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Etappe 7
Stockholm
Tapetfabriken
Tag 11 – Donnerstag, 05.09.2024; N 59°18'15″ O 18°07'13″
Ein Geburtstagswochenende mag als Anlass für einen Urlaub dienen. Aber in einem Bericht über die erlebten Abenteuer dieses Urlaubs hat das Familiäre wenig verloren. Kurz gesagt „Was in Stockholm passiert, bleibt in Stockholm!“ Somit folgt nun in aller Kürze eine Zusammenfassung der Ereignisse in den 48 Stunden zwischen dem Verlassen dieses Flughafens bis zu dem Zeitpunkt, an dem wir erneut Stockholm-Arlanda erreichen. Dann nämlich um nach Hause zu fliegen.
Ein Großraumtaxi holt uns am Ausgang von Terminal 5 ab. Es geht im raschen Tempo nach Stockholm, Stockholms Innenstadt ist deutlich weiter entfernt als von mir angenommen. Unser Taxi verfährt sich kurz vor dem Ziel, dreht eine Extrarunde und setzt uns am Hotel „Clarion Collection Hotel Tapetfabriken“ ab. Der Name ist Programm, das Gebäude war wohl einst eine Tapetenfabrik. Entsprechend gibt es im Inneren des Hotels das eine oder andere Ausstattungsstück, welches an die vormalige Herstellung von Tapeten erinnern soll. Bevor wir aufs Zimmer gelangen sitzen wir im Hotelfoyer und stoßen mit Sekt aus Pappbechern an. Dazu verteilt Mark Laxröra - eine Art Lachssalat, der unglaublich lecker und definitiv eine Reise nach Schweden wert ist. Wie ich schon schrieb, hatten Christina und Mark dieses Hotel an Land gezogen. Die beiden kümmern sich um das Einchecken an der Rezeption, während der Rest sich den kostenlosen Kaffee vom Hotel schmecken lässt. Durchaus erwähnenswert ist, dass der Zimmerpreis bereits Frühstück und Abendessen (jeweils vom reichhaltigen Buffet) enthält.
Während sich anschließend alle auf die Zimmer verstreuen und sich dort von den Strapazen der Anreise erholen, erkunden Esther und ich das benachbarte Einkaufsviertel. Die Rasenmähroboter von Stihl waren dabei nicht ganz uninteressant. Nach dem Abendessen fahren wir mit dem Bus ins Zentrum der Stadt und spazieren im zunehmend dunkler werdenden Stockholm durch die Altstadt - die Gamla Stan. Erinnerungen an 2005 kommen hoch, als wir eine alte Telefonzelle entdecken und kurzerhand ein Foto von damals mit der heute erwachsenen Lisa nachstellen. Wir wandeln durch enge Gassen, landen am königlichen Schloss und decken uns schließlich mit Souvenirs ein. In einer Whiskybar der schottischen Marke Ardbeg trinken wir ein Bier und damit endet der Bericht zum Donnerstag.
Vasa-Museum
Tag 12 – Freitag, 05.09.2024; N 59°19'40″ O 18°05'28″
Der Freitag beginnt mit einem üppigen Frühstück inklusive eines Geburtstagsständchens fürs Geburtstagskind. Anschließend geht es erneut mit dem Bus zur Gamla Stan. Dort wechseln wir das Fortbewegungsmittel und setzen mit einer Fähre zur „Museumsinsel“ Djurgarden über. Dabei fahren wir an der MS Europa vorbei, die mitten im Hafenbecken festgemacht hat. Das Ganze mutet wie die Quarantäne eines Schiffes zu seligen Corona-Zeiten an. Vielleicht ist das aber auch der übliche Park- bzw. Liegeplatz für Schiffe, die hier ein paar Tage vor Anker liegen. Die Anlegeplätze im Hafen einer europäischen Hauptstadt sind sicher zu gefragt als dass ein solcher Kreuzer diese über längere zeit blockieren kann.
