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Etappe 4

Ångermanland

Härnösand

Tag 5 – Freitag, 30.08.2024; N 62°37′51″ O 17°56′18″

HärnösandEtwa eine halbe Stunde später erreichen wir Härnösand. Wie freut man sich doch, wenn man nach langer Zeit das Schild der Härnösand Kommun mit dem Biber darauf am Fahrbahnrand der Europastraße 4 zu Gesicht bekommt. Härnösand war stets Dreh- und Angelpunkt, wenn es uns nach Schweden verschlagen hatte. In Erinnerung geblieben sind die drei Ausflüge zu den zu den Grotten auf Smitingen, von Besuchen im Freiluftmuseum Murberget oder Fahrten zum Västanåfallet, einem sehenswerten Wasserfalls im Landesinneren.

Unsere heutige Tour endet leider nicht in dieser Stadt. Während wir an den ersten Häusern vorbeifahren, suche ich nach bekannten Dingen. Etwas, woran ich mich aus den bisherigen Reisen erinnern kann. Rechterhand huscht das „Sjögården“ vorbei. Dieses Haus mietete Christina vor zehn Jahren an um hier Marks vierzigsten Geburtstag im Kreise von Freunden, Familie und Kollegen zu feiern. Damals, im Jahre 2014 begleitete ich meine Eltern hierher, während Esther daheim blieb. Wenn ich mich recht erinnere, ging es damals mit dem Flieger von Düsseldorf nach Stockholm und mit einem Leihwagen, einem weißen Seat Leon ST, in einem Rutsch weiter hierher. Mark besaß damals noch das Haus in der Trumpetgatan, in welchem wir übernachteten. Zehn Jahre ist das inzwischen her. Bin gespannt wo das Brüderchen seinen sechzigsten Geburtstag feiert.

Habe ich bereits erwähnt, dass es seit etwa zwei Stunden eine muntere Kommunikation mit meinem Bruder statfindet? Neben den üblichen Fragen zur ungefähren Ankunftszeit, gab es die Bitte von Tim in Härnösand dazusteigen zu können. Tim hat seit kurzem in Härnösand eine Wohnung und der Weg zu seinen Eltern nach Ullånger ist ohne Auto kaum zu bewältigen. Die willkommene Gelegenheit für einen kurzen Abstecher nach Härnosand. Wir verabredeten uns im Big Boy, einer skandinavischen Fastfoodkette.

Brücke am Hafen von HärnösandWir fahren in Richtung Innenstadt, verlassen die E4, kommen am Bahnhof vorbei und suchen uns einen Parkplatz am McDonalds. Wenn ich mich nicht irre, dann müssen wir von hier über die Brücke gehen, dann rechts halten, über den Marktplatz gehen und dort sollte sich dann irgendwo der Burgerladen befinden. Das funktioniert bis zum Marktplatz überraschend gut. Aber dann kommt das „irgendwo“, was mich ratlos werden lässt. Das Navi hilft aus und keine zweihundert Meter später stehen wir vor dem Big Boy. Das Laden befindet an altgewohnter Stelle, was aus dem „irgendwo“ ein „genau hier“ werden läßt.

Im Fastfoodrestaurant bedienen wir die üblichen Automaten. Das Menü am Bestellterminal ist nur in schwedischer Sprache verfügbar. So brauchts einmal mehr Googles ÜbersetzungsApp, die uns bei der Eingabe unserer Wünsche unterstützt. Wahrscheinlich würden wir den Bestellvorgang auch im Blindflug hinbekommen. Doch bevor wir unabsichtlich ein Big Boy Burger-Jahresabonnement abschließen, nutzen wir die App-Unterstützung.

Mit einem Burger in der Hand wartet es sich besser. Obwohl wir beide Eingangsbereiche kaum aus den Augen lassen findet uns Tim zuerst. Timmy selbst lässt sich weder zu einem Getränk noch zu einem Burger einladen. Statt dessen hat er viel zu erzählen. Über seine Ausbildung, seine Freunde, seinen Wunsch zum Militär zu gehen und vielem mehr. Von ihm erhalten wir Informationen zu den Fahrzeugen mit dem roten Dreieck am Heck. Diese als „A-Traktor/EPA“ betitelten Fahrzeuge kann jeder mit einem Moped-Führschein fahren. Natürlich setzt die Inbetriebnahme einiges an bürokratischem Schreibkram und technischen Umrüstungen voraus. Mehr als dreißig km/h sind beim A-Traktor nicht erlaubt. Der Größe und Beschaffenheit des Autos selbst sind allerdings keine Limits gesetzt. Aus eigener Erfahrung können wir inzwischen von Mittelklassewagen und größeren Pickups mit dem prägnanten roten Dreieck berichten. Timmy setzt der Geschichte noch die Krone auf und erzählt von einem Mehrtonner, einem Truck, der mit einem Mopedführerschein betrieben werden darf. Wie liebe ich doch die kleinen Unterschiede anderer Länder.

