(Thüringen 2011)
Es war einmal, vor langer langer Zeit in einem fernen fernen Land, da lebte ein bettelarmer Geschichtenerzähler in seiner kleinen Hütte und besaß nichts außer einen 50-Zoll-Flachbildfernseher mit Kabelanschluss. Nun hatte er von den Lügen und Unwahrheiten in Funk und Fernsehen irgendwann mehr als genug und wollte deshalb seine eigenen Märchen erzählen.
Doch weil die meisten Handlungen in herkömmlichen Märchen so unglaublich arg an den Haaren herbei gezogen wurden, musste unser Geschichtenerzähler alle vorhandene Kreativität in die Waagschale werfen und etwas völlig Neues schaffen. Er verzichtete daher auf den ewigen Kampf zwischen Gut und Böse, und sorgte dafür, dass weder Drachen (wers glaubt) noch Hexen (glaubt auch niemand) in diesem Märchen dem werten Leser Angst einjagen. Anderen vom Aussterben bedrohten Fabeltieren durfte kein Haar gekrümmt werden und der edle Ritter bekam endlich seine rosarote Ritterrüstung, die perfekt mit dem von Alters her verwendeten Plüsch harmonierte.
Doch leider, wie es in den meisten Autobiographien erfolgloser Autoren zu lesen steht, sprach der Geschichtenerzähler während seines ganz sicher hoch verdienten Erholungsurlaubs einmal mehr zu intensiv den vielen verschiedneen Cocktails, Bieren, Longdrinks, Schnäpsen und Weinen zu. Das Ergebnis seiner feingeistigen Recherche über die Abgründe eines sich vom Alltagsstress erholenden Weltverbesseres verkam zu einem chauvinistischen Kreuzug gegen multimediale Unterhaltungsindustrie und ultrakonservative Familienpolitik des steuerzahlenden Umfeldes seiner selbst.
Kurz vor der Vollendung seines ganz sicher später als Meisterwerk umschriebenen Märchens wurden seine in einen Exzess ausartenden Recherchen ihm zum Verhältnis. Gerade, als er ein an Schnupfen erkranktes fleischfressendes Gänseblümchen beobachtete, geriet er auf einen oft benutzten Trampelpfad. Ein eben zu dieser Zeit vorbei schlenderndes Einhorn erschrak über diesen Frevel derart, dass es den Geschichtenerzähler aus Versehen einfach auffraß.
Da jedoch der Verlag bereits die Druckmaschinen angeworfen hatte und längst lange Schlangen vor einigen Buchläden auf die Veröffentlichung warteten, wurde ich als Ersatz verpflichtet und habe mein Bestes gegeben. Doch zu spät, der Verlag war bei Fertigstellung dieses Büchleins bereits pleite und die Buchläden von der zornigen Masse zu oft vertrösteter Leser gestürmt worden. Mir blieb also nichts anderes übrig, als diese Geschichte dem allmächtigen Internet zu überantworten und mich dann in eine kleine, ärmlich aussehende Hütte mit Kabelfernsehen zurückzuziehen. Und wenn ich nicht gestorben bin, dann drehe ich dort noch immer Däumchen.
Es war einmal ein Vorwort. Dies musste unbedingt so sein, denn ein jedes Märchen beginnt nun einmal mit einem „Es war einmal…“. Ein völlig anderes Klischee verlangt obendrein an dieser Stelle unbedingt ein Vorwort. Von gewissen Zwängen kann man sich eben nicht befreien. Es ist fast eine Bestätigung all dessen, was unsere Zivilisation so unglaublich berechenbar macht.
Dunkeldeutschland – welch düsteres Wort, welch Vorurteile, welch Missverständnisse. Ich habe nach dieser Region geforscht, hab gelesen und recherchiert. Und nun habe ich Dunkeldeutschland gefunden. Inmitten schattiger Gebirgsschluchten, mit Seen, deren Grund unendlich tief und dunkel scheinen und kleine abgelegene Orte, in denen die Abenddämmerung niemals endet. Schiefergebirge, Schieferbergbau, Schieferschindeln – eine ganze Stadt damit eingedeckt und zugedeckt. Antrazit als Vorzeigefarbe, als klammes Gefühl, als unterschwellige Warnung besser schnell weiterzufahren und diese Region auf direktem Wege wieder zu verlassen.
Das Gotteshaus, ganze Straßenzüge und sogar Hundehütten bekommen verschieferte Dächer und eine komplett aus Schieferschindeln bestehende Außendämmung. Schiefer ist das Naturprodukt und Exportgut Nummer 1 dieser Region. Die Wolken schienen düsterer, die Schatten länger und die Sorgen höher. Ich war mir also sicher: Dunkeldeutschland – Du bist entdeckt, und nun bringe ich Licht in Dein finsteres Geheimnis. Die Koffer sind gepackt, jedoch die Masse an Taschen und Beuteln verschlägt einem schon mal die Sprache. Sommerurlaub in Thüringen oder Antarktisexpedition? Mass das wirklich alles mit? Leise Zweifel beschleichen mich, doch wenigstens weiß ich nun, dass wir irgendetwas wichtiges vergessen werden. Wenn ich nur wüsste was genau…
Das Navigationsgerät berechnet uns einige Routen quer durch die Republik, verdammt wo wollen wir hin? In dieser Region wachsen doch nur windschiefe Bäume, leben zänkische Bergvölker und verirren sich ahnungslose Urlauber. Ich sollte mich mit einigen Quadratmetern Kartenmaterial eindecken, sonst sind wir in diesem Straßenlabyrinth rettungslos verloren. Da kann nicht gut gehen, ich habe das von Anfang an geahnt, doch nun ist es zu spät. Doch wenn sie nicht gestorben sind, dann…
Nun ist es endlich soweit. Monate des ungeduldigen Wartens sind vorbei, alles ist gebucht, alles ist geplant und alles gesagt… Auf in den Urlaub! Auf nach Thüringen und rein in das ultimative Erholungsvergnügen. Einfach ein paar Tage raus aus der (Beamten-) Haut und das Wort Dekadenz Buchstabe für Buchstabe leben - Koste es was es wolle!
Viele Stunden langweiliger Autofahrt über bewährten deutschen Asphalt waren nötig, um dem Ziel im Hgerzen unseres Landes näher zu kommen. Doch schon bei der finalen Autobahnabfahrt wurden wir mit einem Ausblick auf eine angenehme Landschaft entschädigt, eine Art nachträglicher Belohnung für den Genuss bayrischer Autobahnbaukunst im fränkischen Würzburg, gespickt mit langwierigen unfreiwilligen Parkeinlagen auf der Überholspur. Sämtliche Zweifel an der korrekten Route, welche das familieneigene Navigationsgerät unter Aufbietung sämtlicher digitaler Kräfte errechnete, waren letztlich unbegründet.
Endlich angekommen irgendwo im Deutschen Niemandsland, einer Gegend die so verlassen wirkt, dass man sich hier vor vielen bösen Geistern verstecken kann, sogar vor der Schwiegermutter. Hier möchte ich nicht verloren gehen, hier findet mich doch niemand wieder. Der Grundstein für einen ereignisreichen und ungestörten Urlaub ist gelegt. Ich konnte es kaum erwarten, per Hechtsprung den Ernst des Alltags in halsbrecherischem Tempo zu verlassen.
An der Rezeption einchecken, das Zimmer durchchecken, die Bar abchecken… Da das obligatorische Empfangsgetränk aus Kostengründen wohl abgeschafft wurde, beschloss ich, mich selbst gebührend zu empfangen. So etwas bekomme ich zur Not auch schon einmal alleine hin. Also ab an die Bar. Dabei besonders viel Wert auf die Außenwirkung legen, also betont desinteressiert in die Runde blicken und sich dann der apathischen Agonie des Raumes hingeben. Dazu ein paar Verhaltensregeln für den perfekten Hotelbar-Checker festlegen und diese direkt umsetzen, damit die überbezahlten Trottel hinter der Bar von selbst auf die Idee kommen und mich sofort auf die Bar-interne VIP-Liste setzen. Ich beginne mit einem überaus strengen, fast strafenden Blick, heuchle mannhafte Trinkfestigkeit und bestelle das teuerste, was die Karte eben hergibt. Letzteres ist gar nicht schwer, die Happy Hour-Karte ist denkbar knapp gehalten. Die erste Runde geht somit wenigstens zur Hälfte aufs Haus. Mein Gin-Tonic verspricht die erste Glückseligkeit des Urlaubs und ich bin mächtig stolz auf mich.
Erst sein wenigen Monaten aufrecht laufende Kinder anderer Erholungssuchenden bewegen sich laut artikulierend Richtung Pool. Ertrinkt da gerade irgendwer? Gibt’s dort etwas umsonst oder verteilt irgendein Promi seine Unterwäsche unter seine brave Fangemeinde? Erstaunlich, dass sich meine Tochter sich diesem Hype nicht anschließt. Naja, wahrscheinlich will nur jeder dieser Würmer als erstes den Pool entern. Eigentlich auch eine gute Beschäftigung für meinen eigenen pubertären Nachwuchs. Meinem fragenden Blick folgt die fadenscheinige Begründung meiner kopfschüttelnden Tochter: „Die pissen alle in den Pool! Da geh ich nicht rein.“ meint sie und bestellt sich ne kalte Cola. Ich erinnere mich dunkel, dass sie hier „all inclusive“ lebt und gewisse Getränke rund um die Uhr bekommt. Cola war nicht dabei, aber beispielsweise Apfelschorle. Aber das Zeugs knallt nicht so sehr wie dieses koffeinhaltige Zuckerwasser in ihre hyperaktive Birne.
Leicht vom bislang konsumierten Alkohol umnebelt geht’s endlich zum Abendessen. Es ist schließlich Zeit einen gesunden Grundstock für den am Abend geplanten gefährlichen Kreuzzug durch die schwer alkoholschwangere Barkarte zu legen. Nichts wäre entwürdigender und verwerflicher, als auf Grund schlechter Vorbereitung bereits nach dem dritten Longdrink zu Boden zu gehen.
Im von jämmerlich hungrigen Gestalten gut gefüllten Speisesaal warteten bereits Unmengen an Fisch-, Fleisch- und Gemüsebuffets. Allein ein schneller Überblick über die prall gefüllten Tabletts und Terrinen stillte den ersten Appetit. Einige Minuten und ein ausgiebiger Besuch der Buffets später machte ich mich auf den Weg zu meinem Tisch, begleitet von zwei randvollen Tellern voller Steaks, Pommes, Melone und Sachen, deren Namen mir nicht unbedingt geläufig sind. Dazu ein Glas Rotwein, ein kühles Bier. Ja, ich stelle fest, hier wird sehr gut für mich gesorgt. Ob ich dass alles essen würde, was sich da auf meinen Tellern befindet, ist nicht sicher. Eigentlich sogar ausgeschlossen. Aber das hier, genau das, das isst mir nun auch niemand mehr weg.
Hinein ins kulinarische Vergnügen, keine falsche Scheu zeigend, nagt man sich durch geschnetzelte Unterholz und knallt sich die kostenlosen Getränke hinter die Binde. Stets mit dem wesentlichsten aller Gedanken im Hinterkopf, dass man an der Hotelbar für das selbe kühle Hopfengetränk ordentlich löhnen muss. Unnötig zu erwähnen, dass dieses Schicksal trotzdem absolut unausweichlich war.
Bald erreichte ich den Punkt, an dem mein Körper jedwede weitere Nahrungsaufnahme in flüssiger oder fester Form ablehnte. Totale Nahrungsverweigerung sozusagen. Aber der Grundstein für weitere heldenhafte Taten auf Terrasse, Bar oder wo auch immer ist gelegt. Es folgte das, was meine Tochter „Peopleviewing“ nennt. Der Name ist Programm und mit dem richtigen Alkoholspiegel im Blut wird man dabei auch wirklich kreativ. Man betrachtet rein zur eigenen verdammt niederträchtigen Unterhaltung die hungrige Umgebung, gibt den namenlosen Gesichtern eine frei erfundene, aber sicherlich völlig passende Geschichte und amüsiert sich dabei ganz prächtig. Jedoch sind die auf diese Art und Weise erfundenen Schicksale derart von Missgunst, Argwohn und Verleumdung verseucht, dass jede Veröffentlichung härteste strafrechtliche Konsequenzen nach sich zeihen würde. Also nervt nicht, von mir erfahrt ihr nichts…Eine Vorstellung, welche unter Aufbringung aller mentaler Kräfte unbedingt verhindert werden muss.
Dieses angestrebte erholsame Leben im Urlaub begann natürlich völlig anders als geplant. Es gemein und grausam zu nennen, wäre vielleicht etwas übertrieben. Denn, statt mich in die (nicht anwesende) Sonne zu legen und dem Hautkrebs ein paar lichte Momente zu gönnen, ruft mich der Wald. Und ich gebe mich folgsamer denn je, packe den zum Überleben im Felde notwendigen Kram in den Rucksack, schnappe mir meine Frau und auf geht’s. Die Route auf dem Plan zeigt eine geschwungene Linie rund um das Urlauberparadies Wurzbach. Das von Hügeln und Schluchten geprägte Gelände ist allerdings nicht auf der flachen Karte ersichtlich, so dass die zu Beginn noch massig vorhandene Motivation nach dem Ersteigen der ersten Hügel sich stetig in Schweiß verwandelte. Ein paar Regentropfen sorgten für die nötige Schwüle, auf das der Schweiß in Strömen fließen möge.
