Benutzer-Werkzeuge

Webseiten-Werkzeuge


schwedenneu

AUF SCHLEICHFAHRT

Ein Roadtrip durch Mittelschweden

von Sven Wusch     Vorbereitung Wie kommt man auf die Idee seinen Erholungsurlaub in einem Auto zu verbringen, durch schwedische Landschaften zu cruisen und das Ganze auch noch außerhalb der Urlaubssaison ? Nun, mein Bruder Mark plant seinen fünfzigsten Geburtstag in Stockholm zu feiern und lädt die engere Verwandtschaft dazu ein. Einer solchen Einladung pflegt man natürlich auch nachzukommen und so werden wir Anfang September 2024 eben mal über die Ostsee hüpfen, um beim Ausblasen von fünfzig Kerzen helfen zu können. Bei aller Vorfreude auf diese Reise stellt sich die Frage nach Aufwand und Nutzen. Hin- und Rückreise, Unterkunft und Verpflegung, all das kostet in heutigen Zeiten nicht gerade wenig. Zudem leidet Esther unter Flugangst und wenn sie diese erstmal überwindet, dann sollte sich das auch lohnen. Warum also den Aufenthalt in Skandinavien nicht etwas ausdehnen? Eine Woche, um Stockholm genauer kennen zu lernen? Oder zwei Wochen, um die weitere Umgebung zu erkunden? Vielleicht sogar drei Wochen, um ganz Schweden zu bereisen? Gründe für einen längeren Aufenthalt gibt es zur Genüge. Sei es einfach nur um mal wieder meinen Bruder zu besuchen, der seit Jahren in Schweden wohnt. Die Gegend am Ångerman-Fluss im nördlichen Schweden haben wir schon öfter besucht, andere Regionen Schwedens kennen wir jedoch kaum bis gar nicht. Und so nimmt die Idee eines Roadtrips, eines mobilen Urlaubs mit wechselnden Unterkünften, vielen Sehenswürdigkeiten und verdammt vielen Kilometern auf dem Tacho langsam Gestalt an. Im Spätherbst 2023 beginnen unsere Planungen. Anfänglich wurde gar über die Buchung einer solchen Reise über ein Reisebüro nachgedacht. Doch zu teuer und zu wenig Raum für individuelle Ideen – nein, das können wir besser. Also basteln wir uns eine hübsche kleine Runde zusammen, suchen nach Sehenswürdigkeiten, buchen einen Mietwagen und reservieren die Hotelzimmer. Unser Trip wird am Flughafen Stockholm-Arlanda beginnen und an selbiger Stelle zehn Tage später enden. Dazwischen liegen viel Asphalt, Natur und skandinavisches Leben, von dessen Gelassenheit wir uns hoffentlich schnell anstecken lassen. Anschnallen und los geht es…  Rheinland Aufbruch Tag 1 – Montag, 26.08.2024; N 50°45'58″ O 6°35'51″ Es ist so weit. Nun wird sich zeigen, was das langfristige Planen, Buchen, Reservieren und Organisieren tatsächlich wert ist. Doch langsam: erstmal wird gefrühstückt. Wir haben schließlich Urlaub. Niemand treibt uns. Die Koffer sind längst gepackt und stehen so kurz vor dem Aufbruch stets und ständig im Weg herum. Um nicht auf dem Flughafen Probleme mit zu schwerem Gepäck zu bekommen, holt Esther die Personenwaage. Wir haben eigentlich auch eine Kofferwaage, doch diese ist aufgrund der seltenen Nutzung gerade nicht auffindbar und danach zu suchen fehlt es an Motivation. Also stelle ich mich auf die Personenwaage und registrierte erstmal empört das angezeigte Gewicht. Dann stelle mich mit jedem einzelnen Koffer erneut auf die Waage. Das passt soweit - das Gewicht der vier Koffer befindet sich innerhalb der erlaubten Werte. Einmal ist es knapp, aber knapp darunter ist immer noch okay. Wie gesagt: Planung ist alles! Unser Flieger wird planmäßig um 16:05 Uhr abheben. Wenn wir mit einer Boarding-Zeit von 30 Minuten rechnen und großzügig eine halbe Stunde für den Duty-Free-Bereich draufschlagen, sowie für die Sicherheitskontrolle und dem Abgeben der Koffer eine gute Stunde kalkulieren, dann sollten wir bis spätestens 14 Uhr auf dem Flughafen eintreffen. Stressfreies Reisen ist ein Luxus, den sich jeder leisten kann. Vorausgesetzt man investiert etwas von dem, von dem man meist zu wenig hat: Zeit! Zeit haben wir zur genüge, also rechnen wir weiter: Wir haben einen Parkplatz in Eschborn (westlich von Frankfurt) gebucht und werden von dort mit einem Shuttle zum Flughafen-Terminal gefahren. Der Flughafen ist etwa eine halbe Stunde entfernt. Gehen wir auch hier großzügig von einer Fahrzeit von sechzig Minuten aus. Natürlich nur um ganz sicher zu gehen. Strich drunter und zusammengezählt: Wir sollten bis 13 Uhr auf dem Parkplatz in Eschborn eintreffen, wenn dieser großartige Plan aufgehen soll. Der zweittreuste Begleiter der kommenden zwei Wochen - die Navigations-App auf dem Smartphone - spricht von etwa zwei Stunden Fahrzeit bis zum Parkplatz in Eschborn. Jetzt ist es kurz nach zehn Uhr. Die beste Zeit das Auto zu beladen, noch einmal kurz die Porzellanabteilung aufzusuchen und so gegen 10:30 Uhr vom Hof zu rollen. Gerade als ich mir die Schuhe anziehe klingelt mein Smartphone. Auf dem Display steht „Unbekannt“. Unbekannt? Sicher ein Werbeanruf und für so etwas hat der Otto-Normalverbraucher von heute generell keine Nerven. Ich lehne also den Anruf ab. Es klingelt sofort erneut. Das überrascht mich ein wenig. Aber gut, so viel Hartnäckigkeit gehört belohnt und so nehme ich das Gespräch nun doch an. Der Anrufer entpuppt sich als Mitarbeiter des Shuttle-Services „Infinity-Parking“ in Frankfurt. Er teilt mir mit, dass wir eben zu diesem Zeitpunkt auf dem Parkplatz in Eschborn erwartet werden. Seinen Informationen zu Folge haben wir unser Shuttle für 10 Uhr gebucht. Das ist Interessant, denn, nun, mir ist das neu. Warum sollten wir den Shuttle-Service bereits sechs Stunden vor Abflug in Anspruch nehmen? Sinn macht das nicht. Doch auf den Buchungsunterlagen steht unmissverständlich zehn Uhr, was uns in ein gewisses Dilemma führt. Wir werden definitiv zu spät sein. Wenn wir jetzt losfahren werden wir frühstens gegen halb eins dort vor Ort sein. Der freundliche Mitarbeiter weißt mich darauf hin, dass gerade zur Mittagszeit besonders viel Andrang zwischen Eschweilers Bürohäusern herrscht. Aber hey, wir haben Zeit. Wir können eine halbe Stunde oder auch eine Stunde auf dem Parkplatz auf ein freies Shuttle warten. Unser Zeitmanagement lässt das zu. Damit ist der Mitarbeiter zufrieden und legt auf. Die Annahme, dass die Shuttles rund um die Uhr im Einsatz sind, erweist sich allerdings als falsch. Das wissen wir jedoch zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Die Shuttlebusse von „Infinity-Parking“ fahren nämlich nur nach einem knallhart kalkulierten Businessplan. Ändert das irgend etwas? Nein! Das Grübeln darüber zieht nur dieses Kapitel in die Länge. Also keine Panik. Wir haben immer noch genügend Zeit.   