Wir essen in in aller Ruhe auf. Timmy erzählt uns von vielen Veränderungen in Härnösand, wie etwa die Bauarbeiten an der Brücke am McDonalds, die hinüber zur Innenstadt führt. Härnösand Innenstadt befindet sich schließlich auf einer Insel. Immerhin daran hat sich in den letzten acht Jahren nichts geändert.

Ullånger

Tag 5 – Freitag, 30.08.2024; N 63°00′44″ O 18°10′42″

Der Stadt Härnösand wäre damit unsere Aufwartung gemacht. Neffe Timmy ist eingesammelt und wir sind wieder in der Spur. Jeden Meter den wir seit Sundsvall unterwegs sind werden wir am Sonntag in entgegengesetzter Richtung zurücklegen. Dies sind unsere letzten Kilometer gen Norden. Das Höchsttempo beträgt aktuell 110 km/h, die Fahrbahn ist perfekt. Da könnte man gern noch etwas weiter fahren.

Höga Kusten BroDie Höga Kusten Bro - zu deutsch die Hohe-Küste-Brücke ist eine der längsten Hängebrücken der Welt. Und sie ist hoch. Die hohen Pylonen grüßen bereits von weitem. Wir überqueren auf dieser Brücke den Fluss Ångerman, der hier an seiner Mündung in die Ostsee etwa zwei Kilometer breit ist. Man ist somit eine Weile auf dieser Brücke unterwegs. Rechterhand zwischen Halbinseln, großen und kleinen Schären befindet sich irgendwo die Ostsee, hinter deren Horizont sich Finnlands Westküste versteckt. Das Navi bezeichnet die Mündung des Flusses als Störfjorden. Aus der Höhe bzw. von der Brücke gesehen kann man das auch so stehen lassen. Der Ångerman ist besonders im Bereich der Brücke von hohen felsigen Bergen eingerahmt. Vor Jahren sind wir mit einem Ausflugsdampfer, der Ådalen III, unter der Brücke hindurch zwischen die Schären gekreuzt. Die Natur hier ist wildromatisch. Schroffe Felsen, tiefdunkle Wälder und hier und da ein Wochenendhäuschen auf einer der vielen kleinen Inseln.

Am Ende der Brücke wartet eine kleine Baustelle. Nach inzwischen über eintausend zurückgelegten Kilometern ist dies die dritte Baustelle überhaupt. Und die Straßen waren soweit alle in Ordnung, selbst in den Asphaltfreien Strecken wirkt der Splitt wie glatt gestreichelt. Zwar ist auf Schwedens Straßen längst nicht die Masse an Verkehr unterwegs wie vergleichbar in Deutschland. Andererseits weiß ich von enorm angegriffenen Straßenbelägen nach dem Winter hier oben. Die Reparatur der Schäden erfolgt im meist noch im Frühjahr und geht vergleichsweise schnell von statten.

Auf den nächsten Kilometern gibt es den Charme des Wildromatischen auch rechts und links der Straße zu bewundern. Dies ist nicht nur vom Namen her die Hohe Küste. Die Region wächst tatsächlich etwa ein Zentimeter pro Jahr in die Höhe. Das Meer wird langsam zurückgedrängt und übrig bleibt eine der wundervollsten Landschaften in Schweden. Mir würde es hier auch gefallen! Grüße gehen nach Schweden!

