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Tag 3 | Einmal Danzig – Kolberg und zurück | Tag 5

Tag 4: Westerplatte

I

Dieser Tag beginnt bereits sehr früh nachts. Oder ist der alte Tag noch gar nicht vorbei? Wie auch immer man das einordnet, am Ende kommt man auf das selbe hinaus: Ich kann nicht schlafen. Bewegung und Sauerstoff gab es am vergangenen Tag genug. Wir waren beinahe ständig auf den Beinen und saßen selbst zu den Mahlzeiten an der frischen Luft. Also wenn man davon nicht müde wird. Und trotzdem liege ich wach im Bett. Trotz Verdunklungsgardinen fällt etwas Licht ins Zimmer. Es ist zu warm, doch die Klimaanlage macht zu viel Lärm beim Kühlen. Ein offenes Fenster lässt mehr Lärm aus frische Luft ins Zimmer. Zu warm, zu laut, zu viel am Vortag in Sopot erlebt - all das ergibt eine unangenehme Mischung, die meine Nacht zum Tage macht, ob ich das nun will oder nicht. Ich möchte das nicht. Doch was soll ich machen?

Esther schläft. Wenn man sie müde bekommt - und das ist bei unseren täglichen Pensum gar nicht so schwer - dann stört sie nichts in ihrem gesunden Schlaf. Ihr macht noch nicht einmal die Wärme etwas aus. Und so liege ich schlaflos in einem Danziger Hotelbett, grübele über höchst unwichtige Dinge und führe lautlos Zwiegespräche mit mir selbst. Dabei lauschte den nächtlichen Wortmeldungen der Magensäure, einer Diskussion, der ich stets mit dem Argument Kaisernatron ein Ende zu setzen versuche. Zum Glück ist diese Maßnahme meist von Erfolg gekrönt. So ärgerte mich im Stillen über zu viel Eis, zu viel Fleisch und vielleicht das eine oder andere Hopfengetränk…

Irgendwann ist auch diese Nacht Geschichte und überaus knurrig geht es hinunter in die Lobby zum Frühstück. Es wird ein weiter steiniger Weg einen halbwegs brauchbaren Start in diesen Tag zu bekommen. Der Rest unserer Reisegruppe spürt meine miesen Laune und lässt mich vorerst in Ruhe. Schließlich will niemand riskieren, dass ich ihm in die Nase beiße. Zwei Tassen Kaffee und ein leckeres Frühstück später bin ich dann endlich an diesem Mittwoch angekommen und nehme wieder am gemeinsamen Städtetrip teil. Bis ich jedoch ganz der Alte bin ist es längst Mittag.

Die zentrale Frage dieses Tages lautete: Wie kommen wir zum Autoverleiher am Flughafen? Mit der Bahn? Mit einem Taxi? Welche Möglichkeiten gibt es noch? Alle vier wollen gemeinsam das Auto abholen - soweit sind wir uns einig. Wenigstens etwas. Bis zum Abholtermin ist aber noch Zeit. Und die wollen wir für etwas Kultur verwenden.

Während der Stadtrundfahrt am Montag sind uns einige Gebäude in Erinnerung geblieben, die unbedingt einer eingehenderen Betrachtung unterzogen werden müssen. Gemeint sich zwei Kirchen, zum einen der Backsteinbrocken inmitten der Altstadt, die alles überragende Marienkirche. Und zum anderen die Kirche zur Heiligen Brigitte mit schillernder Solidarnosc-Vergangenheit und einem Altar aus Bernsteinspenden.

DanzigWir starten bei der letztgenannten Kirche. Da die Brigitta-Kirche zu sozialistischen Zeiten eine wesentliche Rolle in der Solidarnocz-Bewegung spielte, ist sie das Ziel von vielen Touristen. Die Besichtigung dieser Kirche kostet also Eintritt. Wir zahlen brav und schon waren wir drin. Aud dem ersten Blick gibt es wenig berichtenswertes. Es gibt selbstverständlich einen Souvenirstand, aber wenigstens war dieser weniger pietätlos wie Läden an anderen historisch bedeutsamen Orten hier in Danzig. Keine Pentagramme, keine Lutherbüsten und auch keine Erotikheftchen. Dafür Massen an Souvenirs aus Bernstein, von Papst Johannis Paul II und Solidarnozc.

