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Menschen in der Eisenbahn

Vor etwa fünf Jahren saß ich auf dem Dresdener Flughafen, beobachtete das nervöse Treiben um mich herum und hielt alles schriftlich fest. Heraus kamen die „Airportmomente“, die irgendwo in den Tiefen des Internets schlummern. Mal sehen, ob die eigentümliche Atmosphäre im Inneren eines ICE zwischen Berlin und Köln die eine oder andere kleine Geschichte hervorbringt, die sich mit den damaligen Geschehnissen messen kann. Denn auch hier sitzen gelangweilte Personen herum, eine gewisse Unruhe lauert drohend unter der Oberfläche und wer weiß… Am meisten jedoch langweilt sich der Schreiberling, doch das wird sich gleich ändern.

Wo beginne ich? Wer den vorangegangenen Blogeintrag gelesen hat, der kennt bereits ein paar Zusammenhänge. Etwa, wie toll ich diese Zugfahrt finde. Oder, dass ich in der ersten Klasse sitze, was im Prinzip ursächlich für Aussage nummero uno ist.

Welcher Typ Mensch befindet sich hier? Ich schaue mich um. Nun, zum einen sitzen hier jene Vertreter unserer Spezies, die etwas ganz besonderes sind. Oder sich wenigstens dafür halten. Tja, und der Rest war einfach nur geschickt beim Buchen und hat zuvor ein paar Preise verglichen. Logisch, das mal wieder alles aufs liebe Geld hinausläuft, denn davon habe ich chronisch zu wenig. Okay, klar, eines Tages, wenn mich dieser Blog sehr reich gemacht hat, dann reise ich nur noch erste Klasse. Bis dahin muss halt der Privatjet ausreichen. 😉

Mir gegenüber sitzt meine Frau und bestellt sich gerade den nächsten Kaffee bei der Zugbegleiterin. Als Besitzerin der Bahncard 25 hat sie natürlich jedes Recht dazu. Zum Bezahlen wird allerdings meine Geldbörse benötigt, was mich quasi zum Komplizen ihrer Koffeinsucht macht. Als Bonus gibt es ein (und nicht etwa zwei) Stück Schokokuchen und zack, bin ich neun Euro ärmer. Was soll ich mich über diesen Preis aufregen – wir sitzen halt in der ersten Klasse. Damit soll nun genug über die ärgste Kritikerin dieses Blogs gelästert sein.

Schauen wir uns mal die werten Mitreisenden an. Nebenan sitzt beispielsweise eine ganz in Schwarz gekleidete Blondine. Sie verschlingt förmlich ihren eBook-Reader mit ihren Augen. Fünfzehn Zentimeter Leseabstand können nicht gesund sein. Die Buchstaben auf dem Monochrome-Display sind dabei so groß, dass ich aus etwa zwei Meter Entfernung mitlesen könnte. Hat sie ihre Kontaktlinsen verloren oder ist es einer gewissen Eitelkeit geschuldet, dass sie auf eine Brille verzichtet? Okay, der Verzicht auf eine Lesehilfe wird ihr Geheimnis bleiben. Auch das, was Madame da liest. Insgeheim hoffe ich, dass es mein Blog ist.

Mittlerweile rollt der Zug in den Bahnhof von Bielefeld. Liebe Bielefelder, ihr lebt in keiner sehr hübschen Stadt. Jedenfalls soweit man das von hier aus beurteilen kann. Das Wetter macht es auch nicht besser. Viel grauer geht’s nicht mehr. Farben haben es unglaublich schwer jenseits der Bahnlinie. Gut, dass der Zug nur kurz hält und dann diese Gegend schnell wieder verlässt.

Die Schaffnerin räumt die leeren Kaffeetassen ab. Richtig: Tassen! Keine billigen Pappbecher, welchen den Kaffeekonsumenten zum Koffeinjunkie degradiert und die gesunde Atmosphäre dieses Großraumabteils zur Bahnhofskaschemme verkommen lassen. Klar, so eine Tasse Kaffee kostet 2,90 Euro. Nicht gerade billig, oder? Aber ist der Kaffee im Stress-ausstrahlende Kaffee-to-go-Pappbecher wirklich preiswerter? Verdammt, schon um der ständig am Kaffeepott hängenden Nerds mit ihrem „ich mach jeden Trend mit“-Tick willen sollte dieser Pappbecher-Kaffee viel teurer sein.

