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Etappe 1

Rheinland

Aufbruch

Tag 1 – Montag, 26.08.2024; N 50°45'58″ O 6°35'51″

Heute ist es soweit. Ab jetzt wird sich zeigen, was das langfristige Planen, Buchen, Reservieren und Organisieren tatsächlich wert ist. Aber langsam, ein Schritt nach dem Anderen. Erstmal wird gefrühstückt. Wir haben schließlich Urlaub. Niemand treibt uns. Die Koffer sind längst gepackt und stehen mir kurz vor dem Aufbruch stets und ständig im Weg. Um nicht auf dem Flughafen Probleme mit zu schwerem Gepäck zu bekommen holt Esther die Personenwaage. Wir haben auch eine Kofferwaage. Doch die ist aufgrund der zu seltenen Nutzung verschwunden und grad hat keiner von uns beiden Lust und Laune danach zu suchen. Daher stelle ich mich auf die Personenwaage, nehme empört das angezeigte Gewicht zur Kenntnis und stelle mich mit jedem einzelnen Koffer erneut auf die Waage. Das Gewicht der Koffer befindet sich innerhalb der erlaubten Werte. Einmal ist es knapp, aber knapp darunter ist okay.

Unser Flieger wird planmäßig um 16:05 Uhr abheben. Wenn wir mit einer Boarding-Zeit von 30 Minuten rechnen und großzügig eine halbe Stunde für den Duty Free-Bereich dazugeben sowie für die Sicherheitskontrolle und dem Abgeben der Koffer eine gute Stunde draufschlagen, dann sollten wir bis spätestens 14 Uhr auf dem Flughafen eintreffen. Setzen wir diese Reise rückwärts durch die Zeit ein wenig fort: Wir haben einen Parkplatz in Eschborn (westlich von Frankfurt) gebucht und werden von dort mit einem Shuttle zum Terminal gefahren. Der Flughafen ist vielleicht eine halbe Stunde entfernt. Großzügig gehen wir auch hier von einer Fahrzeit von sechzig Minuten aus. Nur um sicher zu gehen. Rechnen wir also alles zusammen, dann müssen wir gegen 13 Uhr auf dem Parkplatz in Eschborn eintreffen wenn dieser großartige Plan mit all seinen Zeiten aufgehen soll. In diesem Fall müssen wir auf dem Flughafen unglaublich viel Zeit totschlagen, was sicher interessant werden kann.

Unsere erste Etappe am heutigen Tag ist also die Fahrt nach Eschborn. Der zweittreueste Begleiter für die kommenden zwei Wochen - die Navigations-App auf dem Smartphone - spricht von etwa zwei Stunden Fahrzeit. Jetzt ist es kurz nach zehn Uhr. Ich werde jetzt in aller Ruhe das Auto beladen, so dass wir spätestens gegen 10:30 Uhr vom Hof rollen können.

Beim Anziehen der Schuhe klingelt mein Smartphone. Auf dem Display steht „Unbekannt“. Sicher ein Werbeanruf und dafür habe ich generell keine Nerven und lehne den Anruf ab. Es klingelt umgehend erneut. Das überrascht mich ein wenig. Eine solche Hartnäckigkeit gehört belohnt und deshalb nehme ich das Gespräch nun doch an. Der Anrufer entpuppt sich als Mitarbeiter der Shuttle-Services „Infinity-Parking“ in Frankfurt. Er teilt mit, dass wir auf dem Parkplatz erwartet werden, weil wir das Shuttle für 10 Uhr gebucht haben.

Nun, dass ist mit neu. Meines Wissens hatte ich bei der Buchung nur die Flugnummer mitgeteilt. Den Shuttle-Service bereits sechs Stunden vor Abflug in Anspruch zu nehmen macht überhaupt keinen Sinn. Aber es ist wie es ist. Auch auf den Buchungsunterlagen steht zehn Uhr, was uns in ein gewisses Dilemma führt. Der Mitarbeiter schluckt bei meiner Bemerkung, dass wir das Taxi eigentlich erst drei Stunden später benötigen und erklärt mir, dass gerade gegen 13 Uhr besonders viele Reisende den Shuttle-Service benötigen.

Wenn wir jetzt losfahren werden wir gegen halb eins dort sein. Zur Not warten wir eine halbe Stunde oder auch eine Stunde auf dem Parkplatz auf ein freies Shuttle. Unser Zeitmanagement lässt das zu. Damit ist der Mitarbeiter zufrieden und legt auf. Meine Annahme, dass die Shuttles rund um die Uhr im Einsatz sind, erweist sich demnach als falsch. Die Shuttlebusse von „Infinity-Parking“ fahren nur bei Bedarf. Keine Panik. Wir haben immer noch genügend Zeit.

Hessen

Heusenstamm

Tag 1 – Montag, 26.08.2024; N 50°03'52″ O 8°47'53″

Zehn Minuten später befinden wir uns auf dem Weg in Richtung Frankfurt. Der Verkehr an diesem Montagvormittag ist moderat. Die Autobahn ist nicht voll, lässt es aber nicht zu, dass wir ein wenig an der Uhr schrauben. Um 12:45 Uhr erreichen wir einen arg herunter gekommenen Parkplatz zwischen modernen Bürogebäuden in Eschborn. Sollen wir hier etwa unser Auto zwei Wochen herumstehen lassen? Und wo befindet sich hier „Infinity-Parking“? Diesmal rufe ich an und erreiche tatsächlich den selben Mitarbeiter von vorhin. Aufgrund einer beeindruckenden Geräuschkulisse kommt das Gespräch nur langsam in die Gänge. Es gibt direkt den nächsten Tiefschlag, den es schleunigst zu verdauen gilt: Wir befinden uns auf dem falschen Parkplatz. Inzwischen befindet sich der Parkplatz von „Infinity-Parking“ nicht mehr in Eschborn, sondern in Heusenstamm. Und Heusenstamm ist gute 30 Fahrminuten von unserem Standort entfernt.

Das Navi wird mit den neuen Adressdaten gefüttert, wir verlassen diesen merkwürdigen Platz und dann geht es einmal quer durch Frankfurt nach Heusenstamm. Unterwegs haben wir Zeit über die falsche Adresse des Parkplatz nachzudenken. Der Infinity-Parking-Mitarbeiter redete etwas von einer alten Adresse auf der Webseite des Buchungsportals. Letztendlich steht die Eschborner Adresse auch auf den Buchungsunterlagen. Egal, es läßt sich jetzt nicht mehr ändern. Ärgerlich ist allein die Tatsache, dass wir dem Flughafen kaum näher kommen, da Heusenstamm von ihm ähnlich weit entfernt ist wie auch Eschborn.