Hessen Heusenstamm Tag 1 – Montag, 26.08.2024; N 50°03'52″ O 8°47'53″ Zehn Minuten später befinden wir uns auf dem Weg in Richtung Frankfurt. Der Verkehr auf der A61 an diesem Montagvormittag ist moderat. Wir kommen gut voran und können dennoch kaum an der Uhr schrauben und Zeit gutmachen. Gegen 12:45 Uhr erreichen wir einen arg herunter gekommenen Parkplatz zwischen modernen Bürogebäuden in Eschborn. Sollen wir hier etwa unser Auto zwei Wochen herumstehen lassen? Und wo befindet sich „Infinity-Parking“? Diesmal rufe ich an und erreiche tatsächlich denselben Mitarbeiter von vorhin. Aufgrund einer beeindruckenden Geräuschkulisse kommt das Gespräch nur langsam in die Gänge. Es gibt den nächsten Tiefschlag, den es schleunigst zu verdauen gilt: Wir befinden uns auf dem falschen Parkplatz. Inzwischen befindet sich der Parkplatz von „Infinity-Parking“ in Heusenstamm, also etwa 30 Fahrminuten von unserem jetzigen Standort entfernt. Das Navi wird mit den neuen Adressdaten gefüttert, wir verlassen diesen merkwürdigen Platz und es geht einmal quer durch Frankfurt nach Heusenstamm. Unterwegs haben wir genügend Zeit über unser Parkplatzproblem nachzudenken. Wir sind zur falschen Zeit am falschen Ort! Egal worin die Ursachen für dieses Dilemma bestehen, es lässt sich nicht mehr ändern. Da müssen wir nun durch. An der Gesamtsituation hat sich nichts wesentlich geändert. Wir liegen noch immer gut in der Zeit. Nur kommen wir aktuell dem Flughafen Frankfurt am Main kaum näher, da Heusenstamm ähnlich weit davon entfernt ist wie Eschborn. Gegen 13:15 Uhr haben wir endlich den richtigen und zudem recht abgelegenen Parkplatz in Heusenstamm gefunden. Wir stellen das Auto inmitten auf einer x-beliebigen freien Stelle auf diesem weitläufigen und nahezu leeren Parkplatz ab. Wenige Schritte vom Auto entfernt steht ein Bürocontainer mit dem Logo einer inzwischen inflationär erwähnten Parkservice-Firma. Erst wird geklopft und als keine Reaktion erfolgt, wird die Klinge betätigt. Verschlossen! Nirgendwo ist ein Mitarbeiter dieser Firma oder überhaupt irgendein Mensch zu sehen. Man hört nur den Verkehr auf der A3 in unmittelbarer Nähe, aber man sieht Dank der dichten Vegetation nichts von der Autobahn. Was bleibt mir übrig, als die altbekannte Nummer erneut anzurufen. Der Mitarbeiter tut verwundert, ein Kollege von ihm sollte eigentlich längst hier sein. Aber alles kein Problem. Er wird sich nun selbst auf den Weg machen und in zwanzig Minuten vor Ort sein. Und wir? Wir warten! Bei blauem Himmel und 25 Grad. Die Zeit zieht langsam ins Land. Was hier definitiv fehlt sind Toiletten. Inzwischen ist es kurz nach 13:30 Uhr und vom Shuttleservice ist weiterhin nichts zu sehen. Inzwischen machen sich unsere vollen Blasen bemerkbar, so dass wir uns kurz in die Büsche schlagen. Mein Smartphone klingelt. Einmal mehr ruft mich „Unbekannt“ an. Er fragt, ob inzwischen sein Kollege eingetroffen ist und kündigt sein baldiges persönliches Erscheinen an. Natürlich lassen wir uns gern vertrösten. Ewig wird die Warterei schließlich nicht dauern. Gegen 13.45 Uhr rollen zwei PKWs auf den Parkplatz und spucken fünf Personen mit umfangreichem Gepäck aus. Kurz darauf gesellt sich ein weiterer Kleinwagen zu uns. Die Shuttlegäste für den nächsten Transport zum Flughafen wären also da. Fehlt nur noch das Shuttle. Es dauert noch bis 14:10 Uhr als ein Kleinbus mit dem Aufdruck „Infinity-Parking“ erscheint und neben dem Container hält. Der Fahrer steigt aus und kommt direkt auf uns zu. Er fragt, ob wir die Leute vom Eschborner Parkplatz sind. Na Gott sei Dank! Wenigstens kein Wort zur 10 Uhr-Buchung. Nach all den kleinen Tiefschlägen gibt es endlich Licht am Ende des Tunnels. Weitere PKWs tauchen auf dem Parkplatz auf. Die Anzahl der Fahrgäste wächst somit permanent an ebenso wie die Herausforderung an den Shuttlefahrer all diese Leute pünktlich zum Flughafen zu bringen. Als die „vom Eschborner Parkplatz“ erfahren wir eine zuvorkommende Behandlung und landen als erste im Kleintransporter. Zuvor hatte Esther unser Auto auf einen anderen freien Stellplatz umgeparkt und ich die Koffer im Shuttle verladen. Tatsächlich gesellt sich nun ein weiterer Kleintransporter dazu. Aha, da ist er also, der verschollen geglaubte Kollege. Es gibt ihn tatsächlich! Nun wird eine Zeitlang koordiniert, geordnet und umgeladen. Die beiden Fahrer haben die Lage offensichtlich im Griff. Esthers und mein Hintern ist und bleibt in diesem Shuttle, unser Gepäck ebenfalls. Ob nun alle anwesenden Reisenden in einem Schwung zum Flughafen gefahren werden können, ist mir gerade ziemlich egal. Unser Shuttlebus setzt sich gegen 14:30 Uhr in Bewegung. Wir befinden uns in der hintersten Sitzreihe. Vor uns sitzt eine Mutter mit zwei erwachsenen Söhnen. Sie hat in ihrer Familie definitiv die Hosen an. Nun beobachtet sie erst den Fahrer und anschließend ihr Smartphone recht argwöhnisch. Ist ihr Zeitmanagement in Schieflage geraten? Hat sie einen übermäßig ausgeprägten Mutterkomplex? Muss mich das interessieren? Nun, jetzt greift sie proaktiv ins Geschehen ein und weist den Fahrer erst auf einen Stau auf der A3 und an der nächsten Kreuzung energisch auf die Ampel hin, die gerade auf grün umschaltet. Unser Fahrer bedankt sich äußerst verdutzt für diesen Hinweis und überfährt die folgende Kreuzung bei Rot. Zum Glück lässt dies die Verkehrslage auch zu und so erreichen wir kurz vor fünfzehn Uhr Terminal 1 des Flughafens Frankfurt am Main. Airport Frankfurt am Main Tag 1 – Montag, 26.08.2024; N 50°03'00″ O 8°34'19″ In einer halben Stunde beginnt das Bording, in einer Stunde geht unser Flieger. Wir sind spät dran, aber noch ist alles im Rahmen. Dank der Möglichkeit seine Koffer selbst aufzugeben, entgehen wir einer möglicherweise langen Warteschlange am Check In-Schalter. Jetzt wird sich zeigen, wie gut wir in der Bedienung der Klebeetiketten sind und ob unsere Gewichtsermittlung mit der Personenwaage korrekt war. Kurz die digitale Bordkarte an ein Lesegerät gehalten und schon erscheint das erste markante längliche Etikett. Esther bekommt ihr Etikett schnell am seitlichen Griff ihres Koffers befestigt. Ich brauche etwas länger. Dabei stört kurz das von mir am Koffergriff verknotete braune Bändchen. Der Sinn des Bändchens besteht darin, Reisende, die versehentlich einen unserer Koffer auf dem Förderband anvisieren, ihren Irrtum schnell erkennen. Schließlich ist nichts dramatischer, als den Urlaub ohne Gepäck beginnen zu müssen. Wir rollen die Koffer zu einem der Automaten, die den üblichen Check In-Schalter künftig ersetzen sollen. Auf Knopfdruck öffnet sich eine Plexiglasscheibe und gibt den Weg frei ins Innere. Ich stelle meinen Koffer auf eine markierte Position und die Plexiglasscheibe schließt sich wieder. Laserstrahlen schwirren hektisch auf der oberen Seite des Koffers herum. Die Intelligenz im Inneren des Apparates ist mit dem Ergebnis nicht zufrieden. Wahrscheinlich kann irgendein Barcode nicht gelesen werden. Was solls, stelle ich eben den Koffer etwas mehr nach links. Beim zweiten Versuch haben wir mehr Glück und die Laserstrahlen finden ihr Ziel. Ein Display zeigt das Koffergewicht mit 22,9 kg an. Punktlandung! Sekunden später verschwindet der Koffer in den Eingeweiden des Flughafens und wir lassen den nächsten der beiden großen Koffer folgen. Nun haben wir noch Esthers Rucksack und zwei Handgepäckkoffer. Diese können wir natürlich mit in den Flieger nehmen. Einfacher wäre es aber, wenn wir die beiden kleinen Koffer ebenfalls hier abgeben. Also bemühe ich ein weiteres mal meine Bordkarte, diesmal jedoch ohne Erfolg. Der Etikettenausgeber streikt. Der dabeistehende Servicemitarbeiter ist keine große Hilfe und verweist mich an den Check In-Schalter und genau da stelle ich mich trotz unserer knappen Zeit an. Es ist inzwischen