Kaum vier Tage ist es her, da waren wir noch entgegen gesetzter Richtung unterwegs. Das Auto blieb daheim, den Stress von über 1500 Kilometern über die deutsche Autobahn wollten wir uns einfach mal schenken. Stattdessen ging es ungemein nervenschonend und vollkommen tiefenentspannt gen Osten. Bei all den Negativschlagzeilen rund um die Deutsche Bahn – diese Art zu Reisen hat in der Tat etwas Angenehmes an sich. Besonders, wenn man das Fliegen verabscheut und sich den Stress des Autofahrens ersparen möchte.

Draußen flog damals eine frierende Welt vorbei. Rauchende Schonsteine von Gasthermen zeichneten ein merkwürdig idyllisches Bild über reifgraue Dächer und luden zum Verweilen, Genießen und Fotografieren ein. Doch ein solcher Moment war nicht für die Ewigkeit geschaffen. Der Zug flog dahin und wir mussten mit. Wenn auch in aller Ruhe und Bedachtheit – vom halsbrecherischen Tempo war hier im warmen Inneren nichts zu spüren. Stattdessen: Ruhe und wohltuende Langeweile. Irgendwann erreichten wir unser Ziel, den Spreewald. Zur Feier des Tages schneite es, was in Anbetracht der globalen Erwärmung durchaus erwähnenswert ist.

Heute gibt es dagegen draußen nichts zu sehen. Eine graue Welt rauscht an uns vorbei. Wie schaut es drinnen aus? Kaum besser! Grausame Langeweile macht sich unter den schlaff in ihren Sitzen hängenden Passagieren breit. Hier und da wird mit dem Smartphone gespielt, andere blättern lustlos in den kostenlosen Sonntagszeitungen. Einzig die nette Zugbegleiterin durchbricht von Zeit zu Zeit diesem trägen Bann und versucht lächelnd uns ihren Kaffee anzudrehen. Doch eigentlich ist mir das zu wenig. Verdammt! Wo sind hier die menschlichen Schicksale? Wo spielen sich herzzerreißende Dramen ab? Ich kann so nicht arbeiten!

Mitten auf der Strecke, irgendwo im westfälischen Nirgendwo bleibt der Zug jetzt einfach stehen. Hat einfach die Faxen dicke. Was ist passiert? Aus welchem Grund bewegt sich nichts? Und verdammt, warum stört das niemanden? Wo ist das deutsche Wutvolk, welches sich sonst über alles und jeden aufregt. Die braven Bürger, die schon beim kleinsten aus dem Zusammenhang gerissenen Zitat platzen, sollte es ihnen gegen den Strich gehen. Eben die Leute, denen man einfach nichts recht machen kann? Ach ja, stimmt, die sitzen hinten in der zweiten Klasse.

Das entspannte Volk der ersten Klasse schwebt träge über den Dingen. Solch weltbewegende Situationen wie Zugverspätungen tangiert sie nur am Rande. Eigentlich gar nicht. Warum auch? Alles richtet sich nach ihnen. Wie könnten sie auch nur im Entferntesten annehmen, dass sich am Ziel ihrer Reise irgendetwas ohne sie abspielen könnte. Zu Deutsch: die Welt dreht sich in Dortmund, Düsseldorf oder Köln erst weiter, wenn dieser Zug angekommen ist.

Nun rollt der ICE wieder und hält kurz darauf in Hamm. Erst spuckt er seine überzählige menschliche Fracht aus, dann saugt er frisches Blut in sein Inneres. Ganz nach Plan. Und dann geht’s auch schon weiter. Unnötiges Verschnaufen bedeutet Verspätung. Und Verspätung geht nun mal gar nicht in unserer unendlich stressgeplagten Welt.

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