Eine halbe Stunde später, gegen 13:15 Uhr, haben wir den richtigen und zudem recht abgelegenen Parkplatz gefunden. Hier befindet sich ein Bürocontainer von Infinity-Parking. Doch der ist verschlossen und nirgendwo ein Mitarbeiter zu sehen. Was bleibt mir übrig, als die altbekannte Nummer erneut anzurufen. Der Mitarbeiter tut verwundert, ein Kollege von ihm sollte eigentlich längst hier sein. Er macht sich deshalb jetzt auf den Weg und wird in zwanzig Minuten vor Ort sein. Und wir? Warten! Das ganze bei bestem Wetter mit etwa 25 Grad.

Auf dem Parkplatz in Heusenstamm Der Parkplatz ist weitläufig und grenzt unter anderem am CAMPUS Heusenstamm. Wir befinden uns zwar in Hörweite zur A3, sehen diese aber nicht. Was hier definitiv fehlt sind Toiletten. Inzwischen ist es kurz nach 13:30 Uhr und vom Shuttleservice ist weiterhin nichts zu sehen. Unsere vollen Blasen erschweren die Warterei enorm. Also schlagen wir uns kurz in die Büsche.

Mein Smartphone klingelt. Einmal mehr ruft mich „Unbekannt“ an. Er fragt, ob inzwischen sein Kollege eingetroffen ist und kündigt sein baldiges persönliches Erscheinen an. Natürlich lassen wir uns gern vertrösten. Ewig wird die Warterei sicher nicht dauern. Gegen 13.45 Uhr rollen zwei Autos auf den Parkplatz und spucken fünf Personen mit umfangreichem Gepäck aus. Kurz darauf gesellt sich ein Kleinwagen zu uns und als dann tatsächlich gegen 14:10 Uhr ein Kleinbus mit dem Aufdruck „Infinity-Parking“ erscheint tauchen weitere PKWs auf dem Parkplatz auf.

Der Fahrer des Kleinbusses kommt direkt auf uns zu und fragt, ob wir die Leute vom Eschborner Parkplatz sind. Na Gott sei Dank! Wenigstens kein Wort zur 10 Uhr-Buchungs-Geschichte. Esther parkt unser Auto um, dann bringe ich die Koffer zum Shuttle. Als die „vom Eschborner Parkplatz“ erfahren wir eine zuvorkommende Behandlung und landen als erste im Kleintransporter. Ein weiterer Kleintransporter gesellt sich dazu. Aha, der verschollen geglaubte Kollege. Es gibt ihn tatsächlich! Ob nun mit den Kleinbussen alle anwesenden Reisenden in einem Schwung zum Flughafen gefahren werden können, ist mir gerade ziemlich egal. Es wird noch eine Zeitlang koordiniert, geordnet und umgeladen. Esthers und mein Hintern ist und bleibt in diesem Shuttle, unser Gepäck ebenfalls.

Das Shuttle setzt sich gegen 14:30 Uhr in Bewegung. Wir sitzen in der hintersten Sitzreihe. Vor uns sitzt eine Mutter mit zwei erwachsenen Söhnen. Sie hat definitiv in ihrer Familie die Hosen an. Zuerst beobachtet sie den Fahrer und ihr Smartphone recht argwöhnisch. Möglicherweise ist auch ihr Zeitmanagement in Schieflage geraten. An der nächsten Kreuzung greift sie dann proaktiv ins Geschehen ein und weist auf die grüne Ampel hin. Unser Fahrer bedankt sich äußerst verdutzt für diesen Hinweis und überfährt die folgende Kreuzung bei Rot. Zum Glück lässt dies die Verkehrslage auch zu und so erreichen wir kurz vor fünfzehn Uhr Terminal 1 des Flughafens Frankfurt am Main.

Airport Frankfurt am Main

Tag 1 – Montag, 26.08.2024; N 50°03'00″ O 8°34'19″

In einer Stunde geht unser Flieger, in einer halben Stunde beginnt das Bording. Es ist zwar spät, aber noch alles im Rahmen. Dank Möglichkeit seine Koffer selbst aufzugeben, entgehen wir einer möglicherweise langen Warteschlange am CheckIn-Schalter. Jetzt wird sich zeigen, wie gut wir in der Bedienung der Klebeetiketten sind und ob unsere Gewichtsermittlung mit der Personenwaage korrekt war.

Kurz die digitale Bordkarte an ein Lesegerät gehalten und schon erscheint das erste markante längliche Etikett. Esther hat den selben Erfolg und bekommt ihr Etikett schnell am seitlichen Griff ihres Koffers befestigt. Ein wenig stört ihr dabei das von mir dort befestigte braune Bändchen. Der Sinn des Bänchens besteht keineswegsn darin unsere Koffer als erste auf dem Laufband erkennen. Vielmehr soll damit ein Reisender, der versehentlich einen unserer Koffer vom Laufband holt, bei Kontakt mit der Schleife am Griff seinen Irrtum erkennen. Schließlich ist nichts dramatischer, als den Urlaub ohne Gepäck beginnen zu müssen.

Wir rollen die Koffer zu einem der Gepäckabgabeautomaten. Auf Knopfdruck öffnet sich eine Plexiglasscheibe und gibt den Weg frei ins Innere. Der Koffer steht kurz darauf auf der dafür vorgesehen Position und die Plexiglasscheibe schließt sich wieder. Laserstrahlen schwirren hektisch auf der oberen Seite des Koffers herum. Irgendein Barcode auf dem Etikett kann nicht gelesen werden. Also werden wir gebeten den Koffer neu zu positionieren. Beim zweiten Versuch haben wir mehr Glück. Ein Display zeigt das Gewicht mit 22,9 kg an. So etwas nenne ich Punktlandung! Sekunden später verschwindet der Koffer in den Eingeweiden des Flughafens und wir lassen den nächsten Koffer folgen.

Nun haben wir noch Esthers Rucksack und zwei Handgepäckskoffer. Diese können wir natürlich mit in den Flieger nehmen. Mir wäre jedoch wohler, wenn ich die kleinen Koffer ebenfalls hier abgebe kann und bis zur Landung in Stockholm aus den Füßen habe. Also bemühe ich ein weiteres mal meine Bordkarte, diesmal jedoch ohne Erfolg. Der Etikettenausgeber streikt und gibt mir kein weiteres Etikett. Der dabeistehende Servicemitarbeiter ist keine große Hilfe. Er verweist mich an den Checkin-Schalter und genau da stelle ich mich trotz unserer knappen Zeit an.

Es ist inzwischen deutlich nach fünfzehn Uhr. Die Schlange am Schalter ist zwar nicht lang, es geht aber auch nicht voran. Eine Mitarbeiterin diskutiert seit geraumer Zeit mit einem Pärchen über ihr sperriges Gepäck. Ihre Kollegin nebenan prüft irgendwelche Listen und Dokumente. Der direkt vor mir stehende Herr spricht sie einfach an und bittet sie um diverse Informationen. Er hat Glück und bekommt eine Antwort. Ich habe weniger Glück, denn gerade in diesem Moment wechselt die Anzeige über dem Schalter auf „Out of order“ und die Dame entfernt sich schnellen Schrittes. Esther wollte die Koffer eh nicht abgeben und bekommt auf diese Weise einmal mehr Recht. Wir verlassen den CheckIn-Schalter und begeben uns zur Sicherheitsüberprüfung, wo glücklicherweise wenig Betrieb ist.

