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Etappe 2

Dalarna

Dalarnahästen

Tag 2 – Dienstag, 27.08.2024; N 60°09'08″ E 16°12'01″

Das Navi hat seinen Kopf für sich und denkt nicht daran uns die zwei Kilometer zur E18 zurückzuleiten. Unmittelbar hinter Västerås hätten wir die E18 ohnehin verlassen. So geleitet uns die Technik entlang der äusseren Stadtbereiche von Västerås und führt uns auf die Reichsstraße 56 und damit aus der Stadt heraus. Wir fühlen uns schnell einsam und verlassen in einer recht unscheinbaren Gegend. Der Verkehr hält sich vornehm zurück. Vierzig Kilometer später biegen wir auf die Reichstraße 70 ab und werden großzügig um Sala herumgeleitet, so dass wir von diesem Ort nicht viel zu sehen bekommen. Sala war einstmals für seine reichen Silberminen bekannt. Heute befindet sich in Sala ein Museum über den längst eingestellten Silberbergbau. Das eine oder andere Straßenschild weißt auf die örtlichen Sehenswürdigkeiten hin, doch wir rollen in Höchstgeschwindigkeit daran vorbei und in nordwestlicher Richtung weiter.

Die Laune ist nach wie vor gut, die Musik sorgt für etwas Unterhaltung in einer tristen Gegend. Unbemerkt überqueren wir die Grenze zur Provinz Dalarna. Etwa vierzig Kilometer hinter Sala erreichen wir gegen 13:30 Uhr unser nächstes Ziel Avesta und haben damit etwa die Hälfte der heutigen Tour gemeistert. Die etwa einstündige Fahrt von Anaudshög bis Avesta kam uns viel länger vor. Vielleicht kann diese Art der Langeweile auch Meditativ sein. Finden wir's heraus.

Der Halt in Avesta war von Anfang an geplant. Warum? Weil sich hier das größte Dalarna-Pferd(chen) der Welt befindet. Es ist etwa 12 Meter hoch und besteht aus Beton. Um die Höhe noch etwas mehr zu verdeutlichen wurde neben dem Betonpferd eine Stabhochsprunganlage aufgebaut. Die Latte liegt auf der Weltrekordhöhe von 6,26 Metern, gerade erst vor zwei Tagen aufgestellt vom Schweden Armand Duplantis. Sein alter Weltrekord von 6,25 m bei den Olympischen Spielen in Paris in diesem Jahr ist auf der Rückseite vermerkt.

DalarnahästenWir machen einige Fotos und besuchen anschließend einen W:llys, ein Supermarkt, der sich ein Stück entfernt auf der anderen Straßenseite befindet. Das Auto lassen wir stehen und gehen shoppen. Wir kaufen selbstverständlich ein großes Stück Käse und hoffen in unserer nächsten Unterkunft in Mora einen Käsehobel vorzufinden. Schweden ohne Käse geht gar nicht! Esther sucht sich ein paar Dosen Cider aus. Für mich gibt's Leichtbier. Zur Sicherheit besorgen wir uns ein paar Trinkgefäße. Aus Dosen läßt es sich schließlich schlecht trinken und wer weiß ob es im Hotel Gläser gibt. An der Kasse bestätigt sich Esthers Vermutung, dass der Einkauf stets deutlich teurer ist, wenn ich dabei bin. Doch was soll ich auch sonst im Supermarkt machen, wenn nicht hier und da etwas in den Einkaufswagen zu legen? Etwa den selbstverliebten Spießer mimen, der treudoof neben seiner Gattin den Wagen durch die Regalschluchten lenkt und ihr den Einkauf überlässt? Nee, nicht mit mir!

Und dann geht's zurück auf den Parkplatz, an welchen auch ein bekanntes Fastfood-Restaurant festgemacht hat. Wir essen im Burgerking eine Kleinigkeit und machen uns dann wieder auf den Weg. Das Einkaufen hat einiges an Zeit gekostet und noch zwei Stunden Fahrzeit warten auf uns - falls wir nicht weitere Pausen machen.

Das Navi bekommt diesmal als Ziel das Prisgarden B&B Hotel in Mora mitgeteilt. Rein aus Neugierde wechseln wir die Navigationsapp und lassen uns statt von Google Maps nun von Apple Karten den Weg weisen. Siehe da, vor drohenden Blitzern gibt es nun nicht nur einen Warnton, nein, die Navi-App spricht mit uns. Das ist auch gut so, denn mittlerweile lauern diese hinterhältigen Geschwindigkeitsmesser mit Fotofunktion scheinbar hinter jeder Kurve. Gut, dass jeder einzelne Blitzer mit einem Warnschild angekündigt wird. Und wenn wir eines dieser Warnschilder übersehen warnt uns die App vor dem Blitzer. Eigentlich kann da nichts schief gehen. Eigentlich.

Die Landschaft ist abwechslungsreicher geworden. Es wird bergiger, wir fahren an vielen Seen vorbei und überqueren mehrfach den Dalälven, einen der großen Flüsse Mittelschwedens. Nach Wikipedia ist der Dalälven sogar der längste ins Meer mündene Fluss Schwedens. Die Ortschaften bestehen fast ausnahmslos aus den typischen rot gestrichenen Holzhäuschen. Sind das noch normale Dörfer oder alles Freiluftmuseen? Besonders die vielen alten roten Scheunen sind sehr eindrucksvoll und stammen aus einer lange vergangenen Zeit.

In Hedemora, der ältesten Stadt Dalarnas, verlassen wir den Riksväg 70 und wechseln auf den Riksväg 69, um dann kurz vor Falun auf die Europastraße 16 zu fahren. Falun ist die zweitgrößte Stadt und Provinzhauptstadt der Provinz Dalarna. Wir erreichen gegen 16 Uhr die Stadt, die berühmt für ihre Kupferbergwerke ist. Es gibt eine Museum zum Kupferbergbau, man kann das Bergwerk und die Kupfermine besichtigen. Mit der weithin sichtbaren Skisprungschanze habe ich jedoch nicht gerechnet. Falun ist demnach auch ein Mekka für Wintersportler. In den Jahren 1988 und 1992 bewarb man sich hier zweimal erfolglos um die Ausrichtung der Olympischen Spiele. Seitdem wurde es allerdinsg immer stimmer rund um Falun. Die letzten Weltcup-Veranstaltungen, nämlich die der Nordischen Kombinierer 2002, fanden vor über zwanzig Jahren statt. Seitdem gibt es nur noch zweitklassige internationale Wettkämpfe in Falun. Zu Zeiten globaler Klimaveränderungen und häufigeren Schneemangels im Winter rings um die Alpen wird s Falun möglicherweise eines Tages wieder mehr in den Blickpunkt als Standort für hochklassige Wintersportereignisse rutschen.

Der Verkehr hat merklich zugenommen, was im Bereich einer größeren Stadt normal ist. Inzwischen haben wir aufgepasst, mitgezählt und nachgerechnet. Hier wartet in der Tat alle 5 km ein Blitzer auf seine Opfer. Da stellt sich mir die Frage, ob die Ausgaben zum Kauf und dem Aufstellen dieser Blitzergeräte jemals mit Bußgeldern reingeholt werden. Die Auflösung ist etwas ungewöhnlich: Nur wenige der Blitzer sind tatsächlich scharf. Leuten mit Geschwindigkeit im Blut bleibt damit die Wahl zwischen einer Blitzerlotterie, in dem sie's beim Rasen einfach darauf anlegen. Oder sie fahren ordentlich und helfen damit dem schwedischen Staat beim ausgegebenen Ziel mit null Verkehrstoten.

story.svenwusch.de_schweden_8.jpegWir haben nun etwa drei Viertel der heutigen Strecke zurückgelegt und verzichten auf weitere Pausen. Naja, jedenfalls fast, denn als wir die Stadt beinahe verlassen haben, überqueren wir eine kleine Brücke, von der man einen sensationellen Blick auf einen der vielen Seen bekommt. Die Aussicht auf den See ist derart faszinierend, dass ich die Karte „Bitte dreh um, ich muss das fotografieren!“ spiele. Esther biegt rechts in die nächste Seitenstraße ab und sucht eine Parkmöglichkeit. Erfolglos wendet sie und parkt dann in einer Bushaltebucht. Ich jogge los, erreiche den See nach etwa zweihundert Metern und mache ein paar Bilder. Dann geht's im Laufschritt zurück zum Auto. Vom Joggen bleibt mir gehörig die Puste weg. Ein Sauerstoffzelt könnte helfen, doch Esther ist unerbittlich, setzt einfach den Blinker und kurz darauf haben wir Falun auf dem Riksväg 69 verlassen.

Wenige Kilometer hinter Falun fahren wir auf ein Stauende auf. Stau in der schwedischen Provinz? So etwas ist unmöglich. Oder etwa doch? Es geht jedenfalls nur noch im Schritttempo voran und als wir durch eine langgezogene Kurve fahren, ist die Sicht zum vorderen Stauende möglich. Dort entdecke ich einen LKW, dessen hinteres Ende komplett von einer LED-Wand verdeckt wird. Den Text darauf kann man aus der Ferne unmöglich lesen, aber das Baustellenzeichen darauf erkennt man deutlich. So kommen wir dem Grund für die Verzögerung langsam, sehr langsam auf die Spur. Vor dem LKW mit dem Baustellen-LED-Schild fährt ein weiterer LKW mit einem großen Tank auf der Ladefläche. Und davor ist die Straße frei. Auf der Gegenspur kommen uns beinahe pausenlos Fahrzeuge entgegen. Als die Straße ein paar Kilometer wie am Reissbrett gezogen geradeaus führt, lassen sich Lücken im Gegenverkehr erkennen. Das nutzen einige der uns vorausfahrenden Fahrzeugen und überholen die rollende Baustelle. Nach und nach überholen alle Autos das Verkehrshindernis und als wir endlich an der Reihe sind, entdecke ich den Grund für das langsame Fahren der LKWs. Das vordere Fahrzeug sprüht den rechten Fahrbahnrand ab. Wozu? Muss der saubere Seitenstreifen noch gründlicher gereinigt werden. Oder ist das irgendein Unkrautgift? Welch Aufwand mit zwei LKWs, die deutlich größer als die Unimogs sind, die man bei deutschen Straßenmeistereien im Einsatz sieht. Doch mit einem Unimog gewinnt man im schwedischen Winter keinen Blumentopf, wenn es darum geht, die Straßen vom Schnee zu befreien.

