Tag 4 | Einmal Danzig – Kolberg und zurück | Tag 6
Tag 5: Marienburg
I
Man wacht auf, ist froh, dass diese Nacht endlich zu Ende ist und stellt dann ungläubig fest, dass der Wecker noch schläft. Es ist fünf Uhr dreißig. Also drehe ich mich um und versuche es doch noch mal mit etwas Schlaf. Kurz darauf klingelt der Wecker tatsächlich und man wünscht sich, dass die Nacht noch nicht zu Ende ist. Ein Königreich für den lieben Engel, der voller Mitleid sagt: „Schatz, dreh Dich wieder um. Schlafe Dich aus! Ich bringe Dir Dein Frühstück aufs Zimmer.“ Esther beendet mitleidlos jede Träumerei und jagt mich aus den Federn. Erst wartet die Dusche und dann Sven und Karin beim Frühstück.
Nach dem Frühstück suchen wir das Parkhaus auf, in dem wir den Leihwagen gestern abgestellt haben. Die zu entrichtenden Parkgebüren sind erschwinglich. Das sollten sie auch, denn für die aus vielen Lautsprechern aller Decks laufenden Musik wollte ich eigentlich nicht zahlen. Dass Gemüse bei klassischer Musik schneller wächst, hab ich gehört, aber dass sich Autos wohler fühlen, wenn die pausenlos mit Rock und Pop beschallt werden, ist mir neu.
An dieser Stelle ist es angebracht darauf hinzuweisen, dass heute Fronleichnam ist. Dieser Tag ist nicht nur in den katholisch geprägten Bundesländern in Deutschland ein Feiertag. „Happy Kadaver“ ist in ganz Polen ein Feiertag und dementsprechend haben heute viele frei. Aus diesem Grund kam uns die Idee mit dem Ausflug, da anzunehmen ist, dass an einem Feiertag in Danzig einige Geschäfte geschlossen sein könnten. Fronleichnam ist in Polen nicht nur irgendein Feiertag. Seit Tagen werden Kreuze, Kapellen und dergleichen mit weiß-blauen und gelb-weißen Bändern sowie Blumen geschmückt, wovon wir uns nicht nur heute, sondern auch an den nächsten Tagen noch überzeugen können.
Unser Ziel Marienburg (oder auf polnisch Malbork) befindet sich etwa sechzig Kilometer entfernt in südöstlicher Richtung von Danzig. Wir verlassen Danzig über die S7 in Richtung Warschau. Oder eben nach Lodz. Es geht hier in Polen immer irgendwie nach Lodz. Egal von wo wir kamen oder wo immer wir hinwollten. Der Wegweiser in Richtung Lodz war schon da. Auf der Schnellstraße sehen wir häufig Warnschilder, auf denen vor Rehen und Hirschen gewarnt wird. Die Tiere auf den Schildern ähneln jedoch eher afrikanischen Antilopen auf der Flucht vor irgendwas Bissigem. Kaum haben wir die Weichsel überquert, warnen uns Verkehrsschilder vor Elchen. Wozu also nach Schweden fahren, wenn es diese Schilder auch im Nachbarland gibt?
Die Schnellstraßen sind durchweg in bestem Zustand. Etwa dreißig Kilometer vor unserem Ziel verlassen wir die S7 und werden den Rest auf einer Landstraße zurücklegen. Mit zunehmender Entfernung zu größeren Ortschaften nimmt die Beschaffenheit der Landstraße merkbar ab. Die wenigen durchfahrenen Dörfer sehen zum Teil recht verwahrlost aus. Es gibt eindeutig bewohnte Häuser, deren Dächer aber kaum noch vor Niederschlägen schützen. Dachrinnen braucht es in diesem Fall nicht mehr, Zäune gibt es nicht und der Vorgarten gleicht einer verwilderten Mülldeponie, in der ein altes Auto gerade eins mit der Natur wird. Im selben Ort: neugebaute moderne Eigenheime, mit hübschen Zaun um das gepflegte Grundstück und einem dicken deutschen SUV in der Einfahrt.
In beinahe jedem Dorf finden sich die wunderbar geschmückten Kapellchen mit Marienfigürchen und großen hölzernen Kreuze. Andererseits gibt es kaum Kirchen auf dem Land, dafür aber recht viele Storchennester. Über einen möglichen Zusammenhang wage ich gar nicht erst nachzudenken. Die dreißig Kilometer auf der Landstraße ziehen sich, können aber dennoch nicht verhindern, dass wir unser Ziel irgendwann erreichen. Links neben uns schlängelt sich der Fluss Nogat an der Straße entlang. Auf der gegenüberliegenden Seite des Nogats befindet sich eine mächtige ziegelrote Burg. Dies ist die Marienburg des ehemals mächtigen Deutschen Ordens - oder wie in englischsprachigen Prospekten zu lesen ist: „The Teutonic Castle“.