DanzigIm Vorgängerbau der Brigittenkirche wurde 1374 der Leichnam der Heiligen Brigitta von Schweden für zwei Wochen aufbewahrt, als die Leiche der Heiligen von Rom nach Schweden überführte. Die Kirche wurde mehrmals neu aufgebauit und diente unter Napoleon als Kaserne. Während der Solidarność-Bewegung diente die Kirche als Treffpunkt der freien Gewerkschaft um Lech Wałęsa. In der Brigittenkirche befindet sich weiterhin eine Gedenkstätte für die Opfer des Katyn-Massakers.

Eine Treppe führt hinunter in die Krypta. Die Schädelkrypta ist für jene interessant, dies es morbide mögen: Die Rückwand ist komplett mit Totenschädeln ausstaffiert. Zwei weitere Menschenschädel hängen in einem runden Metallkäfig von der Decke. Das Internet ist voll mit Beschreibungen der zeitgeschichtlichen Denkmälern innerhalb des Kirchenschiffes. Über die Krypta findet sich leider kaum ein Wort. Der zweite Hingucker und mein persönliches Highlight dieser Kirche ist der Bernsteinaltar, der aus Spenden geschaffen wurde und weiterhin wird. Achthundert Kilo Bernstein wurden kunstvoll in diese Altar eingefügt. Eines Tages, wenn der Altar vollendet ist, werden darin an die zwei Tonnen Bernstein verarbeitet sein.

DanzigUnser nächstes Ziel ist die größte Backsteinkirche der Welt. Wer das mit der Größe der Kirche nicht glaubt, der setze sich in eine der Kabinen des Riesenrades Amber Sky und überzeuge sich selbst. Wikipedia widerspricht mir natürlich, hält aber die Marienkirche immerhin für eine der größten Hallenkirchen und bis 1945 die zweitgrößte evangelische Kirche der Welt. Seit 1945 ist die Kirche katholisch - wie viele der Kirchen hier in Danzig. Nicht minder beeindruckend ist eine überdimensionale Uhr an der Außenmauer in luftiger Höhe. Unsere Schätzungen reichen von vier bis zu acht Metern Durchmesser. Wikipedia schweigt sich hier aus - von wegen die wissen alles. In dieser Kirche ist endlich etwas vom fast tausendjährigen deutschen Erbe der Hansestadt greifbar. Der Kirchenboden ist gepflastert mit alten deutschen Grabplatten. Inschriften an Nebenaltären und Bildnissen sind in deutscher Sprache vorhanden. Eine astronomische Uhr begrüßt den neugierigen Touristen direkt beim Eingang. Vieles der Inneneinrichtung der Marienkirche ähnelt an das Innenleben großer Kirchen in deutschenen Großstädten. Zugegeben, viele katholische Kirchen besonders in Süddeutschland sind deutlich prunkvoller ausgestattet. Aber der goldene Altar der Marienkirche zeigt, das man seit achtzig Jahren in Danzig schwer am aufholen ist.

Irgendwann verlassen wir das Gebetshaus und schauen uns nach einer Einkehrmöglichkeit um. Wir finden es in einer kleinen Gaststätte namens „Gvarna“. Kaum hundert Meter entfernt befindet sich das italienische Straßencafé „Mono Kitchen“, in dem wir Montag kurz Halt machten. Hier trinken wir eine Kleinigkeit und überdenken unsere Planungen für den restlichen Tag. Der nächste Tagesordnungspunkt dreht sich um einen Leihwagen, den wir am Flughafen abzuholen müssen. Inzwischen sind wir uns einig, dass wir uns ein Taxi nehmen werden. Wie in Prag sind auch in Danzig Bolt-Taxis unterwegs. Um sich ein solches Taxi zu bestellen, nutzt man die Smartphone-App von Bolt, sucht sich ein passendes Fahrzeug aus und teilt seinen Standort mit. Wer mag kann auch gleich über die App bezahlen, dann spart man sich ein mögliches Feilschen mit dem Fahrer. Vergleichbar mit einer gewöhnlichen Taxifahrt ist das Nutzen von Bolt deutlich preiswerter.

Ein anderer Fakt machte eine Taxifahrt bereits alternativlos: Der Abholtermin des Leihwagens ist um 13 Uhr. Es ist beinahe unmöglich noch pünktlich mit Bus oder Bahn zum Flughafen zu gelangen. Wir wissen ja noch nicht einmal wo dort die die Verleihstation ist. Selbst mit einem Taxi wird es wohl recht knapp werden.