Der kleine Fußweg zum Wasa-Museum führt uns an verschiedenen anderen Museen vorbei, wie etwa das Abba-Museum, das Schiffswrack-Museum, das Schnapsmuseum und das große Nordische Museum. Wir haben heute nur Augen für die Vasa, jenem Schiff, dass zu den prunkvollsten seiner Zeit zählte und das 1628 nach nur 1300 Metern sank. Schon ein paar Jahre später geriet das Schiff zunehmend in Vergessenheit. Im Jahre 1961 befreite man das Schiff aus seinem nassen Grab und spendierte ihm ein Museum. Und genau dort werden wir uns die Vasa in seiner ursprünglichen Größe anschauen. Hier auf alle Details einzugehen könnte ein weiteres Buch füllen. Man beginnt seinen Rundgang durchs Museum, saugt jede Information hoch interessier auf und stellt mit fortlaufender Zeit erstaunt fest, wie die eigene Auffassungsgabe allmählich zurück geht. Irgendwann schlendert man nur noch durchs Museum, schaut sich um und lässt sich von den Eindrücken berieseln. Der eigene Informationsspeicher ist da längst gefüllt und meldet wahrheitsgemäß „Nix geht mehr!“. Trotzdem muss ich feststellen, dass das Schiff alle meine Erwartungen erfüllt. Würde ich nochmal in dieses Museum gehen und mir das gegen Verfall geschützte Holz eines inzwischen vierhundert Jahre alten Schiffes ansehen? Vielleicht…
Im Anschluss ins Nordische Museum zu gehen wäre allerdings verschwendete Zeit. Zwei Museen dieser Größe sind zu viel Museum für einen Tag. Das Gebäude des Nordischen Museums allein erweckt den Eindruck, dass man da eine Woche drin zubringen kann und dann noch nicht alles gesehen hat. Die anderen kleinen Museen rings umher hat man jeweils in einer Stunde absolviert. Ich denke, dass dies auch der Plan der Museumsbetreiber ist. Egal, ob man es nun mit Abba, Schnaps oder Schiffswracks hält - die eine knappe Stunde hat man immer Zeit. Und so sorgen die Touristen für schnelles Geld in den Kassen der Museumsbetreiber, die die Nähe des Vasa-Museums und des Nordischen Museums schlicht ausnutzen.
Geschlossen rückt die Verwandtschaft ins Museumsrestaurant. Jeder bestellt ein Essen seiner Wahl, bei mir ist es Fisch in Tomatensoße. Was ich in letzter Zeit immer mit Fisch habe? Früher wäre Fisch in Verbindung mit Tomatensoße undenkbar. In eine solche gehören solide Eierteigwaren hinein, vielleicht ein paar kleine Leckereien, aber niemals Fisch. Heute sehe ich das anders.
Im Anschluss wird der restliche Plan für den Nachmittag komplett über den Haufen geworfen. Statt weiter durch Stockholms Museumswelt zu ziehen fahren wir zurück ins Hotel, wo Marks Geburtstag gefeiert wird.
Königliches Schloss
Tag 13 – Samstag, 07.09.2024; N 59°19'36″ O 18°4'18″
Um sieben Uhr morgens haut uns der Wecker aus den Federn. Nun hat er es sich endgültig mit uns verscherzt. Sieben Uhr! Am Wochenende! Im Urlaub! Wo soll das enden? Der heutige Plan hat es allerdings in sich. Aber der Reihe nach…
Nach dem Frühstück checken wir aus und räumen unsere Koffer in einen Raum gegenüber der Rezeption. Anschließend geht es mit dem Bus ein letztes Mal in die Innenstadt und zu Fuß weiter in die Gamla Stan. Das heutige Ziel ist das Königliche Schloss oder wie der Schwede sagt: Kungliga slottet. Der Gebäudekomplex ist aktuell teilweise eingerüstet. Eine kurze Recherche später weiß ich, dass das Schloss bis 2026 renoviert wird und dann erneut komplett in Rosa erstrahlen soll.
