Vom Fisch und seiner Reise im Einwegeglas
Zu den unangenehmsten Tätigkeiten eines längst angebrochenen Vormittags gehört unter anderem das Abräumen des voll gekrümelten Frühstückstisches. Jeder kennt es, nicht jeder tut es, aber wir sind uns einig: irgendjemand muss diesen verdammten Job halt machen.
Ich möchte mich an dieser Stelle weder an der Marmelade, den leeren Kaffeetassen oder den Ostereierschalen in lästernder Weise auslassen. Das ist müßig und würde niemanden wirklich vom Sitz reißen. Okay, das was in den kommenden Sätzen zu erwarten ist, wahrscheinlich auch nicht.
Voll beladen mit Käse, irgendwelchen Salaten und einem Glas in Cherry eingelegten Heringhappen bewegte ich mich zügigen Schrittes in Richtung Kühlschrank. Mit einer geübten Bewegung bewege ich die Tür desselben zum Aufschwingen und erstaune ob der vielen Leckereien, welche fein säuberlich eingelagert der Zubereitung an den folgenden Tagen entgegen fieberten.
Als erstes entledigte ich mich der Salate, dann des Käses und letztendlich fand auch das Glas Fisch seinen Weg in den Kühlschrank. Und wieder hinaus. Dank der fehlenden Sorgfalt beim Befüllen erzeugte das nun in Raum und Zeit überzählige und im falschen Kühlschrankfach befindliche Glas eine unangenehme Spannung, welche nach meiner Abstell-Aktion sofort eine abstoßende Reaktion verursachte. Das Glas bewegte sich also wie von Geisterhand wieder in meine Richtung, was in einer atemberaubenden Geschwindigkeit stattfand. Doch nur kurz war diese Bewegung klar in meine Richtung gerichtet. Mit dem Erreichen des Endes des Kühlschrankfaches durfte nun eine weitere weitaus stärkere Kraft an diesem Ereignis teilhaben, wie der Vektor der neuen Bewegungsrichtung klar bewies. Dem Gesetz der Schwerkraft folgend bewegte sich nun der Fisch in atemberaubender Geschwindigkeit in Richtung Bodenfliesen. Der geübte Physiker wird nun laut aufschreien und verzweifelt die Formel der Erdbeschleunigung in Bezug zum Gewicht des Glases dem nun zurückzulegenden Weg als freudige Begleitung hinterher schreien.
Normalsterbliche, zu denen ich mich inzwischen auch zähle, reagieren natürlich weitaus animalischer und lassen ureigenste Instinkte den Vortritt. Mein linker Fuß bewegte sich blitzartig in Richtung berechneter Aufschlagstelle. Noch in der Bewegung berechnete ich die ungefähre Flugbahn des fischhaltigen Objektes, wenn es die von meinem Fuß übernommene potentielle Energie direkt in kinetische Energie umwandelt und sich in eine temporäre Umlaufbahn um unseren Planeten begibt. In einer geschätzten Flughöhe von einem Meter würde das Objekt über unseren Planeten hinwegrasen, bis die Schwerkraft abermals die Oberhand gewinnen und somit entscheidend eingreifen würde. Entscheidender allerdings wäre der Fakt, dass das Glas auf seiner Reise einem doppelt verglastem Objekt begegnen würde, welches anhand der gottgegebenen Trägheit jedoch nicht bereit sein dürfte, sich dieser Bewegung anzuschließen. Das Ergebnis wäre ein fataler Verlust eines Großteils der kinetischen Energie unseres Fischglases beim Durchschlagen der Fensterscheibe und eine deutliche Reduzierung der veranschlagten Fluglänge.
Jedoch gab mir die alles andere als ergonomisch ungeeignete Form des Fischglases zu bedenken, dass das abrupte Abbremsen = negative Beschleunigung und das erneute positive Beschleunigen durch meinen Fuß diverse architektonische Anforderungen den desoptimalen Knochenbau arg überlasten könnte. Das Ergebnis dürfte ein unbedingtes „Aua“ hervorrufen, ganz nach Tagesform und Feinfühligkeit des männlichen Probanten.
All diese Gedanken durchliefen mein mittelprächtig leistungsfähiges Hirn und die gesamtwirtschaftliche Komponente des Selbigem überschlug in einer Millisekunde den zu erwartenden Schaden am Fenster, addiert mit den Arztkosten für den geprellten Fuß und setzte dem ein auf den Fliesen zerschelltes bis dahin original verschlossenes Fischglas gegenüber.
Die Erkenntnis erhellte meinen müden Geist wie ein Blitz und ich erkannte die volle Tragweite meines Handelns. Mein Denkorgan widerrief sämtliche eben als Rettungsaktion getarnten Befehle an den linken Fuß und ordnete sämtlichen Gesichtsmuskeln das Erstellen eines überraschten Gesichtsausdruckes an. Und als das Glas sich nur noch Zentimeter vor dem unvermeidlichen Aufschlag auf den Steingutfliesen befand, ordneten meine Stimmbänder bereits erste Aktionen zur Schadensbereinigung an. Womit natürlich auch der Beweis erbracht ist, dass der Mann tatsächlich nicht Multitaskingfähig ist. Dies aber durch ausgesprochen rasches und sehr wohl gut überlegtes Handeln mehr als nur wett macht.
Einen Sekundenbruchteil später trifft endlich maschinell geformtes Einwege-Glas auf solide verlegte Steingut-Fliese und zieht eindeutig den Kürzeren. Der leider längst filetierte Fisch erlangt endlich die heiß begehrte Freiheit und endet kurz darauf dort, wo alle merkwürdigen Träume irgendwann enden: In der Mülltonne!