II

Vom Hotel geht es mit dem Bolt-Taxi zum Flughafen. Der Taxifahrer, ein junger Mann von maximal 25 Jahren, kennt sich hoffentlich gut aus in der Stadt. Da der Fahrpreis zu Fahrbeginn bereits feststeht, bringen Umwege keine preislichen Vorteile für unseren Taxifahrer. Dennoch waren die gut dreißig Minuten für die Entfernung von etwa 12 Kilometer recht viel. Nun können wir auch nicht beurteilen, wie der Verkehr auf anderen Routen zum Flughafen ausschaut. Doch das ist nicht unser Problem. Unser Problem hingegen ist, dass 13 Uhr eine Weile in der Vergangenheit liegt, als wir den Flughafen erreichen. Aber wenigsten sind wir nun hier.

Widmen wir uns nun dem nächsten Problem: Wo steht unser Auto? Dazu wäre es nett zu wissen, wo sich die Vermietstation befindet. In der Flughafenhalle suchen wir vergeblich nach unserem Autovermieter. Auf den Unterlagen finde ich eine Telefonnummer und nutze deshalb als nächstes den Telefonjoker. Aufgrund des typischen Lärmes in der Halle verstehe ich erstmal kein Wort. Ich presse das Smartphone noch enger ans Ohr, verstopfe den anderen Gehörgang mit einem Finger und verstehe… etwas englisches, aber so schnell gesprochen, dass ich weiterhin nichts verstehe. Es dauert ein paar Momente und sinnloser Versuche mit Händen und Füßen zu kommunizieren. Dann aber habe ich eine grobe Wegbeschreibung zu einem Nachbargebäude, dem Haus Alpha. Tatsächlich finden wir das Gebäude und auch das Büro.

Esther und ich bekommen es tatsächlich auf die Reihe mit den polnischen Mitarbeitern zu kommunizieren. Und zwar in Englisch. Entsprechend stolz sind wir, als wir endlich das Auto in Empfang nehmen können. Für den Moment ist es tatsächlich nur halb so tragisch, dass wir statt dem von uns bestellten Opel Insigna (oder vergleichbar) nur einen Opel Astra bekommen. Auch diverse Schrammen und kleinere Beulen stören uns nur am Rande. Wir haben ein Auto mit dem Esther etwas anfangen kann. Und angesichts der kleinen Blessuren brauchen wir uns kaum Gedanken über durch uns zu verantwortende neue Beschädigungen machen. Die würden unter all den anderen kaum auffallen.

Der Astra verfügt über kein eigenes Navigationssystem, bietet aber ein Smartlink-System, mit dem man ein Smartphone mit dem Autoradio verbinden kann. In dem Fall kann man das Navigationssystem des Smartphones nutzen, dass in Sachen Kartenaktualität ohnehin jedes festverbaute Navigationssystem in den Schatten stellt. Als Beifahrer vom Dienst sorgte ich für Klarheit im Navi und für das nächste Ziel unseres Städtetrips.

Esther betätigt den Blinker und sind wir wieder unterwegs - in einem Opel mit polnischen Kennzeichen. Nichts verrät unsere Herkunft und schon gar nichts warnt die polnischen Verkehrsteilnehmer vor unserer Unkenntnis der üblichen Gepflogenheiten im polnischen Straßenverkehr. Das verspricht eine Menge Spaß und wahrscheinlich auch viel Spannung in kniffligen Situationen, die es hoffentlich nicht so oft geben wird.

Die Route führt uns vorsorglich im weiten Bogen um Danzig herum auf die Westerplatte. Esther bekommt auf der weitläufigen Umgehungsstraße ausreichend Zeit sich an das Auto und den Verkehr zu gewöhnen und ohne sich zu verfahren bringt sie auf die Westerplatte. Die Auffahrt zum Parkplatz darf selbstverständlich nur genutzt werden, wenn man dem Parkplatzwächter die Parkgebühren gezahlt hat. Hätte mich auch gewundert, wenn das Parken hier kostenlos möglich gewesen wäre. Abgesehen von einer Handvoll Autos war der große Parkplatz leergefegt. Mit den heutigen Einnahmen wird sich der Parkplatzwächter sicherlich nicht zur Ruhe setzen können.

