollt oder nicht - tatsächlich richtig schick aussieht. Für einen Montag Morgen ist viel los. Touristenführer mit ihren Gruppen schlendern über den Markt und Sven bemerkt, dass viele der Touristen von einem der vielen Kreuzfahrtschiffe stammen, die auf ihrer Ostseekreuzfahrt Danzig ansteuern.
Hier auf dem Markt sind die Hausfassaden noch einmal eindrucksvoller als in den vielen Straßen der Altstadt, wo nicht selten der Putz am Bröckeln ist. Wenn man bedenkt, dass nach dem zweiten Weltkrieg hier absolut nichts mehr stand, um so mehr ist man beeindruckt, dass die Fassaden sehr authentisch wirken. Als würden sie schon seit Jahrhunderten die Gassen der Rechtstadt verschönern. Unsere Selfies am Neptunbrunnen sind längst im Kasten und deshalb kann es nun auch weiter gehen. Warum hier lange verweilen, wo es anderorts noch soviel zu entdecken gibt?
Doch wohin soll es als nächstes gehen? Die Lange Gasse kennen wir schon von gestern, kleinere Gassen rechts und links vom Markt heben wir uns für später auf. Bleibt also noch die Tour quer über den Langen Markt zum Grünen Tor. Das Grüne Tor ist kein klassisches Stadttor, sondern der Zugang zur Speicherstadt inmitten der Seitenarme der Motlawa, auf deutsch Mottlau. Die Mottlau ist ein Seitenarm der Toten Weichsel, die zu den vielen Flussläufen im Weichseldelta gehört. Auf der anderen Seite des Grünen Tores erwartet uns viele andere Besucher der Stadt eine Baustelle, die den Durchgang erheblich eingeschränkt. Das auf diese Art erzeugte Gedränge ist alles andere als angenehm, so dass wir aus dem Besucherstrom nach links ausbrechen und den altertümlichen Fassaden am Rande der Mottlau ein gutes Stück folgen. Bereits am nächsten Tor, dem Frauentor kehren wir der Mottlau den Rücken zu.
Hier beginnt die Frauengasse, auf polnisch Mariacka oder wie wir sie betitelt haben: Die Bernsteingasse. In der Frauengasse reihen sich viele Bernsteinboutiken aneinander. Charmante Stände mit verschiedensten Schmuckutensilien stehen direkt vor kleinen Schmuckläden in den Kellern der Gebäude und warten auf gut betuchte Touristen. Bernstein hat die Stadt, nein, die halbe Ostseeküste reich gemacht. Und allen Anschein nach hat der Bernstein bis heute noch nichts an seiner Faszination verloren. Wir sind jedoch eher neugierig als zahlungswillig und folgen der Frauengasse bis zur Marienkirche. Die Marienkirche ist ein gewaltiger Backsteinbau, den wir an den kommenden Tagen mit ziemlicher Sicherheit auch von innen in Augenschein nehmen werden. Doch für den Moment reicht der Anblick von außen.
Vorsorglich stellen wir fest, dass eine Pause inzwischen angebracht ist. Die Fehler früherer Städtetrips müssen nicht unbedingt wiederholt werden, in dem wir solange laufen wie uns die Füße tragen. Der Tag ist noch jung und wer weiß, was heute noch auf uns wartet. Wir werfen den Anker aus, die darauffolgende Vollbremsung platziert uns auf die Plätze eines kleinen italienischen Straßencafés, dem „Mono Kitchen“ in der Brotbänkengasse an der Marienkirche.
Wir trinken dort eine Kleinigkeit und schauen dabei Arbeitern beim Verlegen von Glasfaserkabeln zu. In aller gegebenen Ruhe führen diese ihre Tätigkeiten aus. Das ist auch gut so. Niemand belästigt uns mit übertriebenem Aktionismus oder gar stressiger Betriebsamkeit. Unser Gespräch wechselt von Glasfaserverlegearbeiten zu einem legendären Bewohner dieser Stadt – Daniel Fahrenheit. Der gute Mann hatte einst ein paar bahnbrechende Ideen bezüglich der Messung der Temperatur und erfand die Fahrenheit-Skala, die auch heute noch in vielen Ländern Anwendung findet. Bei diesem berühmten Sohn der Stadt sollte man meinen, dass die Straßen über und über mit Fahrenheit-Denkmälern übersät sein müsste. Nach dem Krieg ist allerdings nicht viel davon übrig gelassen. Nach kurzer Recherche entdecken wir in Google Maps ein Fahrenheit-Denkmal irgendwo in den Gassen um den Langen Markt herum. Natürlich lassen wir uns nicht von einem profanen „Irgendwo“ erschrecken. Wir erkennen die Herausforderung, malträtieren die Karten-Apps unserer Smartphones und bekommen schließlich einen ziemlich genauen Standort präsentiert. Es ist fast schon zu einfach.
