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Inhaltsverzeichnis

Tag 6 | Einmal Danzig – Kolberg und zurück | Tag 8

Tag 7: Kolberg

I

Die WeckerApp klingelt uns aus dem Bett? Heute ist nämlich Kindertag. Und da wir die Kinder unserer Eltern sind, bleiben wir einfach mal etwas länger in den Federn. Aber dann geht's doch unter die Dusche. Es folgt die Wahl der Bekleidung, bei der es durchaus von Vorteil ist das aktuelle Wetter zu kennen. Ich trete ans Fenster und sehe… Nichts. Fast nichts. Aus einer milchig weißen Masse ragen ein paar Gebäudeteile und lassen mich an meiner Sehkraft zweifeln. Das gegenüber liegende Gebäude ist ab den zweiten Stock aufwärts kaum noch zu erkennen. Nüchtern betrachtet ist das Nebel. Doch meine vor zwanzig Jahren mühsam erworbene und heute ziemlich eingestaubte Wetterausbildung kann das unmöglich so stehen lassen. Bevor meine eigene Erklärung über Meer, Wind und Temperatur einem den letzten Zahn zieht, gibt es die stark gekürzte Information des Deutschen Wetterdienstes: „Küsten- oder Seenebel kann dann entstehen, wenn die Wasseroberflächen deutlich kühler als die Landoberflächen sind. Kommt es dann zu einer horizontale Verfrachtung der über dem Land befindlichen warmen Luftmassen in Richtung Meer, so kühlen sich diese über dem Wasser schnell ab. Es entsteht eine dünne Nebelschicht über der Wasserfläche. Wenn sich diese Nebelform einmal gebildet hat, ist sie insbesondere dann bedeutungsvoll, wenn es am Folgetag durch eine Erwärmung im Landesinneren zu Seewind kommt. Der eigentlich über dem Wasser lagernde Nebel wird dann an die Küsten getrieben und kann mehrere Kilometer ins Landesinnere reichen. Ein solcher Küstennebeleinbruch ist mit erheblichen Veränderungen der Sicht- und Temperaturbedingungen verbunden.“ Genau, Nebel eben!

Wir begeben uns ins Erdgeschoss des Hotels. Dort gelingt es uns im großen Speisesaal einen Tisch für zehn Personen zu organisieren. Während schließlich einer nach dem anderen eintrifft, wird von uns das Speiseangebot unter die Lupe genommen. Offensichtlich hat uns das Danziger Frühstück über alle Maßen verwöhnt, denn das Angebot hier ist sicher nicht schlecht, will uns aber nicht restlos zufrieden stellen. Trotz dieses Gejammers auf recht hohem Niveau sind wir satt geworden.

KolbergFrisch gestärkt spazieren wir einige Zeit los. Das Ziel ist der Weg und unser Weg führt zum Kolberger Touristenhafen. Wenige hundert Meter hinter dem Hotel beginnt die Strandpromenade. Diese führt uns an einigen Kurheimen vorbei und endet nach flotten dreißig Minuten Fußweg auf Höhe der Seebrücke von Kolberg. Viel ist von der Seebrücke freilich nicht zu sehen. Der Nebel lässt den Steg einfach in ein weißes Nichts verschwinden. Auch die unendlich Weiten der Ostsee enden heute etwas eher im Nebel.

KolbergWir schlendern der Uferpromenade entlang. Fliegende Händler und Künstler säumen den Weg und bieten ihre handgemalten Bilder von der Ostsee, Bilder mit zutiefst romantischen Szenen und Wappen bekannter polnischer, deutscher und europäischer Fussballclubs an. Liegt es am Nebel, dass sich aktuell kein Tourist bei den Verkaufsständen dieser Strandkapitalisten zeigt? Auf den letzten Metern unseres Weges muss nicht etwa eine der zahlreichen Damen unserer kleinen Reisegruppe auf die Toilette. Nein, ich selbst habe dieses gewisse Bedürfnis und denke dabei an die Werbung mit dem „Weniger müssen müssen“. Doch wo soll ich mir hier Erleichterung verschaffen? Überall sehe ich nur Touristen und Souvenirstände. Gut versteckt zwischen einem Imbissstand und einem Souvenirladen entdecke ich ein WC-Hinweisschild, folge diesem hinter das Gebäude und stehe vor einem Hintertürchen mit WC-Schild. Ein altes Mütterchen steht hier Gewehr bei Fuß und kassiert direkt Geld. 1 Euro oder 5 Zloty - offensichtlich hat der Euro hier einen ziemlich guten Ruf, denn der offizielle Umrechnungskurs steht eigentlich bei 1:4. Für meinen Euro erhalte ich Zutritt in eine enge Kabine ohne Pissoir. Eine mir folgende Frau muss dagegen mit dem Behinderten-WC vorlieb nehmen. So also funktioniert „wer zuerst kommt malt zuerst!“ Aber immerhin: hier gibt es ein Behinderten WC!