Alles an mitgeführter Technik wird in die mitgeführten Taschen, Koffer oder Rucksäcke verstaut. Das Gepäck landet in den bereitgestellten Kisten, welche dann zum Schlund einer Maschine transportiert und dort durchleuchtet werden. Bei Esthers Rucksack gibt's natürlich wieder Probleme. Doch meine Ehefrau reagiert deutlich gelassener als zuletzt auf dem Düsseldorfer Flughafen, als sie mit ihrer voreiligen Art die Aufmerksamkeit des Sicherheitspersonals auf sich zog. Letztendlich nehmen wir diese Hürde und begeben uns in Richtung Gate.

In zehn Minuten beginnt das Bording. Schräg gegenüber vom Gate entdecke ich einen Trinkwasserspender. Dieser ist gemessen an seiner eigentümlichen Bauweise wohl nur zum Stillen des größten Durstes vorgesehen. Mit dem Betätigen einer Taste sprudelt ein kleiner Wasserstrahl nach oben, um dann einen kleinen Bogen beschreibend in ein Becken zu fließen. Man hält einfach den Mund drüber, betätigt den Knopf und je nach verwendeter Kraft bei Drücken des Knopfes erfrischt einen ein Strahl Trinkwasser. Ein Gesichts-BD sozusagen. Mit viel Gefühl schaffe ich es tatsächlich den Wasserstrahl zur Flaschenöffnung zu bugsieren und nahezu ohne Verluste eine eingeschleuste Plastikflasche zu füllen. Nur wenige Dutzend Meter weiter befindet sich ein Lebensmittelshop, in welchem die Literflasche Volvic für 5,95 Euro verkauft wird. Die haben wir uns nun also gespart. Stattdessen kauft Esther zwei Laugenbrezel für immerhin acht Euro.

Abflug

Tag 1 – Montag, 26.08.2024; N 50°03'00″ O 8°34'19″

Das Gate öffnet und die Ungeduldigsten unter den Fluggästen strömen wie gewohnt an den Schalter. Die dort anwesende Stewardess versucht verzweifelt Ordnung ins Chaos zu bringen und gibt entnervt auf. Gegen den Aberglauben, dass der Flieger startet, ohne dass alle Passagiere an Bord sind, kommt sie einfach nicht an. Wer zuerst sitzt malt schließlich zuerst und hat das ganze Gepäckfach erstmal für sich.

Die einzelnen Durchsagen machen mich neugierig. Es werden die Besitzer von Fensterplätzen aufgerufen, sich ins Flugzeug zu begeben. Natürlich hat grad jeder einen Fensterplatz und das Gedränge nimmt weiter zu. Mein Platz 19A ist auf jeden Fall ein Fensterplatz, ein Platz an der Sonne sozusagen, weshalb mich Esther nun losschickt und gleich nachkommen möchte. Auf 19A ist aktuell nichts los. Meinen kleinen Koffer schiebe ich in die bislang gähnend leere Aufbewahrungsbox und nehme dann Platz.

Während ich nun auf Esther warte, fällt mir auf, dass der vordere Bereich der Lufthansamaschine mit einem Sichtschutz verdeckt ist. Dieser vordere Bereich ist offensichtlich die Businessclass, welche einen eigenen Zugang über die Gangway hat. Man lernt nicht aus. Seit wann haben normale Passagierflugzeuge wie dieser Airbus im fordere Bereich zwei Türen? Während ich darüber grübele nimmt ein älterer Mann neben mir auf 19B Platz. Gewagter Versuch. So etwas wie Empörung will gerade nicht aufkommen. Freundlich weise ich den Herrn darauf hin, dass 19B für meine Frau reserviert ist. Verwundert zeigt er daraufhin seine digitale Bordkarte. 19D steht in der rechten oberen Ecke. Mit diesem Platz direkt am Gang kann der Herr leben. Esther erreicht just in diesem Moment Sitzreihe 19 und noch ehe ich ihr zu Hilfe eilen kann, hebt der eben von mir verscheuchte Passagier von 19D ihren Koffer in die Kofferablage. Läuft doch!

Der Weg des Airbusses A321 zum Rollfeld wirkt wie eine Betriebsbesichtigung des Frankfurter Flughafens. Unsere Tour führt uns an den Terminals vorbei. Eine Feuerwache taucht auf, gefolgt von vielen weiteren Gebäuden des Flughafens. Den Höhepunkt dieser Führung stellt schlussendlich der Start eines Flugzeuges dar, den wir aus allernächster Nähe miterleben dürfen. Wir stehen auf dem Rollfeld, warten auf das Anrollen, gefolgt von einer ordentlichen Beschleunigung… Auf dem parallelen Rollfeld neben uns landet soeben eine große Frachtmaschine aus Saudi Arabien. Was mag die an Bord haben? Datteln? Kamelfleisch? Gefriergetrocknetes Erdöl? Unser Flieger ruckt an. Esther greift instinktiv nach meiner Hand. Wir rollen, werden schneller, noch schneller und dann halt noch viel viel schneller. Dann hebt er ab und völlig losgelöst von der Erde… drückt mir Esther kräftig die Hand. Das Flugzeug gewinnt schnell an Höhe, das Fahrwerk fährt hörbar ein und Esther entspannt sich langsam wieder. Und das zu recht, denn nach all den kleinen und großen Scharmützeln des heutigen Tages ist nun an der Zeit in den Urlaubsmodus zu schalten. Die Stewardess verteilt Wasserfläschchen. Esther kramt die Brezeln hervor und unser Urlaub wagt hier über den Wolken einen Neustart.

Es gibt es zur Freude meiner Gattin WLAN an Bord. Auch wenn das Fliegen nicht ihr Ding ist, Flugzeuge haben es ihr angetan. Entdeckt sie daheim ein Flugzeug am Himmel, greift sie meist zum Handy, startet Flightradar24 und schon versorgt sie mich mit allen prägnanten Daten zum Flug. Der WLAN-Empfang an Bord bedeutet allerdings nicht automatisch, dass auch Internet verfügbar ist. Heute bekommt man nur Zugang zu einigen Services an Bord. Relevante Daten zum Flug wie Höhe, Geschwindigkeit oder Außentemperatur werden von Esther geprüft und für gut befunden. Eines Tages wird Esther die Crew im Cockpit besuchen, Details des Fluges erörtern und den Jet punktgenau auf einer Briefmarke landen.