Wir starten die Besichtigungstour im Keller, genauer: in der königlichen Schatzkammer. Schätze in Form von Bergen aus Gold und Edelsteinen gibt es nicht zu sehen. Da ist eine Sammlung von Kronen verschiedener Epochen, nebst Königszepter und anderen königlichen Insignien. Ein lilafarbener königlicher Umgang wird in einer Vitrine ausgestellt. Ein silbernes Taufbecken und ein alter Wandteppich schaut recht interessant aus. Was mich wirklich beeindruckt sind die beiden Schwerter Gustav Vasas. Ob diese in Mora dabei waren, als Gustav Vasa dort verweilte? Oder vielleicht an der Schlacht bei der alten Brücke bei Uppsala? Die Schatzkammer hier wirkt eher wie ein Museum. Und dann finde ich genau das, was man in einer königlichen Schatzkammer zu sehen erwartet: Schatztruhen. Zwei Truhen sehe ich, beide sind sehr kunstvoll verarbeitet und mit einem technisch verblüffenden Schließmechanismus versehen. Und beide sind völlig leer. Schweden ist Pleite!
Nach der schatzbefreiten Schatzkammer besuchen wir nun das Schloss selbst. Dieses gehört in der Tat dem schwedischen König, auch wenn er sich nur zu repräsentativen oder zeremoniellen Zwecken hier aufhält. Dafür findet hier unter anderem das Dinner bei der Verleihung der Nobelpreise statt. Die öffentlichen Räume sind Museum wie auch Kunstgalerie in einem. Der Prunk kann sich sehen lassen. Die schwedischen Könige müssen stets fleißig und sehr sparsam gewesen sein, wenn sie soviel Reichtum ansammeln konnten. Nun, dieser Fließ ist schließlich Herrschern schon immer und überall in die Wiege gelegt worden.
Der Besuch des Schlosses ist anstrengend. Zum einen wagen wir den Spaziergang durchs Schloss ohne Führung, ohne Infomaterial und ohne Guide. Zum anderen erschlagen uns die Eindrücke zunehmend, ähnlich wie gestern im Vasa-Museum. Der Punkt ist irgendwann erreicht, an dem wir durch die Räumlichkeiten schlendern und kaum noch ein Auge für die vielen sehenswerten Details übrighaben. Etwas Geld für einen weiteren Magneten ist jedoch noch übrig und dann wechseln wir umgehend in das dritte Museum am heutigen Vormittag. Das ist kulturelle Druckbetankung pur! Während ein Teil der Geburtstagsgesellschaft nun endlich das Abba-Museum entern kann, andere sich die Stockholmer Altstadt im Hellen betrachten und Eis essen gehen, schauen wir uns in den Schloss-Katakomben das Museum über die Burg „Tre Kronor“ an. Im Jahr 1697 brannte die Burg „Tre Kronor“ komplett ab und das heutige Schloss wurde auf den Ruinen der alten Burg errichtet. Die Verantwortlichen für den Brand wurden zum Spießrutenlaufen verurteilt.
Wir beenden unseren heutigen Museumsmarathon und fahren mit dem Bus zurück ins Hotel, schnappen uns die Koffer und sitzen unmittelbar im ersten Großraum-Taxi in Richtung Flughafen Stockholm-Arlanda. Zwei weitere Taxis wird den Rest der Verwandtschaft zum Flughafen bringen. Großer Aufbruch also. Lisa und Felix bleiben hingegen noch einen Tag länger in der schwedischen Hauptstadt.
Airport Stockholm-Arlanda zum Dritten
Tag 13 – Samstag, 07.09.2024; N 59°39'07 O 17°56'02″
Das Taxi entlässt uns vor den Eingangstüren vom Terminal 5. Während Esther ihren Nikotinpegel erhöht, wage ich eine kurze Erkundungstour durch die weite Halle des Terminals. Wo müssen wir überhaupt hin? Ist am CheckIn viel los? Gibt es eine frei zugängliche Kofferwaage? Unser Flug geht in drei Stunden. Da die anderen Taxis noch nicht da sind, entschließen wir uns die Koffer abzugeben. Eine bei der Erkundungstour entdeckte Waage wird zum Gewichtscheck der Koffer benutzt. Hey, das Gewicht passt überraschend bei allen Koffern. Im Gegenteil, da ist zum Teil noch viel Luft noch oben. Was hätten wir nicht alles einkaufen können? Mir fallen ausgerechnet jetzt die Surströmming-Dosen ein. Vielleicht sollten wir künftig eine Kofferwaage mitnehmen.