Von vielen Pilzen am Wegesrand verhöhnt, von nassen Pflanzenblättern belästigt, langweilten wir uns durchs Unterholz, stets auf der Suche nach dem Stein der Weisen, dem Sinn des Lebens, einen geheimen Platz für traute Zweisamkeit. Kein Gejodel störte diese unheimliche Harmonie, nur ein verwegener Hirsch wagte sich in unsere Nähe. Ein verfallenes Gebäude mit den Charme eines Horrorhauses weckte unangenehme Phantasien in mir, welche definitiv auf den übermäßigen Horrorfilmgenuss zurück zu führen ist. Ich hatte den Eindruck, dass sich in den Mauern so manche degenerierten Wesen aufhielten, welche ihrem einzigen Lebenszweck im gnadenlosen Abschlachten wehrloser Sextouristen sahen. Wir verzichteten somit darauf im weiten Rund um das Gebäude leidenschaftlich übereinander herzufallen. Wer weiß, wer dann in blutrünstiger Absicht über uns hergefallen wäre?
Inzwischen zeigte sich die Sonne bereit, ein wenig dem Urlaubsvergnügen beizuwohnen. Eine nette Geste, so fand ich. Ein Blick auf die Karte verriet irgendwann das unvermeidliche und absolut unübersehbare: wir waren wieder am Hotel angelangt. Dieser Kurztrip durch die Wälder gab der geschundenen Seele ordentlich neue Nahrung, die nun anstelle eines erholsamen Mittagsschlafes an der einsamen Hotelbar verdaut werden muss. Vorsichtig beginne ich die heutige Selbstvernichtung mit einem Gin-Tonic und bin irgendwie stolz darauf, einen Meter der Bar ganz allein für mich zu haben. Hier ist derzeit noch nichts los, ganz im Gegensatz zur Lage bei den Lounge-Sesseln. Diese sind anscheinend dem spießigen Kleinfamilienvolk vorbehalten, welches dort stundenlang auf eine Eingebung von oben wartet. Vielleicht wären ein paar mit Tritten versehene Tipps angebracht? Eine Idee, die diesen Menschen mitteilt, was sie ihrer kostbaren Zeit anstellen können, von der ihnen doch viel zu viel gegeben ist. Durchweg elendes genervtes Volk, Spießer ohne Sinn für Humor.
Mein privilegiert anmutender Platz genehmigt mir freien Blick auf die Flaschen im Regal, deren ehemaliger Inhalt mein sich langsam leerendes Glas füllt. Ein solcher Blick ist nur hier, direkt am Puls der Zeit, am Tresen, an der Schaltzentrale der gastronomischen Macht möglich. Hier tobt das Leben etwas anders und nur der, den der Sog jemals mitgerissen hat, wird wissen, dass es danach nichts Vergleichbares zu erleben gibt.
Die frisch angestellte Aushilfskellnerin und ein spindeldürrer Barkeeper halten die Stellung, welche von mir in der eindeutigen Absicht belagert wird, die hiesigen Schnapsreserven auf ein Minimum schrumpfen zu lassen. Ein intelligent angelegtes Foyer sorgt für gut einsehbare Bereiche voller genugtuender Unterhaltung, für die gestresste überforderte Elternteile sorgen. Sie zu beobachten ist sicher keine anständige Tat, aber irgendwer muss dies tun. Ein Opfer, das ich gern bringe.
Die junge und durchaus attraktive Kellnerin besticht sehr durch ihren ureigensten bayrischen Akzent, welcher ihr schon jetzt einen sicheren Platz auf der Top Ten der angenehmsten Urlaubserscheinungen einbringt. Diese Charts haben sicher nichts furchteinflößend frauenfeindliches an sich. Glaube ich jedenfalls. Aber wie will ich das beurteilen? Will ich das überhaupt? Mir doch völlig egal… Mein Drink kommt und dankbar vergesse ich einen irgendwann geführten Disput wegen einer angeblichen Top Ten der angenehmsten Urlaubserscheinungen. Vor mir steht ein Gin-Tonic, ein zugegeben freudloser Longdrink, welcher durch zuviel Gin viel an Esprit verloren hat. Am Eis wurde auch gespart, nun, muss ich mir so etwas bieten lassen? Stellt sich die gänzlich humorlose Frage „Wie geht’s nun weiter?“ Probiere ich noch einen von diesen Gin-Tonic-Drinks? Bin ich wirklich so grausam zu mir? Ich ziehe die Barkarte zu mir heran und studiere sämtliche Abschnitte, welche irgendetwas mit Alkohol zu tun haben. Vielleicht probiere ich einen Martini? Kann man da überhaupt etwas falsch machen? In irgendeinem Buch las ich die weisen Worte, dass dem geübten Trinker sich wohl die Frage etwas anders stellen dürfte: „Besteht überhaupt die Möglichkeit, dass das Zeug im Glas tatsächlich stilvoll genießbar ist?“ Die Chance, dass es sich tatsächlich um einen ordentlichen, sämtlichen zivilen Gesetzten entsprechenden Martini handelt, dürfte wahrscheinlich gegen Null tendieren. Ach was, bin ich ein ausgewiesener Kenner der Szene? Nein, bin ich nicht. Hauptsache, ich finde von diversen Longdrinks begleitet, einen Weg dieser Unwirklichkeit voller gelebter Harmonie zu entfliehen. Das hier ist die ureigenste Family-Twilightzone, heuchlerische Wohlfühlatmosphäre bis zum grausamen Abwinken.
Na gut, ich strenge die verbliebenen noch halbwegs arbeitenden Hirnwindungen an und gebe grob mein Wissen über die Zubereitung eines waschechten Martinis wieder. Was ist eigentlich so schwer daran, ein Martiniglas mit etwas Wermut zu füllen. Den eben eingefüllten Inhalt nach kurzem aber intensivem Schwenken in den Ausguss zu entleeren und dafür mit Gin zu füllen. Etwas Puristisch – zugegeben – aber es soll schließlich auch keinen Spaß machen. Die Steigerung wäre übrigens eine Flasche Wermutwein zwischen einem mit Gin gefüllten Martiniglas und dem Sonnenlicht zu stellen, so dass der Gin eine markante Note des vom Wermut geworfenen Schattens erhält. Aber wie auch immer ich es anstelle, der Barkeeper wirbelt wichtig mit seinem Messbecher herum und schüttet wahllos alles zusammen.
Ich glaube, die bayrische Kellnerin hasst mich. Oder verwechsele ich nur aufsteigende Zornesröte mit unterwürfiger Scham auf meine Frage „Was sucht das Gemüse in meinem Martini?“ Was ihr offensichtlich fehlt, sollte einen wesentliche Säule in der Erziehung jedes jungen Menschen bilden. Nämlich das verantwortungsvolle Mixen lebensnotwendiger Flüssigkeiten auf Alkoholbasis. Vielleicht ist ihre bayrische Herkunft schuld, wer weiß… Jedenfalls schaut sie mich längst nicht mehr so freundlich an wie vor diesem verdammten Getränk mit hohem Wacholderbranntweingehalt.
Doch wie geht nun weiter? Wo bleibt meine Muse, meine Inspiration? Ich sollte den Martini von der verdammten Olive befreien und dafür beten, dass die beiden Eiswürfel schnellstens verdampfen. Was bekomme ich eigentlich, wenn ich einen Wodka-Martini bestelle? Ich beschließe dieses Experiment zu einem späteren Zeitpunkt fortzusetzen.
Gleich ist Happy-Hour, ich denke, ich sollte dem bayrischen Fräuleinwunder noch eine Chance geben, ihren ausbaufähigen Hintern aus dem von ihr selbst bereiteten Schlamassel zu befreien. Doch bevor ich auch nur den Anflug einer Chance bekomme, bringt mich einer dieser scheinbar überall umher schwirrenden kleinen Wichte um meine letzten Nerven. Baut der Wurm sich neben mir auf, erzähl wirres Zeugs und will meine Olive stehlen. Die Kellnerin flirtet inzwischen mit dem Erzeuger dieses nervigen kleinen Dingsbums, und das macht es noch unerträglicher. „War das hier das richtige Stück Kuchen?“ „Nein, oh, das tut mir aber leid!“ Herrje, wo sind wir denn hier? Wo ist die hoch gelobte Marktwirtschaft, in der selbst kleinste persönliche Fehler nicht akzeptiert werden? Ich plädiere für härteste Bestrafung! Aber etwas Konkretes will mir nicht einfallen.
Ab sofort bedient mich der spindeldürre Kollege, welcher offensichtlich des Sächsischen absolut mächtig ist. Okay, ich gebe auch ihm eine Chance, aber nur eine ganz kleine, da der Hinternfaktor bei männlichen Kandidaten entfällt. „Bitte noch ein Gin Tonic, mit etwas mehr Eis bitte.“ Er dreht sich um und sein Blickwechsel mit Miss Bayern sagt mir, dass auch er der Verzweiflung arg nahe ist.
Von irgendwoher nähert sich ein weiterer Hosenscheißer. Verdammt, ist das hier Würmerland? Und wenn ja, was kann man tun? Auslastung durch körperliche Ertüchtigung? Bin ich in der Lage nur durch intensive Gedankenanstrengung zum Kinderschreck zu mutieren? Sollte ich die Hosenscheißer etwa einfach ignorieren? Nein, das ist unmöglich. Genauso unmöglich wie hier den Olymp einer allumfassenden Erholung zu erreichen. Ein völlig missratener Wurm ruft nach seiner Mama und bringt seinen unbedingten Willen zu Urinieren zum Ausdruck. Ich horche auf - Endlich mal eine geistreiche Beilage des hier regierenden Wurmvolkes. Die Mama fällt jedoch durch gespieltes Desinteresse an der fäkalen Terminplanung des Nachwuchses auf. Getreu dem Motto: „Junge, schau, dass Du endlich erwachsen wirst und verkneif Dir’s bis ich mein Gespräch beendet habe!“ Optimistische Grundeinstellung, meine Dame, das wird wohl in die Hose gehen. Und das im wahrsten Sinne des Wortes.
Der etwa vierjährige Rotzlümmel reagiert mit einem verkniffenen Grinsen und einem schnell wachsenden dunklen Fleck auf der Hose. Diesen kann nun die Mama nicht mehr ignorieren und bewegt verärgert ihren eindeutig zu breiten Hintern in Richtung doch-noch-nicht-erwachsenen Säugling. Und nun? Gibt es tatsächlich die von mir erwartete körperliche Züchtigung des durch diesen unglaublichen Frevel aufgefallenen Jünglings? Enttäuschung macht sich in der Runde breit: es gibt keine Schläge, noch nicht einmal tadelnde Worte. Gut, das schwer gerötete Gesicht der Mama ist nur um wenige Nuancen roter als die ihres Knaben, als beide recht unwirsch in Richtung Fahrstuhl von dannen ziehen. Mal ehrlich: Wo kommen wir hin, wenn Hotelfoyers zu Orten degradiert werden, in denen man sich ungeachtet des Alters ungestraft in die Hose pissen darf. Die Welt geht eindeutig vor die Hunde.
Die Rettung naht in Form mehrerer verdienter Rentner. Weltkriegshelden womöglich, egal, wenigstens steigt das Durchschnittsalter an der Bar sprunghaft an und dürfte nun endlich wieder zweistellig sein. Der aktuelle Gin Tonic ist kein bisschen besser als der vorangegangene. Ich hasse mich für diese waghalsige Eskapade. Zeit die alkoholbedingte Selbstvernichtung zu verschieben. Ich vermutete eine abgrundtiefe Geschmacksverirrung und ertappte mich beim Gedanken, etwas Alkoholfreies zu bestellen. Nein, diese Erniedrigung erspare ich mir für später. Ich zahle und bereite mich auf das heutige Abendessen vor. Ein Buffet voller Kalorien - soviel man essen kann.
Mein Blick schweift durch das lebendige Hotelfoyer, ignoriert die Schlangen an der Rezeption, beobachtet die peinlich lauten und orientierungslosen Spießer und fällt ein erstes Fazit: Das Leben in dieser Gegend ist gar sonderbar. Das heimatliche Hotel ist gut gefüllt, die Kellner sind gut beschäftigt und der Rubel rollt. Doch was das hier anwesende Partyvolk angeht, bietet sich mir der bloße Horror.
Ich erhebe mich von meinem Thron und steuere den Speisesaal in der ersten Etage an. Eine schwer gestresste Frau mit drei Kindern in allen nervigen Alterslagen und einem gelangweilten Fettwanst von Ehemann im Schlepptau drängelt sich an mir vorbei. Eine weitere, diesmal ausnahmsweise recht hübsche Tussi mit betagter männlicher Begleitung überholt mich ebenfalls. Ich frage mich, ob es sich dabei um den ehelichen Partner, den naiv fürsorgenden Vater oder vielleicht ihrem Chef handelt. Kinder begleiten die beiden nicht, und auch wenn das nichts zu sagen hat, könnte es vielleicht gar meine dritte Vermutung bestätigen.
