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Tag 4 – Donnerstag, 29.08.2024; N 61°8'31″ O 15°8'16″
Erst eine Stunde später begegnen wir wieder einen Blitzer. Bislang rollt der Ford durch eine ländliche Landschaft, die sich fast durchweg durch Wälder, Seen und Berge definiert. Hier und da begegnen wir einzeln stehende Gehöfte, Landwirtschaft wird kaum betrieben. Wir fahren durch eine nahezu unberührte Natur und kommen trotz der maximal erlaubten 80 km/h wie erwartet gut voran.
Unser Ziel ist der Tierpark Vildriket in Järvsö. Nun war der Besuch dieses Tierparks ursprünglich für morgen vorgesehen. Aber nichts ist so regelmäßig wie die Änderung. Besonders bei uns. Der Besuch des Tierparks, der laut Karte an einem Berghang liegt, dürfte etwas strapaziöser werden als ein gewöhnlicher Zoospaziergang. Danach drei Stunden mit dem Auto - hey, nein, so etwas macht man nicht im Urlaub. Unser mobiles Reisebüro warf also alles über den Haufen und verlegte den Tierparkbesuch einen Tag nach vorn. Die Eintrittskarten wurden online gebucht. Bei der Buchung musste angegeben werden zu welcher Uhrzeit wir den Park besuchen möchten. Zur Auswahl standen 10:00 Uhr und 12:00 Uhr, wobei bei zwei Stunden kalkulierter Fahrzeit eine Ankunft zur Mittagszeit durchaus realistisch sein dürfte.
Noch sind wir jedoch unterwegs und wechseln vom Länsväg 296 auf den Länsväg 301. An der Straßengabelung bei Arvet springt uns ein Plakat ins Auge. „THATS ALL BULLSHIT - AND IT'S BAD FOR YOU!“ begleitet von den Logos mir bekannter und ungekannten Social Media-Plattformen. Zum Fotografieren geht es einfach zu schnell und dennoch möchte ich Esther nicht zum Umkehren bewegen. Es kommen sicher noch andere Augenblicke, wo ich sie mit solchen Wünschen konfrontiere und bis dahin bleibe ich sparsam mit spontanen Ideen.
Die Straße ist nach wie vor in einem recht guten Zustand. In Furudal verlassen wir das Gebiet des bereits erwähnten Einschlagkraters, dem Siljan Ring. Hier in Furudal befindet sich eine der größten und ältesten Eishockeyschulen in Schweden. Außerdem gibt es hier einen schönen Blick auf den Oresjön, einem recht beeindruckenden See, der wie der Siljan bei Mora zu den sichtbaren Hinterlassenschaften des Asteroideneinschlages gehört.
Etwa fünfzig Kilometer weiter verlassen wir in Edsbyn den Länsväg 301. Edsbyn ist seit langem wieder eine Kleinstadt, die auch wie eine solche ausschaut. Hier hat unser Navi eine kleine Überraschung für uns parat. Denn statt uns den etwas längeren Weg über die Reichsstrasse 50 nach Bollnäs zu leiten, führt uns das Navi durch den kleinen Ort Roteberg auf eine Schotterpiste. Wir quälen den Ford einen Berg hinauf und können kaum glauben, dass bei diesem Straßenbelag Tempo 70 erlaubt ist. Drei Kilometer später stellen wir erleichtert fest, dass uns das Navi auf eine solide befestigte Straße mit der Bezeichnung X682 leitet. Befestigt ja, aber ohne jedwede Fahrbahnmarkierung, Verkehrsschilder oder Leitplanken. Und hoffentlich auch ohne Blitzer. Es sind nur noch 50 Kilometer bis zum Tierpark.
Diese Straße könnte sich auch irgendwo in Nordamerika oder Sibirien befinden. Immer wieder bekommen wir einen weiten Ausblick auf die nicht enden wollende Straße vor uns, rechts und links flankiert von ebenso endlosen Wäldern. Menschliche Behausungen sind Mangelware und entsprechend wenig Verkehr ist unterwegs. Selbst das heilige Internet hat sich von diesem Landstrich abgewendet. Im Autoradio ist immer wieder Stille angesagt, denn ohne Internet gibt es auch kein Internetradio und ohne Radio keine Musik. Bei aller Liebe zur friedlichen Ruhe dieses Landstriches, aber dies ist kein Ort, an dem man mit einer Fahrzeugpanne liegen bleiben möchte.
Unvermittelt wechselt die Asphaltdecke der X682 zur Schotterpiste. Trotzdem sind weiterhin 80kmh erlaubt. Die schafft ein deutscher Schützenpanzer, der ohnehin keine Rücksicht auf die Splitterwirkung des Schotters nimmt. Dem Ford Focus wollen wir das nicht unbedingt zumuten. An der Landschaft hingegen ändert sich nichts. Irgendwann löst ein geteerter Straßenbelag den Schotter wieder ab. Schneller fahren dürfen wir trotzdem nicht. Eine Raststätte wäre grad sehr willkommen, aber im weiten Umfeld gibt es überhaupt keine menschliche Behausung. So halten wir eben auf der freien Strecke an. Man könnte sein Geschäft ungestört an der Straße erledigen, aber die gute Erziehung verlangt nach einer passenden Vegetation als Deckung. Danach geht's unter einem strahlend blauen Himmel und bei angenehmen Temperaturen um die zwanzig Grad mit Tempo 80 weiter in Richtung Järvsö.
Die Region wird immer bergiger und unsere Straße kurviger. Wir sehen wieder öfter Häuser relativ weit verteilt in der Landschaft stehen. Harsa ist erreicht, möglicherweise ein Wintersportort, doch jetzt, Ende August ist hier wenig los. Eine Baustelle zwingt uns kurze Zeit später an einer Ampel haltzumachen um dann über einen Feldweg eine Baustelle zu umfahren. Verkehrstechnisch ist dies der größte Aufreger des Tages. Wir langweilen uns mit achtzig Sachen weiter und treffen kurz darauf auf die Reichsstraße 83, auf der es nur noch ein Katzensprung bis Järvsö ist.
Tag 4 – Donnerstag, 29.08.2024; N 61°42′49″ O 16°10′0″
Pünktlich zur Mittagsstunde erreichen wir Järvsö, einer kleinen Stadt am Fluss Ljusnan. Ein Wegweiser zeigt uns den Weg hinauf zu unserem heutigen Ausflugsziel. Als Zooliebhaber verschähen wir keinen Tierpark, kein Wildgehe und keinen Zoo auf unseren Reisen. In den letzten Jahren wurden sogar Hotels gebucht, damit wir möglichst früh die Tore eines Zoos durchschreiten können. Heute ist das mal umgekehrt: erst Tierpark und dann Hotel.
Ein Blick auf die Karte hatte eine relativ bergige Angelegenheit versprochen. Esther stellt den Ford auf dem mittleren der drei Parkplätzen ab. Der Parkplatz befindet sich auf etwa zweihundert Metern Höhe und auf der Karte durchziehen einige Höhenlinien das ansteigende Gelände des Tierparks. Wie bergig das Gelände ist zeigt ein Blick zum Nachbarberg. Hier werkelt eine Seilbahn. Moderne verglaste Gondeln bringen die vom normalen Leben gelangweilten Fahrradfahrer den Berg hinauf, welche dann im Järvsö Bergcycel Park beim Hinabstürzen mit ihren Mountainbikes ihr Können zeigen. Ist dieser Sport die schneelose Alternative für den künftigen alpinen Wintersport im Klimawandel?