Bereits im Vorfeld wurde sich um eine geeignete Parkmöglichkeit umgesehen und in angemessener Entfernung zur Burg entdeckt. Allerdings kann niemand damit rechnen, dass die Zufahrt zum Parkplatz für Fahrzeuge, die aus unserer Richtung kommen, nicht möglich ist. Diese Tatsache eröffnet sich uns natürlich erst vor Ort. Wegweiser mit Parkplatz-Alternativen haben wir bis zu diesem Zeitpunkt nicht entdeckt. Also fahren wir nach Gefühl weiter und schauen uns suchend um. Ein Wegweiser kennt den Weg zur Burg. Wir folgen der gewiesenen Richtung und wären auch fast bis zum Parkplatz durchgekommen, wenn uns nicht wenige Meter zuvor eifrige Ordner in ein Parkhaus „Bastion“ geleitet hätten. So also schauen die Wegelagerer der Neuzeit aus? Schlägt sich dieser Service im Preis des Parktickets wieder?
Egal, wir parken nun nur einen Katzensprung von der Burg entfernt, was wollen wir mehr? Für die Zukunft lernen wir aber, dass viel Vorbereitung nicht immer eine stressfreie Reise garantiert. Manchmal ist es angesagter, dreist draufzuhalten und bis zum Ziel zu fahren. Erst beim Erreichen des selbigen wird nach einer Parkmöglichkeit geschaut und keinen Meter eher. Selbst wenn man deshalb auf der heruntergelassenen Zugbrücke wenden muss.
II
Einst bewohnten Kreuzritter in Jerusalem jenes Haus, in dem Jesus mit seinen Jüngern das letzte Abendmahl abhielt. Einen Stein dieses Hauses nahmen die Kreuzritter mit und setzten ihn als Grundstein für die Marienburg, weshalb der Bau unter göttlichem Schutz stehe. So also eine Sage von der Entstehung der Marienburg.
Wenn man über die Marienburg redet, kommt man an einigen Superlativen nicht herum. Die Marienburg ist die größte aus Backstein erbaute Burg der Welt. Bis vor wenigen Jahren war sie noch die größte Ruine einer aus Backsteinen gebauten Burg auf diesem Planeten. Der 2. Weltkrieg bekam der Burg schlechter als alle Kriege und Belagerungen in etwa 700 Jahren Geschichte der Burg. Wer die Fotos der Zerstörungen von 1945 gesehen hat, der versteht sicher meinen größten Respekt vom landjährigen Wiederaufbau durch die Polen. An der Farbe der Steine in den Burgmauern erkennt man, was von der ursprünglichen Bausubstanz erhalten blieb und was während des Wiederaufbaus erneuert wurde.
Wir haben die Wahl zwischen einem Ticketautomaten an der Außenwand oder einer Kasse im Inneren des Infocenters. Uns IT-Experten stellt sich die Frage nicht. Alles was Knöpfe hat will von uns gedrückt werden! Der Automat macht uns allerdings den Ticketerwerb nicht leicht. Wir wollen eigentlich nur in die Marienburg und bekommen statt dessen eine Vielzahl an Optionen eröffnet, deren tatsächliche Bedeutung nicht klar ist. Dementsprechend sind wir froh als wir die Tickets endlich in den Händen halten. Aber nun… Wir folgen der Anziehungskraft des polnischen Tourismusmagneten und stoppen sofort wieder. Wollen wir allen Ernstes ohne jeden Plan die größte Backsteinburg der Welt betreten? Das kann nur in die Hose gehen. Also noch einmal zurück zum Info-Center, wo wir gegen Vorlage der Tickets Audioguides ausgehändigt bekommen. Mit diesen Dingern macht ein Rundgang endlich Sinn.
Der Audioguide funktioniert folgendermaßen: er meldet sich stets beim Erreichen eines bestimmten Ortes innerhalb der Burgmauern und prügelt uns die historischen und architektonischen Fakten im besten Deutsch humorlos um die beziehungsweise in die Ohren. Bewegt man sich rückwärts an bereits besuchte Orte, dann gibt es die schon gehörten Informationen ein zweites mal zu hören. Esthers Audioguide hatte indes Erbarmen und lässt hier und da einige Bereich unkommentiert, was jedoch die allseits interessierte Esther wenig humorvoll findet.
