Tag 5 | Einmal Danzig – Kolberg und zurück | Tag 7
Wir genießen unser letztes gemeinsames Frühstück im Hotel Scandic in aller Ruhe, holen die Koffer, checken aus und machen uns auf die Socken. Ein letztes Mal besuchen wir das Parkhaus neben dem Hotel und zahlen die fälligen Kosten für die Unterbringung unseres Mietwagens. Während ein paar Takte Musik aus den Parkhauslautsprechern erschallen startet der Navigator seine Technik, tippt Olymp 3 ein, dazu Kolberg und wartet ab. Die Software spuckt kurz darauf eine geeignete Route aus, die allerdings wenig begeistert. Mit der Entfernung von 245 Kilometern haben wir durchaus gerechnet, mit prognostizierten drei Stunden Fahrtzeit dagegen weniger. Wir sitzen schließlich nicht in einem Trabbi.
Eine Fahrt mit der Bahn hätte deutlich länger gedauert. Das Bahnnetz ist hier im Norden Polens offensichtlich noch in einem schlechten Zustand. Schlechter als daheim in Deutschland? Da enthalte ich mich der Stimme. Nachdem war wir bislang gesehen haben, wird in Polen gewaltig ins Schienennetz investiert. Vielleicht erleben wir eines Tages eine zweite Polenreise in einem modernen Bahn-Wagon. Ganz abwegig erscheint mir das nicht.
Von Danzig aus fahren wir in Richtung Flughafen und wechseln dort auf die S6, einer Schnellstraße, die uns bis kurz vor Kolberg begleiten wird. Früher führte die S6 sogar mitten durch Kolberg hindurch. Wir fahren auf einer gut ausgebauten vierspurigen Schnellstraße und kommen mit Tempo 140 ausgesprochen zügig voran. Der Flughafen liegt schnell hinter uns und der polnische Nordwesten vor uns. 447 Kilometer bis Berlin, 313 Kilometer bis Stettin - auf dieser tollen Straße überhaupt kein Problem. Kaum Verkehr, die Straße wirkt recht neu. Von wegen drei Stunden!
Etwa fünfzig Kilometer später endet die vierspurige Schnellstraße in einer Baustelle und wird zu einer gewöhnlichen Landstraße. Eine weitere Baustelle folgt und schon befinden wir uns wieder auf der Schnellstraße. Dieser Wechsel Schnellstraße zu Baustelle zu Landstraße und zurück begleitet uns noch einige Kilometer, bis die Landstraße sich vollends durchsetzt und wir mit maximal 110 km/h von Dorf zu Dorf tingeln. Was mag auf dieser Straße erst abgehen, wenn die Sommerferien begonnen haben.
Gleich neben der Baustelle der künftigen vierspurigen S6 wird auch an einer Bahnstrecke gebastelt, was durchaus Sinn ergibt. Geht es künftig mit der Bahn von Köln über Berlin, Stettin nach Kolberg oder Danzig in weniger als acht Stunden? Dann bleibt das Auto daheim und die Flieger können ohne uns fliegen.
Weitab unserer Heimat entfaltet das Navigationssystem meines Smartphones ungeahnte Möglichkeiten und warnt vor fest installierten Blitzern. Deutlich vor Erreichen eines solchen meldet sich das Navi mit den Worten „Siebzig Stundenkilometer. Bitte achten Sie auf Ihre Geschwindigkeit.“ So etwas ist natürlich großartig. Doch der Blick durch die Frontscheibe belehrt uns eines Besseren, denn die in der realen Welt angezeigte zulässige Höchstgeschwindigkeit war zwanzig km/h geringer als der vom Navi akustisch und visuell angemahnte Wert. Gewagter Versuch, doch bevor wir uns finanziell am Straßenbau beteiligen, fügen wir uns und bremsen nochmals etwas ab.