UllångerUnvermittelt begrüßt uns ein Schild mit der Aufschrift „Ullånger“. Das Navi bestätigt: Wir sind da. Beinahe. Jetzt noch links, links, rechts, rechts, Kurve, rechts und wir rollen auf Marks Haus zu. Mein Bruder wartet davor. Die Begrüßung ist herzlich, könnte aber herzlicher sein. Der Grund: Marks Frau Christina ist eben von einem Krankenwagen abgeholt worden. Was nach einem medizinischen Notfall klingt ist eher eine Notlösung, da die medizinische Versorgung in der schwedischen Provinz ist relativ schwach ausgeprägt ist. Deshalb wählt man bei gesundheitlichen Beschwerden die 1-1-2, bekommt einen Krankentransport ins Krankenhaus, wo ein gewissenhafter Check aller lebensnotwendigen Organe erfolgt. Mark hofft, seine Frau im Laufe des Abends im Krankenhaus in etwa fünfzig Kilometer entfernten Örnsköldsvik abholen zu können. Bis dahin muss er sich alleine mit seinem Bruder und dessen Frau herumschlagen.

Mark bringt uns im ausgebauten Untergeschoss seines reichlich modernisierten Hauses unter. Über eine neue und für Kofferträger recht schmale Treppe gelangt man nach unten. Bevor ich mich mit dem Gepäck dort hinunterstürze, werden die Koffer über einen perfekt geschnittenen Rasen außen um das Haus einen kleinen Abhang hinabgerollt. Wenige Schritte später steht das Gepäck vor unserer Zimmertür.

Aktuell ist Mark besonders stolz auf die in diesem Jahr entstandene Terrasse mit Feuerstelle im Garten. Genau dorthin ziehen wir uns zurück. Das erste Bier wird geöffnet und die Feuerstelle erwacht zum Leben. Es wird über dies und das geredet und die Zeit verrinnt wie im Fluge. Später landen Nürnberger Würstchen auf dem Grillrost. Gegen einundzwanzig Uhr bekommt Mark die Info, dass er Christina in Örnsköldsvik abholen kann und macht sich umgehend mit Timmy auf den Weg. Wir sehen dem Feuer beim Niederbrennen zu und genießen die Ruhe. Als Christina endlich daheim ist zeigt die Uhr halb elf an.

PolarlichtAngesichts der Tatsache, dass wir heute morgen früh raus mussten, ist es höchste Zeit sich in Richtung Bett zu verabschieden. Zum Glück war uns noch nicht nach Nachtruhe, denn was hätten wir dann verpasst: Kurz nach dreiundzwanzig Uhr macht sich eine Aufregung über ein merkwürdiges Leuchten am Himmel breit. Ob es sich dabei um Polarlichter handelt? Polarlichter? Zu dieser Jahreszeit? In Schweden? Wenn in den letzten Monaten öfter die Aurora Borealis bis ins Rheinland beobachtet wurden, dann sollte das hier, knapp unterhalb des Polarkreises auch möglich sein.

Aurora BorealisUnd so ist es dann auch. Ein grünes Band zieht sich quer über den Himmel. Die Formen innerhalb des grünen Gebildes bewegen sich langsam aber beständig, so dass aus dem Band Flecken werden, begleitet von zarten violette Lichtern. In den nächsten Minuten versuche ich mit unterschiedlichen Foto-Apps Himmelsbilder zu knipsen, in der bangen Hoffnung, dass ein paar sehenswerte Aufnahmen gelingen. Dieses zufällige Highlight glaubt einem doch sonst kein Mensch.

Örnsköldsvik

Tag 6 – Samstag, 31.08.2024; N 63°17′27″ O 18°42′56″

Gegen 6:00 Uhr erzeugen die Bewohner des Hauses ersten akustischen Content. Christina und Mark starten wie gewohnt in den Tag. Wir hingegen finden das weniger attraktiv, wollten wir doch endlich mal ausschlafen. Was Mark nicht weiß: ich liege mit Rückenschmerzen wach, drehe mich auf der Matratze hin und her und hatte die Hoffnung, für ein paar Minuten Schlaf zu finden, noch nicht ganz aufgegeben. So bekommt man halt jeden Mucks mit und das treibt unter gewissen Umständen den Blutdruck unnötig in die Höhe. Um 08:30 Uhr macht das Handy Schluss mit ohnehin nicht mehr lustig. Trotzdem ist es ganz angenehm traumhafte dreißig Minuten länger zu liegen. Doch damit ist nun Schluss! Der Samstag ist angebrochen.

Zum Frühstück gibt es Shakshuka - Eier in Tomatensoße. Zum Teufel mit der Vorherrschaft gekochter Frühstückseier. Endlich landen richtig leckere Sachen auf dem Frühstückstisch. In Mora war das Frühstück schlicht, in Undersvik war es sehr gesund und hier werden verwöhnte Leckermäulchen wie wir mal auf das Feinste verwöhnt.