Mora

Tag 2 – Dienstag, 27.08.2024; N 61°00'37″ O 14°34'48″

story.svenwusch.de_schweden_10.jpegGegen 17 Uhr erreichen wir zum zweiten Mal an diesem Tag den Reichsweg 70. Dabei rollen wir in eine enorm große und dennoch auf der Karte nur mit etwas Fantasie erkennbare Sehenswürdigkeit. Wir fahren nämlich in den Einschlagkrater eines Asteroiden hinein, der vor etwa 370 Millionen Jahren in Skandinavien einschlug. Bis heute ist dieser Krater mit seinen 55 Kilometern Durchmesser der größte noch sichtbare Asteriodeneinschlag in Europa. Von der Straße aus ist davon freilich nichts zu sehen. Wir sehen den Siljan, einem See der ein einem weiten Bogen einen Teils des Kraters beschreibt. dahinter wird es deutlich bergiger, während es im Inneren des ehemaligen Krater mehr oder weniger flach ist.

Wir fahren durch das kleine Städtchen Rättvik am Ostufer des Siljan-Sees. Am Nordwestufer des Siljan befindet sich Mora. Wir müssen also noch um den halben See herum fahren. Das Navi zeigt verbleibende 35 Kilometer an, die wir in etwa einer halben Stunde schaffen sollten. Apples Karten-App macht bis Mora alles richtig, überredet dort aber Esther an einer beinahe unmöglichen Stelle links abzubiegen. Wir sind deutsche Touristen ohne jede Spur von Ortkenntnis und einem gottgegebenen Vertrauen in Navigationsgeräte. Da können die Schweden zehnmal ein Schild aufstellen, dass hier linksabbiegen nicht erlaubt ist. Wenn das Navi sagt, dass es hier linksherum geht, dann kommen wir der Aufforderung auch nach. Vielleicht etwas viel Vertrauen in eine App amerikanischer Bauart, die weitab der kalifornischen Heimat erst einmal mit dem schwedischen Verkehr klarkommen muss. Esther kümmert das herzlich wenig. Sie zwingt den Ford in eine nicht für möglich gehaltene Wendung und verläßt die Reichsstraße 70 indem sie links abbiegt.

Gegen 18 Uhr erreichen wir endlich das Prinsgården Bed & Breakfast Hotel. Wir biegen in eine Einfahrt und fahren zu einem typischen Blockhaus „Made in Sweden“ hinauf. Zwei Etagen in Falunrot gestrichenes Holz, traditioneller gehts kaum. Der Parkplatz ist leer und so hat Esther viel Platz zum Einparken. Es gibt keine Rezeption, auch keine Adresse bei der man sich anmelden kann. Per Mail hatten wir bereits vor Tagen die nötigen Informationen zum Öffnen der Türen erhalten. Und der Rest wird sich schon zeigen.

story.svenwusch.de_schweden_28.jpegDas Prinsgården Bed & Breakfast Hotel besteht aus dem bereits erwähnten rotgestrichenen zweistöckigen Blockhaus und zwei kleinen Häusern auf der anderen Seite des Parkplatzes. Das alte Blockhaus wirkt sehr nostalgisch mit dem Treppenaufgang, einer Veranda vor und einer Terasse hinter dem Haus. Die Haustür steht weit offen, also brauchen wir fürs erste keinen Zugangscode. Der Schlüssel zu Zimmer 12 steckt auch schon in der Tür. Ich drücke die Klinke herunter und die Tür öffnet sich. Wir betreten das Zimmer und stehen in einem Raum, der den Charme längst vergangner Zeiten in die Gegenwart gerettet hat. Viel Platz ist nicht. Im etwa 12 qm großen Raum steht ein Doppelbett aus Metall, welches trotz seines antiken Aussehens kaum zehn Jahre auf dem Buckel haben dürfte. Dazu gesellt sich ein kleiner Tisch mit zwei Stühlen und ein alter Sessel. Über dem Tisch ist in Kopfhöhe ein Fernseher installiert. Die Tapete wirkt nostalgisch, aber ich tippe darauf, dass die Wände erst vor kurzem tapeziert wurden. Sämtliche Stromleitungen verlaufen über dem Putz bzw. Holz. Das erleichtert die Suche nach einer Steckdose zum Aufladen unserer mobilen Technik.

Ein kleines Seitenzimmer mit einer Fläche von höchstens einem Quadratmeter beinhaltet ein Waschbecken. Mehr passt gar nicht hinein. Die Tapete löst sich hier bereits in weiten Teilen von der Wand, was sicherlich demnächst eine Renovierung nmach sich ziehen wird. Mehr als Zähneputzen ist in diesem Raum nicht möglich. Gegenüber des Waschräumchens befindet sich ein kleiner Wandschrank mit Kleiderbügeln. Auch dieser Schrank ist recht klein. Die Koffer bekommen wir hier nicht untergebracht. Was mich zutiefst fasziniert sind die nach außen zu öffnenden Fenster. Zwar hatte eine Scheibe des Fensters zum Parkplatz hin einen Sprung, aber hey, da steckst Du halt nicht drin. Ein kleines Steinchen wird vom darüber rollenden Reifen auf die Reise geschickt und endet mit zerstörerischer Wucht an der Außenscheibe. Es macht knack und der Schaden ist da. Die Fenster sind immerhin vierfach verglast und kommen mit einem Minimum an Technik aus. Drehgriffe oder Vorrichtungen zum Anklappen sucht man vergebens. Mit einer schwer zu beschreibenden Einhakvorrichtung öffnet und schließt man das Fenster. Damit das Fenster auch mal nur einen Spalt weit offen bleibt, gibt es einen Haken am Rahmen und die zugehörige Öse am Fensterflügel. Schlicht und einfach.

Nachdem wir nun unser Zimmer hinlänglich in Augenschein genommen haben, schauen wir uns die Küche etwas genauer an. Der erste Eindruck: Sie könnte aufgeräumter sein. Frühstücken kann laut Beschreibung hier in der Küche. Diese ist jedoch eher Durchgangsraum als ein Zimmer, in dem man sich lange aufhalten kann. Wenn also frühstücken, dann nur nur im Stehen. Als Alternative kann man im Zimmer oder auf der Terrasse frühstücken. Eine weitere Küche befindet sich im Keller. Diese ist wesentlich geräumiger und bietet den Platz, dort zu frühstücken. Die fürs Frühstück bereitgestellten Lebensmittel befinden sich jedoch alle im Erdgeschoss. Warum also die Küche im Keller nutzen?

Kommen wir zur großen Überraschung: Hier gibt es ausschließlich Gemeinschaftstoiletten und -duschen. Eine enge Toilette befindet sich auf unserer Etage und zwei Duschen mit WC im Keller. Das habe ich beim Buchen übersehen, schließlich sind Gemeinschaftstoiletten von je her ein absolutes No Go für uns. Männern macht es möglicherweise wenig bis nichts aus, sich mit anderen die Dusche oder die Toilette zu teilen. Aber für Esther ist das ein Kulturschock. Es scheint so, als müssten wir unsere Komfortzone nicht nur kurz, sondern für den größten Teil unseres Urlaubs verlassen und denke dabei auch an die nächste Unterkunft mit Etagenbett in zwei Tagen. Da das Zimmer längst bezahlt und eine Stornierung nicht mehr möglich ist, denken wir gar nicht darüber nach, uns noch um eine andere Bleibe umzusehen. Die Sommersaison ist vorbei, da besteht die Hoffnung, dass wir die einzigen Gäste im Hotel sind und uns niemand beim Toilettengang stören wird.

Als ich mich auf den Weg die enge Kellertreppe hinab begebe, folgt mir ein etwa vierzigjähriger Mann. Wir sind also doch nicht allein. Zuerst ignoriert er mich und macht mit seine Handy Fotos von der Treppe. Dann aber kommt ein stockendes Gespräch in Gang, in dem ich nicht sonderlich mit Englischkenntnissen punkten kann. Der junge Mann ist unser Gastgeber, der offensichtlich genervt wirkt. Jedoch sind nicht wir der Grund für seinen Ärger. Ich entlocke ihm einige Tipps zu Mora. Dann ist er wieder verschwunden.

Esther sitzt zur gleichen Zeit im Zimmer blättert durch einen Ordner, in dem neben einigen Tipps zum Aufenthalt in Mora auch die Hausregeln abgeheftet sind. Merklich angespannt teilt sie mir den Grund für ihren Unmut mit. Gemäß Hausordnung wird bei der Abreise verlangt, dass das Zimmer gesaugt und gewischt von den Gästen übergeben wird. Man kann zwar einen Reinigungsservice im Vorfeld für umgerechnet 30 Euro buchen, doch das haben wir nicht. Wie auch, wir hatten ja keine Kenntnis einer solchen Regelung. Das Zurücklassen eines ungereinigten Zimmers zieht eine Strafe von etwa 50 Euro nach sich. In einem Hotel mit Rezeption könnte man diesen Sachverhalt besprechen. Die Alternative im Prinsgården Bed & Breakfast Hotel wäre ein klärendes Telefonat mit dem Hotelbesitzer. Aber will man so etwas überhaupt klären? Was, wenn der Gastgeber darauf pocht, dass eine Endreinigung auf jeden Fall durchgeführt werden muss. Wie würden wir reagieren? Ohne Klärung bleibt wenigstens die Hoffnung, dass es sich um ein Missverständnis handelt. Aber das weiß man halt nicht mit Bestimmtheit. Es ist zum Mäusemelken! So sitzt man mit einem Klos im Magen und schiebt erstmal Frust. Die Urlaubsstimmung ist komplett weggeblasen. Wir beziehen die Betten, räumen das Auto aus und suchen unser Heil in der Flucht.

Morastrand

Tag 2 – Dienstag, 27.08.2024; N 61°00'17″ O 14°32'18″

story.svenwusch.de_schweden_11.jpegMorastrand ist der Name des Zentrums der Stadt Mora und war vormals ein eigenständiger Ort. Dort tobt das öffentliche Leben und genau dorthin sind wir nun unterwegs. Das Navi geleitet uns auf einem großen Parkplatz, welcher nur eine Querstraße von der Flaniermeile von Mora entfernt ist. Kostenlos parken ist hier selbstverständlich nicht möglich. Die hohe Anzahl von Hotels in und rund um Mora lässt auf einen seit Jahren blühenden Tourismus schließen. Da gibt es nichts umsonst, schon gar keine Parkplätze.

Parkscheinautomaten sind mangels Bargeld in Schweden längst out. Automaten, die man mit Bargeld füttern könnte, findet man in Schweden bestenfalls in der Nähe von Schrottpressen. Die Parkplatznutzung wird per App bzw. online bezahlt. So etwas ist eigentlich nichts neues. Selbst wir digital unterbelichtete Deutsche nutzen bereits App zum Bezahlen innerstädtischer Parkplätze. Wenn diese Apps erst einmal richtig eingerichtet sind, lassen sie sich auch leicht bedienen. Man spart meist aufgrund der sekundengenauen Abrechnung sogar Parkgebühren im Vergleich zur guten alten Parkautomatenzeit. Aber aufgepasst: wie schon erwähnt muss eine solche Apps richtig eingerichtet sein. Mit einer App kommt man zudem nicht sehr weit, da es von Region zu Region verschiedene Parkplatz-Apps gibt.

