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Etappe 6
Uppland
Örsundsbro
Tag 9 – Dienstag, 03.09.2024; N 59°44'08″ O 17°18'36″
An der Abfahrt Uppsala Nord biegen von der Europastraße 4 auf den Reichsweg 55 ab. Erstaunt nehmen wir wahr, dass wir noch fast vierzig Kilometer zu fahren haben. Von „Vorort“ kann bei dieser Entfernung kaum noch die Rede sein. Nicht nur die Entfernung, sondern auch die Tatsache, dass wir dafür eine dreiviertel Stunde benötigen, ist interessant. Was soll uns denn jetzt noch aufhalten? Der Berufsverkehr? Der rollt vor sich hin. Rasen darf hier eh niemand. Schneller kommen wir auch bei menschenleeren Straßen nicht voran. Vielleicht wartet irgendwo eine Baustelle auf uns, deren Ampelschaltung unsere Ankunftszeit verzögert. Mit etwas Geduld werden wir das in den kommenden 45 Minuten herausfinden.
Was wissen wir von unserer heutigen Unterkunft? Sie liegt nicht an der Reichsstraße, sondern etwas abseits an einem See. Es gibt erneut eine Gemeinschaftstoilette, was uns gar nicht begeistert. In den vergangenen Jahren haben wir tatsächlich auch in Deutschland in einigen Unterkünften übernachtet, wo Bad und Toilette gemeinschaftlich zu nutzen waren. Es ist also kein auf Schweden begrenztes Thema und macht es auch kein bisschen erträglicher.
Und dann wäre da die Info, dass sich weder Restaurants noch Einkaufsmöglichkeiten in der Nähe des Hotels befinden. Unser Plan: wir essen morgens und abends in der Unterkunft. Mittags wird auswärts gespeist. Für heute abend müssen wir unbedingt noch einige Lebensmittel einkaufen. Aufgrund des Verkehrs in Uppsala lassen wir erst einmal alle Supermärkte links liegen. Unser Ziel ist laut Navi noch 28 Kilometer entfernt. Den nächsten Einkaufsmarkt werden wir nutzen. Aber klar, gemäß Murphys Gesetz kommt natürlich bis zur Abfahrt vom Reichsweg 55 keiner mehr.
Was bleibt uns übrig, als zu hoffen, dass das Einkaufszentrum in Uppsala nicht das letzte vor norwegischen Grenze war. Noch einmal nach Uppsala umzukehren lässt mein Dickschädel nicht zu. Wir folgen deshalb weiter dem Reichsweg 55 und nicht der Aufforderung des Navis auf irgendeine schmale Straße abzubiegen. Irgendwann muss schließlich ein ICA, Coop oder Lidl an dieser Landstraße auftauchen. Und so ist es. Etwa zehn Kilometer später verlassen wir in Örsundsbro den Reichsweg und suchen den örtlichen ICA auf. Wir decken uns mit einigen Lebensmitteln ein und kommen an einem Kühlregal mit Surströming-Dosen vorbei. Sollten wir eine davon kaufen? Haben ist bekanntlich besser als brauchen und wer weiß wozu sonst diese legendäre Fischkonserve gut sein könnte? Hier in Schweden würden wir diese Dose allerdings nie und nimmer öffnen und daheim brauchen wir diese Bio-Waffe schon gar nicht. Wem sollten wir eine Dose des vergorenen Fisches schenken? Uns fällt niemand ein, der eine solch apokalyptische Strafe verdient hat. Unvorstellbar dieser Schreck beim Öffnen der Dose und der Sorge um die weitere Bewohnbarkeit der Wohnung. All das, weil der Ahnungslose in der Dose einen harmlosen Inhalt wie Hering in Tomatensoße vermutete. Nein, der Surströming bleibt wo er ist. Statt dessen kaufen wir uns zwei Stücken Kuchen und wagen uns schließlich an die letzten Kilometer des Tages.
Bastuviken Bed & Breakfast & Lake Spa
Tag 9 – Dienstag, 03.09.2024; N 59°44'15″ O 17°31'52″
Um 17:13 Uhr und damit nur wenig später als geplant kommen wir am Hotel Bastuviken B&B an - und aus dem Staunen nicht mehr heraus: Wo sind wir denn hier gelandet? Eine gepflegte Anlage mit einer weißen Villa und neuen weißen Gebäude erwartet uns. Eine Frau, die sich als unsere Gastgeberin entpuppt, kommt uns zum Parkplatz entgegen und begrüßt uns auf das herzlichste. Freundlich sind die Schweden! Mit Ausnahme des Brummbärs in Mora, aber der hatte möglicherweise seine Gründe. Am Unterkunftsgebäude verwende ich unter den Augen unserer Gastgeberin den mitgeteilten Zugangscode und bekomme im zweiten Versuch die Tür geöffnet. Wir betreten einen stilvoll eingerichteten Korridor und werden mit offenen Mündern herumgeführt. Die Einrichtung im Landhausstil stellt alles in den Schatten was wir bislang in Ferienwohnungen und Hotels gesehen haben. Und das beileibe nicht nur in diesem Urlaub. Das Haus wurde mit so viel Liebe eingerichtet und dekoriert, hier muss man sich einfach wohlfühlen. Redakteure einer Inneneinrichtungszeitschrift hätten Stoff für mehrere Ausgaben.
Allerdings redet unsere Gastgeberin schnell und viel, dass nur die Hälfte vom Gesprochenen verstanden wird. Es wäre jedoch unfreundlich ihren wohlgemeinten Redeschwall zu unterbrechen. Es erklärt sich ohnehin vieles von selbst. Bucht man übrigens dieses Hotel über gängige Onlineportale wie etwa Booking.com, dann bekommt man dort Fotos des Zimmers gezeigt, welches für fast zwei Tage unseres sein darf. Das Bett schaut ungemein einladend aus und im Bett liegend bekommt man einen wunderbaren Blick auf den Mälarsee. Die wenigen Schränke sind mit modernen Schubläden ausgestattet. Es gibt eine eigene Klimaanlage, ausreichend Steckdosen, eine Netzwerkdose und viel zu viele Lichtschalter. Die Suche nach dem passenden Schalter lässt uns während unserer Anwesenheit nicht selten verzweifeln. Von außerhalb des Hauses muss es schon ulkig gewirkt haben, wenn alle möglichen Lampen unseres Zimmers immer wieder kurz aufleuchten, bis wir uns endlich auf eine Beleuchtungsquelle geeinigt haben.
Das Unterkunftsgebäude hat einen länglichen Grundriss. An den Enden sind jeweils zwei Schlafzimmer mit zwei bzw drei Betten. Zur Mitte hin folgt jeweils ein kurzer Korridor, an dessen Ende sich jeweils ein hübsch eingerichtetes Bad mit Dusche und Waschmaschine befindet. Mittig im Gebäude befindlich und von beiden Seiten über den jeweiligen Korridor erreicht man den Aufenthaltsraum mit der Küche. Die Küchenzeile ist umfangreich ausgestattet mit Microwelle, Ceranfeld-Herd, Spülmaschine, zwei großen Kühlschränke, einem Tiefkühlschrank und ein zahlreiches Sortiment an Geschirr. Es fehlt an hier nichts.
Gegenüber der Küche befindet sich der Gemeinschaftsbereich. Wie geschaffen für regnerische Tage und nach einbrechender Dunkelheit, wenn Mückenschwärme im Freien alles und jeden in Sekundenschnelle bis auf die Knochen abnagen würden. Ein riesiger 75 Zoll TV von LG hängt an der Wand - perfekt für Streamingabende, wenn jede andere Art von Beschäftigung keinen Spaß macht. Mittendrin im Raum steht eine gemütliche Couch zum Kuscheln, Chillen oder zum Spielen von Gesellschaftsspielen. Für die nötige Wärme an kalten Abenden sorgt ein freistehender Edelstahl-Kamin. Ein Träumchen!
Auf der Terrasse stehen Tische, die zum morgendlichen Frühstück im Freien einladen. Es gibt eine kuschelige Outdoor-Sitzecke, einen Grill und eine kleine Outdoorküche. So wie wir hier untergebracht sind möchte ich daheim gerne wohnen.