Wir betreten das Eingangsgebäude des Tierparks und sehen uns von Kuscheltier-Regalen umringt. Auch in Schweden wird der antiautoritär erzogene Nachwuchs mit einem Stofftier davon abgehalten sich ein Kuscheltier aus einem der Käfige zu besorgen. An der Kasse will ich unsere digitalen Tickets vorzeigen, doch für die Karten interessiert sich die nette Dame wenig. Sie weißt uns freundlich darauf hin, dass sämtliche Verpflegungspunkte innerhalb des Tierparks außerhalb der Saison leider geschlossen sind. Dann weist sie auf die QR-Scanner an den Durchgangstüren zum Tierpark. Dort sind also unsere Tickets von Belang. Während im heimatlichen Finsterwalde noch Kartenabreisserinnen einen freundlichen Rundgang durch den Tierpark wünschen, erfolgt der Einlass hier dank Digitalisierung auf die gefühlskalte Art und Weise.
Das Innere des Tierparkes begrüßt uns. Vor uns verläuft ein Holzsteg mitten durch einem Nadelwald. Rechts und links verhindert ein Holzzaun das Verlassen des Steges. Es geht fürs erste nur in eine Richtung: hinauf! Auf dem Waldboden gibts keine Trampelpfade - ein sicheres Zeichen, dass man nicht so einfach von diesem Holzsteg herunter kommt.
Das erste Gehege, welches wir zu sehen bekommen beherbergt Wölfe. Diese lassen sich nicht sehen. Eine andere Besucherin schaut enttäuscht ins verlassen wirkende Gatter der Wölfe. Wir überholen die Frau und spazieren an einem Igelgehege vorbei. Auch hier ist niemand zu Hause. Dann aber folgt ein umzäunter Bereich mit Bergziegen. Diese sonnen sich und lassen sich von uns nicht stören. Gut, dann wollen wir natürlich nicht weiter stören und folgen dem Pfad weiter bergan. Linkerhand folgt ein weitläufiger Spielplatz. Hyperaktive Kinder jagt man hier ein paarmal auf und ab und schon hat man seine Ruhe. Genau in diesem Moment fällt uns die ungewöhnliche Stille ringsherum im Wald auf. Es ist so ruhig, dass man den Wind durch die Baumwipfel streichen hört. Nirgendwo kreischen Kinder herum. Wow! So etwas muss man erst einmal sacken lassen und genießen.
Der hölzerne Steg führt weiter nach oben und teilt sich neben einem großen Gebäude, dem Varghotell, zu deutsch dem Wolfshotel. Man kann hier tatsächlich übernachten. Die Zimmer haben Panoramafenster ins Wolfsgehege hinein, so dass man den Vierbeinern sehr nah sein kann. Den Fotos auf der Webseite des Wolfshotels nach geniessen auch die Wölfe eine gewisse Nähe zu den Hotelbewohnern und wagen sich bis an die großen Panoramafenster der Hotelzimmer heran. Ob und wie weit man die Fenster öffnen kann ist mir allerdings nicht bekannt. Man kann zudem als Hotzelgast kostenlos zu jeder Tageszeit durch den Tierpark schlendern, was besonders in den Sommerabenden seinen Reiz hat. Das Ganze hat natürlich seinen Preis. Zwei Übernachtungen für zwei Personen im Doppelzimmer kostet 7100 schwedische Kronen, rund 620 Euro. Vielleicht holen wir das eines Tages nach und übernachten im Vargshotell.
Doch aktuell ist das Wolfshotel nur ein verschlossenes Holzgebäude. Im Wolfsgehege sind auch hier keine Wölfe zu sehen. Wir wenden uns erneut dem Holzsteg zu und folgen dem Steg in Uhrzeigerrichtung durch den Park. Der Wald lichtet sich etwas und das Elchgehege taucht auf. Nach den Elchen muss nicht lange gesucht werden. Die Elchkuh liegt etwa dreißig Meter entfernt und schaut neugierig zu uns herüber. Ähnlich interessiert beobachten uns zwei Jungtiere aus größerer Entfernung. Doch wo ist der Herr des Hauses, der Elchbulle und präsentiert uns sein Geweih? Eine Antwort bekommen wir nicht. Wahrscheinliche wurde der Elchbulle zum Schutz der beiden Jungtiere in ein anderes Gehege verbannt.
Die Wanderung führt uns einige Zeit am Gehege entlang, weitere Elche bekommen wir aber nicht zu Gesicht. Kurz darauf kommen wir an einem leeren Rentiergehege vorbei. Dem Faltblatt nach sollten im nächsten Gatter Moschusochsen auf uns warten, doch auch hier herrscht gähnende Leere. Das fängt vielversprechend an. Dem Faltblatt zufolge gibt es ein weiteres Rentiergehege, in welchem domnestizierte Rentiere gehalten werden. Und genau in diesem Gehege werden wir wieder fündig. Einige Rentiere kommen auf uns zu. Ihre Geweihe sind mit einem filzartigen Zeugs überzogen. Das Geweih des Rentier-Bullen ist hingegen glatt und spitz. Sein Interesse gilt in erster Linie einer Rentier-Kuh. Die anderen Tiere dieser Herde haben nur Augen für das bereitgestellte Futter. Wir beobachten das Ganze eine Weile und gehen dann weiter.
Es geht weiter leicht bergan. Das Gelände wird offener, der Wald lichtet sich zunehmend und einige Wiesen machen sich breit. Ein weiteres Gehege tut sich vor uns auf. Hier scheint auf den ersten Blick niemand daheim zu sein. Bei genauerem Hinsehen entdecken wir zwei braune zottelige Fleischungetüme, die es sich in der Sonne gut gehen lassen. Ein Schild erklärt, dass es sich hierbei um Moschusochsen handelt. Der gemeine Tierparkbesucher will schließlich nicht dumm sterben. Die Ochsen kümmern sich wenig bis gar nicht um uns. Gut, dann gehen wir eben weiter.
Wir folgen dem Pfad bergan und landen am Rotfuchs-Gatter. Auf dem Hinweisschild steht „Tyvärr finns det för närvarande inga rödrävar hemma.“ Das kürzt das Suchen nach den Bewohnern ab. Hier sind aktuell keine Rotfüchse zu Hause - so sagt das Schild bzw. mein Google-Übersetzer. Kein Grund also hier noch länger zu verweilen.
Der Verpflegungsbereich taucht vor uns auf. Ein Spielplatz soll die immer noch aufmüpfigen Minderjährigen den letzten Zahn ziehen. Weitläufig, anspruchsvoll, schweißtreibend - spätestens nach dem Besuch der Attraktionen dieses Spielplatzes sind alle Kinder lammfromm und pflegeleicht. Ab diesem Punkt werden keine Tiere durch Kindergeschrei belästigt, selbst wenn es nun nicht mehr bergauf geht. Natürlich haben die Imbissstände geschlossen. Die Ferien sind schließlich vorbei. Also treibt es uns auch weiter.
Inzwischen entfernt sich unser Steg zunächst noch unbemerkt vom Boden. Ein Kartenapp auf meinem Handy spricht von 350 Metern Höhe. Mittelgebirgswanderer und Alpinisten werden müde lächeln, Einheimische sowieso, aber was solls. Den Gestaltern des Rundweges war der Pfad scheinbar noch nicht hoch genug, deshalb musste dieser harmonisch verlaufene Holzsteg sich nun zum Baumwipfelpfad mausern. Weder Esther noch ich sind sonderlich höhentauglich. Die folgenden Meter könnten eine unerwartete Herausforderung für uns darstellen. Ich beschließe Esther vorerst nichts von meiner Befürchtung mitzuteilen. Die Arme wird die gähnenden Abgründe beiderseits des Stegs noch früh genug entdecken. Was dann geschehen wird, nun, darüber möchte ich mir lieber noch keine Gedanken machen.
