Inhaltsverzeichnis

Von Labskaus und Rotlichtverführung

(Hamburg 2011)

0.1

Himmel! Es geht nach Hamburg! Was zum Teufel hab ich denn da verloren? Und worin liegt der Sinn, die selten gewordene Freizeit zum Ausgeben des kaum vorhandenen Geldes in der Fremde zu vergeuden? Alles Fragen, welche so wichtig, so entscheidend und so absolut weitreichend waren, dass sie mir nicht einmal in den Sinn kamen. Und dennoch, im Unbewussten brodelte es und die innere Unruhe verlangte Genugtuung in Form einer Flucht vor jenen dunklen Machenschaften, die den heimischen Alltag permanent frustrieren und demotivierte und lustlose Menschen zurücklassen. Es war eine Flucht nach vorn. Eine Flucht in eine exzessive Lebensweise, welche auf Dauer der Gesundheit des Flüchtenden wenig zuträglich erscheint, aber dem Geist jene Genugtuung bringen sollte, welche vor Kurzem noch verloren geglaubt war.

Es war an der Zeit all jene hoch gelobten Ideale auf Herz und Nieren zu prüfen. Selbst auf die Gefahr, dass sich einige dieser kulturellen Eckpfeiler als schöngefärbte Mogelpackung erweisen könnten. Und wo geht dies ungestörter als im Sündenpfuhl Nummer Zwo dieses tollen Landes. Numero Uno liegt genau am entgegen gesetzten Ende Deutschlands, wo sich das willige Partyvolk das letzte bisschen Hirn mit Hektolitern Bier abtötet. Das Oktoberfest zieht die Feierlaunigen gen Süden und wir flüchten gen Norden. Sollen sich doch alle in München ein Maß nach dem anderen gönnen, so bleibt halt mehr von Hamburg für mich.

Eine Zugfahrt durchs finstere Deutschland ist mitunter reizvoller als man annehmen mag. Man muss diese Eindrucke nur an sich heranlassen und sich nicht die komplette Fahrt hinter pseudotechnische Zeitvertreiber aus dem Hause Apple oder irgendeinem anderen Hersteller verstecken. Zurückgelehnt im weichen Polster eines 1. Klasse-Großraumabteils beobachte ich also (zunächst noch gelangweilt) das müde Treiben im Abteil. Stress ist hier ein Fremdwort, Trägheit und Teilnahmslosigkeit regiert hier in ganz großem Stil. Wenn man dabei das Zugpersonal mal ausklammert, welches rege Tätigkeit vorheuchelnd vorbei hastet, wie die merkwürdig geformte Schaffnerin mit einem viel zu jungen Schaffner-Lehrling. Ansonsten gibt’s nur ein paar müde wirkende Fahrgäste in einem sich stetig leerenden Großraumpersonal.

Von der am Fenster vorbeisausenden Landschaft ist längst kaum mehr als eine Ansammlung zufälliger Lichtpunkte zu erkennen. Der Ruhrpott liegt fast hinter uns und die elend lange Reise durchs nächtliche Niedersachsen kommt bedrohlich näher. Düstere Vorahnungen bemächtigen sich meiner Vorstellungskraft: Stundenlang nur Schwärze, hin und wieder unterbrochen durch ein auf einer dunklen Weide stehendes brennendes Schaf, eine explodierende Kuh oder einem enorm fetten Glühwürmchen, welches einen Kamikazeangriff auf unser Abteil verübt. So schlimm wird es hoffentlich nicht werden. Und wenn doch, dann bleibt immer noch ein kleiner Trip in den Salonwagen, ins Bordrestaurant, Essen auf Schienen, ganz wie es beliebt. Auf ein, zwei Bierchen, einfach so zur Entspannung. Der Stress der vergangenen Tage muss irgendwie raus. Noch in diesem Zug. Im gestressten Zustand möchte ich Hamburg nicht erreichen. Auf gar keinen Fall!

0.2

Es ist dunkle Nacht und das Mitte September, verdammt, wo sind die langen Tage des Sommers geblieben? Wir stehen irgendwo in der Nähe des finsteren Herzens dieser Zugfahrt. Sind wir noch in NRW? Der Lokführer parkt den Zug inmitten der Pampas. Zeigt er so dem mit ihm reisenden Volk seine Art von Humor? Die halbe Stunde Verspätung bislang erscheint ihm wohl zu gering. Und recht hat er! Dies in irgendeiner Weise, die nur ganz wenige verstehen. Der Wackere ist heute irgendwann gegen Mittag in irgendeinem verschlafenen Nest in der Schweiz losgefahren und in wenigen Stunden ist er in einer fremden Hafenstadt weitab der geliebten Heimat. Fern der Bergwiesen, der kessen Madels und chilligen Kuhfladen im Terrain. Wer weiß schon, wie lange er sich in diesen norddeutschen Sündenpfuhl, diesem lauten und stinkenden Moloch der verdammten Krautz aufhalten muss, ehe er seinen Zug wieder in Richtung Heimat lenken darf. Aber dankt ihm sein Opfer auch nur ein einziger der paar Hundert Fahrgäste? Wahrscheinlich nicht. Lieber jammern man allenthalben über die vielen verlorenen Minuten, während das Zugpersonal frustriert an einer Ausweitung dieser hausgemachten Verspätung bastelt.

Dortmund, einundzwanzig Uhr. Nichts mehr los auf den Bahnsteigen. Ein paar Fahrgäste verlassen eilig den Zug und stürzen sich Hals über Kopf in die Katakomben, auf dem Fuß verfolgt von degenerierten Bahnhofsbewohnern, dieser ganz spezielle Art Mensch, welche so ziemlich jeden Bahnhof dieser Welt bevölkert. Zu erkennen an einem äußerst ungepflegten Äußeren, einer Abneigung gegenüber normaler zivilisierter Artikulation und einer Bekleidung, welche nur alle zwei drei Jahre gewechselt wird. Wahrscheinlich gegen Klamotten, welche einem unaufmerksamen Reisenden still und heimlich entwendet wurden. Diese Wesen sind selten ohne Begleitung einer Dose oder Flasche Bier zu sehen. Und das ist gut so. Nichts gegen eine gepflegte Bahnhofskultur.

Münster! Yeah, das Glück ist nur noch wenige Kilometer reiner Hoffnung entfernt. Hamburg kann uns nun nicht mehr entkommen, soviel ist definitiv klar. Die nächtlichen Augen dieser entvölkert anmutenden Stadt schauen dem durchfahrenden Zug nach und wir blicken entspannt zurück. Ein kleiner Abstecher zum Verpflegungsabteil brachte mir das Gefühl unglaublicher Nostalgie und ein original Schweizer Bier ein. Ein Eichhof Lager für sage und schreibe 4,60 EUR. Schwedische Verhältnisse an Bord eines Schweizer Zuges mitten im bierverwöhnten Deutschland. Es steht nicht gut um unsere Welt, soviel steht mal wieder fest. Das Durchqueren der mittleren Distanz bis zum Speisewagen war höchst abenteuerlich. Unvermittelte Erschütterungen und plötzliche Schlenker hätten mich jederzeit auf den Schoß einem pompösen 70 jährigen Blondchens, zwischen zwei Waggons oder zwischen einem durchgeknallten Workaholic und sein Notebook werfen können. Das Schicksal hätte es so gewollt, dass dadurch sein irre wichtiges Projekt über den Jordan gegangen ist. Keine Frage, das die Konsequenzen des aus dem Tritt Kommens in allen drei Fällen gleich grausig enden würden. Nicht auszudenken, in welchem Zustand ich dann Hamburg erreichen würde, wenn die blonde Hexe mich in ihre Griffel bekommen hätte.

Zu meinem Glück ist nichts passiert und nun wartet mein Schweizer Hopfensaft - laut Aussage der Verkäuferin „das beste Bier von die ganze Welt“ - auf ein gehöriges „Prost“. Aber erst geht’s von der Weißblechdose in den Becher und halt, was ist das für ein Becher? Trinken die Schweizer aus solchen Becher ihr Bier? Ich schaue mir skeptisch dieses merkwürdige Ding an. Ist das nicht ein Becher, welcher für Urinproben verwendet wird? Egal, hilft ja nichts. Soll ich dieses arschteure Bier aus der Dose trinken, weil solch kleine Becher mit einer ebenso gelben Flüssigkeit wie Bier gefüllt die Kühlschränke diverser Labore schmücken? Ich denke, es gibt schlimmeres. Ich fülle den kleinen Becher und lass es mir schmecken.

Meiner Frau erzähle ich besser nichts vom Preis der Dose Lager. Das Resultat könne sich niederschmetternd auf das ganze Wochenende auswirken. Der Frust würde sie zu Schopping nicht unter zehn Stunden zwingen - als Ausgleich für die an ihr verübte seelischen Grausamkeiten während der Zugfahrt.