Ich fülle am Buffet meinen Teller randvoll mit Kaninchenfleisch. Ich liebe das Zeugs und das ganz besonders, seit dem ich mir gestern Abend den Streichelzoo am Hotel neuer angesehen habe. Die Langohren besaßen eigene Kojen, über deren Türen liebevoll den Namen des jeweiligen Nagers geschrieben stand. Und nun bin ich mir fast sicher, dass ich gleich Karnickel „Sammy“ verspeisen werde.
Anschließend taxiere ich die nähere Umgebung ab und stelle fest, dass sich seit dem gestrigen Abendessen an gleicher Stelle nicht viel geändert hat. Einige Frauen sind gänzlich ohne männliche Begleitung anwesend, dafür aber mit total verzogenem Nachwuchs. Allerlei Familiendramen - schwer gekennzeichnet durch gelebte Langeweile und nicht existierenden Tischgesprächen. Und nicht zu vergessen, das zahllos umher wuselnde Gewurm, von dem es scheinbar nicht genug gibt. Verschwindet ein Nerventöter, erscheinen dafür zwei neue, noch wilder umher turnende Kiddies. Hyperaktiv, ständig schreiend, pausenlos nervend – und somit wenigstens den Alkoholkonsum der unbeteiligten anwesenden Erwachsenen ankurbelnd. Wie anders soll man das auch ertragen? Aber gut, so ergibt sich wenigstens ein Grund nochmals die Selbstbedienungstheke aufzusuchen und mein Bier aufzufüllen. Was bei überbezahlten Entscheidungsträgern in Wirtschaft und Verwaltung so etwas wie der Nasenfaktor ist, welcher über Sein oder Nichtsein entscheidet, sorgt hier und genau hier der Arschfaktor für die notwendigen Differenzen beim interessierten Betrachter. Die gestressten Gesichter der Mütter nervender Kleinkinder sind fast durchweg erbärmlich unattraktiv. Rotfleckige Haut im Gesicht, ein wirrer Blick aus fast aus den Höhlen quellenden Augen, vom nervösen Fingernagelkauen fransige Lippen, die Haare meist nur provisorisch zusammengebunden – eben ein (nicht unbedingt seltenes) Bild des Jammers. Aber von einer ganz anderen Seite betrachtet lässt sich der Anblick hin und wieder durchaus ertragen. „Gesicht für'n Arsch, aber der Hintern ist durchaus einen Blick wert.“ - Jedenfalls wenn man gewisse Rundungen unterhalb des Rückens schätzen gelernt hat.
Ein absolut perfekter Hintern präsentiert sich mir beim Abendessen. Eingepackt in eine sensationell durchscheinende weiße Hose und einem durchaus als knapp zu bezeichnenden Tanga scheint dieser Po den Rest der anwesenden Männerwelt zu verhöhnen. „Hier, schaut her, was ihr Kostverächter unangebetet durch die Welt wackeln lasst“. Ein weiterer Fall einer Alleinerziehenden mit einem Gesicht, welches von Wind, Wasser und Stress gezeichnet ist und dann dieser Arsch. Verdammt, weiß die Dame denn nicht, welch Martyrium sie den Herren der Schöpfung aufbürdet? Man residiert schließlich in Hotelzimmern mit Aufbettung, in denen der minderjährige Nachwuchs nächtigt. Wohin mit dem aufgestauten sexuellen Druck, wenn das eigene Kind nicht sonderlich begeistert ist, dass Mama und Papa in zwei Metern Entfernung voller Enthusiasmus Matratzensport betreiben?
Zugegeben, die Männerwelt kennt das Problem, mit der Ausstrahlung des weiblichen Gesäßes zurecht zukommen, seit Anbeginn der menschlichen Evolution. Hier über mangelnde Gerechtigkeit zu philosophieren, ist also keineswegs angebracht. Doch wenn man bedenkt, dass der triebgewohnte sexbedürftige Mann eine über die gesamte Urlaubsdistanz anhaltende Sex-Ebbe überstehen muss, dann ist jedwede Art von fremder Stimulanz völlig falsch am Platze, wenn nicht gar eine strafbare Handlung. Ach was, der Genießer schweigt…
Auf dem heutigen Abend steht auf dem Veranstaltungsplan in der Spalte „Erwachsene“ ein Tanzabend. Nun, das ist eigentlich keine Veranstaltung, welche meine unbedingte Anwesenheit erfordert. Aber ich möchte meiner Liebsten einen Gefallen tun und heuchele so etwas wie: „Ach komm Schätzchen, lass uns mal Spaß haben und Tanzen gehen“. Und völlig unerwartet antwortet sie „Toll! Klar, das machen wir!“ Nichts zu spüren von ihren üblichen Müdigkeitserscheinungen am frühen Abend, welche sonst stets jedwede körperliche Betätigung unterbindet. Verdammt! Was hab ich mir da wieder eingebrockt?
Wir betreten also gegen 20 Uhr die Hotelhalle. Rhythmischer Lärm und das übliche Gekreische unausgelasteter Kinder empfängt uns. Welch menschliches Grauen mag sich hier abspielen? Warum erdulden das so viele anwesende Hotelangestellte? Neugierig geworden begebe ich mich an die heimatliche Bar und betrachtete Stirnrunzeld das äussert fragwürdige Schauspiel. Meine Frau scheint all dies überhaupt nicht zu stören, im Gegenteil, irgendwie habe ich das Gefühl, sie geniesst diesen infernalen Krach. Wo bin ich hier bloß gelandet?
Die Erklärung war simpel – die Kinderdiskothek war noch nicht zu Ende. Und meinem Empfinden nach steuerte sie gerade einem Ultimativen Höhepunkt zu. Ich hätte also gewarnt sein müssen, aber meine Neugier war größer. Nun, solange eine solche Veranstaltung unseren Jüngsten ein gesundes Maß an Bassgefühl näher bringt, macht's durchaus Sinn. Alle guten Vorsätze vergessend legt der DJ aber durchweg niveaulose Party-Musik auf, welche selbst am Ballermann nur die Sangria-abhängigen Topalkoholiker des dortigen absolut anspruchslosen Partyvolkes begeistern würde. Das hier ist die Hölle. Nicht nur, aber im Moment ganz besonders im musikalischen Sinne. Schlechter Geschmack ist definitiv eine teuflische Erfindung und das ohrenbetäubende Geschrei im Foyer könnte auch von den gepeinigten Seelen im wohltemperierten Höllenfeuer stammen. Vielleicht sollte ich den eigenen Seelenqualen einfach freien Lauf lassen und irgend ein satanisches Geschrei anstimmen. Ein Seitenblick meiner Frau lässt mich jedoch verstummen bevor ich eine halbwegs vernehmbare Lautstärke erreicht hatte.
Es mag viele Arten erfolgreicher Folter geben, welche bekanntlich verboten sein sollte. Doch seit die Amis öffentlich die Vorteile einer vorbildlichen durchgeführten Folter anpreisen, beginnen sich in mir leise Zweifel an dem Sinn dieser Veranstaltung zu regen. Es gibt die Daumenschrauben, die Streckbank, recht aktuell wäre das Wasserboarding und natürlich die eiserne Jungfrau. Letztere ist in Form eines kleinen amerikanischen Pop-Stars wieder auferstanden. Lady Gaga in Verbindung mit einem unharmonisch kreischenden Chor derzeitiger und ehemaliger Windelträger dürfte sich als hundertfach erfolgreicher erweisen als jede zuvor verwendete Folter. „Geben Sie zu, dass Sie geheime Informationen über das Sexleben der Kanzlerin besitzen“ - „Ja, es stimmt, nur, bitte bitte, stoppen Sie die Musik!“ Angenommen, das Ganze hier ist ein Test. Ganz bestimmt, was auch sonst. Ich bestelle mir den ersten Whisky des Urlaubs und versuche diese mentale Folter zu überstehen. Meine letzte Hoffnung besteht darin, dass der hyperverwirrte DJ schnellstens die Kurve bekommt und mit einigen wohlgemeinten Beats den irgendwie nie heiser werdenden Knirpsen die kaum vorhandenen Hirne wegbläst.
So sitze ich hier an der Bar, an Tanzen ist Gott sei Dank nicht zu denken und halte mich krampfhaft am Whisky fest. Mein Blick fällt auf eine Armada Babyphones, welche sittsam in Reih und Glied gegenüber an der Bar aufgereiht stehen. Die durchweg grünen LEDs dieser Geräte versuchen vergeblich ein harmonisches Blinken im Takt des abartigen Lärmes hinzubekommen. Aus irgendeinem der Plastik-Lautsprecher dieser Baby-Abhöreinrichtungen kommen stammelnde Töne. Sofort springen drei Elternpaare auf und blicken angsterfüllt in die Richtung der Quelle dieser stammelnden Töne. Gerade schubst eine der jungen Frauen ihren Mann an „Nun geh doch mal…“ doch eine sichtlich gelangweilte Mutter winkt nur müde ab und meint „lasst gut sein, das ist mein Lukas.“ Ein langer Zug an der Zigarette folgt und dann weiter „Der Süße brüllt jeden Abend seine zwei, drei Stunden. Dann gibt er Ruhe. Er ist ja sooo lieb!“ Aha, genau, nach dieser Lehrstunde fast vergessen geglaubter Erziehungsmethodik senken sich die Hintern der eben noch im Sprung befindlichen Elternpaare verständnisvoll zurück in die Polster der Sitzecken. Fehlalarm - Kein Grund dem gemeinschaftlichem Uno-Kartenspiel zu entfliehen. Das Leben an diesem merkwürdigen Tanzabend nahm seinen Lauf und der infernale Diskolärm wurde fortan von einem kreischenden Lukas begleitet.
Lukas ist wohl eines der verlorenen Schafe, welches nicht im Strom der Zeit schwimmt. Er wird es schwer haben. Eines Tages wird er sich der Konkurrenz Gleichaltriger ausgesetzt sehen und auf ganzer Linie versagen. Während sich die Masse der Windelträger kannibalisch von den Nerven seiner Erzeuger ernährt, hatte Lukas nie den von der Evolution erzwungenen Erfolg beim prepubertären Unterjochen seiner Eltern. Aus ihm wird eines Tages ein Ja-Sager, ein artiger Bursche, ein Verlierer vor dem Herren. Eine absolut unattraktive Schwangere nähert sich der Bar, der Stolz der nahenden Niederkunft steht ihr deutlich ins Gesicht geschrieben. Auch sie wird sich bald in den Fängen jener aussichtslosen Sklaverei befinden, welche sich Mutterschaft schimpft. Und ihr Stolz wird sich langsam in abgrundtiefe Entgeisterung verwandeln, wenn der Nachwuchs die Vorteile eines Babyphones entdeckt.
Der rappeldürre Kellner erscheint mir irgendwie suspekt. Aus irgendeinem Grund ignoriert er mich auf der ganzen Linie. Mein Glas ist schon eine geraume Zeit leer und eine Besserung der Allgemeinsituation ist nicht zu erwarten. Wenigstens das weiblich-bayrische Kellnerexperiment schenkt mir ein wenig Beachtung und so steht mir die Gefahr einer Dehydrierung nicht ins Haus. Vorerst bleibe ich bei einem Bier, und wenn ich einen Blick zur Seite werfe, dann sehe ich eine rundum zufriedene Frau neben mir sitzen. Das beruhigt mich ein wenig, ich lehne mich zurück und nehme einen ordentlichen Schluck des gut gekühlten Hopfengebräus.
Zurück zur spindeldürren Gefahr am Tresen. Eingehende, vielleicht rein aus purer Langeweile getätigte Beobachtungen ließen mich schwer erstarren, ich traute meinen Augen kaum. Vielleicht war es eine Folge des Mangels am Alkohol, keine Ahnung. Der ganze Kerl besteht nur aus Haut, Knochen und Haaren. Und seine Arme, seine Hände erscheinen zudem unglaublich dünn und unendlich lang. Himmel, was ist das? Das ist ein beschissener Außerirdischer, ein Alien, ein Wesen aus einer anderen Welt! Schockiert schaue ich mich um. Bin ich wirklich der einzige, dem dieses Entsetzen ins Gesicht geschrieben ist? Sieht denn niemand, dass ein verdammtes Alien hier die Drinks mixt? Ich könnte schon wieder schreien, aber bei dem Lärm hört das eh niemand. Außer dieses unheimliche Wesen dort hinter der Bar vielleicht…
Okay, ich zwinge mich zur Ordnung, komm runter, Alter, gib dem Grauen keine Chance. Warum stört es Dich, dass in dieser Hosenscheißer-Hölle Dir ein Alien Dein Bier reicht? Nimm es wie ein Mann, ignorier den ganzen Scheiß und konzentrier Dich darauf nicht aufzufallen. Irgendwie musst Du hier lebendig raus kommen. Also reiss Dich zusammen!