Der Steg führt inzwischen fünf Meter über den Erdboden entlang. Unter uns ist felsiger Waldboden, neben uns Baumwipfel. Am linken Handlauf tauchen übereinander angebrachte straffe Drähte auf. Führen diese Drähte Strom? Will ich das herausfinden? Warum das Ganze? Wie zur Erklärung taucht ein sehr hoher Zaun auf. Im nächsten Gehege muss etwas sehr gefährliches untergebracht sein, wenn man einen etwa fünf Meter hohen Zaun drum herum errichtet. Ein T'Rex vielleicht? Tollwütige Giraffen? Welches Tier in Skandinavien gehört derart weggesperrt? Ein Schild „Nicht berühren“ will jedwede Neugierde in Bezug auf die Drähte am Geländer unterbinden. Und nun ist auch klar weshalb: Auf dem zoologischen Präsentierteller direkt unter uns bewegt sich ein Braunbär. Ein zweiter Bär befindet sich am Hang weiter oben.
Der Braunbär unter uns knabbert an einem im Wasser schwimmenden Fell. Möglicherweise gehört das Fell zum vorhin vermissten Elchbullen, vielleicht ist es der Pelz einer allzu neugierigen Dame. Tatsächlich wird das Fell nur ein Spielzeug sein, damit der Bär eine Beschäftigung hat und nicht auf die Idee kommt, sich die Leute auf dem Baumwipfelpfad aus aller nächster Nähe zu betrachten. Der zweite Bär tappt hinzu, schaut sich das Getue seines Artgenossen an und trabt dann gelangweilt davon.
Trotz unserer Höhe gibt es tatsächlich ein „über uns“ - und da kreisen laut kreischend einige Raben. Esthers Vogelstimmen-App identifiziert die Schreihälse als Kolkraben. Was für ein Dilemma! Endlich gibt es einen Tierpark, in dem die Tiere nicht durch schreiende Kinder malträtiert werden. Und nun meinen die Raben die Rolle der lärmenden Rotznasen übernehmen zu müssen. Der verbliebene Braunbär lässt genervt das Fell im Wasser zurück und trabt langsam dem anderen bergan hinterher. Ebenso mache ich es mit Esther, die inzwischen ein paar Schritte weiter gegangen ist.
Weitere Tierparkbesucher holen uns ein. Das ist nicht weiter verwunderlich, sind wir beide doch auffällig langsam unterwegs. Der Weg ist schließlich das Ziel. Und unser Ziel heißt heute: Ausspannen, die frische Luft, die Ruhe und die Natur geniessen. Abgesehen vom Tierpark ist heute nur das Einchecken im nächsten Hotels geplant. Nichts und niemand treibt uns.
Das nächste Wolfsgehege ist erreicht. Dieses wirkt deutlich überschaubarer, da die Vegetation hier aufgrund des felsigen Untergrundes höchst spärlich vorhanden ist. Deshalb sehen wir hier - wieder nichts. Selbst schuld denke ich, gibt's doch in Deutschland an allen Ecken und Enden inzwischen Wölfe, selbst nördlich der Eifel wurden erste Wölfe gesichtet. Warum also knapp 2000 Kilometer entfernt nach Wölfen suchen? Ich tippe darauf, dass die beiden hier untergebrachten Wölfe im Schatten eines Felsen liegen und an einem Plan feilen, wie sie uns Opfer zu fassen bekommen. Egal, wir müssen weiter…
Auch das nächste Gatter wirkt verlassen. Hier sollten sich ein paar Polarfüchse tummeln. Möglicherweise machen sie es den Wölfen gleich und chillen im Fresskoma irgendwo im Schatten der niedrigen Tannen. Oder waren sie das Fressen für die Wölfe? Wie auch immer, es sind jedenfalls keine Füchse zu sehen. Weder im winterlichen Weiß noch im sommerlichen Braun. Wir verweilen einem Moment. Die nächsten Besucher überholen uns. Wir sehen ein, dass es wohl Tiere gibt, die nicht gesehen werden wollen und gehen weiter. Unser Fazit bis hierher: Keine Wölfe, keine Füchse.
Das nächste Gehege soll ein Tier beherbergen, wegen dessen ich eigentlich den langen Weg hierher unternommen habe. All die Argumente, z.B. weil mein Bruder seinen 50. Geburtstag feiert, weil wir dringend Urlaub nötig haben oder wir gerne in Zoos und Tierparks gehen, nein, alles falsch! Der ganze Sinn und Zweck dieser Schwedenreise besteht ausschließlich darin das merkwürdigste Tier Nordeuropas in diesem Tierpark zu besuchen. Der gebräuchlichste englische Name dieses Tieres lautet Wolverine. Die X-Men haben ab sofort verloren, denn hinter Wolverine verbirgt sich der Vielfraß und nicht etwa Hugh Jackman. Und wegen dem Vielfraß sind wir hier und natürlich auch wegen Urlaub, Geburtstag und schwedisches Bier.
Das Gehege dieses gefräßigen Raubtieres ist leer. Es scheint, als sind wir völlig umsonst nach Schweden gekommen. Wir sehen ein paar Felsen, Tannendickicht und niederes Gebüsch. In einem solchen wackelt es und in diesem Moment tippelt ein marder- oder dachsähnliches braunes Wesen dort hervor. Bei genauerer Betrachtung wirkt das Tier deutlich größer als ein Dachs. Der Kopf des Geschöpfes schaut klein und verdammt bissig aus. Ich erkenne da keine Ähnlichkeit mit Hugh Jackman. Überhaupt keine. Vielleicht ist der Vielfraß das Ergebnis eines genetischen Experiments, bei dem ein verrückter Biologie-Professor mit einer Kreuzung aus Dachs, Marder und Hyäne den Nobelpreis erlangen wollte. Das Ergebnis ist der mächtigste Predator dieser Breiten. Kein anderes Raubtier ist ihm gewachsen. Wenn erstmal Schnee liegt ist selbst der wendige Luchs bgegen den Vielfraß chancenlos. Und anders als bei uns liegt hier recht oft Schnee. Inzwischen hat der Vielfraß seine Patrouillenrunde in diesem Teil des Geheges beendet und verschwindet im Dickicht. Einen Augenblick verweilen wir noch in der Hoffnung, dass sich der Vielfraß noch einmal zeigt. Das tut er nicht und so ziehen wir weiter.
Laut Karte müssten wir uns nun auf den Luchs treffen. Luchse finde ich faszinierend. Im Eifelzoo hat mich ein Luchs wild fauchend vom Gitter seines Käfig vertrieben. Diese Tiere gehören wie viele andere nicht in Käfige. Diese große Katze mit dem Stummelschwanz und den kleinen Antennen auf den Ohren durchstreift in freier Wildbahn viele Quadratkilometer. Das Gelände ist hier wenigstens weitläufig, geländemäßig anspruchsvoll und (solange kein Schnee liegt und der Vielfraß ausbüchst) auch sicher.
Am Gehege angekommen müssen wir feststellen, dass Wolf, Fuchs und Luchs eine bittere Gemeinsamkeit haben. Sie sind unsichtbar für das Auge des unbedarften Tierparkbesuchers. Das viele Fleisch auf dem Boden ist Futter und gleichzeitig auch Köder, um die scheuen Tiere hervorzulocken. Und letztendlich auch ein Zeichen, dass es in diesem Gelände Luchse gibt. Offensichtlich sind diese im Augenblick satt genug. Es droht also keine Gefahr und so gehen wir auf dem „Catwalk“ weiter. Hier sind am Geländer die Umrisse bekannter Großkatzen angebracht. Der Vergleich eines Bengalischen Tigers mit einer Hauskatze wirkt erschreckend gewaltig. Wie viele Mietzekatzen benötigt dieser Tiger um halbwegs satt zu werden?
