Viele Köche verderben die Köchin
Gerade eben schaltet meine Dame den Fernseher ein, wechselt auf den Sender ihrer Träume und wessen liebliche Stimme erklingt durchs Wohnzimmer? Rach! Man kann ihn lieben oder hassen, nun, ich mache es kurz: ich mag seine Sendung. Sie gehört nämlich zu dem Teil des RealityTV-Eisberges in der deutschen Privatsender-Landschaft, welcher gerade noch so aus dem Wasser ragt. Wobei es fast übertrieben positiv klingt, hierbei von Wasser zu reden. Ein oft gebrauchtes Fäkalwort träfe es ganz bestimmt viel besser.
Rein inhaltlich ist auch heute beim Restauranttester nicht wirklich Bahnbrechendes zu erwarten. Einmal mehr steht eine Gastwirtschaft am Rande der Existenz und ich wundere mich einmal mehr, wie es ohne den geringsten Funken gastronomischen Wissens oder gesunden wirtschaftlichen Handelns möglich ist, ein Restaurant über Wasser zu halten. Wer nichts wird, wird Wirt - oder? Ist irgendwer überrascht, dass das Ganze nicht funktioniert? Wozu braucht man aber an dieser Stelle einen Restauranttester? Was will er in diesem ruinösen Betrieb noch testen? Ach was, auch diese Erklärung ist so verdammt offensichtlich: Es geht natürlich um das unterhaltsame und möglichst werbeträchtige Dummlabern eines Möchtegern-Promis mit Rekordeinschaltquote.
Okay, ich schweife mal ab und lästere zur Abwechslung mal über die noch viel niveaulosere Konkurrenz von Herrn Rach. Drei Nachwuchs-Starköche ziehen da im Auftrag eines anderen Privatsenders protzig durchs Land und bringen hier und da eine Gastwirtschaft mit ganz anderen Mitteln auf Vordermann. Wie beim Rach gibt’s auch hier eine knallharte Vorgehensweise: Die Sterne-Kochlöffelschwinger betreten neugierig eine gastronomische Einrichtung und bestellen querfeldein durch die Speisekarte. Und während die Gerichte auf dem Tisch erkalten, spielen die drei Sterne-Azubis ihr Lieblingsspiel: „Komm zeig mir, wie übel Dir von diesem Fraß wird und ich zeige Dir, dass mir noch viel schlechter geworden ist!“ Alles gemäß Drehbuch, denn genau das will das Publikum sehen. Alles andere wäre langweilig und somit höchst fatal, gesendet zu werden. Die ganze Show ist eine absolute TV-Erfolgsgeschichte: Wie macht man vor laufenden Kameras aus einer heruntergekommenen Autobahnraststätte einer kaum befahrenen Autobahn ein Sterne-Restaurant. Happy End? Nach Abschluss der Dreharbeiten kommt die Abrissbirne und die gecasteten Angestellten sitzen wieder auf der Straße.
Was mich auf den Punkt bringt: Kochen ist wieder modern! Der stilechte Mann von heute wagt sich wieder hinter den Herd. Nicht nur zum Befriedigen einer gewissen Ungeduld im Rahmen eines sich rasant nahenden Hungers. Auch nicht, weil er die momentan ziemlich wehrlose Dame des Hauses (weil ihre Hände mit Schneiden, Rühren, Wenden beschäftigt sind) ungestört sexuell belästigen kann. Nein, der Mann kocht wieder selber. Ist es wirklich modern, oder versteckt sich ein tieferer Sinn dahinter? Bislang beschränkte sich der männliche Handlungsspielraum schließlich auf Jagen, Töten und dem Grillen (des Gejagten und Getöteten). Woher dieser Sinneswandel?
Lockt etwa die Vielzahl völlig neuer technischer Hilfsmittel (ganz wichtig: Spülmaschine)? Ist es der Hauch des Exquisiten, etwa megascharfe japanische Messer, beschichtete Töpfe aus der Weltraumforschung oder Dunstabzugshauben, die selbst mittelschwere Aufsichtsverfehlungen am verkohlten Braten im Nu absaugen? Oder ist es ein untrügliches Zeichen für die zunehmende Verweichlichung der Männerwelt? Oder ist es gar eine Folge zunehmender Koch-Sendungen im Fernsehen?
Als Biolek erstmalig den Kochlöffel vor einer laufenden Kamera schwang, war er sich der vollen Tragweite seines Handelns nicht ganz bewusst. Doch inzwischen ist die Schar der TV-Kochteufel stetig angewachsen, welche, Überraschung, fast durchgängig männlich sind. Nenn mir mal eine bekannte Fernseh-Köchin! Gibt’s nicht, nicht eine einzige mir bekannte. Was verdammt findet der Otto-Normalverbraucher daran so aufregend, kochenden Herren mit minimalen Sex-Appeal beim Kochen einer Gemüsecremesuppe zuzuschauen? Die Rahmenunterhaltung dieser Shows ist meist unterirdisch, die Witze fast gesundheitsschädlich, die Kochrezepte wahrlich uninspirierend. Ich begreife es einfach nicht. Ich meine, wenn da Antonio Banderas, Brad Pitt oder George Clooney vor einem Millionenpublikum den multimedialen Gänsebraten anbrennen lassen, würde dies das ungeteilte Interesse der Frauen an solchen Sendungen hinlänglich erklären. Zudem wäre es ein durchaus einleuchtender Grund, weshalb Männer zunehmend in die Küche abgeschoben werden. Aber bei Lafer, Mälzer, Biolek und Co fällt eine solche Begründung nun einmal komplett aus.
Okay, eine ganz treffliche Erklärung habe ich noch. Und diese erklärt schon verdammt einleuchtend den derzeit stattfindenden Geschlechterwandel hinter Großmutters Heimarbeitsplatz. Jedoch ist diese Geschichte ziemlich eng an die Freund/Pointe-Sache angeleht. Du weißt schon, lieber einen guten Freund verlieren als eine Pointe verpassen. Naja, mit den Konsequenzen werde ich schon irgendwie leben können.
Meine Frau besitzt Kochbücher bestimmt in dreistelliger Anzahl, sammelt nahezu jedes Rezept, welchem sie in diversen Zeitungen und Journalen habhaft werden kann und lässt sich obendrein auch noch von verschiednen Online-Dienstleistern mit täglichen Rezepten per Mail beglücken. Somit verfügt sie über eine unglaublich umfangreiche Koch-, Back und Bratanleitungsbibliothek. Selbst wenn sie davon nur jedes dritte Gericht zubereiten würde, zu welchem sie die Anleitung zum Zusammenrühren besitzt, dann steht sie noch am Herd, wenn meine sterblichen Überreste längst von außerirdischen Archäologen ausgegraben und untersucht werden. Welch Aussichten auf eine höchst vielseitige Zukunft.
Aber mal ehrlich, wie schaut denn nun die Wirklichkeit aus? Bei dieser fast unendlichen Auswahl hat sie letztendlich null Motivation, irgendein Rezept herauszusuchen und dieses perfekt umzusetzen. Man bedenke – diese Frau ist eine gelernte Köchin! Hätte sie nur ein dünnes Kochbuch, es wäre abgegriffen und jedes Rezept inzwischen bis zur Perfektion verwirklicht. Ich dagegen mag schon ganz gern hin und wieder etwas Abwechslungsreiches zwischen die Zähne bekommen. Logische Konsequenz? Ich komme nicht umhin, mich selbst an der heimischen Koch- und Feuerstelle kreativ zu verwirklichen. Gelingt nicht immer, aber immer öfter…
Verdammt, wir Männer sind schon übel dran!