Wo immer man auch hinschaut, überall dominiert das rot der Backsteine. Auf geht's, erkunden wir das alte Gemäuer einmal näher. Erst einmal wandern wir außen ein Stück entlang bis zu einem Tor in der äußeren Mauer. Inzwischen haben alle die Kopfhörer des Audioguides auf den Ohren und lauschen gebannt den ersten Informationen. Nach dem Durchschreiten des ziemlich hohen Tores erreichen wir die Vorburg. Mit einer Burg haben die Gebäude wenig zu tun, weshalb sie und auch nicht wirklich interessieren. Hier kann man noch ohne Eintrittskarte frei bewegen. Das ändert sich am nächsten Tor, durch welches man auf eine hölzerne überdachte Brücke gelangt und schließlich das Mittelschloss betritt. Unglücklicherweise betreten wir die Burg nicht allein, sondern in Begleitung einer größeren Gruppe. Das ist an und für sich kein größeres Problem, hindert mich beim Fotografieren doch ungemein.
Das Mittelschloss ist also erreicht. Ringsumher befinden sich wichtige Gebäude des mittelalterlichen Burglebens, wie die Großkomturei, Gästekammer, die Küche, die Krankenstation, eine Hauskapelle, Küche und Rittersaal. Das Highlight der Mittelburg ist fraglos der Hochmeisterpalast. Doch weder diesen noch irgendein anderes Gebäude schauen wir uns näher an. Nicht, dass das nicht möglich gewesen wäre. Wir kommen einfach nicht auf die Idee und irgend etwas lockt uns einfach weiter in Richtung Hochschloss.
Auch wenn wir uns die Besichtigung des Hochmeisterpalast entgehen lassen - Ein paar Worte zur sagenumwobenen Kanonenkugel im Gemäuer neben dem Kamin des Speisesaals sind dennoch angebracht. Der Sage nach sollte während der Belagerung der Marienburg im Jahr 1410 durch den polnischen König Władysław II. Jagiełło der Sommersemter zum Einsturz gebracht werden, indem die einzig tragende Säule des Saales mit einer Kanonenkugel ihrer Tragfähigkeit beraubt wurde. Das einstürzende Gewölbe sollte den anwesenden Hochmeister Heinrich von Plauen und seine Berater erschlagen. Man schoss jedoch knapp vorbei und die Kugel blieb in der Wand über dem Kamin stecken. Was für den Wahrheitsgehalt der Sage spricht, nun, die Kugel steckt noch immer sichtbar in der Wand. Warum die Polen es bei einem Versuch bleiben ließen, bleibt für immer deren Geheimnis. Wahrscheinlich waren Kanonenkugeln in jenem Sommer knapp und man musste sparsam damit umgehen.
Kurz vor dem Tor ins Hochschloss steht eine Gruppe von Statuen, vier Hochmeister, unter denen sich ein alter bekannter aus meiner Sagensammlung befindet. Albrecht von Brandenburg war nicht nur Erzbischof von Magdeburg und Mainz und ranghöchster kirchlicher Würdenträger der heiligen römischen Reiches, nein, er war auch größer Gegenspieler eines gewissen Martin Luthers. Und hier steht er nun als Statue herum.
Wir erreichen das Tor zum Hochschloss und müssten nun eigentlich über Brücke wagen, bei der man zwischen die Bretter hindurch schauen kann. Das ist etwas, was Esther nicht leiden kann. Doch statt über die Brücke biegen wir nach links ab und steigen die Stufen in den Burggraben hinab, der gar kein Burggraben ist und wahrscheinlich auch nie einer war. Dennoch hat er definitiv Verteidigungszwecken gedient, und wer während eines Angriffs in diesen Graben gerät, der hatte hoffentlich seinen Schutzengel dabei oder einen guten Plan im Kopf. Oder beides. Das hier ist eine Todesfalle. Keine Chance zu entrinnen, rechts und links steigen steile Backsteinmauern hoch und von Seiten der Verteidiger wird's wohl schmerzhafteres als Knallfrösche auf den Helmbewehrten Kopf gegeben haben. Dennoch gibt es in diesem Graben mehr zu sehen als hohe rote Wände.