Natürlich gibt es auch hier einen perfekt geschnittenen Rasen. Ein emsiger Rasenmähroboter irrt unablässig über den Rasen und kürzt die Grashalme mit einer grenzenlosen Geduld. Die Grünfläche führt hinunter zum See, wo ein kleiner Strand mit zwei Strandliegen auf Entspannungssüchtige wartet. Die gesamte Szenerie beherrscht ein gut fünf Meter hoher und zehn Meter breiter Felsen. Ein kleiner Fussweg führt auf den überdimensionalen Stein hinauf. Oben auf dem Felsen laden einige Sitzmöglichkeiten sowie Schaukel, die an einer knorrigen Kiefer befestigt ist zur Fernsicht ein. Ein traumhafter Platz gerade jetzt am späten Nachmittag mit fabelhafter Aussicht über den See, die ich aus eben jener Schaukel sehr genieße. Das „Bastuviken Bed & Breakfast & Lake Spa“ schaut im warmen Licht der langsam untergehenden Sonne gleich nochmal so hübsch aus. Spätestens jetzt sind ein paar Worte über das aktuelle Wetter fällig. Sämtliche Wetterprognose für das Wetter in dieser Region haben Recht behalten. Seitdem wir in Uppsala die E4 verlassen haben scheint die Sonne. Die Temperatur ist wie versprochen auf warme zwanzig Grad angestiegen. Nach zwei Tagen im Regen sitzen wir nun im schönsten Sonnenschein auf diesem Felsen und haben das nasskalte Wetter der letzten tage schon längst verdrängt.
Das traumhafte Wetter wollen wir nutzen um unser Abendessen auf der Terrasse genießen zu können. Der Tisch ist schnell gedeckt. Es gibt Garnelen, Aioli, Baguette und Käse. Lauter gesundes Zeug - soweit wenn man es nicht so genau mit der gesunden Ernährung nimmt. Es schmeckt gar nicht übel. Bevor wir uns nach drinnen verziehen räumen wir die Polster der Sitzecke weg. Dabei stellen wir uns höchst umständlich an und kommen mit den Polstern und den Planen nicht wirklich bis überhaupt nicht klar. Das Ganze will einfach nicht recht passen und ruft irgendwann den Gastgeber auf den Plan. Wir schwätzen eine Runde und er erklärt uns noch einmal, wie das mit den Abdeckung der Sitzecke eigentlich gedacht war. Die Ausführungen seiner Frau haben wir offensichtlich missverstanden. Die Polster verbleiben auf den Sesseln und werden dort und nirgendwo anders mit der Plane abgedeckt. Schau an - schon passt's.
Nach dem Abwaschen landen wir vor der Glotze und schauen uns ein paar Folgen „Huber ohne Staller“ an. Ganz wie zu Hause. Eigentlich sind wir nicht unbedingt besonders angetan von den üblichen Vorabendkrimis der öffentlich-rechtlichen Sender. Aber Ausnahmen bestätigen bekanntlich die Regel. Gegen 22 Uhr wird es noch einmal unruhig. Im gegenüberliegenden Flügel des Unterkunftsgebäudes ziehen neue Gäste ein. Eine nette Frau Mitte Vierzig und ihre beiden Töchter bekommen erst eine Führung durchs Gebäude und gesellen sich schließlich zu uns auf die große Eckcouch. Die Drei kommen aus Oberhausen und verbringen einige Tage hier in Schweden.
Zeckenalarm
Tag 10 – Mittwoch; 04.09.2024; N 59°44'15″ O 17°31'52″
Nach einer vom Schnarchen zweier erwachsener Personen geprägten Nacht werden wir gegen halb neun wach. Auf dem Bett sitzend entdeckt Esther eine Zecke an ihrem Schienbein. Das nicht nur in meinen Augen monströse Tier hat sich's seit rund zwanzig Stunden am Bein meiner Gattin gemütlich gemacht. So viel also zum unausgesprochenen Gesetz „Was im Wald passiert bleibt im Wald!“ Wir haben ein ernsthaftes Problem und werden es angehen müssen.
Zecken, von denen die gefährliche Borreliose oder FSME ausgehen kann, gibt es unserer ungebildeten Meinung nur in Süddeutschland und in seltenen Ausnahmefällen in Mitteldeutschland. Aber niemals hätten wir mit den Krabbelviechern in Skandinavien gerechnet. Bei der Vorbereitung dieses Urlaubs kam uns deshalb nicht in den Sinn, eine Zeckenzange einzupacken. Und nun haben wir den Salat. Wir beteiligen unsere Gastgeber an unserem Problem und erhalten feinstes chirurgisches Gerät in Form einer Pinzette zur Entfernung des unerwünschten Besuchers.
Doch statt direkt zur Tat zu schreiten, entscheiden wir uns erst einmal zu frühstücken. Unser Problem bzw. die Zecke wird uns schon nicht weglaufen. Und wenn doch, dann haben wir ungewollt alles richtig gemacht. Das Frühstück unterscheidet sich kaum von dem an den vergangenen Tagen in der Haga Mini. Erst wollen wir unsere Vorräte aufbrauchen, bevor wir uns auf das reichhaltige Angebot im Kühlschrank stürzen.
Dann aber war es Zeit für die OP. Bewaffnet mit Tupfer (tatsächlich ein Desinfektionstuch), der Pinzette als hochkompliziertes chirurgisches Spezialinstrument und zusätzlich einem Handy (für einen Youtube-Live-Stream) schreite ich zur Tat. Der Handy-Bildschirm liefert verstörend scharfe Bilder, da die Lupe sich als ganz brauchbar erweist. Das mehrfach vergrößerte Insekt auf dem superhochauflösenden Bildschirm verdeutlicht die Dringlichkeit eines sofortigen Eingriffes. Unverzüglich schreite deshalb ich deshalb zur Tat.
Der Patient liegt ruhig auf dem Bett, wir können also fürs erste auf eine Fixierung verzichten. Eine Betäubung kommt nicht in Frage, da kein Äther zur Verfügung steht, um damit die Zecke ins Reich der Träume zu schicken. Aber genau das soll sich jetzt rächen. Obwohl sich die Zecke mit dem Kopf in die Haut vergraben hat, ahnt sie das nahende Ungemach in Form der Pinzette und beginnt mit allen Füssen unqualifiziert zu strampeln. Alle Versuche das Vieh mit Sprüchen wie „Ruhig - dann tut's nicht weh!“ enden erfolglos. Dann eben auf die harte Tour!
Unbeeindruckt vom Zappeln der Zeckenbeine ergreife ich das kleine Kerlchen und ziehe vorsichtig daran. Ganz so wie ich es eben in einem Online-Crashkurs für angehende Wald-und Wiesenchirurgen gelernt habe. Trotz höchster Sorgfalt will sich kein Erfolg einstellen. Ich wage einen erneuten Versuche und setze die Pinzette erneut an, Diesmal ziehe ich etwas kräftiger. Zu kräftig jedoch und der riesige Körper der Zecke auf meinem Handydisplay geht kaputt. Nun strampeln keine Füßchen mehr.
Unser Problem hingegen bleibt bestehen und ist in Originalgröße kaum kleiner geworden. Der nächste Versuch endet damit, dass ich weitere Teile des Körpers entferne. Gegen den Dickschädel der Zecke komme ich jedoch nicht an und unterliege im Duell der Dickschädel. Ich wringe ein Desinfektionstuch aus und träufle etwas von der Flüssigkeit auf die Wunde. Diese schaut im Moment alles andere als gefährlich aus, aber mit dem Fremdkörper darin wird es zu einer Entzündung kommen. Hoffentlich sorgt die Desinfektionsflüssigkeit dafür, dass eventuell vorhandene Krankheitskeime neutralisiert werden. Damit beende ich die OP und überlasse die Patientin ihrem weiteren Schicksal. Sie ist schließlich kein Privatpatient.
Gamla Uppsala
Tag 10 – Mittwoch, 04.09.2024; N 59°53'53″ O 17°37'45″
Es ist an der Zeit einen der mythischsten Orte in ganz Skandinavien einen Besuch abzustatten. In Gamla Uppsala (Alt-Uppsala) soll sich einst ein Tempel für Freya, Thor und Odin befunden haben. Alle neun Jahre pilgerten die Menschen aus ganz Schweden hierher, um mit Opfern die Gunst der Götter zu erringen oder diese zu mindestens Milde zu stimmen. Das alte Uppsala wird im englischen Beowulf-Epos erwähnt und kommt in isländischen (Hrólfs saga kraka) und dänischen (Gesta Danorum) Chroniken vor. In der bekannten Fernsehserie „Vikings“ wird Uppsala als religiöser Mittelpunkt des Glaubens der Wikinger dargestellt. Aus Uppsala ist inzwischen Alt-Uppsala geworden, der heidnische Tempel wurde von zum Christentum übergetretenen Schweden um 1087 niedergebrannt. Und dennoch gibt es dort noch viel aus jener alten Zeit zu sehen, in der die Nordmänner Angst und Schrecken in ganz Europa verbreiteten. Hoffen wir jedenfalls.
