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polen:004

Inhaltsverzeichnis

Tag 2 | Einmal Danzig – Kolberg und zurück | Tag 4

Tag 3: Sopot

I

Warum befindet sich der verdammte Wecker im Urlaub immer auf meiner Seite des Bettes? Im ganz alltäglichen Wahnsinn kämpft Esther Morgen für Morgen mit dem lärmenden Ding. Und kaum sind ein paar freie Tage angesagt, steht das Mistdings neben meinem Bett. Hier in Danzig gibt es sogar noch eine Steigerung: Es gibt keine Steckdose am Kopfende der Betten. Aus diesem Grund werden die Smartphones am entgegengesetzten Ende des Hotelzimmers aufgeladen. Das wiederum führt dazu, dass ich beim Ertönen des ersten Klingeltones aus dem Bett quer durch den Raum stürze und in aller gegebenen Panik versuche, das gottverdammte Ding zum Schweigen zu bringen. Auf diese Weise ist natürlich der im Schlaf mühsam erworbene Erholungseffekt direkt wieder verflogen. Das Leben ist einfach nur hart. Und ungerecht!

DanzigDas Frühstück ist heute kein bisschen schlechter als gestern. Sven und Karin sind erneut vor uns im Hotelrestaurant und warten bereits. Keine Ahnung wie die Beiden das immer hinbekommen. Wir frühstücken in aller Ruhe und planen was noch zu planen ist. Für den heutigen Tag sind sagenhafte 29 Grad prophezeit und anders als so manche Vorhersage daheim im Rheinland scheint das meteorologische Orakel in der Stadt Daniel Fahrenheits keine Zweifel zuzulassen. Warum auch an einer solchen Prognose zweifeln? Wir wollen es doch gar nicht anders. Also passen wir unsere Kleidung der Vorhersage an und Esther balsamiert sich noch etwas mehr als sonst mit Sonnenöl ein. Und dann geht es also los.

Unser heutiges Ziel heißt Sopot und ist ein Kurort in der Danziger Bucht. Die Stadt heißt auf Deutsch Zoppot, jedoch kenne ich die Stadt von jeher als Sopot und verwende deshalb inkonsequent weiter den polnischen Namen. Sopot selbst ist mir als Veranstaltungsort eines Musik-Festivals in Erinnerung, welches vor der Wende öfter mit internationalen Stars glänzte. Teile des Festivals gab es dann auch im DDR-Fernsehen zu sehen. Selbst heute gibt es die Aufnahmen jener legendären Auftritte von Kim Wilde in YouTube zu bestaunen. Daher kenne ich also Sopot. Brühmt wurde die Polnische Stadt an der Ostsee durch das Schaffen eines Chirurgen vor etwa zweihundert Jahren. Ein Mann namens Johann Georg Haffner, seines Zeichens Major und Chirurg in Napoleons Grande Armée, blieb nach dem Abzug der Armee in Danzig. Er heiratete dort und wurde sesshaft. 1823 erhielt er die Erlaubnis zum Aufbau und Betrieb einer Badeanstalt mit Kurbetrieb am Strand der heutigen Stadt Sopot. Und damit legte er den Grundstein für Sopot als internationalen Kurort. Soviel also kurz zur Geschichte dieses Ortes, den wir heute besuchen wollen.

Nach Flug und Taxifahren vom Sonntag und der gestrigen Fortbewegung im Electro-Sightseeing-Bus sowie dem Auf und ab im Riesenrad steht heute eine weitere abenteuerliche Art des Massentransportes an: Wir wollen Bahnfahren. Etwas derart Verwegenes haben wir zuletzt vor einem Jahr in Paris versucht. Damals im hochmodernen TGV hatte das blendend funktioniert, warum also nicht auch hier? Die Züge wurden durch Esther und mir gestern bereits einer oberflächlichen Inspektion beim abendlichen Besuch des Bahnhofs unterzogen, bei der wir positiv überrascht wurden. Technisch hochmodern und dennoch pünktlich - ein weiterer Beweis, dass wir uns nicht mehr auf deutschen Grund und Boden befanden. Die Erwartungen sind also riesig.