Unbemerkt von uns hat der Wald wieder an Höhe gewonnen. Unser Pfad ist auf das Bodenniveau zurückgekehrt. Der Wald lichtet sich vor uns und gibt Teile des gegenüberliegenden Berges preis. Ein Pfad zweigt von unserer Runde ab und führt den neugierigen Wanderer auf eine kleine Aussichtsplattform. Kurz üerlege ich, ob Esthers Höhenangst kompatibel zu einer Aussichtsplattform ist. Ja, das passt soweit, also schauen wir von eben dieser einigen Mountainbikern bei deren Hobby zu. Es mutet halsbrecherisch an, was diese verrückten Leute mit ihren Fahrrädern anstellen. Das „über Stock und Stein“ sollte hier besser „über massig Totholz und Fels“ heißen. Hier konkurriert der Abhangswinkel mit dem Adrenalingehalt im Blut. Soviel Action ist kontraproduktiv, wenn man das Wort „Tiefenentspannung“ zum Motto seines Urlaubs erhoben hat. Also drehen wir den Radfahrern den Rücken zu und wandern den altbekannten Holzsteg bergab zu den nächsten Attraktionen.
Was schreibt man über Eulen und Uhus? Meist sitzen diese gelangweilt auf einem Ast und ignorieren die Tierparkbesucher. Provoziert man sie jedoch mit nervigen Geräuschen, dann kann es passieren, dass sie ein Auge öffnen. Zur Hälfte. Und damit hat es sich in Sachen Aufmerksamkeit. Bleibt man hartnäckig, dreht der Vogel den Kopf einfach weg. Warum? Weil sie es können! Und weil sie genervt sind. Ein paar Ausnahmen bestimmen in seltenen Fällen die Regel. Eine Schneeeule erwischen wir beim Yoga. Einen Fuß seitwärts von sich streckend, folgt alsbald der linke Flügel die entgegengestezte Richtung. Beendet wird die heutige Übung mit der Sturzflug-Trockenübungs-Stellung, die die Eule als Mitglied der Jedi-Ritter entlarvt. Schlagartig wird der Eule klar, dass sie beobachtet wurde und wechselt in die „Lasst mich doch alle in Ruhe“-Position.
Eine Käutzchen lässt mich nicht aus den Augen. Ich gehe an ihm vorbei und die schwarzen Knopfzellenaugen verfolgen mich, bis sich der Käutzchen-Kopf um fast 180 Grad gedreht hat. Beängstigend! Eine weitere Eule gähnt fortwährend. Bevor sie uns auch noch mit Gewölle bespuckt gehen wir schnell weiter.
Ein Steinadler sitzt wie ein Häufchen Elend am Boden und schaut störrisch zu den vorbeikommenden Besuchern hoch. Auch diese Tiere haben nichts in einem Tierpark zu suchen. Die Gestaltung des Buntspecht-Käfigs wirkt gelungen. Viele aufrecht stehende Stämme laden zum fröhlichen Picken ein. Die beiden Buntspechte sind recht präsent und perforieren hör- und sichtbar das Holz. In der freien Wildbahn hatten wir öfter mal das Glück und konnten Buntsprechte nicht nur akustisch, sondern auch visuell aus nächster Nähe beobachten.
Wie jeder anständige Tierpark hat auch dieser einen kleinen Streichelzoo. Oder besser: ein Gatter voller großer und kleiner Ziegen, die sich über Zuwendungen der kleinen Besucher freuen würden, wenn die Kleinen das dürften. Pech gehabt, hier heißt es „Nur Angucken aber nicht anfassen!“ Was nicht heißt, dass es den Ziegen hier schlecht geht. Anders als in vielen Zoos und Tierparks haben die Ziegen hier recht viel Auslauf, den die Tiere auch nutzen und dabei wie verrückt blöken. Das nervt, klingt aber immer noch erträglicher als das Geschrei von dutzenden Kleinkindern.
Und damit endet die Runde. Wir sind wieder am Wolfshotel angelangt. Es geht den Steg hinab in Richtung Ausgang. Eine Bewegung im Wolfsgehege lässt mich innehalten. Etwas war da eben. Aufmerksam blicke ich in die Richtung. Und wieder ist kurz eine Bewegung im dichten Gestrüpp etwa siebzig oder achtzig Meter bergab wahrnehmbar. Nur eine schemenhafte Silhouette zwar, aber immerhin. Noch eine Bewegung und tatsächlich entdecken wir einen Wolf. Sein gelblich braunes Fell wirkt nicht wie das Fell eines Wolfes. Vielmehr schaut er wie ein schlanker großer Schäferhund aus. Dieses Intermezzo dauert nur einen Augenblick, dann ist der Wolf wieder weg. Wir setzen unseren Abstieg fort und passieren den unteren Spielplatz für die ganz Kleinen, auf dem zwei Mütter mit ihrem Nachwuchs etwas Zeit verbringen.
Im Gatter mit den beiden Bergziegen ist gerade mehr los als vorhin bei unserem ersten Besuch. Liegt es an den nervenden blökenden Zicklein weiter bergan? Oder etwa daran, dass vom benachbarten Wolfsgehege ein Wolf interessiert in diese Richtung schaut. Es ist der selbe Wolf von eben. Er steht da, schaut zu den Bergziegen, schaut zu uns und trabt dann in aller Ruhe hinauf zum Hotel. Fasziniert blicken wir dem Raubtier nach. Aus dem unteren Teils des an dieser Stelle zugewachsenen Geheges verlassen weitere Wölfe das dichte Gebüsch. Schnell wird daraus ein ganzes Rudel. Im Gegensatz zum Souverän wirkenden Leitwolfes wirkt das restliche Rudels recht verängstigt. Die Wölfe überqueren vorsichtig eine Wiese und verschwinden dann ebenfalls bergauf in Richtung Wolfshotel. Es sich abzeichnet sich ab, dass die Wölfe erst einmal nicht in die Nähe des Zauns zurückkehren werden. Es ist langsam an der Zeit hier zu verschwinden.
Die letzten Meter bis zum Hauptgebäude des Tierparks legen wir in aller Ruhe zurück. Wir treten durch die Tür ins Eingangsgebäude und kaufen einen Magneten für die heimische Kühlschranktür. Die Auswahl ist leider minimal und ohne konkreten Bezug zum hiesigen Tierpark. Letztlich fällt die Wahl auf einen magnetischen Wolfskopf, der ein gutes Andenken an den Vildriket Järvsö sein wird. Esther bekommt bei dieser Gelegenheit auch noch ein Eis spendiert.
Wie üblich hat Esther in der GeoCaching-App nach lohnenden Zielen in der unmittelbaren Gegend gesucht. Ein lohnendes Ziel hat Sie am Fuße des Parkplatzes ausgemacht. Also folgen wir der abschüssigen Straße bis zu einer großen Hinweistafel, bei der wir nach kurzer Suche den Cache entdecken. Wieder einer mehr…
Damit aber nun genug. Es ist an der Zeit Järvsö zu verlassen. Etwa dreißig Kilometern entfernt wartet ein Hotel und wer weiß was noch für Überraschungen auf uns.
Tag 4 – Donnerstag, 29.08.2024; N 61°36'23„ O 16°19'9“
Das Auto rollt vom Tierpark-Parkplatz den Berg hinab nach Järvsö. Neben dem Weg stehen einfache Ferienhäuser aufgereiht, ein Stück weiter direkt steht am Gondellift ein großes Hotel für die Mountainbiker. Wie bei Wikipedia zu erfahren, machen Touristen den größten Teil der Bevölkerung in Järvsö aus. Das allerdings in erster Linie im Winter, wenn die Stockholmer für den Wintersport gern die drei Stunden Autofahrt hierher in Kauf nehmen.
