Da kommt wohl wer...
Nach einem harten Tag und einem einsamen Abend beschloss ich mir ein wohltuendes Bad zu genehmigen. Meine Damen dürften derzeit in Begriff sein, shoppend mein sauer verdientes Geld für überteuerte Textilien und hässlichen Modeschmuck aus dem Fenster zu werfen. Also was soll's, ich habe die Bude für mich allein. Stilvoll mit einem Whisky begab ich mich in die Wanne und genoss die Ruhe daheim und das goldgelbe Getränk in meiner Rechten. Das Leben ist hin und wieder Gerecht, dachte ich mir und döste vor mich hin.
Die Haustür fällt scheppernd ins Schloss, die Wände vibrieren erstaunt und recht eindringlich. Eine innere schreckhafte Stimme warnte mich vor der drohenden Gefahr eines Badewannen-Tsunamis, also hechtete ich aus der Wanne und lausche seitdem angestrengt in die Stille hinein. Die Schwingungen im Gemäuer meines steinernden Heims sind bereits schwer am Abklingen, da schreit eine der unteren Stufen der Holztreppe unter der Last eines auftretenden Fußes laut auf.
Was ist hier los? Einbrecher, Terroristen, Zeugen Jehovas? Gehetzt blicke ich um mich. Okay, ich stehe mitten im Bad, die Wände sind ebenso tropfnass wie ich auch, und dennoch – eine rasche Entscheidung ist schwer von Nöten. War das jetzt laut gedacht? Schwatze ich etwa mit mir? Ich schiebe es mal auf den Whisky…
Eine Flucht aus dem Bad erscheint mir eine vorzügliche Idee zu sein. Im aller letzten Augenblick jedoch bemerke ich, dass mindestens ein Badehandtuch als Spontanbekleidung sehr angebracht sei. Ja, und dann denke ich mir, dass im Verteidigungsfall dieses klamme Handtuch als Waffe ebenfalls sehr wirkungsvoll einsetzbar ist. Das dann allerdings nur auf Kosten des Bekleidungsverlustes. Nun, das bringt immerhin den Vorteil, dass mein Gegenüber für einen Moment erstaunt oder bestürzt abgelenkt sein dürfte.
Ein Schmerz durchzuckt meinen rechten Fuß und jagt ungebremst den Nervensträngen hinauf ins Hirn. Ich verkneife mir ein befreiendes „Aua“ – Himmel, was ist das denn schon wieder?
Ich bin auf einer der kleinen Haarklammern meiner jugendlichen Erstgeborenen getreten und könnte aus der Haut fahren. Adrenalin wird in irren Mengen frei gesetzt und nach dem der Schmerz ein wenig abgeklungen ist, verstärkt es den Drang, das unterbrochene Selbstgespräch mit einigen kernigen Schimpflauten zu schmücken. Warum eigentlich unterbrochen? Ach, genau, mit zusammen gebissenen Zähnen erinnere ich mich schwach an das Geräusch auf der Treppe. Und erneut quietscht eine Stufe, ich meine, dieses Geräusch mit einer der mittleren Stufen in Verbindung zu bringen.
Das heißt leider, dass es inzwischen zu spät für eine Flucht nach vorn ist. Es bleibt das Fenster - nun meine derzeitige Bekleidung erscheint mir dazu unangebracht. Und warum eigentlich fliehen, ich habe hier ein klammes und praktisch zu bedienendes Handtuch um die Lenden gewickelt und die Klobürste in Reichweite. Schauen wir mal, was gleich passiert. Neugier keimt in mir auf.
Eine zweite Person bringt gerade diverse Treppenstufen zum Kreischen, begleitet von undefinierbaren Tippelgeräuschen. Die Anspannung in mir erreicht allmählich ihre Grenzen, meine Hörorgane arbeiten auf Hochtouren und die Konzentration auf jedes noch so feine Geräusch kostet mir garantiert hunderte Kalorien. Jetzt nimmt der Wusch auch noch ab…
Ich schaue zur Tür, jeden Moment wird sich die Klinke bewegen und mir offenbaren, welch unbekannter Gast die bislang so friedvolle Atmosphäre in meinem Haus in schiere Panik verwandelt hat. Die Tür scheint gar nur angelehnt zu sein, gerade so, dass sie den Blick in den Raum dahinter verwehrt. Doch die Klinke bewegt sich nicht und die Tür verharrt weiterhin in dieser Position. Die Schritte stoppen direkt vor der Tür, die Zeit gefriert und kracht als Eiszapfen erleichternd in meinen Gehörgang, als ein weiterer Schritt Zeugnis darüber ablegt, dass sich die Richtung des Schreitenden entscheidend geändert haben muss.
Es knarrt erneut auf der verdammten Treppe, oh, ich hatte die zweite Person vergessen. Diese musste sich nun auch bereits im oberen Bereich der Treppe befinden. Und was bedeutet dieses Tapp tapp tapp… Verwirrt bewege ich mich in Richtung Tür, meine Hand bewegt sich zur Klinke und BAMM!!!
Die Tür fliegt auf, und etwas undefinierbares Weißes springt an mir hoch, wirft mich um und der Kontakt von Kopf und Fliesen lässt Funken sprühen. Wenigstens vor meinen Augen. Ein nasser Lappen klatscht rhythmisch in mein Gesicht und irgendwann begreife auch ich, dass ein Geschöpf namens Tosca mich hier auf dem Badboden festgenagelt hat. Ah, also doch keine christlichen Fundamentalisten, die mir Ketzer an die Wäsche wollen. Ach nicht irgendein Gläubiger, welcher scharf auf mein letztes Hemd ist. Nein, meine Damen sind etwas eher als erwartet nach Hause gekommen und amüsieren sich gerade köstlich über meine vergeblichen Versuche der feuchten Zunge meines Hundes zu entkommen. Wohl bekommt’s…