Die Wegweiser nach Gamla Uppsala waren gestern kaum zu übersehen. Das Navi wird entsprechend instruiert. Auf geht's! Kaum losgefahren, halten wir an einer der nächsten Abzweigungen. Ein Runenstein hat unsere Aufmerksamkeit erregt. Ein Wendeplatz direkt an der Straßenabzweigung bietet eine günstige Parkgelegenheit für unser Auto. So kann ich in aller Ruhe die Straße überqueren und den Runenstein fotografieren. In einer Karten-App habe ich noch weitere solcher Steine eingetragen. Wenn wir also Zeit und Lust haben, können wir den ganzen Tag damit fortfahren Runensteine der Region zu besuchen.
Irgendwo in der Nähe des Steines befindet sich ein GeoCache und dawir schon mal vor Ort sind, können wir diesen auch suchen. Erst einmal warten wir, bis ein Motorradfahrer, der gelangweilt auf dem Wendeplatz unser Auto umkurvt, weiterfährt. Doch an ein Weiterfahren denkt der Herr keineswegs und setzt fast herausfordernd sein Tun fort. Was solls, dann eben nicht. Der hier irgendwo versteckte Geocache muss auf unseren Besuch fürs erste noch warten. Wir setzen uns ins Auto und die Fahrt nach Gamla Uppsala fort. Kaum sind wir unterwegs, biegt auch jener Zweiradfahrer an der Abzweigung in unsere Richtung ab und folgt uns. Er bleibt an uns dran ohne zu nah aufzufahren. Esther gibt sich beste Mühe völlig unbeeindruckt zu bleiben. Die Straße ist schmal, es sind 80 km/h erlaubt und bis zum Reichsweg sind noch einige Kreuzungen zu passieren. Da muss sie die Augen nach vorn richten und kann sich nicht um unseren Verfolger zu kümmern. Mit mir geht natürlich die Phantasie durch. Man denke nur an Mad Max. Dort terrorisieren Motorradfahrer harmlose Autofahrer bis sie es irgendwann übertreiben und Mel Gibson zum bitterbösen Racheengel wird. Und hier? Völlig ignorieren können wir das Motorrad hinter uns nicht. Und egal wie wir abbiegen, der Motorradfahrer bleibt uns beharrlich erhalten. Soll er doch. Mal schauen, wie viel er noch im Tank hat. Und tatsächlich: beim Auffahren auf den Reichsweg 55 bleibt unser Verfolger zurück und verschwindet schließlich aus unserem Sichtfeld und dieser Geschichte.
In Uppsala verlassen wir den Reichsweg auf eine Straße, die die ehemalige Europastraße 4 gewesen sein könnte, als diese noch mitten durch Uppsala führte. Ein Blick auf die Karte zeigt eine schnurgerade Straße, die parallel zur heutigen E4 verläuft. Linkerhand liegt ein Militärflughafen und rechterhand sehen wir die ersten Hügel, derentwegen wir uns hierher auf den Weg gemacht haben. Für meine These mit dem Straßenverlauf der alten E4 spricht, dass ich jahrelang einbildete diese Hügel bei unserer Schweden-Reise 2005 gesehen zu haben. Vielleicht grabe ich eines Tages eine Karte aus, auf der der Verlauf der alten Europastraße 4 eingezeichnet ist und die meine Geschichte unterstützt. Wir hielten 2005 bei der Rückreise in Uppsala, besuchten die Innenstadt und den Dom. Alt Uppsala hingegen blieb damals außen vor.
Das ändert sich heute. Wir fahren an einem bäuerlichen Gehöft vorbei, welches sich später als Freiluftmuseum Disagården herausstellen wird. Kurz darauf folgt eine Einfahrt zu einem Parkplatz - die beste Möglichkeit sich vom Auto zu trennen. Das Museum ist in Sichtweite, die Hügelgräber ebenfalls. Doch zuerst steht mir der Sinn nach dem Besuch einer öffentlichen Toilette. Eine solche findet sich unweit des Parkplatzes auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Die Toilette ist stark verschmutzt. Wer baut an so exponierter Stelle eine neue öffentliche Toilette und sorgt sich nicht um die Reinigung? Es ist Mittwoch Vormittag, die Saison ist vorbei - keine Ahnung warum eine Toilette so aussehen muss.
Esther ist inzwischen erneut auf der Suche nach einem versteckten GeoCache, der sich am Rande dieses Platzes befinden soll. Die Suche wird immer wieder unterbrochen wenn Besucher vom Parkplatz gelaufen kommen. Das macht es nicht leichter. Auch zu zweit kommen wir dem Cache nicht auf die Schliche. Unsere GeoCaching-Ausbeute ist heute noch nicht sonderlich von Erfolg gekrönt.
Bevor wir den Rundgang beginnen, besuchen wir den Museumsshop. Für den Besuch des Museum fehlt uns die Motivation, auch weil wir dort interessante Informationen erst mit einer App ins Deutsche übersetzen müssen. So ein Rundgang durch den Museumsshop ist immer recht interessant. Neben vielen Fachbüchern in schwedischer und englischer Sprache gibt es Spielzeug für die Kinder, nachempfundener Schmuck der Wikingerzeit und jede Menge Socken. Jedoch nichts kann uns zum Kauf bewegen. Selbst die Magneten gefallen uns nicht. Also verlassen wir den Museumshop und folgen einem Rundweg, der uns zu den großen Hügelgräbern führt. Diese haben die seltsam uninspirierenden Namen Östhögen, Mitthögen und Västhögen.
Verlassen wir kurz das Hier und Jetzt und wenden uns der Eisenzeit zu, in welcher die heutige Hauptattraktion dieses Ortes entstand. Wikipedia weiß darüber, dass dem Volksglauben nach hier drei der alten Schwedenkönige des Geschlechtes der Ynglinger begraben liegen. Alten Sagen zufolge sollen diese Hügel gar die Gräber der nordischen Götter Thor, Odin und Freya sein. Glaubt man den etwas nüchternen Forschungsergebnissen, dann entstanden diese Gräber vor etwa 1500 Jahren, etwa zur Zeit, als die letzten Reste des weströmischen Reiches einer gewissen spätrömischen Dekadenz und germanischen Horden zum Opfer fielen.
Die Dimensionen der Hügelgräber legen auf jeden Fall nahe, dass hier nicht nur geschichtlich bedeutungslose Regionalherrscher bestattet wurden. Mit einem Durchmesser von 55 bis 70 Metern und sieben bis elf Metern Höhe sind diese Hügelgräber deutlich größer als ähnliche Anlagen Schweden. Was spricht also gegen die Annahme, dass hier tatsächlich die großen Altvorderen der Nordmänner bestattet wurden. Allerdings lange, bevor die Wikinger die Bildfläche der Geschichte betraten.
Hunderte weiterer kleiner Hügelgräber befinden im weiten Umfeld um Gamla Uppsala. Vor wenigen Jahren wurden auch Bootsgräber entdeckt, die aus der Wikingerzeit stammen sollen. All das beweist in meinen Augen, dass das alte Uppsala durchaus eine übergeordnete Bedeutung in Schwedens Vergangenheit besessen hat. Wir umrunden die Königshügel. Das Betreten und Befahren mit dem Fahrrad ist untersagt, um die Hügel nicht noch weiter zu schaden. Ein niedriger Zaun soll das Betreten der Hügelgräber zusätzlich erschweren. Hier und da sieht man, dass weder Verbot noch Zaun den gewünschten Erfolg erzielt. Trampelpfade führen vereinzelt hinauf zur Hügelkuppe und sorgen dafür, dass die Grasfläche an vielen Stellen arg zu leiden hat.
Die beeindruckenden Königsgräber sind einen Besuch wert, aber hier gibt es noch so viel mehr zu sehen. Wir folgen unserem Pfad, der uns nun von den Königshügeln fortführt.
Disagården
Tag 10 – Mittwoch, 04.09.2024; N 59°54'02 O 17°37'44″
Der Weg führt uns zum Freilichtmuseum Disagården, welches ein Sammelsurium bäuerlicher Behausungen und Ställen darstellt, die ihren Weg aus anderen Teilen Upplands hierher gefunden haben. Die Holzgebäude sind klassisch Falun-Rot gestrichen. Einige der Häuser sind mit Reet gedeckt, andere andere Holzschindeln und ein paar sogar mit richtigen Dachziegeln. Beim Herumschlendern durch die Museumsanlage landet man an einem Gatter mit zwei Schweinen, die neugierig das Publikum beäugen. Sie bekommen wohl hier und da ein paar Leckereien zugesteckt und kommen entsprechend schnell an den Zaun gelaufen, als wir gerade dort vorbei kommen.