Der Weg vom Hotel zum Bahnhof führt uns durch einen Fußgängertunnel, der eine vielspurige Straße unterquert. Am anderen Ende der Tunnels befinden sich neben den Aufgängen zum jeweiligen Bahnsteig die schon gestern Abend bestaunten Fahrkartenautomaten. Wir bewegen uns zum erstbesten Automaten mit dem erklärten Ziel hier Tickets zu kaufen. Vielleicht dreißig Meter entfernt befindet sich eine lange Warteschlange am einzig geöffneten Fahrkartenschalter. Was treibt die Leute dazu ihre kostbare Zeit beim Anstehen zu verschwenden, statt an einem solchen Meisterwerk der Ingenieurskunst ihr Glück zu versuchen? So ein Fahrkartenautomat ist nicht selten ein Mysterium für sich. Wenn er denn funktioniert. Und dieser hier funktioniert, also nichts wie ran an den Speck und die Tickets für die Zugfahrt nach Sopot gekauft.

Die Bediensprache auf dem Bildschirm können wir problemlos in Deutsch ändern. Das Fahrziel wird eingegeben, die Anzahl der Mitreisenden ebenso und angesichts der aktuellen Erfolge keimt die Zuversicht auf, dass uns heute nichts, aber rein gar nichts etwas anhaben kann. Doch just in diesem Moment wechselt die Menüsprache unvermittelt zurück ins Polnische und niemand hat auch nur die Spur einer Ahnung, was uns im aktuellen Menü angeboten wird. Eine Reiseversicherung etwa, eine Fahrradmitnahme oder ein Tourismusaufschlag? Zu den unverständlichen polnischen Worten gesellen sich neuerliche Preise. Keiner kommt in diesem Moment auf die geniale Idee, eine Smartphone-App die Übersetzungsarbeit machen zu lassen. Statt dessen wählen stumpf das preiswerteste Angebot für umgerechnet 11 Euro. Für alle vier zusammen für die Hinfahrt nach Sopot. Unser Gewissen war damit zufriedengestellt. Das hier wird zu mindestens kein Schwarzfahren. Im Falle einer Fahrkartenkontrolle mit der negativen Erkenntnis, dass wir die falschen Tickets gekauft haben, ziehen wir den Ausländer-Joker: „Ich nix verstehen!“ Alles andere wird sich zeigen. Oder auch nicht. Es lässt sich weder auf der Hin- noch auf der Rückfahrt ein Schaffner sehen. Also werden wir nie erfahren, ob Bahnfahren in Polen tatsächlich so preiswert ist oder wir den Aufschlag für vier mitgeführte Haustiere ausgewählt haben.

Wir steigen die Stufen zum Bahnsteig hinauf. Etwas Zeit bis zur Abfahrt des Zuges ist noch und die Zeit nutze ich, meinen Blick bis in die entlegensten Ecken der unmittelbaren Gegend streichen zu lassen. Die allgegenwärtige Sauberkeit war auffällig. Fast schon aufreizend reinlich. Auch wenn der Bahnhof vor kurzem umfangreiche Sanierungs- und Restaurationsarbeiten über sein altes Gemäuer ergehen lassen musste. Der Zahn der Zeit ist also vorerst abgemeldet, Sprayer und andere Schmierenfinke dagegen nicht. Im Gegenteil, jede Form Sauberkeit zieht solche Möchtegern-Graffitykünstler magisch an. Zu mindestens in Deutschland. Und hier?