Wir stellen uns im CheckIn Bereich 1 an und warten darauf die Koffer abzugeben. Inzwischen sind die anderen beiden Taxis angekommen. Christina, Timmy und Mark kommen bei uns in der Schlange vorbei und wir verabschieden uns. Dann sind die drei fort und wir wieder allein. Wir geben alle vier Koffer, also auch das Handgepäck problemlos ab. Es folgt ein unkomplizierter Gang durch die Sicherheitskontrolle an, denn hier muss wenig getan werden, mein Gürtel landet in der Box, alles andere bleibt in Esthers Handtasche und dem Rucksack.
Im Duty Free-Bereich gehen wir auf die Suche nach einem vernünftigen Behälter, den wir an einem Wasserspender auffüllen können. In dieser Angelegenheit haben wir nämlich gepennt und uns zuvor keine leere Wasserflasche besorgt. Wir fliegen mit Lufthansa und werden wahrscheinlich im Flieger mit Wasser versorgt, aber es ist nie verkehrt etwas Wasser dabei zu haben. Doch unsere Suche bleibt erfolglos. Am Ende kaufen wir uns eine 0,5l Flasche Wasser für etwa 3,50 Euro, zwei Schokocroissants, zwei Hotdogs und eine Blechdose schwedische Plätzchen für daheim. So sparen wir wenigstens uns die Suche nach dem Wasserspender. In irgendeinem Restaurant in der Nähe unseres Gates treffen wir meine Eltern und verbringen zusammen noch etwas Zeit, dann geht’s zum Gate, wo sich die üblichen menschlichen Dramen abspielen.
Zwei Sachen ist mir bei der Heimreise auf dem Stockholmer Flughafen aufgefallen. Die erste Geschichte ist der Glaskasten, in dem Raucher ihrer Sucht nachgehen dürfen. Dieser Raum war klein und von zwei Seiten komplett einsehbar, fast so als ob die Raucher zur Schau gestellt werden sollen. Was auch immer einige dort drinnen inhalieren - es erzeugt viel Rauch. So viel Rauch, dass man passiv rauchend das Nikotin von zwanzig oder mehr Zigaretten inhaliert.
Die zweite Sache ist, das selbst hier auf dem Flughafen Toiletten nicht nach Geschlechtern getrennt werden. Das hat zur Folge, dass sich Männlein wie Weiblein um die wenigen Toiletten balgen müssen. Und das sorgt stets für einigen Andrang vor den Toiletten. Ich selbst habe Glück und finde direkt eine leere Kabine. In Deutschland gibt es unterhalb der Türklinke meist einen Drehknopf zum Verriegeln der Tür. In Schweden gibt es verschiedene Ansätze in dieser Thematik. Diese Toilettentür wird zum Beispiel verriegelt, in dem man die Klinke nach oben dreht. Ob das optisch von außen wahrnehmbar ist, kann ich nicht sagen. Zweifel sind auf jeden Fall angebracht, da mehrfach von außen in einer Art und Weise an der Tür gerüttelt wird. Bei jedem Versuch befürchte ich, dass die Tür mitsamt des Rahmens aus der Wand gerissen werden könnte und ich Besuch bekomme. Nun, ist das berichtenswert? Warum nicht.
Über den Wolken
Tag 13 – Samstag, 07.09.2024; N 50°03'00″ O 8°34'19″
Wir gelangen ins Flugzeug, das heute richtig gut gefüllt ist. Viele leere Plätze lassen sich nicht ausmachen. Plätze 15 E und 15 F sind unsere. Heute gibt es kein WLAN, was Esther sehr bedauert, da sie wie gewohnt den Flug online beobachten wollte. Als die Stewardess sich nähert, entscheiden wir uns zur Feier des Tages zwei Kaffee und die Dallmayr-Pralinen zu bestellen. Kurz bevor die Stewardess uns erreicht, hören wir, dass die Getränke heute kostenlos sind. Weshalb erfahren wir nicht. Statt des Kaffees bestelle ich mir ein Bier. Auf die Pralinen verzichten wir.