Um 13 Uhr soll die Stadtrundfahrt beginnen. Bis dahin ist noch etwas Zeit, doch was fangen wir mit dieser an? Zu knapp um etwas auf eigene Faust zu erkunden - zu lang um sich mit einem Bierchen hier im Hafen zu vergnügen. Wir entscheiden uns für letzteres. Esther ordert ein Sparkling Water und bekommt ein Porter. Der Kellner lässt sich jedoch überzeugen, dass Missverständnis zu klären, in dem er Esther ihr Wasser bringt.

Natürlich nutzen die Damen die Chance hier noch einmal die Toilette zu besuchen. Es gibt nur eine Toilette, die von Weibchen und Männchen, Restaurantbesucher und Passanten gemeinsam genutzt wird. Man organisiert sich den Schlüssel und ist damit kurzzeitig König des WCs. Der Andrang durch Harndrang sorgt schnell für eine Schlange an der Toilette, da auch viele Passanten diese Oase inmitten der Bedürfniserleichterungswüste anstrebten. Öffentliche Toiletten sind in Kolbergs Häfen offensichtlich rar gesät, wie wir selbst in Kürze bemerken werden. Esther hat sich auf irgendeinem Wege des WC-Schlüssels bemächtig und kostet nun das Gefühl der Macht aus. Allerdings passt der Schlüssel nur von außen, von innen lässt sich die Tür nicht verriegeln. Das Wachestehen vor der WC-Tür gehört also wie schon in Sopot zum Toilettengang dazu.

Wir sind etwas früher am Elektro-Kleinstbus-Stretchgolfwagen-Irgendwas. Der Fahrer möchte am liebsten sofort los, aber wir sind noch nicht vollständig. Wie fast immer halt. Es ist ja auch noch Zeit bis zur geplanten Abfahrt um 13 Uhr. Und dann sehen wir, weshalb der Touristenführer auf die Abfahrt drängt. Zu spät! Hier kommen wir nicht mehr weg. Jedenfalls nicht so schnell…

II

KolbergWie es sich für ein Hafengelände gehört liegen hier und da noch alte Gleise über die Straßen. Einstmals wurden hier Güter vom Gleis auf's Schiff und umgekehrt verladen. Was macht man mit den alten Geleisen? Man lässt einmal im Jahr einen Zug darüber rollen, rein aus Tradition. Oder weil Kindertag ist, jedenfalls fährt nun ein Zug auf der Straße entlang. Dieser Zug fährt in jedem Jahr am Kindertag von Posen nach Kolberg. Seine Fracht, mehrere Waggons voller Passagieren, lädt er mitten im Hafen statt wie sonst im zwei Kilometer entfernten Bahnhof ab. Die Zuggäste können hier allerdings nicht auf den Luxus eines Bahnsteiges zurückgreifen und müssen die zwei bis drei Sprossen heruntersteigen und dann mit einen kühnen Sprung die restliche Distanz bis zum Boden zurücklegen. Dieses Spektakel zieht viele Schaulustige an. Zwei Drohen umkreisen die Szenerie. Fotografen haben ihre Stative im weiten Bogen um den Zug aufgestellt und machen das, wozu sie hierher gekommen waren.