Über den Wolken Aktuell treiben wir uns in einer Flughöhe von 10700 Metern herum, außerhalb der schützenden Flugzeughülle herrschen minus 51 Grad. Der Airbus macht grad ordentlich Tempo um hier mit 939 km/h voranzukommen. Die Stewardess verschenkt inzwischen Schokoladentäfelchen und Esther macht den Eindruck, dass ihr das Fliegen wieder ein wenig mehr Freude bereitet. Unter uns ziehen ein paar Offshore-Windräder auf der Ostsee vorbei, gefolgt vom schwedischen Festland. Und da wir gerade dabei sind, alles positiv zu sehen: mit dem Erreichen des schwedischen Festlandes fällt die Landung schon mal nicht ins Wasser.

Wenn Flugzeuge runterfallen, ist das keine gute Sache. Wenn im Flugzeug etwas runterfällt, schaut es übrigens auch recht problematisch aus. Das Aufheben ist nämlich höchst kompliziert. Man kann sich aufgrund der Enge kaum bis gar nicht nach unten beugen. In unserem Fall beginnt die Aufregung mit einen dumpfen Aufprall. Esthers kleine Wasserflasche ist runtergefallen. Aktuell hat sie eigentlich keine Chance an die Flasche heran zu kommen. Aber genau die will sie nutzen und stopft ihr Handy in das inzwischen gut gefüllte Haltenetz vor ihren Knien. Der nächste dumpfe Knall folgt und das Smartphone gesellt sich zur Flasche. Die unlösbare Aufgabe ist also noch etwas komplizierter geworden. Nervös hebt sie ihre Handtasche hoch. Und setzt sie ratlos wieder ab. Bevor Esther hektisch wird und das Flugzeug auseinander nimmt, beuge ich mich seitlioch runter und erreiche tatsächlich die heruntergefallenen Gegenstände zu ihren Füßen. Situation gelöst. Ich bin gespannt wie sie dass eines Tages wieder gut machen möchte.

Uppland

Airport Stockholm-Arlanda zum Ersten

Tag 1 – Montag, 26.08.2024; N 59°39'07 O 17°56'02″

UpplandUnser Flieger dreht eine kleine Runde über die Gegend nördlich von Stockholm und setzt dann recht behutsam auf dem Flughafen Stockholm-Arlanda auf. Das Flugzeug rollt einmal übers halbe Flughafengelände und kommt irgendwann zum Stehen. Sofort ist Leben in der Bude, denn die meisten der an Bord befindlichen Passagiere sind sich einig, dass das Flugzeug in wenigen Momenten in Flammen aufgehen wird. Nichts wie raus hier! Es ist immer das selbe und deshalb lehnen wir uns zurück und geniessen die Hektik.

Stockholm-Arlanda Nachdem auch wir endlich das Flugzeug verlassen haben, spazieren wir durchs Gate und treffen davor die Fluggäste, die in Kürze Schweden verlassen werden. Wehmütig denke ich, dass wir in knapp zwei Wochen selbst hier sitzen werden. Doch heute ist dieses Gate der Anfang und kein Ende. Wir folgen weiterhin jenem bunten Haufen, der unbeeindruckt von den bunten Duty Free-Shops den außerordentlich langen Weg im Terminal 5 zu den Gepäckbändern zurücklegt. Unsere Koffer gehören zu den Ersten auf dem Gepäckband und schon sind wir wieder unterwegs. Es geht durch die Sky-City hinüber zum Terminal 4 und von dort nach draußen zum Bussteig 14.

Von diesem Bussteig soll unser Shuttlebus zum Hotel „Aiden by Best Western“ fahren. Das „Aiden“ ist unsere erste Bleibe in Schweden. Den Emails der letzten Tage konnte man entnehmen, dass das „Aiden“ nicht mehr zur Hotelkette „Best Western“ gehört. Als wir vor einigen Monaten die Zimmer reservierten sah das noch anders aus. An den benachbarten Bushaltestellen verkehrten die ganze Zeit über schicke Kleinbusse namhafter Hotelketten. Wo bleibt unser Bus? Wir müssen eine viertel Stunde warten, dann nähert sich ein hellblauer alter Linienbus unserem Standort. Das klapprige Gefährt macht innen wie auch außen nicht den solidesten Eindruck. Die Sitzpolster sind ordentlich durchgescheuert,so dass die Schaumstofffüllungen an einigen Stellen herausquollen. Ein paar Haltegriffe waren locker und wenig vertrauensselig. Dieses Gefährt hatte seine besten Jahre im letzten Jahrtausend. Während der Fahrt neigte sich der Bus häufig von einer Seite zur anderen.

Vor dem Aiden-Hotel Wir überleben die Fahrt mit dem Seelenverkäufer und steigen am Hotel aus. Das Aiden kann es sich durchaus sehen lassen, auch wenn eine dunkelgraue Hausfassade jetzt nicht überwältigend ist. Die Hotellobby ist hingegen stilvoll und modern eingerichtet. Wir checken an der Rezeption ein, entscheiden uns dabei für das digitale Eincheckportal. Zwei Zugangskarten werden eingerichtet und damit gehts nun zum Zimmer. Der Korridor wirkt renovierungsbedürftig, ist trotzdem weit davon entfernt als schmutzig zu gelten.

Unser Zimmer ist so wie wir uns ein schwedisches Hotelzimmer eigentlich fast vorgestellt haben: klein, einfach gehalten, ohne größeren Komfort. Dunkelgrau ist auch hier angesagt, was ich eigentlich mag. Doch ist der Raum bestenfalls zehn Quadratmeter groß und aufgrund der dunklen Farbe wirkt das Zimmer gleich noch etwas enger. Einen Sicherungskasten gibt es nicht. Eine elektrische Sicherung zum Schutz dieses Raumes befindet sich ohne Verkleidung direkt neben der Eingangstür. Daneben sind Informationsblätter mit Pins an der Wand befestigt. Nennt man das Pragmatisch? Das Bett ist in Ordnung. Nicht mehr und nicht weniger. Durch eine Schiebetür gelangt man ins Bad. Hier wirkt alles sehr gepflegt. Die Handtücher sind einheitlich im gleichen Grauton wie das Zimmer. Fazit: Wir brauchen einen Raum zum Schlafen und dafür ist unser Hotelzimmer durchaus geeignet. Punkt!

Ein nervendes Geräusch vergleichbar mit dem Surren von Heizungsrohren in Fabrikhallen ist allgegenwärtig. In dieser Geräuschkulisse mischt sich zeitweilig das Anlaufen eines Gebläses. Das zerrt einigermaßen an den Nerven, die nach einem anstrengenden Tag ohnehin etwas strapaziert sind.

Zählen wir mal zusammen: Merkwürdiges Shuttle, modernes Hotel, sehr kleines Zimmer mit nervraubenden Geräuschen. Ich denke, wir sollten zufrieden sein. Das hier ist Flughafenland, an diesem Ort zählen andere Regeln als anderswo. Die Nachfrage nach halbwegs bezahlbaren Übernachtungsmöglichkeiten ist riesig. Irgendein Hotel hier am Flughafen bietet sogar Zimmer ohne Fenster an. Vergesst das Prinzip Angebot und Nachfrage - das hier ist einzig Friss oder Stirb.