Wir trinken aus, zahlen und kurz darauf stehen Karin, Esther, Sven und ich vor dem „Denkmal“ - einem Glaskasten, der ausschaut, als wäre er gerade erst aus einem Museum für Altertumsforschung entwendet worden. Darin eine Apparatur, ein Messgerät, das die aktuelle Temperatur in Grad Fahrenheit ausgibt. Nun, es gibt Grad Fahrenheit, es gibt Grad Celsius, es gibt Kelvin und noch einige mehr. Damit soll es uns möglich sein, auf einem Thermometer abzulesen, bei welcher Temperatur einem warm oder kalt ist. Hätten jene Wissenschaftler jedoch meine Frau kennengelernt, sie hätten ihren Forscherdrang aufgegeben. Meiner Frau ist fast immer kalt, egal bei welchen Temperaturen. Wozu braucht es da eine Temperaturskala?
Und damit genug zu diesem Thema. Wobei, ein Wort zum aktuellen Wetter ist an dieser Stelle durchaus angebracht. Die Sonne scheint, wir haben über zwanzig Grad - es ist wie so oft, wenn die Familien Boller und Wusch einen Ausflug wagen. Diese frühsommerlichen Temperaturen sind sehr willkommen und laden zum Eisessen ein. Eisessen? Da war doch noch etwas! Die Erinnerung an ein eigentümlich geformtes Eis am gestrigen Abend kehrt zurück..
Wir entdecken eine Eisdiele in der Langen Gasse. Sven gibt ein Softeis aus wählt aus dem Angebot leider nicht das merkwürdig geformte Eis von gestern aus sondern ein ganz normales Softeis. Vielleicht hätten wir fragen sollen. Vielleicht könnte der Aushang mit dem Eisangebot etwas, nun, verständlicher sein können. Das Ende vom Lied: Sven ist über seine falsche Wahl recht empört und lässt sich rein aus Prinzip in den folgenden Tagen kein Eis ausgeben. Natürlich sagt er dies nicht laut und trägt seine Entrüstung mit Fassung. Ein paar Witze über's Bekleckern finde ich gerade ganz angebracht und erwarte nun fast schon, dass Esthers ihr Shirt wie so oft mit Eis bekleckert. Aber es kommt anders. Irgendein übereifriger Gott der Schadenfreude sorgt dafür, dass meine Eiswaffel unten undicht ist. Blöd gelaufen, nun hab ich ein bekleckertes T-Shirt. Wer den Schaden hat braucht für den Spott nicht zu sorgen. Zu meinem Glück steht auf unserem von Spontanität geprägtem Tagesplan die Rückkehr ins Hotel an. Der viele Sauerstoff an diesem Vormittag sorgt für Müdigkeit, der mit einem kleinen Mittagsschläfchen in die Schranken verwiesen werden soll. Also lege ich mich im Hotelzimmer auf die Couch und tausche aktive Lebenszeit gegen erholsamen Schlaf.
Frisch ausgeruht geht's wieder auf die Piste. Ein leichtes Hungergefühl macht sich im Magen breit und Dank unserer gestrigen Erkundungstour wissen wir, wo es leckeres Essen gibt. Entlang von Ziegengasse und der Langen Gasse befinden sich dutzende Restaurants aller möglichen Geschmacks- und Preisrichtungen. So jedenfalls denken die beiden Svens. Karin und ihr druckfrischer Danzig-Reiseführer sind allerdings völlig anderer Meinung. Und damit haben beide auch noch Recht: Möchte eine Stadt von seiner besten kulinarischen Seite kennenlernen, so genügt es nicht das erstbeste Restaurant in der Fußgängerzone aufzusuchen. Es gibt schließlich einen guten Grund, weshalb Reiseführer recht häufig mit einer Kategorie „Gastronomische Geheimtipps“ glänzen.