Endlich rollt unser Zug ein. Leicht schockiert betrachte ich den heranbrausenden Metallwurm. Hochmodern war dieser vielleicht vor fünfzig oder sechzig Jahren. Möglicherweise ist der Zug und die Waggons noch um einiges älter. Diese nostalgischen Bahnwaggons würden einen Ehrenplatz in jedem deutschen Eisenbahn-Museen finden. Es würde mich nicht wundern, wenn die vielen gelb-blauen Lackschichten das „DR“ der Deutschen Reichsbahn verdecken. Das Innere des Waggons entspricht dem äußeren Erscheinungsbild. Hier drinnen ist die Zeit stehen geblieben. Der Waggon ist komplett mit Holz ausgekleidet. Keine TFT-Monitore an den Wänden und verwegene Erfindungen wie etwa eine Klimaanlage existieren nicht. Vielleicht das ist auch gut so. Jeder hat einen Sitzplatz und so reisen wir auf die selbe Art und Weise zu einem der schönsten Ostseebäder, so wie es Urlauber und Heilbadbesucher seit einigen Jahrzehnten tun. Bleibt zu hoffen, dass die Rückfahrt bei knapp dreißig Grad Außentemperatur ähnlich angenehm wird. Gut, dass wir am Vorabend gesehen haben, dass auf Polens Gleisen auch deutlich modernere Züge eingesetzt werden. Haken wir also diesen Zug als weitere Sehenswürdigkeit auf unserem Weg an Pommerns Küste entlang.

DanzigDie Bahnverbindung führt von Danzig über Sopot bis nach Gdingen. Gdingen, die zwischen 1939 und 1945 den Namen Gotenhafen trug, bildet mit Danzig und Sopot die so genannte Dreistadt, eine Metropolregion hier an der polnischen Ostseeküste. Acht Haltestellen befinden sich zwischen Danzig und Sopot, an der neunten müssen wir raus. Das bedeutet etwa eine halbe Stunde Nostalgie, die wir genießen dürfen. Die Zugfahrt führt uns durch Industriegebiete moderne wie alte Stadtviertel, durch das Universitätsgelände von Danzig und letztlich vorbei am Stadtteil Oliwa. Gleich zu Beginn unserer Fahrt, ich glaube es war an der Bahnstation Danzig-Polytechnik, führt eine vom Rost arg angeknabberte Brücke über die Gleise. Die Leute, die diese Brücke nutzen um auf das andere Gleis zu gelangen, müssen entweder lebensmüde oder einfach nur ahnungslos sein. Vielleicht gibt es aber auch ganz andere Dinge, die in diesem streng katholischen Land dafür sorgen, dass die Einheimischen vertrauensvoll diese Brücke überqueren.

II

DanzigIn Sopot verlassen wir unser rollendes Museum - und landen auf einem Museumsbahnsteig. Die gusseisernen Säulen der Bahnsteigüberdachung haben sicher schon viel kommen und gehen sehen - uns vier Rheinländer nun auch. Vom altertümlichen Bahnsteig gelangen wir in ein sehr modernes Bahnhofsgebäude. Die Kontraste begleiten uns auf Schritt und Tritt. Kurios wird es obendrein, als uns ein Hinweisschild auf die 14% Steigung eines Fußweges hinwiest.

Wir kommen an der geschmückten katholischen Garnisonskirche vorbei. Eine Metallplatte zu Ehren Karel Wojtala alias Johannes Paul II. ist hier angebracht. Vor der Kirche steht unter einem Pavillon eine Statue eines Geistlichen, dessen Haupt gehörig mit Taubenkot verunreinigt ist. Ich erinnere mich an den Spruch aus einem Glückskeks „Sei stets gut zu Tauben - eines Tages wird man Dir eine Statue bauen.“ Das gibt mir zu denken.

Hinter der Kirche gibt es direkt die nächste Statue. Und diesmal wird es noch verrückter. Dieses Denkmal ist Wojtek gewidmet, einem Bären, der im 2. Weltkrieg als Angehöriger der polnischen Streitkräfte ein Kriegsheld war. Diese Welt ist manchmal schon verrückt, aber hinter diesem Denkmal steckt tatsächlich eine wahre Geschichte, die ich hier nicht komplett wiedergeben möchte. Der Bär wurde von Truppen der polnischen Armee adoptiert, nahm an Kämpfen in Italien teil, so zum Beispiel auch an der Schlacht am Monte Cassino und erhielt den militärischen Rang eines Corporals. Nach heutigen Gesichtspunkten wurde Wojtek während seiner Zeit beim Militär alles andere als artgerecht gehalten. Als ob das damals jemanden interessiert hätte. Seinen Lebensabend verbrachte er im Zoo von Edinburgh in Schottland. Zurück nach Sopot…