Dank des flächendeckenden Netzempfanges findet inzwischen eine allumfassende Kommunikation zwischen Hamburg, Offenbach, Dresden, Göllnitz und Danzig statt. Ein Jeder fährt gerade in Richtung Stettin, wir allerdings von der entgegengesetzten Seite und da Kolberg zwischen uns und Stettin liegt, haben wir die wohl kürzeste Strecke aller Anreisenden. Doch die besteht, wie schon erwähnt, nahezu komplett aus einer Landstraße. Das bringt uns in den Genuss sehenswerter Ortschaften, Storchennester und seltsamer Sehenswürdigkeiten wie etwa ein privates Museum mit Panzern und Hubschrauberwracks. Zu unserem Glück gibt es auf der ganzen Strecke nur eine größere Stadt, die wir durchqueren müssen. Köslin ist zwar keine Großstadt und eines Tages wird die S6 im großen Boden auch diese Stadt umkurven. Aber heute müssen wir hier durch. Folgen wir den Wegweisern am Straßenrand oder vertrauen wir der Route des Navis? Die Wahl fällt aufs Navi. Keine falsche Entscheidung. Das Navi sagt uns wo es lang geht und Esther gehorcht. Ob vielleicht die andere Strecke die bessere wäre, nun, wir werden es niemals erfahren.
Am letzten Kreisverkehr in Köslin wird es kurz brenzlich. Wir müssen links abbiegen, in diesem Fall also die dritte Ausfahrt des Kreisverkehrs benutzen. Der Verkehr ist hier deutlich stärker und deshalb bleiben wir auf der rechten der beiden Spuren. Daheim stellt das in der Regel kein großes Problem dar. Falls wer über die linke Spur in einen Kreisverkehr fährt, dann nur um den Kreisel mindestens bis zur dritten Ausfahrt zu nutzen. Doch hier schaut die Sache anders aus. Es gelten Regeln wie in den Niederlanden. Wer auf der rechten Fahrbahn fährt verlässt den Kreisverkehr ausschließlich an der ersten Ausfahrt. Benutzer der linken Spur fahren entweder geradeaus oder nutzen die dritte Ausfahrt. Diesen Plan haben einige andere Autofahrer, wir dagegen haben keine Ahnung und das birgt ungemein brenzliches Potential. Wenigstens ahnt das Esther rechtzeitig und nimmt den Fuß vom Gas. So schafft es ein Motorradfahrer ohne Flugeinlage links an uns vorbei die zweite Ausfahrt zu nehmen. Alle weiteren Fahrzeugführer haben schnell begriffen welche eminente Gefahr von unserem Opel Astra ausgeht und überlassen uns den Kreisverkehr kampflos. Wenige Sekunden später liegt der Kreisverkehr hinter uns, Köslin atmet auf und Kolberg wappnet sich nun dessen, was da auf die Stadt zurollt.
Die Blase drückt, der Magen knurrt und das Ziel schon fast vor Augen. Auch macht sich ein leichtes aber nicht zu verachtendes Hungergefühl bemerkbar. Wir sind ohnehin etwas früh, da kommt ein frisch in die Natur betoniertes Einkaufzentrum vor den Toren Kolbergs wie gerufen. Warum sollten wir auch mit knurrendem Magen im Hotel eintreffen? Der Erste ist schließlich dazu verdammt, auf alle anderen warten zu müssen. Nein, wir wollen nicht erster sein.
Den Kreisverkehr verlassen wir problemlos an der dritten Ausfahrt, erreichen damit den unendlich großen Parkplatz des Einkaufszentrums „Karuzela“ und suchen uns einen freien Platz. Da Esther die weit hinten befindlichen Parkplätze belegt vorfindet, parkt sie ausnahmsweise diesmal etwas näher am Eingang als gewohnt. Abgesehen von den vielen polnischen Kennzeichen und der einen oder anderen unbekannten Automarke könnte dies ein x-beliebiger Konsumtempel daheim sein. Die meisten Reklameschilder an den Gebäudeteilen zieren bekannte Firmenlogos. Die Fenster sind stilvoll beklebt. Das Ganze hat hier durchaus Hand und Fuß.