0.3

In diesem Moment überholen wir den Mond. Gleich verschwindet er hinter dem letzten Fenster unseres Waggons. Offensichtlich hängen wir diesen hellen Punkt am Himmel mehr und mehr ab. Eine Frage von Druck, Drall und Geschwindigkeit? Keine Ahnung, wie das möglich ist, ich betreibe schließlich keine astronomischen Studien, noch ist dieser Blog ein Forum angewandter Para-Astronomie.

Von Zeit zu Zeit begegnen wir im vollen Tempo einen entgegen kommenden Zug. Bamm! Es gibt einen heftigen Schlag, das ganze Abteil erzittert unter dieser titanischen Gewaltandrohung. Irgendwann, hoffentlich nicht heute, wird sich die Seitenwand des Waggons der Bewegungsrichtung des anderen Zuges anschließen. Keine Chance, dass es die Zugwand eines anderen Waggons oder gar die des anderen Zuges erwischt. Nein, genau diese wird es sein, welche den Waggon enthäutet seiner Wege ziehen lässt.

Eben habe ich meinen Urinbecher zum dritten Mal randvoll gefüllt und die Bierdose ist noch immer nicht leer. Pah, Du Weißblechbehälter aus dem Schlaraffenland. Ist die Schweiz vielleicht nicht nur der Himmel auf Erden für Steuerbetrüger, Käseliebhaber und Wintersportler, sondern auch für sich nie leerende Bierdosen? Ich habe irgendwann einmal gelesen, dass es ein Tischlein-deck-dich geben soll. Ist dies hier eine Dose-wird-nie-alle? Der (oder ein weiterer) Mond befindet sich schon wieder auf dem Weg durch die Seitenscheiben unseres Waggons und lässt mich sprachlos mit zwei Fragen zurück: Wie oft werden wir ihn heute noch überholen? Oder: Wie viele gibt’s davon eigentlich?

Vorletzter Bahnhof, wieder dem Ziel ein Armbreit näher. Zu uns ins Abteil gesellt sich das gewaltigste Stück Fleisch, welches ich bislang unter dieser Sonne gesehen habe. Auch wenn von der Sonne gerade nicht so viel zu sehen ist. Groß und Fett! Meine Figur mal fünf, sechs oder sieben. Einem Eingeborenenstamm auf den Sandwich-inseln hätte er mindestens einen Monat als Nahrungsquelle gedient. Er wäre ein Gott in ihren Augen. Dieser Mensch verfügt über eine eigene Gravitation. Da wo er wandelt beeinflusst er den Gezeitenstrom, die Bewegung der Sterne und die Kugel an Roulettespieltischen.

0.4

Müde und erwartungsvoll rollt unser Beförderungsmittel endlich und viel zu langsam auf dem Hamburger Hauptbahnhof ein. Mit deutlicher Verspätung zwar, aber spielt das jetzt noch eine Rolle? Schließlich sind wir nun in Hamburg, dem Ziel meiner wildesten Träume. Welche Träume? Ach, lassen wir das, ist nur so eine Floskel.

Angezogen vom nahen Ziel der Reise hetzen wir über den Bahnsteig und suchen entnervt nach dem Abfahrtort der S-Bahn. Verdammt! Welche Linie, welcher Bahnsteig. Dazu Sperrungen wegen einer Baustelle am S-Bahn-Gleis. Der Hamburger Hauptbahnhof ist auf jeden Fall für immer eine Suche gut. Besonders wenn es fast Mitternacht ist. Aber wer suchet, der findet auch. Rein in die S-Bahn der Linie 2, raus in Birkenwerder-Moorfleet.

Und so standen wir dann auf einem zwielichtigen Bahnsteig inmitten eines Industriegebietes. Die einzige Info über den Standort des Hotel bezog sich auf die Adresse und den Hinweis, dass das Hotel „nur“ 700 Meter von der S-Bahn-Haltestelle entfernt ist. 700 Meter? Nun, das ergibt einen ziemlich gewaltigen Kreis. Der gefühlt noch um so einiges größer wird, wenn man dieses Industriegebiet aus der Nähe und in der Nacht um halb eins betrachtet.

Wo befindet sich also dieses verdammte Hotel? Verlaufen ist was für Spießer! Nach einigen Lockerungsübungen in Form „Laufen wir doch mal frei Schnauze los“ gefolgt von Aufwärmübungen a’la „Wir laufen in die falsche Richtung“ entschlossen wir uns für die Weicheier-Lösung und betrachteten die Hamburg-Karte am Bahnsteig. Die Adresse des Hotel war nicht leicht zu finden, aber sämtliches Versteckspiel fand nun ein Ende. Gut aufgewärmt kamen wir etwa siebenhundert Meter später am Hotel an.

Allen üblen Befürchtungen zu Trotz war das Einchecken völlig problemlos verlaufen. Überaus freundlich sogar. Egal, wenn sich schon kein Anlass für ein Frustbier finden wollte, der Appetit auf ein gut gekühltes Pils war nicht von der Hand zu weisen. Gelegenheit, den Puls langsam auf Standardlevel zu senken. Dann aber ab ins Bett und die Glotze auf Funktionalität prüfen. Keine überwältigende Programmvielfalt, selbst verschlüsselte Pornosender, mal abgesehen von RTL2 waren nicht verfügbar. Störte mich das? War ich deshalb in Hamburg?

Beim Zappen blieb ich bei einem ganz ansprechenden Film im ARD hängen. Zufrieden legte ich die Fernbedienung zur Seite, löschte das Nachttisch-Licht und begab mich in eine bequeme Position. Die erste Nacht in diesem Hotel konnte beginnen. Begleitet von „Zimmer 1408“ von Stephen King, einem Film über ein spukendes Hotelzimmer. Wer das Buch kennt, der hat vielleicht eine Ahnung, wie passend ich diese Form der Unterhaltung in Bezug auf unsere derzeitige Lage fand. Irgendwann nach zwei Uhr fand ich endlich Gelegenheit dem dringenden Schlafbedürfnis nachzukommen.

1.1

Gegen 8:30 Uhr weckte mich meine Frauchen, noch Ewigkeiten vor dem ersten Ton des Billig-Handy-App „Wecker“. Es war eine kurze Nacht, dank der späten Anreise, Dank des tollen Filmes und Dank des offenen Fensters, welches uns mit der ausgesprochen frischen Luft auch den äußerst frühen Lärm eines benachbarten Logistik-Zentrum herein lies. Ausgeschlafen ist anders. Vielleicht ist es an der Zeit, einmal eine Abhandlung über Schlafstörungen zu schreiben. Aber nicht heute und nicht in Hamburg. Vielleicht hilft es auch, etwas früher die Augen zu schließen und nicht bis in die Puppen fernzusehen. Welch gnadenlose Woge der Selbsterkenntnis. Nein, dafür bin ich längst zu alt. Ich sollte mich besser auf die Suche nach einem Schuldigen begeben.

Also raus aus den Federn, ab unter die Dusche und genießen. Nein, heute wird mal nicht übers Hotel gemeckert. Ganz besonders nicht, weil mir heute so gar nicht danach ist. Es gibt zudem schlichtweg nix zu meckern. Selbst nach dem leckeren Frühstück bleibt dieser ungewöhnliche und eigentlich absolut unerträgliche Eindruck erhalten. „Da haben wir wohl Glück also auf der ganzen Linie“ meint meine Frau. „Doch worüber soll ich nun berichten?“ grummele ich zurück. Bleibt also schwer zu hoffen, dass diese rosarote Harmonie beim Stadtbesuch etwas mehr Charakter erhält.

Mit der Bahn ging’s also kurz darauf zurück in die City und von dort direkt bis zu den Landungsbrücken. Ein erster Rundblick zeigte jede Menge Baustellen, Touristen und natürlich ganz viel Hafen. Dem Drang nach einer Barkassenrundfahrt wurde direkt nachgegeben, warum erst lange damit warten, einen besseren Einstieg als eine Hafenrundfahrt gibt’s bei einem Hamburgbesuch wohl kaum. Ein paar Minuten sollten noch ins Land gehen, bis lt. Käptn das „luxuriöseste Schiff im Hafen“ ablegen sollte. Leerfahrten gibt’s nicht, also wurde gewartet, bis der Kahn halbwegs gefüllt war. Der Kapitän höchstpersönlich lockte Touristen und Passanten auf seinen Kahn, für beobachtende Dritte eine durchaus unterhaltsame Situation. Während dieser Zeit schwankte die Barkasse jedes Mal, wenn ein weiterer mutiger Passagier hinzu stieg. Schwerer Seegang oder schwerer Neuzugang auf Deck – ein stürmischer Empfang sozusagen. Mir wurscht, irgendwie kann ich das inzwischen ab. Meiner Frau dagegen weniger, das stetige Schwanken schlägt ihr schwer auf den Magen. Die Arme, es scheint nur eine Frage der Zeit, bis sich ihr Frühstück über die Reling in die Elbe verabschiedet. Falls sie es bis zur Reling schafft.