Die für öffentliche Parkplätze in Mora zu verwendende App gibt es ausschließlich in schwedischer Sprache. Was gibt es aufregenderes als ein Programm einzurichten, ohne ein Wort der verwendeten Sprache zu verstehen? Ob die wenigen Passanten ahnen, was wir Verrückte hier auf dem Parkplatz mit unseren Handys treiben? Einer fotografiert den Bildschirm vom Handy des anderen. Es geht hin und her, dabei wird diskutiert und geflucht. Doch Dank des Fotoübersetzers von Google bekommen wir das schier unmögliche hin und sorgen dafür, dass die Parkschein-App am Ende genau das tut was wir wollen. Somit war alles im Lot und das heutige Parken per App bezahlt.

Neugierig spazieren wir zur Einkaufsstraße mit dem Namen Kirchgatan und schlendern an den Schaufenstern entlang in Richtung einer beeindruckenden Kirche. Am oberen Ende der Flaniermeile befindet sich ein Denkmal des heiligen Michael, wie er den Drachen niederringt. Wir wenden und erhöhen in entgegengesetzter Richtung das Schwierigkeitslevel. Nun betrachten wir nicht nur die Auslagen der geschlossenen Geschäfte auf der anderen Straßenseite sondern schauen auch nach einem geeigneten Restaurant. Die Auswahl lässt uns recht unschlüssig dreinschauen, so dass eine Ausschlusstaktik Abhilfe schaffen könnte. Wir hatten heute Mittag einen Burger, somit scheiden die Grillrestaurants inklusive zweier recht ansprechender Restaurants aus. Der Italiener wirkt irgendwie nicht wirklich einladend. Bleibt noch ein Restaurant mit Chinesisch-Thailändischer Küche. Gut, warum auch nicht - wir entscheiden uns für das „Kina Thai Restaurang“, ohne an unseren ersten Besuch eines asiatischen Restaurants in Solleftea vor zwanzig Jahren zu denken. Die Speisekarte jenes Restaurant gab es damals nur in schwedischer Sprache - die wir somit nicht lesen konnten. Die Bedienung hingegen war der englischen Sprache nicht mächtig. Deutsch schied zum Zwecke der Kommunikation leider natürlich völlig aus. Bahnbrechende Erfindungen wie etwa Foto-übersetzende Apps sollten erst in ferner Zukunft erfunden werden. Was für ein Dilemma. Und dennoch sind wir in Solleftea satt geworden.

Heute gibt es auf der Speisekarte eine englische Übersetzung der chinesischen und thailändischen Gerichte. Wir können uns trotzdem lange nicht entscheiden. Die überaus freundliche Kellnerin glänzt viel Geduld. Während wir schließlich unsere Bestellung aufgeben und Esther ihre mühsam erworbenen Englischkenntnisse zum Besten gibt, behält die Kellnerin die Fassung und lächelt freundlich. Esthers Englisch wird immer besser, sie traut sich das Englisch-Sprechen halt nur zu selten zu.

Als Vorspeise bestelle ich mir eine Pekingsuppe. Beim Löffeln der scharfen Suppe ahne ich, welch brennende Konsequenzen beim nächsten Toilettenbesuch auf mich warten. Womit habe ich das verdient? Sofort schalten meine Gedanken zur Gemeinschaftstoilette im Prinsgårdens Hotel um. Vielleicht sollte ich meinen gesamten Vorrat an Kohletabletten auf einmal verspeisen um bis zum Wochenende keine Toilette mehr aufsuchen zu müssen. Ich verwerfe alle Gedanken über Kohletabletten und Gemeinschaftstoiletten und freue mich stattdessen auf mein Bami Goreng als Hauptgang. Mutet es langweilig an, dass ich stets dann Bami Goreng bestelle, wenn ich es auf einer Speisekarte entdecke? Es ist nun mal mein asiatisches Lieblingsessen. Genau genommen steht Bami Goreng nicht auf der Karte. Aber ein Gericht mit Eiernudeln, Garnelen, Gflügel- und Schweinefleisch und wahrscheinlich einer Handvoll Curry. Ich habe also ein Gericht mit ähnlichen Zutaten ausgewählt und denke, dass das auch vom Geschmack her passen könnte. Mein Essen schmeckt gut, aber keineswegs wie erwartet. Das liegt vielleicht daran, dass ich mein indonesisches Lieblingsessen in einem Chinesisch-Thailändischen Restaurant bestelle.

Wir schreiten etwas später zur Bezahlung unseres fernöstlichen Abendmahls. In diesem Restaurant wird nicht am Tisch kassiert. Also geht es nach vorn zur Kasse, ich zahle mit dem Smartphone, was erst im dritten Anlauf gelingt. Die Kellnerin ist neugierig und fragt uns ein wenig aus. Esther hält sich wieder zurück, also plappere ich los und berichte vom Roadtrip und unseren nächsten Zielen. Das funktioniert mit fortlaufender Dauer immer besser. Am Alkohol liegt das definitiv nicht. Wenn überhaupt, dann könnte die belebende Wirkung einer Cola für einen üppigen Redefluss gesorgt haben.

story.svenwusch.de_schweden_12.jpegNach dem verlassen des Chinesischen Restaurants überkommt mich der Wunsch nach einem kleinen Spaziergang. Esther ist davon weniger begeistert. Nach vier Stunden Fahrzeit und den beiden langen Stopps haben wir das Gefühl den ganzen Tag auf der Straße verbracht zu haben. Aber halt überwiegend sitzend. Da ist etwas Bewegung keine schlechte Idee. Ein paar Schritte wird sie sicher noch ertragen. Denn wie können wir behaupten in Mora gewesen zu sein, ohne den Vasaloppsmålet, den berühmten Zielstrich vom alljährlich stattfindenden Wasalauf (auf schwedisch Vasaloppet) gesehen zu haben.

Auf dem Weg zum ominösen Zielstrich kommen wir an einigen sehr alten Blockhäusern vorbei, die so alt sind, dass man sich nicht mal die Mühe macht, sie mit roter Farbe zu streichen. Hier wurde Baumstamm auf Baumstamm gelegt und nachdem das Dach drauf war, hat man eine Tür und ein paar Fenster reingesägt. Fertig war das Blockhaus. So die fachliche Einschätzung von einem, der keine Ahnung davon hat. Die Birkenrinde ist mir allerdings aufgefallen, mit der die Wände gegen Feuchtigkeit von untern isoliert wurden.

story.svenwusch.de_schweden_13.jpegAuf der anderen Seite der Straße steht ein roter Glockenturm, der Mora Klockstapel. Als 1760 ein Blitzschlag zu schweren Beschädigungen des Glockturms der benachbarten Kirche zu Mora führte, baute man diesen frei stehenden Glockenturm aus Holz. Kleine rote Schuppen aus Holz bedecken die Wände dieses Glockenturms. Seit knapp zweihundert Jahren besitzt der Klockstapel ein Kupferdach. Es überrascht wenig, wenn viele Touristen diesen Glockenturm für das hübscheste Gebäude von Mora halten.

Das Vasaloppsmålet entpuppt sich als eine imposante Holzkonstruktion, die entfernt an ein Holztor erinnert. Auf Fliesen über der Toröffnung ist der schwedische Spruch „I fäders spår - för framtids segrar“ (In der Spur der Väter – für die Siege der Zukunft) zu lesen.

Der Wasalauf (schwedisch Vasaloppet) findet seit 1922 alljährlich am ersten Sonntag im März statt und ist ein Skilanglauf über 90 Kilometer im klassischen Stil. Die Route wird als Vasaloppsleden bezeichnet und führt von Sälen nach Mora. Der Lauf hat einen geschichtlichen Hintergrund. 1520 befindet sich der schwedischen Königs Gustav Wasa auf der Flucht vor den Dänen. Hier in Mora versucht er vergebens die Bauern von Mora zum Widerstand zu bewegen und flüchtet weiter in Richtung Norwegen. Kurz darauf erreicht Mora die Nachricht von der Blutnacht zu Stockholm, als der dänische König Christian II. über achtzig Adlige wegen angeblicher Ketzerei hinrichten lies. Sie senden dem König einen Skiläufer hinterher. In Sälen erreicht dieser den König und bewegt ihn zur Umkehr. Zwei Jahre später waren die Dänen besiegt. In Sälen wendete sich also Schwedens Schicksal und deshalb beginnt heutzutage auch dort der Wasalauf. Die Sieger und Siegerinnen des Wasalaufes kamen bislang überwiegend aus Schweden und Norwegen. Aber hin und wieder gewinnt auch mal ein Skiläufer aus Ländern jenseits von Skandinavien, wie etwa Polen, Österreich oder 1975 auch mal ein Sportler aus der DDR.

Auf dem Weg zurück zum Auto begegnen uns hier und da ein paar der berühmten Dalarnapferdchen, sei es in Schaufenstern, Vorgärten oder auf einer Wiese am See. Das erinnert mich an unseren Kurzurlaub in Ennepetal vor wenigen Wochen. Dort wird man auf Schritt und Tritt von Fuchsfiguren in verschiedensten Farben verfolgt, die an allen nur denkbaren Orten stehen und an die Fuchsschwanzsage in der Kluterthöhle erinnern sollen. In Berlin stehen einem die bunt angemalten Bären häufig im Weg Und hier gibt es eben das Dalarnapferdchen, das nicht nur eines der Wahrzeichen dieser Region ist, sondern ein Wahrzeichen von ganz Schweden darstellt. Ohne Magnet in Form eines Dalarnapferdchens geht es definitiv nicht nach Hause.

Zurück im Hotel überdenken wir unsere Situation noch einmal. An der Auffahrt zum Prinsgården steht, dass es sich um ein Hotel und Wanderheim handelt. Gut möglich also, dass für Wanderer andere Preise und andere Regeln gelten. Wir beschließen daher uns weiter keine Gedanken zu diesem Thema mehr zu machen. Wir werden nicht wischen, wir werden keine Putzkraft ordern und auch keine Strafe zahlen. Wenn der Hotelier Reinigungskosten gelten machen möchte, dann soll er sich das Geld von Booking.com holen. Damit ist die Geschichte für uns durch. (Mit dem Abstand einiger Wochen lässt sich berichten, dass das Thema damit tatsächlich beendet war und es nachträglich keine Zahlungsaufforderung gab.)