Planlos, sorglos, ratlos – so schaut's gerade im in Selbstmitleid versunkenen Seelenleben des ganz und gar nicht bedauernswerten Schreiberlings aus. So verwerflich dieses Gejammere auch ist, wenn ich einen Blick durchs weite Rund der Hotelhalle werfe, dann bin ich beileibe nicht der bedauernswerteste Vertreter unserer ach so überlegenen Spezies.
Nehmen wir doch diese etwa 30 jährige blonde Schönheit, welche momentan in einer Kartenspielrunde mit Gleichgesinnten um etwas Glück im Leben kämpft. Ihr Balg irrt irgendwo durchs Gelände. Und bei genauerem Hinsehen liegt die Vermutung nahe, dass ein weiterer Balg sich auf dem besten Wege befindet, demnächst spuckend, heulend und scheißend diese Welt zu bevölkern. Doch lassen wir diesen ungeborenen Wurm beiseite und beschränken unsere ungeteilte Aufmerksamkeit auf das weibliche blonde Wesen in eindeutig schwangerem Zustand. Die ihr anerzogene dekadente Lebenshaltung zwingt sie mittels hochhackiger Fußbekleidung fortwährend durchs Leben zu staksen. Dabei hält ihr sensibles Riechorgan randvoll gepumpt mit Selbstbewusstsein in die höchsten Schichten unserer Atmosphäre, ob zum Stillen des Sauerstoffbedarfs oder zur Verbreitung von Angst und Schrecken, bleibt ihr Geheimnis. Eine solche Ignoranz wandelnd in unseren erdnahen Luftschichten ist wahrlich selten, kein Wunder, sind doch die Hochwohlgeborenen erstaunlich selten geworden.
Der Verdacht liegt nahe, dass sie mit irgendeinem schwer erarbeiteten (oder im Bett eines sexkranken Professors erworbenen) Diplom ausgestattet ist. Eine Frau Doktor etwa? Das unabwendbare Schicksal als studierte Hausfrau steht unserer Akademikerin in den ersten Zügen bereits ins Gesicht geschrieben. Noch zwei oder drei Kinder werden folgen, was zwar weitab jedweden deutschen Trends liegt, aber was kümmert mich das? In wenigen Jahren ist es dann mit der Attraktivität gänzlich vorbei. Sie wird fett und dem Alkohol in zunehmenden Maße zugeneigt einem grausamen Schicksal ausgeliefert sein. Ihr genervter Mann wird sie mit ihrer besten Freundin betrügen, später geht auch die zweite Ehe in die Brüche. Die Kinder werden drogenabhängig und langsam, ganz langsam nähert sich ihre Nase den erdnahen Luftschichten. Ja Baby, nimm einen tiefen Zug vom Gestank diesen total beschissenen Lebens! Ich beneide Dich nicht um Dein Schicksal!
Oh je, sorry, klang das verbittert oder gar missgünstig? He, ich war nett! Ich gönnte ihr den Doktortitel. Ich meine, ihre Story hätte auch finsterer aussehen können. Etwa so: Sie arbeitet in der Pornobrache (die Figur hätte sie dazu) und plagt sich nun schon mit dem zweiten Betriebsunfall herum. Oder sie ist nur die Vorzimmerdame irgendeines karrieregeilen Abteilungsleiters. Und die Kinder reichen nicht als Grund, dass er endlich seine Alter verlässt und die Tippse heiratet. Also ehrlich, ich glaube schon, dass ich nett war.
Kurz vor 22 Uhr. Die elenden Dreckswürmer, welche den Horror unseres versagenden Schulsystems noch vor sich haben, sind inzwischen allesamt in den Kojen verschwunden. Die verbliebenen, fast schon Jugendlichen beteiligen sich hingebungsvoll am familiären Kartenspiel mit ihren angetrunkenen Erzeugern. Die wirklichen Kotzbrocken, also jene, welche demnächst straffrei durch die Gegend poppen dürfen, spielen hingegen recht erfolgreich mit den Nerven ihrer Alten. Cliquenbildend hängen sie in den dunklen Ecken der näheren Gegend herum.
Hin und wieder nähert sich einer dieser jugendlichen Anarchisten den Kartenspielenden und prüft den Alkoholgehalt seiner Erziehungsberechtigten. Scheint ein gewisser Pegel erreicht, dann wird dem Erwachsenen unter Androhung psychischer Gewalt und einer fadenscheinigen Begründung das Nötige abgenommen, was zum illegalen Erwerb gesundheitsschädlicher Tabakwaren benötigt wird.
Wie wohl fühle ich mich in diesem Fall. Mein eigen Fleisch und Blut teilt sich gerade den Abend mit einem Spinnenmenschen namens Tobey Maguire. Natürlich getrennt durch eine Mattscheibe, aber so sie doch ihre Illusionen haben. Sie hat nicht die geringste Ahnung von den verwerflichen Vorgängen in dieser Partyhölle. Hätte nie gedacht, dass auch das Fernsehen in der Erziehung eines Jugendlichen positive Aspekte hervorrufen kann.
Ich schaue den Rentnern beim Tanzen zu. Eben rockten noch die lieben Kleinen zu Lady Gaga, nun die rüstigen Alten zu Wolfgang Petry. Und was ist mit uns? Eine vergessene Generation? Entweder mit den Kleinen Wichten Uno spielend oder an der Bar die Urlaubskasse versaufend, muss das so sein? Und vergessen wir nicht jene Generation, welche uns eines Tages folgt und im Moment noch mit leuchtenden Augen in irgendwelchen schlecht beleuchteten Ecken den ersten Joint ihres Lebens erleben. Sind wir hier nur zur falschen Zeit am falschen Ort? Und das immer wieder, ein ganzes Leben lang? Nachdenklich bestelle ich mir noch ein Bier und das Alien reicht mir das gefüllte Glas mit einem hinterhältigen Lächeln.
Die Schlagerorgie nimmt kein Ende. Welch abgrundtiefe Erniedrigung wohlerzogener Hörorgane! Ich verlange fast nach einen Anwalt, aber das würde auch nichts helfen. Viel zu verfahren ist diese Situation. Der Alkohol hat längst jedwede Fähigkeit verloren, heilbringend durch den Tag zu helfen. Und nun es ist tiefste Nacht. Ich bin verloren…
Wandern ist mal wieder angesagt, wandern ist gesund und dieses Wandern sollte etwas Sonne in meine dunklen Gedanken bringen. Gründliche Vorbereitung ist ein solides Fundament einer jeden Wanderung! Im Fahrstuhl dieses zum Nächtigen genutzten Hauses wurde eigens dazu täglich ein Wetterbericht veröffentlicht. Natürlich habe ich gelernt, dass man auf gar keinen Fall wirren Prognosen vertrauen darf, schon gar nicht, wenn es um die Vorhersage fallenden Nasses handelt. Ich tat es trotzdem – ein fataler Irrtum, zum Glück ohne Folgen. Denn Wandern ist in erster Linie eine recht beknackte Idee. Etwas für Idealisten, Träumer, Ökofreaks und Naturfreunde. Und heute war ich nichts von alledem.
Dann öffnete der Himmel seine Schleusen und die spontane Änderung des Tagesablaufes wurde einmal mehr in den höchsten Tönen gelobt. Statt des Umherirrens durch die Natur wurde umorientiert und ein Besuch kommerziell perfekt erschlossener unterirdischer Welten angestrebt. Es spielt keine Rolle, wo sich diese nun genau befinden oder welchen namen sie tragen. Höhle bleibt Höhle. Höhlen gleichen sich bis ins Detail: rundherum viel Gestein, ein elektrisches Licht bekämpft verzweifelt die wohltuende Dunkelheit und es tropft unablässig von oben herab. Letzteres ist natürlich der Schwerkraft geschuldet, welche auch hier keine Nachsicht mit uns unwürdigem Gewurm hat.
Die Hinfahrt verlief ohne Zwischenfälle, das musikalische Begleitprogramm war gewöhnungsbedürftig, das begleitende Volk im Auto sichtlich gelangweilt. Ich wage es etwas dagegen zu unternehmen. Doch dann: „Muss das sein? Lass mich in Ruhe mit Deinem New Age-Scheiß! Mach was Ordentliches rein! Wahren Sound erlebst Du nur beim Genuss von RnB!“ Verdammt, ich hatte gerade null Bock auf eine Engelchen-Teufelchen-Situation. Muss doch nicht sein, dass sich die ersten Anzeichen einer beginnenden Schizophrenie beim Auswählen einer ordentlichen Musik fürs Autoradio zu erkennen geben. Oder kam die Stimme von den billigen Plätzen hinter mir? Verwirrt und deshalb eine besonders trotzig wähle ich eine Trance-CD. Solche Entscheidungen sind nicht immer eine Frage des guten Geschmacks, aber getroffen müssen sie dennoch werden! Augen zu und durch. Der Rest des Vormittags lief im Zeitraffertempo, welches ich euch nicht vorenthalten möchte. Rauf auf den Parkplatz, rein in die Höhle, dort wieder raus und im strömenden Regen wieder rein ins Auto. Schon ging es wieder retour gen Grande Familienhotel. Ein spontaner Stau irgendwo unterwegs verhinderte schließlich ein Leben auf der Überholspur. Die Hoteleigene Langeweile musste noch ein wenig auf uns warten. Irgendein übermütiger Autofahrer hielt es für eine geniale Idee, sein Fahrzeug neben der Straße zu parken. Und zudem noch auf dem Dach liegend. Der Sinn dieser Aktion entzieht sich meinem Verständnis, und auch die polizei brauchte ein paar Stunden, um den höhereren Sinn dahinter zu verstehen. Solange blieb die Straße gesperrt. Für Spontan-Camping regnete es etwas stark. Mögliche, ortsnahe Umleitungen waren bestenfalls für Amphibienfahrzeuge unter Nutzung der Saale realisierbar. Die der (manuellen) Verkehrskarte entnommene Route führte ins Nirvana, der digitale Wegbegleiter (mit dem zauberhaften Namen Chantal) beschränkte sein bzw. ihr Vokabular auf „Bitte kehren Sie um!“ Wir landeten in irgendwelchen verlorenen Ortschaften, welche touristischen Besuch für gewöhnlich nicht erwarten. Egal, ab in die nächste Kneipe und dort wurde, das Flair einer längst untergegangenen Kneipenkultur genießend, zünftig zu Mittag gegessen und dabei das Ende der verfluchten Stausituation abgewartet.
Zum Abendessen gab es heute den Nachbarn von Sammy dem Karnickel, ich glaube, er hieß Hoppel. Ich verlor aber keinen weiteren Gedanken an das tragische Schicksal dieses Langohrs. Meine Gedanken waren bereits voll und ganz beim heutigen Highlight des Abends. Um der Anonymität des Urlauberalltags zu entfliehen haben wir und freiwillig zum heutigen Kegelabend angemeldet. Yeah, niemand schiebt seine Kugeln relaxter als ich! Irgendwie springen mir heute ständig kleine Wichte in den Weg und geben sich möglichst viel Mühe, alle bislang getätigten Aussagen über nervende Kinder um ein vielfaches zu übertreffen. „He, damit kommt ihr nicht ins Guinessbuch der Rekorde!“ Mir hört mal wiedser niemand zu. Diese Clique der kleinen bösen Knaben scheint sich hier irgendwo eingenistet zu haben. Sie schwirren umher wie Wespen um ein Wespennest. Haben diese Burschen gar keine Eltern, Pfleger oder Wärter? Einige dieser Dreikäsehochs, es mögen drei oder vier sein, fallen durch besonders große Dreistigkeit auf und erscheinen stets da, wo sie entweder nicht erwünscht sind oder eigentlich gar keinen Zutritt haben sollten. Wie sieht die Reaktion der erwachsenen Vertreter dieser alles und allem überlegenen Spezies aus? Setzt es einen Satz warmer Ohren? Gibts Prügel? Wenigstens Mecker? Aber nein, natürlich nicht. Einmal mehr zeigt sich die Dekadenz und Verweichlichung unserer dem Untergang geweihten Gesellschaft.
Also hin zur Kegelbahn und neugierig nach den anderen freiwilligen Kugelschubsern Ausschau halten. Die Tür war noch versperrt, man war also gezwungen auf die Animierdame zu warten. Kegeln unter Anleitung? Als ob ich zusätzlich motiviert werden müsste, wenn es darum geht, eine ruhige Kugel zu schieben. Irgendwann erschien die Dame, und ich begriff augenblicklich: Eine Frau mit einem solch gigantischen Vorbau gehört definitiv ins Animationsprogramm für Erwachsene. Höchste Konzentration ist erforderlich, stets mit der Hand an der richtigen Kugel Jagd auf die hilflosen Kegel zu machen. Ein Griff ins falsche Lager großer runder Objekte dürfte fatale Folgen haben.