deutlich nach fünfzehn Uhr. Die Schlange am Schalter ist nicht lang, es geht aber nicht voran. Eine Mitarbeiterin diskutiert seit geraumer Zeit mit einem Pärchen über ihr sperriges Gepäck. Ihre Kollegin nebenan prüft irgendwelche Listen und Dokumente. Der direkt vor mir stehende Herr spricht sie einfach an und bittet um diverse Informationen. Er hat Glück und bekommt eine Antwort. Ich habe weniger Glück, denn gerade in diesem Moment wechselt die Anzeige über dem Schalter auf „Out of order“. Wir verlassen diesen Bereich und begeben uns endlich zur Sicherheitsüberprüfung, wo glücklicherweise wenig Betrieb ist. Das Gepäck landet in den bereitgestellten Kisten, um kurz darauf im Schlund einer Maschine durchleuchtet zu werden. Bei Esthers Rucksack gibt's natürlich wieder Probleme. Doch meine Ehefrau reagiert heute deutlich gelassener als zuletzt auf dem Düsseldorfer Flughafen, als sie mit ihrer voreiligen Art die Aufmerksamkeit des Sicherheitspersonals auf sich zog und um beinahe einen Sicherheitsvorfall ausgelöst hätte. So nehmen wir diesmal die Hürde Sicherheitsüberprüfung mit Bravour und begeben uns in Richtung Gate. In zehn Minuten beginnt das Bording. Schräg gegenüber vom Gate entdecke ich einen Trinkwasserspender. Mit seiner eigentümlichen Bauweise ist er nur zum Stillen des größten Durstes vorgesehen. Man hält einfach den Mund über das Becken, drückt auf einen Knopf und freut sich über einen schwachen Strahl Trinkwasser. Ein Gesichts-BD sozusagen. Hier eine Trinkflasche zu füllen stellt eine kleine Herausforderung dar. Aber wer nicht wagt… Mit viel Gefühl schaffe ich es den überaus seichten Wasserstrahl zur Flaschenöffnung zu bugsieren und die eingeschleuste Plastikflasche zu füllen. Nur wenige Dutzend Meter weiter befindet sich übrigens ein Lebensmittelladen, in welchem die Literflasche einer bekannten Mineralwassermarke für 5,95 Euro kostet. Mit dem beim Trinkwasser gesparten Geld kauft Esther dort zwei Laugenbrezel für zusammen acht Euro. Was soll‘s! Billig war gestern, ab heute ist Urlaub! Abflug Tag 1 – Montag, 26.08.2024; N 50°03'00″ O 8°34'19″ Das Gate öffnet pünktlich und wie auf Kommando strömen die Ungeduldigsten unter den Fluggästen an den Schalter. Die dort anwesende Stewardess versucht verzweifelt Ordnung ins Chaos zu bringen und gibt entnervt auf. Gegen den Aberglauben, dass der Flieger versehentlich ohne Passagiere starten könnte, kommt sie einfach nicht an. Und natürlich will jeder das leere Gepäckfach erstmal ganz für sich und sein Handgepäck. Die Durchsagen für unseren Flug machen mich neugierig. Heute geht mal nicht nach irgendwelchen Kategorien oder Sitzplatzreihen. Auch heißt es nicht Frauen und Kinder zuerst. Nein, heute werden die Passagiere der Sitzplatze „A“ und „F“, also der Fensterplätze, aufgerufen, sich zuerst ins Flugzeug zu begeben. Eine neue Taktik der Fluggästedisziplinierung? Natürlich scheitert auch dieser nett gemeinte Versuch. Denn nun hat jeder einen Fensterplatz und das Gedränge am Schalter nimmt weiter zu. Auf meiner Bordkarte steht Sitzplatz 19A, mein Platz an der Sonne! Esther freut sich für mich und schickt mich direkt los. Na dann – auf ins Gedränge! Unglaubliche dreißig Sekunden später befinde ich mich auch schon im Flugzeug. Das liegt entweder an meiner tollen Aura oder weil ich keine Fragen habe, mein Handy mit der Bordkarte auf dem Display artig auf den Scanner lege und zack – schon bleibt das Gedränge und Esther hinter mir zurück. Auf 19A ist aktuell nichts los. Wieso auch? Für ein Empfangskomitee ist ein Flug mit der Lufthansa noch immer zu preiswert. Meinen kleinen Koffer schiebe ich in das gähnend leere Gepäckfach, nehme Platz und warte auf meine Ehefrau. Mir fällt auf, dass der vordere Bereich der Maschine mit einem Sichtschutz verdeckt ist. Aha, die Businessclass, der Bereich mit dem Empfangskomitee, Champagner und den Fallschirmen. Einen eigenen Zugang über die Gangway gibt es auch, so dass sich die noblen Herrschaften nicht mit dem Pöbel auseinandersetzen müssen. Seit wann haben normale Passagierflugzeuge wie dieser Airbus im fordere Bereich zwei Türen? Während ich darüber grübele nimmt ein älterer Mann neben mir auf 19B Platz. Gewagter Versuch! Freundlich weise ich den Herrn darauf hin, dass 19B für meine Frau reserviert ist. Verwundert zeigt er daraufhin seine digitale Bordkarte. 19D steht in der rechten oberen Ecke. Mit 19D direkt am Gang kann der Herr offensichtlich auch leben. Esther erreicht just in diesem Moment Sitzreihe 19 und noch ehe ich zu Hilfe eilen kann, hebt der Passagier von 19D ihren Koffer in die Kofferablage. Läuft doch! Der Weg des Airbusses A321 zum Rollfeld wirkt wie eine Betriebsbesichtigung des Frankfurter Flughafens. Die Tour führt uns an den einzelnen Terminals vorbei, eine Feuerwache taucht auf, gefolgt von vielen weiteren Gebäuden des Flughafens. Den Höhepunkt dieser Führung stellt schlussendlich der Start eines Flugzeuges dar, den wir aus allernächster Nähe miterleben werden. „Mittendrin statt nur dabei“ hat selten so perfekt gepasst wie jetzt. Wir stehen auf dem Rollfeld und warten auf das Anrollen, gefolgt von einer ordentlichen Beschleunigung… Doch zuvor landet auf dem Rollfeld neben uns eine große Frachtmaschine aus Saudi-Arabien. Was mag die an Bord haben? Datteln? Kamelfleisch? Gefriergetrocknetes Erdöl? Fragen über Fragen, auf die ich in diesem Buch keine Antwort geben werde. Unser Flieger ruckt an. Esther greift instinktiv nach meiner Hand. Wir rollen, werden schneller, noch schneller und dann halt noch einmal viel viel schneller. Dann hebt er ab und völlig losgelöst von der Erde… drückt mir Esther kräftig die Hand. Das Flugzeug gewinnt schnell an Höhe, das Fahrwerk fährt hörbar ein und langsam entspannt sich meine Frau. Und das zu Recht, denn nach all den kleinen und großen Scharmützeln des heutigen Tages ist nun an der Zeit ein paar Gänge runter zu schalten. Die Stewardess kommt vorbei und verteilt Wasserfläschchen. Esther kramt die Brezeln hervor und unser Urlaub wagt hier über den Wolken einen Neustart. Sehr zur Freude meiner Gattin gibt es funktionierendes WLAN an Bord. Auch wenn das Fliegen selbst nicht ihr Ding ist, findet sie doch Flugzeuge recht interessant. Häufig, wenn sie ein Flugzeug am Himmel entdeckt, folgt direkt der Griff zum Handy. Auf diesem startet sie eine App, auf welcher sie alle Flugzeuge weltweit in Echtzeit verfolgen kann und informiert sich über alle prägnanten Daten zum jeweiligen Flug. Der WLAN-Empfang an Bord bedeutet allerdings nicht, dass man Zugang zum heiligen Internet bekommt. Heute bekommt man nur Zugang zu einigen Services an Bord. Aber das genügt meiner Dame vollkommen. Relevante Daten zum Flug wie Höhe, Geschwindigkeit oder Außentemperatur werden von ihr geprüft und für gut befunden. Eines Tages wird Esther die Crew im Cockpit besuchen, Details des Fluges erörtern und den Jet punktgenau auf einer Briefmarke landen. Aktuell treiben wir uns in einer Flughöhe von 10700 Metern herum, außerhalb der schützenden Flugzeughülle herrschen minus 51 Grad. Der Airbus macht grad ordentlich Tempo, um hier mit 939 km/h voranzu-kommen. Die