DanzigNun stehen wir wieder an der Ostsee, vom Strand getrennt durch einen Zaun sowie einigen größeren Gesteinsbrocken. Davor aber lockt uns ein weißer Strand. Verbotsschilder lassen jedoch ein Betreten des Strandes nicht zu. Wir genießen die Meeresbrise für einige kurze Momente und folgen dann unserem Kulturauftrag. Der da heißt: „Macht euch ein Bild von diesem geschichtsträchtigen Ort!“

Mit den Schüssen auf die Westerplatte begann am 1. September 1939 in Europa der zweite Weltkrieg. So haben wir das in der Schule gelernt, so kann man das auch nachlesen. Ich erinnere mach sogar an einen Schwarz-Weiß-Film, in dem ein Kreuzer Schüsse abgibt. Aber worauf schießt er? Auf die Westerplatte - soweit so klar. Aber was ist denn nun die Westerplatte? Eine moderne Festung aus Stahlbeton? Eine mit flachen Felsen bedeckte Insel oder Halbinsel in der Danziger Bucht? Hmm, da hätte ich wohl in der Schule besser aufpassen sollen. Dank Wikipedia weiß ich inzwischen, dass keine Festung, sondern ein polnisches Munitionslager mit befestigten Beobachtungsposten beschossen wurde.

DanzigDie Halbinsel Westerplatte wurde inzwischen weitesgehend von der Natur zurückerobert. Hier und da entdeckt man zwischen den Bäumen ein paar Ruinen und Grundmauern, die auf Informationstafeln erläutert werden. Die Tafeln schildern zudem persönliche Schicksale der hier stationierten polnischen Soldaten. Allmählich näherten wir uns dem Westerplattendenkmal. Von Papst Johannes Paul II. gibt es natürlich auch hier ein kleines Denkmal. Viele Touristen sind hier unterwegs. Wir besichtigen das Westerplattendenkmal und machen dabei viele Fotos, schließlich muss alles ordnungsgemäss dokumentiert werden. Beim Weg hinab legt Esther eine für sie unübliche Aktioneinlage aufs Parkett, bzw. auf die Steinstufen. Sie stolpert, knickt um und sinkt dahin. Es sieht im ersten Moment nicht gut aus und hätte sicher auch schlimmer ausgehen können. Doch Gott sei Dank ist nichts passiert. Esthers Füße sind heile, die Kleidung hat nichts abbekommen und so gibt es nur eine erschreckte Esther, ein paar bekümmerte Gesichter und die Aussicht auf Eis. Da außer Esther niemand ein Eis möchte, kaufe ich ihr eines und stelle erfreut fest, dass sie dieses ohne Kleckern meistert.

DanzigEin paar Schritte weiter stehen die üblichen Touristenshops mit Souveniers aller Art für Groß und Klein. Bernsteine, Magnete und allerlei Kriegsspielzeug wie täuschend ähnliche Stielhandgranaten, Plastik-Gewehren und Bundeswehrausrüstung wie Klappspaten und Pickpötte. Ziemlich verwirrend, wo doch in unmittelbarer Nähe in riesengroßen Buchenstaben das polnische Equivalent zu „Nie wieder Krieg“ steht. Ist dies einzig der Geschäftstüchtigkeit polnischer Souvenirhändler geschuldet? Irgendwie wird man in Polen das Gefühl nicht los, dass sich eine allgemeine Kriegsbegeisterung mehr und mehr breit macht. Aber das trifft aktuell nicht nur auf Polen zu. Die schräg gegenüber liegende Ruine des ehemals dreistöckigen Kasernengebäudes lädt zum Erkunden ein. Der Zutritt erfolgt allerdings auf eigene Gefahr. Vom Gebäude ist eigentlich nicht mehr viel erhalten. Und doch steht da mehr als nur die halbhohen Mauerreste einer üblichen Ruine. Die Wucht der Zerstörung hat vom Gebäude ein Stahlbeton-Skelett übrig gelassen, dass immer noch drei Stockwerke erkennen lässt. Wer solche Zerstörungen in brandaktuellem Zustand betrachten möchte, der fahre die paar hundert Kilometer weiter östlich in die Ukraine. Dort kann man täglich die destruktive Kraft von Geschossen aller Art beobachten. Was sagt uns das? Man lernt halt nicht aus der Geschichte.