KolbergWir brechen mit einiges an Verspätung zur Stadtrundfahrt aus. Und folgen erst einmal dem Zug, dessen Gleise unsere Strecke kreuzen. Der Zug zieht sich nun zum Bahnhof zurück. Die Strecke dorthin ist gesäumt mit Neugierigen. Gut gefüllt ist auch unser Gefährt. Die lange Wartezeit hat unseren Guide motiviert noch zwei weitere Fahrgäste zur Mitfahrt zu überzeugen. Gut zusammengedrängt geht es nun im Electromobil durch Kolberg. Zeitgleich beginnt unser Stadtführer in einem sehr guten Deutsch seine Geschichten zu erzählen. Von denen einige sicherlich wahr sind…

So berichtet der ehemalige Deutschlehrer davon, dass er hier als Touristenführer bei der Firma eines ehemaligen Schüler angestellt ist. Er scherzt, er sei glücklich darüber, dass er ihn damals nicht sitzenbleiben lassen hat. Insgesamt blickt er aber recht desillusioniert auf seine Zeit als Lehrer zurück. Mir fällt da der folgende Spruch ein: „Die heutige Jugend ist von Grund auf verdorben, sie ist böse, gottlos und faul. Sie wird niemals so sein wie die Jugend vorher, und es wird ihr niemals gelingen, unsere Kultur zu erhalten“. Wie viele mögen heute so denken? Dabei stammt diese Weisheit gar nicht aus unserer Zeit, sondern von einer 3000 Jahre alten babylonischen Tontafel. Auch den folgenden Spruch finde ich recht passend, wenn ich schon mal mit Zitaten um mich werfe: „Unsere Jugend ist heruntergekommen und zuchtlos. Die jungen Leute hören nicht mehr auf ihre Eltern. Das Ende der Welt ist nahe“ heißt es in einem viertausend Jahre alten Keilschrifttext. Und damals gab es noch nicht einmal Mopeds, Rock'n Roll noch Smartphones!

Irgendwann arbeitete er als Dolmetscher bei der Polizei, was in Anbetracht der vielen deutschen Urlauber in Kolberg durchaus sinnvoll erscheint. Somit kennt er neben den vielen deutschen Vorurteilen über Polen auch den einen oder anderen Witz den wir Deutsche über die Polen erzählten. Natürlich werde ich keinen wieder geben. So witzig sind die am Ende nämlich nicht.

Nachdem wir gestern allesamt unsere Erfahrungen auf Polens Straßen sammelten, gibt es heute eine eindringliche Belehrung. In Polen ist besonders viel Obacht an Fußgängerüberwegen geboten. Satte 700 Zloty (ca. 175 Euro) Strafe werden fällig, wenn man nicht an einem Zebrastreifen anhält. Das kann schnell recht kostspielig werden. Das Ergebnis: Autofahrer fahren viel rücksichtsvoller und die Stadt spart das Geld für Ampeln an Fußgängerüberwegen. Wie schnell sich die Kasse des städtischen Ordnungsamtes füllen könnte, wird nun bei jedem Zebrastreifen lauthals kund getan: siebenhundert, vierzehnhundert, zweitausendeinhundert, zweitausendachthundert… Zloty. Das halten wir auch überraschend lange durch. Sollte uns der Fahrer damit nur einen Bären aufgebunden haben, dann hatte er nun eine Geschichte mehr von uns verrückten Deutschen zu erzählen.

Wir fahren durch die historische Altstadt von Kolberg, die mir viel Grüner als die Danziger Innenstadt vorkommt. Kolberg ist allerdings auch nur ein Zehntel so groß wie Danzig. Hier ist noch nicht jeder Winkel bebaut, noch gibt es Parks und Grünanlagen. Besonders hübsch ist die Stadt trotzdem nicht. Nur wenige alte Gebäude haben den Krieg überlebt oder sind danach im alten Stil wieder aufgebaut worden. Der Rest der Fassaden ist grau, unattraktiv und schnell wieder vergessen. Die attraktivste Gasse Kolbergs mit vielen alten Fassaden ist für uns Tabu. Die Durchfahrt ist nicht erlaubt und um später zu Fuß hierher zurückzukehren reicht unsere Zeit in Kolberg nicht. Das altbekannte Problem eben, wenn man sich weit entfernte Ziele aussucht, die man unmöglich in der kurzen Anwesenheit erkunden kann. Kolberg ist nicht einmal sehr groß, und trotzdem reichen die anderthalb Tage nicht um sie halbwegs kennenzulernen.