Wir fahren auf den Reichsweg 83 in Richtung Süden. Im übrigen befinden wir uns aktuell in der schwedischen Provinz Hälsingland. Etwa zwei Kilometer vor dem Ziel dieser relativ kurzen Tour biegen wir auf eine schmale Schotterpiste ab und finden uns in der tiefsten schwedischen Provinz wieder. Ein Gehöft mit mehreren Scheunen, privatem Schrottplatz und Milchkannenpodest beiderseits der Straße wird durchquert. Alle Gebäude sind rotgestrichene Holzhäuser.
Die Häuserdichte nimmt zu, der Ort Undersvik ist erreicht. Der Fluss Ljusnan führt direkt am Ort vorbei. Wir biegen auf eine asphaltierte Straße und stoppen kaum zweihundert Meter später an einem Gebäudekomplex, dem STF Undersvik Gårdshotel och vandrarhem. Dieses Hotel und Wanderheim gehört dem schwedischen Tourismusverband. Nach dem Hotel am Stockholher Flughafen, dem B&B Hotel in Mora nun also dieses sehr ländlich geprägte Hotel. Vor dem Gebäude wird gerade fleißig in den Blumenrabatten gewerkelt. Uns Neuankömmlingen wird dabei keine Beachtung geschenkt. Gut, dann rein in die gute Stube.
Die Rezeption ist augenblicklich nicht besetzt. Selbst ein kultiviertes Betätigen der Klingel scheint im Haus niemand zu beunruhigen. Draussen in der Blumenrabatte wird man das Ding sicher nicht hören. Egal, man hat uns reingehen sehen und wird sicher bald folgen. In der Zwischenzeit werde ich die angrenzenden Räumlichkeiten inspizieren. Ein kleiner Raum wird zum Verkauf einheimischer Lebensmittel genutzt. In einer Gefriertruhe gibt es gefrorene Fleischstücken - ich tippe auf Elch. Verschiedene Eierteigwaren und Gewürzmischungen stehen in den Regalen und vieles andere mehr.
Der Nächste Raum ist ein beinahe feudal wirkender Speisesaal mit Kamin, dem sich ein großer Speisesaal anschließt. Hier ist gerade eine Frau am Tischdecken. Als sie mich bemerkt unterbricht sie ihre Tätigkeit und begleitet mich zur Rezeption. Dort prüft sie kurz unsere Reservierung. Mehr Einchecken ist nicht nötig, Ausweise möchte sie auch nicht sehen. Stattdessen nimmt sie zwei kleine Papiercouverts von einem Stapel, reicht sie herüber und und erklärt uns freundlich die wichtigsten Details für unseren Aufenthalt, in die sie einige Brocken Deutsch einfließen lässt. Und damit beginnt unser Aufenthalt im dritten Hotel unseres Roadtrips.
Wir parken das Auto auf den Hotel-Parkplatz um. Dann malen unsere Koffer Spuren in den Schotterweg bis zum Haus Nr. 4. Hier ist alles bis ins Detail behindertengerecht eingerichtet. Die Außentür lässt sich zum Beispiel mit einem Schalter öffnen, welcher noch zwei Meter von der Tür entfernt ist. Im Haus geht es mit einem Fahrstuhl eine Etage tiefer. Dieser Fahrstuhl ist eine Sache für sich. Er ist vielmehr eine Hebebühne, die sich in einem Schacht bewegt. Es gibt keine Kabine mit Wänden, so dass während der Fahrt die kalten Wände des Schachtes an uns vorbei rauschen. Dies allerdings nur solange man den entsprechenden Button gedrückt hält. Ich nenne es mal „ungewohnt“. Wir entnehmen den Couverts die Schlüsselkarten für unser Zimmer und öffnen damit eine recht schwere Tür. Das Zimmer wirkt auf den ersten Blick alles andere alseinladend. Es ist schlicht eingerichtet und durchweg weiss gestrichen. Ein einzelnes Bild ziert irgendwo die karge Wand. Kein Tisch, kein Schrank und auch kein Fernseher. Aber es hat eine eigene Toilette und Dusche
Ursprünglich hatten wir eine Übernachtung in einem 12 qm grossen Raum mit Etagenbett gebucht. Das Etagenbett stellte bis vor wenigen Tagen die große und aufregende Herausforderung des Urlaubs dar. Wer schläft oben, wer unten? Die verwendete Vergangenheitsform lässt es vermuten - es wird nix mit dem Etagenbett. Wir haben ein Upgrade für acht Euro genutzt um ein deutlich größeres Zimmer mit zwei zusätzlichen Einzelbetten zu bekommen. Das Etagenbett werden wir wohl auf Grund einer bequemeren Alternative nicht nutzen.
Auf den Punkt gebracht: wir werden in einem kalten Kellerraum übernachten, brauchen uns aber weder Dusche und WC mit anderen Gästen teilen. Wir bleiben nur für eine Nacht, was es hoffentlich für Esther erträglicher macht, der es hier nicht gefällt. Ich sehe es eher pragmatisch, da ich lange genug Soldat war, um genügend Erfahrungen mit wirklich krassen Übernachtungsmöglichkeiten zu sammeln. Dieses Hotel ist in erster Linie ein Wanderheim. Hierher fährt man zum Wandern und nicht zum Chillen. Es gibt mehrere Gemeinschaftsräume zum Kochen, einen großen Leseraum mit Kamin, sogar eine Sauna - alles Gründe, das eigene Hotelzimmer letztendlich für nichts anderes als zum Schlafen zu nutzen.
Esther macht sich ans Beziehen der Betten und ich gehe ein paar Schritte auf Beobachtungstour. Das mehretagige Hauptgebäude, mit der Rezeption, der gastronomischen Einrichtung, Hotelzimmern und anderen Räumlichkeiten bildet den Kern dieser Hotelanlage. Über den Hof gelangt man zu den vier weiteren Unterkunftsgebäuden, die offensichtlich identisch mit Fahrstühlen und Gemeinschaftsküchen ausgestattet sind. Hinter diesen Gebäuden befindet sich ein Sportplatz und ein Spielplatz. Ein Fussball liegt verlassen im Graben. Diesen rette ich aus seinem Versteck, um ihn dann mit einem Tritt in Richtung Sportplatz zu befördern.
Tag 4 – Donnerstag, 29.08.2024; N 61°28'11″ O 16°22'37″
Doch bevor ich mir bei der leichtesten sportlichen Betätigung körperliche Schmerzen einhandle, begebe ich mich zurück aufs Zimmer. Mein Magen knurrt nämlich. Seit dem Frühstück gab es nichts Ordentliches zwischen die Zähne. Die Gastronomie hier im Hotel beschränkt sich seit Saisonende ausschließlich auf das Frühstück der Hotelgäste. Die Gemeinschaftsküche schaut ganz gut eingerichtet aus. Aber was sollen wir hier kochen? Sämtliche Zutaten müssten wir erst irgendwo einkaufen fahren. So läuft es letztlich auf das selbe hinaus: Wir müssen nochmal ins Auto steigen, egal ob zum Einkaufen oder direkt etwas Essen zu gehen. Letzteres hat aber eindeutig mehr mit Urlaub zu tun. Deshalb beginnen wir ein Restaurant in der näheren Umgebung zu suchen. Das Ergebnis: Wir könnten nach Järvsö zurückkehren, die Richtung gen Süden erscheint uns allerdings etwas reizvoller.
Das Navi schwärmt von einer Brasserie, die nur zehn Kilometer entfernt sein soll. Esther gibt dem Ford die Sporen und nach kurzer Fahrt stehen wir auf einem Parkplatz, ein paar hundert Meter vom Ziel entfernt. Direkt anbei befindet sich ein Campingplatz, eine „zip @ climb“-Freizeiteinrichtung zum Hochgeschwindigkeits-Abseilen und eine Brauerei. Direkt an der Brauerei stellen wir dann enttäuscht fest, dass auch Dank Saisonende alles geschlossen ist.