Stewardess verschenkt inzwischen Schokoladentäfelchen und Esther macht den Eindruck, dass ihr das Fliegen wieder ein wenig mehr Freude bereitet. Unter uns ziehen ein paar Offshore-Windräder auf der Ostsee vorbei, gefolgt vom schwedischen Festland. Und da wir gerade dabei sind, alles positiv zu sehen: mit dem Erreichen des schwedischen Festlandes fällt die Landung schon mal nicht ins Wasser. Wenn Flugzeuge runterfallen, ist das keine gute Sache. Wenn im Flugzeug etwas runterfällt, schaut es übrigens auch recht problematisch aus. Das Aufheben ist angesichts der Enge zwischen den Sitzenreihen recht kompliziert. Man kann sich kaum bis gar nicht nach unten beugen. In unserem Fall beginnt die Aufregung mit dem dumpfen Aufprall von Esthers kleiner Wasser-flasche. Aktuell hat sie keine Chance an die Flasche heran zu kommen. Aber genau die will sie nutzen und stopft ihr Handy in das inzwischen gut gefüllte Haltenetz vor ihren Knien. Der nächste dumpfe Aufprall folgt und das Smartphone gesellt sich zur Flasche. Die Geschichte ist somit noch etwas komplizierter geworden. Nervös hebt sie ihre Handtasche hoch. Und setzt sie ratlos wieder ab. Bevor Esther hektisch wird und das Flugzeug auseinandernimmt, beuge ich mich seitlich runter, verbiege Hüfte und Oberkörper, belaste die Elastizität meiner Unterarmknochen auf das Äußerste und erreiche tatsächlich die heruntergefallenen Gegenstände zu ihren Füßen. Situation gelöst! Was tut man nicht alles…   Uppland Airport Stockholm-Arlanda zum Ersten Tag 1 – Montag, 26.08.2024; N 59°39'07 O 17°56'02″ Unser Flieger dreht eine kleine Runde über die Gegend nördlich von Stockholm und setzt dann recht behutsam auf dem Flughafen Stockholm-Arlanda auf. Im Flugzeug bekommen wir die nächste Flughafenrundfahrt geboten. Am Terminal angelangt kommt der Airbus zum Stehen. Sofort ist Leben in der Bude, denn die meisten der an Bord befindlichen Passagiere sind sich einig, dass das Flugzeug in wenigen Momenten in Flammen aufgehen wird. Nichts wie raus hier! Es ist immer dasselbe und deshalb lehnen wir uns zurück und überlassen die Hektik all jenen, die wir gleich am Gepäckband wiedersehen werden. Nachdem auch wir endlich das Flugzeug so ziemlich als Letzte verlassen haben, spazieren wir durchs Gate und treffen dort auf Fluggäste, die mit unserem Flieger in Kürze Schweden verlassen werden. Wehmütig denke ich, dass wir in knapp zwei Wochen selbst hier sitzen werden. Doch heute ist dieses Gate der Anfang und kein Ende. Wir folgen weiterhin jenem bunten Haufen, der unbeeindruckt von den bunten Duty-Free-Shops den außerordentlich langen Weg zu den Gepäckbändern zurücklegt. Dort angelangt müssen wir gar nicht lange warten. Unsere Koffer gehören dort zu den Ersten auf dem Gepäckband und schon sind wir wieder unterwegs. Mit all unserem Gepäck geht es vom Terminal 5 durch die Sky-City hinüber zum Terminal 4 und von dort nach draußen zum Bussteig 14. Von diesem Bussteig soll unser Shuttlebus zum Hotel „Aiden“ fahren. Das „Aiden“ ist unsere erste Bleibe in Schweden. Den Emails der letzten Tage konnte man entnehmen, dass das „Aiden“ nicht mehr zur Hotelkette „Best Western“ gehört. Als wir vor einigen Monaten die Zimmer reservierten, sah das noch anders aus. An den benachbarten Bushaltestellen verkehrten die ganze Zeit über schicke Kleinbusse namhafter Hotelketten. Wo bleibt unser Bus? Sind wir hier überhaupt richtig? Etwas verloren stehen wir hier recht allein herum, während rings herum ein reges Kommen und Gehen im Gange ist. Nach etwa fünfzehn Minuten nähert sich ein hellblauer alter Linienbus. Das klapprige Gefährt macht außen wie auch innen nicht den solidesten Eindruck. Die Sitzpolster sind ordentlich durchgescheuert, an einigen Stellen quillt die Schaumstofffüllungen heraus. Die Haltegriffe sind locker und wenig vertrauensselig. Kurz: Dieses Gefährt hatte seine besten Jahre im letzten Jahrtausend. Während der Fahrt neigt sich der Bus häufig von einer Seite zur anderen. Der Fahrer bleibt cool und beweist, dass er den heftigen Seegang auf dem Asphaltfluss routiniert im Griff hat. Wir überleben die Fahrt mit dem Seelenverkäufer und steigen am Hotel aus. Von der dunkelgrauen Hausfassade eingeschüchtert betreten wir das Hotel. Das Aiden kann sich durchaus sehen lassen. Die Hotellobby ist stilvoll und modern eingerichtet. Wir checken am digitalen Eincheckportal an der Rezeption ein. Das geht schnell und unkompliziert. Zwei Plastikkarten werden mit den nötigen Zugangsdaten bespielt und damit gehts nun zum Zimmer. Der Korridor dorthin wirkt renovierungs-bedürftig, so wie bei allen Hotel, wo der rege Publikumsverkehr schnell seine Spuren hinterlässt. Unser Zimmer ist so wie wir uns ein schwedisches Hotelzimmer eigentlich fast vorgestellt haben: klein, einfach gehalten, ohne größeren Komfort. Dunkelgrau ist auch hier angesagt, was das Engegefühl noch verstärkt. Aus irgendeinem Grunde hat man auf einen Sicherungs-kasten verzichtet und die elektrische Sicherung zum Schutz dieses Raumes ohne Verkleidung direkt neben die Eingangstür platziert. Ein paar Informationsblätter sind mit Pins gleich daneben an die Wand gepinnt. Das Bett ist in Ordnung. Durch eine Schiebetür gelangt man ins Bad. Hier wirkt alles sehr gepflegt. Die Handtücher sind einheitlich im gleichen Grauton wie das Zimmer. Ein nervendes Geräusch vergleichbar mit dem Surren von Heizungsrohren in Fabrikhallen ist im Zimmer allgegenwärtig. In dieser Geräuschkulisse mischt sich zeitweilig das Anlaufen eines Gebläses. Das zerrt einigermaßen an den Nerven, die nach dem heutigen Tag ohnehin etwas strapaziert sind. Alles in allem sollten wir zufrieden sein. Das hier ist Flughafenland, an diesem Ort zählen andere Regeln als anderswo. Die Nachfrage nach halbwegs bezahlbaren Übernachtungsmöglichkeiten ist riesig. Irgendein Hotel hier am Flughafen bietet sogar Zimmer ohne Fenster an. Fazit: Wir benötigen einen Raum zum Schlafen und dafür ist unser Hotelzimmer durchaus geeignet. Alles andere ist erstmal egal. Wir haben unser Zimmer bezogen, der Urlaub ist im vollen Gange und nun meldet sich ein kleines Hungergefühl. Wie also weiter? Wir könnten im Hotel bleiben, das wie eine kleine Insel in einem Meer von Industriehallen und Autobahnzufahrten aufragt. Die Hotelbar hat ihren Charme und die Speisekarte schaut auf den ersten Blick auch recht einladend aus. Oder wir nutzen das kostenlose Shuttle, fahren zum Flughafen Arlanda zurück und erkunden Sky-City. Nun, auf gehts - das Shuttle wartet. Sky City Tag 1 – Montag, 26.08.2024; N 59°38'57″ O 17°55'45″ Eine weite wilde Fahrt später landen wir erneut am Terminal 4. Hier checken wir als erstes die Busver-bindungen innerhalb des Flughafengeländes. An Haltestelle 3 fährt der Flughafenbus „P2-Beta“ ab, welcher seine Fahrgäste zur Autovermietung bringt. Hier starten morgen unsere letzten Meter ohne eigenen fahrbaren Untersatz. Damit sind unsere Hausaufgaben erledigt! Jetzt haben wir Hunger und sind neugierig auf die Sky City. Die Sky City ist ein hochmoderner Gebäudetrakt der Terminal 4 und 5 verbindet. In Sky City gibt es ein Hotel und viele Einkaufsmöglichkeiten, Cafés und