Sorgenvoll blicke ich sie an und verspreche ihr hoch und heilig, dass während der Hafenrundfahrt alles ganz anders sein wird. Ich fange einen hoffnungsvollen Blick von ihr auf und bin mir innerlich schon bewusst, dass ich für eine ruhige Fahrt ohne jegliches Schwanken nie und nimmer garantieren kann. Wer weiß schon, wie die Elbe in den vielen Seitenarmen wirklich unterwegs ist. Vielleicht wird das Schwanken gar noch schlimmer? Möglicherweise rächt es hier ihre Alkoholabstinenz. Etwas mehr Routine in der volltrunkenen Fortbewegung mehr Sicherheit im Umgang mit einer schwankenden Welt. Man gewöhnt sich halt schnell daran, dass sich alles dreht. Und man weiß, dass es keinen Sinn macht dagegen anzukämpfen.

Die Fahrt wurde natürlich schwankend. Besonders dann, wenn unsere kleine Barkasse das Fahrtwasser eines anderen Schiffes kreuzte. Aber meine Frau hielt sich allen Befürchtungen zu trotz wacker. Ich trank ein Bier, machte Fotos und zusammen lauschten wir den humorvollen Ausführungen des Käptns. Ja, dieser erste große Höhepunkt des Wochenendes war ein durchaus Gelungener.

1.2

Die Reeperbahn. Schmutzig, verrucht, überlaufen. So wie ich sie in Erinnerung behalten hatte. Mit allen Lastern von Dönerbude, Spelunke, Casino bis hin zur Sexhölle. Zweifellos ein Ort mit einer magischen Ausstrahlung, welcher zudem über enorme Anziehungskräfte verfügt. Denn, wer schon einmal da war, will unbedingt wieder hin. Wer noch nie dort gewesen ist, hat keine Ahnung, was er verpasst und welch Glück er hat, bislang dem St. Pauli-Fieber entgangen zu sein.

Ein Schild warnt uns in irgendeiner Nebenstraße in der Nähe der Reeperbahn: Waffen jeglicher Art sind ab hier nicht mehr erlaubt, sagt es aus und blickt auf einen sichtlich verblüfften Wusch hinab. Hallo? Wie schaut’s denn im Umkehrschluss aus? Sind im mickrigen Rest der Welt Waffen erlaubt? Sollte ich mich gar in einem der vielen Waffengeschäfte auf der Reeperbahn ordentlich mit Verteidigungswerkzeug eindecken? Es könnte ja sein, dass ich es irgendwann mit der Weltherrschaft etwas ernster nehme.

Von einer unglaublichen Neugier getrieben betritt man schließlich diese weltberühmte Straße, blickt nach allen Seiten und entscheidet sich schließlich in eine Richtung loszumarschieren. Vorbei an vollen Schaufenstern, gut besuchten Kneipen und übel aussehenden Türstehern. Tief im Inneren stirbt man bei jedem passierten Laden einen kleinen Tod. Die Fantasie reicht kaum, sich auszumalen, welche Gelegenheiten, welche Erfahrungen, welche Gelüste auf einen hinter den Toren dieser glitzernden Scheinwelt warten. Irgendwann wird man sich einen Ruck geben und tiefer in diese Welt eindringen, denk man sich und beruhigt wenigstens vorübergehend die erregten Nerven.

Eine Reizüberflutung ist am Anrollen und ich weiß genau, dass ich in wenigen Momenten dem Charme dieser Glitzerwelt völlig erlegen sein werde. Nur die letzten Reste einer durchaus brauchbaren guten Erziehung und der starke Arm meiner Ehefrau werden mich daran hindern, in diesem Sumpf zu versinken. Aber halt, wir haben einen Fahrplan und ich, als halbwegs ortkundiger Führer, darf mir hier keine Schwächen erlauben.

Als nächstes der weltbewegenden Highlights auf unserer dreitägigen Hamburg-Tour bot sich das Panoptikum an. Das Hamburger Panoptikum ist ein Wachsfigurenkabinett, welches nach meiner bescheidenen Meinung das Berliner „Madame Toussauds“ in Sachen Preis-Leistung deutlich in den Schatten stellt. Wenn die preisliche Differenz von fünfzehn Euro damit begründet wird, dass man in Berlin die definitiv dem Original ähnlicheren Figuren in vielfältiger Form auf die Pelle rücken kann und in Hamburg halt nicht, tja, okay, dann ist das halt so. Ich drücke es besser mal so aus: Die Möglichkeit des Begrapschens von Britneys Spears Wachs-Oberweite vervierfacht den Berliner Eintrittspreis. Nice to know!

Die Kartenabreißerin hier in Hamburg, wohl mit knapp hundert Lenzen auf dem Buckel, brüllt mir irgendwas von einem Hörgerät ins Ohr. „Ja, genau!“ antworte ich ihr in der gleichen Lautstärke und gehe weiter. Meine Frau hat etwas mehr Geduld und folgt mir kurz darauf mit einem elektronischen Audio-Guide. Nein, ich will das nervige Ding nicht, sag ich ihr. Wozu auch? Wir Männer haben doch eh ein gestörtes Verhältnis beim Zuhören.

Das Hamburger Panoptikum leidet eindeutig am immer geringer werdenden Raum. Udo Lindenberg kuschelt mit Otto, gleich gegenüber strahlt Schumi ein paar Raritäten aus dem Gruselkabinatt an und linkerhand stehen ein paar Nazis herum. Im Keller sitzt Marylin Monroe fast schon bei Hans Albers auf dem Schoß, die Beatles heißen dem dicksten Mann der Welt ordentlich ein. Tja, was soll ich sagen, Als Wachsfigur sollte man auf all zu hitzige Situationen besser verzichten. Sonst schmilzt man dahin. Einfach so…

Als wir keine Stunde später das Gebäude durch den Haupteingang verlassen, erreichen mich herrlich wütende Blicke von der Alten hinter der Theke. Sie mag vielleicht schlecht hören, meine ich, aber wenn sie jemanden so richtig ins Herz geschlossen hat, dann vergisst sie diesen nicht so schnell.

1.3

Die Reeperbahn ruft und wir haben noch längst nicht alles gesehen. He, eigentlich haben wir noch fast gar nichts gesehen! Momentan befinden wir uns am oberen Ende. Da, wo das Millerntor grüßt und eine Baustelle in Form eines Hochhauses, von toleranten Mitmenschen auch Nuttenbunker genannt, auf uns herabschaut. Es wird Zeit die Straßenseite zu wechseln und die andere Seite näher in Augenschein zu nehmen.

Immer schön an den kleinen und großen Läden vorbei. Kneipen, Modelabels, Table-Dance-Bars, Erotik-Kaufhäuser, Discotheken, viele Souvenir- und Billig-Läden und natürlich ein St.-Pauli-Fanshop. Wo sonst in Deutschland gibt es Souvenirs, Kitsch, Sexspielzeug, Samurai-Schwerter und illegale, weil raubkopierte Elektronikware auf einem Haufen? Anderswo machen sich die Behörden ernsthaft Gedanken über Raubkopien und Patentverletzungen, hier aber liegen die Prioritäten wohl etwas anders. Die Chancen, hier alles Ersparte für den allerletzten Plunder loszuwerden, sind gigantisch. Aber meine Dame, ihres Zeichen größte beste Bankerin der Familie, lies nicht einmal den Erwerb einer schnittigen Kopfbedeckung zu.

Schneller als erwartet landen wir an der großen Freiheit und waren somit faktisch am anderen Ende der Reeperbahn angelangt. Ein Tisch eines absolut seriösen Cafes auf dem Beatlesplatz lädt uns zum Verweilen ein. Die richtige Idee zum allerbesten Zeitpunkt. Es ist an der Zeit mit der Heimat zu telefonieren, den Füßen etwas Schonung zuteil werden zu lassen und die Personen der näheren Umgebung etwas Aufmerksamkeit zu schenken. Bei Tee und Kaffee Latte nahmen wir teils mit Genugtuung, teils mit Sorge zur Kenntnis, dass die Hamburger Zeit etwas langsamer verging. Ein Hoch auf die Relativitätstheorie!

Die grundlegende Frage „Wie nun weiter?“ stand im Raum, begleitet vom monotonen Geräusch des umrührenden Löffels in der Teetasse. Bis zum geplanten Abendessen bei „Erika“ irgendwo in den grauen Häuserschluchten Hamburgs war noch Zeit. Enorm viel Zeit und definitiv zu viel Zeit, um diese hier abwartend auszusitzen. Gegenüber, auf der dunklen Seite der Reeperbahn (aufgrund des nachmittäglichen Sonnenstandes) gibt es weitere Geschäfte mit den alles andere als lebensnotwenigen Konsumartikeln. Noch mehr Kitschläden, überwiegend billige und ausländische Spelunken und irgendwann die Davidwache, wo sich der Kreis schließt.

Mit meinem Weib an der Seite mied ich selbstverständlich (vorerst) die Herbertstraße. Ist eh völlig überbewertet. Diese Gasse mit den ganz speziellen Schaufenstern und der darin angebotenen überaus erotischen Ware bietet zu dieser Tageszeit einen eher tristen Eindruck. Aber ganz klar: ein Besuch von St. Pauli ohne einen Spaziergang durch die Herbertstraße ist wie Belgien ohne Pommes Frites. Dazu also später mehr.