Der Tag war lang und ereignisreich. Wir haben heute viel erlebt, waren nur auf den Beinen und sind jetzt entsprechend müde. Zur Feier des Tages probiere ich jetzt ein paar dieser Leichtbiere. Das Zeug schmeckt mal mehr, mal weniger und eines landet direkt im Ausguss. Esther sitzt im Sessel und spielt irgendwas auf ihrem Tablet und trinkt Cider. Als wir uns dann zur Ruhe begeben wollen, wird es auf dem Hausflur unruhig. Wir sind also nicht mehr allein im Blockhaus. Der Traum von der uneingeschränkten Herrschaft über Dusche und Toilette ist leider ausgeträumt.

Ohrstöpsel

Tag 3 – Mittwoch, 28.08.2024; N 61°00'37″ O 14°34'48″

story.svenwusch.de_schweden_29.jpegBeim Rundgang durchs Hotel entdeckten wir gestern auf einem Schränkchen im Flur eine Dose mit Ohrstöpseln. Kurz darauf fanden sich auch auf dem Nachttisch ein paar knallbunte Gehörschutzstopfen. Wir hielten das gestern noch für ein witziges Gimmick. Seit etwa fünf oder sechs Uhr morgens weiß ich, dass die Dinger für Leute mit leichtem Schlaf absolut notwendig sind. Wir sind in einem alten Haus untergebracht und wenn man der Gästeinfo Glauben schenkt, ist es sogar das älteste Gästehaus der Stadt. Die Zimmerdecke wie auch die Wände taugen nicht besonders als Geräuschdämmung. Die Fenster sind zwar vierfach verglast, was der kalten Jahreszeit und der unmittelbar am Grundstück vorbeiführenden Reichsstraße 70 geschuldet ist. Doch gegen die Geräusche hier im Haus helfen bestenfalls die Ohrstöpsel.

Irgendwann am frühen Morgen beginnt jemand in der Etage über uns aktiv zu werden. Auch unsere Zimmernachbarn regen sich früh. Türen gehen, Dielung quietscht - an erholsamen Schlaf ist kaum noch zu denken. Der Spuk geht eine Weile, dann beenden zuschlagende Autotüren die Unruhe auf unserer Etage. Die Schritte im Obergeschoss sind weiterhin immer wieder vernehmbar.

Um 8 Uhr regt sich der Wecker und heute fühlt sich der Weckton wie eine Erlösung an. Von den anderen Gästen ist nichts mehr zu hören noch zu sehen. Auf dem Parkplatz steht nur noch unser Ford. Es ist niemand da, der uns die Dusche jetzt streitig machen könnte. Wir bewaffnen uns mit den Duschutensilien und wagen uns die engen Treppenstufen hinab.

Der Duschraum ist riesig. Neben der Dusche gibts auch ein WC und eine Waschmaschine und darüber hinaus immer noch sehr viel Freiraum. Die Dusche ist wie fast alles in diesem Haus schlicht gehalten. Sie funktioniert aber bestens. Wofür der große Abzieher gedacht ist, wo doch nirgendwo ein Abfluss zu sehen ist, kann ich mir nicht erklären. Natürlich bleibt das, was unter der Dusche geschieht auch unter der Dusche. Die Geschichte springt derweil einige Minuten weiter und trifft uns frisch geduscht auf den Weg zur Küche.

Die Küche ist ziemlich verschmutzt. So sah sie am gestrigen Abend noch nicht aus. Im Abwaschbecken schwimmen im Schmutzwasser keimige Aufbewahrungsboxen. Fast so, als hätte sich jemand beim Abwaschen einfach in Luft aufgelöst. Was ist hier eigentlich los? Ich kann mir beim besten Willen keinen Reim darauf machen.

Brötchen gibt es keine, vom Toastbrot gibt’s nur noch einen Kanten und so bleibt uns nur Knäckebrot - davon aber jede Menge. Die Kaffeemaschinen wurden nach der letzten Benutzung nicht gereinigt und beinhalten beide noch einen vollen gebrauchten Kaffeefilter. Es ist deprimierend. Nutzt aber nix. Ich werfe die vollen Filtertüten weg, spüle die Kanne ab und will Kaffee ansetzen. Doch leider finden wir keine Filtertüten. Esther versucht ihr Glück in der Küche im Keller. Als sie kurz darauf die enge Treppe hochkommt hat sie zwei Filtertüten in der Hand. Es geht voran. Wir haben das Momentum wieder auf unserer Seite!

Zu einem ordentlichen Frühstück gehören Eier, vorzugsweise gekochte Frühstückseier. Also will Esther zwei Frühstückseier kochen. Es gibt zwei elektrische Eierkocher für je sechs Eier. Doch ohne Anleitung oder beschrifteten Messbecher ist nicht ganz klar, wieviel Wasser diese neumodischen Küchenhelfer benötigen, damit die Eier die gewünschte Konsistenz erhalten. Doch Esther lässt sich nicht unterkriegen. Mit dem neu gewonnenen Elan schnappt sie sich einen Topf und möchte die Eier klassisch auf dem Herd zubereiten. Aber das Cerranfeld streikt. Kindersicherung? Defekt? Muss so? Alles ist möglich. Ein kleines Symbol mit einem Schloss leuchtet auf und ich tendiere in Richtung Kindersicherung, die ich aber nicht deaktiviert bekomme. Also bleibt der Herd heute kalt und wir versuchen unser Glück mit dem Eierkocher. Wir geben Pi mal Daumen etwas Wasser hinzu und siehe da, am Ende sind die Eier gar nicht so übel. Mangels freier Steckdosen muss die Kaffeemaschine warten bis die Eier gekocht sind. In der Zwischenzeit spülten wir die schmutzigen Hinterlassenschaften unserer Vorgänger zu Ende und räumen die Küche auf. Oder anders: Wir konfrontieren unsere schwedische Umgebung mit etwas „Tysk renlighet“ - Deutscher Reinlichkeit.

Der Kühlschrank hält kaum positive Überraschungen parat. Es gibt Käse in einer Frischhaltedose und denselben Käse noch einmal in seiner Originalverpackung. Als Wurst steht uns nur Cervelatwurst zur Verfügung. Es gibt zwei Sorten Konfitüre, keine davon verpackt in handelsüblichen Verpackungen. Der Apfelmus soll wohl das fehlende Obst ersetzen. Gemüse gibt es in Form von drei oder viel Cocktailtomaten und zwei Zwiebeln. In rauen Mengen sind Milch und Joghurt in 1,5 Literverpackungen und jede Menge Müsli und Cornflakes vorhanden. Der Saft ist viel zu süß. Es gibt eine fast leere Tube Kalles, einer Art Krabbencreme-Brotaufstrich. Die Butterdose ist leer, aber gibt's zwei große Packungen gesalzener Lätta, in die unsere Vorgänger bereits ordentlich reingekrümelt hatten. Nach Salz suchen wir eine Weile und finden am Ende eine fast leere Packung Jozo-Salz.

story.svenwusch.de_schweden_14.jpegWir beschließen auf der Terrasse zu frühstücken und tun dies ziemlich entspannt. Der Kaffee ist etwas zu stark. Hier ist noch viel Luft nach oben. Mal sehen, ob ich das morgen besser hinbekomme. Das Knäckebrot ist gar nicht so schlecht, ich bin mir aber sicher dass ich mich auf Dauer nicht daran gewöhnen möchte. Esther pflegt ihre ganz eigenen Traditionen und schmückt ihre hellen Jeans mit Himbeermarmelade. Diesmal erwischt es mal nicht das T-Shirt.

Sollerön

Tag 3 – Mittwoch, 28.08.2024; N 60°55'20″ O 14°37'05″

Blauer Himmel, die Sonne lacht - es wird Zeit, dass wir etwas unternehmen. Das Navi wird startklar gemacht und bekommt die Adresse eines Freiluftmuseums auf der Insel Sollerön im Siljan-See. Die Fahrt dorthin dauert kaum zwanzig Minuten. Zuerst geht es durch Mora mit seinen roten Holzhäusern. Dann wechselt die Szenerie und das Auto rollt durch Wald.

Wir sind kurz auf der Europastraße 45 unterwegs. Die E45 beginnt in der Stadt Alta weit im Norden Norwegens. Von dort führt die E45 senkrecht durch Schweden. Von Göteburg geht es hinüber nach Dänemark und erreicht in Flensburg Deutschland. Uns Deutschen ist die E45 besser bekannt als Autobahn A7. Südlich von Deutschland führt sie durch Innsbruck in Österreich, geht über den Brenner und senkrecht den italienischen Stiefel hinab. Die E45 endet schließlich an der Südspitze Siziliens und hat insgesamt eine Länge von 5190 Kilometern. Tja, und die meisten davon befinden sich hier in Schweden.

Wir selbst fahren aber nur wenige Kilometer auf dieser Europastraße, dann biegen wir zur Insel Sollerön ab. Kurz darauf überqueren wir eine kleine Brücke, welche die Insel Sollerön mit dem Festland verbindet. Das Freiluftmuseum im Ort Sollerön ist schnell erreicht. Wir durchfahren das Tor und stellen uns direkt neben einen VW-Bulli mit Dachauer Kennzeichen. Die Welt ist halt klein und gerade in Schweden hat man das Gefühl auf Schritt und Tritt einem deutschen Landsmann zu begegnen. Doch war das nicht letztes Jahr in Prag und Paris ziemlich ähnlich? Treiben sich die Deutschen denn nur noch herum?

story.svenwusch.de_schweden_16.jpegIm Grunde schaut das Freiluftmuseum kaum anders aus als das Länsmuseum im nördlicheren Härnösand. Alte, meist aus verschiedeneen Landesteilen zusammengetragene Behausungen stehen mehr oder weniger ungeordnet herum. Dabei könnte die ganze Insel als Museum herhalten. Bei der Fahrt durchs Dorf sieht man viele uralt wirkende Holzhäuser, die mal im typischen Falun-Rot und mal schlicht braun gestrichen sind. Einzig das Vorhandensein von Autos gibt die Sicherheit nicht im falschen Jahrhundert gelandet zu sein.

An den Gebäuden gibt es schwedische Beschreibungen mit dem Hinweis, dass man diese Informationen im Hauptgebäude des Museums kostenlos in deutscher Sprache bekommen kann. Ausgerechnet das Gebäude hat geschlossen. Wir sind einmal mehr auf die Hilfe unserer Übersetzungs-App angewiesen und werden nicht enttäuscht.