Restaurants. Sollte mal der Flieger ein paar Stunden Verspätung haben – hier ist man bestens aufgehoben. Der Hunger hebt kurz die Hand, genau da war was. Wir entscheiden uns für die Sushibar „Itamae Sushi“ und bestellen bei der Kellnerin unter Zuhilfenahme von Händen und Füßen zwei Sushi-Gerichte. Anschließend bestelle ich ein Eriksberg Pilsener für unglaubliche 85 schwedische Kronen (etwa 8 Euro). Esther nimmt mit kostenlosem Wasser vorlieb. Zum Probieren bringe ich noch ein Schüsselchen Suppe mit an den Tisch. Löffel dafür gibt es allerdings keine. Wie gehen andere Gäste mit dieser Herausforderung um? Sie schlürfen. Gut, dann schlürfen wir ebenfalls. Lange müssen wir nicht warten, da nähert sich schon die Kellnerin mit frisch zubereiteten Sushi-Rollen auf zwei Tellern unserem Tisch. Irgendwelche Vorurteile gegen-über der schwedischen Gastronomie erweisen sich schnell als völlig unbegründet. Das Sushi schmeckt ausgezeichnet und ist angesichts der Örtlichkeit noch nicht einmal sonderlich teuer. Vielleicht hätte sich der Raumgestalter etwas mehr ins Zeug legen können, aber Weniger ist ja bekanntlich manchmal auch Mehr. Wer es schlicht mag kommt jedenfalls voll auf seine Kosten. Während ich das Bier und die Betriebsamkeit um uns herum genieße, überwacht Esther mit ihrer App den Stockholmer Luftraum und prüft bei jedem Start und jeder Landung Flugnummer, Zielflughafen und Flügellänge. Wehe dem Piloten, wenn da etwas nicht in bester Ordnung ist! Kurz darauf landen wir im Barino, einem italienischen Café. Es braucht etwas bis wir hier etwas bestellt haben. Der Grund: die Speisekarte klebte in Form eines QR-Codes auf dem Tisch. Dank QR gelangt man zur digitalen Speisekarte. Beim Einstellen einer passenden Sprache gibts den ersten Krampf, und im Fortgang der Bestellung folgen weitere Scharmützel, die mich allesamt zu überfordern drohen. Es erfordert viel Geduld, etwas Glück und Esthers beruhigende Art, um für uns Campari-Orange und Aperol Spritz zu bestellen. Beim Bezahlen wird man direkt gebeten die Höhe des Trinkgeldes festzulegen. Man könnte auch meinen: Man legt hierbei fest wie freundlich man bedient werden möchte. Die Kreditkarte wird belastet und die Bestellung geht raus. Schau an, just in diesem Moment setzt sich die Kellnerin in Bewegung und zaubert die Longdrinks und bringt sie freundlich an unseren Tisch. Das Trinkgeld war wohl angemessen. Mit einem leckeren Getränk lässt es sich hier gut aushalten. Wir schauen abfliegenden Flugzeugen hinterher, schlürfen unsere Longdrings durch Strohhalme und beobachten rastlose Geschöpfe auf ihrem Weg durch die SkyCity. Eine vorbeieilende Dame bewahrt bemerkenswert Fassung, während sie ihren Design-Koffer an ihre Brust drückt. Der Reisverschluss hat offensichtlich seine Funktion eingestellt. Ein paar bunte Stofffetzen geben etwas vom Inhalt des Koffers preis. In ihren Augen sehe ich keine Anzeichen von Resignation. Sie ist absolut Herrin ihrer Lage. Die Frau eilt an uns vorbei und verschwindet in der grauen Masse all jener, die an diesem Montagabend das Glück haben mit uns gemeinsam ein paar kurze Momente in der Sky City zu verbringen. So verrinnt die Zeit, unsere Gläser leeren sich und eine gewisse Bettschwere macht sich bemerkbar. Wir verlassen die SkyCity, durchqueren den Eingangsbereich vom Terminal 4 und begeben uns zum altbekannten Bussteig 14. Es geht inzwischen auf 22 Uhr zu und entsprechend wenig ist an den Bushaltestellen los. Ein paar Reisende warten wenige Meter entfernt gemeinsam mit uns. Auf sie wartet eine Fahrt mit einem Linienbus in die schwedische Provinz. Auffällig ist, dass hier weder Taxis noch private PKWs vorfahren. Die Schweden haben den Verkehr auf dem Flughafengelände offensichtlich gut im Griff. Müde erinnere ich mich an den Bereich vor dem Terminal 1 des Frankfurter Flughafens. Aufgrund des dort herrschenden Verkehrschaos fühlte man sich auf einen Flughafen in der dritten Welt versetzt. Unser Bus naht. Als einzige Fahrgäste können wir uns die Plätze aussuchen und nehmen ganz hinten Platz. Die Coolen sitzen schließlich immer hinten! Unterwegs schwankt der Bus erneut von einer Seite zur anderen. Das Schwanken gibt es in einer Intensität, für die andere Geld in Freizeitpark ausgeben würden. Der Busfahrer leistet sicher überirdisches um nicht die Gewalt über den Bus zu verlieren. Überraschenderweise überleben wir auch diese Fahrt und verschwinden mit einem Anflug von Seekrankheit sofort auf unser Hotelzimmer. Ein Besuch der Hotelbar kommt nicht in Frage. Die Müdigkeit ist greifbar und der morgige Zeitplan nicht ohne. Aiden am Morgen Tag 2 – Dienstag, 27.08.2024; N 59°36'42″ O 17°53'19″ Unsere erste Nacht in Schweden stand unter keinen glücklichen Stern. Oder besser: wohl direkt in der Einflugschneise. Möglicherweise hätte man beim Hotelbau etwas mehr in die Schallisolierung investieren sollen. Wir genossen jedenfalls recht unfreiwillig jedes Flugzeug, dass in der Nacht vorbeilärmte und war mal kein Flugzeug in der Nähe, so übernahm der Fabrikhallensummton die Hintergrundbeschallung. Übermüdet geht's unter die Dusche und dort kehrt allmählich das Leben in die müden Glieder zurück. Unmotiviert geht's ins Foyer zum Frühstück. Ein Kaffee ist nach solch einer Nacht eine lebensrettende Maßnahme. Also schnappe ich mir zwei Tassen und gehe auf die Suche nach dem beliebten Heißgetränk. Kaum entdeckt macht sich auch schon Ungläubigkeit in meinem Gesicht breit: Im Kaffeetrinkerland Nr. 4 weltweit gibt's Kaffee aus einer Pumpkanne? Echt jetzt? Was tut ihr uns an? Und es wird noch schlimmer. Der Pumpkannenkaffee schmeckt abgestanden, hart an der Grenze zu nicht mehr genießbar. Aber die bittere Brühe wirkt und macht munter. Das Angebot am Frühstücksbuffet ist nicht sonderlich umfangreich und wird ein Stück weit lieblos angeboten. Je eine Sorte Wurst und Käse verharren in hoch aufgeschichteten Bergen in einer Kühltheke. In einer Schüssel ist die Butter gerade auf dem Weg von weich zu flüssig. Der beigefügte Löffel macht also durchaus Sinn. Den Lichtblick am Frühstückbuffet stellt sicher das umfangreiche Angebot an Müslis dar. Aber genau damit kann ich gar nichts anfangen. Eine Servicekraft im schwarzen Hemd räumt die Tische ab und sorgt sich um das Buffet. Auf seinem Rücken prangt der Spruch: „ASK ME ANYTHING“. Und das dreimal übereinander in pinken Großbuchstaben. Armer Kerl. Aktuell belästigt ihn niemand. Das wird er zu schätzen wissen. Weil es die Zeit zulässt sitzen wir noch etwas länger und gönnen uns einen weiteren Kaffee. Die Pumpkanne wurde eben frisch aufgefüllt und der Kaffee schmeckt nun tatsächlich etwas besser. Wir nutzen das kostenlose WLAN und checken unsere Mails. Da der gesamte Reiseverlauf inklusive der Hotel-Reservierungen über das Smartphone verwaltet werden, erfolgt logischerweise auch die Kommunikation auf diesem Wege. Heute meldet sich das Hotel in welchem wir am Donnerstag übernachten wollen und teilt uns ein paar Informationen zu unserem Aufenthalt mit. Die Zukunft winkt uns zu. Es ist an der Zeit aufzubrechen. Biluthyrning Tag 2 – Dienstag, 27.08.2024; N 59°38'17″ E 17°56'26″ Das Auschecken dauert