Irgendwann machte sich das viele Laufen auf dem momentan wenig lasterhaften Pflaster bemerkbar. Die Füße sendeten erste Zeichen einer abgrundtiefen Ermüdung. Und bis zum Abendessen war noch immer so viel Zeit. Betont souverän suchten wir uns ein schattiges Eckchen, und fanden es schließlich bei den chilligen Bars auf dem Spielbudenplatz. Diese Bars waren eindeutig das letzte Überbleibsel des vergangenen Sommers. Das schöne Wetter der letzten Tage haben sicherlich verhindert, dass die Container mit allen drum und dran in irgendwelche Lagerhäuser eingemottet worden sind. Gut so, denke ich mir und stelle mir vor, was hier erst am späten Abend los sein würde.

Noch ein paar Schritte und dann fand mein Körper seinen temporären Frieden in einem der dort herumstehenden Strandkörbe. Chillen ist gar keine üble Erfindung, denke ich mir, während die Sonne das knapp geschorene Haar auf meinem Haupt brutzelt. Einfach mal die Füße ausstrecken, dazu an einen fruchtigen Longdrink (meiner Frau zuliebe diesmal ohne Alkohol) nippen und sonst einfach mal gar nichts tun. Soll Gott gefälligst seinen Job alleine machen! Ich nehme mir jetzt eine Auszeit und verschwende keinen Gedanken daran, ob ich seinen Job etwa besser machen könnte.

1.4

Genug gechillt! Ich bin schließlich nicht hier, um mir den ganzen Tag die norddeutsche Sonne auf den Pelz brennen zu lassen. Wir haben noch einiges vor. Als nächstes steht nämlich das langersehnte Abendessen an. In „Erikas Eck“, irgendeiner Kneipe irgendwo an der Sternschanze. Ich hoffe, dass die verdammte Karte hält, was sie verspricht, denn solch ultramoderne Hilfsmittel wie Navi oder ortskundige Eingeborene stehen gerade nicht zur Verfügung. Wir kämpften uns also den Weg von St. Pauli per U-Bahn bis zur Sternschanze durch und bahnten uns mühsam einen Pfad an Horden von Punks, Pennern und Bettlern vorbei. Und davon gibt es in Hamburg wohl immer mehr als genug.

Die Hamburger Messe war nicht weit entfernt. Der einen neuen weißen Anstrich erhaltene Fernsehturm grüßte ganz aus der Nähe. Ansonsten könnte sich diese Gegend in jeder x-beliebigen deutschen Großstadt befinden. Rechte Straßenseite erheben sich drohend vier- und fünfstöckige Gebäude, links schaut es ganz ähnlich aus. Ein paar am Rinnstein stehende Bäume sorgen für verloren wirkende grüne Tupfer im zubetonierten Stadtbild. Aber Hamburg kann unmöglich bis in den letzten Winkel spektakulär wirken.

Irgendwann erreichten wir endlich jene Nebenstraße, in der sich„Erikas Eck“ befand, ehm, eigentlich immer noch befindet. Eine Kneipe, welche bei Recherchen auf der Webseite der Stadt Hamburg im Menü „Essen und Trinken“ unter „gut & günstig“ durchaus gefiel. Deftiges Essen aus einer bürgerlich deutschen Küche in angenehmer Kneipenatmosphäre – nun, warten wir mal ab. Die erste Portion Labskaus im kulinarischen Leben des Schreiberlings war geplant, denn soviel ist klar: wenn Wochenende in Hamburg, dann Labskaus und Astra-Pils. Doch das intensive Studium der Speisekarte lies die verfressenen Träume platzten: Hier gibt’s gar keinen Labskaus!

Die Schleichwerbung im Internet scheint dennoch voll einzuschlagen. Der größte Teil der Kneipe war ausgebucht. Gerade zwei Tische ohne dieses verfluchte „Reserviert“-Schild, für einen stink normalen Freitagabend schon erstaunlich. Okay, wir hatten halt das nötige Glück, ohne rechtzeitige Reservierung Platz nehmen zu dürfen. Ich bestellte mir Matjes mit Bratkartoffeln und komme so meinem Bedürfnis nach etwas regionaler Küche nach. Eine exzellente Wahl! Meine Frau schien mit ihrem Essen ebenfalls sehr zufrieden zu sein, das Astra schmeckt eh und so war es nach dem Essen an der Zeit, einmal mehr alle Viere von sich zu strecken.

Aber die Ruhe ist trügerisch. Denn auf ganz leisen Sohlen ereilt mich das grausame Schicksal jenes unruhigen Geistes, der seine hyperaktiven Finger nicht an seiner Flasche lassen kann. Meine verdammten Hände sind ständig nervös suchend im Irgendwo unterwegs und erkunden unbewusst tastend den unmittelbaren Einzugsbereich. Eigentlich nichts schlimmes, wenn da nicht… Plötzlich schlägt mein Unterbewusstsein Alarm, doch es dauert einige Momente, bis auch der Rest des Gehirns die Gefahr registriert. Meine Fingerkuppen erkundeten eben noch gummiartige, schwach klebrige Gebilde unterhalb der Tischplatte und mein Kleinhirn sagt in einem ungewohnt befehlenden Ton: Sofort Stopp! Kaugummialarm!

Ekelhaft! Bah! Spontan bestelle ich einen Kräuterlikör, um irgendetwas gegen den aufkommenden Würgereiz zu unternehmen. Schließlich gibt es hier nirgendwo eine Reling, über welche ich meinen Kopf zur allgemeinen Magenentleerung halten kann. Doch soweit kommt es zum Glück auch nicht. Und dennoch fiel mir ein kerniger Spruch des gewitzten Barkassen-Kapitäns von heute morgen ein: „Die Seekrankheit ist die einzige Krankheit, bei der mal was rauskommt!“ Bevor der Schnapps kommt, begebe ich mich kurz in Richtung Abort. Die unglückseligen Hände benötigen schnellstens eine tiefgründige Reinigung. Und deshalb noch ein Spruch vom Käpt’n: „Das Klo ist die kleinste Universität der Welt - Man geht mit Druck hinein und kommt als Geleerter wieder raus“

Wir zahlen, meine Frau bekommt zu Abschied eine Rose vom Kellner geschenkt und dann verlassen wir „Erikas Eck“ zu Fuß in Richtung St.Pauli. Die arme Rose – ein wahres Martyrium steht ihr bevor, schließlich ist dieser Tag noch lange nicht vorbei. Einen kurzen Fußmarsch später stehen wir vor dem Stadion, welches sich so viele Hamburg-Besuche zuvor erfolgreich meinen Blicken entzogen hatte: Das Stadion vom FC St. Pauli am Millerntor. Nun, war ich bislang blind auf beiden Augen? Ich hätte es sehen müssen, soviel ist klar. Egal, da stand es also und war dennoch keinen kurzen Besuch wert. Später vielleicht einmal, aber nicht heute.

1.5

Ein Linienschiff braust in hohem Tempo durch den Hafen. Eben lag es noch an einem dieser Anlegeplätze vor Anker. Wobei, einen Anker konnte ich nirgends erkennen. Auch keine Taue zur Befestigung. Bis eben klebte das Schiff wie von Geisterhand gehalten am Kai fest und nun jagt es in hohem Tempo die Elbe entlang. Ich beobachte die Szenerie an den Landungsbrücken und staune über eine weit sichtbare Anzeige seitlich der Fähre. „Bitte nicht einsteigen!“ Mmh, ein Fall von „unterlassener Hilfeleistung“? Man stelle sich nur mal vor: Da schwimmst man um sein Leben, die Rettung in Form dieser Fähre naht und dann darf man sich nicht an Bord des Schiffen begeben, weil das Einsteigen während der Fahrt nicht erlaubt ist. Die Welt ist doch verrückt!

Inzwischen ist es dunkel, der Hafen zaubert tausende Lichter auf die Elbe und wir werden gleich eine Führung durchs sündige St. Pauli genießen. Es ist 21 Uhr, wir stehen in den rückwärtigen Bereichen der Landungsbrücken und stellen fest, dass wir temporär pleite sind. Wow! In 24 Stunden knapp zweihundert Euro unter die Leute zu bringen, ohne groß einzukaufen, ohne Hotelrechnungen zu begleichen oder gar ein Stripplokal zu besuchen, dass ist schon eine Kunst für sich. Ach was, hier geht’s nicht ums Geld. Wir sind schließlich hier um das wahre Herz von St. Pauli zu entdecken. Der Mann von heute führt stets eine namhafte Kreditkarte mit sich, die Weltstadt von heute hat an jeder Ecke einen Geldautomaten stehen. Was will man also mehr?