Der Burggraben endet unvermittelt an der Annenkapelle, die den Bereich zwischen den Mauern komplett auffüllt. Oberhalb der Kapelle befindet sich die Marienkirche und eine acht Meter hohe Marienfigur. Ein paar Sagen ranken sich um diese Madonnenfigur, die nach Jahren der Zerstörung heute wieder weithin sichtbar ist. Der Steinmetz, der die Figur einstmals schuf, wollte sich nicht von dem Madonnenbildnis trennen. Der Tag der Übergabe kam näher und so entzündete der Steinmetz vor der Madonna eine geweihte Kerze und betete unter Tränen. Darüber hat die Madonna voller Gnade gestrahlt. Der Steinmetz fand sogleich für der Madonnenstatue seinen seligen Frieden.
Eine andere Sage spricht an einem Armbrustschützen, der auf das Marienbildnis zielte, um es zu zerstören. Der Schütze erblindete ohne einen Schuss abzugeben. Ein anderer Soldat, der einen Pfeil auf die Statue abgeschossen hatte, wurde von seinem eigenen zurückprallenden Pfeil tödlich ins Herz getroffen. Soweit also die Sage.
Wir betreten die dunkle Kapelle, in der sich die Gräber mehrerer Hochmeister befinden und verlassen sie auch schon direkt wieder auf der Gegenüber liegenden Tür. Nun befinden wir uns wieder im Burggraben, der hier verschiedene Hochmeistergräber beherbergt. Der Graben selbst wandelt sich mehr und mehr in eine Wohlfühloase, es ist grün, sogar ein Rosengarten mit sehr gepflegten Rosenstöcken kommt darin vor. Für eine das Schloss um schließende Dornenhecke wird es allerdings nicht reichen, diese Rosen sind nicht zu Verteidigungszwecken, sondern aus floristischen Gründen schon vor sehr langer zeit angepflanzt worden. Damit hätten wir die erste Burggrabentour beendet und stehen erneut vor der Frage: Trauen wir uns über die Brücke hinein ins Hochschloss? Haben wir eine Wahl? Wenn wir wissen wollen, was uns die Stimme des Audioguides weiterhin zu verraten hat, dann müssen wir hier und jetzt weiter. Also, Augen zu und durch!
III
Und damit befinden wir uns nun im Hochschloss, dem Teil der Burg, der am ältesten ist und von der Architektur völlig anders ausschaut, als jede andere Burg, die ich bislang besucht habe. Der rote Backstein ist allgegenwärtig. Wir stehen auf dem Innenhof. Auf allen vier Seiten geht es mindestens drei Etagen hoch, gefolgt von einem hohen Spitzdach, welches sicher auch noch einmal zwei Etagen beherbergt. Die hohe Anzahl der Touristen führt immer wieder zu kurzen Behinderungen meines Entdeckerdranges. Leider sind wir komplett auf die Erklärungen des Audioguides angewiesen. Aufsteller mit Erklärungen sind hier Mangelware. Dabei gibt es an jeder Ecke eine Kleinigkeit zu bestaunen. Also mache ich mich zum Affen und nähere mich interessanten Objekten aus verschiedenen Winkeln, in der Hoffnung, dass der Audioguide sich vielleicht doch meldet und mich mit einigen höchst interessanten Brocken der Deutsch-Polnischen Geschichte begeistert. In wenigen Fällen gelingt das auch und in allen anderen Fällen muss dann halt meine Fantasie herhalten.
In der ersten Etage führt uns der Weg direkt zur Goldenen Pforte, dem Eingang in die schon genannte Marienkirche. An der Goldenen Pforte befindet sich das „Gleichnis von den klugen und törichten Jungfrauen“. Man erblickt zu beiden Seiten der Pforte je fünf Jungfrauen, die einen froh, die anderen traurig. Erstere sind klug und tagendhaft und haben Ölflaschen und Öl dabei. Die anderen fünf jedoch vergaßen das Öl für ihre Ölflaschen und gelten deshalb als dumm und töricht. Hinter der Geschichte versteckt sich ein Text aus dem Matthäusevangelium. Johann Sebastian Bach schrieb zu diesem Thema einst die Kantate „Wachet auf, ruft uns die Stimme“. Ich schweife ab…
Hinter der Pforte befindet sich die Marienkirche, die wir, wie so viele andere Räumlichkeiten der Marienburg nicht betreten. Dies ohne Grund, ohne zeitlichen Druck oder persönlicher Zwänge. Dabei hätte sich auch ein besuch der Kirche sehr gelohnt. Der Krieg hatte hier besonders tiefe Narben geschlagen, die beim Wiederaufbau teilweise erhalten bleiben sollten. Auch sorgten die Zerstörungen dafür, dass alte Wandmalereien wieder freigelegt wurden. All das hätten wir uns anschauen können. Haben wir aber nicht.