Hinter einem Ziehbrunnen befindet sich ein aufrecht stehender Baumstamm, der einem alten Kultgegenstand ähnelt. Er steht hoch aufgerichtet und ist gegen ein Umfallen gesichert. Seine Äste ragen zum Teil noch wenige Meter zur Seite. Auf einer Seite gibt es auf Bodenniveau ein mannshohes Loch, wie geschaffen für Opfergaben. Am oberen Ende des Stammes verhindert eine Metallplatte das Eindringen von Wasser ins Holz. Es ist ein merkwürdiges Gebilde, dass kaum auffällt. Statt Informationen in Form einer Tafel gibt es hier nur die Beschreibung meiner eigenen Wahrnehmung. Was wir aber entdeckten, ist, dass an dieser Stelle ein Wanderweg das Museumsgelände verlässt. Ich verspreche Esther, dass der Weg nur wenige hundert Meter lang ist und wir nur eine kurze Runde spazieren werden. Das war allerdings ungewollt gelogen, wie Esther auch schnell feststellt. Der Kartenmaßstab ist nicht auf meiner Seite und so wird aus einem kurzen Spaziergang eine kleine Wanderung über eine zum Glück auch nicht allzu große Insel. Esther hat gerade nichts Besseres zu tun und begleitet mich ohne zu murren.

story.svenwusch.de_schweden_20.jpegUnser Spaziergang führt über Äcker, Weiden und Obstbaumreihen vorbei. Sollerön erweist sich als hügeliger als erwartet. Zuerst hielt ich die vielen Steinhaufen für Ablageorte von Steinen, die den Bauern auf dem Acker einfach im Wege waren. Daheim in der Niederlausitz findet sich am Rand beinahe jedes Ackers ein kleiner Steinhaufen. Wie gesagt: am Rand. Hier jedoch liegen die Steine in großen Haufen mitten auf dem Acker. Die kreisrunden Steinhügel haben einen Durchmesser von etwa schätzungsweise zehn Metern und eine Höhe von vielleicht zwei bis drei Meter. Einige bestehen nur noch aus Steinen, andere sind komplette Erdhügel. Diese Steinhaufen und Hügel ringsumher entpuppen sich als uralte Gräber. In der vorchristlichen Wikingerzeit, als man noch die alten nordischen Götter anbetete, verbrannten die Einheimischen ihre Toten. Die Asche wurde mit einigen Alltagsgegenständen (Der Tote sollte Walhalla ja irgendwie klarkommen) zusammen mit Steinen bedeckt und ein Hügel übers Grab errichtet. Die in den Gräbern gefundenen Waffen und Alltagsgegenstände lassen darauf schließen, dass die Inselbevölkerung einen relativ hohen Lebensstandard besaß. Die Anzahl der Grabhügel war einst noch deutlich größer. Viele Hügelgräber wurden im Laufe der Zeit abgetragen, als die Bauern mit den Steinen morastige Löcher auffüllten und um ihr Ackerland zu vergrößern.

story.svenwusch.de_schweden_18.jpegIn der Nähe einer imposanten Birke steht ein zwei Meter hohes Holzkreuz. Hier stand lange Zeit eine christliche Kapelle, die - wen wundert es - über ein Heiligtum der vorchristlichen Zeit errichtet wurde. Nebenan sprudelt eine kleine Quelle, welche einst als Heiligtum verehrt wurde und der Opfergaben gebracht wurden. Die originalen Steine der ursprünglichen Quelleinfassung wurden aus der Ruine der Kapelle geborgen und damit die Quelle erneut eingefasst. Von der Kapelle sieht man kaum noch etwas, die Quelle hingegen hat die christliche Herrschaft bislang unbeschadet überstanden. Verschiedene Münzen auf dem Grunde der Quelleinfassung zeugen sogar davon, dass sie ihre Wirkung kaum eingebüßt hat und man noch immer an die geheimen Kräfte dieses Naturheiligtums glaubt.

Wir setzen unseren Weg fort und streifen einen enormen Berg aus zusammengestapelten Steinen. Hier soll den alten nordischen Göttern gedacht worden sein, Tiere wurden geopfert und den Ahnen gedacht. Laut Beschreibung vor Ort wurde hier vieles durch Ausgrabungen bestätigt, was in alten Schriften über das Brauchtum der Wikinger beschrieben wurde. Der neugierige Wanderer sieht hier jedoch nur einen von Buschwerk überwachsenen großen Steinhaufen. Es fällt schwer sich hier Tempel oder Opferstätten vorzustellen. Anders als die in der heimatlichen Eifel aus Stein errichteten Tempel der Römer und Kelten wurde in Skandinavien in erster Linie vergängliches Holz aus Baustoff verwendet. Seitlich der Anhöhe befindet sich ein Trichter von sicher drei bis viel Meter Durchmesser. Ist dieser das Ergebnis einer Raubgrabung? Ist hier ein unterirdischer Hohlraum eingestürzt? Eine Erklärung ist nirgends zu entdecken. Hier gibt es sicher noch so manche Geheimnisse, die sich bislang der Neugierde interessierter Spaziergänger entziehen konnten, da die Anhänder der nordischen Götter ihre Treffen nicht selten im Unterirdischen abhielten.

story.svenwusch.de_schweden_19.jpegDem Weg folgend schreiten wir weiter ins Tal hinab und erreichen einen Schilfbewachsenen Teich. Ein Schild weist darauf hin, dass wir uns in einem kleinen Naturschutzgebiet befinden. Ein kleiner Weg führt seitlich in den Wald und geleitet den entdeckungsfreudigen Wanderer in eine schmale Felsschlucht, die an ihrer tiefsten Stelle nur wenige Meter tief und insgesamt kaum 30 Meter lang ist. Beeindruckend wirkt sie dennoch, denn eine derartige Felsformation erwartet man hier eigentlich nicht. Ein Hinweisschild weist die Schlucht als alten Silbertagebau aus. Das ist natürlich faszinierend, auch wenn sich unserem neugierigen Blick nicht der leiseste Anflug eines Erzganges offenbart. Also schlagen wir aus der Situation nur insofern Kapital in dem wir ein paar Fotos machen und dann den Weg fortsetzen, der uns nun an das andere Ende des Teiches führt.

Von hier aus führt der Weg nun zurück zum Dorf. Die ersten abgelegenen Häuser, denen wir begegnen, sind schicke rotgestrichene Holzhäuser, die nur wenige hundert Meter vom Ufer des Siljan entfernt sind. Sonderlich alt sind diese nicht. Die Vermutung liegt nahe, dass es sich hier um Wochenend- oder Ferienhäuser handelt. Vielleicht wird aber auch von einem dieser Häuser im Home Office ein Weltkonzern geleitet? Anders als bei den zum Teil uralten Gehöften im Ortskern wird hier keine Landwirtschaft betrieben, soweit bin ich mir jedenfalls sicher.

story.svenwusch.de_schweden_17.jpegKurze Zeit darauf schreiten wir wieder zwischen Äckern dahin. Die Hügelgräber sind hier allgegenwärtig. Aus mehreren zwanzig Meter langen und zwei Meter breiten Steinreihen, die parallel im Abstand von etwa acht bis zehn Metern sich über einige Äcker erstrecken kann ich mir keinen Reim machen. Nach Ruinen alter Steinscheunen schaut das nicht aus. Handelt es sich um ein Reihengrab? Den Beschreibungen nach wurden in den Hügelgräbern meist Männer bestattet, die sich durch großen Mut etwa im Krieg verdient gemacht hatten. Und wo wurde der Rest bestattet? Die Frauen, die unbedeutenden Alten und die weniger ehrenhaften Fischer und Bauern, die sich kein Hügelgrab leisten konnten? Ein solches Reihengrab könnte die letzte Ruhestätte all jener sein, die nicht das „Glück“ hatten im Kampf einen ehrenhaften Tod zu finden. Eine These, die mir erst einmal jemand streitig machen soll!

story.svenwusch.de_schweden_21.jpegWir erreichen wieder das Dorf und nun sehen die Häuser in der Tat ländlicher aus. Alte Scheunen stehen neben den rot gestrichenen Wohnhäusern und so mancher Hof hat alte hölzerne Geräte und Wagen herum stehen. Sehenswert erscheinen die gemauerten Schornsteine, deren Rauchfang eine kleine gemauerte Krone bekommen hat. Obendrauf thront eine Wetterfahne. An der Straße warnt ein Schild vor freilaufenden Hühnern. Wozu braucht es in diesem Ort eigentlich ein Museum?

Wir werden von einem älteren Mann angesprochen. Er gehört zur Sorte Mensch, die ihre Neugier mit einer Herzlichkeit offen zeigen. Er sieht uns zwei Spaziergänger an seinem Hof vorbeischlendern und spricht uns an. Wir verstehen kein Wort. Nun sind wir leider nicht vom Schlag jener Menschen, die sich gern zu endlosen Gesprächen über Gott und die Welt hinreißen lassen. Es fehlt allerdings auch eine gemeinsame Sprache zum Kommunizieren. Themen gäbe es auf dieser Insel genug, aber es wäre ein Gestotter voller Missverständnisse. Freundlich wehren wir deshalb ab. Selbst der netten Bitte, uns an den herabgefallenen Äpfeln zu bedienen, erwidern wir mit einem freundlichen „Nein“ und lassen die Äpfel wo sie sind. Unsere Rettung naht in Person einer älteren Dorfbewohnerin, die an uns vorbei schreitet und dem netten alten Mann sicherlich die brennendsten Neuigkeiten aus dem Dorf mitteilen wird.

story.svenwusch.de_schweden_15.jpegUnsere Runde über das Gräberfeld, durchs kleine Naturschutzgebiet und letztendlich durchs Dorf endet schließlich wieder im Museum. Aktuell sind wir die einzigen hier und nutzen diese Gegebenheit uns die Gebäude etwas näher anzuschauen. Umwerfend beeindruckende Ausstellungsstücke gibt es nicht. Es ist alles alt und gut erhalten. Und damit hat es sich auch schon. Ein etwa A3-großes Blatt erregt unsere Aufmerksamkeit. Hier sind einige alte Zeitungsartikel und dazugehörige Fotos in ziemlich schlechter Qualität zusammengeklebt worden. Der Inhalt hat es allerdings in sich. Es geht in den Texten um eine Familie auf Sollerön, die vor über einhundert Jahren von der Spanischen Grippe komplett in kürzester Zeit dahingerafft wurde. Einige Fotos der aufgebahrten Leichen der Familienmitglieder sind beigefügt. Auf dem örtlichen Friedhof soll sich noch immer das Grab der achtköpfigen Familie befinden.

Bevor wir aufbrechen muss Esther die öffentliche Toilette besuchen. Diese entpuppt sich als museumsreifes Plumpsklo. Esther ist wenig begeistert und ich darf vor dem Eingang Wache stehen. So bleibt das Niveau auch an diesem Tag recht niedrig in einem Bereich, den wir einst auch kannten aber längst nicht mehr gewöhnt sind. In unserem Alter um die Fünfzig herum weiß man einen gewissen Komfort sehr zu schätzen und macht keinen Urlaub um sich daran zu erinnern wie gut es einem daheim geht.