In Eile füllen wir am Geldautomaten das schwarze Loch im Geldbeutel etwas auf und dann ging es auch schon los. Mit der übers Internet längst gebuchten Rotlichttour für läppische 22 Euro pro Nase. Man gönnt sich ja sonst nichts. Unser Führer, ein zwanghaft witziger aufdringlicher fetter Sack, empfing uns in mit einigen dummen Sprüchen. He, hat das schon mal funktioniert? Das peinliche Schweigen unter den Anwesenden sagt etwas anderes. Na, mal schauen, wozu das gut ist, denke ich mir. Etwas Frivolität ist sicher nicht verkehrt, wenn man im Dunkeln das Leben an und auf der Reeperbahn präsentieren möchte. Wie im Kindergarten wurde eben noch dreimal durchgezählt und dann ging es wirklich los. Ohne auf seine dummen Sprüche zu verzichten schlug der Führer einen zügigen Stechschritt zur Davidstraße an. Wo bekommt der Kerl nur die Luft her, frage ich mich insgeheim und kämpfe gegen mein Keuchen an.

Das endlos dumme Geschwätz unseres Führers begann an der Davidstraße und sollte sich weder in Qualität noch Gehalt wesentlich während des gesamten Rundganges ändern. Statt witziger Anekdoten, frivoler Witze und intimster Geheimnisse dieses Stadtteils gab es einen Vortrag über die Stadtplanung, Tipps für teure Barbesuche und Belehrungen zum Überleben im Sex- und Glücksspiel-Dschungel. Doch bevor die Führung so richtig starten konnte erreichten wir die Herbertstraße. Freiwillige vor! Die vier Herren unserer zwanzigköpfigen Touristengruppe traten nach vorn und waren als dann nicht mehr gesehen. Fünfzehn herrenlose Frauen marschierten brav außen um diese berühmte Gasse herum und genossen weiterhin geduldig das Geplärre des ortkundigen Touristenführers.

1.6

Viertel nach neun Uhr abends. Gerade passierte ich zusammen mit drei anderen Herren die berühmteste Einrichtung der Herbertstraße. Eben jenen roten Sichtschutz, welcher Frauen und Minderjährige vom lüsternen Treiben jenseits der Barriere fernhält. Vor uns liegt jetzt die Gasse mit ihren gepflegten Hausfassaden, rot beleuchteten Schaufenstern und meist leeren Stühlen darin. Die wenigen, gegen 21:30 Uhr anwesenden Damen des horizontalen Gewerbes schienen gelangweilt, aber sahen es als soziale Masche an, wenigsten den Touristen ihre knapp bekleideten Körper zu präsentieren. Wer weiß, wer davon später noch einmal zurückkehrt, um sich in die lange Reihe der nächtlichen Kunden einzureihen. Wiederkehren? Meine Frau wird mir helfen…

Jenseits der Herbertstraße, und ganz besonders auf dem Hans Albers-Platz gab es dann haufenweise Prostituierte zu bestaunen. Allesamt etwa 1,60m, blond, gut gebaut - und vermutlich geklont. Anders lies sich diese Ähnlichkeit dieser zwischenmenschlichen Bedürfnisbefriediger nicht erklären. An der Reeperbahn stolzierten übrigens keine Dirnen um herum. Angeblich soll ein Klon von Daniela Katzenberger hier umherwandeln. Ja, die Menschheit hat so ihre kranken Geheimnisse.

Stargast des Abends war eindeutig Lilo Wanders, welche mit einer ganzen Schar von Touristen durch die Gassen zog und so mehrmals unseren Weg kreuzte. Sie, ehm, er oder was auch immer es war, warf mit hocherotischen Brocken um sich Dies natürlich professionell mit Mikrophon und eigenen den Lautsprecher tragenden Sklaven. Vorbei an Laufhäusern, teuren Schuhläden und einigen Striplokalen näherten wir uns in beeindruckender Geschwindigkeit der Großen Freiheit, Hamburgs schillerndem Sündenpfuhl. Aber nicht die durch plastische Operationen auffallenden Nackedeis sorgten hier für Aufmerksamkeit, sondern Legionen von volltrunkenem Partyvolk. Sankt Pauli - Ballermann des Nordens. Während in den Puffs gähnende Leere herrscht, werden in den benachbarten Diskotheken hunderte von Junggesellenabschieden täglich gefeiert. Und hinterher wird der besoffene Bräutigam in spe der gelangweilten Puffmutter zur weiteren Aufbewahrung übergeben.

Dieser überteuerte Rundgang durch das abendliche Sankt Pauli nahm nicht wirklich Fahrt auf. Unglaublich Interessantes entpuppte sich als Alltägliches. Alltägliches erwies sich als etwas total Langweiliges und irgendwann war mir nicht nur das Geld sondern auch die vertrödelte Zeit zu schade. Doch statt dem wenig wortgewandten und trotzdem arg redseligen Herren an der Spitze unseres armseligen Zuges meinen Frust zu offenbaren, trabte ich schweigsam mit und hoffte auf ein baldiges Ende der Führung

1.7

Aufregender als die ganze verdammte Führung war anschließend der Besuch irgendeiner Kneipe am Spielbudenplatz. Die Lokale waren längst gut gefüllt, es war schließlich nach 23 Uhr. Dennoch fanden wir einen freien Tisch an der Straße und somit die Möglichkeit, ein paar weitere Momente des nächtlichen Lebens aufzusaugen. Die Stimmung unter den Passanten war bemerkenswert. Mit einem Bier bewaffnet hatte ich einen Heidenspaß, den vorbei schlendernden Menschen bei ihrem Treiben zuzuschauen. Endlich gibt es was fürs sauer verdiente Geld!

In der Bar nebenan hatten sich Fans gelebter Percussionskunst eingefunden und präsentierten dort gottgegebenes Taktgefühl. Es wurde getrommelt was geht, worauf auch immer, womit auch immer. Unmöglich, sich diesem Sound zu entziehen! Kostenlose Unterhaltung an der Reeperbahn, Oh je, wenn das erst einmal die Runde macht.

Ins Dollhouse schafften wir es natürlich nicht mehr. Zu viele der Schritte, zu müde der Geist zu stark die Sehnsucht nach dem Bette. Und so hielten wir es dann auch und machten uns auf den Weg zur S-Bahn-Haltestelle. Vorbei an Schuhläden mit durchweg dreistelligen Preisen für die nuttigsten Stillettos ever, deren zukünftige Träger zum Tragen einen Waffenschein benötigen, so lang und spitz waren die Absätze. Nun, wem es gefällt…

Auf zur Bahn, die uns und natürlich auch jene Rose aus „Erikas Eck“ möglichst wohlbehalten ins Hotel zurück befördern sollte. Dieser Tag hatte es in sich. Platt kamen wir am Hotel an und verabschiedeten uns direkt ins Bett. Der Samstag war eindeutig im Anflug und die ohnmächtige Müdigkeit aufgrund der Strapazen des vergangenen Tages lies sämtliche Gedanken an ein „geruhsames“ Wochenende lächerlich erscheinen.

2.1

Meine Frau blendet mich mit quälend hellem Sonnenlicht. Offensichtlich das Zeichen, dass der Tiefschlaf eindeutig passé sein dürfte. Mir stellt sich die durchaus wesentliche Frage, ob das mit der Gardine wirklich sein musste? Ging es nicht auf eine viel romantischere Art? Nein, lieber foltert sie mich. Aber das der aufmerksame Leser längst schon. Und sicher meint er auch, dass mir das ganz recht geschieht. Banause!

Ab unter die Dusche und fünf Minuten später hat das Leben mich wieder. Schnell und umfangreich frühstücken und schon führt uns der Weg in die Hamburger City. Nach dem ich mir gestern völlig undefinierte Träume in Sankt Pauli erfüllte, ging es heute um die ganz klar definierten Bedürfnisse meiner Frau: Shopping! Einmal quer durch Hamburgs City! Ach was, eigentlich können wir das auch auf das Europacenter eingrenzen.

Aber mal langsam. Man betritt also den Tempel des hirnlos weibischen Konsums und bleibt direkt beim ersten Cafe hängen. Yeah, so gefällt mir das! Eine jede zünftige Shopping-Tour benötigt ein gesundes Fundament. Dieses besteht aus einem gut gefüllten Konto und einem stilvollen Kaffeemischgetränk. Okay, der Kaffee tut es auch alleine.

Doch so richtig zum Einkaufen kamen wir vorerst nicht. Gerüchte über einen ausgerechnet heute neu eröffneten Apple-Store am Jungfernstieg erreichen das sensible Hörorgan. Nun, wenn dem so ist, dann auf! Lasst uns dorthin stürmen! Meine Frau war natürlich hoch erfreut, hält sie doch Apple für die unnötigste Erfindung der Welt. Und? War sie hinterher begeistert? Etwa davon, eine halbe Stunde in einer schier endlosen Schlange Verrückter anzustehen, bevor wir euphorisch von einem Verkäuferspalier begrüßt wurden? Keine Ahnung, ich meine, wohl eher nicht. Unbelehrbare! Selbst die Tatsache, zu den ersten Besuchern des größten Verkaufladens dieser Technikmarke in Deutschland zu gehören, beeindruckten die Dame wenig.