Die Stewardess redet sehr gerne und sehr viel und kommt ausgerechnet kurz vor uns nicht weiter. Auf 14C, also direkt vor uns bestellt eine Passagierin ein Glas Sekt. Und tatsächlich - es wird eine große Flasche Sekt geköpft. Hier wird geklotzt und nicht gekleckert! Dann sind wir endlich an der Reihe und bekommen all unsere Getränkewünsche erfüllt. Esther wird sogar gefragt, ob sie zum Kaffee zusätzlich ein kühles Getränk wünscht. Nein, sie will die Freigiebigkeit nicht über Gebühr ausnutzen. Direkt hinter uns auf 16D gibt es ein Glas Sekt. Ich frage mich immer noch, warum wir keine Pralinen bestellt haben.
20 Minuten später steht die Stewardess erneut bei der Dame auf 16D und füllt ungefragt Sekt nach. Sie meint, dass sie all das, was nach der Landung in der Sektflasche ist, wegschütten müsse. Mit dem Spruch „Sie kommen sicher aus dem Urlaub, da kann man auch mal 2-3 Glas Sekt trinken“ lässt sie die Sektflasche auf 16D zurück und geht nach vorn. Etwas später geht die Passagierin von 16D zur Passagierin von 14C und füllt auch dort das Glas auf. Unsere Welt ist manchmal nicht so schlecht wie man immer denkt. Selbst überzeugte Pessimisten wie mich kann man noch überraschen.
Unmöglich erscheint der Versuch sich an den Gegebenheiten unter uns zu orientieren um herauszufinden, wo wir uns aktuell befinden. Ich entdecke keine bekannten Punkte in der Landschaft. Der in kürze stattfindenden Landung entsprechend sollten wir im Süden Hessens sein, schon ganz in der Nähe von Frankfurt am Main. Das Überfliegen der Startbahn West erfolgt schließlich und nur einige Sekunden später setzt das Flugzeug unspektakulär auf. Als die Maschine dann endlich am Terminal andockt, kann man wieder dutzende Vertreter der Gattung Mensch dabei beobachten, wie die helle Panik sie ergreift und sie schleunigst das Flugzeug verlassen müssen. Vorhersehbar wie immer.
Hessen
Holiday Inn Frankfurt Flughafen
Tag 13 – Samstag, 07.09.2024; N 50°03'21″ O 8°35'25″
Das Flugzeug leert sich allmählich und selbst wir finden einen geeigneten Zeitpunkt zum Verlassen des Flugzeugs. Nämlich ganz zum Schluss. Noch ohne Gepäck macht es natürlich Spaß unbeschwert den weiten Weg vom Gate zur Gepäckausgabe zurückzulegen. Für gewöhnlich wartet man recht lange an den Frankfurter Gepäckbändern. Ohne es zu übertreiben lassen wir uns also Zeit. Endlich kommen wir am richtigen Koffertransportband an, doch da tut sich noch immer nichts. Laut Display wird sich auch die nächsten 15 Minuten nichts tun. Grund für Esther ihrer Schwester mitzuteilen, dass sich hier alles wie Kaugummi zieht und wir nicht pünktlich zum gemeinsamen Abendessen bei irgendeinem China-Restaurant in der Nähe des Holiday Inns erscheinen werden.
Beinahe pünktlich fünfzehn Minuten später bewegt sich das Kofferband. Die erste Gepäckstücke erscheinen. Danach bleibt das Band wieder leer. Alle paar Sekunden erbebt das Blechgehäuse, es ruckelt gewaltig, doch kein Koffer erscheint. Ganz so, als ob etwas in den Eingeweiden dieses Transportbandes blockiert und dabei regelmäßig irgendwo gegenprallt. Dann steht alles still.
Angesichts der geringen Menschenmenge kommen mir kurz Zweifel, ob wir vielleicht am falschen Band stehen. Unser Flug war schließlich voll gewesen. Ein Blick auf den Bildschirm beruhigt meine nervösen Nerven. Auch das Band beginnt wieder zu ruckeln. Einige Koffer erscheinen, es geht weiter. Ein kleiner Junge will für seine Familie die Koffer entgegen nehmen und wird dabei fast von einem der Koffer erschlagen. Seine Mutter steht ein paar Schritte entfernt sichtbar überfordert daneben. Nochmal Glück gehabt! Kurz darauf erscheinen unsere vier Koffer unmittelbar hintereinander auf dem Gepäckband. Jetzt heißt es rasch zuzugreifen, damit das Gepäck keine Strafrunde fährt.
