Tag 8 - Heimreise | Einmal Danzig – Kolberg und zurück | Ende

Epilog

In einer Erzählung gibt man den Protagonisten Zeit sich zu entwickeln. Schurken werden zu Helden, Langeweiler sterben für gewöhnlich einen grausamen Tod und der Gärtner ist am Ende meistens der Mörder. Die Zeit für solchen Schnickschnack ist mir nicht gegeben. Das mag daran liegen, dass es sich hierbei nicht um eine dieser Geschichten handelt, deren Tragweite es mir gestattet, hier und da einen der Protagonisten über die Klinge springen zu lassen. Am Sonntag war Anreise und nur nur eine Woche später gings wieder nach Hause. Acht Tage Action, Schweiß und Twister-Eis. Wo soll ich denn da hochemotionale Achterbahnfahrten unterbringen? Naja, wenigstens war Platz für eine Fahrt mit einem Riesenrad.

Der moderne Leser einschlägiger Literatur vermisst sicher auch heiße Sexszenen, denn die waren bei getrennten Betten im Danziger Hotel Scandic schwierig. Die meisten Helden dieser Geschichte sind nicht mehr die Jüngsten, haben Rücken, Migräne und nach 20.000 Schritten am Tag ist abends schnell Schicht im Schacht. Nun, während des 19. Jahrhunderts, also zu Zeiten Heinrich Heines und Theodor Fontanes wusste die Reisepublizistik auch ohne erotische Highlights zu begeistern. Dem versuchte ich mit ausgewählten Zitaten aus Giovanni Boccaccio „Il Decamerone“ zu Beginn eines jeden Kapitels zu begegnen. Jedoch fielen diese wollüstigen Auszüge der vernichtenden Kritik meiner Ehefrau zum Opfer. Somit bleibt es hier bei der züchtigen Anständigkeit - ich bitte dies zu entschuldigen.

Meine Faulheit beim Schreiben ist übrigens einmal mehr als legendär. Von Anfang an behaupte ich, dass wir recht häufig in Restaurants an der Kreuzung Ziegengasse und Langgasse einkehrten. Eine solche Kreuzung existiert allerdings überhaupt nicht. In Wirklichkeit handelt es sich um die Kreuzung der Großen Wollwebergasse und der Langgasse. Die Ziegengasse ist eine der parallelen Gassen der Großen Wollwebergasse und heißt bereits Portechaisengasse, wenn sie auf die Langgasse trifft. Während unserer ersten kleinen Besichtigungstour am ersten Abend kamen wir der Ziegengasse sehr nahe, ansonsten aber nicht. Nun könnte ich das im Text ändern und hey, vielleicht mache ich das auch eines Tages. In der ersten fertigen Version darf diese unrichtige Ortsbezeichnung fürs erste bestehen bleiben.

Ein weiterer höchst merkwürdiger Fehler hat sich bei der Beschreibung unserer abendlichen Aufenthalte in der Hotellobby eingeschlichen. Die Couch im Scandic Hotel war nämlich gar nicht orange, sondern grau. Genau genommen war die Farbe des Bezugstoffes sogar dunkelgrau, also weit entfernt mit orange verwechselt zu werden. Die Tischplatte jedoch hatte eine gelblich-orange Holzmaserung und Esthers Aperol Spritz war naturgemäß orange. Aus diesem Gemenge hat meine Erinnerung eine gelbe Couchecke geschaffen, die ich im Nachhinein in dieser Farbe belassen habe. Ob das einem der Beteiligten beim Lesen aufgefallen ist?

Lange habe ich überlegt, wie ich die eine oder andere menschliche Entgleisung im Text unterbringe. Solche gab es in der Tat in Danzig wie auch in Kolberg zur Genüge. Das ist menschlich und kommt in den besten Familien vor. Warum also darauf herum hacken? „Was in Polen passiert bleibt in Polen“ - mit Ausnahme all dessen, was min in den vorangegangenen Kapiteln lesen kann. Hoffentlich bin ich dort niemanden allzu schmerzhaft auf den Schlips getreten.

Was bleibt als Fazit? Braucht es ein Fazit überhaupt? Hmm, da wären vielleicht meine über viele Jahre angesammelten Vorurteile den Polen gegenüber. Viele davon haben sich als unhaltbar und falsch herausgestellt, andere hingegen dürfen sicher noch etwas länger gepflegt werden. Hier ins Detail zu gehen wäre vielleicht etwas zu viel des Guten. Polen präsentierte sich uns als ein sauberes, gastfreundliches und modernes Land. Wir hatten es zu keiner Zeit mit sturzbetrunkenen Autodieben zu tun - quasi die beiden größten Vorurteile. Und damit soll an dieser Stelle genug zu diesem Thema gesagt sein.

Das nächste Ziel der Bollerwagentour steht bereits fest. Es geht am Himmelfahrtswochenende im Mai 2025 nach Straßburg im Elsass. Die Hotelzimmer sind gebucht, der Urlaub beantragt und ein Reiseführer von Straßburg steht längst im Regal. Auch Familie Fischer konnte sich mit Erfurt auf ein Reiseziel festlegen. Ein Termin steht noch in den Sternen. Als vom Leben gezeichneter Ehemann und Schwiegersohn werde ich mich dabei besser komplett heraushalten. Fest steht jedoch, dass wir mit einem Ausflug nach Erfurt mit unserer heiligen Maxime brechen und ein zweites Mal an einem früheren Reiseziel Halt machen. Schließlich waren wir mit den Bollers im Herbst 2021 erst dort. Einmal damit begonnen, können sich dann auch künftig Amsterdam, Brügge und Paris auf einen Wiederholungsbesuch freuen. Und wenn eines Tages die vielen Baustellen in Danzig verschwunden sind, wer weiß…

Zitate

„Höchsttemperaturen für Kolberg am 01.06.2024: 14 Grad“ Eine WetterApp

„Höchsttemperaturen für Sopot am 28.05.2024: 29 Grad“ die selbe WetterApp

„Ich nehme mir mal meinen Rucksack“ Esther bei der Sicherheitskontrolle in Düsseldorf

„Wollen wir uns hier draussen hinsetzen?“ Sven

„Esther, Du hast da nen Fleck“ Sven

„White Beer please!“ Sven

„Uwaga na łosie“ (Warnung vor Elchen auf der Autobahn)

„Bald mein Wagen…“ Stadtführer in Kolberg

„Der Kahn ist so groß, der schwankt sicher nicht“ Sven

„Sven!“ Karin

„Sven!“ Esther