Genau gegenüber auf dieser Etage zweigt ein Gang ab. Am Abzweig entdeckt man ein Teufelchen, von dem der Audioguide meint, dass der verkniffene Gesichtsausdruck darauf hinweist, dass sich am Ende des Ganges die Toiletten befinden. Der Gang ist genaugenommen die Brücke hinüber zum Dansker, einem freistehenden Turm. Dieser Turm ist nicht nur für die Erleichterung gewisser körperlicher Bedürfnisse gedacht. Es ist auch gleichzeitig die letzte Fluchtmöglichkeit der Burginsassen, wenn die Burg in die Hände der Belagerer fällt. Wie oft die verbliebenen Ritter hier auf Rettung hoffend ausharrten, ist leider nicht überliefert. Was aber überliefert ist, dass man sich nach Benutzung eines der Plumpsklos mit Salatblättern den Allerwertesten sauer wischte. Zum Beweis wurden einige Exemplare der Salatblätter bei den Klos ausgestellt. Die Aussicht vom Dansker ist recht interessant sei es hinaus ins Land oder an der seitlichen Burgmauer entlang hinüber zum Hochmeisterpalast.
Von da an wollte unser Audioguide nicht mehr mit uns reden. Aber irgendwo musste doch die Geschichte weitergehen. Also gingen wir zurück auf den Hof, den übrigens ein schöner überdachter Brunnen zierte, und von dort die wenigen Schritte zurück zur Brücke. Hier nun meldete sich die Stimme in den Kopfhörern und überredete uns einen neben der Brücke befindlichen Eingang zu betreten. Ahnungslos tun wir dies und stehen unvermittelt an einer sehr engen und ziemlich steilen Wendeltreppe nach unten. Eine Treppe wie geschaffen für heroische Degenduelle zweier um Ruhm und Ehre kämpfender Ritter. Oder um sich einfach nur nach unten zu tasten. Diese enorm enge Wendeltreppe spielt für uns den „Point of no return“. Unten angekommen stellen wir fest, dass wir den unmittelbaren Burgbereich nun verlassen haben. Um nochmals an einige Sehenswürdigkeiten wie etwa den Speisesaal im Hochmeisterpalast zu gelangen, erneut eine Eintrittskarte kaufen müsste. Verdammt! Wurden wir gerade von einem Audioguide ausgetrickst?
Aber noch sind wir nicht ganz draußen. Wir stehen erneut in einem Burggraben, der jedoch um einiges tiefer ist als der vorherige. Hoch oben über uns führt die Brücke ins Hochschloss. Na gut, dann schauen wir mal, was uns der Audioguide hier zu berichten hat. In der Zwischenzeit hat es zu Regnen begonnen. Außer einer unglaublichen Menge an rotem Backstein gibt es hier wenig zu betrachten. Die Reste einer Getreidemühle etwa, bei der hölzerne Zahnräder an der Wand hängen. Oder der Bereich direkt unterhalb des Danskers, des Turmes, in dem sich im Obergeschoss die Plumpsklos befinden. Also direkt über uns, gleich da oben sind die Maueröffnungen… Hier möchte man nicht sein, wenn da oben jemand sein Geschäft verrichtet. Und nun Kopfkino aus!
Wir verlassen die den unmittelbaren zahlungspflichtigen Burgbereich. Ein sanft ansteigender Weg führt uns aus dem äußeren Burggraben hinaus und direkt auf einen Bretterbude zu, an der einige Jugendliche die Audioguides einsammeln. Noch immer tröpfelt es leicht. Dennoch bleiben wir nach dem Rundgang an einem Tor sitzen. Für den einen ist dies ein passender Zeitpunkt noch ein paar Fotos zu machen, unter einem Torbogen in die Höhe zu springen und dabei alle Viere von sich zu strecken oder sich einfach nur über das aktuelle Wetter zu wundern. Die anderen Drei genießen den Moment, in dem sie herumsitzen und nichts tun. Warum auch nicht.
IV
Tatsächlich wird das Wetter von nun an besser und kurz darauf hält man es in der Sonne kaum noch aus. Eine Toilette käme gerade recht. Aber die ausgewiesenen WCs rund um und in der Burg sind entweder geschlossen, nicht mehr vorhanden oder ohne gültige Eintrittskarte nicht erreichbar. Wir ziehen uns deshalb zum Kassenbereich zurück. Entweder finden wir hier eine Toilette oder wir kaufen uns nochmals Eintrittskarten, besuchen noch einmal den Dansker und verrichten dort unser Geschäft. Doch wir (und die Gäste, die möglicherweise zur falschen Zeit unterm Dansker unterwegs gewesen wären) haben Glück! Im Info-Center gibt es blitzeblanke Toiletten, die dreiviertel unserer kleinen Reisegruppe zu schätzen und zu nutzen wissen.