Als wohlerzogene Deutsche halten wir uns selbstverständlich an das Verbot die Allesfresser zu füttern. Es ist ja nicht so, dass wir der Meinung sind, das die Schweine einen der überall in Massen herumliegenden Äpfel nicht vertragen könnten. Die Viecher würden die angebotenen Äpfel sofort wegfuttern, ohne Frage. Nehmen wir an, das tut dann jeder der sicher weit über hundert Besucher pro Tag. Spätestens am Abend betteln die völlig übermästeten Schweine freiwillig darum geschlachtet zu werden. Nein, diese Schweine werden sicher keinen Hunger leiden, wenn wir sie nicht mit ein paar Äpfeln füttern.
Wir kommen an einem alten Plumpsklo vorbei. Privatsphäre war zur Zeit der Nutzung dieser Bedürfnisanstalt ein Fremdwort. Auf diesem Klo konnten zwei Personen zeitgleich ihr Geschäft verrichten. An kalten Wintertagen sicher es auch ganz angenehm, nicht allein mit dem Hintern festzufrieren. Man konnte es sich mit der Schwiegermutter gemütlich machen und während man sich gegenseitig wärmt und übers Leben philosophiert, lässt man das eine oder andere nach unten sausen. Klitsch! Klatsch! Hände hoch, bei wem einstmals die einzige Toilette ein unbeheiztes Plumpsklo draußen auf dem Hof war.
Nur ein paar Meter weiter findet man sich auf einem rundum geschlossenen Bauernhof wieder. Über eine Außentreppe gelangt man zu einer kleinen Kammer, in der vor vielen Generationen die Knechte des Hofes untergebracht wurden. Das Leben, dass die Knechte damals führten, kann man sich heute kaum noch vorstellen. Jedwede Form der elektronischen Unterhaltung war noch nicht erfunden. Aber wozu auch, es gab eh keine Freizeit. Als Knecht hat man von früh bis spät zu schuften. Als Dank lies man ihn nicht verhungern. Oder so ähnlich, keine Ahnung, ich war nicht dabei. Wenn man das karg ausgestattete Zimmer sieht, dann waren die Kerle, die hier hausen mussten, nicht zu beneiden. Besonders in den kalten Wintern möchte man nicht Knecht gewesen sein.
Wir streifen ein wenig durch einen alten Garten, in dem rote Rüben und Hopfen angebaut wird. Die Sonne sorgt inzwischen für angenehme Wärme. Das Freiluftmuseum Disagården haben wir nun also besucht. Ein weiteres Heimatmuseum mit alten Häusern, die irgendwo Neubauten weichen mussten.
Auf dem Weg zurück zum Parkplatz kommen wir an einem platten großflächigen Hügel vorbei, auf der einst ein königliches Gebäude aus der Wikingerzeit stand. Bodenfunde belegen, dass es sich um ein außerordentlich großes Gebäude gehandelt haben muss. Als später der Königssitz verlegt wurde, ordnete der König die Zerstörung dieser königlichen Behausung oder Langhalle an. Übrig blieb ein auffällig geformter Hügel in der Landschaft.
Hinter uns an einem recht alten Haus steht ein hoher Stein, den ich im ersten Moment mit einem Runenstein verwechsle. Ein am Stein befestigtes Blatt erklärt, dass Kinder, die auf einem Bauernhof aufwachsen und sich hier und da auch mal dreckig gemacht haben, im späteren Leben deutlich seltener an Allergien leiden. Gibt es in der naturverbundenen schwedischen Bevölkerung etwa ähnliche Probleme und Ansichten wie in Deutschland? Kaum zu glauben! Leute, nehmt euren Kindern die Gamecontroller, Tastaturen und Handys weg und bewegt deren und eure Hintern an die frische Luft! Das wahre Leben finden da draußen statt und nicht auf irgendwelchen Displays. Sagt der, der bis tief in die Nacht am Rechner sitzt und diesen Text tippt. Der, der bei halbwegs erträglichen Wetter am Wochenende Gegenden wie die Eifel erkundet - in echt und nicht virtuell! Genau - und nun raus mit euch!
Odinsburg
Tag 10 – Mittwoch, 04.09.2024; N 59°54'02 O 17°37'44″
Zurück nach Alt-Uppsala. Eine beeindruckende alte Kirche mit einem daneben stehenden hölzernen Glockenturm und umliegenden Friedhof befindet sich ebenfalls auf der eben beschriebenen Fläche. Von der ursprünglichen Größe der Kirche ist bestenfalls die Hälfte erhalten geblieben. An der Außenmauer erkennt man an einigen Stellen die Reste ehemaliger Anbauten. Beim Umschreiten der Kirche entdecken wir einen recht gut erhaltenen, in die Kirchenmauer eingefügten Runenstein. Dieser wird selbstverständlich sofort fotografiert und die angebrachte Beschreibung mittels Google Übersetzer ins Deutsche übersetzt. Als die Kirche vor rung neunhundert Jahren gebaut wurde, dann wohl an der Stelle jenes sagenumwobenen Tempels der Wikingerwelt. Dabei wurde auch ein weiterer Königshügel abgetragen, von dem ein Rest als kleinerer Hügel vor der Kirche übrig blieb.
Ein Schild am Eingang zur Kirche weist uns auf das Schicksal König Eriks hin, einem christlichen Missionar Finnlands, der im zwölften Jahrhundert lebte. Um 1159 oder 1160 besuchte König Erik in dieser Kirche die Messe. Beim Verlassen der Kirche kam es zu Auseinandersetzungen mit dänischen Soldaten, infolge dessen der Erik enthauptet wurde. Der Sage nach rollte sein Kopf den Hügel hinab und an der Stelle, an der der Kopf liegen blieb, sprudelte eine Quelle aus dem Boden. Dieses Quell-Wunder führte zur Heiligsprechung des Missionars. Über viele Jahrhunderte fanden Prozessionen vom Dom in Uppsala zur Kirche in Alt Uppsala statt, auf der die Reliquien des Heiligen Erik mitgeführt wurden.
Nun haben wir genug Geschichten rund um die Kirche erzählt. Es ist an der Zeit das heilige Gemäuer von innen in Augenschein zu nehmen. Die Kirche präsentiert sich wie erwartet sehr schlicht. Nichts zu sehen von der prunkvollen Gestaltung katholischer Kirchen wie vergleichsweise im Süden Deutschlands. Die Wände seit Alters her mit Symbolen und Verzierungen bemalt und daran hat sich bis heute nichts geändert. Eine Tafel weist darauf hin, dass sich in der Kirche das Familiengrab der Familie Celsius befindet, dessen berühmtestes Mitglied Anders Celsius ist. Anders Celsius, seines Zeichens Professor der Astronomie, erdachte einstmals die Temperaturskala Celsius, die vielleicht dem einen oder anderen ein Begriff sein dürfte. Die metallene Grabtafel der Familie Celsius können wir an einer der Außenwände der Kirche ausmachen. Nach dem wir im Mai diesen Jahres ein Denkmal zu Ehren Daniel Fahrenheits in Danzig besuchten, ist ein Besuch dieser Kirche eigentlich die logische Folge. Oder purer Zufall. Egal. Wir schreiten die Reihen der Bänke ab und genießen die angenehme Ruhe in den altehrwürdigen Mauern.
Außerhalb der Kirche ist viel Betrieb. Einige Touristengruppen werden von Führern durch Terrain geleitet. Da alle mit sich selbst und dem jeweiligen Führer zu tun haben, fühlen wir uns ungestört genug, auch hier auf die Suche nach einem GeoCache zu gehen. Die Beschreibung des Caches hat uns das Ziel bereits auf dem Präsentierteller geliefert. Der Cache ist nicht in der Mauer versteckt, doch außer der Mauer befindet sich hier nur ein Verteilerkasten. Natürlich ist das Versteck selbst recht raffiniert und dürfte manchen in die Irre führen. Doch die jahrelange Jagd nach GeoCaches hat uns viele ähnliche Versteck finden lassen. Kurz darauf tragen wir uns in das Logbuch unseres 2584sten GeoCaches ein. Was wir jetzt noch nicht wissen: dies ist der letzte GeoCache, den wir in diesem Urlaub in Schweden finden werden.