BlutsaftIm Anschluss an das Frühstück fahren wir zu viert nach Örnsköldsvik, der nächst größeren Stadt nördlich von Ullånger. Für Esther und mich verschiebt sich mit diesem Ausflug unser nördlichster Punkt jemals erreichter auf diesem Planeten. Und dieser Punkt liegt immer noch unterhalb des Polarkreises. Da ist also etwas Luft nach oben. Östlicher als hier waren wir zudem auch noch nie. Das primäre Ziel der Fahrt nach Örnsköldsvik besteht darin Tinas Medizin in einer Apotheke in der Fußgängerzone der Stadt abzuholen. In jener Apotheke entdeckt Esther Tetrapacks mit Blutsaft. Was mag das sein?

ÖrnsköldsvikEsther kommt auf die geniale Idee, hier in Örnsköldsvik auf GeoCache-Suche zu gehen. Ihre App meldet ein Cache-Versteck nur wenige Meter entfernt von der Apotheke. Doch der rege Publikumsverkehr in diesem Teil der Fußgängerzone macht es leider unmöglich nach dem Versteck zu suchen. Irgendwie schade. Die Gruppendynamik treibt uns weiter und so landen wir erneut im Systembolaget. Wir kaufen ein paar Bier ein und fahren anschließend quer durch die Stadt, um einige Kleinigkeiten in einem Lidl einzukaufen. Die Chance nutzen wir und kaufen ein paar Sachen für unsere nächste Unterkunft ein. Am morgigen Nachmittag werden wir deutlich südlicher in der Haga Mini einchecken. Die Haga Mini ist eine Unterkunft ohne Restaurant, ohne Frühstück. Das bedarf natürlich einer guten Vorbereitung. Wir kaufen Bratwurst und Kartoffelsalat für den ersten Abend ein. Die Erfahrung hat gezeigt, dass man in Schweden darauf achten sollte, wo man Bratwurst kauft. Die übliche schwedische Bratwurst muss man vor dem Verzehr in Senf ertränken, wenn man sie irgendwie hinunter bekommen möchte. Oh, wie liebe ich Vorurteile kulinarischer Art.

Selbstverständlich findet auch ein großes Stück Käse seinen Platz im Einkaufswagen. Davon können wir nie genug haben, schließlich kommt Käse zu allen Mahlzeiten in Schweden auf unseren Tisch. Daheim hingegen liegen die Käsehobel seit Jahren unbenutzt in der Schublade.

Rotsidan

Tag 6 – Samstag, 31.08.2024, N 62°50'41″ O 18°22'12″

Holzkirche in BarstaRelativ häufig besuchten wir in den vergangenen Jahren die Gegend um Bönhamn, Rotsidan und Nordingrå. Zum ersten Mal greifen wir heute von Norden an. Von Ullånger aus führt uns eine Straße direkt in die Region um Nordingrå. Der Besuch einer alten Holzkirche in Barsta mit anschließendem Picknick in Rotsidan war ursprünglich bereits für gestern geplant. Jedoch hatte Christinas Krankenhausaufenthalt dem einen Strich durch die Rechnung gemacht. Dann also heute.

Barsta ist ein kleines touristisches Fischerdorf direkt an der Ostseeküste. Ein Sehenswürdigkeit stellt eine alte schwarze Holzkirche von 1643 dar. Wir schreiten vom Parkplatz einige Stufen hinauf zum hölzernen Gotteshaus, das die Größe einer mittleren Scheune hat. Mark kennt sich aus und greift neben der Tür in die Höhe und findet dort einen großen vorsintflutlichen Schlüssel, der tatsächlich ins Schloss der Kirchentür passt. Die Tür öffnet sich und gibt den Weg in einen liebevoll gestalteten Innenraum frei. Viel Platz findet sich nicht, doch wahrscheinlich reichen die wenigen Plätze für alle Gläubigen dieses kleinen Dorfes.

Im Umfeld um die Kirche befindet sich ein Geocache, meint Esther mit Blick auf ihr Handy. Na dann nichts wie los. Das Versteck ein paar Meter abseits der Kirche ist schnell gefunden. Wir tragen uns ins Logbuch ein und verstecken die Dose wieder. Beim Loggen in der App stellen wir überrascht fest, dass dies unser östlichster je gefundener Cache überhaupt ist. Und unser bislang nördlichster jemals gefundener Cache nur 13 Kilometer Luftlinie von hier entfernt, nämlich in einer Kirchenruine in Nordingrå. Um das zu vervollständigen, unser südlichster GeoCache befindet sich irgendwo im Süden von Bayern und der westlichste in Paris. Weit sind wir wahrlich noch nicht herumgekommen.