Wir begeben uns zum Ausgang der Terminals und suchen den Abfahrtspunkt für unser Hotelshuttle. Vor der Ausgangstür 5 stehen bereits einige wartende Leute. Wir beobachten die stressige Betriebsamkeit und stellen fest, dass wir immer mehr Zeit durch die Warterei verlieren. Inzwischen ist eine Stunde seit der Landung vergangen.
Hier fahren pausenlos große und kleine Shuttlebusse für Hotels in der näheren Umgebung ab. Ein Shuttle mit Ziel Holiday Inn Frankfurt Flughafen ist lange Zeit nicht darunter. So geht eine weitere halbe Stunde ins Land. Bei jedem Bus, der am Ende des Terminals auftaucht, wird gehofft, dass dieser unserer ist. Doch jeder der gefühlt zwanzig oder dreißig Busse an diesem Abend hat ein anderes Ziel.
Unser Bus kommt endlich und hält direkt vor uns. Es gibt für den Moment kein Halten. Alle Anwesenden drängen mit dem Gepäck zur Bustür - wo allerdings bereits ich stehe und unser Gepäck einlade. Nicht übertrieben ruhig, aber auch nicht hektisch. Wir nehmen Platz und nachdem auch der Rest der Mitreisewilligen ihr Gepäck verladen und einen Platz im Bus gefunden haben, rollt der Bus los. Weit muss der Bus nicht fahren. Das Hotel ist etwa zwei Kilometer entfernt. Normalerweise könnte man diese Distanz auch zu Fuß zurücklegen, doch zum einen haben wir zu viel Gepäck dabei und der Fußweg ist nicht komplett ausgebaut.
Der Bus fährt seine kurze Tour, bei der die Frage erlaubt sei, wie hier Verspätungen entstehen können. Zuerst hält der Shuttlebus am Meininger Hotel, genau gegenüber vom Holiday Inn. Ein paar Fahrgäste steigen aus. Eine davon überquert direkt vor dem Bus die Fahrbahn und verschwindet kurz darauf auf der anderen Straßenseite im Holiday Inn. Warum machen wir das nicht? Weil es sonst keiner tut? Gibt es hier irgendein Geheimnis, warum hier nur die Gäste des Meininger Hotels aussteigen? Ich bin verdammt neugierig auf das was als nächstes passiert.
Der Busfahrer schließt die Türen, fährt etwa zehn Meter und versucht sich an einer 180 Grad-Wende. Die Straße gibt das her. Zumal der Grünstreifen zur Trennung der beiden Richtungsfahrbahnen an dieser Stelle durch Asphalt ersetzt wurde. Doch ein gegenüber im Halteverbot abgestelltes Fahrzeug sorgt für Frust beim Busfahrer. Er setzt mit dem Bus ein Stück zurück und wagt einen weiteren Versuch. Der Bus überfährt ein paar Randsteine und schafft diesmal die Wende. Nun stehen wir direkt vor dem Holiday Inn-Hotel. Und siehe da, die Fahrgäste wollen den Bus verlassen. Erneut beginnt ein Hauen und Stechen um das Gepäck.
Desto eher man mit seinem Gepäck diesen Bus verlassen kann, desto besser stehen die Aussichten im Endspurt zur Rezeption. Unser Gepäck ist zuunterst, so dass wir bei diesem kurzen Spurt ins Hotel nicht die Spur einer Chance haben. Als wir endlich das Hotel betreten stehen bereits einige Fahrgäste aus dem Shuttlebus vor uns an der Rezeption. Wir müssen warten. Schon wieder. Die junge Dame, die bereits am Meininger Hotel ausstieg und zu Fuß die Straße hierher überquerte, hat die Rezeption bereits verlassen und somit den ganzen Sonntagabend vor sich. Bei uns wird das noch etwas dauern. Drei Hotelmitarbeiter stehen an der Rezeption. Zwei davon mühen sich an den „normalen“ Hotelgästen ab. Eine dritte Mitarbeiterin steht an einem Pult etwas abgesondert und betreut Gäste mit einer Mitgliedschaft im IHG-Club.