Auf dem Weg von der Kirche zum Parkplatz kommen wir am Tingshügel vorbei. Dieser Hügel ist kein Grabhügel, sondern war früher der Sitz der Gerichtsbarkeit. Der Legende nach soll einst Gustav Wasa I. von diesem Hügel eine Rede zu seinen Untertanen gehalten haben. Schon wieder dieser Gustav Wasa, Wo man auch hinkommt, König Wasa war schon da. Im Jahre 2005, als wir den Dom zu Uppsala besuchten, standen wir dort auch am Grab dieses legendären Königs. Im selben Dom wurde Gustav Wasa im Jahre 1528 zum König von Schweden gekrönt. Es wäre recht verwunderlich, wenn wir Gustav Wasa in den kommenden Tagen nicht noch öfter über den Weg laufen sollten.
Direkt hinter dem Tingshügel befindet sich das Cafe Odinsburg. Ein sehr sehenswertes altes schwarzes Gebäude, in welchem seit vielen Jahrzehnten die Gäste von Gamla Uppsala bewirtet werden. Nach so viel frischer Luft während unseres Spaziergangs verspüren wir inzwischen ein kleines Hungergefühl und lassen uns nicht davon abschrecken, dass im Café Selbstbedienung angesagt ist.
Esther bestellt sich Flunder mit Kapern und eine Kartoffelsuppe gibt es für denjenigen, der Kapern nicht mag. Kaffee und stilles Wasser ist auch hier kostenlos. Wir decken uns mit Getränken ein und suchen einen freien Tisch auf der terrassenartigen Fläche vor dem Café, finden aber alle Schattenplätze besetzt. Die praktische Lösung steht an einer Wand gelehnt: Sonnenschirme nämlich. Einen davon schnappen wir uns und besetzen einen freien Tisch, der in der prallen Sonne steht. Der Sonnenschirm jedoch, den man in ein Loch in der Tischmitte steckt, benötigt eigentlich einen Schirmständer. Einen solchen gibt es aber nicht. Leichte Windstöße lassen den Sonnenschirm unablässig auf und ab hüpfen und ich will mir nicht ausmalen, was passiert, wenn ein ordentlicher Windstoß den Schirm zum Fliegen bringt. Mit einer Hand halte ich den Sonnenschirm deshalb fest und merke, dass mir das schnell zu viel wird. Wie will man hier in Ruhe zu Mittag speisen, wenn man damit beschäftigt ist den Schirm am Abheben zu hindern? Als ein Tisch im Schatten frei wird wechseln wir kurzerhand die Stellung. Natürlich wird auch der Sonnenschirm vorher zurückgestellt. Auf dem neuen Tisch steht das Geschirr der letzten Gäste. Langsam sind wir es leid den Schweden alles nachräumen zu müssen. Wir stellen das Geschirr auf einen leeren Nachbartisch und wundern uns noch nicht einmal über die zunehmende Anzahl leerer Tische.
Der Kaffee schmeckt wie Kaffee schmecken muss, wenn er stundenlang sein Dasein in einer Thermoskanne fristen musste: viel zu kräftig mit einem Hauch von beinahe ungenießbar. Vielleicht sind wir de starken schwedischen Kaffee einfach nicht gewohnt. Während wir im Schatten sitzen, beobachte ich eine zutrauliche Blaumeise, die unseren Spatzen gleich auf Krümel von uns Menschen hofft. Die Meise ist diesen Trubel gewohnt und hüpft unbeeindruckt zwischen den Stühlen der Nachbartische umher. Eine ältere Kellnerin balanciert die Teller mit unserem Essen gekonnt durch den Trubel und stellt sie lächelnd vor uns ab. Ja, das habe ich bestimmt viel zu wenig erwähnt: Die Schweden sind verdammt freundlich. Das mit 25 EUR zusammengerechnet recht preiswerte Essen ist nicht nur etwas fürs Auge. Auch der Gaumen hat seinen Spaß und zeigt sich wieder gnädig gestimmt, nach dem der kostenlose Kaffee die Geschmacksnerven arg strapaziert hat. Das Café Odinsburg ist also durchaus zu empfehlen.
Dollarstore
Tag 10 – Mittwoch, 04.09.2024; N 59°50'57″ O 17°33'53″
Gestärkt brechen wir auf. Wir wählen den selben Weg zurück, allerdings mit einem kleinen Abstecher zum Dollarstore. Das Navi wird ordnungsgemäß gebrieft und führt uns mit hoher Präzision… auf einen Radfahrweg, auf dem wir den letzten Kilometer mit dem Ford zurücklegen sollen. Die Beschaffenheit des Fahrradweges lädt auch nicht gerade dazu ein, es einfach mal mit dem Auto zu versuchen. Klar, wir könnten es trotzdem versuchen. Möglich das wir es sogar schaffen. Die Chance auf den Titelblättern lokaler Zeitungen mit der Schlagzeile: „Auto auf Fahrradweg zwischen Leitplanken eingeklemmt“ zu landen, ist aber mindestens genauso groß.
Also wenden wir und versuchen uns auf eigene Faust im schwedischen Verkehr zurechtzufinden. Es ist nur ein Kilometer Luftlinie - wieviel kann da schief gehen? Nichts! Es sei denn, man hört aufs Navigationsgerät. Nachdem wir also den Parkplatz vor dem Dollarstore aus eigener (Navigations-)Kraft erreichen, will das Navi partout, dass wir wenden und zum bereits erwähnten Fahrradweg zurückkehren. Besser man denkt nicht weiter drüber nach. Computer sind auch nur Menschen. Und die machen bekanntlich allesamt mal mehr und mal weniger Fehler.
Der Dollarstore ist eine typische Ladenkette, die sich auf Billigprodukte spezialisiert hat. Vergleichbare Ketten gibt es auch daheim in Deutschland, mir fällt da „Action“ ein, der ein ähnlich breitgefächter Angebot hat. Man bekommt hier fast alles, und das in billig. Es wirkt im ersten Moment etwas schäbig, wenn man diesen Laden aufsucht, um ein Mitbringsel für die Nachbarn zu kaufen. Andererseits bekommt ein fünfzehn Zentimeter hohes bemaltes Holzpferdchen für rund siebzig Euro deutlich weniger Wertschätzung als ein Elch in ähnlicher Größe, den ich hier für etwa fünf Euro kaufe. Ein solcher Elch zierte lange unser Wohnzimmer und musste erst bei der letzten Renovierung seinen Platz räumen. Oder weil ein Teil seines Geweihs aufgrund eines Missgeschickes abbrach. Doch letztendlich ist es egal, da wir trotz des gewaltigen Angebotes weder Elche noch andere Mitbringsel finden. Somit hat sich diese Diskussion auch erledigt.
Statt dessen finden wir Party-Equipment ohne Ende und ärgern uns solche Kleinigkeiten bereit in Deutschland gekauft zu haben. Hier ist die Auswahl ungleich besser und witziger, weshalb wir unser kleines Arsenal an Luftballons noch um eine Kerze und andere Kleinigkeiten erweitern. Vom Konfetti lassen wir hingegen die Finger. Wer auch immer der oder die Unglückliche ist, der saubermachen muss, ich gehe davon aus, dass diese oder dieser aus der Familie stammt. Und Rücken hat. Also Finger weg von den Euphorieschnipseln. Wir bezahlen und verlassen diesen mit Wegwerfartikeln bis unters Dach gefüllten Shoppingtempel.
Auf dem Weg zum Auto bemerke ich ein unangenehmes Grummeln im Unterleib. Meine Gedärme melden sich zu einer sehr unpassenden Zeit. Und das tun sie mit Nachdruck. Doch was tun? Bis zur Unterkunft sind es mindestens fünfzehn bis zwanzig Minuten Fahrt bei Höchsttempo. Das wird nicht funktionieren. Der Parkplatz nimmt kein Ende, keine Büsche weit und breit zu sehen. Es hilft alles nix, wir müssen zurück in den den Betonpalast, der neben dem Dollarstore auch andere Geschäfte beherbergt. Bereits im Foyer entdecke ich eine Kunden-Toilette. Natürlich ist diese abgeschlossen. Also frage ich in der benachbarten Apotheke nach und werde an die Infotheke verwiesen. Erfolgreich kann ich dort mein dringendes Anliegen vorbringen. Einen Schlüssel bekomme ich deshalb trotzdem nicht. Die Dame entriegelt die Tür von ihrem Platz hinter der Theke und genießt das verdutzte Gesicht des Kunden aus dem technikfremden Deutschland. Wenigstens hat mein Leiden kurz darauf ein Ende. Möchte jemand mehr darüber wissen?