Und wo wir schon einmal hier sind, können wir direkt den Souvenirladen besuchen. Ich finde tatsächlich ein Sagenheftchen in deutscher Sprache. Die dafür verlangten 16 Euro entsprechen dem in Deutschland verlangten Preis für ein solches dünnes Heftchen. Das Preis-Leistungs-Verhältnis passt hierbei nicht wirklich. Dann die Erkenntnis: ich habe falsch hingeschaut - der Preis ist 16 Zloty und nicht Euro, was das Pendel in Sachen Preis-Leistungs-Verhältnis sofort zur anderen Seite umschlagen lies. Für vier Euro wandert das Heftchen in unseren Rucksack.
Mit der Marienburg bin ich noch nicht fertig. Nach lange nicht! Um vielleicht einen besonders schönen Blick auf die Burg zu erhaschen, spazieren wir einen asphaltierten Weg direkt am Fluss entlang. Wir erreichen die flussseitige Seite jenes Burgtores, an welches wir vor einigen Momenten noch ein paar Momente ausruhten. Nein, Schnappschüsse sind hier bestenfalls vom Fluss, aber nicht von der Marienburg möglich. Also spazieren wir wieder zurück und ich wage mich allein auf eine schwankende Fußgängerbrücke über den Nogat. Doch auch hier sind sehenswerte Fotos nicht möglich. Ich bin immer noch zu nah am Objekt. Noch näher geht mir jedoch das Wippen und Schwanken der Brücke. Bevor ich deshalb eine mittelprächtige Panikattacke bekomme, verlasse ich schnellen Schrittes die fußläufige Flussüberquerung, statt mein Glück von der gegenüberliegenden Seite des Nogat zu versuchen.
Ein kleiner Markt lädt auf dem Rückweg zum Einkehren ein. Sven möchte hier gern etwas essen, doch neben einem Brotverkaufsstand gibt es nur einen Bierpavillon. Das mag ein wenig rustikal und im Ausnahmefall auch völlig ausreichend sein. Trocken Brot gibt's vielleicht in den Verliesen der Marienburg, aber nicht auf unseren Mittagsteller. Und Bier? Nein, dafür ist es noch etwas zu früh! Dennoch hat Sven an dem schicken kleinen Markt einen Narren gefressen und lässt sich nur schwer überzeugen, uns bei der weiteren Nahrungssuche zu begleiten. Am Parkhaus, das zugleich Hotel und Restaurant „Bastion“ beherbergt, können wir die Suche einstellen. Der Imbiss am Hotel „Bastion“ ist recht groß, und man kann, was für Sven nicht ganz unwichtig ist - draußen sitzen. Frische Luft ist schließlich gesund. Wir bestellen Burger und Getränke und erwerben zudem an der Kasse einen weiteren Magneten für den heimischen Kühlschrank.
Leider war dann irgendwann die Zeit gekommen von Malborg alias Marienburg Abschied zu nehmen. Das Parkticket war wider Erwarten bezahlbar. Wir sitzen auf und Esther lässt den Astra aus dem Parkhaus rollen. Malborg ist schnell durchquert, wir fahren über den Nogat und müssen dann doch noch einmal halten. Geht nicht anders! Vom jenseitigen Ufer des Nogat, eines Weichsel-Seitenarmes, ist die Sicht auf die Marienburg einfach sensationell. Die Skyline der Burg lässt sich von hier in seiner ganzen Pracht ablichten. Esther hält an einer geeigneten Stelle an, beide Svens springen aus dem Astra und suchen nach einer Lücke im Buschwerk, welche einen Blick über den Fluss zulässt. Die Lücken werden gefunden und anschließend Fotos gemacht bis die Linsen glühen. Doch auch das findet irgendwann ein Ende. Als sich dann der Letzte endlich bequemt, seinen werten Hintern ins Auto zu bewegen, geht es auf dem selben Weg nach Danzig zurück, auf dem wir hier her fuhren. Vorbei an Storchennestern, geschmückten Marienstatuen und warnenden Elchschildern.