DanzigWir befinden uns nun in der Monte-Cassino-Straße und somit in direkter Linie zur Seebrücke von Sopot. Abgesehen von vielen sehenswerten Hausfassaden sticht dann doch eines ganz besonders hervor: ein optisch völlig verrücktes Haus, an dem alles verbogen und krumm ist. Dieses „beschwipste Haus“ gehört inzwischen selbst zu den Wahrzeichen von Sopot. Etwas weiter, in einer Seitengasse stoßen wir auf die Statue eines seiltanzenden Fischers in einigen Metern Höhe. Hier ist in der ersten Etage der gegenüberliegenden Gebäuden dieser Gasse ein Stahlseil gespannt, auf dem ein Seiltänzer balanciert. Irgendeine zusätzliche Befestigung der Skulptur ist nicht zu entdecken. Verrückt!

Es gibt also viel zu sehen bis man endlich… immer noch nicht am Ostseestrand angekommen an einer Eisdiele feststellt, dass es hier auch das merkwürdig geformte Eis mit dem Namen „Twister“ gibt. Für ein Eis ist es aktuell etwas früh, aber es ist nie verkehrt eine gescheite Eisdiele erkundet zu haben.

Wie am gestrigen Montag begegnen wir auch heute einigen Schulklassen. Es scheint, dass Wandertage in polnischen Schulen an der Tagesordnung stehen. Im Rahmen der Deutsch-Polnischen Freundschaft muss mal ganz klar festgehalten werden: Kinder und Jugendliche gehören in die Schule! Und schon ist genug Platz auf der Promenade für all jene Touristen, die hier ihr hart verdientes Geld für Poolnudeln, Pommes und Bernsteinschmuck ausgeben wollen.

DanzigEin überdachter halbkreisförmiger Säulengang umringt die Seeseite des sehenswerten Kurplatzes mit einer Vielzahl an Sitzgelegenheiten. Rechterhand von uns befindet sich das berühmte Kurbad und direkt vor uns befindet sich der „Große Seesteg“, die Seebrücke, die im polnischen „Molo“ genannt wird. Die der Ostsee abgewandte Seite wird von der Fassade des wiederaufgebauten Kurhauses bestimmt, welches heute ein Hotel beherbergt.

Die Seebrücke Sopot gehört mit 512 Metern zu den längsten Seebrücken Europas und ist mit Abstand die Längste von Polen. Der Zutritt zur Seebrücke ist (selbstverständlich) nicht kostenfrei. Aber wir wollen da unbedingt drauf und zahlen freiwillig unseren Obulus. Kurz darauf schlendern wir über die Planken, genießen die Sonne und die Aussicht. Hier und da warnen Zettel vor frisch gestrichenem Geländer. Es wird fotografiert, bis die Smartphone-Kamera glüht. Fast unbemerkt nähert man sich dem anderen Ende der Seebrücke. Hier befinden sich Anlegestellen für Linienschiffe, die unter anderem auch nach Danzig verkehren. Esther lässt sich leider nicht zu einer kleinen Rundfahrt durch die Danziger Bucht überreden, die auf einem zur Hansekogge umgestalteten Ausflugsdampfer stattfanden. Die Seefahrt ist nicht einfach ihr Ding.

DanzigEin kleines Restaurant lädt zum Einkehren ein. Ganz abgeneigt gegen ein kaltes Getränk ist niemand von uns. Jedoch mag niemand in der prallen Sonne sitzen. Im Inneren des Restaurants darf leider nicht geraucht werden, womit die freien Plätze dort für uns nicht in Frage kommen. Sagt Sven wortlos, indem er kurz ins Restaurant hineinblickt und dann weiter geht. Karin und Esther sehen das zwar anders, doch noch gilt: Entweder wir gehen alle zusammen in die Gaststätte oder eben keiner. Ärger liegt in der Luft.