noch kürzer als das flotte Einchecken gestern Abend. Die beiden Schlüsselkarten und ein freundliches „Bye Bye“ wandern über die Theke und schon sind wir auf dem Weg zum Bus. Heute ist der Bus ordentlich gefüllt. Ich bleibe deshalb freiwillig bei unseren Koffern stehen. Unsere gestrigen Erfahrungen mit diesem Bus lassen leise Zweifel aufkommen ob wir das Gepäck sich selber überlassen können. Wer weiß, was passiert, wenn sich erstmal einer der Koffer auf den Weg macht und andere Fahrgäste belästigt oder gar tätlich angreift. Und tatsächlich habe ich während der Fahrt alle Mühe, die Koffer beisammen zu behalten. Wie geplant verlassen wir den Bus am Terminal 4 und schlendern hinüber zur Haltestelle 3, wo die beiden Flughafenshuttles P2-Beta und P3-Alpha üblicherweise abfahren. Es ist kurz nach 10 Uhr. Den Mietwagen haben wir für 11 Uhr bestellt. Bis dahin ist zwar noch viel Zeit. Aber was will man schon mit all dem Gepäck unternehmen? Also besteigen wir den nächste Shuttlebus der Linie „P2 Beta“ und fahren etwas früher als geplant zum „Biluthyrning“ - der Mietwagenstation. Kaum als fünf Minuten Fahrzeit später endet bereits unsere Fahrt mit dem Bus. An der Mietwagenstation steigen mit uns auch alle anderen Fahrgäste aus. Alle kennen nur ein Ziel: Ein weißes Holzgebäude, in dem solche Firmen ihren Sitz haben, die ihr Geld mit dem Verleihen von Autos verdienen. Wir treten mit Sack und Pack ein und sehen uns einigen Theken namhafter Autovermieter gegenüber. Jede der Theken ist aktuell dicht umlagert. Das Orange des Autovermieters Sixt ist schnell ausgemacht. Hier haben sich zwei kürzere Schlangen gebildet. Anderswo ist deutlich mehr los. Wir sind viel zu früh und entsprechend ohne Eile. Neben der Theke befindet sich ein Kaffeeautomat und lädt die wartende Kundschaft herzlichst ein sich hier zu bedienen. Doch auch wenn der Kaffee hier kostenlos sein dürfte, mein Organismus verträgt nicht noch mehr Koffein. Wie schauts mit Esther aus? Sie verneint. Wäre da nicht der ungemeine Drang an der Kaffeemaschine herumzuspielen. Die Knöpfe des Automaten wollen schließlich gedrückt werden. Bleib standhaft, Wusch! Kämpf dagegen an! Doch silberne Knöpfe an technischen Einrichtungen üben eine magische Anziehung aus und beinahe hätte ich diesen Kampf verloren. Genau im richtigen Moment schiebt mich Esther gegen meinen Willen an der Kaffeemaschine vorbei hin zur Theke. Wir sind nämlich an der Reihe. Der Sixt-Mitarbeiterin wird schnell klar, dass Esther die ihre Ansprechpartnerin ist. In unserer Ehe gibt es eine Fahrerin und einen Beifahrer. Jeder versteht den ihm zugewiesenen Job bestens. Esther fährt begnadet gut Auto und ich habe meine Stärken in der Navigation und bei der Auswahl des Reisesoundtracks. Diese Rollenverteilung macht uns zu einem perfekten Team. Von daher habe ich auch kein Problem jetzt einen Schritt zurück zu machen und Esther unsere Seite der Theke komplett zu überlassen. Ihr Englisch ist inzwischen recht brauchbar, so dass sie in dieser Situation mit minimaler Unterstützung durch ihren Beifahrer klarkommt. Das Thema Leihwagen gingen wir bereits im Dezember des vergangenen Jahres an. Sixt bot die besten Konditionen. Wir wählten eine Mercedes Benz A-Klasse oder besser: eine Mercedes Benz A-Klasse oder ein vergleichbares Modell. Die erste Ernüchterung folgte in der Bestätigungsmail der Buchung. Darin war die Rede von einem Kia XCeed (oder ein vergleichbares Modell). Und jetzt, Ende August 2024, reicht uns die Mitarbeiterin der Firma Sixt einen Autoschlüssel mit einem Ford-Emblem herüber. Kein Benz, kein Kia – ausgerechnet ein Ford! Vor rund zwanzig Jahren verabschiedete sich unser gerade erst gekaufter Ford Escort nach fünfzig gefahrenen Kilometern mit einem kapitalen Motorschaden. Der folgende Rechtsstreit mit dem Gebrauchtwagenhändler zog sich über ein Jahr. Wir erhielten unser Geld zurück und die Marke Ford war trotzdem bei uns unten durch. Mit diesem Trauma im Gepäck wollen wir nun knapp zweitausend Kilometer in einem kleinen weißen Ford Focus zurücklegen? Kann das überhaupt funktionieren? Nüchtern betrachtet überwiegt eher die Enttäuschung keinen Benz bekommen zu haben, als dass wir tatsächlich ein Problem mit dem Ford Focus draußen auf dem Parkplatz haben. Wir nehmen die also Herausforderung an und geben dem kleinen weißen Ford eine Chance. Gegen 10:30 Uhr verlassen wir das Gebäude und finden fünfzig Meter entfernt unseren schneeweißen Ford neben einem grauen Audi A3. Mit diesem würde unsere Unternehmung sicher auch Spaß machen. Eine Fahrzeugübergabe durch einem Sixt-Mitarbeiter findet nicht statt, was etwas oberflächlich von Seiten des Autoverleihers anmutet. Letztlich ist‘s eine Frage der Versicherung, der Selbstbeteiligung und viel skandinavischem Vertrauen. Dieses Vertrauen haben wir allerdings nicht und deshalb wird das Auto gründlich nach undokumentierten Beschädigungen untersucht. Dann aber konfrontieren wir das Gefährt mit dem Gepäck für die kommenden zehn Tage, erkunden das Infotainment- und Multimediasystem des Autos, setzen aus der Parklücke zurück und fahren in aller Gemütlichkeit dem Sonnenuntergang entgegen. In der Navigations-App meines Smartphones sind alle Routen der folgenden Tage gespeichert. Also wird dieses mit dem Autoradio verbunden. Wie von Zauberhand erscheint die Navigations-App nun auf dem Bildschirm vor uns. Dank dieser durchaus nützlichen Erfindung bin ich nun als Navigator arbeits- und Handy-los. Vor mir liegen nun Stunden und Tage des Nichtstuns, so wie ein Urlaub auch aussehen sollte. Aber will ich das wirklich? Esther hat ihren Spaß auf der Piste und ich male währenddessen Strichmännchen ans Beifahrerfenster? Um diesem grausamen Schicksal zu entgehen, werden die Routendaten kurzerhand auf Esthers Handy übertragen. Sie braucht während der Fahrt weder ihr Smartphone und erspart sich so auch noch meine Nörgelei. In all den Jahren zuvor ging es stets die Europastraße 4 in Schweden rauf und runter. Hier kommt man eben am schnellsten auf einer gut ausgebauten Europastraße voran. Von Land und Menschen bekommt man dabei jedoch recht wenig zu sehen. Genau das soll sich mit diesem Roadtrip ändern. Wir werden Europastraßen so weit wie möglich meiden, selbst wenn wir dann nur mit maximal achtzig Sachen vorankommen. So der Plan - und nun geht’s an die Umsetzung! Wir rollen vom Hof und drehen eine Extrarunde über den Fuhrpark, da an der Einfahrt Einbahnstraßenverkehr herrscht. Einzig die Shuttlebusse dürfen an der Einfahrt auch wieder ausfahren. Schaut auf den ersten Blick kompliziert aus, funktioniert aber. Und auf einmal sind wir unterwegs.   