Wir haben unser Zimmer bezogen, der Urlaub ist im vollen Gange und nun meldet sich ein kleines Hungergefühl. Wie weiter? Wir könnten eigentlich im Hotel bleiben, das wie eine Insel in einem Meer von Industrieanlagen aufragt. Den ersten Abend in Schweden in einem kleinen Zimmer und im Hotelrestaurant in der Lobby verbringen, ehrlich? Als Alternative könnte man Sky-City erkunden. Ich verstehe die Frage nicht. Auf gehts - das Shuttle wartet.

Sky City

Tag 1 – Montag, 26.08.2024; N 59°38'57″ O 17°55'45″

Am Terminal 4 checken wir als erstes die Busverbindungen innerhalb des Flughafengeländes. An Haltestelle 3, fährt das Flughafenshuttles P2-Beta ab, welches die Leute zur Autovermietung bringt. Unsere Hausaufgaben wären damit erledigt! Jetzt haben wir Hunger und sind neugierig auf die Sky City.

Selfie in SkyCity Die Sky City ist ein hochmoderner Gebäudetrakt der Terminal 4 und 5 verbindet. In Sky City gibt es ein Hotel und viele Einkaufsmöglichkeiten, Cafes und Restaurants. Der Hunger hebt kurz die Hand, genau da war was. Wir entscheiden uns für die Sushibar „Itamae Sushi“ und bestellen bei der Kellnerin mit Händen und Füßen zwei Sushi-Gerichte. Anschließend bestelle ich ein Eriksberg für unglaubliche 85 schwedische Kronen (etwa 8 Euro) und ein kostenloses Wasser für Esther. Zum Probieren bringe ich noch ein kostenloses Schüsselchen Suppe mit an den Tisch. Löffel dafür gibt es allerdings keine. Wie gehen andere Gäste mit dieser Herausforderung um? Sie schlürfen. Gut, dann schlürfen wir ebenfalls.

Eriksberg Original Kurze Zeit später bringt die Kellnerin zwei Teller mit frisch zubereiteten Sushi-Rollen an unseren Tisch. Der Sushi schmeckt ausgezeichnet. Habe ich etwa Vorurteile gegenüber der schwedischen Gastronomie? Gut, da gab's die eine oder andere schlechte Erfahrung in den vorangegangenen Schwedenbesuchen. Aber vielleicht haben wir stets die falschen Gaststätten besucht. Hier jedenfalls gibt es trotz einer gewissen Schlichtheit nichts auszusetzen. Das Sushi schmeckt hervorragend und ist angesichts der Lokalität nicht sonderlich teuer. Und während ich das Bier genieße überwacht Esther den Stockholmer Luftraum und prüft bei jedem Start und jeder Landung Flugnummer, Zielflughafen und Flügellänge. Wehe dem Piloten wenn da etwas nicht in bester Ordnung ist!

Longdrinks im Barino Kurz darauf landen wir im Barino, einem italienischen Café. Es braucht etwas bis wir bestellt haben. Der Grund: die Speisekarte klebte in Form eines QR-Codes auf dem Tisch. Dank QR gelangt man auf die digitale Variante der Speisekarte. Beim Einstellen einer passenden Sprache gibts den ersten Krampf, und im Fortgang der Bestellung folgen weitere Scharmützel, die mich allesamt zu überfordern drohen. Es erfordert Geduld, etwas Glück und Esthers beruhigende Art um am Ende Campari-Orange und Aperol Spritz zu bestellen. Beim Bezahlen wird man gebeten, die Höhe des Trinkgeldes anzugeben. Oder auf Deutsch: Man legt fest wie freundlich man bedient werden möchte. Die Kreditkarte wird belastet und die Bestellung geht raus. Schau an, just in diesem Moment setzt sich die Kellnerin in Bewegung und zaubert unsere Longdrinks und bringt sie freundlich an unseren Tisch. Das Trinkgeld war wohl angemessen.

Mit einem leckeren Getränk lässt es sich hier gut aushalten. Wir schauen abfliegenden Flugzeugen hinterher und beobachten rastlose Geschöpfe auf ihrem Weg durch die SkyCity. Eine vorbeieilende Dame bewahrt bemerkenswert Fassung, während sie ihren Design-Koffer in ihren Armen trägt. Der Reisverschluss hat offensichtlich seine Funktion eingestellt. In ihren Augen keine Anzeichen von Resignation. Sie ist absolut Herrin ihrer Lage. Sie krallt sich, ihren Stolz bewahrend, an die letzten Funken ihrer schwindenden Schönheit wie an den kaputten Koffer. Eines Tages wird sie einsehen, dass nichts von Dauer ist. Aber nicht heute Abend. Sie eilt an uns vorbei und verschwindet in der grauen Masse all jener, die an diesem Montagabend das Glück hatten ein paar kurze Momente mit uns zusammen in Sky City verbringen.

Arlanda bei Nacht Wir verlassen die SkyCity, durchqueren den Eingangsbereich vom Terminal 4 und begeben uns zum Bussteig 14. Es ist noch Zeit bis zum Eintreffen unseres Shuttles. Es geht inzwischen auf 22 Uhr zu und entsprechend wenig ist los. Ein paar Reisende warten ebenfalls auf einen Bus. Auffällig ist, dass hier weder Taxis noch private PKWs vorfahren. Die Schweden haben den Verkehr im Griff. Müde erinnere ich mich an den Bereich vor den Eingangstüren vom Terminal 1 des Frankfurter Flughafens, wo ein Verkehrschaos herrscht, das man so nur auf Flughäfen in der dritten Welt vorfindet.

Unser Bus naht. Als einzige Fahrgäste können wir uns die Plätze aussuchen und nehmen ganz hinten Platz. Die Coolen sitzen immer hinten! Unterwegs schwankt der Bus erneut von einer Seite zur anderen. Es fühlt sich stellenweise an wie ein Schiff in extrem schwierigem Fahrwasser. Das Schwanken gibt es in einer Intensität, für die andere Geld in Freizeitpark ausgeben würden. Der Busfahrer leistet sicher überirdisches um nicht die Gewalt über den Bus zu verlieren. Auch diese Fahrt überleben wir und verschwinden mit einem Anflug von Seekrankheit auf unser Hotelzimmer. Die Frühstückzeiten sind von 4-10 Uhr, Ausschlafen ist nicht drin.

Aiden am Morgen

Tag 2 – Dienstag, 27.08.2024; N 59°36'42″ O 17°53'19″

Hurra! Unsere Tour durch Mittelschweden beginnt heute. Doch ist die Laune gerade nicht so wie sie sein sollte. Was ist passiert? Wir haben schlecht geschlafen. Bei jedem Flugzeug, dass in der Nacht vorbeilärmte, meinte man, das Fenster steht weit offen. Steht das Hotel etwa unmittelbar in der Einflugschneisedes benachbarten Flughafens? War mal kein Flugzeug in der Nähe übernahm der Fabrikhallensummton die Hintergrundbeschallung. Übermüdet geht's unter die Dusche und allmählich kehrt das Leben in die müden Glieder zurück.