Es ist Mittag, ein kleines Hungergefühl meldet sich und laut Navi befindet sich ein Restaurant hier im Ort. Also nichts wie hin. Während der Fahrt zum Restaurant kommen wir an einer Schule vorbei. Die Betriebsamkeit dort beweist, dass die Ferien in Schweden vorbei sind. Das Restaurant hat folgerichtig auch geschlossen. Sollerön erwartet in diesem Jahr keine Gäste mehr.

Also geht es zurück nach Mora. Zweimal die selbe Tour fahren ist natürlich langweilig. Das Navi hat eine Alternative parat und so biegen wir auf eine andere Route ab, kaum dass wir die Insel verlassen haben. Die Strecke ist deutlich kürzer, sie führt uns allerdings quer durch Mora, was uns mehr Fahrzeit kostet als der Hinweg. Nun, Zeit haben wir genug, wir sind schließlich im Urlaub.

Zorn

Tag 3 – Mittwoch, 28.08.2024; N 61°00'25″ O 14°32'19″

Wir schlagen uns zu dem Parkplatz durch, auf dem wir schon am gestrigen Abend geparkt hatten. Die so heldenhaft eingerichtete Parkplatz-App kommt erneut zur Anwendung. Großzügig tragen wir eine Parkzeit ein und haben bis 19 Uhr ausreichend Zeit Mora zu erkunden. Wie es sich für anständige Touristen gehört, führt uns unser Weg zuerst zum Souvenirladen in der Einkaufsstraße. Hier gibt es die begehrten Dalarna-Pferdchen in allen Größen und Farben. Die in Handarbeit gefertigten Holzpferdchen sind jedoch alles andere als preiswert. Ich stelle mir vor wie alle Bewohner dieses Landstrichs an langen und kalten Winterabenden am Ofen sitzen und die Pferdchen schnitzen und bemalen. Die Dalarnapferdchen sollen tatsächlich ausnahmslos in Handarbeit gefertigt werden. Der Schweden-Reisende, der sich dieses Pferdchen als Souvenir mit nach Hause nimmt, wird es völlig unabhängig vom Preis als Andenken an eine schöne Zeit in einem sehenswerten Land ins Regal stellen. Derjenige, der es aber geschenkt bekommt, überlegt wahrscheinlich, was er mit dem albernen Holzpferdchen will. Da fehlt zum einen der Bezug, zum anderen sicher auch das Wissen um die Bedeutung und insofern ist es nicht den hohen Preis wert. Ein preiswerter Plastik-Elch wird eher etwas Freude erzeugen. Wir kaufen nur einen Magneten und hoffen, irgendwo so ein handgeschnitztes Tier etwas günstiger zu bekommen.

In einem Laden nebenan hat eine Künstlerin ihr Geschäft aufgeschlagen. Hier kann man unter künstlicher Leitung sein Dalarna-Pferdchen selbst bemalen. Die im Schaufenster vorgestellten Pferdchen lassen eine ungeheure Kreativität vermuten. Vor meinem Auge explorieren Farbtuben, Pinsel fliegen wahllos kreuz und quer durch den Raum und aus einer Sprinkleranlage regnen Farbspritzer von der Decke. Alles was nicht bei drei den Raum verlassen hat geht als Farbklecks in die Geschichte ein. Die Ergebnisse mannigfaltiger Kreativphasen stehen stolz nebeneinander gereiht im Schaufenster. Was würde ich wohl dafür tun, selbst hier mal stilecht Hand anlegen zu dürfen, doch unsere Zeit ist etwas zu knapp für solche Späße.

Es ist an der Zeit auch die Gegend jenseits der Einkaufsstraße zu erkunden. Als Altstadt würde ich den Bereich ungern bezeichnen, auch wenn hier und da ein paar alte Blockhütten nebst dem bereits erwähnten roten Glockenturm aus Holz und dem Wasalauf-Ziel stehen. Einige interessante Gebäude gibt es also, der Rest des Stadtkerns ist jedoch ähnlich langweilig wie die Zentren vieler schwedischer Kleinstädte. Es gab wahrscheinlich irgendwann in den achtziger Jahren einen Bauboom und danach ist die Zeit stehen geblieben. Den Spieß kann man aber auch umdrehen: Sind hochmoderne Hausfassaden am Ende nicht doch nur Kosmetik. Oder wie man so schön sagt: „Außen hui, innen pfui“. Das Geld für regelmäßige Fassadenverschönerungen kann man vielleicht auch sinnvoller verwenden. Ich bilde mir ein, dass dies die übliche Philosophie in Schwedens Innenstädten ist. Möglicherweise liege ich damit auch völlig falsch.

story.svenwusch.de_schweden_23.jpegWenn das kleine Hungergefühl einen übermannt, dann geht man am Besten etwas essen. Auf Sollerön hatte das nicht funktioniert. Aber jetzt sind wir in Mora, einem Tourismusmagneten nicht nur wegen des Wasalaufes. Wir streifen durch ein paar Gassen in Richtung Siljan-See, vorbei an einigen Gaststätten, die entweder noch geschlossen sind oder deren Äußeres uns nicht einladend genug erscheint. Wir beschließen uns am See umzuschauen, doch um zum See zu gelangen muss man sich mit einer mehrere hundert Meter lange Baustelle auseinandersetzen. Fast könnte manmeinen hier entsteht eine neue Strandpromenade. Doch in Wirklichkeit wird hier die Europastraße 45 saniert.

Zugegeben, wir sind wie so oft recht unentschlossen was die Auswahl eines Restaurants anbetrifft. So auch am Restaurant „Strand Il Gusto“, dass sich direkt am Ufer des Siljan befindet. Zuerst umrunden wir das Gebäude komplett bis wir uns durchgerungen haben einzukehren. Nachdem wir endlich eingetreten sind werden wir auf der ganzen Linie positiv überrascht. Das Restaurant ist sehr geschmackvoll und modern eingerichtet. Haben wir in all den Jahren etwas vergleichbares in Schweden gesehen? Mehr als vielleicht ein Dutzend Restaurants haben wir in zwanzig Jahren nicht kennengelernt. An das „Strand Il Gusto“ kam keines auch nicht entfernt heran. Mit der Einrichtung kann das Restaurant durchaus mit guten Restaurants daheim im Rheinland konkurrieren. Aber wie schauts mit dem Essen aus? Wir wählen einen Tisch mit bester Sicht auf den See. Eine Karaffe mit Wasser und zwei Gläser wird gereicht, während wir noch die Karte studieren. Esther entscheidet sich für einen Caesars Salat und meine Wahl fällt auf den Smashburger mit Pommes und einer Knoblauchcreme. Das Entertainmentprogramm steuert eine verzweifelte Wespe bei, die geduldig die Fensterscheibe nach einem Durchlass nach draußen absucht und sich dabei von nichts stören lässt.

story.svenwusch.de_schweden_24.jpegAls das Essen kommt hänge ich meine Jacke über den Stuhl und wundere mich, dass die Wespe plötzlich verschwunden ist. Die Vorstellung, dass meine Jacke etwas mit dem Verschwinden der Wespe zu tun haben könnte, sorgt für etwas Unruhe bei mir. Doch erst einmal widme ich mich dem Burger und den länglichen Pommes mit ungewöhnlichem U-Querschnitt. Esther hat ihren Spaß an ihrem ungleich gesünderen Salat. Der Burger ist selbstverständlich lecker. Alles andere wäre enttäuschend in dieser gastlichen Umgebung. Wir nehmen das Angebot eines Kaffees gerne an und ich begebe mich auf die Suche nach der Wespe. Nun, genaugenommen untersuche ich meine Jacke. Erst die Taschen, dann vorsichtig Ärmel für Ärmel. Ohne Erfolg.

Siehe da, anders als Wespen in Deutschland, die sich direkt auf jedwede Art von Speisen stürzen, hatte sich unsere Wespe galant zurückgehalten und kehrt erst zurück, als die leeren Teller längst abgeräumt sind. Das durchaus stechbereite Insekt setzt ihre Suche nach einem Loch in der Scheibe fort. Die Wespe hat ihren Spaß und ich laufe keine Gefahr beim Überstreifen der Jacke. Erleichtert bitte ich um die Rechnung. Der Kellner erscheint mit der Kanne und möchte nochmals Kaffee nachschenken. Der Kaffee ist ebenso kostenlos wie das Wasser und ein wenig haben wir ein schlechtes Gewissen keine anderen Getränke geordert zu haben.

Wir wollen und am Kartenlesegerät habe ich die Auswahl zwischen der Zahlweise in schwedischen Kronen oder Euro. Konkret geht es um 550 schwedische Kronen oder eben 50 Euro. Die Entscheidung fällt üblicherweise auf die einheimische Währung und kurz darauf die Kartenabrechnung die Überweisung von 48 Euro. Hey, vier Prozent gespart! Beim Verlassen des Restaurants biege ich kurz zur Toilette ab. Das Männer WC weist auffällig viele Beschädigungen auf, die mehr oder weniger notdürftig repariert wurden. Ob hier eine Massenprügelei stattfand, bei der einige Betonschädel Kontakt mit dem Toiletten-Porzellan hatten? Hier ist eine Komplett-Renovierung angesagt. Esther hingegen schwärmt von der Damen-Toilette. Frauen haben aber auch keinen Beton-Schädel.

story.svenwusch.de_schweden_26.jpegNicht weit vom Restaurant entfernt steht ein weiteres Dalarna-Pferdchen. Dem Hinweisschild nach ist dies mit über 3 Metern Höhe das weltgrößte hölzerne Dalarnapferd. Stellen wir also fest, dass wir nun die weltgrößten Dalarnapferdchen aus Beton und Holz besucht haben. Was kommt als nächstes? Im Winter wäre Eis ein temporär verfügbarer Baustoff. Vielleicht gibt es in der Provinz Dalarna auch mächtige Felsmassive, aus denen man ein Pferdchen herausmeißeln könnte. Ich lass mich einfach überraschen.

Hier am See gibt es ansonsten nur die große Baustelle der E45 zu bewundern, weshalb wir dieselbe nun überqueren und einen weiteren kleinen Schaufensterbummel machen. Dabei staunen wir nicht wenig über das vergleichsweise hohe Angebot an Outdoorläden. Ein Messerladen zieht mich in den Bann und es dauert einen kleinen Moment bevor mir klar wird warum. Das Logo des Messer-Herstellers Moraknive prangt daheim auf meinem Gartenmesser.