Västmanland Anundshög Tag 2 – Dienstag, 27.08.2024; N 59°37'49″ O 16°38'46″ Hoch lebe der Kreisverkehr! Hinweg mit Kreuzungen und Abzweigungen! Auf den ersten Kilometern wechselt sich ein Kreisverkehr nach dem anderen ab. Wir befinden uns in Märsta. Die Stadt lebt von der Nähe zum Flughafen Stockholm-Arlanda. Moderne Einkaufszentren und mittelständische Industriegebiete begleiten uns ein Stück auf dem Länsväg 263. Kurz darauf wird es ländlicher, die Kreisverkehre nehmen ab und stattdessen wechseln sich nun Blitzer in einer völlig wahnsinnigen Häufigkeit ab. Dank des Navis sind wir stets bestens im Bilde, auch wenn dessen akustische Warnung mit einem recht unspektakulären Signalton erfolgt, der meist ungehört verhallt. Wir wären wohl geliefert, wenn der Beifahrer nicht wie ein Fuchs auf die „Hastigkeitskontrollen“ achten würde. Warum befinden sich die Blitzer überwiegend auf unserer Seite? Was ist anders am Gegenverkehr, dass dieser nicht überwacht werden muss? Meine Theorie: Der Gegenverkehr auf dieser Straße ist in Richtung Stockholm unterwegs. Der Verzicht auf Blitzer auf der anderen Straßenseite ist eine besonders höfliche Form der Gastfreundschaft. Und jene, die die Frechheit besitzen, Stockholm über diese Straße wieder zu verlassen, sorgen eben dafür, dass beim Ordnungsamt in Märsta der Rubel rollt. Eine friedliche Autofahrt funktioniert nur mit einer anständigen musikalischen Untermalung. So jedenfalls beschreibt es das „1. Gesetz für friedliche Koexistenz während der Autofahrt“, welches vom legendären Dr. Emmett Brown einst zu Papier gebracht wurde, noch bevor er in seinem DeLorean die Zeit durcheinanderbrachte Früher beschränkte sich das Musikangebot während der Reise durch Schweden auf ein paar durchaus hörenswerte schwedische UKW-Sender. Einige Schwedenreisende werden sich zusätzlich ein Arsenal an Audio-CDs zugelegt haben und sind damit dem oben genannten 1. Gesetz nachgekommen. Doch seit einigen Jahren ist alles anders. Heute kann man eigentlich immer und überall das hören, wonach einem gerade ist. Dank eines (beinahe) flächendeckenden Mobilfunknetzes in Schweden können wir unsere Lieblingssender nämlich per Internet-Stream genießen. Doch das macht es nicht unbedingt einfacher, da man nun mit einer schier unbegrenzten Auswahl erschlagen wird. Welcher Internet-Stream bekommt also die Ehre für den nötigen Schwung an Bord zu sorgen? Der Gegenverkehr auf dem Länsväg 263 nimmt mit jedem Kilometer ab, den wir zwischen uns und den Hauptstadtflughafen bringen. Das ändert sich erst kurz vor Enköping mit der Auffahrt auf die Europastraße 18 in Richtung Oslo. Die E18 schaut einer Autobahn schon sehr ähnlich, doch sollte man nicht ganz so bedenkenlos mit dem Gaspedal spielen: die Strafen für Geschwindigkeitsüberschreitungen in Schweden tun dem eigenen Geldbeutel richtig weh. Enköping liegt schnell hinter uns. Es geht erst einmal nur westwärts voran. Wir wechseln kurz darauf die Provinz Uppland durch die Provinz Västmanland und selbst diese werden wir heute noch komplett durchqueren. Klingt fast wie eine Weltreise. Der Blick auf die Karte zeigt, dass die Europastraße 18 derzeit parallel zum drittgrößten See Schwedens, dem Mälaren, verläuft. Dieser See schaut von oben, also in der Kartenansicht, wie ein weit ins Land reichender Fjord aus und war vor langer Zeit tatsächlich mit der Ostsee verbunden. Wirklich zu sehen bekommen wir den See eigentlich nicht. Der Mälaren hat seine Spuren in der Landschaft in Form vieler kleiner Schluchten hinterlassen. Spuren, die den Baumeistern dieser Autobahn einiges abverlangt haben dürften. Immer wieder begegnen uns breite in den Felsen gesprengte Schneisen. Dynamit und Kreativität schließen sich halt nicht zwangsläufig aus. Meint auch Billy Idol, der mit seinem „Flash for Fantasy“ einen gelungenen Beitrag zum heutigen Roadtrip-Soundtrack liefert. Die nächst größere Stadt an der E18 heißt Västerås. Doch noch bevor wir diese erreichen, verlassen wir die Europastraße, um zwei Kilometer später das Auto auf einem kleinen Parkplatz abzustellen. Das erste große Etappenziel „Anundshög“ ist erreicht. In Anundshög befindet sich ein etwa eintausend Jahre altes Gräberfeld mit einigen Grabhügeln von beachtlicher Größe. Derart große Hügel werden in Schweden Kungshögen - Königshügel genannt. In trauter Nachbarschaft zu den Hügelgräbern befinden sich mehrere Schiffssetzungen aus zum Teil übermannshohen Findlingen. Da die Schiffe der Nordmänner auch über einen Mast verfügten, befindet sich in der Mitte der in Länge und Breite maßstabsgetreuen Schiffes ein Maststein. Und unter diesem befindet sich das eigentliche Grab. Hier am Anundshög stehen aktuell vier Schiffssetzungen, das längste mit immerhin 55 Metern Länge. Ein fünftes Schiff ruht noch in der Erde. Die vor einigen Jahrhunderten im religiösen Eifer umgestoßenen Steine sind bereits mit Stäben markiert und sollen eines Tages wieder aufgestellt werden. Der etwa neun Meter hohe Kungshögen hat einen Durchmesser vom über sechzig Metern und ist gemäß den Informationen auf den Schildern vor Ort (sowie dem Eintrag auf Wikipedia) der größte Grabhügel Schwedens. In ihm soll sich das Grab des legendären Königs Bröt-Anund befinden. Damit erklärt sich auch der Name Anunds Hügel, also Anundshög. Weitere zehn kleinere Grabhügel mit immer noch recht beachtlichen Abmessungen befinden sich ebenfalls auf dem Areal. Am Rande das Gräberfeldes befindet sich ein sehr gut erhaltener Runenstein, der ebenfalls den Namen Anund enthält. Der Runenstein befindet sich in einer Reihe weiterer Steinsetzungen, die den Verlauf des Königsweges hier vor Ort anzeigt. Laut mittelalterlichem Gesetz musste ein neu gewählter König eine Krönungsreise auf dem Königsweg - die so genannte Eriksgata - durch alle Provinzen unternehmen und sich von den Regionalfürsten huldigen bzw. bestätigen lassen. Vollständigkeitshalber sei erwähnt, dass die Wahl des Königs am Stein von Mora, südöstlich von Uppsala stattfand. Fragmente des Steins von Mora und anderer Steine der mittelalterlichen Königswahl kann man heute unweit der Europastraße 4 in einer sehr provisorischen Behausung besichtigen. Das Gelände lädt zum Umherstreifen ein. Wir fühlen uns eingeladen und kommen dem direkt nach. Wann kommt man einer soweit entfernten Vergangenheit so nah? Und besser noch: niemanden stört, es wenn man Jahrhunderte alte Zeitzeugen anfasst und sich so von der Authenzität selbst überzeugt. Der große Königshügel kann über eine Treppe erstiegen werden. Klar, dass wir auch diese Möglichkeit beim Schopfe ergreifen. Von hier oben hat man einen beeindruckenden Blick auf die anderen Grabhügel und Schiffsetzungen. Genau genommen befinden wir uns gerade auf einen tausend Jahre alten Friedhof. Von Ehrfurcht gegenüber den hier Begrabenen ist jedoch wenig zu spüren. Man fühlt sich eher wie ein Grabräuber, der der Faszination dieses Ortes erlegen ist - eine Art Indiana Jones für Arme sozusagen. Natürlich komme ich der Chronistenpflicht nach und fotografiere jeden Hügel und erstelle Panoramen der Schiffssetzungen. Dabei entsteht sogar ein kurzes Video von Schildmaid Esther, wie sie mit geschultertem Schwert bzw. Fotostativ durch die hohen Findlinge streift. Auch das wirkt beinahe authentisch. Esther ist es auch, die einen Blick in die Geocaching-App wirft und einen in der Nähe versteckten GeoCache ausmacht. Also geht's nun auf die Suche nach einer kleinen Dose mit einem noch kleineren Logbuch. Unsere Suche dauert nicht lange, dann können wir uns ins Logbuch eintragen. Beim Verlassen des Gräberfeldes treffen wir auf ein kleines Labyrinth von etwa drei Metern Durchmesser in Form