Und da waren sie auch schon wieder, unsere ruhmlosen Knaben. Kein Tritt wies ihnen den Weg hinaus, nein, sie wurden freundlich in unserem Kreise aufgenommen. He, stand da auf dern Veranstaltungsplan nicht etwas von „Teilnehmer ab 10 Jahre“? Zählt das etwa auch Päarchenweise? Nun, und schon war es mit der ruhigen Kugel vorbei und vor lauter Frust wär mir sogar ein Fehlgriff an die falschen Melonen, ehm Kugeln ziemlich egal. Miss Megabusen, noch immer in ihrer Funktion als Veranstalterin dieses makaberen Spektakels unterwegs, schaut recht missmutig aus ihrem Mannschaftszelt-großen BH. Sie ist eindeutig mit ihrem Latein am Ende. Das war so absolut offensichtlich, selbst ein Blinder hätte das gespürt, ohne dass er seine Augen von ihrem achten Weltwunder abwenden musste.
Da es sich hier um ein Märchen handelt (ich wies zu gegebener Zeit bereits mehrfach darauf hin) sollte ich als verantwortlicher Schreiberling an dieser Stelle regulierend eingreifen und eine Kreatur namens „Böser Wolf“ in die Handlung einfügen. Der böse Wolf nimmt dies natürlich positiv zur Kenntnis und stürzt sich direkt auf all die bösen Buben und unartigen Wichte. Und frisst sie mit Haut und Haaren auf. So will es das Gesetz des deutschen Märchenbuches. Nach vollendeter Tat ist nun natürlich der Zeitpunkt gekommen, den randvoll gefressenen Wolf wieder aus dieser Handlung zu entfernen. Dieser jedoch findet dies weniger lustig und simuliert den schwer genervten pubertären Dickkopf. Auf diese Form des Ungehorsams bin ich natürlich nicht vorbereitet und so entkommt dieses pelzige Ungetüm seinem fatalen Schicksal durch eine rasche Flucht durch die Ausgangstür. Ach was, halb so schlimm, lassen wir ihn laufen. Sonst gibt’s noch Ärger mit dem Tier-, Natur- und Umweltschutz. Wir sollten halt nur bei der morgigen Wanderung auf freilaufende schlecht gelaunte und hungrige Wölfe achten. Jetzt aber, wo die Kegelbahn wieder den Genießern sorgsam in Bewegung gebrachter rollender Objekte gehört, wird es Zeit, sich den wesentlichen Dingen zu widmen.
Im Moment frage ich mich, was an dieser bescheidenen Daseinsform Urlaub sein soll? Ich bin kaputt, müde und will nur noch in mein Bett. Statt dessen sitze ich schon wieder an der Bar und schütte ein Bier nach dem Anderen in meinen schier unersättlichen Rachen. Aber vielleicht sollte man einer gewissen Chronologie der Ereignisse den gebührenden Respekt zollen und ganz am Anfang beginnen.
Eine recht anstrengende Wanderung durch die schöne Natur zum Rennsteig und wieder zurück stand heute auf dem Plan. Und mit Ausnahme meiner Frau und meiner Tochter freuten sich alle Teilnehmer unserer dreiköpfigen Wandergruppe auf diese kleine Unternehmung. Der Rennsteig, jener sagenumwobene, geheimnisvolle Wanderweg wartete und wir wollten seinem Ruf folgen. Keine drei Stunden später, nach immerhin etwa zehn Schweißgetränkten Kilometern und gleichzeitiger Bewältigung von diversen Anstiegen, also einer gewaltigen Höhenunterschiedsbewältigung, führte uns der sorgsam befolgte Rundweg zurück zum Ausgang der Wanderung.
Erleichtung stand in allen Gesichtern geschrieben, als wir uns direkt danach beim Italiener mit einer deftigen Pizza stärkten. Anschließend verbrachte ich mit meiner Tochter ein paar feuchte Momente im hauseigenen Planschbecken. Stopp! Falsche Beschreibung! Richtig muss es heißen: Eine Stunde im Schwimmbad den Anschlägen meiner Tochter zu entgehen ohne dabei mehr Chlorwasser zu schlucken als unbedingt nötig, ist fast eine Kunst.
Aber nun gehts wieder an die Bar, wo es eindeutig gesündere Flüssigkeiten gibt. Vielleicht sollte ich kurz diese enrom wichtige Einrichtung unseres Urlaubsdomizils, also die Bar, etwa eingehender beschreiben. Schließlich muss ich mir rückblickend eingestehen, dass ich dort einen wesentlichen Teil meines Urlaubs verbrachte.
Der Tresen war wie der Abfluß einer handelsüblichen Spüle geformt. Jedenfalls wenn man die Chance bekommen würde und mittels Luftaufnahme das Erdgeschoss von oben betrachten könnte. Einer etwa drei Meter breiten Frontseite (der erste Anlaufpunkt für Verdurstende) folgte im rechten Winkel ein mutiger Vorstoß von etwa 3 Meter mitten ins Gewissen der in der Tiefe des Raumes abhängenden Gelegenheitstrinker. Aber wir waren beim Tresen, welcher sich nun gesäumt von Barhockern einen Bogen von 180° machte und somit den Schwanenhals des Spültischabflusses darstellte. Hier nun ergab sich eine kleine Nische zwischen Wand und Tresen, welcher in erster Linie kuschelbedürftigen Schluckspechten vorbehalten sein dürfte.
Direkt im Vorfeld des Tresens war eine Lounge (Neudeutsch für stilvoll eingerichteten Clubraum) mit hellbraun bezogenen Lederstühlen an kleinen kreisrunden Tischen eingerichtet. Der Flair eines feudalen englischen Clubs, in dem sich alte Männer bei einer Zigarre und einem Whisky mit alten Kriegsgeschichten die Zeit totschlagen, war fast greifbar. Eine skurile Wand aus zusammengenagelten schwarzen Balken schirmt diesen Bereich gegen flüchtige neugierige Blicke ab und versucht wenigstens in Ansätzen und natürlich völlig Ergebnislos, ungebetene Gäste fernzuhalten.
Außerhalb und dabei den eben beschriebenen Bereiches rechtwinklig einrahmend, standen große und verdammt tiefe Sessel. Diese Sessel waren mir nicht geheuer. Die Verlockung war riesengroß, hier sitzend, eine, nein ein paar, oder gleich ganz viele Stunden zu verweilen. Keine Ahnung, wie viele Urlauber in diesen Sitzmöbeln bereits das Zeitliche gesegnet haben. Wer einmal seinen breiten Hintern diesen Polstern anvertraute, der war gefangen. Schon aus Respekt hielt ich mich von diesen fern, sollen doch andere von der Bergwacht, Sektion Höhlenschutz gerettet werden.
In diese unheimlichen Sitzgruppen verirrten sich irgendwann am späten Nachmittag die Eltern besonders hyperaktiver Eltern und spielten mit und ohne Nachwuchs Karten. Das dann bis in den Abend hinein, nur kurz zur allabendlichen Nahrungsaufnahme unterbrochen. Das familiäre Elend sorgte offensichtlich für ein gesundes Maß an Gemeinschaftsgefühl und so versammelten sich meist mehrere Leidensgenossen zum geselligen Zocken.
Verlassen wir nun den Part der tiefen Sessel und begeben uns in Richtung Ausgang. Dabei laufen wir nun direkt an der Rezeption vorbei, welche sich gerade zu unserer Rechten erstreckt. Zur Linken erstreckt sich der Teil des Foyers, welcher während der Kinderdisko zum Tanzen verwendet wurde. Besser nicht an diesen grauenhaften Abend zurückdenkend begeben wir uns nach links und gehen direkt auf den Eingang des Hotel-eigenen Restaurants zu. Dieses haben wir gemieden, wobei mir gerade der Grund dafür nicht geläufig ist. Wenn wir nun erneut kurz verharren und nach Links blicken, dann sehen wir dort ein Treppenhaus, welches zu einigen Freizeiteinrichtungen im Keller und zum oberen Speisesaal führt. Unser nächstes Ziel liegt aber rechte Hand. Eine Sitzfläche gefüllt mit Korbstühlen und Campingtischen lockte überwiegend die älteren Gäste an, welche hier Kaffee trinkend dem Ende ihrer Verweildauer an diesem Ort entgegen fieberten. Eine verglaste Räumlichkeit, welche nicht nur entfernt an die Cafeteria eines Altersruheheimes erinnerte.
Abschließen möchte ich diesen feinen gastronomischen Rundgang mit der Terrasse, welche bei strengerer Betrachtung auch als Biergarten durchgehen würde. Zu Zeiten geeigneter Witterung ein wahrlich begnadeter Ort des zelebrierten Biergenusses. Aber auch verschiedene Longdrings, Blutwurz oder Pfefferminztee sind an frischer Luft genossen äußerst bekömmlich!
Als Schutz vor hartnäckiger Sonnenstrahlung und spontane Witterungsänderungen überragten zwei riesige Sonnenschirme die Sitzfläche. Der schnellste Weg zum Tresen führte durch eine Glastür, welche das Altersheim mit der Terrasse verband. Zu abendlicher Stunde, wenn die Temperaturen schneller als die Hemmungen fallen, sorgte die offenstehende Terrassentür natürlich schnell für frostige Stimmung unter den Weltkriegsveteranen. Jede nicht sofort nach Durchquerung wieder verschlossene Glastür wurde mit tödlichen Blicken quittiert. Kurz darauf flog die Tür zu, um natürlich spätestens beim nächsten Toilettengang eines im Biergarten sitzenden Naturfreundes erneut offen zu bleiben. Eine Situation mit erheblichen Unterhaltungswert, doch aus Respekt vor dem Alter werde ich hier nicht weiter auf die kleinen Scharmützel eingehen. Zweck dieses Kapitels war eine grobe Beschreibung der Bar, und ich glaube, inzwischen sollte sich selbst der blindeste Leser dieses Textes auf der Suche nach einem Bier bis hin zum Tresen finden.
Nichts ist demütigender und überflüssiger, als sich kotzenderweise von einer überaus schmackhaften Pizza Diavolo zu trennen. Dem Heldentod nahe, gehen einem erneut sämtliche konsumierte Speisen und Getränke des Tages durch den Kopf – jedoch in die entgegen gesetzte Richtung. Elend blickt man in das Höllenloch der Kloschüssel und hofft, dass dieser Zirkus endlich ein Ende findet. Man meint, dass nun der Punkt erreicht sein müsste, an dem es nur noch besser werden kann. Falsch, dieser Punkt kommt zwar irgendwann, aber bis dahin… Die Sinnlosigkeit des eigenen Tuns vor Augen verkrampft sich ein weiteres Mal der Magen und man verflucht jedwede kulinarische Zeitverschwendung des gerade zu Ende gehenden Tages. Jämmerlich!
Verdammt, womit habe ich das verdient? Was habe ich falsch gemacht? Vielleicht etwas Falsches getrunken? Die späte Rache der verspeisten Karnickel? Fälschlich verzehrtes Gammelfleisch oder gar Fisch, welcher stinkend seiner Verwesung entgegenfieberte? Im TV läuft Spiderman, okay, nun habe auch ich diesen Wink des Schicksals verstanden. Ich hake die unendliche Reiherei als ganz natürliche Reaktion auf Tobey Maguire ab und bereite mich auf den nächsten Sprint Richtung Kloschüssel vor. Manche Fragen müssen in meiner derzeitigen Situation nicht beantwortet werden. Dazu ist später genügend Zeit. Und es sollte noch eine lange ereignisreiche Nacht werden.
Am Tag nach dem Festival sich übergebender Ereignisse trauerte ich immer noch den vergeblich verzehrten Speisen nach. Wenigstens der Pflege der gequälten Augenlider wurde seit dem im vollen Umfang entsprochen. Okay, nicht wirklich, aber der Wille war dazu vorhanden und diese durchaus ruhmreichen Bemühungen hatten mitunter etwas Erfolg. Inzwischen jedoch bekomme ich kein Auge mehr zu, und so verzog ich mich auf den luftigen Balkon. Meine Kopfhörer kommen gerade der Aufgabe nach, meine verwöhnten und zuletzt doch arg gefolterten Gehörgänge mit Chillout-Klängen durch altbewährte Sphären zu geleiten. Wider Erwarten gelingt das ausgesprochen gut.
Ich wünsche mir, Gitarre spielen zu können. Ja, vielleicht ist dies sogar die Lösung aller Probleme dieser Welt. Der Wusch, eine E-Gitarre, ein Verstärker und natürlich vorrübergehend ein paar freiwillige Opfer, welche wenige Wert darauf legen, was ihnen da um die Ohren fliegt. Später werden sie meine ersten Jünger sein, wenn ich die Welt mit berauschenden Sounds durch Zeit und Raum prügele. Aber nun genug geträumt. Noch sitze ich hier auf definitiv irdischen Plastikmöbeln mitten auf dem Balkon und lausche der göttlichen Musik. So harre ich der Dinge die da kommen werden. Und das werden sie, so weit bin ich mir absolut sicher!
Am Tag nach der Brechorgie ist es nicht einfach zum normalen Urlaubsalltag überzugehen. Von meinen Damen bekam ich selbstverständlich Bettruhe verordnet. Als Angehöriger der Elite des deutschen Gesundheitswesens hätte ich natürlich auch jeden Anspruch auf ärztlichen beistand in dieser schweren Stunde verdient. Aber weggesperrt aufs Hotelzimmer sind die Chancen auf spontane Selbstheilung wesentlich höher, egal ob nun Privatpatient oder Meister aller Kassen.