In der Hoffnung, den Leihwagen später in der grauen Masse polnischer Mittelklassewagen wiederzufinden, betreten wir das Einkaufszentrum. Für einen Freitag ist hier viel los, nach dem gestrigen Feiertag sind sicher einige Polen auf die Idee gekommen, den heutigen Brückentag zum Shoppen zu nutzen. Alle Wege führen heute zuerst zur Toilette. Diese ist schnell gefunden. Als nächstens gilt es den knurrenden Magen zu besänftigen. Und da kommen uns einige Fressstände gerade recht. „Berlin Döner“ oder vielleicht etwas asiatisches? Wir wählen ohne groß zu überlegen letzteres aus. Möglicherweise hat uns auch die lange Menschenkette am Dönerstadt bei unserer Entscheidung beeinflusst. Esther besetzt einen der letzten freien Tische und stelle mich am Asia-Stand an. Die Essenbestellung hat Esther mir überlassen und so stehe ich etwas ratlos herum. Die Anzeige mit dem Speiseangebot spricht weder englisch noch deutsch mit mir. Also wähle ich etwas, das auf den Bildern der Anzeige wie Chop Suey ausschaut. Ich bestellte das Essen auf englisch bei einem polnischen sprechenden Thailänder und erhielt den typischen Biergarten-„Essen-ist-fertig“-Melder. Nach einer gefühlten Ewigkeit fängt das Ding tatsächlich zu piepsen an. Ich hole das viel zu heiße Zeug von der Theke ab und gemeinsam warten wir darauf, dass das Essen abkühlt. Geschmacklich haut uns das Gericht nicht grad um. Man kann es essen, besonders wenn man so hungrig ist wie wir noch vor wenigen Momenten.
Im Anschluss nutzen wir die Chance und kaufen ein paar Klamotten für mich. Die Wetterprognosen haben sich inzwischen um 180 Grad gedreht. Wir sind weit von garstigen vierzehn Grad Höchsttemperatur entfernt. Gut, es werden wohl keine 29 Grad wie in Sopot vor drei Tagen. Aber es wird warm genug um meine Planungen zum Thema Bekleidung über den Haufen zu werfen. Überraschenderweise spricht uns die junge Verkäuferin im Klamottenladen im besten Deutsch an, gebrochen zwar, aber immerhin. Wir verlassen das Einkaufszentrum und beginnen die Suche nach unserem Leihwagen auf dem Parkplatz. Es gibt grob eine Idee wo wir suchen könnten und tatsächlich finden wir den Opel schneller als erwartet. Während der Suche stellen wir fest, dass die Automarke Jeep Kleinstwagen produziert und hier vertreibt. Wo ist der Stolz dieser ehemals so großen Auto-Nation geblieben? Demnächst baut Dacia Supersportler und vertreibt die in Monaco.
Das Navi hatte zum Glück nicht vergessen, dass unser Ziel nichts geringeres als der Olymp ist. Der Name unseres Hotels in Kolberg lautet nun einmal Olymp 3. Nach der durchaus angenehmen Zeit im Scandic Hotel in Danzig erwarten wir hier in Kolberg nichts anderes als zwei Nächte auf Wolke sieben. Das sollte doch zu machen sein. Oder doch nicht? Die ersten Meter in Kolberg fahren wir durch eine Baustelle. Hier wird irgendwas gebaut, möglicherweise eine Kanalisation oder vielleicht auch etwas ganz anderes. Bauarbeiter sind allerdings nirgendwo zu sehen. Klar, da war doch etwas in Sachen Brückentag. Aber die Baustelle macht nicht den Eindruck, als ob hier in den letzten Wochen überhaupt ein Handschlag gemacht wurde. Die Straße ist in einem miserablen Zustand. Mit dem Supersportler von Dacia kommt man hier unmöglich durch. Mit einem Opel Astra dagegen schon.
Das Navi geleitet uns durch die Stadt, oder besser: am Rande der Stadt entlang und damit mitten hinein ins Kur- und Hotel-Glück. Kurhäuser und Hotels wechseln sich ab. Ein Hotel größer als das andere. Hier rollt der Rubel! Wir erreichen die Hoteleinfahrt, rollen über den Parkplatz vor dem Eingang und atmen durch. Da wären wir also! Esther stellt das Auto auf dem erstbesten freien Parkplatz ab. Als sich beim CheckIn heraus stellt, dass das Auto auch noch zufällig auf genau dem dafür reservierten Parkplatz steht, sind wir uns sicher: Das wird unser Wochenende! Geht also gut los. Wir lassen erst einmal unseren Krempel im Auto zurück und entern das Hotel.
