Warum sind chinesische Buddhas übergewichtig?
Ich war Chinesisch essen. Beim Mongolen. Besser, man hinterfragt das nicht weiter, denn eigentlich ist das am Ende auch völlig egal. Hauptsache exotisch, lecker, billig. Deshalb wurde, natürlich ohne Angabe eines anständigen Anlasses, eines dieser derzeit überall aus dem Boden sprießenden „All you can eat“-Restaurants geentert, welche Kalorienschleudern gleich exotische Leckereien tonnenweise unter die hungrige Menschheit katapultieren. Kalorienbewußte Ernährung? Hier?
Und so bot sich dem hungrigen Gast gleich beim Betreten dieses asiatischen Fresstempels ein göttliches Buffet. Eines? Es waren drei bis an die Zähne mit Krabben, Nudeln, frittiertem Gemüse und rohen Fisch bewaffnete Lebensmitteltheken. Schon allein der Gedanke, man würde hier zu einem fernöstlichen Gourmet erzogen, verpuffte angesichts der sojaverpesteten Fleischberge. Hier waren kulinarische Feingeiste völlig falsch am Platz. Das hier erforderte leere Mägen, ausreichend Appetit und eine Menge Abenteuerlust. Und genau deswegen waren wir ja hier! Es war absolut unmöglich diesen Verlockungen zu widerstehen! Also nix wie ran an den Speck, ehm, Hühnchen süß sauer, Chip suey und wie das Zeugs so heißt.
Wir starten mit gebratenen Nudeln, dazu gibt’s fritierte Hähnchenbrust und garnieren alles mit merkwürdig aussehenden Pilzen. Magic Mushrooms? Schon möglich! Da steht: „Nicht zum rohen Verzehr geeignet!“ Aha! Ich bin definitiv auf der richtigen Spur. Hier irgendwo ist der wahre kulinarische Geist versteckt. Komm heraus Geheimnisvoller und trink einen mit!
Die Ente blickt geheimnisvoll von der lauwarmen Aluplatte. Erst frittiert, dann zerstückelt und in Soja ertränkt. Ein Schicksal, welches es an dieser Stelle zu bedauern gilt. Besser traf es definitiv den Blauhai. Dieser harrt in filetierter Form seiner Dinge und wartet auf jenen Gast, welcher mit Thai-Curry, Knoblauch und einem Schuss Wasabi abendländische Geschmacklosigkeit über den toten Wasserbewohner hereinbrechen lässt. Hauptsache es schmeckt!
Kurz darauf zieht es mich an die nächste Theke, an welcher mich rohes Fleisch von allerlei Vierbeinern erwartet. Der Jäger erwacht in mir angesichts des präsentierten Wildbrets. Ein zutiefst unglückseliger Aushilfskoch hinter einem mongolischen Grill darf anschließend sein ganzes Können beweisen, in dem er fünf verschiedene Fleischsorten zeitgleich für mich zubereiten darf. Und wehe, es ist nicht fachgerecht gegart!
Die wenigen Schritte zum Buffet sorgen zwar nicht für erhöhte Fitness, aber der längst überfüllte Magen findet auf diese Weise eine gesündere Möglichkeit zu expandieren und vielleicht doch noch etwas Platz für Nachschub zu schaffen. Bis dann irgendwann absolut nichts mehr reinpasst. Bis auf ein paar Garnelen mit irgendeiner extrem scharfen Chilipaste. Letzteres bemerke ich leider erst, als die Garnelen in meinem Mund explodieren. Bamm! Die Zunge taub, die Kehle steht in Flammen und eine sich schnell ins Dunkelrot verändernde Gesichtsfarbe sind die Folgen.
Zum Löschen gönne ich dem vergewaltigten Gaumen noch ein paar überzuckerte Litchies. Ich erinnere mich fern daran, abnehmen zu wollen. Irgendwann, aber ganz sicher nicht heute. Denn jetzt bin ich längst über jenen ominösen Punkt hinaus gemästet, an welchem Essen noch irgendetwas mit Ernährung zu tun hat. Nix geht mehr. Auch kein Minzeblättchen.
Der obligatorische Verdauungsschnaps stammt ebenfalls aus Asien. Dem Geschmack nach glaube ich das jedenfalls und meine zu verstehen, warum die Leute dort keinen Alkohol vertragen. Mit diesem Zeug kann man unmöglich trainieren! Sei’s drum. Schnell weg damit und dann hoffnungsvoll auf die verdauungsfördernde Wirkung des Alkohols warten. Mir ist definitiv nicht wohl in der Magengegend. Verdammt!
Rundum gemästet will ich zahlen und im zehnten Versuch werde ich endlich erhört. Da in diesem Laden eine verbale Verständigung nur zum Getränkeordern nötig ist, zeige ich kurz meine Brieftasche hoch und so etwas wie blindes Verständnis huscht über das ewig lächelnde Gesicht der sich nähernden Bedienung. Das muss wohl so sein. Aber mir ist gerade nicht danach, über den tieferen Sinn dieser eigentümlichen Situation nachzugrübeln. Eigentlich mag ich überhaupt nicht mehr denken, sondern nur noch weg! Schnell und ganz weit… Vollgefressen zahle ich die Zeche und rolle übersättigt aus den Laden.