Mein T-Shirt wirft böse Falten, ein verstimmter Magen knurrt aufs heftigste – beides eindeutige Hinweise auf die heute vernachlässigte Nahrungsaufnahme. Hier muss schnellstens etwas passieren. Wie schauen die Alternativen zweckdienlicher Ernährung nach einer Nacht wie die gestrige aus, welche definitiv zum Kotzen war. Zwieback könnte die Leere der Speiseröhre kurzzeitig vertreiben und statt zuletzt vielfach genossener Longdrinks wäre Tee eine wenigstens halbwegs erträgliche Alternative. Also rein in ein paar frische Klamotten und dann ab an die Bar. Mal schauen, in wie fern die Karte allgemeine Magenfreundlichkeit heuchelt.
In meiner ganz privaten Ecke angekommen, wird natürlich zuerst die nähere Umgebung beobachtet. Das Aufklären der Örtlichkeit gehört zum A und O eines verantwortungsbewussten Barbesuchs. Ähnlich wie beim Autofahren muss dem Anwesenden zu jeder Zeit bewusst sein, was rings um ihn herum geschieht. Ein Nachlassen dieser Aufmerksamkeit kann durchaus ungeahnte Folgen für den weiteren Abend nach sich ziehen und besonders in meiner heutigen Verfassung möchte ich natürlich jede Form von Aufregung vermeiden.
Ein Kind am Nachbartisch fühlt sich vom diensthabenden Oberkellner vernachlässigt und spielt lauthals mit dem Gedanken dem Kellner künftig das schadlose Vorbeikommen zu erschweren. Eine Kriegserklärung zweifelsohne! Und das verspricht einen hohen Unterhaltungswert. Ich genieße das Schauspiel mit einem leicht dampfenden Pfefferminztee, welcher seit wenigen Momenten vor mir auf dem Tisch steht. Richtig, Tee! Eine absolute Lächerlichkeit angesichts der Martinis und Gin-Tonics dieser Welt. Stilvoll geht die Welt zugrunde, warum also nicht mit einem gut gebrühten Schluck Wasser und ein paar Kräutern darin?
Ein neuer, mir bislang unbekannter Kellner besetzt heute die Bar. Einer der angenehmen und deshalb wohl auch fast ausgestorbenen Sorte, welcher man nach ein, zwei oder vielen Getränken die ganze erbärmliche Lebensgeschichte erzählen kann. Er würde sich bei jeder bietenden Gelegenheit Dir gegenüber an die Theke stellen und verständnisvoll zu jeden verdammten und verlogenen Schicksalsschlag nicken. Er würde Dir das Gefühl vermitteln, dass er Dir zuhört. Für jeden selbstverzapften Scheiß gibt’s eine wohl portionierte Prise Mitgefühl, einen halbherzigen Tipp und eine Zeitlang auch noch etwas zu trinken. Er ist genau die Sorte Mensch, welcher Dir das Gefühl gibt, Dein bester Freund zu sein. Ein Freund, mit dem Du es Dir besser nicht verscherzt. Ein Jammer, dass mir ausgerechnet heute mein Leibarzt und Altenpfleger in Personalunion jedwede alkoholische Betätigung untersagt hat. Schräg gegenüber schmollt der Kleine mit der offensichtlich anerzogenen Verachtung gegenüber Angestellten dieser Hotelbar. Da sämtliche mehr oder minder vorgetragenen Konfliktanbahnungsversuche vom Hotelpersonal schlichtweg ignoriert werden, bleibt halt nur der Weg ins selbsterwählte Schmoll-Exil. Eine bemerkenswerte Konsequenz! Sie versaut mir zwar die nachmittägliche Unterhaltung, doch geduldig wartend verharre ich in meiner Ecke. Was nicht ist kann ja noch werden.
Silas heißt der Bursche, jedenfalls steht dieser Name auf seiner Kid-All-Inclusive-Flasche. Eindeutig das Opfer einer intensiv betriebenen Migrationsbemühung. Die Mutter, etwa Mitte vierzig (man mag sich auch täuschen) und eine der vielen Alleinerziehenden, welche unzählige Seiten dieser Geschichte füllen. Sie, blond und recht hellhäutig - der Kleine, dunkelhäutig, schwarzhaarig. Nun, da hat wohl wer arg mit den Genen gespielt. Vielleicht irre ich mich auch nur, und der Kleine entstammt einem jungfräulichen Schoß. Soll ja schon mal vorgekommen sein. Ich wende mich wieder meinem Tee zu. Verdammtes Schicksal, und damit hatte ich diesmal nur bedingt recht. Das Leben kann auch ungerechter sein, wie die nächste Geschichte zeigt.
Unbemerkt haben sich meine beiden Damen dem Tisch genähert, an welchem ich noch immer mit meinem Tee kämpfe. Erfreut mich hier zu erblicken (kann auch Wunschdenken meinerseits sein), nehmen mich die Mädels in ihre Mitte und ordern beim Ober das Kalorienreichste, was der Tortenkühlschrank heute hergibt. Mein Gefühlsbarometer schlägt leise Alarm. Die Stimmung ist aller Vorfreude zum Trotz alles andere als angenehm. Irgendwo liegt hier etwas im Busch. Und es wartet ungeduldig darauf, hervor zu kommen.
Meine Herren, wenn euch des Glück hold blieb und ihr nur männlichen Nachwuchs euer Eigen nennt, dann werdet ihr zeit eures Leben solche Schmankerl verpassen. Ich bin beileibe kein Freund nieder geschriebener Konversationen, aber in diesem Fall ist eine wörtliche Wiedergabe des Tischgesprächs angebracht. Eine Vorgeschichte gibt’s nicht, nun, wenigstens ist mir keine bekannt.
Für Freunde des gepflegt gesprochenen Wortes ist hier natürlich eine Entschuldigung für derart rhetorische Entgleisungen angebracht. Eltern pubertärer Töchter werden jedoch behaupten, dass dies doch nichts Besonderes ist. So geht’s manchmal halt den ganzen Tag lang. Aber im Urlaub? Zuviel Sonne? Die Damen haben ihre Tage? Die Thüringische Luft? Die explosive Atmosphäre der zänkischen Bergvölker dieser Region?
Und zu guter Letzt ist noch nicht einmal geklärt, was denn das liebe Töchterchen ihrem weiblichen Erzeuger zeigen wollte. Ich für meinen Teil schiebe die Entgleisung sämtlicher meiner Gesichtszüge während dieses Gespräches auf den bislang ungezügelten Teegenuss. Ich halte das so keinen weiteren Tag aus. Ich brauch was Stärkeres! Sofort!
Eines Tages nahm ich mir ernsthaft vor, nie wieder meinen Gegenüber mit der Tatsache besserer Sachverständnis einzuschüchtern. Nie wieder wollte ich verbessern, Einspruch anmelden oder gar die Durchsetzung wahren (nämlich meines) Wissens erstreiten. Doch wenn man sich erst einmal in den Kopf gesetzt hat, durch Besserwisserei die Welt zu verbessern, kommt man an einem gewissen Maß Klugscheißerei nicht herum. So ist das nun mal im Leben. Wenn die besten und ehrenvollsten Vorsätze mit hoch angesetzten Ansprüchen an sich selbst in Konflikt geraten, dann gehe besser in Deckung. Ein weiterer Tag mag kein Ende nehmen. Lässig hänge ich in einem der Campingstühle im Biergarten. Eigentlich habe ich noch gar keinen Durst. Gerade eben habe ich einen halben Liter stillen Wassers den Weg durch meinen Körper ermöglicht und sitze nun randvoll betankt auf der Hotelterrasse. Eine Kellnerin hastet arg geschäftig mit mehreren Tellern beladen an meinem Tisch vorbei und bringt einigen hungrig aussehenden Vertretern einer mittelgroßen Wandergruppe deren wohlverdientes Abendessen.
Grübelnd lege ich den Kopf schief. Das ist ungerecht, meine ich. Eine leidliche Magenverstimmung zwingt mich gerade zu einer ungewollten Diät. Viel lieber hätte ich mir eben meinen Wanst am reichhaltig gedeckten Abend-Buffet vollgeschlagen. Warum also dürfen sich diese Herren und Damen vom Nachbartisch genussvoll ihrem Ernährungsbedürfnis hingeben, wo meine Welt derzeit nur aus Tee, Wasser und Zwieback besteht? In mir schreit alles nach einer regulierenden Maßnahme. Nicht aus Neid über ihre prall gefüllten Teller, mein Appetit hält sich arg in Grenzen. Nein, es geht hier rein ums Prinzip! Also schreite ich zur Tat und stoppe den Tatendrang der Restaurantfachkraft mit einem deutlich hörbaren „Ehm, 'tschuldigung! Hallo! Ja, ich würde gern etwas bestellen!“.
Widerwillig bleibt sie stehen und wendet sich mir zu. Ich halte die Getränkekarte vor mit geöffnet und habe längst ein paar Getränke im Hinterstübchen, welche dem Gestalter dieser Karte in seiner unendlichen Weisheit wohl bei der Gestaltung entfallen sind. Aber immer mit der Ruhe. Zuerst bestehe ich darauf, dass das Fräulein mir ein paar kreative Vorschläge zur getränketechnischen Freizeitgestaltung unterbreitet. Begleitet von einigen penetranten Zwischenfragen meinerseits stottert sie im wilden Tempo die komplette Getränkekarte herunter. Natürlich kann ich mich für keine der vorgelesenen Varianten gepanschten Alkohols entscheiden. Hatte ich auch nie vor. Deshalb äußere ich freundlich und voller Demut das Verlangen nach einem Getränk, welches seinen Einzug auf die Getränkekarte etwas mehr als deutlich verpasst hat. Verwundert nehme ich zur Kenntnis, dass die Dame keine Ahnung hat, wie ein stilechter „Long Island Icetea“ zubereitet wird und fühle mich natürlich sofort in der Pflicht, ihr das lang und breit zu erklären. Wat mut dat mut!
Während ich ihr die absolute Wichtigkeit gestoßenen Eises erkläre, fange ich die ersten eisigen Blicke vom Tisch der Wandergruppe auf. Oh, welch fröstelnde Ungeduld. Wartet ab, ihr Hungerleider, da kommt noch mehr! Frustrierend bemerke ich ihr Desinteresse am „Long Island Icetea“. Okay, mit dieser Alkohol-Granate wird’s wohl nichts, aber vielleicht mit einem „Mojito“. Ah, den kennt sie auch nicht. Das gefällt mir. Die Blicke der zum Hungertod verurteilten Wandersleut genießend, gehe ich dazu über ihr zu erklären, dass es unglaublich wichtig ist, die verwendeten Minzestängel nur leicht anzudrücken. Ein Mojito ohne richtiges Minzearoma ist kein Mojito, aber in ihren Augen erkenne ich, dass ihr dass ebenfalls ziemlich egal ist. Aber wenigstens erkenne ich einen Funken Bereitschaft mir meinen Traum vom Mojito zu erfüllen. Sie dreht sich um und spurtet schnellen Schrittes ins Innere des Hotels.
Dort wahrscheinlich wartet irgendwo der ewig schlecht gelaunte Chefkoch vor Wut überschäumend auf die Kellnerin, damit diese das schnell abkühlende Essen endlich für die restlichen, dem Hungertod beinahe entkommenen Wanderer abholt. Eine nervige Klingel tief im Gedärm des Hotels gab nach minutenlangem Dauerbetrieb schon vor einiger Zeit den Geist auf. Somit wird sich der Koch eine neue Möglichkeit der Kellneralarmierung einfallen lassen müssen. Was unser Küchenchef anschließend mit den Herren und Damen Kellner anstellt, wenn seine himmlischen Kreationen die hochgesteckten Ansprüche durch rapiden Temperaturverlust verlieren, nun, das möchte ich besser gar nicht erst erfahren. Und was wird mit den restlichen Essenbestellungen, wenn sich der krebsrote Schädel des cholerischen Kochs dazu entscheidet, seine Existenz zufällig mit einer anständigen Explosion zu beenden?
Etwa eine viertel Stunde nach meiner Bestellung erscheint eine mir bislang nicht aufgefallene Kellnerin an meinem Tisch und teilt keck mit, dass ein Mojito heute Abend nicht zu realisieren sei. Ich vernehme ein unterdrücktes Lachen vom Nachbartisch. Scheinbar sind doch nicht alle verhungert. Ach was, mir doch egal! Griesgrämig bestelle ich noch einen Pfefferminztee. Ein Beweis mehr, dass es mit unserer Welt steil bergab geht.
Ausgeschlafen und hoch motiviert trete ich auf den Balkon. Das Leben hat mich wieder und mein Tatendrang kehrt in ganz großem Stil zurück. Jung, dynamisch, unberechenbar. Reste des unangenehmen Zwanges, Mageninhalt spuckend in der Gegend zu verteilen, sind allerdings immer noch vorhanden. Übel, übel – und das im wahrsten Sinne des Wortes. Aber Gejammert wird nicht im Urlaub! Und das hier ist eindeutig Urlaub! Nun, genug Motivation durch Raum und Zeit geschleudert, genug Phrasen gedroschen, denn nun sind Taten gefragt.