Eine Stunde später: Der Hungertod droht, meine Blase will platzen. Ein zwanghafter Ortswechsel tat also Not. Einige höchst persönliche Bedürfnisse wollten befriedigt werden. Und dafür fiel mir unbelehrbaren Bub nichts Geeigneteres ein als das vorhin verlassene Einkaufsparadies, dem Mekka für alle konsumkranken Frauen Norddeutschlands. Also zurück ins Europacenter. Im Kellergeschoss befindet sich neben einer stark frequentierten Toilette auch eine mit Hungerleidenden vollgestopfte Fressmeile. Also orientierten wir uns dorthin und wurden erstaunlich schnell fündig. Nicht die Speiseauswahl, die Preise oder unsere Vorliebe zur asiatischen Küche lenkten unsere Schritte zum Chinarestaurant. Nein, hier gab es die einzigen noch freien Plätze weit und breit. Möglicherweise hatte das auch seinen Grund. Egal, wir hatten Hunger! Hongkong-Ente versus Peking-Ente unter jeweiliger Mithilfe einer Pekingsuppe. Keine zwanzig Minuten später zahlten wir und verließen dieses Super-Schnellrestaurant

Und nun endlich ging ans Einkaufen, eh, Shopping. Ja, ich habe es meiner Dame versprochen und so folge ich ihr nun brav hinterher. Ein Laden folgt dem nächsten, Schaufensterauslagen müssen studiert werden, Preise werden verglichen. Aber Gott sei Dank - Wir lebten hier das „Schalker Modell“, was soviel bedeutet wie: „Nur anschauen, nichts anfassen!“ Die Ware bleibt in den Regalen und das Geld in meiner Tasche. Die Hölle mag anders aussehen, aber der Himmel ganz bestimmt auch. Bloß schnell raus aus diesen Laden! Raus aus diesem Center und um Himmels Willen einen Riesen Bogen um alle Schaufensterauslage machen. Der Wusch im gnadenlosen Konsum-Schock!

2.2

Nun komme ich endlich zum Zuge. Meine bitterböse Rache für die unromantische morgendliche Weckerei steht an, sprich, ein mittelprächtiger Fußmarsch zum Hamburger Michel. Die Distanz ist eigentlich nicht erwähnenswert, doch haben Gewaltmärsche durch Großstädte ihr ureigenstes Flair. Statt über Grasbüschel zu stolpern, Schlammlöchern auszuweichen und hinterher die aufgelesenen Zecken zu zählen gibt’s in der Stadt Marscherschwernisse in Form von Hundehäufchen, Roten Ampeln und natürlich einer durchweg betonierten Piste.

Zudem macht sich das Laufen heute besonders nachhaltig bemerkbar. Die Füße protestieren bei jedem Schritt über erste Anzeichen eines aufziehenden Muskelkaters, die Seeluft brennt in den Lungen und jede Form positiver Motivation wird schmerzlich vermisst. Sogar die in immer kürzeren Abständen eingelegten Pausen, selbstverständlich mit der üblichen Portion Koffein versehen, helfen nicht wirklich. Ich schiebe die stetig zunehmende Quälerei auf die verdammte Shopping-Tour zuvor. Aber laut äußern sollte ich solche Bedenken besser nicht. Meine zunehmend frustrierter wirkende Frau könnte zu Kurzschlussreaktionen neigen und ich mich kurzerhand schwimmend im Hafenbecken wieder finden.

Klar, ein paar kleinere Sehenswürdigkeiten zwischendurch belebten unsere unmotivierte Schlenderei. Ein paar schlammige Kanäle präsentierten sich aufgrund des Niedrigwassers der Elbe als relativ trockene Rinnsale, auf dessen schlammigen Boden der vor langer Zeit entsorgte Müll zum Vorschein kam. Irgendwann befanden wir uns gegenüber der Speicherstadt, der künftigen Hafencity. Von hier aus war es nicht mehr weit, wobei selbst die paar hundert Meter auf dem harten Asphalt dieser Großstadt deutlich länger erscheinen als auf dem heimischen Ackerweg.

Irgendwann am Michel angelangt war meine Frau platt, erledigt, am Ende, völlig gerädert und ziemlich dankbar, sich dort auf einer Bank ausgiebig ausruhen zu dürfen. Das ist natürlich kein Grund für mich an ihrer Seite Wache zu halten. Die Gute wird sich schon zu wehren wissen, falls ihr ein übermütiger alter Wicht zu Nahe kommen sollte. Sein trauriges Schicksal hätte anschließend unser Mitleid verdient. Ich wiederum quälte meine Kamera mit Aufnahmen dieser zwar unglaublich bekannten, für den durchschnittlichen Touristen halt nur ganz normalen Kirche. Tja, Quantität ist bei der digitalen Fotographie absolut alles! Doch mit etwas Glück befinden sich zwischen Unmengen an pixeligem Schrott ein paar gelungene Aufnahmen auf der Speicherkarte. In der Nähe befindet sich das angeblich ehemals teuerste Denkmal Deutschlands. Also mache ich noch einen kleinen Abstecher zum Bismarck-Denkmal auf dem Venusberg. Ist ja nicht weit. Zeit genug für meine Dame, die Hamburger Luft ausgiebig mit Zigarettenqualm zu veredeln.

Der letzte wirklich große Höhepunkt des Wochenendes stand uns nun bevor. Zum Abendessen ging es in den „Commercial Room“, einer unglaublich angesagten Kneipe gegenüber der Kirche St. Michael. Angeblich speiste hier schon die weltberühmte Schauspieler, Politiker und Gott persönlich. Und für mich war es wohl die letzte Chance zum Labskaus-Essen. Ein zwanghaft kulinarisches Highlight eines jeden Hamburg-Reisenden.

Wir betraten das Restaurant und trotz der unglaublich verwinkelten Architektur war schnell klar – der Laden ist verdammt gut besucht. Doch mit etwas Glück bekamen wir tatsächlich den letzten freien Tisch, wenn auch mit der Auflage, bis 20 Uhr wieder gegangen zu sein. Okay, das waren fast zwei Stunden, also kein Grund zur Eile. Wir bestellten und nach geraumer Zeit, als Getränke und Speisen von professioneller Hand gereicht wurden, stand fest, dass wir unsere Gnadenfrist einhalten würden.

Esther kämpfte mit einem ziemlich scharfen Spaghetti-Rezept. Die Schärfe würde ihr die Speiseröhre perforieren, vermutete ich. Mein Labskaus sah unglaublich widerlich aus, wenig einladend, eine Bestrafung fürs kulinarisch verwöhnte Auge. Aber der Geschmack war mehr als nur OK, es schmeckte sogar richtig gut. Dennoch, zurückblickend blieb diese rosa-graue breiige Masse leider nur rein visuell im Kopf hängen. Als Dank, Anerkennung oder Belohnung gab es gar eine Urkunde. Yeah, der Wusch ist nun Diplom-Labskaus-Esser!

2.3

Mit vollem Magen und der U-Bahn ging es wieder zurück in Richtung Hotel. Das Umsteigen am Hamburger Hauptbahnhof bot sich förmlich an für den obligatorischen Anruf nach Hause, wo eine einsame Tochter kaum mit ihrem Schicksal haderte. Töchterchen heuchelte etwas Freude über den Anruf durchs Äther und war zugleich auch brüskiert über diese unwillkommene Störung ihrer häuslichen Ruhe. Naja, in weniger als 24 Stunden hat sie uns wieder am Hals. Wer genießt wohl seine temporären Freiheiten mehr?

Der schwächelnde Hamburger Sportverein empfängt ausgerechnet heute die Borussia aus Mönchengladbach. Glasklarer Favorit war natürlich Gladbach, die überraschend untypisch in dieser Saison bislang dem Abstiegskampf fernblieben. Den lieben ganzen Tag wanderten Fans beider Lager durch die Stadt und präsentierten ihre Trikots, Schals und Gesinnung der uninteressierten Öffentlichkeit. Selbst jetzt noch, einige Stunden nach Abpfiff sieht man Anhänger beider Lager in der Stadt, auf dem Bahnhof und natürlich auch in der S-Bahn.

Nun bin ich nicht unbedingt ein Fan der Gladbacher Fohlenelf, aber eine gewisse Sympathie kann ich nicht leugnen. Ebenso drücke auch gern mal dem FC St.Pauli die Daumen und wo ich doch schon einmal hier bin, da kann ich mir auch gleich ein nettes braun-weiß-gestreiftes T-Shirt dieses Hamburger Vereins leisten. Gar kein Problem, niemand beachtete mich und ich fühlte mich wegen meinen offen zur Schau getragenen Affront gegen den Hamburger Sportverein richtig gut. Das änderte sich erst recht nicht, als ich dann das Ergebnis erfuhr. Der heimische Nobelverein verlor erneut daheim und das Tal der Tränen fand regen Zulauf unter den sentimentalen Hamburger Fans.