In einem schlechten Horrorfilm würde die kommende Szene in etwa so eingeleitet: „Was in Teufels Namen trieb die beiden ein zweites Mal in diesen Laden?“ Neugier? Langeweile? Spaß am Geldausgeben? Wir stöbern also erneut in den Regalen des Dollarstores herum. Diesmal überwiegend in der Abteilung für Werkzeug, Outdoor und Garten. Angelausrüstungen, Messer und Thermobehälter in vielen Größen und Formen wollen gekauft werden und landen möglicherweise nach wenigen Benutzungen direkt im Müll. Hier erlebt das Wort Wegwerfgesellschaft seinen Höhepunkt.
Recht preiswerte Hartschalenkoffer in verschiedenen Größen wecken unsere Aufmerksamkeit. Koffer stehen in der erweiterten Liste künftiger Neuanschaffungen recht weit vorn. Doch nach eingehender Begutachtung und sorgsamer Abwägung bleiben die Koffer aber an Ort und Stelle. Wir erinnern uns an jene Dame auf dem Stockholmer Flughafen, die ihren defekten Koffer tragen musste. Wie hoch ist die Chance mit diesen Billig-Koffern ein ähnliches Schicksal zu erleiden? Neben zwei Kofferanhängern mit dem weisen Aufdruck „NOT YOUR BAG!“ landet ein Eis für Esther im Einkaufskorb. Nach dem Besuch der Kasse verlassen wir diesen unheilvollen Ort endgültig.
Die Phase unbekümmerten Geldausgebens hält noch einige Momente an. Unsere Planung sieht für den heutigen Nachmittag eine kleine Tour übers Land vor und der Tank unseres Leihwagens braucht dazu Treibstoff. Morgen müssen wir das Auto ohnehin vollgetankt abgeben, warum den Tank nicht schon jetzt füllen und morgen früh noch einmal volltanken? Esther steuert die nächste Tankstelle an. An unserer Zapfsäule warten mehrere Zapfhähne, wovon jene mit E5 und E10 in die engere Auswahl kommen. Gewohnheitsgemäß greife ich zum Zapfhahn mit E5-Benzin und stecke den Rüssel in die Tanköffnung des Fords. Der Sprit schießt in den Tank und um mir die Zeit zu vertreiben lese ich die komplette Bezeichnung des Benzins. Das E10 entspricht unserem normalen „Super“ mit E10, also 10% Bio-Anteil. Das E5 stellt sich hingegen als 98 Oktan-haltiges Super Plus heraus. Dumm gelaufen. Auch wenn ich den Tankvorgang sofort unterbreche, so ist bereits hochwertiger Sprit für 34 Euro in den Tank geflossen. Da wird unser Ford aber fliegen.
Ich zahle wie immer mit dem Smartphone und Esther bekommt umgehend eine Abbuchung für über einhundert Euro mitgeteilt. Gleichzeitig werden die letzten mit dem Handy bezahlten Rechnungen in der Bank-App doppelt angezeigt. Erneut gibt es unsere dummen Gesichter gratis. Softwarefehler? Handy gehackt? Fehlbuchungen? Wir einigen uns darauf, uns heute nicht darum zu kümmern. Das Urlaubskonto haben wir gut gefüllt, damit wir den Urlaub geniessen können und uns vierzehn Tage keine Gedanken übers Geld machen.
Runensteine
Tag 10 – Mittwoch, 04.09.2024; N 59°37'49″ O 17°30'08″
Wir kehren nicht auf den Reichsweg zurück, sondern folgen einem Feldweg bei Kvarnbo kaum einen Kilometer bis zu einem kleinen Wanderparkplatz. Eine Tafel mit Informationen zu einem Naturschutzgebiet fällt sofort ins Auge. Über das, weshalb wir hier sind, steht jedoch kein Wort auf dieser Tafel. Der Rest des Nachmittags soll dazu verwendet werden, Runensteine zu besuchen. Dazu wurden zuvor auf einer Karten-App einige dort eingetragene Runensteine markiert, was das Auffinden hoffentlich etwas erleichtert. Und in unmittelbarer Nähe zum Parkplatz, vielleicht einhundert Meter entfernt, befindet sich ein Grabfeld mit Runenstein. Nichts wie hin! Meine Euphorie endet jedoch nach wenigen Schritten an einem Pferdekoppelzaun. Hier geht's nicht weiter. Ein Informationsschild weist auf die Grabstätte hin und dies sogar auf deutsch. Doch das Objekt der Begierde in Form spitz aufragender Steine befindet sich etwa fünfzig Meter entfernt im hohen Gras. Vielleicht liegt es daran, dass die Feriensaison offiziell beendet ist und der Bauer nun meint, dass es nun an der Zeit ist, dass die Pferde das hochgewachsene Gras bis zum nächsten Sommer auf Rasenmäherniveau bringen sollen? Später werde ich im Internet einen besseren Blick auf diese altehrwürdige Grabstätte bekommen, aber für den Moment bin ich erstmal bedient. Leider übersehe ich auf der Karte ein kaum zwei Kilometer entferntes Objekt bei Håga, das schon seit Jahrhunderten König Björns Hügel genannt wird. Während sich alle bislang besuchten Königshügel aus der Eisenzeit stammen, so existiert der Grabhügel von König Björn bereits seit der Bronzezeit, ist also rund 2000 Jahre älter. Ein weiteres Ziel für einen weiteren Schwedenurlaub.
Unweit vom Parkplatz unseres Autos stolpern wir erneut über Gustav Wasa. Auf einer alten Steinbrücke wurde vor über einhundert Jahren ein Denkmal errichtet, das im ersten Blick gar nicht richtig wahrgenommen wurde. Der Text auf dem Stein besagt, dass dieser zum Dank errichtet wurde, weil hier Gustav Wasa in einer Schlacht das Leben gerettet wurde. Diese Schlacht fand nur Monate nach der bereits erwähnten Geschichte in Mora im Jahr 1521 statt. Oben auf dem Denkmal ist eine goldene Ährengarbe angebracht - dem Wappen des Hauses Wasa. Wieder etwas gelernt.
In den folgenden zwei Stunden fahren wir nun einen Runenstein nach dem anderen ab, die allesamt zuvor im Navigationssystem markiert wurden. Esther interessiert sich kaum für die etwa tausend Jahre alten Steine, macht aber gute Miene und fährt ihren von Wikingern besessenen Ehemann ein kleines Stück durch Uppland. Ich fotografiere die Steine und freue mich über jedes Infoschild, die sich zwar in Art der Informationsfülle etwas unterscheiden, aber stets die jeweilige Steinnummer angeben. Mit dieser Nummer findet man auf einschlägigen Online-Datenbanken alle nötigen Informationen zum Runenstein. Was will ich mit diesen Infos? Nun, wir sind noch ein paar Tage unterwegs, mir wird schon etwas einfallen.
Die von uns besuchten Runensteine unterscheiden sich im Grad der Erhaltung beachtlich. Einer, möglicherweise der größte Runenstein, den ich bislang überhaupt zu Gesicht bekomme, muss einst gesprengt und später wieder zusammengefügt worden sein. Entsprechend schlecht hier ist auch der Zustand der Runen. Anderen sieht man ihr etwa tausendjähriges Alter kaum an. Hier und da sind die Runen vor nicht langer Zeit neu ausgemalt worden, bei anderen hat man Probleme, überhaupt noch etwas erkennen zu können.
Die Runensteine weisen allesamt die sogenannte Schlangenbandschrift auf. Der Text befindet sich dabei in einem Band, welches meist in Form einer Schlange dargestellt wird, die den flachen Bereich des Steines umrahmt. Begleitet wird die Schlange hin und wieder von weiteren Tierdarstellungen, die kunstvoll umschlungen dargestellt werden. Auch das christliche Kreuz ist nicht selten auf Runensteinen zu sehen. Auf einem Stein finden wir einen Krieger Pfeil und Bogen. Dieser scheint auf Ski zu stehen. Auch Pferde sieht man auf diesem Runenstein, aber sonst auf keinem anderen. Die meisten Runensteine jedoch kommen recht schlicht daher. Man sieht ein Band mit Runen und sonst nichts.