Aber noch ist alles gut. Bei sommerlichen Temperaturen bewegen wir uns nun wieder in Richtung Küste. Am Strand tummeln sich einige Touristen. Es ist allerdings noch keine Urlaubszeit und entsprechend viel freier Sand findet sich zwischen den wenigen Badehandtüchern. Das schöne Wetter hätte in der Tat mehr Badegäste verdient. Doch selbst wir vier Touristen haben keine Badesachen dabei, obwohl uns klar war, dass heute beste Bedingungen herrschen würden.

DanzigBevor wir die Seebrücke wieder verlassen, fordert ein übermannsgroßer blauer Bilderrahmen zum Fotografieren auf. Zeit, unsere neue Fotografier-Regel anzuwenden: „Die Füße müssen mit aufs Bild“. Ganz schön schwierig, wenn jener Bilderrahmen nicht mit dem Boden abschließt. Nach einigem Biegen und Brechen kam dann pro Pärchen wenigstens ein Fuß in den Bereich des Rahmens und damit auch auf das Bild. Es soll niemand behaupten, dass Fotografieren und sich fotografieren lassen das Einfachste von der Welt sei! Im Gegenteil, manchmal kann man sich das Fotografier-Leben auch richtig schwer machen.

Nun verlassen wir die Seebrücke und halten uns zweimal links um so zum Strand zu gelangen. Ein schmaler Fußweg führt hier zur Rybitwa-Taverne, einer kleinen Gaststätte mehr auf dem als am Strand. Auch hier ist ordentlich Betrieb und bereits sämtliche Plätze im Außenbereich besetzt. Die freien Plätze im Innenbereich sind für Sven erneut keine Option, eine Entscheidung, die nun auf ersten Widerstand von Karin stößt. Esther und ich sind zu mindestens verunsichert. Um die Luft aus der Sache zu lassen wechseln wir die Lokalität und kehren an die Strandpromenade zurück. Hier befindet sich ein wesentlich unattraktiverer Imbiss, bei dem man im Außenbereich sitzen kann. Puh, jeder bekommt seinen Willen. Oder doch nicht?

Der nun besuchte Strandimbiss „Ikra S.C.“ ist ein Selbstbedienungslokal. Nach dem wir sichergestellt haben, dass tatsächlich keine Bedienung unseren Tisch besuchen wird, besorgen wir uns Speisekarten - bestehend aus einer laminierte A4-Seite. Bestes Bistroessen mit Schwerpunkt auf Fish & Chips. Im besten Englisch, zu welchen Sven und ich fähig sind, bestellen wir Getränke und etwas zu Essen für den Hungrigsten unter uns. Also mich. Clever wie wir nun einmal, sind haben wir die Kassiererin gebeten, unsere Bestellnummer in englisch statt in polnisch aufzurufen. Wie sonst hätten wir sonst mitbekommen sollen, dass Bestellung Nummer dreizehn abholbereit an der Kasse bereitsteht. Es hat jedenfalls funktioniert und der Junge ist sogar satt geworden. Und nein, ich habe nicht als einziger gegessen.

Wenn man schon eine Gaststätte besucht, die über eigene Toiletten verfügt, dann nutzt man diese und nicht die in unmittelbarer Nähe befindlichen öffentlichen Toiletten. Soweit - so gut. Viele Promenadengäste meiden jedoch das öffentliche WC und nutzen ebenfalls die Toilette des Imbisses. Entsprechend viel Betrieb ist auf dem WC. Der Zustand der Toiletten ist laut Esther zu mindestens denkwürdig. Ich erspare mir an dieser Stelle genauere Details und bleibe bei den groben Fakten: Esther geht aufs WC, Karin bleibt vor der Tür stehen und hält Wache. Schließlich ist die Toilettentür nicht absperrbar. Im Anschluss wird gewechselt und Esther passt nun vor der Tür auf.