DanzigEs ist an der Zeit die Halbinsel wieder zu verlassen. Ich füttere das Navi mit den nötigen Informationen und erhalte im Gegenzug eine Route, die uns auf dem kürzestem Weg zu einem Parkhaus in unmittelbarer Nähe zum Hotel Scandic führt. Sie führt uns über Straßen in einem äusserst zweifelhaften Zustand, durch Gegenden die noch nie ein Tourist zuvor gesehen hat. Die ersten Meter nach dem Verlassen des Parkplatzes auf der Westerplatte führt uns die Route am Liegeplatz der Fähre nach Stockholm vorbei. Nach etwa zwei Kilometern haben wir die Halbinsel verlassen und finden uns in einem Labyrinth aus Brücken, Kanälen und Schnellstrassenabfahrten wieder. Das Hafen- und Industriegelände zieht sich ein Stück weit. Dann erreichen wir die die ersten Wohnviertel. Wir rumpeln mit dem Astra über eine in die Jahre gekommene Betonstraße. Die Plattenbauten rechts und links wirken wenig einladend. Hier möchte ich nicht aussteigen und nach dem Weg fragen. Klar, dieser Gedanke fügt sich bestens in die ellenlange Liste meiner Vorurteile. Die Wirklichkeit schaut sicher so aus, dass hier wohl die herzlichsten und ehrlichsten Menschen weit und breit wohnen. Die Einwohner dieser Gegend findet man eher selten inmitten des touristischen Trubels der Rechtstadt. ( An dieser Stelle knüpft der Blogbeitrag "Der Polnische Traum" an)

Das Navi begeistert einmal mehr mit Ortskenntnis und ausnahmsweise ist heute keine der vorgeschlagenen Straßen gesperrt, eine Sackgasse oder gar eine Einbahnstraße mit unangenehm viel Gegenverkehr. Vor uns fährt inzwischen ein Bus, an dem ein Vorbeikommen unmöglich scheint. Also bleiben wir dahinter und nähern uns auf diese Weise langsam dem Stadtzentrum. Die Gebäude werden zunehmend älter. Wir können nicht mehr weit davon entfernt sein. Das Navi sieht’s etwas anders. An der nächsten Ampel wissen wir den Grund. Es ist Rush-Hour. Es ist überall auf der Welt das selbe Spiel: Jeder hat grad eine tolle Idee um unterwegs zu sein. Sei es der Feierabend, der Wochenendeinkauf oder ein leerer Tank. Schlagartig sind alle Straßen der Stadt verstopft. Studenten bekommen Stoff für Studien über die Dynamiken des innerstädtischen Nahverkehrs. Es wird zum achten Mal grün und endlich rollen wir über die Kreuzung, die sich gar nicht so weit vom Hotel entfernt befindet. Zu Fuß wären wir längst da.

Esther meistert den Weg durch die Danziger Rush-Hour völlig unaufgeregt und souverän. Kein Hupen, kein Lamentieren - nein, sie beschimpft noch nicht einmal jene Verkehrsteilnehmer, die Autofahren zur Freistil-Disziplin erklärt haben. Wir erreichten das Parkhaus und finden nach kurzer Suche eine freie Lücke. Wir werden also langsam besser im Finden von freien Parkplätzen. Esther parkt den Astra vor den Augen einiger junge Männer in einem polnischen SUV rückwärts ein. Die jungen Kerle erwarten voller Neugierde ein Einparkdrama. Wahrscheinlich hat Sven eine gewisse Vorahnung, möchte ein Drama abwenden und weist Esther gestenreich ein. Esther schenkt ihm jedoch keine Aufmerksamkeit und ignoriert auch den SUV. Sie hat das Einparken natürlich völlig im Griff. Gemeinsam schauen wir im Anschluss den jungen Männern zu, wie sie mit viel Mühe und häufigem Zurücksetzen versuchen, mit dem SUV dieses Parkhausdeck durch die schmale Ausfahrt zu verlassen. Auch eine Art von Unterhaltung.