Ohne Elan geht's ins Foyer zum Frühstück. Das wichtigste nach solch einer Nacht ist ein Kaffee. Für uns Bürotäter zählt dieses koffeinhaltige Heißgetränke zu den lebensnotwendigen Grundnahrungsmittel. Dabei spielt es spielt keine Rolle ob wir im Büro, daheim oder im Schwedenurlaub sind. Dann der Schock: Im Kaffeetrinkerland Nr. 4 weltweit (ja, Schweden liegt Statsistisch gesehen nur auf Rank 4) gibt's Kaffee aus einer Pumpkanne? Echt jetzt? Was tut ihr uns an? Dieser Pumpkannenkaffee schmeckt abgestanden, hart an der Grenze zu nicht mehr genießbar. Aber die bittere Brühe wirkt und macht munter. Das Angebot am Frühstücksbuffet ist nicht sonderlich vielseitig und wird auch ein Stück weit lieblos angeboten. Jeweils eine Sorte Wurst und Käse verharren in hoch aufgeschichteten Haufen in der Kühltheke. Die weiche Butter läßt sich mit einem großen Löffel aus einer Schüssel löffeln. Das Angebot an Müslis ist deutlich umfangreicher, aber völlig uninteressant für mich.

Eine Servicekraft im schwarzem Hemd räumt die Tische ab und sorgt sich um das Buffet. Auf seinem Rücken prangt dreimal der selbe Spruch: „ASK ME ANYTHING“. Armer Kerl. Aktuell belästigt ihn niemand. Das wird er zu schätzen wissen. Weil es die Zeit zulässt sitzen wir noch etwas länger, gönnen uns einen weiteren Kaffee (die Pumpkanne wurde frisch aufgefüllt) und checken unsere Mails. Da der gesamte Reiseverlauf inklusive sämtlicher Buchungen über das Smartphone verwaltet wurden, erfolgt auch die Kommunikation darüber. Heute etwa meldet sich bespielsweise eines der Hotel, in das wir in wenigen Tagen einchecken werden und teilt uns ein paar Informationen zu unserem Aufenthalt am Donnerstag mit. Die Zukunft winkt uns zu. Es ist an der Zeit aufzubrechen.

Biluthyrning

Tag 2 – Dienstag, 27.08.2024; N 59°38'17″ E 17°56'26″

Mit den vier Koffern rollen wir aus dem Fahrstuhl heraus und durchqueren das helle Foyer hin zur Rezeption. Das Auschecken dauert noch einmal kürzer als das flotte Einchecken gestern abend. Die beiden Schlüsselkarten und ein freundliches Bye Bye wandern über die Theke und schon sind wir auf dem Weg zum Bus. Dieser steht bereits an der bekannten Abfahrtstelle vor dem Hotel.

Es besteht kein Grund zur Eile, wir sind recht pünktlich. Heute ist der Bus ordentlich gefüllt. Ich bleibe freiwillig bei den Koffern stehen. Das gestrige Fahrverhalten des Busses oder des Fahrers lässt mich zweifeln ob wir das Gepäck sich selber überlassen können. Denn macht sich erstmal einer der Koffer auf den Weg, kann man nicht ausschließen, dass andere Fahrgäste belästigt oder gar erschlagen werden. Und tatsächlich habe ich auf der Fahrt alle Hände voll zu tun, die Koffer in meiner Gewalt zu behalten.

Als sich die Türen des Busses am Terminal 4 zum letzten Mal für uns öffnen, verlassen wir den Bus, schlendern hinüber zur Haltestelle 3, wo die beiden Flughafenshuttles P2-Beta und P3-Alpha üblicherweise abfahren. Es ist kurz nach 10 Uhr. Den Mietwagen haben wir für 11 Uhr bestellt. Bis dahin ist noch viel Zeit. Mit unserem Gepäck besteigen wir das nächste Flughafenshuttle der Linie „P2 Beta“ und fahren zum den „Biluthyrning“ - dem Autoverleih. Es ist sehenswert, wie rücksichtsvoll Menschen miteinander umgehen können - wenn sie denn wollen. Oder wenn sie eine Menge Koffer dabei haben und gar nicht anders können, als zu warten bis sie an der Reihe sind.

Kaum als fünf Minuten Fahrzeit später steigen so ziemlich alle anderen Fahrgäste an der Mietwagen-Station aus. Im Gebäude drängen sich die Theken vieler bekannter Autovermieter eng nebeneinander. Das Orange Design des Autovermietes Sixt erkennt man schon beim Eintreten. Zwei kurze Schlangen haben sich bei den beiden Sixt-Mitarbeitern angesammelt. Wir sind viel zu früh und entsprechend ohne Eile. Die Knöpfe eines Kaffeeautomat wollen gedrückt werden. Doch obwohl der Kaffee hier kostenlos sein dürfte, verträgt mein Organismus nicht noch mehr Koffein. Trotzdem kämpfe ich gegen den Drang an der Kaffeemaschine herumzuspielen an. Und beinahe hätte ich diesen Kampf verloren. Silberne Knöpfe an irgendwelchen technischen Einrichtungen üben eine unglaubliche Anziehung auf mich aus. Fast ist es so als riefen sie „Komm und Drück mich!“

Esther schiebt mich gegen meinen Willen an der Kaffeemaschine vorbei hin zur Theke. Wir sind nämlich dran. Der Sixt-Mitarbeiterin ist schnell klar, dass Esther die Fahrerin ist. Ich hingegen bin nur noch Luft für sie. Für Esther bin ich das zum Glück nicht. Sie benötigt hier und da etwas Hilfe beim Übersetzen.

Der Ford Das Thema Leihwagen wingen wir bereits im Dezember es vergangenen Jahres an. Sixt bot die besten Konditionen. Wir wählten eine Mercedes Benz A-Klasse oder besser: eine Mercedes Benz A-Klasse oder ein vergleichbares Modell. Um den damals recht günstigen Preis zu erhalten mussten wir direkt bezahlen. Das taten wir und freuten uns auf einen Roadtrip im Benz. Die erste Ernüchterung folgte kurz darauf: in der Bestätigungsmail der Buchung war die Rede von einem Kia XCeed (oder ein vergleichbares Modell). Und jetzt, Ende August 2024, reicht uns die Mitarbeiterin der Firma Sixt einen Autoschlüssel mit einem Ford-Emblem herüber. Kein Benz, kein Kia - ein Ford!