Die Hälfte der Verwandschaft wartet bereits an der Rezeption. Das Einchecken erweist sich als „very easy“. Die Dame an der Rezeption spricht ein sehr freundliches akzentbehaftetes Deutsch. Nach eine allumfassenden Begrüßung samt Einweisung in alle möglichen Einrichtungen des Hotels schnappen wir uns unseren Zimmerschlüssel und traben mit dem Gepäck zum Fahrstuhl. Zwei Etagen höher steigen wir aus dem Fahrstuhl und gehen einen perfekt von Spots beleuchteten gefliesten Gang entlang. Fast am Ende des langen Korridors erreichen wir Zimmer 214. Ein weiter Weg und ich werde in den kommenden 36 Stunden diesen Weg häufiger als gehen müssen als mir lieb ist. Nur falls irgendwer Fragen hat zu meiner hohen Schrittzahl während unseres Aufenthaltes in Kolberg.
Unser Zimmer ist groß. Und es hat einen Balkon. Es dauert einen Moment, oder vier oder fünf, bis wir uns erstmalig bis ans Geländer heranwagen. Der Ausblick ist überwältigend: noch mehr Balkons auf dem Hotelgebäude gegenüber. Sonst nichts, was den Aufenthalt auf dem Balkon interessant macht. Es sei denn, man stellt einen Mangel an Nikotin im Blut fest und beabsichtigt diesen Mangel auf dem Balkon abzustellen.
Und während Esther sich ein wenig mit der Umgebung vertraut macht (wahrscheinlich , bin ich schon wieder unterwegs. Sarah möchte kurz zum Hafen fahren, um für den morgigen Tag einige organisatorische Sachen zu regeln. Da darf ich nicht fehlen. Also schwinge ich meinen müden Körper in Sarahs knudeligen Benz und darf sogar vorne sitzen. Letztlich gibts einige Informationen, gebucht wird jedoch noch nichts.
Gegen 18 Uhr kommt mit Lisa und Felix das letzte Paar unserer Reisegruppe an, womit nun alle beisammen wären. Theoretisch. Diana ist mit ihrer Family nun selbst auf Erkundungstour gegangen. Verständlich, nach der langen Fahrt ist ein kleiner Spaziergang ganz erholsam. Wie auch immer, die Familie ist im Norden Polens zusammengekommen.
Der offizielle Teil des Familientreffens beginnt mit einem Sektempfang in Sarah und Marias Zimmer. Unser eigenes Zimmer mag groß sein. Das Zimmer von Sarah und Maria ist im Vergleich dazu ein Tanzsaal. Welch unorthodoxe Verschwendung von Fläche. Aber so passen hier wenigstens alle rein. Wir sitzen verteilt auf dem Bett und einigen Stühlen und trinken Sekt aus Plastebechern. Reinhilde spricht ein paar Worte über die durchaus erwähnenswerte Finanzierung dieser Reise. In den letzten Jahren wurde einiges an Trödel auf ihrem Hof verkauft und so hatte sich eine stattliche Summe angesammelt. Der Plan ist es, dieses Geld nun in trauter Runde an diesem Wochenende auf den Kopf zu hauen. Eine durchaus begrüßenswerte Maßnahme, die mich dazu motiviert, daheim allerlei wertvollen Plunder zu bunkern, auf dass Lisa und Esther eines Tages in ferner Zukunft eine vergleichbare Reise auf ähnliche Art und Weise finanzieren können.
Sarah hat für heute Abend einen Tisch reserviert. Versuche mal in einer Urlauberhochburg wie Kolberg einen Tisch für zehn Personen zu reservieren. Das müde Lächeln des Kellners kann man sicher durch den Telefonhörer spüren. Einfach ist jedenfalls anders. Aber Sarah hat das hinbekommen. Organisieren liegt ihr absolut im Blut. Und so dinieren wir heute Abend im Lobby-Restaurant unseres Hotels. Die Karte ist in soweit ausreichend, dass jeder etwas nach seinem Geschmack findet. Ich entscheide mich für das Roastbeef und hey, keine Ahnung mich zu dieser Wahl getrieben hat. Als es dann vor mir steht, bedaure ich, nicht den Burger gewählt zu haben. Mit dem Steakmesser lässt sich das zähe Fleisch gerade noch bearbeiten, jedoch schmecken will das Steak trotz längerem darauf Herumkauens kein bisschen.