RotsidanDie nächste Etappe des heutigen Tages ist das geplante Picknick in Rotsidan, einem Teil der hiesigen Ostseeküste an der flache Felsen einem Sandstrand gleich flach ins Wasser hineinführen. Während die Damen mit dem Auto zum Parkplatz des Strandes fahren, werden Mark und ich den direkten Weg quer durch die Natur zum Grillplatz laufen. Ein Bier dient als Wegzehrung. Natürlich wollen wir die Mädels nicht warten lassen und unterlassen jede Bummelei. Zwei Frauen begegnen uns mit zwei randvoll mit Pfifferlingen gefüllten Tüten. Die Dinger wachsen offensichtlich wie Heu. Auf unserem Weg sehen wir Unmengen von Tannen, Flechten, Blaubeerpflanzen - aber keine Pfifferlinge. Egal. Ein kleiner Schlendrian schleicht sich dann doch ein, da ich alle paar Meter zum Fotografieren stehen bleibe.

BrüderDer ausgetretene Weg bietet die eine oder andere Wurzel, die den müden unaufmerksamen Wanderer nur zu gern mit der Schwerkraft konfrontiert. Besser man achtet auf seine Füße, sonst wird man schneller von selbigen geholt als einem lieb ist. Wir entgehen diesem Schicksal und kommen durchaus gut voran. Inzwischen ist linkerhand die Ostsee zwischen den Bäumen zu sehen. Die Bäume, Birken und Tannen werden lichter, der Felsen tritt immer mehr als Untergrund hervor. Mark weist auf beigefarbene Kügelchen auf dem Boden hin und erklärt, dass dies der Kot von Elchen ist.

RotsidanTatsächlich führt uns der Weg ziemlich nah ans Wasser. Einige niedrige Felsen wollen überwunden werden, wobei man schon etwas acht geben muss, nicht auf lose Steine zu treten. Schneller als man denkt sitzt man danach mit dem Hintern im Wasser und wer will schon mit nassen Hosen am Grill sitzen. Der Tollpatsch in mir hat diesmal ein einsehen und so erreichen wir trocken und wohlbehalten den Grillplatz. Der Ausblick über den Felsenstrand Rotsidan ist von unserm Platz beeindruckend.

Der Grillplatz in RotsidanDie Mädels sind schon etwas länger hier und haben bereits einiges vorbereitet. Für den Grill fehlt Holz, dass sich aber problemlos organisieren lässt. Hinter einem Toilettenhäuschen im Wald ist einiges an Holz aufgeschichtet. Es dauert nicht lang, bis ein Feuer auf dem Grill lodert und während das Holz langsam anbrennt, essen wir Garnelen, die Mark daheim geräuchert hat. Ein Bierchen rundet die Sache perfekt ab. Irgendwann landen die Grillwürstchen erst auf dem Grill, danach im Brötchen und zuletzt im Magen. Rundum eine gelungene Sache. Rotsidan ist bei schönem Wetter einfach traumhaft.

MinimuseumAuf der Rückfahrt halten wir am kleinesten Museum an der Hohen Küste. Gar nicht so weit von Rotsidan entfernt steht bein kleines Gartenhäuschen, nur wenig größer als ein Plumpsklo und beherbergt ein kleines Museum vollgestopft mit Exponaten und Artikeln zur lokalen Geschichte.

Cruising Days

Tag 6 – Samstag, 31.08.2024, N 63°00′43″ O 18°11′11″

Bei mir macht sich eine Erkältung bemerktbar. Wann und wo ich mir den Spaß eingefangen habe kann ich nicht sagen. In Mora vielleicht, als ich mich kurzzeitig nicht wirklich wohl fühlte. Wer weiß, egal, der Hals kratzt jedenfalls gewaltig. Es ist wie es ist. Und wenn ich einem meiner ehemaligen Chefs Glauben schenke, dann kommt eine Erkältung in drei Tagen, bleibt drei Tage und geht drei Tage. Wo stehe ich heute? Ich hoffe an Tag eins von „die Erkältung bleibt drei Tage“. Dann ist dieses Wochenende und der Montag im Eimer, aber es besteht Hoffnung noch ein paar angenehme Tage hintenraus geniessen zu können. Mir bleibt aktuell nur die Chance soviel wie möglich mitzunehmen, bis mich der Husten auf die Bretter schickt. Oder ins Bett. Wohin auch immer. Christina kocht mir einen Pfefferminztee. Wenn die Erkältung beschlossene Sache ist, macht Tee Sinn.