Also fahren wir den Reichsweg 83 weiter in Richtung Süden und erreichen nach weiteren zehn Kilometern das zweitausend-Seelen-Örtchen Arbrå. Das Navi führt uns zielgenau zur örtlichen Pizzeria und siehe da: das Restaurant „Esplanaden i Arbrå“ hat tatsächlich geöffnet. Wir suchen uns einen Tisch in der Ecke aus, von dem man das gesamte Restaurant gut überblicken kann. Kaum sitzen wir, steuert ein Kellner schnurstracks auf uns zu. Aber nicht, um uns die Speisekarten um die Ohren zu hauen, sondern um mitzuteilen, dass das Speiseangebot an einer Wand im Nebenraum aufgelistet ist. Tatsächlich ist eine Wand von oben bis unten mit Speisekarten beklebt. Allein die Anzahl der Pizzen italienischer, amerikanischer und mexikanischer Herkunft ist erschlagend. Das Handy wird gezückt, die Übersetzungs-App bekommt Arbeit und nach einem kurzen Moment der Unentschlossenheit hat jeder etwas für sich entdeckt: Esther eine Calzone Gorgonzola und ich eine mexikanische Pizza Azteka. Wir bestellen und bekommen vom Kellner den Hinweis am Buffet zuzugreifen. Dort gibt es einige Pizzasalate zur Auswahl. Pizzasalate? In schwedischen Pizzerien sind diese Krautsalate Standard. Irgendwie können uns diese Salate nicht recht überzeugen. Müssen sie ja auch nicht, denn wer isst schon daheim im Rheinland einen Salat zur Pizza?
Nach einer erwartbaren Wartezeit kommt unsere Pizza, zu meiner Bestellung gehört zudem ein Schälchen Knoblauchcreme. Meine Azteka schmeckt richtig gut, ist aber auch verdammt scharf. Es dauert eine mit Jalapenjos gewürzte Weile, bis ich dahinter komme, dass die Knoblauchcreme der Pizza einiges an Schärfe nimmt. Wieder dazu gelernt.
Direkt diagonal gegenüber befindet sich ein ICA. Die ländlichen ICAs haben noch einen gewissen dörflichen Charme behalten. Die Hochglanz-Supermärkte daheim in Deutschland sehen inzwischen alle ziemlich ähnlich aus aus. Kennste einen, kennste alle! Hier jedoch… Der Platz zwischen den Regalen ist gering und die Sortierung der Waren nicht selten recht willkürlich. Das Schmöckern macht Spaß, nur eilig darf man es nicht haben. Mein Blick streift durch die angebotenen Leichtbier-Dosen. Tatsächlich entdecke ich erneut einige noch ungetestete Biersorten. In Hinblick auf den morgigen Tag landet zudem ein Sixpack „Falcon Bayersk Bärnstenslager“ im Wagen. Schließlich will ich nicht die Biervorräte meines Bruders vernichten ohne wenigstens einen kleinen Beitrag zu leisten. Esther hingegen interessiert sich einmal mehr für das Ciderangebot. Beladen mit allerlei Getränkedosen verlassen wir kurz darauf den ICA und wenig später Arbrå.
Tag 4 – Donnerstag, 29.08.2024; N 61°36'23″ O 16°19'9″
Neben unserem Hotel steht eine alten Kirche. Typisch für viele ländliche Kirchen ist, dass Kirchen einen externen Glockenturm besitzen, der wenige Meter neben dem Kirchengebäude steht und meist komplett aus Holz gefertigt ist. Der Glockenturm hier in Undersvik schaut ungleich schmucker aus als viele andere der eher schlichten dunkelbrauen Glockentürme. Viele Schnitzereien machen den Holzturm zu einer kleinen Sehenswürdigkeit.
Die Planungen für den restlichen Tag sehen folgendes vor: Nichts. Es ist noch früh am Tag und viel zu hell um jetzt schon aufs Hotelzimmer zu verschwinden. Größere Unternehmungen lässt die Uhrzeit zwar nicht mehr zu. Aber warum also nicht unseren Aufenthalt in Undersvik mit einem kleinen Spaziergang würzen? Einen kleinen Faltplan mit einer kurzen Route von 3,4 Kilometern konnte ich vorhin an der Rezeption mitnehmen. Dem Plan nach sollten wir die Runde in 45 Minuten absolviert haben. Das klingt vielversprechend.
Bevor wir aufbrechen prüft Esther die Gegend auf eventuell versteckte GeoCaches und wird wieder fündig. Die Suche nach dem Cache führt uns zum hölzernen Glockenturm der Kirche. Doch egal wo wir suchen, wir können das Versteck nicht ausfindig machen. Missmutig geben wir die Suche auf und wenden uns unserer Route zu, auf welcher wir nun direkt am Hotel vorbei spazieren. Auf der anderen Staßenseite, genau gegenüber vom Hotel, entdecken wir einen dieser Meilensteine, die uns auf der Fahrt recht häufig begegnet sind. Endlich gibt es eine Gelegenheit, einen vom schwedischen König Gustav III. im Jahr 1785 höchstpersönlich aufgestellten Meilenstein zu fotografieren. Die Kirche nebenan wurde vier Jahre später ebenfalls von Gustav III., nun, wenn schon nicht aufgebaut, aber zu mindestens eingeweiht.
Diese Meilensteine wurden angeblich aufgestellt, um die Reisekosten königlicher Baemter zu berechnen. Als Beamter kenne ich mich natürlich bestens mit Reisekosten aus und weiss nun, wo meine Affinität zu den schwedischen Meilensteinen so unvermittelt herkommt. Zufrieden mit dem Foto vom metallenen Meilenstein setzen wir unseren Spaziergang fort, der uns durch ein menschenleeres Undersvik führt. Es folgt ein felsenbestückter Wald, der wiederum von Äckern abgelöst wird, auf denen der eine oder andere runde Steinhaufen Erinnerungen an die Wikingergräber von Sollerön aufkommen lässt. Wir treffen auf den uns schon bekannten Bauernhof, mit den Gebäuden beiderseits unseres Weges. Die Gegend wirkt wenig vertrauenserweckend. Liegt es an der Abgeschiedenheit des Gehöftes? Oder an den verwahrlosten Autowracks neben einer der Scheunen? Vielleicht haben wir in der Verghangenheit einfach nur zuviele schlechte Filme geschaut.
Der kurz darauf erreichte Bahnübergang erwacht bei unserem Eintreffen zum Leben. Das wilde Blinken am Andreaskreuz wird von einem unüberhörbaren Ton begleitet. Die Schranken schließen sich und schon nähert sich ein Zug. Ich zücke mein Handy und filme das Spektakel. Der Zugführer nutzt die Chance selbst eine kleine Rolle in unserem Urlaubsfilm zu bekommen und drückt auf die Hupe. Möglicherweise muss er das ohnehin vor jedem beschrankten Bahnübergang tun, doch die Tatsache, dass er das nur unsretwegen tut, gefällt mir besser.
Unser Weg führt uns eine kurze Strecke an den Gleisen entlang. Einem weiteren Zug begegnen wir allerdings nicht mehr. Dafür aber anderen sehr unangenehmen Zeitgenossen, die es in erster Linie auf meine Waden und Füsse abgesehen haben. Zugegeben, meine Bekleidungswahl ist gemessen an Ort und Jahreszeit vielleicht ein wenig gewagt. Noch haben wir Sommer, wir sind in Schweden und nicht weit entfernt befindet sich ein träge dahinfließendes Gewässer. Meine kurze Hosen und die recht knappen Socken bieten jede Menge Angriffsfläche für Mücken. Diese blutrünstige Insekten verrichten eine Zeitlang ihr Werk in einer Perfektion, dass mir meine arg perforierte Haut noch nicht einmal auffällt. Aber irgendwann beginnt es dann doch zu jucken. Und nun ist es höchste Zeit sich zu wehren. Unzählige Plagegeister fallen meiner flachen Hand zum Opfer. Einige Dutzend, vielleicht sogar ein paar hundert Mücken fallen meiner Gegenwehr zum Opfer. Aber was ist das schon im Vergleich zu den vielen Billionen über Billionen Mücken, die jedes Jahr aufs neue Skandinavien terrorisieren? Am Ende kostet mich dieser Spaziergang einige Milliliter meines kostbaren Blutes. Blut, welches sich nun durch die Wälder von Schweden verbreitet und dafür sorgt, dass neue Generationen stechender Insekten entstehen.