Das intensive Studium des Reiseführers trifft auf die Ungeduld der durstigem männlichen Teils unserer kleinen Reisegruppe. In Danzig gibt es so viel zu erkunden - da ist überhaupt keine Zeit Karin beim Vorlesen der Informationen über Kneipen, Restaurants und Bistros dieser Stadt zu lauschen. Karin wiederum findet das von beiden Svens etwas zu offen vorgebrachte Desinteresse an ihren Ausführungen wenig erbaulich und schmollt. Esther überlegt kurz und schmollt solidarisch mit. Welch Dilemma!
Um dieser recht erfolglosen Restaurantsuche zu entfliehen, folgen wir fürs erste einem Tipp aus Esthers Stadtführer. In diesem werden die Markthallen angepriesen, insbesondere ein ganz besonderer Süßigkeitenstand. Über die Markthallen hatte unser Cityguide bei der Stadtrundfahrt bereits wenig positives erwähnt. Und tatsächlich: Die Realität ist recht ernüchternd. Läden mit Billigbekleidung und Fleischertheken können wir entdecken, von Süßigkeiten jedoch keine Spur. Die Architektur der Halle ist allerdings recht beeindruckend. Somit könnte man die Markthalle als Beispiel für den gesamten touristischen Innenstadtbereich stehen. Die Fassaden der Rechtstadt etwa sind wunderhübsch, haben aber wenig mit dem, was sich hinter der Fassade verbirgt gemein.
Wir streifen ziellos in Richtung Zentrum und machen in einem kleinen Park mit dem Namen „Skwer Świętopełka Wielkiego“ (Park Swantopolk der Große) halt, der Bänke, Schatten und viel Grün bietet. Es werden Fotos gemacht, die Statue von Swantopolk dem Großen begutachtet und als das Kindergekreische überhand nimmt, ziehen wir weiter. Am unteren Ende der Heiliggeistgasse kehren wir in einen kleinen Biergarten ein, trinken eine Kleinigkeit und lauschen Karins Worten über die Gastronomie Danzigs. Der Fischmarkt wird als Ziel ausgerufen. Über einige Quergassen gelangen wir schließlich wieder ans Ufer der Mottlau. Wie es sich für eine Hafenstadt gehört, ankern hier viele Schiffe wie Nachbauten alter Dreimaster. Linienschiffe haben hier ihre Anlegestellen. Am Fischmarkt gibt es mannigfaltige Lokalitäten, ein schickes Karussell und den Schwanenturm. Nur ein paar Meter weiter befindet sich das das Restaurant „Kubicki“ am Rähmtor.
Das Fischrestaurant ist gerade gut besucht, weshalb man uns temporär in einer unscheinbaren Ecke direkt an der Hausfassade platziert. Doch lange dauert es nicht, da bekommen wir einen Tisch zugewiesen, der einen guten Blick über ein paar der Sehenswürdigkeiten Danzigs bietet. Unser Tisch wackelt etwas, aber das bekommen wir schnell in den Griff und widmen dann unsere Aufmerksamkeit der Umgebung. Gegenüber liegt die Polnische Philharmonie, die laut Stadtführer in den Mauern eines Kohlekraftwerk errichtet wurde. Davor befindet sich der Schriftzug „Gdansk“ - das ultimative Motiv für alle, die gerne Selfies machen. So wie wir. Soviel sei allerdings verraten: Es wird keine Selfies von uns an dieser Stelle geben, weil wir es in den verbleibenden Tagen nicht schaffen hierher noch einmal zurückzukehren. Gut, es gibt schlimmeres.
Das Essen im „Kubicki“ ist sensationell. Sollte ich irgendwann Vorteile gegenüber der polnischen Küche geäußert haben, dann gelten diese ab sofort als widerlegt! Es gibt natürlich Fisch, den dann aber in verschiedenen Varianten, so dass jeder etwas anderes auf den Teller bekommt. Kulinarisch war das erste Sahne und finanziell noch immer ein Schenkelklopfer im Vergleich zu deutschen Restaurants in vergleichbarer Lage und mit vergleichbarer Qualität auf dem Teller. Freundliche Bedienung und wohltemperierte Getränke - hier passt alles.