KolbergUnser kleines Vehikel steuert den Fischereihafen an. Dieser ist noch in Betrieb, soll heißen, hier laden Fischer täglich ihren Fang aus und begeistern damit ganze Horden von Touristen. Das klingt höchst interessant und erzeugt Vorfreude auf das eine oder andere Fotomotiv. Natürlich kommt anders. Kaum sind wir ausgestiegen muss Esther unbedingt etwas gegen ihre volle Blase unternehmen. Mein Harndrang erweist sich als überaus solidarisch und so suchen wir zu zweit nach einer Toilette. Die zu finden ist nicht schwer. Die einzige im Fischereihafen vorhandene öffentlich Toilette ist nämlich bestens ausgeschildert. Am Ziel erwartet uns ein Schild mit der niederschmetternden Information: „out of order“. Jetzt nur nicht in Panik verfallen. Alles Nachfragen bringt uns nicht weiter. Hier muss eine schnelle pragmatische und umweltverträgliche Lösung her. Ein unbeobachtetes Ecken zu finden erweist sich als schwierig. Neben dem Fischereihafens befindet sich hier auch ein Seefahrtsmuseum und entsprechend viel Publikumsverkehr ist hier unterwegs. Heimlich schleichen wir uns vom Hafen fort, am Freiluftmuseum vorbei in die Nähe von zwei Hobbithäusern, wahrscheinlich alte Keller zum Kühlen von Fisch. Unser Plan scheint zu scheitern, als wir merken, dass uns eine Familie folgt. Die Familie biegt kurz hinter uns ab und schaut sich eines der beiden Hobbithäuser an. Nun aber schnell! Hoffentlich fällt Esthers Treiben im Gebüsch nicht auf. Doch die Familie entfernt sich bereits wieder. Erleichterung pur - in mehrfacher Hinsicht.

Esther schaut auf ihr Smartphone und stellt fest, dass wir uns unmittelbar an einem GeoCache befinden. Ja, sowas auch. Selbstverständlich beginnen wir sofort mit der Suche nach der winzigen Dose. Doch die Zeit drängt. Ein Blick auf meine Uhr versichert mir, dass unser Aufenthalt im Fischereihafen längst um ist. Zehn Minuten sind manchmal sehr wenig Zeit. Also brechen wir schweren Herzens die Suche ab Und sitzen kurz darauf wieder in unserem Electromobil. Beim Verlassen des Hafen fahren wir Gästeparkplatz vorbei. Der Parkplatz ist vielleicht hundert Meter vom Hafen entfernt und am Rande des Parkplatzes wartet eine moderne Toilettenanlage auf Besucher.

In der nächsten Zeit tourt der Stadtführer mit uns noch ein gutes Stück durch Kolberg. Er erklärt uns, das salzhaltiges Wasser diese Stadt reich machte und heute noch als Kurstadt weithin geschätzt wird. Wir fahren durch ein modernes Stadtviertel, in dem Wohnungen so teuer sind, dass man das nicht mit ehrlicher Arbeit bezahlen kann. Hier wohnen nur Politiker und Leute von der Mafia - so fast wörtlich unser Guide. Zuletzt finden wir uns im Kurpark wieder. Der Stadtführer zeigt uns ein paar der letzten noch existierenden Kurhäuser und ein Hotel, welches eine ewige Bauruine werden könnte, da das Geld für den Bau mit dem Bauherrn verschwunden ist. Das Geld selbst stammt von privaten Anlegern, die nun nicht Teilhaber eines großen Hotels sind. Passiert in den besten Familien, denke ich…