Mit Autos dieser Marke haben wir bislang wenig gute Erfahrungen gemacht. Vor rund zwanzig Jahren verabschiedete sich unser eben erst gekaufter gebrauchter Ford Escort nach fünfzig gefahrenen Kilometern mit einem kapitalen Motorschaden. Der folgende Rechtstreit mit dem Gebrauchtwagenhändler zog sich über ein Jahr und endete damit, dass wir unser Geld vollständig zurückerhielten. Seitdem ist die Marke Ford bei uns unten durch. Jetzt wollen wir knapp zweitausend Kilometer in einem kleinen weißen Ford Focus zurücklegen. Kann das überhaupt funktionieren? Es gibt zwei Möglichkeiten. Zum einen können wir uns nach einer Alternative erkundigen und gegebenenfalls ein alles andere als preiswertes Upgrade auf ein anderes Modell durchführen. Oder wir nehmen die Herausforderung an und geben Ford noch einmal eine Chance. Nüchtern betrachtet überwiegt eher die Enttäuschung keinen Benz bekommen zu haben als dass wir tatsächlich ein Problem mit dem Ford Focus haben.

Die Mitarbeiterin von Sixt schildet wo wir unser „vergleichbares Modell“ auf dem schier endlosen Parkflächen des Flughafengeländes zu suchen haben. Als wir gegen 10:30 Uhr das Gebäude verlassen, brauchen wir nicht lange nach dem Auto zu suchen. Kaum fünfzig Meter entfernt steht der schneeweiße Ford neben einem grauen Audi A3, mit dem unsere Unternehmung sicher auch Spaß machen würde. Eine Fahrzeugübergabe mit einem Sixt-Mitarbeiter findet nicht statt, was etwas oberflächlich von Seiten des Autoverleihers Sixt anmutet. Bevor wir unser Gefährt für die kommenden zehn Tage mit dem Gepäck konfrontieren, das Multimediasystem drangsalieren und in aller Gemütlichkeit dem Sonnenuntergang entgegen fahren, wird das Auto nach Beschädigungen untersucht. Abgesehen won unbedeutenden kratzern werden keine wesentlichen Beschädigungen entdeckt und da wir eh gegen jeden möglichen Murks versichert sind, macht es wenig Sinn, dem Allgemeinzustand der Karosserie mehr Aufmerksamkeit zu widmen als nötig.

Das Fahrzeug wird beladen. Drei Koffer landen im Kofferraum. Mehr passt da nicht rein. Unser vierter Koffer reist deshalb auf dem Rücksitz mit. Esther macht es sich auf dem Fahrersitz gemütlich und versucht mit all den Hebeln, Schaltern und Anzeigen klarzukommen. Ich hingegen nehme auf der ewigen Reservebank neben ihr Platz. Hier sitzt der Navigator und der „freundlich-auf-alles-Hinweisende“, oder mit Esthers Worten: der alte Meckersack.

Auf meinem Smartphone befinden sich die einzelnen Routen in der Navigations-App. Also verbinde ich mein Smartphone mit dem Autoradio und Dank ausgeklügelter Technik erscheint die Navigations-App meines Smartphones auf dem Bildschirm des Radios. Aufgrund dieser durchaus nützlichen Erfindung bin ich eigentlich als Navigator nun arbeitslos und zudem auch mein Handy los. Was bleibt mir übrig, als maximalst gelangweilt die nächsten Stunden über Gott und die Welt meckernd zu verbringen. Um diesem grausamen Schicksal zu entgehen, übertrage ich die nötigen Routendaten an Esthers Handy und tausche die Geräte am Autoradio einfach aus. Esther braucht während der Fahrt weder ihr Smartphone noch meine Meckerei.

Die gewählte Route ist nur die zweitschnellste, die uns hoffentlich reichlich Einblicke in örtliche Betriebsamkeiten ermöglicht. In all den Jahren zuvor ging es stets die Europastraße 4 hoch und runter. In Schweden kommt man eben am schnellsten auf einer gut ausgebauten Europastraße voran. Von Land und Menschen bekommt man dabei recht wenig zu sehen. Da soll sich in diesem Jahr ändern. Deshalb fahren wir in den kommenden Tagen meist nur mit maximal achtzig Sachen kreuz und quer übers Land. Mal schauen was uns dort geboten wird. Bei aller Freude über viel Zeit auf der Straße, wichtig sind auch die Momente, wenn das Auto mal steht und wir zu Fuß unterwegs sind, irgendwo einen Kaffee trinken und entspannen.

Wir rollen vom Hof, drehen eine Extrarunde durch den Fuhrpark, da an der Einfahrt Einbahnstraßenverkehr herrscht. Einzig die Shuttlebusse dürfen an der Einfahrt auch wieder ausfahren. Schaut auf den ersten Blick kompliziert aus, funktioniert aber. Und mit einmal sind wir unterwegs.

Västmanland

Anundshög

Tag 2 – Dienstag, 27.08.2024; N 59°37'49″ O 16°38'46″

Runenstein Vs 13 Hoch lebe der Kreisverkehr! Hinweg mit Kreuzungen und Abzweigungen! Auf den ersten Kilometern wechselt sich ein Kreisverkehr nach dem anderen ab. Wir befinden uns aktuell in Märsta. Die Stadt lebt von der Nähe zum Flughafen Stockholm-Arlanda. Kurz darauf wird es ländlicher, die Kreisverkehre nehmen ab und stattdessen folgten Blitzer in einer völlig wahnsinnigen Häufigkeit. Haben wir so etwas ähnliches schon einmal erlebt? Das Navi warnt vor jedem Geschwindigkeitsmesser mit eingebauter Fotoapplikation. Dies tut es mit einem derart unspektakulären Ton, dass die Warnung meist ungehört verhallt. Wir wären definitiv geliefert, wenn der Beifahrer nicht wie ein Fuchs auf die Blitzer achten würde. Außerdem gibt es keinen Grund die Blitzer aus ihrem Schneewittchenschlaf zu wecken und die Urlaubskasse unnötig zu belasten.

Warum befinden sich die Blitzer überwiegend auf unserer Seite? Was ist anders am Gegenverkehr, dass dieser nicht überwacht werden muss? Meine Theorie: Der Gegenverkehr ist in Richtung Stockholm unterwegs. Die Stadt Stockholm zahlt alle Bußgelder von Touristen, die über diese Straße anreisen. Das ist eine besonders höfliche Form der Gastfreundschaft und lässt sich bestimmt über einen Fond zur Tourismuswerbung abrechnen. Und alle, die die Frechheit besitzen, Stockholm über diese Straße zu verlassen, sollen gefälligst dafür sogen, dass beim Ordnungsamt in Märsta der Rubel rollt.

Eine friedliche Autofahrt funktioniert nur mit einer anständigen musikalische Unterhaltung, jedenfalls wenn ich an Bord bin. Nichts gegen schwedische Radiosender, aber die Unterhaltungstechnik hat sich weiter entwickelt. Heute kann man eigentlich immer und überall das hören, wonach einem gerade ist. Jedenfalls wenn man nicht gerade in Deutschland unterwegs ist. Daheim läuft im Autoradio meist der Sender „80s80s“ auf DAB+, egal ob wir zur Arbeit oder quer durch Deutschland fahren. Dieser Sender spielt rund um die Uhr Musik aus den achtziger Jahren und bietet mehrere Internet-Radio-Streams an. Einer davon hat nun die Ehre in den kommenden Tagen hier an Bord für den nötigen Schwung zu sorgen.