V
Zurück in Danzig geht's erst einmal aufs Hotelzimmer um uns den roten Ziegelstaub aus den Klamotten zu klopfen. Knurrt der Magen schon wieder? Wie schaut die weitere Abendplanung aus? Wir reden schließlich vom letzten gemeinsamen Abend mit Karin und Sven hier in Danzig. Wir einigen uns darauf, die Speicherstadt etwas eingehender unter die Lupe zu nehmen. Glaubt man der Karten-App, dann befinden sich dort Restaurants wie Sand am Meer. Und da das Meer kaum einen Wimperschlag weit entfernt ist, müssen wir der App einfach mal glauben.
Der einfachste und schnellste Weg zur Speicherstadt führt zu Fuß vom Hotel zur Altstadt, quer durch die Rechtstadt und dann über die Brücke am Grünen Tor. Das sind wir alles schon einmal gelaufen und kennen inzwischen auch schon die eine oder andere Abkürzung. Kurz vor der Marienkirche sprechen uns zwei amerikanische Touristinnen an und fragen nach dem Rathaus. Englisch verstehen und Englisch sprechen sind bei mir zwei verschiedene paar Schuhe. Normalerweise bin ich durchaus in der Lage in einer angemessenen Zeit eine brauchbare Antwort zu liefern. Aber heute stehe ich auf dem Schlauch und erkläre den Weg mit allen zur Verfügung stehenden Körperteilen. Die beiden Amerikanerinnen scheinen zu verstehen, fragen aber trotzdem verschmitzt lächelnd etwas ungläubig nach, ob wir tatsächlich Deutsche seien. Oh, wovon gehen die Beiden denn aus? Etwa, dass Englisch in Deutschland zur Muttersprache erhoben wurde, was bei all der Amerikanisierung während der letzten Jahrzehnte nicht verwunderlich wäre.
Zwei Querstraßen später landen wir in der Mariacka, der Gasse der Bernsteinverkäufer. Sven geht von Stand zu Stand und betrachtet interessiert die Vielzahl der ausgestellten Bernsteinexponate. Von hier an nimmt der Besucherstrom allmählich zu. Das weiterhin warme Wetter sowie der heutige Feiertag sorgen für überfüllte Gassen. An Stellen, wo Baustellen die Breite der Fußgängerwege einschränken, scheint ein Vorbeikommen fast unmöglich. Egal, wir müssen da durch wenn wir über die Brücke in die Speicherstadt wollen. Schließlich gibt es den besten Blick auf die bekannteste Danziger Sehenswürdigkeit - dem Krantor - von gegenüberliegenden Ufer der Mottlau. Wir quetschen uns also über die durch eine Baustelle arg eingeengte „Grüne Brücke“. Und tatsächlich, der Blick auf die Altstadtseite ist bemerkenswert. Würden nicht Baustellen Teile der Fassaden verdeckten und die Sonne aus einen anderen Winkel scheinen, wäre der Anblick sicher phänomenal. Auch steht die Sonne grad nicht optimal. Vor uns also die Fassaden der Altstadt, das Krantor und mittendrin das „Goldwasser“-Restaurant. Hinter uns wiederum Restaurants der Art, in der sich vieles um Sehen und Gesehen dreht. Die Preise in den Cafés und Gaststätten befinden sich deutlich über dem, was ich auszugeben bereit wäre. Den einfachen Werftarbeiter, dessen Vorgänger in blutigen Protesten einst den politischen Wandel des Landes in Gang brachten, wird man hier kaum zu Gesicht bekommen.
Trotz oder extra wegen der exquisiten Preise herrscht hier viel Andrang. Die Cafés sind gut gefüllt. Vielleicht sollten wir uns langsam nach einem freien Tisch in einem Restaurant mit unglaublich gutem Essen umschauen. Der Magen grummelt schon einige Zeit, doch bislang war ich voll und ganz damit beschäftigt, Fotos zu machen. Dass die gegenüberliegende Fassade in einem sehr ungünstigen Licht liegt, erwähnte ich bereits. Also hielt ich es für eine gute Idee möglichst viele Fotos aus verschiedenen Winkeln zu machen. Vielleicht habe ich Glück und entdecke später eine halbwegs brauchbare Ablichtung darunter. Doch damit bin ich nun fertig und habe Hunger.