Als ich nun müde und überaus gesättigt in der Bahn saß, ganz allein unter dutzenden HSV-Fans, der größte Teil davon betrunken, da war es mit meiner guten Laune vorbei. Ich gab mir größte Mühe so unauffällig wie möglich wirken. Die Jacke bis zum Kinn schließen und das T-Shirt gut darunter verstecken. Ich mache mich ganz kein und gebe keinen Mucks von mir. Das aggressive Gegröle der betrunkenen Fans geht nicht nur mir auf die Nerven. Dazu dieser penetrante Biergestank. Es gibt allerdings auch noch andere üble Gerüche, deren Ursache ich besser nicht auf den Grund gehe. Die Geräuschkulisse im überfüllten Abteil ist ohrenbetäubend. Es nervt und ich bin kurz davor, durchzudrehen. Es reizt mich, den Jungs auf irgendeine niederträchtige Art deutlich zu machen, das sie Anhänger des Tabellenletzten sind. Aber noch habe ich Schiss… (oder einen gesunden Selbsterhaltungstrieb)

Endlich hält der Zug. Meine Station, ich muss raus. Ich springe also auf den Bahnsteig, bloß raus hier, frische Luft schnappen. Sonst steigt keiner aus. Deshalb begebe ich mich nun auf Höhe der härtesten und betrunkensten Fans und warte. Und warte. Es dauert eine halbe Ewigkeit, bis die Türen sich endlich schließen. Endlich - das Signal zur Weiterfahrt ertönt. Ich klopfe an die Scheibe und reiße die Jacke auf, damit Sankt Paulis Farben provozierend hervorstechen. „Fischköppe - Absteiger!“ entfährt es brüllend meinem Mund und meine ausgestreckten Mittelfinger senden eindeutige Signale in Richtung der im Abteil zurück gebliebenen Herren. Trotz ihres angetrunkenen Zustandes reagierten die Herrschaften sofort und explosionsartig. Es dauerte höchstens ein oder zwei Sekunden, dann verwandelte sich der Waggon zum Tollhaus. Doch zu spät, die Türen waren längst zu. Der Zug rollt an. Kein Grund für mich mit meinem schändlichen Tun nachzulassen. Ich tobe, ich schreibe und diffamiere alles, was irgendwie mit Fußball und HSV zu tun hat. Welch Euphorie! Glücksgefühle durchströmen mich.

Ja, diesen Vögeln hab ich es gehörig gezeigt. Der letzte Waggon des Zuges rollt an mir vorbei. Zufrieden blicke ich ihm nach und dann auf den gegenüberliegenden Bahnsteig. Ein paar, in blauen-weißen Schals und Trikots gehüllte Figuren starren arg feindselig zurück. Au verdammt! Liegt nicht der Ausgang dieses Bahnhofs da drüben? Schlagartig wird mir die Brisanz meiner Lage klar. Lauf Junge, lauf! Aus den Augenwinkeln sehe ich ebenfalls hektische Bewegungen. Zum Glück kann ich unmöglich klare artikulierte Laute vernehmen, jedoch lässt das Geschrei nichts Gutes erhoffen, sollte mir keine Flucht gelingen. Fast geschafft! Da vorn ist der Ausgang, aber die Verfolger sind nahe. Verdammt nahe! Eine Hand erreicht meine Schulter und zieht daran. Und noch einmal. Von diesem Geschüttel geweckt schrecke ich hoch. Verdammt, wo bin ich? Meine Frau schaut mich belustigt an und meint: „nächste Station müssen wir raus!“

Hier drinnen im Waggon stinkt es wie im Zoo. Kaum auszuhalten! Ich muss hier raus. Ein Deja vu bemächtigt sich meiner. Wie war das noch mal? Aussteigen und abwarten bis der Zug anrollt? Vielleicht noch mal so eine Show abziehen? Das ist eigentlich gar keine üble Idee. Ich knöpfe schon einmal langsam die Jacke auf. Das Ganze hat schon fast etwas Exhibitionistisches an sich. Verdammt! Das St. Pauli-T-Shirt ist fort. Ich grüble kurz. Nein, leider, ich kann mich nicht daran erinnern, ein solches heute gekauft zu haben. Okay, dann eben nicht…

2.4

Später, nun endlich wieder im Hotel ging es an die Bar, besser, in das so genannte Restaurant. Rein kulinarisch bestach diese gastronomische Einrichtung bestenfalls durch Bistrofraß, in Sachen Getränkeangebot jedoch sah es wesentlich besser aus. Wir orderten Bier, Wasser und einen Southern Comfort und machten es uns in der chilligen Raucherzone bequem. Nichtraucher zu sein ist hier offenbar bestrafenswert. Entweder man nimmt auf einem der harten Holzstühle im „Restaurant“ platz und genießt die saubere Lust oder man gräbt sich in die Polster der Polsterlandschaft in der Raucherzone. Und nimmt es einfach hin, passiv an der Sucht der dem Nikotin Verfallenen teilzuhaben.

Eine Reisegruppe bestehend aus überwiegend hübschen japanischen Studentinnen checkten vorhin wild schwatzend ein. Im Laufe des fortschreitenden Abends offenbarte die eine oder andere fernöstliche Schönheit ihre fehlenden Kenntnisse über die norddeutsche Kultur. Nur im Nachthemd bekleidet stand sie an der Rezeption und bestellte sich irgendein Getränk, um damit direkt wieder auf ihr Zimmer zu verschwinden. Himmel, so unwahrscheinlich knapp bin ich gestern noch den Sünden der Reeperbahn entgangen und nun werde ich hier mit den Verlockungen asiatischer Jungfräulichkeit konfrontiert. Das mit der Jungfräulichkeit habe ich natürlich nicht persönlich geprüft, aber verdammt, das Leben kann schon gemein sein!

So sitze ich nun in der Raucherlounge, atme tief ein und nehme passiv alles an Nikotin, Kondensat und anderen bewusstseinserweiternden Giften mit, was mir freundlichst angeboten wird. Dabei denke ich in einem herzzerreißenden Anflug von Melancholie an das morgige Ende dieses Hamburg-Trips. Wird es etwa schon Zeit ein Fazit zu ziehen? Ich mach es kurz, nur ein Satz: Es war zwar ziemlich anstrengend, aber dennoch das beste Wochenende seit langer Zeit.

Eine völlig neue Form des Egoismus macht sich in meinem Denken breit. Wie schön kann doch das Leben ohne elterliche Verpflichtungen sein. Keine Rücksicht auf quengelnde Kinder nehmen, sich die halbe Nacht in Bars herumschlagen, einfach das tun wonach einem der Sinn steht. Ja, zugegeben, das Ganze klingt verdammt selbstsüchtig. Aber es macht halt auch Spaß! Wozu also noch weiteren Nachwuchs in diese dem Schwachsinn mehr und mehr anheim fallende Welt setzen? Falls ihr das anders seht, ihr wisst schon, dann immer schön meinen Buckel hinunter. Morgen geht es heim und dort wird eine pubertäre Göre eben diese Worte garantiert tatkräftig bestätigen.

3.1

Sonntag. Heute geht es heim. Endlich? Nein, ich glaube nicht. Hamburg war und ist toll. Wenn die reelle Chance bestünde, ein paar Tage hinten dran zu hängen, dann würde ich wohl nicht lange überlegen. Aber so ist es nun mal nicht und so bleibt uns nichts anderes übrig, als nach einem letzten Frühstück das Zimmer zu räumen und die wenigen verbleibenden Stunden in der Hansestadt sinnvoll zu nutzen. Ein letzter Besuch der Reeperbahn vielleicht? Meine Frau winkt ab. Okay, ich drohe ihr mit dem Michel. Das saß! Wir einigen uns auf die Landungsbrücken im Hamburger Bahnhof. Zeit für wehmütige Fotos, ein paar Souvenirs und dem ultimativen Fischbrötchen.

Ein paar Stunden später langweilen wir uns bereits in den Innereien des Zuges und können auf einen längst vergangenen Vormittag zurückblicken. Der Abstecher in den Hamburger Hafen war keine üble Idee. Mit einem Matjesbrötchen in der Hand schlenderten wir den engen Steg entlang und genossen das rege Leben im Hafen. Es gab zwar auch ein paar nett gemeinte Gedanken, heute schon gegen fünf Uhr aufzubrechen, um dem traditionellen Fischmarkt einen Besuch abzustatten. Aber man kann unmöglich alles mitnehmen, was sich so anbietet. Ist halt so und basta!

Der Zug rollt im Schritttempo durch die letzten Kilometer Niedersachsens. Hier ist die Landschaft schlicht, schön und schnell beschrieben. Es ist flach, und die weitreichenden landwirtschaftlichen Nutzflächen werden nur selten von Behausungen der seiner Nutzer unterbrochen. Ein paar Schafe fressen sich durchs kniehohe Gras. An den Bahnübergängen ärgern sich Autofahrer, weil unser Zug ihnen die freie Fahrt unterbindet. Es gibt massenweise Blauen Himmel, dunkle Wolken und gelebte Langeweile.