Nicht weit vom Restaurant Kubicki befindet sich eine sehenswerte moderne Klappbrücke. Zu unserer Freude ist die Brücke genau in dem Moment benutzbar, als wir davor stehen. Zuvor war sie recht lange Zeit offen, so dass einige Schiffe an die Anlegestellen am Fischmarkt fahren konnten. Auf der anderen Seite der Brücke erhebt sich das Riesenrad „Amber Sky“.
Esther fährt kein Riesenrad weil sie Mitleid mit ihrem Mann und seiner Höhenangst hat. Wenn sie fahren würde, dann müsste der arme Trottel nämlich mit und das könnte unschöne Folgen für beide haben. Das interessiert Karins Sven allerdings wenig. Er sagt also zum anderen Sven „Komm, wir fahren eine Runde Riesenrad, ich gebe Dir die Fahrt aus!“ Nun, nicht das Eintrittsgeld lies mich rund vier Jahrzehnte Riesenräder meiden. Doch heute, mit dem angetrunkenen Mut dreier Hefeweizen schaut die Lage ganz anders aus. Von einer Akrophobie bzw. Höhenangst will ich am Eingang zum Riesenrad überhaupt nichts wissen. So etwas lässt sich bestimmt wegignorieren. So etwas kann allerdings auch recht dumm enden.
Aufgrund unseres leicht angetrunkenen Zustandes besteht die Dame an der Kasse auf Cash. Damit bremst sie uns nicht aus. Nicht heute! Die Kabine hält einladend vor uns und heißt uns einen Moment später auch schon Willkommen. Der Andrang am Eingang ist überschaubar bis nicht vorhanden, was unsere Wartezeit deutlich verkürzt. Das Riesenrad beginnt sich zu drehen und etwa eine viertel Umdrehung überlege ich leicht panisch, was verdammt noch mal ich in dieser Gondel verloren habe. Dann aber dreht sich meine Gefühlslage um exakt 180 Grad. Fortan genieße ich die Aussicht über Danzig für den Rest unserer Fahrt mit dem Riesenrad. Die Marienkirche hebt sich gewaltig vom Rest der Innenstadt ab, Rund 15 Minuten beziehungsweise vier Umdrehungen später spuckt sie uns wieder gesund und munter aus.
Die Dämmerung hat inzwischen deutlich eingesetzt. Es ist an der Zeit den Rückweg zum Hotel anzutreten. Dieser beginnt mit dem Überqueren der bereits erwähnten Fußgängerbrücke und endet bereits gegenüber an einer Eisdiele. Hier nun finden wir heraus, dass das ominöse Eis „Twister“ heißt und bestellen drei davon. Sven verzichtet. Dieses Eis hat eine deutlich festere Konsistenz als unser bekanntes Softeis. Diese Festigkeit wird möglicherweise durch Zugabe von sehr fettiger Sahne oder Butter erreicht. Was auffällt - es gibt nur drei Sorten in jeweils drei unterschiedlichen Größen: Schoko, Vanille und Schoko-Vanille - aber kein Fruchteis. Daran wird sich während der ganzen Woche nichts ändern. Nur ganz am Rande und beinahe unerwähnt bleibt, dass Esther nun ihren Beitrag zum inoffiziellen Urlaubsmotto liefert: Kleckern statt Klotzen - natürlich aufs gute T-Shirt. Es ist zum Glück beinahe dunkel, so das die Flecken auf dem T-Shirt kaum auffallen.
Am Hotel eingetroffen genießt Sven noch eine Zigarette. Esther und ich schlendern hingegen gemeinsam hinüber zum Bahnhof. Dieser wird nun eingehend unter die Lupe genommen, Fahrpläne studiert und letztlich alles für sehr gut beachtet. So endet der erste komplette Tag in Danzig mit einer soliden Schrittanzahl von etwa fünfzehntausend und entsprechenden Schmerzen in den Füßen. Niemand verschwendet Gedanken an einen Besuch der Hotelbar, denn auch der nächste Tag wird es wohl in sich haben.