Zwo zu Fünf
Lange brütete ich über ein geeignetes Thema für den heutigen Tag. Gähnende Leere im Hirn, null Inspiration und noch nicht einmal eine halbe Idee. Was tut man in diesem Fall? Man lässt den vergangenen Abend noch einmal Revue passieren. Obwohl auch an diesem nichts überwältigendes passierte, aber was bleibt mir übrig. Ihr möchtet den Stoff, den ich sonst biete, auch heute in altbewährter Art und Weise serviert bekommen.
Ich hatte rechtzeitig und in mehrfacher Ausfertigung die Nutzung des heimischen Familienfernsehers beantragt und zu meiner Überraschung wurde diesem Antrag vom weiblichen Teil der Familie ohne Forderung jedweder Gegenleistungen entsprochen. Misstrauisch geworden, bestellte ich mir etwas Verstärkung zur Bewältigung des kommenden TV-Programmes. Da diese Unterstützung kurzerhand absagte, musste ich nun wohl oder übel den multimedialen Genuss der folgenden Unterhaltungssendung allein ertragen. Insofern natürlich Sport zur Unterhaltung gezählt werden kann und die steigende Aufregung auf irgend eine andere Art der Ablenkung gebremst werden musste. Mit drei Fotokisten beladen und einem minderalkoholischem Getränk (Weizenbier-Birne mit 2,6%) in der Hand kehrte ich zu meinem Sessel zurück und lenkte meine Konzentration kurz auf das laufende Fernsehprogramm. Anstoß für Inter Mailand und da stets auch schon 1:0 für diese Glückskinder. Frustriert vergrub ich mich in die erste Fotokiste. Wow, welch Schätze lungerten in den dunklen Tiefen dieses Pappkartons. Fotos aus den guten alten Zeiten, ihr wisst schon. Als das Fotografieren noch richtig Geld kostete und die Suche nach Motiven für den analogen Fotoapparat eine wirkliche Kunst war. Genau in diesem Moment fällt das 1:1, überrascht schaue ich von den Fotos auf…
Na bitte, es hat sich also doch gelohnt, Fußball zu schauen. Schalke spielt ganz in weiß, ihrem Stürmerstar Raul dürfte das wegen seiner königlichen Vergangenheit sicher sehr gefallen. Doch was spielen die weißen Königsblauen denn da, herrje: 2:1 für Inter. Das Grauen ist zurück. Ah ja, die Fotos. Die Ordnung ist irgendwann schwer abhanden gekommen, so tummeln sich Hochzeitsbilder zwischen Babies, Panzern und der Loveparade. Höchste Zeit etwas dagegen zu tun! Fotos von einer Wanderung durch die Alpen, meine Güte, ist das schon wieder 11 Jahre her? Unglaublich! Unglaublich ist auch, dass gerade das 2:2 fällt, welches ganz sicher hochverdient ist. Der Kommentator klingt jedenfalls hochzufrieden, also bin ich es auch für den Moment. Die Halbzeitpause reisst mich aus dem Zauber eines Championsleague-Viertelfinal-Hinspiels.
Ich sprinte an den Rechner, prüfe eventuelle Neuigkeiten an der Facebook-Front und zurück auf dem Sessel wird nach weiteren Fotokostbarkeiten vergangener Jahre geforscht. Die guten alten Bundeswehrfotos etwa, die getreu dem Motto „Fotografieren auf dem Kasernengelände verboten“ entstanden sind oder von diversen Lehrgängen in München und Hamburg. Wo ich schon überall war… Verwundert schüttle ich den Kopf. Ein paar Partyfotos, jede Menge Knipsereien von der Berliner Loveparade, und auch ne ganze Menge Schrottfotos. Erstaunlich welchen Mist ich da abgelichtet hatte und verdammt noch mal, warum hab ich diesen ganzen Schund über die Jahre aufbewahrt?
Halbzeit zwei beginnt und die Italiener heizen den Schalkern ordentlich ein. Will ich das sehen? Ne, lieber geniesse ich ein paar Fotos meiner Tochter, die eindeutig belegen, dass die Göre auch mal lieb und nett war. Und, unglaublich aber wahr: Schalke führt im San Siro mit 3:2 und die Fußballwelt steht Kopf. Ist dieses Schalke das selbe Team, die in der heimischen Bundesliga ernsthafte Zweitligaambitionen hegt? Schadefreude kommt auf und das nicht nur, weil die Italiener mal einen drübergebraten bekommen. Sondern auch, weil sie sich eben die Murmel selbst zum 2:4 einschenkten. Was ist denn hier los? Augenreiben allerorten…
Gut, Schalke ist nicht unbedingt der kleine süße David, und vor Inter hätte wohl auch Goliath keine Angst. Doch so langsam riecht es hier nach einer kleinen Sensation. Ich fange langsam an, die Fotos zusammen zu räumen, ab zurück in die Kiste – sortiert wird ein andern mal. Nun noch Gelb-Rot gegen einen in italienischen Diensten stehenden Rumänen. Man könnte fast meinen, dass das Glück es gerade nicht so gut mit den Blau-Schwarzen meint, aber vielleicht ging es den Herren dort auch zu lange zu gut, so dass man ihnen ein wenig Pech durchaus gönnen mag. Inter-Fans mögen mir verzeihen.Pfostenschuss zum Ersten, Pfostenschuss zum Zweiten und da ist dann auch das fünfte Tor gefallen. Die ersten Zuschauer im altehrwürdigen San Siro verlassen das Stadion, ich mache mir hingegen noch ein Bier auf und geniesse diese gelungene Unterhaltungssendung.
Eigentlich passiert nun nicht mehr viel. Die einen haben genug (reinbekommen), die anderen haben auch genug (Tore erzielt). Die Endorphine nehmen allmählich ab und als dann endlich der Schlusspfiff ertönt, weiß keiner so recht, was man dazu sagen soll. Der Kommentator muss das Gesehene erst einmal sacken lassen und lechzt nach einer Zigarette. Die restlichen Experten können mir allesamt erspart bleiben, ich weiß, was ich gesehen habe und brauche mir das eigentlich nicht noch einmal erklären lassen. Von daher geht’s endlich ins Bett, wo ich es noch immer nicht recht fassen kann, was da eben geschehen ist. Ich hoffe, meine weibliche Leserschaft verzeiht mir diesen kleinen Beitrag über ein Thema, dass in der Regel so gar nicht ihr Ding ist.