Wir stranden im Celtic Pub „Whiskey in the Jar“. Statt Fine Dining gibt's hier echte rustikale Küche. Und natürlich Bier. Während Sven standhaft an seinem Hefeweizen festhält, probiere ich neugierig ein „Green Beer“. Mein Geschmack ist es nicht. Letztendlich kann ich nicht einmal sagen, weshalb das Bier grün ist. Das allwissende Internet schweigt dazu. Vom Geschmack her tippe ich auf Waldmeister, aber sicher bin ich mir dabei nicht. Und wenn ich schon dabei bin, ein Wort über das polnische Bier zu verlieren, dann geht das mit ungewohnt wenigen Worten. Alles was probiert wurde schmeckte richtig gut und damit deutlich besser als von mir befürchtet. Okay, ein weiterer Satz sei mir noch zu diesem Thema vergönnt: Für eine Touristenhochburg wie Danzig ist es sehr überraschend, dass die örtliche Gastronomie fast komplett auf polnische Brauereien setzt. Klar, ich habe keine Ahnung, ob da wo „Tyskie“ drauf steht auch tatsächlich ein in Polen gebrautes Bier drin ist. Aber als Bier-Romantiker will ich das genau so glauben. Ach ja, durchaus erwähnenswert finde ich zu dem, dass die wenigen Ausnahmen hier nicht etwa deutsche sondern böhmische Biere bilden.
Letztendlich ist uns der Pub dann doch eine Spur zu rustikal, die Speiseauswahl nicht jedermanns Sache und da dies unser letzter gemeinsamer Abend hier in Danzig ist, sollte sich auch irgendwo etwas nettes gemütliches finden lassen. Wir zahlen und begeben uns auf die Suche. Zunächst müssen wir erstaunt feststellen, dass ausgerechnet die Gasse, welche laut App ein kulinarisches Mekka beherbergen sollte, eine große Baustelle ist. Die Gebäude stehen im Rohbau da, hier gibt es bestenfalls eine Baustellenküche zum Aufwärmen von Dosensuppe. Also weitersuchen.
An Karin und Sven merkt man allmählich, dass der Tag lang und eine Spur zu anstrengend war. Die mit Besuchern verstopfte Stadt tut ihr übriges und stresst uns gewaltig. Das geht an Sven und Karin nicht spurlos vorbei. So trennen sich unsere Wege am Milchkannentor. Die Beiden gehen zurück ins Hotel und wir stürzen uns direkt wieder ins Getümmel. Und obwohl wir die Augen in viele Richtungen offen hielten - am Ende führt uns der Hunger zurück in die altbekannte Gegend an der Kreuzung der Großen Wollwebergasse und Lange Gasse, wo wir uns schon an den vergangenen zwei Abenden die Mägen vollschlugen. An diesen Abenden beobachteten wir hin und wieder amüsiert „Menschenfängern“, die auf offener Straße Touristen ansprechen und von den Vorzügen der Speisekarte ihres Restaurants zu überzeugen versuchten.
Heute lassen wir das Ganze höchstpersönlich mal über uns ergehen. Allerdings nicht direkt an der genannten Kreuzung, sondern etwa einhundert Meter weiter in der Großen Gerberstraße direkt vor dem Restauracja Dominikański. Und der Kellner macht seine Sache richtig gut. Die Karte verspricht ohnehin eine Vielzahl polnischer Gerichte, Esther wird richtig neugierig auf ein Gulasch im Röstimantel. Mich begeistert ein Teller verschiedener Piroggen, also machen wir es dem Kellner recht und nehmen vor dem polnischen Restaurant Dominikanska Platz. Als Vorspeise bestelle ich mir eine Mehlsuppe, schließlich habe ich inzwischen sehr großen Hunger. Wir sind hier draußen nicht allein. Beinahe alle Tische im Außenbereich des Restaurants sind besetzt und die wenigen freien Tische bleiben nicht lange leer. Die Kellnerinnen haben also ordentlich zu tun und dennoch gibt es hier keine langen Wartezeiten. Passt also. Nach dem wirklich sehr leckeren Essen gab es einmal mehr ein Goldwasser.
Auf dem Spaziergang in Richtung Hotel kommen wir an einem georgischen Restaurant vorbei. Wollten wir nicht eigentlich auch hier einkehren? Oh je, so viele kulinarische Tempel und so wenig Zeit. Es ist noch zu früh um aufs Hotelzimmer zu gehen. Auf einen Besuch der Hotelbar haben wir nicht wirklich Lust, also nehmen wir auf der Bank einer Bushaltestelle gegenüber vom Bahnhof Platz. Hier genießen wir ein wunderschönes Abendrot und beobachten die vielen rastlosen Menschen. Einfach hier zu sitzen und sonst nichts zu tun - so kann man in völlig entspannter Art und Weise auch viel Zeit verbringen. Ein bisschen mehr und das geht als Therapie durch. Und so endet unser letzter Tag hier in Danzig in aller Ruhe.