Allmählich nimmt die Anzahl menschlicher Behausungen entlang des Weges wieder zu. Ein weiterer finster wirkender Bauerhof macht den Anfang, gefolgt von neu gebauten oder perfekt restaurierten roten Holzhäusern. Hier und da steht ein Tesla vor der Tür. Wir folgen unserem Weg und sehen einige hundert Meter weiter steht eine Scheune mitten auf dem Acker, die im Kampf gegen die Naturgewalten ins Hintertreffen geraten ist. In wenigen Jahren holt sich die Natur zurück, was sie einst zum Bau der Scheune gegeben hat.
Nach etwa einer Stunde erreichen wir unser Hotel. Dreieinhalb Kilometer kann man sicher schneller zurücklegen. Doch bei einem gemütliche Spaziergang lassen wir uns nicht hetzen, noch nicht einmal von blutrünstigen Mücken. Auf dem Zimmer verarzte ich die von den Mückenbissen verursachten Pusteln mit unserem Ausbrenndings. Man hält den „Insektenstickheiler“ oder auch „Heißstift“ auf die Stelle des Bisses, betätigt eine Taste und kurz darauf brennt ein etwa 60 Grad heißes Keramikblättchen die Wunde bzw. das darin enthaltene schädliche Eiweiß aus. Kinder hassen wahrscheinlich diese Art der Heilung. Wir Männer beissen die Zähne zusammen und ertragen hör- und sichtbar den Schmerz. Frauen hingegen zucken nur müde mit den Schultern. Die paar Sekungen Hitze ist nichts im Vergleich zum Kinderkriegen. Der Zauber dauert zwischen drei und sechs Sekunden und hilft erfolgreich gegen den nervigen Juckreiz. Die roten Schwellungen brauchen jedoch ihre übliche Zeit zur Heilung.
Inzwischen wird es dunkel, der Abend bricht an. Wir haben wenig Lust das Hotel zu durchstreifen mit der Absicht interessante Räumlichkeiten zu entdecken. Sicher, es gibt ganz Sicher Zimmer, in denen es sich besser aushalten lässt als in unserem Kellerraum. Doch uns steht nicht nach der Gesellschaft mit neugierigen Urlaubern, die uns mit Fragen löchern. Also bleiben wir hier und machen das Beste aus unserer Situation. Ich organisiere zwei Gläser aus der Gemeinschaftsküche in der Etage über uns. Bei Esther gesellt sich eine Dose Cider zum Glas, während ich eine in Arbrå gekaufte Leichtbierdose in mein Glas gieße. Diesmal landet keines der probierten Biere im Ausguss. Esther ist in ihrem Buch versunken und ich genieße irgendeine Serie bei irgendeinem Streamingdienst auf dem Tablet. So vergeht die Zeit und ein weiterer Abend im Urlaub.
Tag 5 – Freitag, 30.08.2024; N 61°36'23″ O 16°19'9″
Ein neuer Tag bricht an und dieser beginnt einmal mehr mit den Unmutsbekundungen zum morgendlichen Werk des Handy-Weckers. Es ist erst halb acht! Verdammt! Wir sind im Urlaub. Nervt der Wecker sonst nur um zu verhindern, dass wir unseren Urlaub verschlafen, so steht hinter dem heutigen Wecktermin eine andere Motivation. Nach zwei Tagen bestenfalls mittelprächtiger Verpflegung im B&B in Mora gibt es heute ein richtiges Hotel-Frühstück. Doch dies hier ist ein Wanderheim und Wanderer sind halt Frühaufsteher. Das Frühstück gibt es deshalb von sieben bis neun Uhr morgens. Genau die richtige Zeit für Wanderer, die dann wohlgestärkt aufbrechen und bis zum Dunkelwerden durch die Wildnis Schwedens stiefeln. Solch nächtliche Frühstückzeiten sind aber definitiv nichts für Urlauber wie uns, die dekadent in den Tag hineinleben, als würde es kein Morgen geben.
Die Nacht war kurz und wenig erholsam für uns beide. In den Nachbarzimmern haben Hotelgäste ihre Hunde dabei. Das Gebell war trotz der dicken Kellerwände kaum zu überhören. Entsprechend schlecht haben wir geschlafen. Das Kellerzimmer gefällt Esther nicht, sie fühlt sich hier nicht wohl. Unsere Unterkunft ist unbestritten sehr einfach ausgestattet. Die Dusche ist an Schlichtheit kaum zu überbieten. Aber am Ende steht die Frage: Ist das Wasser warm? Taugt die Brause etwas? Läuft das Wasser ab? Dreimal kann „Ja“ angekreuzt werden. Auch die Anzahl der Handtücher passt. Es ist alles da, aber es wirkt nicht einladend.
Wir eilen zum Frühstück hinüber ins Hauptgebäude. Uns erwartet ein umfangreiches Buffet. Meine Begeisterung wäre sicherlich größer, wenn ich mich überwiegend von Körnerbrot, Müslis und anderem höchst gesunden Zeugs ernähren würde. Unzufrieden bin ich auf keinen Fall. Es gibt Rührei, gekochtes Eis, Käse und immerhin eine Sorte Wurst. Die Auswahl von Backwaren erstreckt sich von einem wohl hausgemachten Knäckebrot über Weißbrot, Roggenbrötchen bis hin zu Mini-Croissants. Trotz weniger Frühstücksgäste läuft viel Küchenpersonal herum. Wirklich viel zu tun gibt es eigentlich nicht. Doch was fällt mir eigentlich ein, mir als Urlauber Gedanken über das arbeitende Volk machen zu wollen?
Ein paar Tische weiter im ansonsten leeren Frühstücksraum sitzen die beiden Frauen, die mir gestern Abend in der Gemeinschaftsküche begegnet sind. Ein älterer Mann vervollständigt das Trio. Ein Vater mit seinen beiden Töchtern? Andere Gäste sehe ich nicht. Ist das Hotel unter der Woche schlecht besucht oder stimmt meine Theorie, dass hier überwiegend Wandersleut absteigen, die um diese Uhrzeit irgendwo in Hälsingland wandernd ihr Unwesen treiben? Apropos Unwesen… es wird für uns langsam Zeit weiterzuziehen.
Wir packen unsere sieben Sachen zusammen und tragen die Koffer die rund zweihundert Meter zum Auto. Die Rollen der Koffer sind im Split nutzlos, weshalb ein Schieben oder Ziehen wenig Sinn macht. Kaum sind wir fertig, beginnt jenes Trio vom Frühstück ihr Auto zu beladen. Ist es dreist, wenn sie ihr Auto bis vor das Unterkunftsgebäude fahren? Oder sind wir dämlich, weil wir genau das nicht taten? Die Drei haben jedenfalls keine Probleme mit dem Splitbelag des Hofes. Wir checken aus und setzen uns in Richtung Ullånger in Bewegung.