DanzigNach der Stärkung geht es die wenigen Meter zum Strand. Eine freie Bank inmitten des feinen Sandes wird als Ausgangsbasis für unsere nächsten Aktivitäten ausgewählt. Wir entledigen uns hier unserer Schuhe und Socken, Taschen und Rucksäcke. Sven bleibt freiwillig an der Bank zurück und wacht über unsere Sachen, während der Rest unserer kleinen Reisegruppe sich ein paar Schritte ins Wasser wagt. Zum Baden ist die Wassertemperatur noch etwas frisch, aber zum Baden sind wir auch nicht nach Sopot gekommen. Er reicht völlig mal mit den Füssen im Salzwasser zu stehen, den weichen Sand zwischen den Zehen zu spüren. Der geringe Wellengang ist nicht in der Lage für eine nasse Hosen zu sorgen. Doch selbst wenn man sich durch Ungeschicklichkeit den Hosensaum nass macht, würden die aktuellen Temperaturen von knapp unter 30 Grad ein solches Missgeschick schnell wieder ausbügeln. Beim Tapsen durchs flache Wasser bleibt der Blick überwiegend nach unten gerichtet. Schließlich will man nicht den Bernsteinfund seines Lebens verpassen. Doch außer ein paar bräunlichen Krümeln wird nichts gefunden, was auch nur annähernd wie Bernstein aussieht. Bei der Bernsteinsuche vergisst man schnell alles um sich herum und schon wird der Weg das Ziel, man entspannt noch mehr. Die paar Minuten im flachen Ufer der Ostsee kommen mir wie Balsam für die Seele vor. Im Gegenzug tut mir nun Rücken weh. Das konstante „Nach-unten-schauen“ fordert halt seinen Preis. Herrjeh, ein Grund zum Jammern findet sich wohl immer und überall.

Im Anschluss sitzen wir noch einige Zeit auf unserer Bank am Strand und lassen unsere Füße trocknen. Es dauert einen guten Moment bis der feine trockene Sand an den Füßen abfällt und wir in die Socken und Schuhe schlüpfen können. Wie fast zu erwarten war, funktioniert das bei Esther nur bedingt. Irgendwas reibt in der Folgezeit und bis zum Abend hat sie sich ein paar Blasen gelaufen.

Zurück auf dem Kurplatz zieht uns eine Vielzahl von Souvenirläden magisch an. Hier findet jeder den Sopot-Magneten seines Geschmacks oder das passende Bernstein-Collier für den stilvollen Strandbummel. Die Auswahl ist allerdings erschlagend. Ist man mancherorts bereits über ein einziges Magnet für den heimischen Kühlschrank glücklich, so finden sich hier mehrere Ständer mit Dutzenden Magneten. Nach langer Sucher wird eines dieser Dinger endlich erstanden. Wenn man erstmal damit begonnen hat, den Kühlschrank mit Magneten aus allen möglichen Gegenden zu schmücken, wird man schnell süchtig nach Verkaufsständen, an denen Mitbringsel aller Art den Touristen angeboten werden.

Wollten wir nicht eigentlich ein Eis essen? Auf bzw. am Kurplatz gibt es alle möglichen „Fressbuden“, aber Eis wird an keiner einzigen angeboten. Also schlendern wir den Boulevard entlang, stets darauf bedacht möglichst im Schatten zu bleiben. Die Sonne brutzelt grad alles, was sich ihr in den Weg stellt, gnadenlos hernieder. Mit einer soliden Kopfbedeckung und einer Sonnenbrille bin ich bestens gewappnet gegen den solaren Dauerstress. Um Esther hingegen mache ich mich eher Sorgen. Trotz Sonnenschutzcreme mit Lichtschutz unlimited braucht es bei ihr nicht viel, damit ihre Haut ins krebsrote wechselt. Die Woche ist noch lang und ein durch Unachtsamkeit erworbener Sonnenbrand kann sämtliche Planungen für den Rest der Woche über den Haufen werfen. Doch meine fürsorglichen Gedanken erweisen sich als unnütze Verschwendung von Hirnaktivität. Es ist nämlich genug Schatten für alle da.

