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Lauschangriff

Mit einem Kaffee in der Hand sitze ich an meinem Schreibtisch und lausche den Gesprächen meiner Kollegen. Das heutige Top-Thema: es dreht sich alles um Babys und all das, was irgendwie auch noch am Rande etwas damit zu tun hat. Beispiele gefällig? Nun: Wer hat bereits das Glück und darf des Nachts durchschlafen? Wo gibt’s den besten Babyausstatter und wie verdammt ist ein solches Hobby, sich solch nervende kleine Quälgeister daheim zu halten? Gezwitscher hier, Geträller dort… Und ich kann nicht mitreden.

Wie lange ist das eigentlich schon her, als mich ähnliche Sorgen begleiteten? Definitiv zu lange, soviel steht fest! Wie vermisse ich die kultverdächtigen Diskussionen über längst vergangene Bundesligaspiele und all dem damit verbundenen Zirkus. Das hatte noch Stil. Jeder hatte einen Lieblingsverein, eine Schwachstelle, die reihum oft und genüsslich genutzt wurden. Heute schauen die verbliebenen Herren in ihre Tageszeitung oder auf diverse Internetseiten, überfliegen die Ergebnisse vom letzten Wochenende und meinen sich darüber eine Meinung bilden zu müssen. Das hat mit einer gepflegten Streitkultur am Morgen nichts mehr zu tun. Das ist bestenfalls Hausfrauengeschwätz unter Männern, oder eben jenen, die sich dafür halten.

Und so sitze ich einfach nur da und höre zu. Lausche dem Geschwätz. Versuche Argumenten zu folgen oder sie still und heimlich zu widerlegen. Dabei mache ich mir nicht die geringste Mühe den Schwatzenden eines Blickes zu würdigen. Warum auch? Schließlich besteht nicht der geringste Antrieb mitreden zu wollen. Warum soll ich mir aus der Luft gegriffene Argumente aus den Fingern saugen, abgedroschene Phrasen zum Besten geben und damit eine Blöße offenbaren, dass ich zu diesem Thema schon lange nichts mehr zu sagen habe.

Nein, ich will nur lauschen. Das darf man doch? Oder? Falls nämlich nicht, nun, wie stände ich denn jetzt damit da. Ziemlich blöd, oder? So ein Blog enthüllt halt vieles und mitunter zieht es dem Schreiberling die Hose aus. Okay, gut, Schluss mit lustig! Ein Mann muss das tun, was ein Mann tun muss! Und niemals ist ein Zeitpunkt passender als jetzt. Also schwing ich meine samoanische Kriegskeule und zerschmettere die widerwärtigen Auswüchse dieses langweiligen Alltagstrottes.

Im Geiste stehe ich auf und schlendere gelassen in Richtung der Diskutierenden. Interessiert schaue ich in die Runde und heuchle mehr schlecht als recht etwas Anteilnahme. Nebulös nehme ich um mich herum einen nicht abreissenden Wortschwall wahr. Und mittendrin, als das manisch depressive Kopfwippen und Nicken nicht mehr auszuhalten ist, platzt es aus mir heraus: „Jungs, mir bluten die Ohren. Das ist kaum auszuhalten. Ihr verdammte Labersäcke.“

Okay, natürlich sage ich nix dergleichen. Ich sitze nämlich noch immer an meinem Schreibtisch und höre interessiert zu. Warum? Tja, da wäre halt die Tochter im gebärfähigen Alter, die seit kurzem festgestellt hat, dass sich auch gleichaltrige männliche Vertreter unserer Spezies auf diesem Planeten aufhalten. Und genau das sagt mir, dass ich nichts falsch mache, wenn ich hier einfach mal nur zuhöre. Und mich auf das wahrscheinlich letzte große Abenteuer im Leben eine Mannes vorbereite. Yeah! Genau!

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