Der Gegenverkehr auf dem Länsväg 263 nimmt mit jedem Kilometer ab, den wir zwischen uns und den Hauptstadtflughafen bringen. Das ändert sich kurz vor Enköping mit der Auffahrt auf die E18 in Richtung Oslo. Diese Europastraße ist vergleichbar wie eine Autobahn in Deutschland ausgebaut. Nur sollte man hier nicht ganz so bedenkenlos mit dem Gaspedal spielen, die Strafen für Geschwindigkeitsüberschreitungen in Schweden tun dem Geldbeutel richtig weh..

Enköping liegt schnell hinter uns. Es geht strikt westwärts. Wir verlassen die Provinz Uppland und erreichen die Provinz Västmanland, die wir heute noch durchqueren werden. Wir fahren aktuell parallel zum dritt größten See Schwedens, dem Mälaren. Dieser See ist wie ein weit ins Land reichender Fjord geformt und war vor langer Zeit auch tatsächlich mit der Ostsee verbunden. Zu sehen bekommen wir den See dennoch nicht. Die nächst größere Stadt heißt Västerås, doch kurz bevor diese erreicht wird, verlassen wir die Europastraße, um zwei Kilometer später das Auto auf einem kleinen Parkplatz abzustellen. Das erste große Etappenziel „Anundshög“ ist gegen Mittag erreicht.

In Anundshög existiert ein etwa eintausend Jahre altes Gräberfeld mit einigen Grabhügeln von beachtlicher Größe. Derart große Hügel werden in Schweden Kungshögen - Königshügel genannt. In trauter Nachbarschaft zu den Hügelgräbern befinden sich mehrere Schiffssetzungen aus zum Teil übermannshohen Findlingen, die ellipsenförmig aneinandergereiht stehen. Und da Wikingerschiffe über einen Mast verfügten, befindet sich in der Mitte der in Länge und Breite maßstabsgetreuen Schiffes ein Maststein. Unter dem deutlich kleineren Stein befindet sich das zugehörige Grab. Auf dem Gelände stehen aktuell vier Schiffssetzungen, das längste mit immerhin 55 Metern Länge. Ein fünftes Schiff ruht noch in der Erde. Die vor einigen Jahrhunderten umgestoßenen Steine sind mit Stäben markiert und sollen eines Tages wieder aufgestellt werden.

SchiffssetzungenDer etwa neun Meter hohe Kungshögen hat einen Durchmesser vom über sechzig Metern und ist den Schildern vor Ort (und auch dem Wikipedia-Eintrag nach) nach der größte Grabhügel Schwedens. In ihm soll sich das Grab des legendären Königs Bröt-Anund befinden. So jedenfalls lässt sich der Name Anunds Hügel, also Anundshög erklären. Weitere zehn deutlich kleinere Grabhügel mit z.T. immer noch recht beachtlichen Abmessungen befinden sich ebenfalls auf dem Areal. Am Rande das Gräberfeldes befindet sich ein sehr gut erhaltener Runenstein, der ebenfalls den Namen Arnund enthält. Der Runenstein befindet sich in einer Reihe weiterer Steinsetzungen, die den Verlauf des Königsweges in dieser Region anzeigt. Laut mittelalterlichem Gesetz musste ein neu gewählter König eine Krönungsreise, die so genannte Eriksgata, durch alle Provinzen Schwedens unternehmen und sich von den Regionalfürsten bestätigen lassen. Und diese Eriksgata führte stehts hier vorbei. Vollständigkeitshalber sei erwähnt, dass die Wahl des Königs am Stein vom Mora, südöstlich von Uppsala stattfand. Fragmente des Steins von Mora und anderer Steine der mittelalterlichen Königswahl kann man sich unweit der Europastraße 4 in einer sehr provisorischen Behausung anschauen.

Das Gelände lädt zum Umherstreifen ein. Der große Königshügel kann über eine Treppe betreten werden, so dass man einen guten Überblick über die Grabhügel und Schiffsetzungen erhält. Genaugenommen befinden wir uns hier auf einen tausend Jahre alten Friedhof, jedoch ist die Ehrfurcht gegenüber den hier Begrabenen einer gewissen Faszination komplett gewichen.

Es werden Fotos gemacht, Panoramen der Schiffssetzungen und sogar ein Video der Schildmaid Esther, wie sie mit geschultertem Schwert bzw. Fotostativ durch die hohen Findlinge streift. Esther ist es auch, die einen Blick in die Geocaching-App wirft und einen in der Nähe versteckten GeoCache ausmacht. Am Anaudshög haben wir alles gesehen, also geht's nun auf die Suche nach einer kleinen Dose mit einem noch kleineren Logbuch. Diese Suche dauert nicht lange, dann können wir uns ins Logbuch eintragen.

Beim Verlassen des Gräberfeldes treffen wir auf eine kleines Labyrinth von etwa drei metern Durchmesser in Form eines Baumumrisses. Hunderte, vielleicht sogar tausende faustgroße Steine formen hier die Umrisse eines Labyrinths, welche man auch Trojaburg nennt. Auch wenn dieses Labyrinth hier nur die Nachbildung einer Trojaburg ist, so befindet sich in einem Kilometer Entfernung die älteste Trojaburg Schwedens, das „Labyrinth von Tibble“, welches über zweitausend Jahre alt sein soll. Heute ist nicht ganz klar, welchen Zweck dieses Gebilde hatte. Da solche Labyrinths stets in der Nähe zu sehr alten Begräbnisorten befinden, ist eine Beziehung zueinander jedoch sehr wahrscheinlich. Neben dem Gräberfeld hier am Anaudshög befindet sich mit dem „Hornåsens gravfält“ ein etwa zweitausend Jahre altes steinzeitliches Gräberfeld keine fünfzehn Kilometer von hier entfernt. Auf dem Weg zurück zum Auto wagen wir einen Abstecher zum Café am Parkplatz. Hier gibt es neben Kaffee und Kuchen nur teure Kunstgewerbeartikel. Auf einen Magneten für unseren Kühlschrank müssen wir deshalb verzichten.

TrojaburgDie Gegend um den Anundshög hätte ein längeres Verweilen durchaus verdient, doch wir müssen auch vorankommen. Ein Viertel des Weges nach Mora ist erst zurückgelegt. Vor uns liegt immer noch eine gewaltige Strecke, für die wir mindestens drei Stunden benötigen. Ein weiterer Stopp ist noch geplant, der uns einiges an Zeit kosten wird. Also schwingen wir uns gegen 12:30 Uhr in den Ford, ich instruiere das Navi auf Esthers Smartphone mit den nächsten Zielangaben. Und Esther? Sie weiß nun, wo es lang geht.