Wir sind in Thüringen, Land der Thüringer und der Thüringer Rostbratwurst. Und von letzterer haben wir noch immer nichts zu sehen, geschweige eine Kostprobe bekommen. Doch wo verdammt finde ich dieses Relikt gutbürgerlich-deutscher Fleischereikunst? Ich, ein Bewunderer des perfekt gegrillten Gutes und scheinbar nicht im Stande, einen überaus heiligen Ort des thüringischen Grillhandwerks ausfindig zu machen? Es wird Zeit etwas zu unternehmen!
Also, auf geht’s! Ein Ziel fest vor Augen, der Tank gut gefüllt, das Wetter viel versprechend. Das Navigationsgerät sucht einen idealen Weg gemäß der Vorgabe „Schneller, tiefer, kürzer“ und überzeugt mit vielseitigen Angeboten an Rundfahrten, von welchen einige sogar bis zum gewünschten Ziel führen. Allerdings auch durch Serpentinen, welche durch exzellente Enge und scharfen Kurven der Fahrerin meines Autos so einiges abverlangten. Kein Wunder also, dass der Heimweg einen fast doppelt so langen Umweg darstellte, nur um diesen malerisch geschwungenen Bergauf- und -abfahrten im weiten Bogen zu umgehen.
Unser Ziel war der ehemalige Volksstaat Reuss, einem ehemals arg rückständigem Flecken Land mitten in Deutschland. Als Bismarck von diesem Fürstentum hörte, wollte er es direkt mit Krieg überziehen. Allerdings besteht dieses Fürstentum nur aus unbedeutenden Dörfern und drei, vier kleineren Städten – zu wenig Ziele für die ungezügelte Zerstörungswut preußischer Landser. Wo nichts kaputt zu machen ist, da gibt’s auch keinen Krieg, basta! Dafür machten später ein paar Beamte per Gebietsreform diesem kleinen Fürstentum den Garaus. Aus die Maus! Genau, und da wollten wir hin.
Stilvoll, wie es sich für einen Adeligen von edler Herkunft gehörte, bauten auch die Herren von Reuss hier und da eine kleine Burg. Natürlich eine für jede Jahreszeit, für jeden Anlass oder einfach nur, um dem von Zeit zu Zeit umherziehenden Kriegsvolk ein lohnendes Ziel zum Brandschatzen zu bieten. Wir wählten für unsere historisch wie auch politisch wertvolle Bildungsreise eine Burg mit dem interessanten wie auch kreativen Namen „Burgk“. Das sonst übliche Brandschatzen ließen wir heute aus. Statt dessen prüfte ich die ordnungsgemäße Verwendung der hier ausgegebenen Steuermillionen zur Rekonstruktion unbewohnter und völlig aus der Mode gekommener Gebäude. Burg Burgk war alt, groß und arg prunkvoll, ein Fakt, welcher so tief im dunklen Thüringischen Hinterland nicht zu erwarten war.
Man kann von den zu Staub verfallenen blaublütigen Säcken noch einiges lernen, dachte ich mir, als ich die Lage im barocken Schlafzimmer sondierte. Ein ausgefallener Tempel spätantiker Wolllust, zweifellos. Hier konnte stillvoll gefeiert, getrunken und gepoppt werden. Das einladende Bett entpuppte sich als Hort unzähliger gefeierter Orgien und sexueller Ausschweifungen. Hier landete alles, was nicht rechtzeitig in Deckung gehen konnte, wenn der Burgherr auf Pirsch war. Die Dienerschaft sorgte unermüdlich für raschen Nachschub an Alkohol und neuen Matratzen, welche stundenlang bis an die Leistungsfähigkeit strapaziert wurden.
Doch irgendwann kam bei jedem wilden Gelage der Moment, der für ein jähes Ende jeglicher Gelüste sorgte. Es war der Moment, an dem man unvermittelt in eine falsche Richtung sah. Möglicherweise knarrte dort am Eingang des Schlafzimmers eine wurmstichige Diele, weil sich eine der ungeschickten minderjährigen Dienerinnen bewegt hatte. Wahrscheinlich konnte sie es nicht erwarten, endlich an die Reihe zu kommen, um ihrem Herren zu Willen zu sein. Wer weiß, wer weiß… Jedenfalls fiel der Blick des euphorischen Lüstlings, mehr aus den Augenwinkeln heraus, auf einige Ölgemälde, welche eindeutig die Züge weiblicher menschlicher Wesen festhielten, die jede sexuelle Erregung abrupt beendete.
Von spätmittelalterlichen Künstlern auf unzähligen Gemälden verewigte gepuderte Männer in engen Strumpfhosen und blonden Perücken mögen heute eine arge Zumutung für den neutralen Betrachter sein. Möglicherweise ist dies aber auch nur eine Frage des persönlichen Geschmacks. Aber immerhin waren die (nackten) Rubensdamen jener längst vergangenen Zeit rein visuell ertragbar. Vielleicht aber auch eine Geschmacksfrage. Doch was sich hier an den Wänden abspielte, was hier mit Öl auf Leinwand gepinselt auf den verschreckten Gast dieses Schlafzimmers herabsah, befand sich so etwas von offensichtlich jenseits der Grenzen guten Geschmacks. Das hier war Sodom und Gomorrha im Goldrahmen, das war eine Vergewaltigung höchst anspruchsvoller Sehnerven und alles in Allem: Es war die höchste Form einer Empfängnisverhütung, ein Horror sondergleichen.
In den Gesichtern der abgebildeten Damen spiegelten sich Generationen geschwisterlicher Nächstenliebe und misslungene Experimente mit Haustieren wieder. Waren diese Bilder das Ergebnis durchzechter Nächte mit fränkischem Bier, zänkischen Weibern und tollwütigen Hunden? Gibt es auch heute noch Nachkommen dieser Damen? Beim Betrachten dieser Gemälde fällt jegliche Männlichkeit in eine tiefe Ohnmacht. Ein Jammer miterleben zu müssen, wie die heißesten, geilsten und aufregendsten Frauen unter den anwesenden Burgbesuchern zu stinknormalen und total uninteressanten Mitbürgern degradiert werden, nur weil deren sexuelle Ausstrahlung kein dankbares Ziel findet. Der Bedarf an stimulierenden perfekten Oberweiten und erotischen Hintern war abhanden gekommen. Keineswegs gedeckt, nein, sondern völlig verloren gegangen.
Himmel, was gab es früher für hässliche Weiber. Kein Grund also für übertriebene Nostalgie. Früher war definitiv nicht alles besser. Und verdammt, welchen Horror hatte erst der Maler erleiden müssen, als er dieses weibliche Grauen auf Leinwand der Nachwelt festhielt. Ach was, ich muss hier raus. Ganz schnell und dann ganz weit weg.
Ab in die nächste Kneipe, rein in original thüringisches Flair. Den Schrecken herunterspülen, egal mit was. Hauptsache auf andere, normale Gedanken kommen! Doch wo lande ich? Inmitten eines nostalgischen Ostblock-Mitropa-Imitats mit einem eindeutig psychedelischen Hauch. Ein geistig umnachteter Tierpräperator hat die Ergebnisse seiner Kunst an den Wänden verteilt. So hatte er in eindeutig künstlerischer Absicht Raben-, Hasen- und Marder-Kadaver zerlegt. Dann kamen Gliedmaßen, Köpfe, Rümpfe und Schwänze gehörig durcheinander, was jedoch den durchgeknallten Künstler nicht störte, alles nach eigenem Gutdünken wieder zusammen zu kleistern. Das Ergebnis: Brutale Bestien aus einem perversen Horrorkabinett überall um mich herum und ich als zahlendes Opfer mittendrin statt nur dabei. Störte mich das? Nein, denn ein Teller mit einer Thüringer Rostbratwurst mit Sauerkraut und Kartoffelpüree stand direkt vor mir. Die Wurst verlangte zu Recht sofort verspeist zu werden. Ich tat ihr den Gefallen.
Der vorletzte Abend. Im Foyer gibt’s die nächste Kinderdisko und ich befinde mich schon wieder mitten unter den Wahnsinnigen. Wieder ist mir kein ungezügelter Alkoholgenuss möglich. Meine Anstandsdame wacht über mich, ihr strafender Blick streift mich schon beim kleinsten Gedanken an einen unschuldigen Campari-O. Wie soll ich mir nur diese Situation hier inmitten hysterisch wirkender Kinder und deren Unruhe und Panik verbreitenden Eltern erträglich gestalten? Schöntrinken? Fehlanzeige! Frustsaufen fällt auch aus. Diese Unerträglichkeit lässt sich kaum in Worte fassen. Wie soll ich das körperlich und mental unbeschadet überstehen? Hier ist guter Rat teuer. Mitmachen? Mitnichten! Nun, wenn Du es nicht bekämpfen kannst, dann heuchle Interesse!
Der heutige Zeremonienmeister hat nur ein Handtäschchen mit Musik dabei. Das könnte man auch auf Neudeutsch folgendermaßen ausdrücken: Der DJ chillt gelassen mit einem randvoll an lässigen mp3 bestückten iPod auf der Bühne. Doch noch vor wenigen Jahren hätte er technisch mehr auf dem Kasten haben müssen, um die Kiddies zu beeindrucken. Stellt sich da nicht uns alle die alles entscheidende Frage, wie viel Musik er mit sanfter Gewalt auf ein paar Floppy-Disks quetschen könnte? - Häh, was ist eine Floppy-Disk? - Elende Banausen!
Wie gehen eigentlich andere anwesende Gäste mit diesem kaum zu ignorierenden Problem schwer zu ertragender Musik um, welche die billigen Boxen bis an deren Grenzen quält? Nun, einige haben sich ein Brettspiel geangelt und quälen die Würfel. Andere haben sich den Hotelchef an den Tisch zitiert und erniedrigen ihn nun mit der niederschmetternden Tatsache, dass der Blutwurz alle ist. Respekt. Das Zeuchs wollte ich doch eigentlich auch. Kein Einspruch von meiner Dame – Blutwurz ist schließlich Medizin auf ganz hohem Niveau!
Hinter mir fällt die Fassadentür ins Schloss. Lady Gaga nur noch im Flüsterton, doch selbst das ist noch zu laut. Ich werfe einen Blick hinüber zum lauthals gespielten Würfelmassaker. Irgendein Witzbold hat auf die hölzerne Verpackung „Scheißspiel“ geschrieben. Origineller Name. Ich wusste gar nicht, dass man dazu Würfel benötigt.
Es war einmal eine Motte. Ihr wisst schon: zwei Flügel, fetter Körper, hässlich wie die Sünde und wo auch immer stets kein willkommener Gast. Aber es gibt nun einmal diese Wesen und hin und wieder verirren sie sich in den Dunstkreis unserer Existenz. Ein fatales Zusammentreffen mit in der Regel ziemlich eindeutigem Ausgang. Soviel zum Pathos und nun zurück auf die Terrasse, wo noch niemand etwas von der drohenden Gefahr ahnt. Nun geht’s bald heimwärts. Man sitzt gelangweilt hinter dem Getränk seiner Wahl und nimmt still und heimlich Abschied von den liebgewonnenen Randfiguren und Statisten dieses sogenannten Erholungsurlaubs - allesamt Opfer unserer hinterhältigen, missgünstigen und höchst amüsanten Unterhaltungssucht. Himmel, wie langweilig wäre es ohne diese Mädels gewesen. Dankbar lehne ich mich zurück und denke dabei an den „Kaleu“, welcher einem real existierenden Kaleu aus einiger Entfernung ziemlich ähnelte. Sein Geheimnis, der zweimalige Kurzaufenthalt nämlich direkt hintereinander mit jeweils einer anderen Dame, blieb mir leider verschlossen. Ach was, soll er seinen Spaß haben. Ich hatte meinen schließlich auch – und das mit zwei Damen zeitgleich. Aber he, nichts falsches denken!
Grog oder Tee – das ist hier die Frage. Und in der Tat, es handelt sich hier um wahrlich essentielle Dinge. Das vor mir schal werdende Hefeweizen schmeckt in der abendlich-thüringischen Kälte nach geronnenem Bananensaft und erhält somit von mir das Prädikat: „Ungenießbar“. Was also trinken. Einkaltes Bier? Wein, Sekt, Schnaps – fällt alles mangels Appetit aus. Bin scheinbar immer noch nicht zu 100% auf dem Dampfer. So bleibt der warme Getränke-Sektor in dieser prewinterlichen Atmosphäre. Kaffee? Nein, ich bin im Urlaub und nicht im Büro. Bleibt also nur noch Tee oder Grog. Womit wir wieder am Beginn dieses Abends angelangt wären. Meine Dame, welche einmal mehr ihren Ruf als Moralapostel gerecht wird, meint, dass Alkohol Gift sei. Und nippt an ihrem Campari-O. Ich entscheide mich ihrem weisen Rat zu folgen und bestelle einen Tee. Doch welches Kraut ist mir gewachsen? Pfefferminze klingt unheimlich gesund, ich halte das Zeug für eine exzellente Wahl dem heißen Wasser etwas stilvollen Geschmack zu verleihen.