Schon am gestrigen Abend fiel mein Blick auf den Bekleidungsladen Dressman. Im ersten Schwedenurlaub 2004 hatte ich mir im „Dressman“ in Härnösand eine Jeans gekauft. Diese war mir damals schnell ans Herz gewachsen und ein wenig bedauere ich noch heute, dass es diese Hose irgendwann den Weg aller Hosen ging. Sie wird abgetragen, fällt völlig auseinander und wird schließlich entsorgt. Und heute habe ich die Chance eine neue Lieblingsjeans zu kaufen. Esther ist wie immer Feuer und Flamme wenn es darum geht mich einzukleiden. Und doch habe ich heute Bauchschmerzen. Schließlich dürfen unsere Koffer bei der Abreise das Maximalgewicht nicht überschreiten. Also lass ich mich nicht überreden eine neue Hose im Dressman zu kaufen.

Statt dessen gehen wir in ein Süßigkeitengeschäft. Hier gibt es auf 500 Quadratmetern ausschließlich ungesundes süßes Zeug. Schon beim Eingang fällt einem auf: Hier betritt man ein Heiligtum. Süßigkeiten beruhigen, Süssigkeiten schmecken, mit Süßigkeiten bekommt man jeden Streit geschlichtet. Und trotzdem esse ich nahezu nichts Süßes. Ein roter Teppich begleitet einen die Stufen hinab ins Geschäft. Hier prallt man auf Regale voller Bonbons, Schokolade, Popcorn, Chips und so vielem anderen Kram, der alles andere als gesund ist. Ein wenig gruselt mir vor dem Laden. Während meiner Kindheit wäre dies hier das Schlaraffenland für mich. Doch zu meinem Glück war ich längst über dreissig, als ich von der Existenz dieses „Nöjesvaruhuset“ erfahren habe.

Aber wo wir nun schon einmal hier sind, wage ich ein kleines Experiment. Ich schnappe mir eine Dose Chips mit Barbeque-Geschmack und frage freundlich an der Kasse nach, ob ich die 35 Kronen (etwa 3 Euro) in bar bezahlen kann. Experiment geglückt: Ich darf! Wir haben unser gesamtes Arsenal an schwedischem Bargeld, immerhin stolze 210 schwedische Kronen dabei. Ich zücke also einen ersten Zwanziger und werde direkt von der Verkäuferin ausgebremst. Diesen Schein kann sie nicht annehmen, sagt sie, der ist zu alt. Esther greift in ihre Tasche und will das Dilemma direkt mit einer Kartenzahlung beenden. Doch ich bin schneller und entnehme dem dünnen Geldscheinbündel einen deutlich moderner aussehenden 50 Kronen-Schein. Die Frau an der Kasse nickt, entnimmt nun ihrer Kasse einen 20 Kronen-Schein und gibt ihn mir: So sieht der aktuelle und einzig gültige Zwanziger hier in Schweden aus. Aus irgend einem Grund gibt sie mir noch 15 Kronen in Münzen als Wechselgeld und wendet sich dem nächsten Kunden zu. Zugeben, wir denken im ersten Moment gar nicht weiter über das Geschehen an der Kasse nach. Wir verlassen das Geschäft im Wissen etwas Bargeld losgeworden zu sein und leckere Chips gekauft zu haben. Erst ein gutes Stück des Weges später kommt wir die Abrechnung doch etwas spanisch vor und ich rechne noch einmal nach. Die Chips kosten 35 Kronen, ich gebe 50 Kronen und bekomme einen 20er Schein und 15 Kronen in Münzen als Wechselgeld zurück. Schon wieder umgerechnet etwa zwei Euro Gewinn gemacht. Wir haben eine Strähne. Nur noch 4.999.998 weitere solcher Erfolge und wir sind Millionäre.

story.svenwusch.de_schweden_27.jpegNeben dem Wasalauf gibt es noch eine weitere Sehenswürdigkeit in dieser Stadt. Oder besser gesagt, Mora beherbergte einst einen berühmten Bewohner, dessen Andenken noch heute sehr hoch gehalten wird. Die Rede ist von Anders Zorn, einem deutschstämmigen Künstler, der mit vielen Kunstwerken weit über schwedische Grenzen hinaus berühmt wurde. Hier in Mora gibt es neben seinem Wohnhaus mit Garten und Atelier auch das Zornmuseet - das Zornmuseum. Wir beschließen ein Blick auf das Zorn'sche Anwesen zu werfen und betreten den Garten. Dieser ist selbstverständlich perfekt gepflegt. Wenn sämtliche Vorgärten Schwedens über einen sauber geschnittenen Rasen verfügen, dann muss natürlich der Garten des berühmten Sohnes von Mora einen gewissen Grad von Perfektion vorweisen. Hier und da fand sich eine kleine Statue zwischen den Blumen. Eine gelbe Villa befindet sich am anderen Ende des Gartens. Eine Besuchergruppe hat den Eingangsbereich völlig in Beschlag genommen. Menschenscheu wie wir nun einmal sind gehen wir diesen Touristen direkt aus dem Weg und suchen das Cafe in einem der Nebengebäuden auf. Die Frau an der Kasse war soeben damit fertig geworden die Stühle auf die Tische zu stellen. Als nächstes will sie sicher kehren oder wischen, oder sogar beides. Vorsichtig frage ich, ob das Cafe bereits geschlossen sei, oder ob wir noch etwas bekommen könnten. Na klar geht das, so die Antwort. Also kaufen wir zwei Stücken viel zu süßen Kuchens, organisieren uns eine Karaffe Wasser mit zwei Gläsern und nehmen an einem der Tische außerhalb des Gebäudes platz.

Das Anwesen ist an und für sich ein idyllischer Ort. Wenn da nicht die leidige Baustelle der E45 wäre, die dafür sorgt, dass der gesamte Verkehr auf die Straße umgeleitet wird, die hier direkt vorbei führt. Etwas mehr Ruhe und dieser Ort wäre sicher paradiesisch. Vier Dohlen hüpfen zwischen den unbesetzten Tischen umher und zanken sich lautstark um die kulinarischen Hinterlassenschaften früherer Cafe-Besucher. Wer weiß, vielleicht wäre Maler Zorn begeistert davon. Ich mag diese intelligenten Vögel und schaue gerne ihrem Treiben zu.

Ob mein Stück Kuchen nicht mehr in Ordnung war oder mir die Knoblauchcreme vom Mittagessen quer im Magen lag, aus irgendeinem Grund fühlte ich mich zunehmend unwohler. Ein dumpfes Gefühl im Kopf, so als wäre ich halb betäubt, machte sich breit. Es ist eine Art von Unpässlichkeit, die sich nur schlecht beschreiben lässt. Frische Luft ist meistens eine gute Medizin und so machen wir nach dem Verlassen des Cafes einen kleinen Abstecher zur Kirche und schlendern auf dem umliegenden Friedhof umher. Zugegeben, eine gewisse Neugier motiviert uns solche Orte hin und wieder zu besuchen. Jedoch ist diese Neugierde keineswegs morbider Art. Der eine oder andere Grabstein schaut halt recht interessant aus und die kleinen Unterschiede haben es uns schon immer angetan. Die Datumsinschriften auf einigen Grabsteinen sind hier und da etwas anders aus wir es gewohnt sind. So wird Tag und Monat wie ein mathematischer Bruch mitten in die Jahreszahl eingefügt. Der 19. Februar 1950 würde beispielsweise so dargestellt werden: 19 1/2 50, wobei der Bruchstrich zumeist waagerecht und nicht schräg verläuft.

Einige recht alte Gräber haben den Rang eines Kulturgutes. Ein kleines Schild neben dem Grabstein weist jeweils darauf hin. Darunter gibt es auch Grabsteine, die sich im Laufe der Zeit stark zur Seite geneigt haben und nun umzustürzen drohen. Diese hat man mit einem Strick gegen das Umfallen gesichert. Das wirkt kaum seriös. Aber was verstehen wir schon davon? In einigem Abstand zu den sanierungsbedürftigen Grabsteinen befindet sich im Übrigen das Grabmal des Künstlers Anders Zorn und seiner Frau.

Systembolaged

Tag 3 – Mittwoch, 28.08.2024; N 61°00'16″ O 14°32'18″

Unser letztes Ziel am heutigen Tag heißt Systembolaged und ist die einzige landesweite Handelskette, der es gestattet ist hochprozentigen Alkohol zu verkaufen. Anders als im Süßigkeitsladen muss man hier allerdings älter als 20 Jahre alt sein um seine Sucht zu befriedigen. Bei mir überwiegt gerade in erster Linie die Neugier als dass ich mich ernsthaft mit Alkohol eindecken möchte. Gibt es hier meinen irischen Lieblingswhiskey und was mag er hier kosten? Welche Biersorten gibt es und zu welchem Preis werden diese angeboten? Und vor allen Dingen: Finde ich hier irgendwas für meine nahezu Alkoholabstinente Frau? Meine rein informelle Neugier ist natürlich nur gespielt. Schon beim Betreten des Geschäftes gibt es nämlich nur eine Frage: Was wollen wir kaufen? Und wie viel davon?

Beginnen wir bei Esther: Es sollte irgendwas sprudeliges, fruchtiges sein. Ein Mischgetränk aus Cider und Fruchtsaft wird es letztendlich, wobei das breite Spektrum des Cider-Angebotes ziemlich beeindruckend ist. Daheim gibt's Cider zwar auch. Alkoholische Mixgetränke wie die Alko-Popps haben dort aber klar die Nase vorn. Hier hingegen überwiegt Cider in vielfältiger Form, dagegen finde ich nirgendwo Alkopopps. Auch Biermischgetränke wie Hefeweizen mit Grapefruit entdecke ich nicht. Aber hey, mein Lieblingsprosecco ist am Start und mit 99 Kronen, also etwa 9 Euro beinahe preiswert. Guck mal einer an. Der Whiskey ist hingegen erwartungsgemäß etwa doppelt so teuer wie daheim. Beeindruckend ist, dass viele der hochprozentigen Getränke auch als 0,35 Liter-Flaschen angeboten werden. Das macht das ganze zwar nicht preiswerter, aber man kann sich einmal quer durchs Angebot trinken ohne gleich Privatinsolvenz anzumelden.

Das Bierangebot ist ungeahnt vielseitg. Deutsches, tschechisches, polnisches, niederländisches, amerikanisches, italienisches, finnisches und schwedisches Bier in Flaschen und Dosen stehen friedlich nebeneinander und warten auf durstige Freunde des edlen Hopfengetränkes. Verwundert vergleiche ich die Preise einzelner Biersorten mit denen meines bevorzugten Getränkemarktes im Rheinland. Die Unterschiede sind weniger groß als gedacht. Hier gibt es keine Billigbiere wie etwa die der Oettinger Brauerei. Aber Spezialbiere wie etwa Stout kostet daheim nicht grad wenig. Ein gutes Bier kostet eben sein gutes Geld. Das Angebot mir bislang unbekannter Biere ist überwältigend. Wann soll ich das alles testen? Reizüberflutung pur - das ist für einen Hobbyalkoholiker wie mich einfach zu viel. Und was fange ich mit einem Bier der Marke „Bavaria“ an, welches in den Niederlanden gebraut wird? Hopfenlastige Getränke wie etwa IPA mag ich weniger, wogegen ich ein Stout sehr schätze. Gerade ein gutes Stout (Guinness sei hier mal ausgeklammert) steht in Deutschland bei den ganz speziell gebrauten und handgestreichelten Bieren mit Preisen, die selbst in Schweden als Wucher gelten würden.