Doch was gibt es nun konkret auf diesen Steinen zu lesen? In Anundshög bei Västerås kann man folgendes auf dem hohen Runenstein mit der Nummer Vs 13 lesen: „Folkvid (Folkviðr) errichtete all diese Steine zum Gedenken an seinen Sohn Heden (Héðinn), den Bruder von Anund (Ǫnundr). Vrede zerschnitt die Runen.“ Die meisten von uns besuchten Steine waren zum Gedenken aufgestellt worden. Um Uppsala herum finden sich auch einige andere Inschriften. Auf dem Runenstein U 654 kann man folgendes lesen: „Andvéttr und Kárr und <kiti> sowie Blesi und Djarfr errichteten diesen Stein zum Gedenken an Gunnleifr, ihren Vater, der im Osten mit Ingvarr getötet wurde. Möge Gott ihrem Geist helfen. Alríkr(?), ich habe die Runen geschnitzt. Er konnte ein Frachtschiff gut steuern.“ Auch Runenstein U 859 haben wir besucht: „Fastbjörn und Þórunnr hatten … errichtet… die Brücke, die zum Gedenken an Ingifastr, ihren Landwirt, errichtet wurde. Möge Gott seinem Geist helfen. Ásmundr schnitzte die Runen.“ Zum Schluss noch der Text eines weiteren Runensteines U 652: „Gunnhildr ließ diese Denkmäler zum Gedenken an Þjálf, ihren Sohn, und zum Andenken an sich selbst anfertigen. Arnbjörn hat diesen Stein geschliffen.“ Diesen Stein hatte einst eine Frau in Auftrag gegeben, was aber zur Wikingerzeit gar nicht so selten war. Die Übersetzungen wurden dem Suchdienst Runor entnommen, der von der Projekt Nordic Runic Text Database bereitgestellt wird.
Einer der letzten Steine befindet sich in der Nähe von Varpsund auf einer Anhöhe zwischen zwei Seen, die letztlich beides Seitenarme des Mälaren sind. Einen Weg hinauf konnte ich nicht ausmachen, also gehts querfeldein nach oben. Der Hang ist teilweise so steil, so das ich auf allen vieren nach oben kraxele. Oben angekommen gibt es als Lohn nicht nur einen sehr schönen Runensteine (U671), sondern eine prächtige Aussicht über die Seenlandschaft. Diese genieße ich erst einmal und komme langsam wieder zu Atem. Unten auf dem Parkplatz nutzt Esther die Gelegenheit und raucht erstmal eine. Es sei ihr vergönnt, schließlich spendiert sie mir einen ganzen Urlaubstag und lässt mich der längst vergangenen Wikingerzeit nachjagen. Ihr Desinteresse ist vielleicht auch nur gestellt. Esther würde mit Sicherheit eine erstklassige Schildmaid abgeben und ich bin mir fast sicher, dass sie das auch weiß.
Unser letzter Roadtrip-Abend ist angebrochen. Im Gegensatz zu den recht moderaten Geschwindigkeiten auf schwedischen Straßen verging unser Urlaub in maximaler Höchstgeschwindigkeit. Unglaublich, dass wir schon morgen das Auto abgeben müssen. Der Rückflug nach Deutschland geht erst in drei Tagen, uns bleibt also noch etwas Zeit in Schweden, die wir in angenehmer Runde verbringen werden. Das Ganze ist aber nicht vergleichbar mit den vergangenen neun Tagen, in denen wir tun und lassen konnten, wonach uns der Sinn stand.
Zum Abendessen gibt es die Reste vom Käse, die ich mit dem Hobel zerteile. Danach steht ein gemeinsamer Fernsehabend mit unseren Hotelnachbarn aus Oberhausen an. Es gibt einen Film mit Til Schweiger, der mich allerdings (wie vielleicht zu erwarten war) wenig begeistert. Und damit machen wir einen Haken an diesen Mittwoch.
Tankstopp
Tag 11 – Donnerstag, 05.09.2024; N 59°44'25″ O 17°48'44″
Wie bereits dutzende Male in diesem Urlaub geübt springen wir beim ersten Hahnenschrei der Handy-Weckerapp aus den Betten und landen direkt unter die Dusche. Die Zähne werden gewienert und hey, ich rasiere mich sogar.
Wir frühstücken zum ersten mal in dieser Woche nicht unsere im Supermarkt gekauften Lebensmittel. Denn eigentlich ist das Frühstück im Preis enthalten. Allerdings hatten wir für unsere Zeit in der Haga Mini zuviel eingekauft. Die letzten Lebensmittel davon wurden gestern Abend endlich verbraucht. Nun ist der gut gefüllte Kühlschrank des Bästuviken B&B unser Ziel. Doch am Ende essen wir das selbe wie immer. Was soll auch werden bei nur einer Sorte Wurst und einer unglaublichen Auswahl an Müslis und Joghurts. Zur Feier des Tages gibt es gesundes Mehrkornbrot und Gurkenscheiben. Esther bekommt ihre Marmelade und an Kalles und Käse geht wie immer kein Weg vorbei. Gekochte Eier gibt's selbstverständlich auch. Es ist bemerkenswert, das wir trotz allem Drunter und Drüber stets Ei auf dem Frühstückstisch hatten!
Nach dem Frühstück stopft Esther die restlichen Klamotten in die Koffer, während ich in der Küche für Ordnung sorge. Alles läuft strukturiert und funktioniert bestens. Die Koffer werden ins Auto verladen und Punkt zehn Uhr rollen wir wie geplant vom Grundstück des Bästuviken B&B Hotels. Das Navi bekommt seine täglichen Ziel-Koordinaten und präsentiert eine solide Route aus. Als Ankunftszeit an der Autoverleihstation auf dem Flughafen Stockholm-Arlanda wird 10:52 kalkuliert. Knapp zehn Minuten also um unterwegs zu Tanken und das Leergut loszuwerden. Das sollte passen.
Esther fährt unglaublich nachsichtig gegenüber der hiesigen Bevölkerung. Bei jedem entgegenkommenden Fahrzeug fährt sie rechts ran, da die Fahrbahn hier auf dem Land zu schmal für zwei sich begegnende Fahrzeuge ist. Von der hier lebenden Bevölkerung kommt nämlich keiner auf die Idee den Gegenverkehr vorbei zu lassen.
Wie schon erwähnt warten noch zwei Aufgaben bevor wir das Auto abgeben können. Das Leergut könnte aus Versehen unterwegs in eine der vielen am Straßenrand stehenden schwarzen Mülltonnen fallen. Fällt das unter Jedermannsrecht? Falls nicht, „Herr Richter, ich bitte um Nachsehen! Die Leute dort sind selbst schuld wenn sie ihre Mülltonnen direkt am Straßenrand stehen lassen. Da kann man sich schon eingeladen fühlen seinen Müll dort statt im Wald abzuladen.“ Dazu kommt es natürlich nicht, da Esther mein schändliches Vorhaben schon im Keim erstickt.
Zum Tanken ist eine Tankstelle in Uppsala direkt an der Auffahrt zur E4 auserkoren. Dort sind sogar zwei Tankstellen auf Karte vermerkt, wir werden also die Qual der Wahl haben. Oder auch nicht, denn das Navi lotst uns über eine Umgehungsstraße zur E4 ohne dass wir die Tankstellen überhaupt zu Gesicht bekommen. So rollen wir nun auf der E4 dahin und haben noch immer unsere zwei Aufgaben zu erledigen. Der Flughafen kommt schnell näher, wir liegen noch immer sehr gut in der Zeit. Bevor ein leerer Tank und zwei gefüllte Leerguttüten die Situation eskalieren lassen, bekommt das Navi eine Aufgabe: Wo ist die nächste Tankstelle? Die Antwort folgt prompt: Bereits die nächste Abfahrt führt zu einem Autohof inklusive Tankstelle.
Kurz darauf rollen wir auf das Gelände dieser Tankstelle. Hier ist gerade viel los. Deshalb nehmen wir eine Zapfsäule ins Visier, an der zwar noch ein weißer Pickup steht, welches aber nicht mehr betankt wird. Vom Fahrer keine Spur. Wahrscheinlich steht er an der Kasse und zahlt. Wir stehen also an und warten. Und warten. Der Fahrer erscheint aber nicht an seinem Fahrzeug. Inzwischen konnte ich die Wartezeit nutzten um den ersten Beutel Leergut sorgfältig getrennt zu entsorgen. Aus den Augenwinkeln sehe ich dabei, dass einige Arbeiter im Tankstellengebäude tiefenentspannt sitzen und frühstücken. Ob das die Insassen des Fahrzeuges vor uns sind? Kurzerhand wechseln wir die Spur, fahren eine andere Tanksäule an und können sofort tanken. Während dessen entsorge ich auch unsere zweite Tüte mit leeren Plastikflaschen und Bierdosen. Natürlich vorbildlich getrennt und dennoch völlig verschwenderisch. Schließlich handelt es sich beim Leergut um Pfandflaschen und -dosen im Wert von mindestens 20-25 Kronen bzw. zwei Euro. Natürlich hätten wir das Leergut auch in einem Supermarkt abgeben können. Wenn wir dort einen entsprechenden Pfandflaschenautomaten entdeckt hätten. Dieses Glück war uns jedoch nur einmal beschieden und da hatten wir das Problem mit den Pfandflaschen noch nicht. Ja, wir hätten fragen können. Stimmt. Haben wir aber nicht.