Unser Kleinbus entlässt uns direkt vor dem Hotel. In Erwartung mehrerer Temperaturexteme gilt es nun die passende Bekleidung für den Abend zu wählen. Im mexikanischen Restaurant wird es sicher recht warm, möglicherweise sogar sehr warm, je nach Anzahl konsumierter Chillies und Jalapeños. Später auf dem Schiff wird es dagegen ziemlich frisch werden. Wir entscheiden uns für den goldenen Mittelweg mit T-Shirt und langer Hose, nehmen jedoch noch eine Jacke mit - das sollte reichen. Einmal kurz frisch machen und weiter geht’s. Man trifft sich vor dem Hotel und wie es bei Familienausflügen üblich ist: Es wird immer auf jemanden gewartet. Zeit für mich den langen Weg ins Hotelzimmer noch einmal zurückzulegen und eine kurze Hose anzuziehen. Ich lasse den Rucksack auf dem Zimmer, nehme Esthers Umhängetasche und gehe schnellen Schrittes zurück. Esther möchte jedoch die Umhängetasche nicht, also gehe ich nochmals aufs Zimmer und stelle die Handtasche neben den Rucksack. Wozu Gepäck, wenn es auch ohne geht? Nun ja, das stimmt auch weitestgehend, bis auf eine Kleinigkeit: Karin hat Esther extra für die Bootsfahrt ein paar Tabletten mitgegeben und diese liegen nun wohl behütet im Rucksack auf dem Hotelzimmer.

III

Vom Hotel geht’s zu Fuß erneut die Promenade entlang in Richtung Hafen. Entfernungen wurden früher nicht nur in Schritten, Meilen oder Kilometern angegeben. Da hieß es eben auch mal, dass der Hafen eine halbe Stunde vom Hotel entfernt ist. Egal, ob man zu Fuß zu Pferd, mit oder ohne Gepäck, hochmotiviert oder einfach nur entspannt unterwegs ist. Diverse Hindernisse wie Eisbuden, Polenmärkte oder Seebrücken waren noch nicht erfunden und konnten somit den munteren Wanderer nicht aufhalten. Eine halbe Stunde waren damals noch exakt eine halbe Stunde. Wenn man uns heute sagt, der Hafen ist eine halbe Stunde vom Hotel entfernt, dann weiß man, dass es mit der Zeit schwierig ist. Zum einen ist sie relativ und zum anderen hat man kaum noch Zeit. Wir hingegen haben mehr als genug Zeit. Deshalb können wir all die inzwischen erfundenen Eisbuden, Polenmärkte oder Seebrücken etwas näher in Augenschein nehmen.

Als nerdige Schrittezähler werden wir heute an die zwanzigtausend Schritte zurücklegen, also können wir uns auch eine „Twister“-Eistüten gönnen. Dreimal Schoko-Vanille bitte, der Rest der Gruppe achtet jedoch auf seine schlanke Linie. Natürlich durchstreife ich einen am Weg liegenden Polenmarkt, neugierig, ob hier das brandneue Trikot meines Lieblingsvereines angeboten wird. Die vorhandenen Trikots anderer Vereine sehen wie im Farbkopierer hergestellte Billigware aus, so dass ich froh bin, kein Liverpool Trikot zu finden. Viele wenig seriöse Online-Händler bieten Fußball-Trikots in bester Markenqualität zu einem Drittel des Originalpreises an. Meist sogar noch günstiger. Vermutlich kommen diese Trikots aus den Originalproduktionsstätten in Asien und werden ohne das Wissen des Markenkonzerns verkauft. In den Online-Shops bekannter Marken und vereine werden hingegen bis zu 150 Euro für ein Trikot verlangt, da ist mir diese Art der Produktpiraterie recht egal. Ich bin abgeschweift.

KolbergDann stehen wir wieder an der Kolberger Seebrücke. Anders als heute morgen sehen wir das andere Ende wenige hundert Meter vor uns in der Ostsee. Der Nebel hat sich zurück gezogen. Inzwischen sind auch deutlich mehr Besucher unterwegs. Auf dem Platz vor der Seebrücke ist ein kleines Stadion aufgebaut, in welchen den vielleicht einhundert Besuchern den Basketball-Ableger 3×3 näherbringt. Eine ausgelassene Stimmung ist am Start und so etwas macht neugierig. Meine Damen interessiert das jedoch wenig. Von mir unbemerkt hat Nils die Gruppe verlassen. Irgendwas hat ihm auf den Magen geschlagen. Nach Maria gestern heute ein weiterer Ausfall.

