Nächtliche Episode
Neulich in der Horizontalen: Ich lag, nein, ich stand vor der mehr als epochalen Entscheidung, die Augen zu schließen und einfach mich den Freuden des verdienten Tiefschlafes hinzugeben. Die Alternative dazu bestand darin, diese schlafraubenden Gedanken unverzüglich schriftlich festzuhalten. Unnötig zu betonen, dass eine positive Hinwendung zu Zweitem eine weitgehend schlaflose Nacht zur Folge hat und beschloss, dieses irre Ideengewirr im Schädel Morpheus Arme zu überantworten. Es war zwei Uhr morgens an diesem Sonntag, da schläft wohl jeder normale Mensch in unserer westlichen Hemisphäre. Meine Entscheidung mag also nachvollziehbar sein.
Doch zehn Minuten später erkannte ich bedrückt meinen Irrtum. Der Schlaf würde wohl warten, egal was und wie ich es auch anstellen würde. Ehe ich nicht einen ordentlichen Kehraus im Oberstübchen mache und fleißig mein kleines Büchlein mit der schlafraubenden Hirngrütze fülle, solange gibt es nicht den leisesten Anflug eines annähernd schlafähnlichen Zustandes. Was also blieb mir übrig? Ich machte das Licht an, zog Papier und Bleistift an mich heran und lies dem unruhigen Geist meiner Hirnwindungen freie Bahn.
Mein verdammtes Sodbrennen verlangt dringend nach einer Portion Natron. Schwankend bewege ich meinen Astralkörper die Treppe hinab zur Küche, verfehle den Kopf des quer im Raum liegenden Hundes um Haaresbreite und greife nach der leeren Packung Natrintabletten. In den Backutensilien finde ich ein Tütchen des edlen weissen Pulvers und verdünnt mit etwas Wasser schlucke ich, schnelle Besserung erhoffend, die ekelhafte Brühe hinunter. Einige Momente später und eine Etage höher meine ich blaue Lichter zu sehen und staune über die Nebenwirkungen des Natrons. Vielleicht sollte ich demnächst genauer lesen was da auf der Packung steht. Wer verdammt versteckt Drogen zwischen den Backgewürzen. Ich versuche mich an das letztjährige Weihnachtsgebäck zu erinnern. Es geling mir nicht und langsam wird mir klar, dass das schwachblaue Leuchten aus dem Zimmer meiner Tochter stammt. Ich sollte besser nachsehen und diesem Spuk ein Ende bereiten. Mein Schädelcinema bereitet mich auf heimliche Teufelsbeschwörungen, Voodoozauber und intergalaktische Mini-Wurmlöcher vor, doch weit gefehlt, dem Kopfkino fehlt’s hellseherisch eindeutig an Kompetenz.
Im Zimmer meiner Tochter lief der Fernseher und versuchte nach wie vor, die ihm Verfallenen mit Schund und Schande zu unterhalten. Die Gute selbst bekam davon leidlich wenig mit und schlief selig. Dem Herren mit der Schlafstörung blieb somit nichts anderes übrig, als die häusliche Ordnung wieder herzustellen.
Meine Blase meldete sich zu Wort, und der Zufall wollte es, dass sich auf meinem rastlosen Umherirren durch das Haus die Toilette gerade in unmittelbarer Nähe befand. Solche Klischees wie nächtliche Kühlschrankbesuche sind so das einzige was zu erfüllen nicht unbedingt auf meiner Spießbürger Agenda steht.
Irgendwann finde ich tatsächlich noch den Weg zurück ins Bett, schiebe Büchlein und Stift zurück auf den Nachttisch und dämmere unendlich dankbar allmählich hinfort.