Selbst nach eineinhalb Wochen haben wir noch nicht verinnerlicht, dass in Schweden vieles anders funktioniert als daheim. Hier wird alles und überall mit der Karte oder diversen Apps bezahlt. Bargeld ist sowas von tot. Vor dem Tanken meldet man sich mit seiner Kreditkarte oder einer Bezahl-App an der Säule an und tankt. Der Betrag wird automatisch abgezogen und wenn gewünscht, gibt's einen Beleg. Wenn an einer Zapfsäule also ein führerloses Fahrzeug steht, dann ist es recht unwahrscheinlich, dass der Fahrer zum Bezahlen unterwegs ist. Es gibt in Schweden aber auch Ausnahmen unter den Zapfsäulen. Steht an der Säule etwa „Kassa/Kort“, dann kann man durch Betätigen eines Knopfes diese Säule freischalten und später am Schalter im Tankstellengebäude bezahlen. Die Arbeiter sitzen derweil immer noch an ihrem Tisch und frühstücken in aller Ruhe, während der weiße Pickup eine komplette Spur mit mehreren Zapfsäulen blockiert.
Das Auto ist vollgetankt, das Leergut entsorgt - das wäre also erledigt. Aber wir haben dabei viel Zeit verloren. Laut Navi werden wir etwa zwei Minuten zu spät bei der Autovermietung ankommen. Wir sind noch 13 Kilometer entfernt. Esther - drück aufs Gas!
Airport Stockholm-Arlanda zum Zweiten
Tag 11 – Donnerstag, 05.09.2024; N 59°38'17″ E 17°56'26″
Zurück auf der E4 spricht das Navi nicht mehr mit uns. Auch die Musik bleibt stumm. Soll ich mich auf den letzten Kilometern von der Technik ärgern lassen? Nein, ich hake das Problem mit einem „typisch Ford“ einfach ab. Das ist verdammt ungerecht gegenüber dem Auto, dass uns treu von Ort zu Ort brachte und dabei null Scherereien bescherte. Egal. Es muss halt auch mal ohne Akustik gehen. Die wenigen tatsächlich notwendigen Anweisungen werde ich der Frau am Steuer mündlich geben und dabei aus vollen Zügen genießen, dass Esther mal auf mich hört.
Die Stille im Auto ist bedrückend. Vielleicht sollte ich die Ruhe mit einer Eigeninterpretation bekannter Titel von Marianne Rosenberg vertreiben. Esther outet sich sofort als Fan der Sängerin und stuft meine halbgaren Gesangsversuche als Gotteslästerung ein, in dem sie meine musikalischen Ambitionen direkt im Keim erstickt. Ich weiß nicht ob Esther meine Gesangskünste beleidigen möchte oder einfach nur Angst um ihre Trommelfelle hat. Nun steht Esther nicht sonderlich auf Marianne Rosenberg, noch könnte ich irgendwas aus dem Repertoire der Sängerin verletzungsfrei vortragen. Oder vielleicht doch? Für einen winzigen Moment jedenfalls… auch vergessen wir das.
Der Flughafenbereich wird beinahe pünktlich erreicht. Die ersten melancholische Gefühle machen sich im Ford breit, als wir die letzten Kilometer in Richtung Autoverleihstation fahren. Das wars dann wohl. Hoffentlich vergehen nicht wieder sieben oder acht Jahre, bis Schweden uns erneut begrüßen darf. Kurz nach elf Uhr erreichen wir die Autovermietung und finden direkt den Leihwagen-Abgabepunkt von Sixt. Die Abgabe von Leihwagen ist hier offensichtlich bis ins Detail geregelt. Wir räumen die Koffer raus, geben die Schlüssel ab und wechseln wenige Worte mit einem Angestellten von Sixt. Jetzt ist das Ford nicht mehr in unserer Hand und damit der Roadtrip beendet. Ab jetzt beginnt der Bonus-Part, sprich das Geburtstagswochenende meines Bruders.
An der Bushaltestelle müssen wir nicht lange warten bis das Flughafenshuttle kommt, uns aufsaugt und am Terminal 4 wieder ausspuckt. Es braucht nur einen Moment und schon sind wir mittendrin im Flughafenchaos. In etwa neunzig Minuten will Mark hier sein und eine knappe Stunde darauf wird der Flieger mit der lieben Verwandtschaft landen. Spätestens dann hat es mit der beschaulichen Ruhe ein Ende.
Lost on SKY-City
Tag 11 – Donnerstag, 05.09.2024; N 59°38'57″ O 17°55'45″
Seit etwa 11:30 Uhr treiben wir uns irgendwo in den endlichen Weiten zwischen Termial vier und fünf herum. Mit dabei sind unsere vier Koffer, die überaus hinderlich beim Herumtreiben sind. Einer muss stehts auf die Koffer acht geben, während der andere auf irgendeine Weise die üppig vorhandene Freizeit nutzt - sei es um auf die Toilette zu gehen oder im Andenkenladen etwas für die Nachbarn zu finden. Letzteres nimmt recht merkwürdige Züge an. Ich gehe hinein, finde etwas interessantes, gehe hinaus und schicke Esther hinein, damit sie mal schaut und mir dann ihre Meinung sagt. Dann schaut sie und fragt mich um meine Meinung, weshalb ich den Laden erneut betreten muss. So geht das ein paar mal. Inzwischen hat sich sogar der Verkäufer eingeklinkt und versucht nützlich zu wirken. Am Ende kaufen wir: nichts. Es bleibt die Hoffnung, irgendwo in Stockholm ein hölzernes Dalarnapferdchen zu einem vertretbaren Preis zu finden.
Die Zeit vergeht viel zu langsam. Wir setzen uns in ein Café, trinken Café Latte und naschen einen Vanilla-Bun dazu. Für unschlagbare 17,88 Euro! Wenigstens kommt nun langsam Leben in die üblichen Kommunikationskanäle. Mark ist inzwischen nicht mehr weit entfernt. Der Rest der Verwandtschaft befindet sich noch auf dem Berliner Flughafen, sitzt aber dort schon im Flieger. Lisa berichtet, dass sich auch Barbara Schöneberger im Flugzeug befindet. Esther verfolgt Lisas Flug der Norwegian Air auf Flightradar24 und kommentiert jedes Detail: Boing 737 Max 8 rollt an, bleibt stehen, rollt wieder an und bleibt wieder stehen. Der Grund für das zögerliche Verhalten: Das Flugzeug muss auf einen lausigen kleinen Flieger aus München warten. Doch irgendwann ist die Boing auf dem BER in Berlin abgehoben und so lautet der nächste Beitrag von Esther: Wo kann ich eine rauchen?
Eine Zigarettenlänge später bekomme ich Lisas Flug in allen Einzelheiten kommentiert: Gerade fliegen sie an Kolberg vorbei… jetzt sind sie auf schwedischem Gebiet… gerade fliegen sie an uns vorbei. Ja, meiner Frau ist die Vorfreude auf das kommende Wochenende deutlich anzumerken.
Etwas verspätet kommt Mark gerade noch pünktlich zur Landung des Flugzeugs aus Berlin bei uns an. Eben stehe ich noch an der Fensterfront in Sky-City und mache Bilder vom gerade gelandeten Flieger aus Berlin. Im nächsten Moment geht's schnellen Schrittes zum Terminal 5. Erwartungsfroh stellen wir uns an den Ausgang und warten. Barbara Schöneberger ist eine der ersten Fluggäste die uns entgegenkommt. Wir warten weiter. Einer nach dem anderen der Verwandtschaft erscheint. Aber das zieht sich. Nicht etwa das Warten auf das Gepäck an den Gepäckbändern hält unsere Leute auf. Nein, einige Herrschaften müssen erst noch einmal auf die Toilette. So dauert es gut zehn Minuten bis dann endlich alle beisammen sind.
Nun kann der Wahnsinn beginnen.