Die Frauen sitzen am Küchentisch und tauschen sich über Paris aus. Ich besuche Mark an der Feuerstelle auf der Terasse. Burgerpatties aus Elchfleisch zieren einen profisorischen Rost. Das hat was. Marks Feuerstelle hat Charme und passt bestens in unseren Urlaub. Ein Mega-Luxus-Hochglanz-Edelstahl-Gasgrill hätte wohl keine Romantik unter Brüdern aufkommen lassen. Natürlich ist das Neid eines Besitzlosen. Dennoch: Ein Gasgrill kommt nicht auf meinen Hof! Es werden leckere Burger, auch wenn das Fleisch nicht unbedingt mit normalem Burgerfleisch vergleichbar ist. Es ist recht mager. Dazu gibt es angequetsche Kartoffeln mit einem Kräuterquark

Nach dem Essen geht's hinunter nach Ullånger. Wir haben das Glück, dass ausgerechnet an diesem Wochenende eine Veranstaltung namens „Cruising Days“ stattfindet. Die Schweden haben ein Fable für große amerikanische Wagen. Je älter desto besser. Tagsüber stehen die Straßenkreuzer auf einer großen Freifläche und lassen sich vom neugierigen Volk begaffen und anfassen. Dieser Tagesordnungspunkt fällt jedoch Örnsköldsvik, Barsta, Rotsidan und den Elchburgern zum Opfer. Esther hätte sicherlich ihren Spaß gehabt, sich mal hinters Steuer eines solchen Kreuzers zu setzen. Doch statt Dogde Ram gab es die Apotheke in Örnsköldsvik, statt Ford Thunderbird gabs die alte Holzkirche in Barsta. Statt VW Käfer wurde zur Genüge gegrillt. Aber jetzt nach dem Abendessen gibt es keine Ausrede mehr. Wir machen einen kleinen Spaziergang an die Hauptstraße. Die Temperaturen fallen schnell in den Keller. Das ist nichts neues. Schon in Mora hielt man es kaum noch aus wenn die Sonne untergegangen ist. Hier im Norden fühlt es sich sogar noch etwas frischer an.

Cruising DaysHunderte alte amerikanische Wagen fahren bei lauter Technomusik aus den Neunzigern durch den Ort. Ein paar alte Volvo stehlen sich in die Polonaise. Alte VW-Bullys und Käfer, Hot Rods und sogar ein alter Bus aus den fünziger Jahren vervollständigen die Szenerie. Die Abgase hauen einen sofort um. Es stinkt abartig und bei bestem Willen kann ich mir den Gestank nicht als etwas nostalgisch Wertvolles einreden. Noch schlimmer dürfte es einem Schlittengespann auf der gegenüberliegenden Straßenseite ergehen. Die Schlittenhunde müssen den ganzen Trubel in Form von Lärm und Gestank über sich ergehen lassen.

Wie nehmen meine Sinnesorganen das Geschehen eigentloich war? Die Nase meldet sich bei dem Gestank empört ab. Tastsinn und Geschmack haben dagegen Pause. Die Augen jedoch kommen ins Schwärmen und die Ohren kommen aus dem Träumen nicht mehr heraus. Diese Motoren machen Spaß! Gebt mir mehr davon.

Den Abend beschließen wir in Marks Wohnzimmer, hören Musik, quatschen und trinken - nach Esthers Meinung zuviel - Bier.