Zurück zur Seebrücke, an deren Kasse wir inzwischen verweilen. Mit dem Nachweis einer bezahlten Kurtaxe kommt man kostenlos auf die Seebrücke. Hotelgäste müssen bei Übernachtungen in Kolberg eine Kurtaxe entrichten. Im Normalfall passiert das jedoch erst beim Bezahlen der Hotelrechnung. Doch ein kluges Köpfchen inmitten unserer kleinen aber feinen Reisegesellschaft hatte sich rechtzeitig und allumfassend informiert und dafür gesorgt, dass die Taxe bereits entrichtet wurde. Somit sparen wir uns an dieser Stelle die Kosten für die Eintrittskarte für die nächste Runde Eis.

KolbergAuf dem Weg an die Spitze der Seebrücke werden in den nächsten dreißig Minuten die üblichen Selfies geschossen. Diverse Streetart-Kunstwerke und äußerst fotogene Möwen wurden als Foto-Motive missbraucht. Die Gaststätte auf der Seebrücke war gut besucht, ein Souvenirladen bot die üblichen Magnete, Bernsteine und Strandartikel an. Wir haben jedoch Termine und somit war die Zeit auf der Seebrücke etwas begrenzt. Ein paar Möwen-Pics später sind wir schon wieder runter von der Seebrücke und in Richtung Hafen unterwegs. Jetzt, wo man den Weg schon einmal gegangen war, kommen einem die letzten Meter weitaus kürzer vor. Alles ist relativ, wirklich alles.

Sarah ist inzwischen aufgefallen, dass sich unser Restaurant einen Block weiter befindet als bislang angenommen. Das hat man nun davon, wenn sich zwei mexikanische Restaurants in unmittelbarer Nachbarschaft befinden. Dank des Routenplaners auf ihrem Smartphone führt sie uns durch versteckte Gassen ohne Umwege direkt zur neuen Adresse des Restaurant. Pünktlich stehen vor der Tür und am Ende einer Schlange, wie sie sich gerade vor vielen Restaurants befinden. Den Tisch hatte sie bereits vor Tagen reserviert. Trotzdem lässt man uns in der Schlange einige Minuten ausharren, wohl wissend, dass wir einen anstrengenden Marsch hinter uns haben. Erstmal runterkommen und dann reinkommen - so die Devise des Türstehers, der uns nach Sarahs Intervention tatsächlich reinlässt.

Möglicherweise war unser Tisch noch besetzt. Selbst in Polen ist man wohl noch nicht bereit, Gäste vor die Tür zu setzen, wenn der Tisch für andere Gäste reserviert ist. Man stelle sich vor, wie der Kellner sich an einen wendet und sagt „Hör mal Freundchen, dieser Tisch ist ab 18 Uhr reserviert. Du zahlst jetzt und dann raus hier! Dein Essen packen wir Dir ein.“ Ach was, bestimmt durfte der Gast noch aufessen, auf dem Weg zum Ausgang… Wir sind zu zehnt, dass heißt, da müssen Tische zusammengeschoben und neu eingedeckt werden. So etwas braucht seine Zeit. Und die ist nun um. Unser Tisch befindet sich im Obergeschoss des Restaurants. Eigentlich ein exquisites Örtchen. Wenn da nicht das stille Örtchen direkt nebenan wäre. Die Toilettentür einer winzigen Toilette, die sich oberndrein Männlein und Fräuleins teilen müssen, befindet sich direkt an unserem Tisch und hey, während unseres Abendessen war hier richtig Betrieb. Auch ich musste diese Toilette mehr oder weniger zwangsweise in Augenschein nehmen. Das wäre normalerweise nicht weiter erwähnenswert. Doch da ich heute stets und ständig auf dem Weg zu irgendeinem WC bin, muss ich hier meiner Chronistenpflicht nachkommen und davon erzählen. Esther war im selben Zeitraum kaum halb so oft in der Keramikabteilung unterwegs. Auch das ist berichtenswert!

Das Erkunden der Speisekarte erweist sich als Hürde für uns Landeier. Zum Glück gibt es auch Stadtbewohner wie Felix und Lisa unter uns, die als Dolmetscher große Dienste leisten. Die Auflistung aller mexikanischen Gerichte würde möglicherweise den hochlöblichen Leser überfordern, so er des spanischen nicht mächtig ist. Die Mehrheit unserer Runde entscheidet sich für Fajitas mit Hähnchenfleisch, zurückblickend eine sehr gute Wahl. Als Vorspeise gibt es frittierte Zwiebelringe - ebenfalls recht lecker. Über das gefühlte Chaos bei der Aufnahme der Bestellungen mag das Tuch des Schweigens ausgebreitet werden. Essen und Getränke sind recht schnell serviert. Sogar Felix bekommen wir satt. Ihm allein ist es zu verdanken, dass das Wetter in den kommenden Tagen besser ist als wir es eigentlich verdienen.