Lisa hat noch weniger Glück: Ihr Burger ist roh und geht deshalb zurück in die Küche. Ein normaler Burgerpatty sollte nicht völlig durchgebraten sein (es sei denn er ist für Lisa). Aber ihr Patty hat die Grillfläche bestenfalls kurz geküsst, gegart wurde das Hack jedenfalls kein Stück. Ihre Reklamation ist also durchaus nachvollziehbar. Okay, in der Küche sieht man das wahrscheinlich völlig anders. Jeder hat eben seine eigene Wahrnehmung. Egal, ob nun gegart oder nicht, der Koch ist sicher wenig amüsiert zum Feierabend noch einmal an die Grillplatte zu müssen. So wartet Lisa. Und wartet. Und nachdem alle anderen mit dem Essen fertig sind, bekommt sie endlich ihren Burger, den sie unter den aufmerksamen Blicken aller verspeisen darf. Wohl bekommts!
Im Anschluss müssen die eben konsumierten Kalorien daran gehindert werden, sich am kleinen Finger heimisch zu fühlen. Ein kleiner Spaziergang zum Strand wäre in diesem eine geeignete Maßnahme. Die Ostsee befindet sich schließlich nur wenige hundert Meter entfernt. Was hält uns also auf? Ohne Maria machen wir uns auf den Weg. Ihr geht es nicht so gut und so hat sie sich aufs Zimmer verzogen.
Am Strand bekommen wir einen faszinierenden Sonnenuntergang geboten. Wir sollten uns glücklich schätzen! Wie oft bekommen wir die Chance ein solches Erlebnis ausgerechnet hier an der polnischen Ostseeküste mit eigenen Augen sehen zu dürfen? So ein Sonnenaufgang geschieht hier zwar jeden verdammten Tag, jedenfalls so lange keine Wolken, aggressive Möven oder der Mond die Sonne am sehenswerten Untergehen hindern. Um dieses Naturereignis genießen zu können, suche ich mir einen sauberen Platz auf einer der Pfahlreihen, die hier einige dutzend Meter ins Meer hineinreichen. Etwas Sand mit der Hand beiseite gewischt und schon sitze ich in der allerersten Reihe. Ein kaltes alkoholisches Getränk wäre grad die perfekte Ergänzung des Hier und Jetzt. Alkoholfrei geht auch, fühlt sich dann aber an wie ein vegetarisches Würstchen auf einer Grillparty. Nein, am Neujahrsbeginn hält man sich an einem Glas Sekt fest und hier wäre ein Longdrink mit viel Eis genau richtig. Von mir aus mit Schirmchen.
Die Sonne neigt sich so langsam dem Horizont zu, das Meer macht sich auf den alltäglichen Zusammenstoß mit der runden Himmelskugel bereit. In genau diesem epischen Moment bekommt der Rest der Familie Hummeln im Hintern und stakst über den Strand in Richtung eines noch weit entfernten Leuchtturms. Ich versuche es zu verstehen. Ein Stück Strand sieht hier aus wie jeder andere auch. Laufen um der Fortbewegung wegen? Einfach nur rumstehen (oder sitzen) und den Sonnenuntergang genießen geht nicht? Vielleicht spüren auch die Anderen ein Bedürfnis nach anlassbezogenen Getränken. Ja, genau, das wird es wohl sein. Also beuge ich mich der weiblichen Übermacht und schlendere den anderen hinterher.
Die Sonne lässt sich nicht stören und versinkt optisch anspruchsvoll in der Ostsee, natürlich von einer Armada von Smartphones und Fotoapparaten festgehalten. Die internen Speicher auf den Geräten füllen sich rasch und ganz Verrückte, bekommen nasse Füße beim Versuch den kaum vorhandenen Wellengang aufzunehmen. Allmählich macht sich das Gefühl bemerkbar, dass wir an diesen Freitag einen Haken machen können. Echt jetzt? Das soll's schon für heute gewesen sein? Zugegeben, fast alle haben einen langen Tag hinter sich. Aber in spätestens sechsunddreißig Stunden sitzen wir alle im Auto und fahren wieder heim. Wozu sind wir also hergekommen? Zum Ausschlafen? Ich jedenfalls nicht, und erinnere mich an diverse Aufsteller im Hotel. War da nicht etwas mit einer Bar im obersten Stockwerk, in welcher heute Abend Livemusik zum Besten gegeben wird? Wo es eine Bar gibt, gibt es Getränke, also nichts wie hin!