Nach Süden

Tag 7 – Sonntag, 01.09.2024; N 63°00′44″ O 18°10′42″

Eine weitere unruhige Nacht ist vorbei. Seit Beginn unseres Urlaubs ist dies bereits unsere vierte Unterkunft. Der Rücken sollte sich langsam daran gewöhnt haben, dass die Matratzenbeschaffenheit alle zwei Tage wechselt. Vier Hotels warten noch auf uns. Vier weitere Betten können noch zu meinem Rückenwohl beitragen und dafür sorgen, dass dieser Urlaub auch der körperlichen Entspannung dient. Ist mein Rücken zu anspruchsvoll? Sollte ich mal eine Erbse unters heimische Boxspringbett legen? Schlimmer noch als mein Rücken schmerzt jedoch inzwischen mein Hals. Der Husten macht unmissverständlich klar, dass die Erkältung angekommen ist. Wenn ich die schon erwähnte Dreier-Regel heranziehe, dann ist heute oder morgen Halbzeit. Mit etwas Glück bin ich am Donnerstag, spätestens am Freitag an Marks Geburtstag wieder topfit. Doch bis dahin… Hoffen wir das Beste!

Beim Frühstück gibt es für meine Reibeisenstimme Pfefferminztee statt Kaffee und Christina verabreicht mir einen Löffel Honig. Mund auf und rein damit. Mark kümmert sich ums Rührei mit Pfifferlingen. Und während wir die Zeit beim Frühstück schwatzend verbringen, rennt allmählich die Zeit davon. Wir packen und während das Auto beladen wird beginnt es zu regnen. Das bislang mehr als solide Urlaubswetter erhält einen Dämpfer, der uns in den nächsten Stunden bei der Autofahrt reichlich egal sein dürfte. Aufgrund des Regens fällt auch die Verabschiedung recht kurz aus und ehe wir uns versehen, sitzen wir im Auto und sind ab sofort strikt gen Süden unterwegs.

Kurz vor Härnösand biegen wir spontan von der Europastraße 4 ab und fahren im kleinen Örtchen Solum an Harrys Haus vorbei. Harry? Harry ist Niederländer, der bei unserem ersten Besuch in Härnösand als Englisch-Lehrer arbeitete. Inzwischen ist er schon seit einigen Jahren pensioniert und lebt in den USA. Bei Harry verbrachten wir im Jahr 2004 unseren ersten und mit knapp sieben Tagen recht kurzen Schweden-Urlaub. Die An- und Abreise erfolgte mit Ryan-Air zwischen Flughafen Frankfurt/Hahn und Stockholm-Skavsta. Damals holte uns Mark vom zwei Fahrstunden südlich von Stockholm gelegenen Flughafen Skavsta ab. Mit einem alten Volvo 745 gings die ganze Nacht durch halb Schweden. Die Europastraße führte damals mitten durch Uppsala. Von einer Anhöhe verfolgten wir imposante Lichteffekte, die die Ampelschaltungen von vierzehn Ampeln an der schnurgerade verlaufenden E4 erzeugten. Der Grund für den nächtlichen Halt war weniger die Liebe zu Ampeln sondern die Kontrolle durch einen Streifenpolizisten, dem der altersschwache Volvo wohl etwas suspekt erschien.

Im jener heute etwas legendär anmutenden Woche besuchten wir das Küstendorf Bönhamn, das Museum Mannamine, Ostseebad Smittingen, streichelten Elche an der Höga Kusten Bron und aßen übelriechenden Surströmming bei unserem Gastgeber. Der vergorene Fisch wurde dazu in kleinste Bröckchen zerteilt und mit viel Zwiebeln und Kartoffeln im weichen Knäckebrot, dem Dünnbrot verzehrt. Ekelhaft ist tatsächlich nur der Geruch, weshalb die Riechorgane mit Wodka betäubt wurden. Bei der Heimreise brachte uns derselbe alte Volvo zum Flughafen Stockholm Skavska zurück. Sieben Stunden Fahrt hin und noch einmal die gleiche Zeit zurück, hmm, ich kann mich nicht erinnern, ob ich meinem Bruder für diese Kutscherei jemals angemessen gedankt habe. Wahrscheinlich waren wir damals sogar noch vor ihm daheim, obwohl wir von Frankfurt/Hahn selbst etwa zwei Stunden Autofahrt vor uns hatten. Kleine Notiz am Rande: Damals, im Jahr 2004 sind wir übrigens an einem 26. August nach Hause geflogen. Und an einem 26. August genau zwanzig Jahre später hob unser Flieger in Richtung Schweden in Frankfurt/Main ab.

Das Auto rollt langsam am Harrys Haus vorbei, an dem sich wenig bis gar nichts verändert hat. Damit soll der Nostalgie genüge getan sein. Wir kehren zur E4 zurück und setzen unsere Tour fort. Härnösand ist viel zu schnell erreicht und liegt noch schneller hinter uns.