DanzigDie Suche nach Eisdielen erweist sich als recht anspruchsvoll. Erst im Anschluss an einen Spaziergang einigen Luxushotels entlang und einen Park hindurch findet sich tatsächlich ein verdächtig offenes Fenster, aus dem Eis verkauft wird. Selbstverständlich gibt es hier unser Twister Eis. Sven verweigert erneut die Nahrungsaufnahme und Karin spendiert ein paar Tropfen des leckeren Eises ihrem Shirt. Mangels Wechselkleidung muss man das Bekleckern mit Humor sehen, ändern kann es eh nicht. Bis auf Sven hat sich nun jeder einmal mit Eis bekleckert. Sollte er sich weiterhin beharrlich weigern ein Eis zu essen, sehe ich mich gezwungen, ein Video aus Antwerpen hervorzukramen. Darin wird nachgewiesen, dass man sich beim Pommes essen auch mal mit Mayonnaise bekleckern kann.

III

An Sopot konnten wir nun einen Haken machen. Thema erledigt. Wir nutzen unsere heute Morgen erworbenen Kenntnisse an Fahrkartenautomaten, setzen uns in einen dieser gelb-blauen nostalgischen Züge und sind nach kaum einer halben Stunde Fahrt wieder in Danzig. Im Fußgängertunnel hinüber zum Hotel befindet sich ein Backwarenstand. Der Bäckereifachverkäuferin ist offensichtlich klar, dass sie heute wohl auf einen Großteil ihrer Backwaren sitzen bleibt. Die Auslagen sind noch gut gefüllt und der Feierabend schon so nahe. So etwas würde mir auch schwer auf den Magen schlagen. Ihr finsteres Gesicht sorgt jedenfalls erfolgreich dafür, dass sich niemand sich in die Nähe des Verkaufsfensters wagt. Ein Teufelskreis…

Inzwischen sind wir mit der innerstädtischen Wegeführung hinlänglich vertraut. Links, rechts, nochmal links und gleich wieder rechts und dann immer nur noch geradeaus - treffender kann man den Weg vom Hotel Scandic zur Langgasse nicht beschreiben. Es ist an der Zeit sich der abendlichen Nahrungsaufnahme zu widmen. Karin versucht erst gar nicht die beiden männlichen Dickschädel vom Gebrauch ihres papiernen Reiseführers zu überzeugen. Es benötigt keinen einheimischen Fährtenlesers um im Bereich Ziegengasse und Lange Gasse den Standort einiger ansprechender Restaurants ausfindig zu machen. Die Vielzahl an Gourmettempeln wirkt erschlagend, dass die Wahl eines von allen vieren akzeptierten Restaurants relativ schwer fällt. Das Angebot geht von Fisch über Pizza zu Burger und so weiter. Wir sind auf der Sucher nach der typisch einheimischen Küche. Unsere Wahl fällt deshalb auf ein polnisches Restaurant, dem „Restauracja EURO“ unweit des Goldenen Tores.

Die Schwierigkeiten enden jedoch nicht mit dem Betreten der Gaststätte. Die englischen Übersetzungen in der Speisekarte sind recht wage und hin und nicht selten tauchen dort Begriffe auf, deren Bedeutung überhaupt nicht zu ergründen sind. Die Polen neigen schnell dazu extrem zu werden, wenn es um Nahrung geht. Wenn ich mich nicht irre, stehen Innereien besonders groß im Kurs. Genau damit kann man mich jagen. Also besser eine Experimente mit Speisen beginnen, deren Namen man nicht lesen oder aussprechen kann. Piroggen hingegen sind beileibe nicht unbekannt.

DanzigAls kleiner Junge besaß ich ein Buch mit russischen Volksmärchen und die Geschichten um Ilja Muromez haben mich damals schwer in den Bann gezogen. Und was kam in den meisten Märchen auf den Tisch? Piroggen! Letztendlich hat es fast ein halbes Leben gedauert, bis diese gefüllten Teigtaschen vor mir auf dem Tisch standen. Das war vor wenigen Jahren bei einem Kurzurlaub im schönen Zittau. Im Dornspachhaus, eines der urigsten historischen Restaurants der Neiße-Stadt wurden auch polnische Gerichte wie etwa Piroggen auf der Speisekarte angeboten. Heute im Restaurant EURO in Danzig gibt es also leckere Piroggen und als Belohnung für das tapfere Durchhalten ein Goldwasser für jeden einzelnen von uns. Klingt doch ganz gut, oder? Und der Tag ist noch nicht vorbei.