Zwei Frauen drängeln sich dreist an uns vorbei. Offensichtlich haben sie es etwas eiliger als alle anderen. Unsere im Urlaub hart erkämpfte Ausgeglichenheit sorgt dafür, dass wir sie passieren lassen. Es gibt keine Konfrontation verbaler Art, noch ziehen wir unsere Lichtschwerter und zwingen die Damen auf die dunkle Seite der Macht bzw. sich hinter uns in die Reihe zu stellen. Der Stress ist ganz mit ihnen und da soll er auch bleiben. Die Mitarbeiterin am IHG-Stand winkt die nächsten Wartenden in der Reihe zu und hey, das sind wir! Dank einer kleinen Barriere zwischen den Schaltern an der Rezeption kommen die vor uns stehenden Personen nicht mehr zum gerade frei gewordenen Schalter. Die beiden Vordrängler hätten wir damit wieder überholt.
Jetzt kurz Bescheid sagen, dass wir hier über Booking.com gebucht haben und dann geht's auf Zimmer. Dachte ich Narr. Dass an diesem Stand ausschließlich englisch gesprochen wird, ist für uns kein Problem. Doch dann wird es bürokratisch. Hier in Hessen herrscht noch Zucht und Ordnung. Wir müssen erst einmal ein Formular ausfüllen. Kein Wunder, dass es hier an der Rezeption nicht recht vorangeht. Im Formular müssen neben den Adressdaten auch Geburtsdaten angegeben werden und das bitte schön von beiden Ehepartnern. Endlich sind wir nur noch zwei Unterschriften vom Ende des Eincheck-Vorganges entfernt. Wir unterschreiben und gewinnen unbeabsichtigt eine Mitgliedschaft im IHG-Club.
Dem Intermezzo an der Rezeption folgt die Fahrt mit dem Fahrstuhl in die sechste Etage. Es geht links den Gang hinauf und kurz darauf stehen wir im luxuriösesten Zimmer dieses Urlaubs, welches zugleich über eine eigene Dusche und WC verfügt. Die Minibar ist leider leer. Doch wir wollen uns nicht lange aufhalten, machen uns kurz frisch und dann geht's mit dem Fahrstuhl zurück ins Erdgeschoss. Wir haben ein Date mit Esthers Schwester und sind schon arg verspätet. Ein kleiner Spaziergang nach dem Wahnsinn der letzten Stunden tut uns sicher ganz gut. Wir finden das China-Restaurant und sitzen unterm freien Himmel. Der Abend verläuft harmonisch, es wird gelacht, gegessen und getrunken. Irgendwann geht's im Spazierschritt zurück zum Hotel, aber nicht ohne zuvor dem „Grünen Mann“, einer vier Meter hohen Statue des bekannten Ampelmännchens, einen kurzen Besuch abzustatten.
Melancholisch nähert sich dieser Abend seinem Ende. Jetzt wäre die Hotelbar ein lohnendes Ziel. Die Getränkepreise sind sicher nicht ohne, aber deutlich angenehmer als in Schweden. Statt Aperol Spritz gibt's eine Fahrt mit dem Fahrstuhl zurück aufs Zimmer. Alles muss mal ein Ende haben. Dieser Abend, dieser Urlaub und auch dieses Kapitel.
Es geht nach Hause
Tag 14 – Sonntag, 08.09.2024; N 50°03'52″ O 8°47'53″
Am heutigen Sonntag steht die letzte Etappe der Heimreise an. Die Entscheidung eine Nacht in Frankfurt zu verbringen, statt nach der Landung am gestrigen Abend heimzufahren, war in Ordnung. Wir wären zwar gestern noch spät abends daheim angekommen und hätten heute den ganzen Tag ausruhen können. So aber genießen wir noch einmal all die Vorzüge eines guten Hotels. Ich springe unter die Dusche, spiele an der Armatur und schon erreicht der Duschstrahl C-Rohr-Qualität. Das sorgt nicht nur für porentiefe Reinlichkeit. Diese Dusche wirkt belebend. Was würde ich nicht machen um mal einen ganzen Urlaub lang jeden Morgen ein solches Wellnessgefühl zu erleben. Bis wann müssen wir das Hotel verlassen haben? Hmmm, okay, Kopfkino aus, werter Leser. Außerdem will Esther auch noch unter die Dusche und dann geht's runter zum Frühstück.