Vom Mexikaner geht es ein paar Schritte zurück zum Hafen auf ein Ausflugsschiff, der MS „Jantar“, einem Katamaran. Wir sind eine Stunde zu früh, was uns gute Plätze garantiert. Sarah regelt das mit den Eintrittsgeldern. So wie sie vieles hier organisiert und geregelt hat - Hut ab! Hätte sie den Schiffsausflug auch noch ohne Seegang organisiert, dann wäre ihr hier ein ganzes Kapitel gewidmet. Mit Zucker drauf.

IV

Wir entern das Partyschiff, welches als Fähre für wenigen Jahren noch das dänische Bornholm ansteuerte und finden ein gemütliches Eckchen. Selbstverständlich und wie sollte es auch anders sein suche ich direkt die Toiletten an Bord auf. Zum wievielten Male heute eigentlich? Oh man, und erneut erscheint vor meinem geistigen Auge der Werbeclip mit dem „Weniger müssen müssen“. Und so werde ich es auch künftig behandeln und nicht weiter darüber schreiben. Verdrängungskultur pur. (Beinahe hätte ich „Verdrängungskultur zum Anfassen geschrieben„, was aber unnötig viel Kopfkino bei den Leserinnen ausgelöst hätte) Ich schweife schon wieder ab. Das Schiff liegt noch im Hafen und der fehlende Seegang lädt zu einer kleinen Schiffsbesichtigung ein.

Dieses Schiff hat definitiv seine besten Zeiten hinter sich. Ich muss darauf achten dies Esther frühstens zu berichten, wenn wir wieder festem Boden unter den Füssen haben. Die Arme wird heute noch genug zu leiden haben, da ich das mit ihren Tabletten verbockt habe. Also halte ich mich zurück, begebe mich aufs Sonnendeck und genieße die tolle Aussicht auf den kleinen Hafen, welcher im warmen Licht der dem Horizont entgegenstrebenden Sonne gebadet ein wundervolles Bild abgibt. Wem das zuviel Poesie war, dem sei versichert, ihm gehts gerade wie mir.

Auf der Suche nach dem besten Platz, von dem das Schauspiel unserer Hafenausfahrt genossen werden kann, landet ich wieder auf unserem Deck. Bei allen anderen Decks ist der Blick in beinahe alle Richtungen problemlos möglich, nur nach vorn, tja, das geht ausschließlich von hier. Glücklich über die Fügung, der erste zu sein dem das aufgefallen ist, genieße ich den Fahrtwind, die Sonne und bemerke neben mir eine weitere Person. Okay, offensichtlich bin ich doch nicht der erste hier vorn. Nichte Florentina ist bereits vor mir hier und schau an, sie kann reden. Wobei… wir sind nicht hier vorn um zum schwätzen. Wie auch immer, hauptsache wir stehen hier, atmen und verdecken mit unseren Rücken den Herrschaften im Inneren des Decks die Sicht nach vorn.

KolbergMittlerweile liegt der Hafen hinter uns. Der Wind wird strenger, die Temperaturen dürfen inzwischen als „frisch“ bezeichnet werden. Und die eine oder andere Schaumkrone auf den Wellen bestätigt den auffrischenden Wind und bestärkt die Annahme, dass dies in der Tat kein schöner Abend für Esther werden könnte. Der irgendwo über dem Meer immer noch präsente Nebel macht inzwischen auch dem letzten Romantiker an Bord klar, heute gibt es keinen Sonnenuntergang a la carte. Das wird heute eine recht unspektakuläre Geschichte, doch wenigstens ist gestrige Sonnenuntergang im Kasten. Jeder weitere Tag mit einem solch sehenswerten Naturereignis würde den Reiz einfach inflationär abflachen lassen. Es ist an der Zeit für ein Getränk.