Seit ein paar Jahren teste ich spaßeshalber Biere. Und natürlich auch weil ich bis vor wenigen Jahren eine Prämie für mindestens hundert bewertete Biere pro Jahr erhielt. Die Prämie bestand dann natürlich ebenfalls aus einer kleinen Kiste mit Bieren verschiedener kleinerer Brauereien. Um die einhundert zu testenden Biersorten für das aktuelle Jahr 2024 zu erreichen muss ich mich hier in Schweden ordentlich ins Zeug legen. Auch wenn es inzwischen keine Prämien von Kalea mehr gibt, bin ich wohl immer noch hochmotiviert. Zum Biertesten werde ich überwiegend auf das im normalen Supermarkt erhältliche Leichtbier mit höchstens 3,5 % Alkohol zurückgreifen. Das bekomme ich in Deutschland kaum bis gar nicht. Das muss ich einfach ausnutzen.

Wir erreichen die Kasse und werden zu meinem Entsetzen nicht nach unseren Ausweisen gefragt. Verdammt! Sind wir tatsächlich schon so alt geworden, dass man unsere Ausweise nicht mehr sehen möchte? Im Einkaufswagen befinden sich vier Flaschen, zwei Cider und zwei Bier. Um etwas mehr als sieben Euro erleichtert verlassen wir den Laden. Und nun gehts wieder zurück ins Hotel. Dabei kommen wir auch am Bahnhof von Mora vorbei. In der Vorbereitung zu unserer Reise stolperte ich über die Inlandsbahn. Der eigentliche Abfahrtsort dieser rein touristischen Linie liegt deutlich weiter südlich. Aber aktuell werden die Passagiere von dort mit Bussen nach Mora gebracht und von hier startet dann das Abenteuer auf Gleisen bis in den hohen Norden Schwedens. Billig ist so eine Reise nicht, aber unglaublich faszinierend. Wer weiß, vielleicht, eines Tages…

Zurück auf dem Hotelzimmer hab ich endlich die Chance meiner Müdigkeit nachzugeben. Ich lege mich für einen Moment aufs Bett, schließe kurz die Augen und schlafe die nächste Stunde wie ein Murmeltier. Als ich wach werde ist einiges an Zeit ins Land gezogen. Das Wetter ist wie vorhergesagt am späten Nachmittag noch recht angenehm. Anders als gestern lädt somit die Terrasse zum Verweilen ein. Wir schnappen uns die iPads und setzen uns in die allmählich versinkende Sonne. Unser Gastgeber lässt sich kurz sehen, fragt wie unser Tag war und verschwindet anschließend wieder. Irgendwann steht unserem Vergnügen unsere Unterkunft im Weg und so sitzen wir schnell im Schatten. Jetzt wird es schnell kühler, dennoch halten wir es noch eine Weile draußen aus.

Allmählich müssen wir jedoch feststellen, dass sich fundamentale Ansichten über die Evolution zu mindestens in Teilen als falsch erweisen. Nicht der Mensch steht an der Spitze der Nahrungskette. Während wir hier auf der Terrasse sitzen stellt mein Körper für andere Lebewesen ein reichhaltiges Buffet dar, bin eine Art Selbstbedienungstafel für allzeit hungrige Mücken, die sich nur allzu gern bedienen. Ich reagiere zunächst unerwartet passiv und unbeeindruckt. Nach den ersten Bissen unterschätze ich die Gefahr noch und brenne die Bissstellen mit meinem Mückenbissbrenndings aus. Doch irgendwann kann ich die fliegenden Ungeheuer nicht mehr ignorieren und wehre mich aktiv durch immenses Herumschlagen und kommandiere ein zackiges „Rückzug“ in die anbrechende Nacht. An einen geordneten Rückzug ist kaum zu denken. Wir stürmen ins Innere des Hauses.

Noch gesättigt vom verspäteten Mittagessen wurde beschlossen aufs Abendessen zu verzichten. Wir haben Käse im Kühlschrank, verschiedene Dosen mit Chips und die vorhin erstandenen Getränke. Mit dieser sehr nahrhaften und vitaminreichen Auswahl kommen wir sicher klar und so besteht die nächste Herausforderung aus einem großen Stück (670g) mildem Käse und einem typischen schwedischen Käsehobel, mit dem der Käse in feinste Streifen gehobelt wird. Was für ein Snack!

Die abendliche Unterhaltung bietet uns das TV. Hier läuft grad die Eröffnungsfeier der Paralympics in Paris, dies mit schwedischen Kommentatoren. Ich trinke dazu ein Leichtbier (Falcon Bayerskt Bärnstenslager), dass zu meiner Freude auch mal ausgesprochen gut schmeckt. Während dessen genießt Esther die erste Dose Cider mit Erdbeer-Limettengeschmack. So geht nun langsam dieser Tag vorbei. Er war ereignisreich und Gott sei Dank ohne nennenswerte Rückschläge. Morgen geht unser Roadtrip weiter mit einer etwa zweistündigen Fahrt nach Järvsö. Wir wechseln das Hotel und kommen viel zu schnell dem Norden und damit der Halbzeit unserer Reise näher.

Vom Duschvorhang

Tag 4 – Donnerstag, 29.08.2024; N 61°00'37″ O 14°34'48″

Der Donnerstag beginnt ruhiger als der Mittwoch. Niemand wirft mit Türen, springt auf Dielenböden herum oder meint in aller Frühe abreisen zu müssen. Es bleibt alles ruhin und so sind wir halbwegs ausgeschlafen als der elende Wecker diesen Tag einläutet. Der Planer dieses Urlaubs hat diesen bis ins Detail verplant und dennoch besteht kaum Gefahr, dass es stressig wird. Punkt Mittag ist der Besuch eines Tierparks im etwa zwei Stunden entfernten Järvsö geplant, wir sollten also Mora bis spätestens zehn Uhr verlassen haben. Zuvor gehts unter die Dusche, es wird gefrühstückt, unsere sieben Sachen zusammengepackt und im Auto verstaut. Und dann nichts wie weg aus Mora.

Hoch motiviert starten wir und werden direkt vor der Dusche hart ausgebremst. Die Tür ist von innen abgesperrt. Da duscht irgendwer. Sind wir doch nicht allein im Haus? Ganz abgesehen von der ominösen Bewohnerin des Obergeschosses, die sicher ein eigenes Bad besitzt. Wer also blockiert diesen Raum? Würde es etwas an unserer Situation ändern, wenn wir wissen, wer da gerade unter der Dusche steht? Wohl nicht. Aber duschen müssen wir. Gut dass es noch eine weitere Dusche gibt, die jedoch wenig einladend wirkt. Ich hasse enge Duschen mit Duschvorhang. Sicher gibt es Leute, die es mögen, wenn sich ein nasser Vorhang unter der Dusche ungefragt um die Hüften legt und dort fürs erste festklebt. Mein Ding ist das auf keinen Fall.

Dieser Raum ist kaum ein Viertel so groß wie der andere Duschraum. Es ist dunkel und sehr sehr eng. Eine Wand wird komplett von einem Tarnnetz verdeckt, welches mit ein paar Plastikblumen gespickt etwas freundlicher wirken soll. tut sie aber nicht. Hier und da sind die Überreste abgebrochener Haken an den Wänden zu sehen. Im Raum ist bestenfalls Platz für zwei Personen. Immerhin. Das Wasser in der Dusche kann sich zu keiner Zeit auf eine Temperatur festlegen. Es schwankt zwischen ordentlich heiß (aber noch erträglich) und einem „gleich wird's lauwarm“. Dies sorgt für ein völlig neues Duscherlebnis, ein Wechselbad im Stehen. Sollte eines Tages die werte Hotelleitung hinter dieses Dusch-Geheimnis kommen, wird sicher eine Kurtaxe fällig. Wir bekommen die tägliche Körperpflege in diesem Loch tatsächlich geregelt, wie genau bleibt aber unser Geheimnis. Fast fluchtartig verlassen wir die Dusche.

Das Frühstück bringt keine neuen Erkenntnisse. Es gibt auch heute mit Ausnahme des Knäckebrots keine Backwaren wie Brötchen, Toastbrot oder dergleichen. Die Auswahl im Kühlschrank ist unverändert mäßig. Kurz keimte gestern die Hoffnung auf, dass sich hier etwas ändert. Da standen am frühen Abend uns fremde Personen in der Küche und die Vermutung lag nahe, dass sich doch noch Wunder ereignen. Umsonst geträumt, es bleibt alles beim Alten. Wenigstens müssen wir heute nicht das schmutzige Geschirr anderer Gäste abwaschen.

Auf der Terrasse sind trotz Sonnenschein nur kalte 10 Grad. Wir frühstücken deshalb auf dem Zimmer. Es gibt wie gestern Knäckebrot und Käse, Ei und Kaffee. Mehr nicht. Nicht unbedingt das Frühstück das man sich für den Urlaub wünscht. Vielleicht sollte man das zweite „B“ in „B&B“ aus dem Namen der Unterkunft streichen. Aber hey, selbst auf die Gefahr, dass ich mich wiederholt wiederhole und das zum wiederholten male… Wir sind hier im Urlaub. Wir wollen Schweden zu erleben. Manchmal muss man sich zwingen das Gute in jeder noch so unangenehmen Situation zu sehen. Frust ist hier falsch am Platz. Zumal noch einige Etappen vor uns liegen.

Während ich ein paar Fotos dieser in jeder Hinsicht eindrucksvollen Behausung mache, ist Esther dabei unsere sieben Sachen zu packen. Wir ziehen die Betten ab, beladen das Auto und sind abreisebereit. Auf geht's also! Neue Abenteuer warten. Mit gemischten Gefühlen lassen wir Prinsgarden B&B zurück. Nun aber, pünktlich um zehn Uhr bleibt die Unterkunft voller allem eines: im Rückspiegel zurück! Wir kreuzen die Reichstraße 70 und verlassen Mora schließlich auf der Europastraße 45. Am Ortsausgang winkt traurig ein letzter Blitzer.

schwedenfinal/021.txt · Zuletzt geändert: von ewusch