Ein kurzer Check unserer Buchung zeigt, dass ein Frühstück nicht in unserer Buchung enthalten ist. Kein Problem, wir buchen es für durchaus preiswerte 13 Euro nach und anders als beim gestrigen CheckIn in diesem Hotel funktioniert das spektakulär unbürokratisch. Das Frühstück entspricht vollends unseren Erwartungen, deshalb schlagen wir uns noch einmal den Magen so richtig voll bevor es gleich nach Hause geht. Wer weiß wann es wieder etwas zu essen gibt. Passend zum leckeren Frühstück gibt es Motocross vom Feinsten, beste Unterhaltung, der man sich aufgrund der vielen Bildschirmen im Frühstückssaal kaum entziehen kann. Die letzten Pencakes mit Ahornsirup sind verspeist. Wir können aufbrechen.
Die Hoffnung, den Heimweg unkompliziert starten zu können, zerschlägt sich nach einem Telefonat mit dem Parkplatz-Shuttleservice „Infinity-Parking“. Das Shuttle darf uns angeblich aus Versicherungsgründen nicht am Hotel abholen. Also löhnen wir zwölf Euro beim Auschecken an der Hotelrezeption und dürfen den Hotelbus nutzen, um damit zum Flughafenterminal zurückzukehren. Wir hätten auch für weniger Geld mit der S-Bahn die eine Station fahren können. Doch erstens sind unsere vier Koffer heute zu träge für solch lange Wege und zweitens ist heute Sonntag. Da sind wir beide ebenfalls äußerst träge. Also verfrachten wir die Koffer in den Bus und geben dem Busfahrer die beiden Chips, die uns an der Rezeption als Nachweis über die bezahlten zwölf Euro in die Hand gedrückt wurden. „Fahr er zu Herr Kutscher!“ denke ich und schon geht's auch tatsächlich los.
Kurz bevor wir am Terminal 1 des Flughafens Frankfurt am Main eintreffen telefoniere ich wie abgesprochen erneut mit Infinity-Parking. Ich erfahre, dass unser Beförderungswunsch einem zweiten Fahrer weitergegeben wird, der gleich da sein sollte. Ein Déjà-vu? Mir schwant böses. Und tatsächlich: Eine gute halbe Stunde später ist vom Shuttle noch immer nichts zu sehen. Mein Handy klingelt. Der nette Mitarbeiter von Infinity-Parking ist dran und bittet uns ihm ein gutes Stück entgegen zu kommen. Er meint, dass sämtliche Zufahrten zum Flughafen aktuell verstopft sind und er deshalb im Stau steht. Wir schnappen unser Gepäck und kämpfen uns durch Menschenmassen einige Eingangstüren am Terminal entlang. Kaum erreichen wir den abgesprochenen Eingang hält auch schon ein weißer Kleinbus neben uns.
Ein Pärchen steigt aus. Sie bemerkt irgendetwas bezüglich unserer Koffer. Ihre eigenen schauen unseren recht ähnlich, aber das kümmert uns gerade gar nicht. Kaum ist unser Gepäck verladen verlassen wir diesen Eingangsbereich, um schließlich dort anzuhalten, wo wir eben noch eine halbe Stunde warteten. Egal, nicht drüber nachdenken. Hier steigen weitere Passagiere hinzu, die ebenfalls ziemlich übelgelaunt wirken. Die Stimmung im Fahrzeug ist im Keller. Wir geben uns Mühe all das nicht zu weit an uns heranzulassen, schließlich haben wir noch immer Urlaub. Soviel Zweckoptimismus sei uns gestattet.
Eine halbe Stunde später sitzen wir endlich in unserem Auto, es tröpfelt und wir machen uns auf den Heimweg. Knapp drei Stunden prognostiziert das Navi, etwa dreißig Minuten länger als erwartet. Auf den ersten Kilometern nimmt der Regen noch zu, der Verkehr ist unglaublich dicht. Trotzdem kommen wir verhältnismäßig gut voran. Das Wetter wird mit jedem Kilometer in Richtung Heimat besser. Beim Überqueren des Rheins bei Koblenz regnet es nicht mehr und in Kelz begrüßt uns blauer Himmel und 25 Grad.
Rheinland
Wieder daheim!