Esther lässt den Ford vom Parkplatz unseres Hotels rollen und beendet damit das Thema Undervik. Das nächste Kapitel unseres Roadtrips beginnt und wenn ich richtig rechne, startet, gemessen von der gesamten Wegstrecke, irgendwo auf der heutigen Tour unser Rückweg nach Stockholm. Keine zwei Kilometer vom Hotel entfernt überqueren wir den beschriebenen Bahnübergang und fahren auf den Reichsweg 83. Die Straße ist kurz vor Järvsö komplett saniert worden. Die Fahrbahndecke ist neu, die Seitenstreifen fehlen noch und statt eines Mittelstreifens wird ein etwa zwanzig Zentimeter breiter Steifen in die Mitte der Straße gefräst. Diese Teil der Straße ist somit derart aufgeraut, dass der Fahrer schnell merkt, wenn er die Fahrbahn wechselt.
Obwohl es bis zur Ostsee nur etwa fünfzig Kilometer Luftlinie sind, fahren wir hier konstant durch Bergland. Die Berge sind wohl an die fünfhundert Meter hoch. Bei Järvsö überqueren wir den Ljusnan, an dessen Ufer sich auch Undervik befindet. Damit verlassen wir den Reichsweg und kämpfen uns auf einer Straße mit dem Namen Kalvstigen bis nach Delsbo, überqueren hier den Reichsweg 84 und fahren auf den Länsweg 305. Diese Provinzstraße wird uns ein gutes Stück in Richtung Sundsvall begleiten. Erneut wechseln sich Wälder und Seen ab, das Gelände wird bergig und an einer Stelle wird ein Gefälle von unglaublich steilen fünf Prozent angezeigt.
Immer wieder verabschiedet sich kurz der LTE-Empfang. Dem Navi stört das wenig, es geht eh immer nur geradeaus. Schlimmer ist es um unsere musikalische Begleitung bestellt. Wir genießen nach wie vor unseren heimischen Internet-Radiosender 80s80s, der sich hier und da mangels Empfang abmeldet, sich aber nicht selbständig zurückmeldet, wenn das Internetwieder bestens empfangen wird. Langweilige Straße, langweilige Landschaft und dazu noch nicht einmal Musik. So ein Roadtrip geht zeitweilig auch mal an die Nerven!
Wir erreichen Hassela und verlassen den Länsweg 305. Fortan bekommt unsere Straße die vielversprechenden Bezeichnungen X 769, Y 548 - so jedenfalls werden sie auf dem Navi-Display angezeigt. Hier und da streifen wir Ortschaften, und dort weisen Straßenschilder unseren Weg stets als Sundsvallvägen aus. Die Straße führt weiterhin durch tiefe Wälder, hügelige Felder und an unberührten Seen vorbei.
Tag 5 – Freitag, 30.08.2024, N 62°26′49″ O 17°19′57″
Wenn die Landschaft nicht für Höhepunkte sorgt, dann lässt man sich eben etwas einfallen. Esther ist von den vielen verschiedenen Wahnschildern unterwegs begeistert. Also achten wir nun etwas interessierter auf jene Warnschilder und ich beginne die Warnung vor Pferden, Schneemobilen, Blitzern, Radfahrern und Elchen zu fotografieren. Das Schild mit der Warnung vor Hühnern taucht nicht wieder auf. Allerdings haben wir die Chance bereits in und auf Sollerön genutzt, dieses Schild abzulichten. Man merkt, dass wir uns langsam einer größeren Ortschaft nähern. Der Verkehr nimmt zu, der Wald wird zunehmend durch Landwirtschaft ersetzt und die Häuserdichte nimmt zu. Ist dies der Speckgürtel von Sundsvall? Kurz hinter Matfors verlassen wir die Straße mit der vielsagenden Bezeichnung Y-544 und fahren fortan ostwärts auf der Europastraße 14.
Die ursprüngliche Planung unserer kleinen Schwedenrundfahrt sollte uns unter anderem auch nach Östersund führen. In diesem Fall hätten wir einen großen Teil der Strecke auf dieser Europastraße zurückgelegt. Nun geht es auf dem schnellsten Weg in Richtung Ostsee. Könnte man jedenfalls meinen, aber bevor wir Sundsvall erreichen, kämpfen wir uns durch ein Wirrwarr von Autobahnabfahrten. Esther behält hier kühlen Kopf und fährt problemlos auf den Reichsweg 86. Der sonst halbwegs fehlerfrei funktionierende Navigator auf dem Beifahrersitz verzeichnet an dieser Stelle kurz einen Totalausfall. Das waren einfach ein paar 180 Grad-Kurven zuviel.
Wir bleiben nur kurz auf dem Reichsweg 86 und biegen auf dem Timmervägen ab. Nun geht es schnurstracks weiter bis zum Einkaufsgebiet Sundsvall-Birsta, das durchaus in Größe und Fläche mit einer Kleinstadt konkurrieren könnte. Unser Ziel in diesem Einkaufs-Eldorado ist ein Einrichtungshaus einer schwedischen Kette, die auch in Deutschland bestens bekannt sein dürfte: Wir besuchen einen IKEA! In Schweden! Dies jedoch mit einem klaren Ziel: Wir suchen nach einem ganz bestimmten Bilderrahmen. Da wir diesen nicht finden, verlassen wir den IKEA nach gerade mal fünfzehn Minuten. Der größte Teil dieser Viertelstunde rührt übrigens daher, dass der kürzeste Weg zum Ausgang durch ein Labyrinth führt. Aber nochmal zum mitschreiben: 15 Minuten! Im IKEA!
Auf Empfehlung meines Bruders besuchen wir im Anschluss an das kurze IKEA-Abenteuer ein asiatisches Schnell-Restaurant mit dem verführerischen Namen YumYum. Dazu müssen wir nur einmal über den großen Parkplatz schlendern und eine viel befahrene Straße überqueren. Offensichtlich hat es sich herumgesprochen, dass das YumYum recht gut sein soll und so bekommen wir nicht die Gelegenheit das selbst zu prüfen. Der Laden ist brechend voll und wir nehmen Reißaus.
So beschließen wir erst einmal irgendwo zu tanken und vielleicht dabei einen Happen zu uns zu nehmen. Ein Rundumblick schafft Klarheit über unsere aktuelle Lage. Wir befinden uns auf einem großen Parkplatz inmitten vieler Einkaufszentren, dazwischen Restaurants und - Tankstellen. Perfekt! Allerdings ist der Verkehr gerade ziemlich intensiv bis arg stressig. Wir sparen uns deshalb jegliches Umherirren in diesem Gewerbegebiet. Weder Magen noch Tank sind so leer, dass eine akute Lösung notwendig ist. Das Navi liefert die Lösung: Runter vom Parkplatz, den folgenden Kreisverkehr an der ersten Ausfahrt verlassen und schon finden wir uns auf der Europastraße 4 in nördlicher Richtung fahrend wieder.
Es ist in der Tat bereits zwanzig Jahre her, als Esther auf der Europastraße 4 entlang fuhr. Seitdem hat sich für Esther hier eine Menge verändert. Obwohl meine letzte Schwedenreise nun auch schon acht Jahre zurück liegt, kommt mir doch vieles recht bekannt vor, ganz besonders hier zwischen Sundsvall und Härnösand. Also spiele ich nun auch noch den Reiseführer und weise Esther auf interessante Örtlichkeiten hin. Als Fahrerin hat sie natürlich kaum bis gar keine Zeit meinen ungemein interessanten Ausführungen zu folgen.
Also beschränke ich mich auf ein paar wenige Höhepunkte auf dem Weg nach Härnösand, der nur durch einen Baustellenstopp und einer kurzen Tankpause unterbrochen wird. Wir fahren an der Eisporthalle von Timra vorbei, in der der heimische Eishockeyverein seine Heimspiele austrägt. Kurz darauf sehen wir linkerhand den Flughafen von Sundsvall und fahren durch das Mündungsdelta des Flusses Indahl. Oder wie er auf Schwedisch heißt: Indahlsälven.