III

DanzigIch bin endlich wach und befürchte, dass so langsam die zweite Luft im Anzug ist und ich deshalb auch in dieser Nacht lange nicht an Schlaf denken werde. Doch bis zur Nachtruhe ist noch Zeit und die verwenden wir für sinnvollere Sachen. Wie etwa Abendessen. Dazu begeben wir uns erneut in die Stadt. Den Weg kennen wir inzwischen ganz gut und haben auch schon die eine oder andere Idee vor Augen. Doch wenn man erst einmal im kulinarischen Epizentrum dieser Stadt steht und die Qual der Wahl jede Form von Entscheidungsfreudigkeit zunichte macht, schaut die Sache mit der Idee wieder anders aus. Und so landen wir zum drittenmal an vier Abenden an der Kreuzung Ziegengasse und Lange Gasse. Zwei der vier Gaststätten an dieser Kreuzung sind Italiener. Und so entschieden wir uns für den Italiener, der sich genau gegenüber dem polnischen Restaurant vom Dienstag befindet. Pizza im Restaurant „Sempre Pizza & vino“ ist angesagt.

Natürlich finden wir einen Tisch vor dem Restaurant. Es ist auch nicht angebracht, bei diesem tollen Wetter einen freien Platz im inneren zu suchen, selbst wenn uns dabei eine phänomenale Innenausstattung entgehen sollte. Eine nette Bedienung verscheucht uns vom Tisch unserer Wahl an einen Tisch ihrer Wahl mit der Begründung, dass unser Tisch noch nicht aufgeräumt ist. Womit sie natürlich Recht hat. Unser neuer Platz ist zudem kein bisschen schlechter positioniert. Wir haben den perfekten Blick auf das Geschehen vor uns auf der Langen Gasse hinunter zum Rathaus. Wenn eines Tages die Baustelle am Goldenen Tor verschwunden ist, werden die Gäste in den Straßenrestaurants einen exzellenten Ausblick in beide Richtungen haben.

Auf der nur wenige Meter entfernten Kreuzung wechseln sich Personen ab, die mit Speisekarten bewaffnet, Passanten in versteckte Restaurants in den Seitengassen zu locken versuchen. Bei einigen dieser Außendienstmitarbeiter würde ich allein wegen des Aussehens die Flucht ergreifen. Ich bezweifle, dass das Wirken und Werben dieser Damen und Herren von Erfolg gekrönt ist. Aber was habe ich schon für Erfahrung in diesem Metier. Wahrscheinlicher ist, dass wir irgendwann selbst diesen Werbern zum Opfer fallen werden. Zum Glück ist dazu aber nicht mehr viel Zeit.

DanzigUnsere Pizza kommt. Auch wenn jeder einen anderen Belag wählte sehen die Pizzen gleich aus. Abgesehen vom teilweise angekohlten Pizzarand, der sich im Grad der Schwärze dann doch von Pizza zu Pizza unterscheidet. Wir werden satt - soweit ist also alles in Ordnung. Wir zahlen und spazieren in aller Ruhe in Richtung Hotel. An der alten Mühle verharren wir und genießen in aller Ruhe den Springbrunnen, der mit LEDs angestrahlt wird und mit verschiedensten Variationen von Wasserspielen erfolgreich um Anerkennung wirbt. Wir nehmen uns die Zeit einfach mal durchzuatmen. Läuft doch alles Prima. Bis hierhin hat es bestens geklappt. Warum sollten wir nicht auch die kommenden Tage verletzungsfrei überstehen?

Die Erfahrungen des gestrigen Abends motivieren Karin und Sven mit uns gemeinsam in der gelben Kuschelecke mitten in der Hotellobby einen Schlummertrunk zu trinken. Es gibt handgerührten Aperol Spritz, Weizenbier und Gin-Tonic. Der Abend klingt in trauter Runde langsam aus. Natürlich schauen wir auch mal zur Tischtennisplatte, es bleibt aber beim Anschauen. Auch der Kicker bleibt unbenutzt. Wir sitzen einfach, genießen unsere Getränke, während Esther und Sven hin und wieder ihrer Nikotinsucht nachkommen.

Als es dann Zeit für den Matratzenhorchdienst ist und wir uns erheben, sprechen uns zwei nicht mehr ganz nüchterne Omas an. Die beiden irischen Damen haben definitiv noch keine Lust auf ihr Bettchen. Sollen wir noch etwas verweilen und uns im Smalltalk üben? Soviel ist klar, das könnte recht amüsant werden. Die Gefahr dabei an der Hotelbar zu versacken ist jedoch enorm. Die Müdigkeit treibt uns dann doch in Richtung Fahrstuhl und ins Bett. Der kommende Tag wird anstrengend. Sehr anstrengend und letztendlich beinahe etwas zu anstrengend.