Wie befürchtet leidet Esther bereits am momentan kaum wahrzunehmenden Seegang. In einer solchen Situation wünscht man sich die Macht, mit einer Handbewegung das Meer zu zähmen und es spiegelglatt vor sich hin verharren zu lassen. Aktuell ist Esther nur ein Schatten ihrer selbst. Selbst die Wallküren haben Respekt vor meiner Schildmaid, einer wahren Kriegerin inmitten der krawattentragenden Zunft, der Chefin aller Chefs. Doch heute? Gut. Für einen solchen Moment hat sie mich geheiratet.

Die Partystimmung ist inzwischen an Bord angekommen. Die Feierlaune war den meisten Passagieren schon beim Betreten des Schiffen anzusehen und nun können sie sie endlich rauslassen. Soll ich Worte über die Musik verlieren? Es ist jedenfalls nicht das, was mich zu Begeisterungsstürmen hinreissen würde. Gut, über meinen Geschmack kann man sicher streiten. Doch die Musikrichtung ist zweitranging wenn man nur genug damit feiern kann. Früher warteten wir bei der Dorfdisco auf unsere Lieblingsmusik um auf der Tanzfläche zu eskalieren. Heute wird nicht gewartet. Man nimmt was einem angeboten wird und macht das beste draus. Das funktioniert mit und ohne Alkohol. Die Musik ist dabei letztendlich zweitrangig und bestenfalls Mittel zum Zweck.

Der jugendliche Part der Reisegruppe Fischer lässt sich schnell von der guten Laune an Bord und der Discomucke anstecken und rockt nach Sonnenuntergang über die Schiffsplanken. Die „Alten“ (Oh Yeah!) geniessen derweil das was die Bar zu bieten hat. Jägermeister und Whisky für grad mal dreißig Zloty, also 7,50 Euro - da kann man schon mal ungeniert zuschlagen und sich einen, aber wirklich nur einen genehmigen. Schwiegermama bekommt den Kräuterschnaps und ich freue mich über irgendeinen irischen Whiskey. Rückblickend kann es unmöglich nur der eine gewesen sein, schließlich kann ich mich nicht mehr an die Marke erinnern. Liegt es am Alter?

Irgendwann dreht das Schiff und strebt zielgenau dem Hafen entgegen. Esthers Martyrium scheint einem Ende entgegen zu gehen. Der Party an Bord tut das keinen Abbruch. Die Stimmung ist nahe dem Siedepunkt und als dieser erreicht scheint hat der Kapitän unseres Seelenverkäufers ein Einsehen mit den Partypeople. Hier ist schleunigst Abkühlung notwendig. Also kurbelt der Kapität sein Steuerrad bis zum Anschlag und fährt mit dem Schiff eine gekonnt enge Kurve. Das Schiff bekommt arge Schlagseite und so mancher macht sich umgehend auf den Weg zum Rettungsboot. „Wir kippen gleich um und sinken“ ist die einhellige Meinung an der Bar, was den Umsatz dort sprunghaft ankurbelt. Möglicherweise gehen ein paar der Partycommunity über Bord, so genau hat das keiner verfolgt. Ich vermute, diese werden auf der morgigen Tour wieder eingesammelt. Esther hingegen hat nun gestrichen die Nase voll und will den klapprigen Kahn nur noch schnellstens verlassen. Wer kann es ihr verdenken…

Kurz darauf sind wir tatsächlich wieder an Land. Überraschenderweise ist niemand unserer überschaubaren Gruppe über Bord gegangen. Nun können wir uns ein letztes Mal auf den viel zu langen Weg zurück ins Hotel machen. Obwohl wir nun am absoluten Zenit unseres Ausfluges angelangt sind, wirken doch alle seltsam angeschlagen und müde. Der Tag war lang, vielleicht sind wir die eine oder andere Strecke zu oft gelaufen, wer weiß.

Morgen geht unser Flieger in die Heimat. Zuvor muss der Leihwagen bis 13 Uhr am Flughafen Danzig abgegeben werden. Um also in der Frühe nicht von Panik und Chaos überrollt zu werden, packen wir im Zimmer zusammen, was zusammen zu packen ist. Dann geht's ins Bett. Unsere letzte Nacht in Polen ist angebrochen und in nicht allzu langer Zeit wird uns mein Handywecker erneut aus dem Schlafe reißen.

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