Zu viert, also Schwiegermutter Reinhilde, Schwägerin Sarah, Esther und meine Wenigkeit steuern wir die Bar an. Die Bar ist nicht voll, so dass wir problemlos einen leeren Tisch finden. Die Livemusik besteht am Ende aus einem Keyboard und einer nicht mehr ganz so jungen Sängerin. Und diese trällert eine Reihe bekannter Boney M-Titel nach. Die Kellnerin ist gut in ihrem Job und bringt eilig Getränke an den Tisch. Die Gläser sind recht schick mit Melonenscheiben geschmückt. Ein Pärchen vollführt tanzend auf der Tanzfläche sehenswerte Verrenkungen, was meiner Schwiegermutter einiges an Respekt abverlangt. Kurz darauf wird verkündet, dass nun der letzte Song des heutigen Abends folgt. Um zehn Uhr abends läuft also bereits der Rausschmeißer. Die Bar schließt sicherlich auch in Kürze. In diesem Hotel herrschen offensichtlich Zustände wie in einem Kinderferienlager, in dem die Erzieher gezwungen sind, abends heimlich zu trinken. Doch solange wir hier nicht rausgeworfen werden, ist erst einmal alles gut. Noch hat jeder ein halbwegs volles Glas vor sich stehen. Die Musik ist zwar aus, doch die Tür zur Dachterrasse ist offen. Warum nicht mal einen Blick vom Dach riskieren?
Viel gibt Kolberg bei Nacht nicht von sich preis. Das Hotel befindet sich leider etwas zu weit vom Stadtzentrum dieser fünfzigtausend Einwohner zählenden Stadt entfernt. Da bringt der Blick von der Dachterrasse eines acht Stockwerke hohen Hotels nicht viel. Hätten einst die Stadtplaner mehr Mut bewiesen und eine weithin sichtbare Skyline errichten lassen, dann vielleicht… So sorgen die umliegenden Kurhäuser und in Teilen auch die Stadt für einen eher durchschnittlichen Ausblick. Fassen wir also zusammen: Die Musik ist aus, die Aussicht ist mies und die Bar macht gleich dicht. Schnell zurück zum Tisch, nicht dass auch noch die eigene Frau weg ist. An einem solchen Abend ist vieles möglich, wenn nicht sogar alles.
Diana und Nils sind inzwischen dazugestossen und sitzen uns zugekehrt am Nachbartisch. Das schaut fast so aus, als würden sie uns aufzufordern, nun endlich zum Ende zu kommen. Oder liegt das nur an den fehlenden Getränken. Da kann man Abhilfe schaffen, indem man sich zur Theke bewegt und eine weitere komplette Runde ordert. Zu meiner Überraschung gibt's damit keine Probleme. Wahrscheinlich, weil ich gleichzeitig die Frage in den Raum werfe, ob wir die Getränke mit ins Foyer nehmen können. Damit ist der Dame an der Bar klar, dass sie auf die Schnelle noch etwas Umsatz und trotzdem pünktlich Feierabend machen kann. Die klassische Win-Win zu Win-Situation. 2:1 für Polen. Egal, wir bekommen einen Schwung gefüllter Gläser, in denen eine Menge Melonenscheiben schwimmen und fahren mit dem Fahrstuhl nach unten.
Ob noch jemandem beim Einchecken hier im Foyer die äußerst reizvolle Sitzecke direkt am Aquarium aufgefallen ist? Stets saßen irgendwelche Gäste hier herum und schwätzten über Gott und die Welt. Jetzt jedoch, gegen halb elf abends sitzt hier keiner mehr und so haben wir die Sitzecke für uns allein. Der freundliche Hotelmitarbeiter an der Rezeption dimmt das Licht eigens für uns und gibt sich anschließend Mühe unsichtbar für uns zu bleiben. Jeder hat einen Platz gefunden, unsere Getränke sind am Start: Nun können wir in aller Ruhe diesen Freitag ausklingen lassen.