Apropos Goldwasser, jener legendären Spirituose aus Danzig: Mehrere Legenden ranken sich um das Entstehen des durchaus leckeren Kräuterschnapses. So wird beim Auftragen von Blattgold der Pinsel zuvor in ein Glas mit Alkohol tunkt, weil nur so das hauchdünne Blattgold am Objekt haftet. So blieben stets Reste des Blattgoldes im Alkoholglas zurück. Diese nun glitzernde Flüssigkeit soll dann mit Kräutern versetzt und auf Trinkstärke reduziert worden sein. Eine andere Theorie besagt, dass Gold und Silber in früheren Zeiten selbst als Heilmittel galt und goldhaltige Getränke gewissermaßen auch als Statussymbol galten. Doch auch wenn die Firma Lachs aus Danzig einst diesen Gewürzlikör herstellte und in alle Welt vertrieb, so wird Goldwasser aktuell gar nicht in Polen, sondern in Nörten-Hardenberg in Niedersachsen hergestellt. Da aber Goldwasser genauso wie Bernstein zu Danzig gehört, wird der in Deutschland fabrizierte Likör hier in Danzig angeboten, als würde das leckere Zeug noch immer in einer Kellerdistellerie in Danzig zusammengemischt.

IV

Wieder zurück im Hotel verabschieden sich Karin und Sven auf ihr Hotelzimmer. Die beiden gönnen sich eine Juniorsuite, logieren also hier wie der europäische Hochadel und lassen es sich verdientermaßen richtig gut gehen. Unser Zimmer ist kaum halb so groß und deutlich weniger luxuriös ausgestattet. Was sollen wir also auf solch einem kleinen unluxoriösen Zimmer, wo doch der Abend eben erst begonnen hat?

DanzigUnser Weg führt uns in die Hotellobby. Dort verdrücken uns in eine kuschelige orangefarbene Couch unweit der Hotelbar, direkt neben der Rezeption, einer Tischtennisplatte und einem Tischkicker. Sollte die Langeweile heute Abend um sich greifen, ist sicher nicht auszuschließen, dass wir letztgenannte Freizeiteinrichtungen lautstark in Besitz nehmen werden. Und anschließen entern wir die Rezeption, nur so zum Spaß. Doch dazu müssen wir uns einiges an Mut antrinken. Ein Besuch der Hotelbar ist unumgänglich. Ich bestelle Aperol Spritz und irgendeinen irischen Whiskey den ich zu meiner Überraschung nicht kenne. (An dieser Stelle knüpft der Blog "BTI, oder: Wer will Millionär werden?" an)

Von Langeweile gibt es hier nicht die leiseste Spur. Hier im Erdgeschoss ist richtig was los. In den Konferenzräumen des Hotels findet gerade ein Businessmeeting statt. Schlipsträger stürmen durchs Foyer, meist um vor der Eingangstür einen Glimmstängel in Rekordgeschwindigkeit wegzuatmen. Der Regen macht ihnen nicht das geringste aus. Der eine oder andere kehrt gut durchnässt von der Raucherpause zurück. Wenn man es erst einmal derart nötig hat… Esther und ich bekommen auf unseren gar nicht so billigen Plätzen einiges geboten. Und selbst wenn wir mit unserer Einschätzung der Situation völlig daneben liegen, egal, wir fühlen uns gut unterhalten.

Die Veranstaltung ist schließlich vorbei. Die geladenen Veranstaltungsgäste waren gekommen um etwas mitzunehmen und gehen nun mit mehr oder weniger prallgefüllten Papiertüten an uns vorbei. Und gleich werden sie nass, weil es draußen regnet. Für uns hingegen gibt es an der Bar noch einmal neue Getränke. Irgendwann später wird es auch für uns Zeit das Hotelzimmer aufzusuchen. Der Tag war lang und verdammt warm. In der Hoffnung, dass die Klimaanlage für uns eine Eishöhle gezaubert hat, fahren wir mit dem Fahrstuhl die Unendlichkeit von drei Stockwerken hoch. Es ist tatsächlich nicht mehr so warm im Zimmer, jedoch zum Schlafen ist es noch längst nicht kühl genug.

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