Des Schreiberlings verrosteter Füllhalter
Ist irgendwem schon einmal aufgefallen, mit welcher Faszination Gebrauchsgegenstände längst verstorbener berühmter Leute behandelt werden. Ein durchgesessener Sessel, ein krummer Kerzenständer, das rostige Besteck - alles Dinge, die zum ganz natürlichen Alltag gehören und nur durch de Benutzung durch irgendeinem im Gedächtnis gebliebenen Kauz werden zu heiligen Gerätschaften befördert.
Wenn zum Beispiel Goethe gewusst hätte, dass eines Tages Tausende, wenn nicht gar Millionen in sein Sterbehaus pilgern würden, und dabei das Bett bestaunen, in welchem er seinen letzten Furz zu Besten gab, dann hätte er wohl als letzte Amtshandlung das Bettgestell nebst Matratze im alten Kanonenofen verheizt. Über diverse Reliquien will ich besser gar keine weitergehenden Vermutungen anstellen. Wie begeistert wären drei heiligen Könige angesichts der Tatsache, dass ihre Knochen in einer Geschenkverpackung in alle möglichen Ecken der Christenwelt verteilt wurden? Doch von einer anderen Seite her gesehen lässt sich damit auch großartig Geld verdienen. Nicht erst seit Merchandising abgrundtief verehrter Statussymbole in unserer konsumverseuchten Jetztzeit einen florierenden Industriezweig darstellt. Im tiefsten Mittelalter gab’s kostenpflichtig für Ablass und Seele ein paar heilige Knochen, von denen die Kirche einen schier unendlichen Vorrat besaß. Fanartikel sind seit eh ein Renner, egal ob in Form preiswerter Wimpel und Aufkleber oder als etwas kostenintensivere Sammler- bzw. Museumsedition.
Vielleicht sollte ich meinen Nachkommen etwas Gutes gönnen und all die großen und kleinen Dinge meines Alltags fein säuberlich aufbewahren. Könnte ja durchaus sein, dass eines Tages Museen und Sammler aus der ganzen Welt sich um den Plunder eines dann vielleicht berühmten Schreiberlings streiten. Meine geldgierigen Urenkel verscherbeln all meine Lumpen, mein Gebiss und meinen geliebten iMac. Okay, ein kleines Problem hätte ich schon mir bildlich vorzustellen, dass es eines Tages im Deutschen Museum meine getragenen Unterhosen zu betrachten gibt.
Bei Madame Toussauds herrscht Panik, weil man vergaß, einen Abdruck meines Gesichts noch zu meinen Lebzeiten zu machen. Ratlosigkeit macht sich breit, bis ein dreister Azubi mit einem an Dreistigkeit kaum zu überbietenden Vorschlag steil aus der Kurve kommt. Es war die zweifellos geniale Idee, die schwer eingestaubte Wachfigur eines längst vergessenen Schauspielers mit Namen Brad Pitt aus einer dunklen Ecke ins Licht zu rücken und mit meinem Namensschild zu ersehen.
Und zum Schluss die Krönung: Auf der Frankfurter Buchmesse gibt’s dann vielleicht einen eigens nach mir benannten Preis für das schlechteste Buch des Jahres.
