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Die Sache mit dem Koyoten

Ich lehne mich zurück, nehme einen Schluck aus der halbleeren Altbierflasche und starre an die getäfelte Decke. Die Atmosphäre heuchelt trüggerischen Frieden, ich kauf es ihr ab. In dieser kleinen hellblauen Harmonie existiere nur ich, mein Bier und chillige Klänge aus irgendeinem Lautsprecher aus einer anderen Galaxis. So also fühlt sich der Moment an, an dem ich der festen Meinung bin, ab hier kann es nur noch abwärts gehen. Trotz Altbier. Was stört, ist lediglich der Gedanke, dass ich längst darauf hätte kommen sollen. Macht aber nichts, ich atme tief ein. Der New Age-Sound aus den Boxen verwandelt die Szenerie ganz allmählich ins Hardcore-Exotische. Das hier ist weder die Karibik noch Hawaii. Aber es fühlt sich gut an.

Der verdammte Wecker fällt runter. Die Idylle verschwindet sofort und läßt einen fluchenden Altbier-Trinker zurück. Herrje, war ich eingeschlafen? Bis eben prügelte ich mir ein paar eng bedruckte Seiten puren Gonzo-Zeuchs in den Schädel. Hunter S. Thompson und der amerikanische Wahlkampf 1972. Von letzterem hab ich null Ahnung und bin noch nicht betrunken genug, um den ganzen Wisch kultig zu finden. Aber das sagt sich nach ein paar Alt und kaum hundert gelesenen Seiten recht leicht. Interessant wird es zu erfahren, wie die Dinge knapp 500 Seiten später so liegen. Die aufkeimende Hoffnung zwingt mich augenblicklich den Rest des Altbiers zu trinken.

Der DJ im Radio schwenkt nun in Richtung Raeggae und zwingt mich so zu ernsthaften Überlegungen bezüglich eines weiteren Bieres. Ist Alt ein Bier? Will ich das wirklich wissen? Was mich zwangsläufig auf die Spur eines Kojoten bringt. Das arme Vieh streift nichtsahnend durch meine Gedanken, als dort der Bedarf nach einer bedauernswerten Kreatur sprunghaft anstieg. Heute ist zwar nicht Freitag, aber es ist trotzdem nötig, ein paar sinnlose Exzempel zu statuieren. Und so streunt der bekloppte Koyote nun mit einer schweren Kuhglocke am Schwanz irgendeine durch staubige Gasse meines Hirns und schaut wehmütig all die dort vergessenen Hinterlassenschaften an. Jammer schade. Was macht es für einen Sinn, seinen Frust an so einem Vierbeider rauszulassen und dabei seine gute Erziehung völlig zu vergessen? Nun, der Frust muss raus. Wer hat schon Mitleid mit einem räudigen Schreiberling oder einem tollwütigen Kojoten. Oder war das gar umgekehrt. Und um welchen Frust gehts hier eigentlich? Ach ja, der Wecker, die Südsee, mein eigenes Universum…

Ich lege das Buch zur Seite, stehe auf und bringe die leere Altbierflasche zum Kasten. An der Tür seh ich eine alte Schiffsglocke hängen, ein Souvenir aus vergessenen Tagen. Ich rufe den Hund. Nein, keine Angst, die Glocke bleibt da hängen. Mein Hund nimmt direkt vor mir platz, schaut mich treu ergeben an und erwartet von mir hundgerechte Aktivitäten. Okay, gehen wir eine Runde spazieren. Viel Sinn ergab der bisherige Tag eh nicht, es kann nur noch besser werden.

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bbb/0946.txt · Zuletzt geändert: von ewusch