ICE-Qualicheck
Es ist Sonntag und der Wusch sitzt im ICE. Es geht schnurstrakts westwärts, einmal quer durch das wenig winterliche Grau dieser Republik. Adios alte Heimat, auf baldiges Wiedersehen – zu Ostern vielleicht.Da bei rechtzeitiger Planung und Reservierung die Preise der ersten Klasse günstiger sind als die der zweiten Klasse, reisen wir in der ultravornehmen First-Class der Deutschen Bahn. Man gönnt sich ja sonst nichts. Als erstes checke ich die Sitzqualität: passt! Viel Platz nach rechts und links, ausreichend Beinfreiheit ist gegeben, was bei meinen 1,70m allerdings auch keine Kunst ist. Das Fenster hätte durchaus nen Putz verdient, aber das lässt sich bei einer Geschwindigkeit von aktuell 249 km/h nur schlecht realisieren. Das was da von draussen zu sehen ist benötigt zudem kein sauberes Fenster. Es regnet, es ist grau und vom Frühling weit und breit nichts zu sehen. Dann besser im Höchsttempo mitten durch, ohne Rücksicht auf Verluste.
Zu den Annehmlichkeiten der 1. Klasse gehört unter anderem, dass eine Zugbegleiterin sich schon kurz nach Abfahrt neben mir aufbaut und mir freundlich eine Tageszeitung meiner Wahl anbietet. Aber auf eine Bild am Sonntag habe ich schon mal rein aus Prinzip wenig Bock und die Welt am Sonntag ist mir einfach zu prall. Ein Kilogramm Zeitung in einem völlig unhandlichen Format für den kurzweiligen Lesegenuss – nee, besser nicht. Auch nicht für umsonst.
Statt dessen besuche ich die Toilette. Und yeah, endlich etwas, womit zu rechnen war, etwas was nicht überrascht und letztendlich ein Grund dafür ist, weshalb Bahnfahren für mich noch immer nicht erste Wahl ist. Der ICE ist eben erst in Berlin gestartet und trotzdem ist im WC der Uringeruch derart derb, dass mit einem Schlag die Nebenhöhlen frei sind. Gleichzeitig werden die Nasenschleimhäute weggeätzt. Hier würde es kein Schwarzfahrer freiwillig lange aushalten. Wie schauts dann erst in den Toiletten der zweiten Klasse aus? Nun, sehen wir es mal positiv: Es ist doch schön, wenn ist auch heute noch Dinge gibt, auf die man sich verlassen kann, Sachen, die sich wohl niemals ändern werden.
Zurück am Platz werde ich bereits von der netten Zugbegleiterin empfangen. Diesmal steht sie mit einem Tablett bereit und bietet bedürftigen Reisenden Kaffee an. Im Gegensatz zu den Zeitungen kostet jedoch der Kaffee etwas, was uns aber nicht davon abhält ihr Tablett um zwei Tassen zu erleichtern. Sie erleichtert unsere Geldbörse in Gegenzug um einen recht deftigen Betrag und schon sind alle Seiten glücklich.
Ich für meinen Teil sehe meine Qualitätskontrolle als erledigt an, schlürfe meinen Kaffee, genieße die vorbeifliegende Welt und werde vielleicht für einige Momente die Augen schließen. Wir sitzen hier noch ein paar Stunden herum, was soll ich sonst tun?
