Die Lottofee
Der Lotto-Jackpot ist mal wieder zum Bersten gefüllt. Es lohnt sich also durchaus, etwas Geld einer sinnlosen Vernichtung preiszugeben, in dem ich es gegen einen unscheinbaren ausgefüllten Lottoschein einzutauschen. Und somit wird der Hoffnung etwas Nahrung gegeben, dass sich bald alles ändern wird, denn Geld macht bekanntlich glücklich. Der Jackpot wartet auf mich. Auf mich ganz alleine!
Ich begebe mich kurz vor Toreschluß in die Lottoannahmestelle meines Vertrauens und greife mir einen Lottoschein aus dem absolute Glückseligkeit versprechenden Regal. Diesen befülle ich nun mit den sieben Zahlen, welche mein Leben für immer ändern werden. Natürlich gehöre ich nicht zu den gutgläubigen Glücksrittern, welche zwangshaft Woche für Woche ihr Geld für ein wenig mehr Hoffnung verpulvern. Mein Handeln hat System, ich überlasse nichts dem Zufall und Glück ist für mich ein Zustand, welcher absolut planbar ist.
In der letzten Nacht besuchte mich in meinen Träumen eine nackte Schönheit, stellt sich als Lottofee vor und versprach mir als Lohn für geleistete Liebesdienste die Offenbarung der künftigen Lottozahlen. Ich gab mir also verdammt viel Mühe und beglückte die Dame auf jede nur denkbare Möglichkeit. Sie hielt Wort und flüsterte mir das Resultat der Samstagziehung ins Ohr. In einem weiteren Traum bestieg ich eine von mir konstruierte Zeitmaschine, mit deren Hilfe ich die Zahlen nicht nur prüfte, sondern mir auch schon die zu erwartende Höhe des Lottogewinns zu Gemüte führte. Ich kreuzte also die Siegerzahlen auf dem Tippschein an und überprüfte nochmals die sieben Kreuze auf den exakten Sitz. Abgeben, zahlen und ab nach Hause. Auf dem Weg wird noch schnell eine Flasche vom besten Sekt und ein paar Chips gekauft. Es wird etwas zu feiern geben, ein Drama, wenn man dann nichts zu trinken daheim hat. Am Abend wird die Flasche direkt geköpft und als endlich die seit Stunden ungeduldig erwartete Ziehung der Zahlen beginnt, ist die halbe Flasche bereits leer. Laut errate ich jede Zahl im voraus! Ein unbeschreibliches Glücksgefühl bemächtigt sich meiner und steigert sich mit jeder Zahl in astronomische Höhen. Irgendwann steht endlich fest, dass die von mir angekreuzten Zahlen perfekt mit den eben gezogenen Lottozahlen übereinstimmen. Die Flasche Sekt ist zwar längst geleert, aber der Pizzaservice liefert so ziemlich alles ins Haus, wenn der Preis stimmt. Party on! Der folgende Morgen beginnt etwas verkatert. Ich bin mir nicht sicher, ob mich im Traum erneut Besuch einer vollbusigen Schönheit erhalten habe, und, irgendwie ist mir das auch total egal. Mein Blick fällt auf den Tippschein, welcher verloren auf dem großen Tisch inzwischen leerer Flaschen und verstreuter Kartoffelchips auf bessere Zeiten wartet. Und die Erinnerung an den vergangenen Abend überrollt mich. Den gesamten Vormittag verbringe ich mit dem Aufstellen einer Wunschliste von Dingen, die mich ab sofort glücklicher machen sollen. Ein paar Sachen ordere ich auch schon direkt im Internet. Am Nachmittag surfe ich durch die verschiedensten Online-Shops und buche eine Weltreise zu den schönsten Orten unseres Planeten. Das Leben kann so schön sein.
Am Montag öffnet endlich die Lottoannahmestelle. Fast hätte ich davor übernachtet, nur um der Allererste zu sein, der das Geschäft betritt. Ich stürme frohen Mutes in den Laden, alle meine Gedanken drehen sich ums Abkassieren der enormen Gewinnsumme. Her mit der Kohle, schnell, schnell, sonst kaufe noch ich den ganzen Laden! Ich lege den Gewinner-Tippschein auf die Theke und grinse breit. Eine nette ältere Dame zieht ihn zu sich herüber und schaut dann ebenso neugierig wie auch verwirrt auf die angekreutzten Zahlen. Sie wendet den Schein mehrfach und schließlich schiebt sie ihn mit einem ziemlich breiten Lächeln zurück zu mir. Ich mag es, wenn sich andere über mein Glück freuen und könnte sie dafür umarmen. Vielleicht sollte ich ihr einen Teddy kaufen?
Doch irgend etwas verwirrt mich auch in ihrem Blick, zu selbstsicher starrt sie mich an. Und spricht dann: „Junger Mann, es tut mir wirklich leid, aber die Ziehung für diesen Schein erfolgt erst am Mittwoch!“ - „Ach was, ehm, nun, nein! Unmöglich! Das dann nicht sein!“ Ich schaue mir den Schein genauer an. Pah, tatsächlich! Das Wort „Mittwochziehung“ verschwimmt langsam vor meinen Augen, mir wird schlecht, alles dreht sich. Kurz bevor ich auf den harten Fliesenboden aufschlage, denke ich noch einmal an die Lottofee und ihre bezaubernde Oberweite. Nun ja, man kann halt nicht alles haben. Das Leben war nicht nett zu mir, nein, das war es ganz bestimmt nicht!