Ah, endlich mal wieder eine Stadt. Münster, hier war am Donnerstagabend schon nix los und heute, am Sonntagnachmittag hält sich das bunte Treiben auf den Straßen noch mehr zurück. Wo sind die Leute hin? Gefällt ihnen ihre eigene Stadt so wenig, dass sie das wirklich schöne Wetter nicht nutzen, um die Straßen ein wenig zu beleben? Scheinbar ist das Beste an Münster der sonntägliche Tatort (der, so sagt man, zum Teil nicht einmal in Münster gedreht wird)

Die Sonne sorgt für gute Laune und meine Frau bekommt von alledem nichts mit. Sie hat die Augen geschlossen und erwartet, dass sie erst in Köln erwacht. Mir wiederum obliegt die Aufgabe, ihr den Schreck zu ersparen, beim Erwachen Mannheim oder Stuttgart zu erblicken. Also kämpfe ich gegen die aufkommende Müdigkeit mit zweifelhaften Erfolgsausichten an. Es wird besser sein, ich wecke sie gleich jetzt. Es sind eh nur noch zwei Stunden langweilige Fahrt bis zur Domstadt.

3.2

Wir sitzen hier in einem geschlossenen Abteil, welches zu unserem Unglück gut gefüllt ist. Die Platzkarten wiesen uns einen Platz an der Tür am Gang zu. Wir sitzen also direkt am Nerv dieses Zuges. Mir fällt also die unglaublich spannende Aufgabe zu, das Treiben auf diesem Gang messerscharf zu beobachten. Und glaubt mir, ich bin hoch motiviert!

Auf dem Gang begegnen sich die unterschiedlichsten Leute, einander wildfremd und weitab jeder Sympathie. Und dennoch fallen sie sich hin und wieder in die Arme, für Momente fest umschlungen, fast wie spontan verliebte. Doch nicht Zuneigung trieb die achtzigjährige Oma in die Arme des indischen Austauschstudenten. Und auch der heruntergekommen wirkende Mann im besten Alter hat keine sexuellen Absichten, als er sich auf eine hübsche Frau Anfang dreißig stürzt. Vielmehr half ein unvermitteltes Hüpfen unseres Waggons auf niedersächsischer Gleisbau-Qualitätsarbeit bei den ungewollten Annäherungsversuchen gehörig nach. Abteile mit offen stehenden Türen mussten stets mit herein fliegendem Besuch rechnen. Das Wandeln auf meinem Gang stellte sich als ein Abenteuer sonders gleichen dar.

Ebenso aufregend war die Begegnung mit Koffern beladender Personen mit Leuten, die es schlichtweg nur eilig hatten. Zum WC oder in den Speisewagen etwa, sowie Leute, die sich aus purer Langeweile aus dem Zug stürzen wollten. Doch wirklich unterhaltsam wurde es, als eine junge Bahnmitarbeiterin vom mobilen Kaffee-Kommando Nordwest anderen, sie passierenden Kofferträgern ausreichend Platz macht und einen perfekt geformten Hintern gegen die Scheibe drückt. Wow, kaum dreißig Zentimeter von mir entfernt scheuert sich ein Gesäß durch mein Kurzzeitgedächtnis. Ein kurzes Aufflackern der in Hamburg so vermissten öffentlichen Erotik? Der genervte Blick meiner Gattin holt mich blitzartig auf den Planeten Erde zurück. Erwähnte ich, dass die Welt ungerecht sei?

Einer der Mitreisenden unseres Abteils kramt in seinem Koffer herum. Eigentlich kein Problem. Soll er doch. Solange er kein verdammter Terrorist ist und eine Bombenattrappe aus dem Koffer zieht, geht mich das eigentlich nichts an. Eigentlich, denn sein Koffer befindet sich genau über meinem Kopf. Und so habe ich nun seinen Hosenstall genau in Augenhöhe und das in einer ähnlichen Entfernung wie eben diesen tollen Po an der Glasscheibe. Doch diesmal trennt mich keine Scheibe vor der drohenden Gefahr in Form eines weiteren Hüpfers des Waggons. Ich hoffe, dass die nächste verformte Schiene noch weit entfernt ist, so dass weder der Herr den Halt verliert, noch sein herab fallender Koffer mir das Genick bricht. Beides wäre ganz und gar nicht zu akzeptieren.

Es kehrt wieder Ruhe im Abteil ein. Unser wieder zunehmend schaukelnder Zug kämpft sich mutig durch eine triste Landschaft. Wir erreichen Lünen. Der Zug entschließt sich Fahrplan-gemäß hier nicht zu halten. Doch warum hält er hier nicht? Die kleine Stadt umschließt ein hübsches Fleckchen Land. Viel Grün überall, ein paar Dortmund-Flaggen in einer Kleingarten-Kolonie und zwei AKWs ganz in der Nähe. Vielleicht liegt es an den BVB-Fahnen, dass hier niemand aussteigen möchte. Und über alledem strahlt die Sonne. Oder strahlt hier einer dieser unglaublich beliebten Stromerzeuger? Okay, Okay, liebe Einwohner von Lünen, ich nehme alles zurück, es sind definitiv Steinkohlekraftwerke und nicht Fukushima III.

3.3

Die letzte Stunde Zugfahrt bricht an. Der Halt in der nächsten großen Stadt steht bevor und das Leben auf dem Gang brandet auf. Der Dortmunder Hauptbahnhof rauscht mächtig gewaltig heran und kurze Zeit später spuckt der Zug einen Teil seines menschlichen Inhalts auf den Bahnsteig aus.

Und genau hier tobt das Leben. Ein Gewusel wie im Ameisenhaufen. Neu Ankommende stürzen sich verzweifelt in die Menge der stoischen Wartenden. Einige Zug-Verpasser in spe hasten fluchend einen anderen Bahnsteig entlang und geben kurz darauf verzweifelt den sinnlosen Versuch auf, einen sich rasch entfernenden Zug zu erreichen. Sie bleiben stehen und blicken hilfesuchend um sich. Sie brauchen genau jetzt jemanden, der sie in den Arm nimmt und tröstet. Doch da ist niemand. Das Leben ist recht hart zu ihnen. Es ist immer dasselbe Bild des Hetzens, des zu spät Kommens und einer alles überwältigenden Tristesse des zeitalterübergreifenden Wartens. Die Menschheit hat eindeutig zu wenig Vertrauen in die funktionierende Pünktlichkeit des Alltags.

Während dessen setzt mein Zug seine Irrfahrt durch den Ruhrpott fort. Das Wetter wandelt sich von Kilometer zu Kilometer gen Süden immer mehr zum Besseren. Es ist immer das Gleiche: Egal, ob man das schöne Wetter durch ein Bürofenster oder aus einem Zugabteil betrachtet, man freut sich darüber und gleichzeitig verflucht man es. Was bringen der herrliche Sonnenschein und der blaue Himmel, wenn man im Abteil eingepfercht ist. Fast drängt sich der Vergleich mit den unglückseligen Schalkefans auf: „nur anschauen - nicht anfassen“.

Apropos Schalke. Auf dem inzwischen erreichten Bochumer Bahnhof stehen ein paar ganz in königsblau gekleidete Fans dieses Gelsenkirchener Fußballklubs. Auf dem Speise-, ähm, Spielplan steht heute das Spiel gegen die Bayern. Wird’s etwas für Fußball-Gourmets oder nur schwere Kost? Auf einem anderen Bahnsteig umarmen sich Trost suchend zwei weitere blau gekleidete Fans. Haben sie etwa so etwas wie dunkle Vorahnungen an diesem sechsten Spieltag? Oh, ich habe mich wohl etwas geirrt. Das sind nicht Schalke- sondern Bochum-Fans. Und die haben momentan allen Grund zum Traurig sein. Aber gelästert wird ein andern mal.

Es geht endlich in die entscheidende Phase dieser Heimreise. In einer halben Stunde erreichen wir Köln. Von der spätsommerlichen Idylle ist leider nicht mehr viel übrig. Das deprimiert mich sichtlich und so sehe ich mich außerstande das zu tun, was nun folgen müsste. Es ist nämlich so ganz allmählich an der Zeit ein Fazit zu ziehen. Eines, welches alle Geschehnisse der vergangenen Tage zusammenfasst, Ergebnisse, Erlebnisse und Erfahrungen verschmelzen lässt und zudem noch ein komplettes Kapitel füllt.

Nun, soll ich wirklich noch ein Wort über brennende Schafe, geklone Bordsteinschwalben und gefrustete HSV-Fans verlieren? Sind nicht genug der Worte über zu teures Schweizer Bier, Labskaus und nordischem Fastfood in Form leckerer Fischbrötchen gefallen? Ach was, mal ehrlich, wer eine schöngefärbte Zusammenfassung aller greifbaren Erinnerungen in Form träger Brühe mit intellektueller Bewertung und moralischem Tiefgang erwartet, der soll einfach ganz am Anfang zu lesen beginnen und seine eigenen Schlüsse ziehen.

Soviel also zum Fazit. Soviel zu diesem einmaligen Trip in das verwegene Herz einer gut organisierten norddeutschen Metropole. Soviel zu diesem einmal mehr viel zu lang geratenen Text. Es ist alles gesagt und geschrieben! Ich lehne mich zurück, atme tief durch und genieße die letzten Minuten dieser Stadtrundfahrt im InterCity quer durch Köln.