Kein Johnny an Bord
Es soll Leute geben, die fliegen nicht gern. Mangelndes Vertrauen in Technik und Piloten sowie übertriebene Katastrophen-Phantasien mögen vertretbare Gründe dafür sein. Es gibt andere Menschen, die fliegen für ihr Leben gern. Ob es nun uralte Menscheitsträume sind oder magische und faszinierende Augenblicke den Reisenden stets aufs neue verzaubern.
Zu dieser Personengruppe zähle ich mich. Und dann gibts noch eine dritte Gruppe. Das sind diese ignoraten Passagiere, die selbst bei den außergewöhnlichsten Augenblicken gelangweilte stupide Tristesse an den Tag legen. Bloß kene Gefühlsregung im Gesicht zulassen, diese Peinlickeit wäre nicht standesgemäß! Ein Dilemma: Der Mann von heute ist gesellschaftlich dazu verdammt, zu jeder denkbaren Situation Typ drei zu verkörpern, doch wenigstens innerlich darf auch er sich dem Zauber des Augenblicks hingeben.
Äonen, nachdem man seinen Platz aufgesucht hat, nachdem man sein Hangepäck verstaut und sich festgeschnallt hat, nachdem man die Sicherheitsbelehrung überlebt hat und sich über die ordnungsgemäße Verwahrung der Kotztüte überzeugt hat. Nachdem nun endlich Ruhe eingekehrt ist, nachdem die Beleuchtung an Bord herunter geregelt wurde, und nun endlich endlich endlich das Flugzeug startbereit auf der Piste steht, jetzt endlich erfährt man den magischen Augenblick wahrer Beschleunigung. Bah!Langweilig, höre ich euch sagen? Ganz euer Ding, nicht mein Problem!
In der Regel begrüßt euch der Pilot kurz nach dem Abflug von Köln/Bonn mit folgenden Worten „Wir beginnen in wenigen Minuten mit dem Landeanflug auf den Dresdener Flughafen“. Was ein wesentlicher Indiz für die Flugdauer ist und die Möglichkeit große Abenteuer oder Dramen in der Luft zu erleben erheblich einschränkt. Aber man ist ja inzwischen schon mit so wenig zufrieden, selbst mit der Flugdauer.
Ich zum Beispiel habe es zu meiner Gewohnheit gemacht, mir während des Fluges einen Whisky zu bestellen. Mal ehrlich, in etwa 6000 Metern Höhe (meist noch deutlich höher) sich einen Johnny Walker Black Label für 4 Euro zu gönnen, das hat doch was. Wenn der Vogel auf halber Strecke flügellahm wird, dann tritt man wenigstens stilvoll ab: mit einem Scotch im Plastebecher.
Die blonde Schönheit vor mir, ihres Zeichens Stewardess, bat mich kurz zu warten, der Whisky-Vorrat auf ihrem Wagen schien erschöpft zu sein. Eine Kollegin schlenderte vorbei und erkundigte sich mit ausgesprochen netter Stimme, welchen Whisky ich gern möchte. Berechtigte Frage, aber irgendwie sinnlos, auf der Karte vereinsamte der Johnny inmitten fremder exotischer Alkoholitäten, wie Kräuterliköre, Aquavit oder Weinbarnd. Das lächelnde Etwas vor mir verzog keine Miene, sondern erwiderte, das ihr völlig neu sei, dass Johnny ein Whisky ist. Nun, ihre Kollegin machte daraufhin ein ähnlich fassungsloses Gesicht wie vermutlich ich. Ich wills kurz machen, ich bekam natürlich keinen Whisky. Ein Drama, wie es schlimmer nicht sein könnte. Zum Glück landeten wir kurz darauf im verschneiten Dresden, einer Stadt, deren politsch Extrembesaitete diesen heutigen 13. Februar auf ihre Art und Weise feierten. Aber das ist eine andere Geschichte, ich bin mit meiner für heute durch. Bis denne.