Eine Motte irrt durch die zwielichtige Atmosphäre der sich abkühlenden Terrasse. Die Motte vollführt einige Pirouetten und hält es dann für eine ausgesprochen pfiffige Idee im Sturzflug auf den prallen (aber züchtig bedeckten) Busen meiner Liebsten niederzugehen. Das sorgt für aufwallenden Neid in mir. Zu gern würde ich meinen momentanen Platz mit der Motte tauschen. Doch dann gibt’s wie aus dem Nichts einen obligatorischen Wischer mit der geübten Handkante und Mister Motte landet diesmal tatsächlich arg benommen auf der Tischplatte. Dem Rachefeldzug meines Weibes ist damit keine Einhalt geboten und so stülpt sich nun auch noch ein leere Glas über unseren geflügelten Freund. Stülpen war jedoch der falsche Ausdruck, denn bestürzt nehme ich zur Kenntnis, dass es sich keineswegs um ein umgedrehtes Glas handelte. Ein kaum vernehmbares Knacken war das Ergebnis, als der Glasboden der komplizierten Anatomie der Motte tiefgreifende Änderungen aufzwang und somit dem Leben der ungestümen Motte ein Ende setzte. Nein, ich will besser keine Motte sein.
Ein Urlaub besteht nicht nur aus Stunden der Erholung an Bar und auf Terrasse. Nein, auch der Balkon will besucht werden. Weitere Inspiration bieten ein paar Dutzend Ausflugsmöglichkeiten der näheren Region. Langeweile sollte also kaum aufkommen. Zur Sicherheit planten wir auch noch einen Besuch des wahrhaftig größten Stausees des Landes. Dieser Plan sollte heute umgesetzt werden und in weiser Voraussicht auf hoffentlich Spannendes und Sehenswertes sowie dunkler Vorahnungen auf das, was es womöglich den ganzen Tag zu Hören gibt, brachen wir zeitig auf. Ich sollte nicht enttäuscht werden, was die dunklen Vorahnungen betraf.
„Kommt, macht hinne, wir schaffen das Schiff noch!“ Die Tochter trieb ihre Alten vor sich her. Doch es war längst zu spät, keine Chance, pünktlich den Kahn zu erreichen. Ich wusste das, aber wer will der Jugend schon frühzeitig die Hoffnung nehmen? Also beeilte ich mich, wenn auch – wie erwartet - umsonst. Und so standen wir irgendwann an der Anlegestelle, blickten einem Dampfer hinterher und ließen ratlos die Schultern hängen. Doch eine uralte Fußballwahrheit lässt sich überall anwenden und so musste es in diesem Fall heißen: „Nach dem Schiff ist vor dem Schiff!“
In neunzig Minuten steht eine weitere Chance einer Kreuzfahrt ins Haus. Während ich mir den Fahrplan in seiner ganzen Schönheit zu Gemüte führe, widmen sich meine Damen bereits wieder ihrem Lieblingsthema und kratzten sich verbal die Augen aus. Um Blutvergießen zu vermeiden, seh ich mich in der Pflicht, schnellstens eine sinnvolle Beschäftigung aus dem Hut zu zaubern. Die nähere Umgebung bot ein reichhaltiges Angebot, jedoch waren die nicht mehr vorhandenen Mauern einer längst verschwundenen Klosterruine genauso wenig einladend, wie ein Besuch des örtlichen Märchenwaldes. Blieb noch die Sommerrodelbahn. Kurze Zeit später bremsten wir uns gepflegt auf einem Plastikschlitten sitzend bei bestem Wetter eine Metallrinne herunter. Nachfolgende Rodler bekamen eine Lektion in Sachen Geduld und Entspannung vermittelt, wenn sie den Kurs im Zeitlupentempo hinter uns her rodelten.
Dann aber endlich zurück zur Anlegestelle und rauf auf den Kahn, Leinen los und mit Volldampf voraus! Deutschlands größter Stausee erwartete unseren Besuch und ich freute mich auf jede Menge Seemannsgarn vom Käpt'n, Unmengen Rum in der Kajüte und der Begegnung mit einigen wunderhübschen Seejungfrauen. Doch daraus wurde nichts und so gab ich mir beste Mühe wunschlos glücklich an Bord dieses Seelenverkäufers auf das Ende meines heutigen Seefahrt-Abenteuers zu warten.
Dieser Dampfer konnte auf eine lange Tradition altehrwürdiger Passagierkähne in seiner Ahnenreihe zurückblicken, wie alte Schwarz-Weiss-Aufnahmen der MS Hindenburg und der MS Josef Stalin eindrucksvoll bewiesen. Unser Kahn war selbst auch nicht mehr der Jüngste und so hatte ich die Schlagzeile der morgigen Bild vor Augen: „Ausflugsdampfer gekentert – alle Passagiere sind unglaublich nass geworden.“ Morbide Gedanken an Bord, Murphy im Gepäck und nicht die geringste Ahnung vom wilden Seemannsleben. Frustriert begebe ich mich an Deck und geniesse Sonne, Wind und einige FKK-Jünger in einer Bucht kaum einen Steinwurf entfernt. Ein schwacher Trost, doch so schnell zieht es mich garantiert nicht wieder hinaus auf die bzw. den See. Ich wünsche mich zurück ins Hotel, zurück an die heimatliche Bar und wenigstens dieser Wunsch wurde erfüllt.
Es bedarf schon eines Kunstscheißers unter den geflügelten Individuen dieser komischen Welt, um mir hier unter dem alles überspannenden Sonnenschirm publikumswirksam auf den knapp behaarten Schädel zu kacken. Genau daran dachte ich und nahm meinen zum Stammplatz auserkorenen Sitz auf der Terrasse ein. Meine werten Leser, dies nun ist der letzte Abend in hiesigen Breiten und mit einem anständigen Abendessen ist bereits eine gesunde Basis für große Taten geschaffen. Die dann hoffentlich auch folgen mögen, wenn der Kellner in meinem kleinen furchterregenden Spielchen mitspielt. Noch sitzen wir hier auf dem Trockenen, doch der sich langsam nähernde Kellner wird gleich für Klarheit an Deck sorgen. Da ihrer Meinung nach Alkohol immer noch Gift ist, bestellt sich meine Dame den x-ten Campari-O dieses Urlaubs. Sie wird schon wissen was sie da tut, beruhige ich meine aufwallenden Sorgenfalten. Meinen verwunderten Blick quittiert mein Lieblingskellner mit einem ebenso merkwürdigen Geste in meine Richtung. Meine Bestellung bestätigt wohl letzte Zweifel seinerseits an der Geisteslage meinerseits: „Ein Caipirinha und dazu einen Pfefferminztee“. Zugegeben - eine explosive Mischung!
Der Nachbartisch ist offensichtlich fest in der Hand von Ossis. Ossis sind in der Regel durchweg ehrenwerte Bürger aus östlichen Regionen dieser tollen Republik, welche sich stets und ständig als nörgelnde Nostalgiker, ehm, Ostalgiker outen. Das weiß bereits jeder? Ach kommt schon, etwas Klugscheißerei ist hier durchaus angebracht! Ereifernde Gespräche über an Eindeutigkeit kaum zu übertreffende Themen wie „Frösi“ (eine frühere Kinderzeitung „Fröhlich sein und singen“), „Mosaik“ (ein tatsächlich sehr niveauvolles Comikheftchen) und Erwin Geschonnek bestätigen die Annahme von Herkunft und Geisteslage. Besser, man lässt diesen Damen und Herren ihre kleine verschworene Welt, welche sich nicht weiterdrehen will. So bleibt von der realen Welt mehr übrig für die aufopfernd kämpfenden Retter des Schwachsinns.
Meine Tochter genießt derweil die traute Zweisamkeit mit ihrem Herzallerliebsten, welcher vielen unter dem Namen iPod bekannt ist. Unnötig zu erwähnen, dass dieser Herr iPod als wichtigster Lebensinhalt der Göre der Grund für etliche Verbalscharmützel war. Ich hasse ihn. Wäre dieses Ding wenigstens ein Mensch aus Fleisch und Blut, man könnte ihm wehtun. Aber bei einem solchen elektronischen Mistding sind einem wahrlich die Hände gebunden. Eben rutsch der Kleinen auch noch die Eiskarte aus der Hand. Koordinierungsprobleme? Gibt’s kein App dafür? Denn ohne das „Ich halte Dir die Eiskarte fest“-App bist Du schlichtweg verloren in der heutigen Zeit.
Ich ordere den nächsten Pfefferminztee. Die Blicke der Kellnerin übermitteln eine Woge ehrlichen Mitleids. Ob mir kalt sei, fragt sie. Keineswegs! Warum wohl liegt dieser wärmende Pullover ungenutzt neben mir? Etwas Flüssiges muss der Mensch von Zeit zu Zeit konsumieren, warum also nicht Tee? Sonst droht schmachvolle Dehydration. Unnötig zu erwähnen, dass ich mir ein solches Schicksal unbedingt ersparen möchte. Den täglichen Flüssigkeitsbedarf ausschließlich durch alkoholische Getränke zu decken, erscheint mir angesichts der gewichtsreduzierenden Kotzorgie vom vergangenen Sonntag etwas unangebracht. Ich bleib vorerst beim Tee und werde später vielleicht die Schlagzahl ein wenig erhöhen! Das ist unser letzter Abend in Dunkeldeutschland, ein solches Ereignis geht man langsam und mit der Hoffnung, später intensiver zu werden, an.
Als ultimativen Höhepunkt unseres großartigen Erholungsurlaubs organisierte Gott der Erhabene mit freundlicher Unterstützung von Petrus ein gehöriges Höhenfeuerwerk. So eins mit Blitz und Donner. Unangekündigt zwar, aber die Vorzeichen stehen gut, dass es heute abend noch richtig krachen wird. Aber mal langsam, noch ist es nicht soweit. Es ist nur dunkel und das nicht nur auf Grund der fortgeschrittenen Tageszeit. Die plötzlich und ohne Vorankündigung niederprasselnden Regentropfen erzeugten einen infernalischen Lärm und ließen keine Konversation im herkömmlichen Sinne zu. Voller Verzückung genoss ich meinen herrlich trockenen Sitzplatz unter dem großen Sonnenschirm und brüllte den Kellner irgend etwas entgegen, was soviel wie „Ein Weizen bitte!“ heißen sollte. Die etwas lautere Art der Verständigung funktionierte zu Glück. Als Bewies dafür legte kurz darauf der Ober rennend die unüberdachte Distanz zurück - selbstverständlich mit meinem randvollen Hefeweizen in der Hand. Für eine vorzügliche Kulisse war also gesorgt, der Regen sorgte für ein eintöniges Hintergrundgeräusch, welches von unregelmäßigen und zunehmend lauter werdenden Donnergrollen übertönt wurde. Die Schauer nahmen jedoch weiter an Intensität deutlich zu und vertrieben uns letzten Endes dann doch von der Terrasse. Ich vertilgte das Weizen in Rekordzeit und nehme in Kauf, dass das Bier Ideen einer ernsthaften Revolte in meinen Innereien zündet. Doch soweit kommt es zum Glück nicht, ich bezahlte das Gelage und wir vorzogen uns auf unseren Logenplatz.
Hier vom Balkon sollte sich doch so ein als Gewitter getarntes Feuerwerk ganz gut beobachten lassen. Doch der triste Schauer nahm kein Ende und so allmählich wurde das Donnergrollen stetig leiser. Denkbar schlechter Planung Herr Petrus! Das haben wir schon einmal besser erlebt. Muss ich denn alles alleine machen? Pertrus’ Mühe war umsonst und konnte nur in entsprechend mangelhafter Gebühr gewürdigt werden. Ein Ende ohne Highlight, nun, man kann halt nicht alles haben.
Die Koffer sind nun fast gepackt. Ich erwarte auf der Toilette sitzend das Ende des Pack-Chaos. Mein Eheweib springt schwer gestresst durchs betonierte Gebälk. Ein paar Taschen müssen noch gefüllt werden, Kleinkram genug liegt herum. Meine Anwesenheit würde das Chaos nur noch vergrößern. Unser Geld braucht nicht verstaut zu werden. Davon ist einfach nichts mehr da, ausgegangen, herausgeworfen unter den Hammer gekommen…
Ich sitze, wie schon erwähnt auf dem Klo, grüble über den Sinn des Lebens und sende einen allerletzten Schiss durchs unergründliche Leitungssystem direkt in die thüringische Kloake. Der Deutlichkeit meines Tuns sehr wohl bewusst, verfluche ich diese Toilette. Was hab ich hier an Elend durchlebt! Und nun, pünktlich zur Abreise geht’s mir wieder blendend. Welch ein Jammer! Etwas eher und ich hätte viel mehr von diesem Urlaub gehabt. Aber das Leben ist nun einmal ungerecht und schüttet seinen verdammten Spott über mich aus. Mir bleibt nichts übrig als freundlich zu lächeln. Und wenn ich nicht gestorben bin, dann lächle ich noch immer, auf dem Klo sitzend, eine Rolle Toilettenpapier in der Hand, irgendwo in Dunkeldeutschland.