eines Baumes. Hunderte, vielleicht sogar tausend faustgroße Steine formen ein Labyrinthes, welche man auch Trojaburg nennt. Während dieses Labyrinth hier nur die Nachbildung einer Trojaburg darstellt, so befindet sich in etwa einem Kilometer Entfernung die älteste Trojaburg Schwedens, das „Labyrinth von Tibble“, welches über zweitausend Jahre alt sein soll. Der Sinn und Zweck solcher Gebilde ist über die Zeit verloren gegangen. Da sich derartige Labyrinthe meist in der Nähe zu ebenso alten Begräbnisorten befinden, ist eine Beziehung recht wahrscheinlich. Neben dem Gräberfeld hier am Anaudshög befindet sich mit dem „Hornåsens gravfält“ ein etwa zweitausend Jahre altes und damit zur Trojaburg zeitlich passendes steinzeitliches Gräberfeld keine fünfzehn Kilometer von hier entfernt. Aber Asche auf mein Haupt, diese Informationen fand ich erst bei späteren Recherchen heraus. Und deshalb haben wir uns weder das „Labyrinth von Tibble“ noch das „Hornåsens gravfält“ ansehen können. Ein Jammer eigentlich… Auf dem Weg zurück zum Auto wagen wir einen Abstecher zum Café am Parkplatz. Hier gibt es neben Kaffee und Kuchen einige teure Kunstgewerbeartikel, aber nicht den üblichen Touristenkram. Auf einen Magneten für unseren Kühlschrank müssen wir diesmal verzichten. Die Gegend um den Anundshög hätte ein längeres Verweilen durchaus verdient, zumal die Gegend, wie schon erwähnt, nur so vor historischen Sehenswürdigkeiten strotzt. Doch wir müssen weiter. Ein Viertel des Weges bis zum Tagesziel Mora ist erst zurückgelegt. Vor uns liegt immer noch eine gewaltige Strecke, für die wir mindestens drei Stunden Fahrzeit benötigen. Ein weiterer Stopp ist noch eingeplant und wird uns weitere Zeit kosten. Also schwingen wir uns gegen 12:30 Uhr in den Ford. Das Navi erhält die nächsten Zielangaben und errechnet die weitere Route. Und Esther? Sie weiß Dank Navi nun, wo es lang geht.   Dalarna Dalahästen Tag 2 – Dienstag, 27.08.2024; N 60°09'08″ E 16°12'01″ Das Navi hat seinen Kopf für sich und denkt nicht daran uns die zwei Kilometer zur E18 zurückzuleiten. Gut, unmittelbar hinter Västerås hätten wir die Europastraße ohnehin verlassen. In unserem Fall geleitet uns die Navigationstechnik entlang der äußeren Stadtbereiche von Västerås und führt uns auf den Reichsweg (Ryksväg) 56. Ehe wir uns versehen sind wir auch schon aus Västerås heraus und finden uns in einer recht unscheinbaren langweiligen Gegend wieder. Starker Bewuchs von Büschen und niedrigen Bäumen auf beiden Seiten der Straße verhindern jegliche Aussicht. Das tieftraurige „Nothing compares 2U“ von Sinaed O’Connor macht es kaum erträglicher. Der Gegenverkehr meldet Fehlanzeige. Nur Asphalt, Birkengebüsch und blauer Himmel. Ansonsten wirkt die Region wie ausgestorben. Die ganze Situation hat einen Touch von Endzeitstimmung. Wir allein in der skandinavischen Weite unterwegs, stets auf der Suche nach Benzin, Wärme und Geborgenheit. Stets auf der Flucht vor Zombies, militanten Umweltschützern (Greta kommt aus Schweden!) und Donald Trump. Oh, nein! Im August 2024 ist die Welt noch in Ordnung. Gottverlassene Gegenden haben halt auch irgendwo ihren Reiz, auch wenn wir gerade wirklich nicht wissen, worin der bestehen soll. Die Furcht vor den legendär hohen Bußgeldern hindert uns jedoch daran diese trostlose Landschaft mit Maximalgeschwindigkeit zu durchqueren. Vierzig Kilometer später biegen wir auf den Reichsweg 70 ab und werden dabei großzügig um die Stadt Sala herumgeleitet, so dass wir von diesem Ort nicht viel zu sehen bekommen. Sala war einstmals für seine reichen Silberminen bekannt. Heute befindet sich in Sala ein Museum über den längst eingestellten Silberbergbau. Der eine oder andere Wegweiser auf unserer Route weist auf die örtlichen Sehenswürdigkeiten hin, doch wir rollen mit der erlaubten Höchstgeschwindigkeit in nordwestlicher Richtung weiter. Die Laune im Auto ist nach wie vor gut. Esther wippt unmerklich zu „La isla bonita“ von Madonna mit. Ich schaue mir das nicht endende Buschwerk auf meiner Straßenseite an. Vielleicht kann diese Art der Langeweile auch Meditativ sein. Finden wir's heraus. Völlig unbemerkt überqueren wir die Grenze zur Provinz Dalarna. Kein Hinweisschild, kein Empfangskomitee und auch kein Feuerwelt. Die Eintönigkeit rechts und links der Straße bleibt uns weiterhin erhalten. Nur die Musik ändert sich. Etwa vierzig Kilometer hinter Sala erreichen wir gegen 13:30 Uhr unser nächstes Ziel, die Stadt Avesta und haben damit etwa die Hälfte der heutigen Tour gemeistert. Hier in Avesta befindet sich das größte Dalarna-Pferd(chen) der Welt, Dalahästen genannt. Es ist etwa 12 Meter hoch und besteht aus Beton. Um die Höhe noch etwas mehr zu verdeutlichen, wurde neben dem Betonpferd eine Stabhochsprunganlage aufgebaut. Die Latte liegt auf der Weltrekordhöhe von 6,26 Metern, die der Schwede Armand Duplantis vor zwei Tagen übersprungen hat. Sein alter Weltrekord von 6,25 m, aufgestellt bei den diesjährigen Olympischen Spielen in Paris, ist auf der Rückseite vermerkt. Die Handys werden gezückt und einige Fotos mit ganz besonders künstlerischem Wert geschossen. Halt jene Art von Fotos, die üblicherweise bei Motiven wie einem zwölf Meter hohen Betonpferd entstehen. Schnell wird klar, dass wir mit diesem Fotomotiv etwas überfordert sind. Während gewiefte Fotoinfluenzer sich hier strecken, verrenken oder auch ganz klein machen, nur um das Maximale aus dieser Fotolocation zu holen, fällt uns reichlich wenig ein. Pferd zu hoch? Esther zu klein? Zuviel Beton? Der Besuch eines Volkshochschulkurses zum Thema „Selfiefotografie für Anfänger und Senioren“ sollte in keiner Vorbereitung jedes Schwedenurlaubs fehlen. Die Enttäuschung sitzt tief, aber Gott sei Dank nicht tief genug. Denn kaum hundert Meter entfernt befindet sich ein W:llys, ein Supermarkt, der uns sicher schnell auf andere Gedanken kommen lässt. Frust-Shopping ist angesagt! Kaum haben wir den Markt betreten, schlägt die gute alte Schweden Nostalgie wie eine Welle über uns zusammen. Ich sag es mal so: Hier ist alles anders! Das stimmt wahrscheinlich nicht. Aber in unserer Situation möchte man das genauso empfinden und die gut gefüllten Regale geben uns recht. Kaum eine uns bekannte Marke ist darunter. Und das ist auch ganz gut so. Wir kaufen wie selbstverständlich ein großes Stück Käse und hoffen in unserer Unterkunft in Mora einen Käsehobel vorzufinden. Schweden ohne Käse funktioniert nicht! Esther sucht sich ein paar Dosen Cider aus. Für mich gibt's Leichtbier. Zur Sicherheit besorgen wir uns ein paar Trinkgefäße. Aus Dosen lässt es sich schließlich schlecht trinken und wer weiß ob es im Hotel Gläser gibt. An der Kasse bestätigt sich Esthers Vermutung, dass der Einkauf stets etwas teurer ist, wenn ich dabei bin. Dabei schiebe ich doch nur den Einkaufswagen. Klar lege ich hier und da noch etwas dazu. Aber nur, weil ich es kann. Und weil haben besser ist als brauchen. Mit dem Einkauf geht's zurück auf den Parkplatz, an welchen sich auch ein bekanntes Fastfood-Restaurant angesiedelt hat. Wir essen im Burger King eine Kleinigkeit und schauen uns im Fastfood-Restaurant ein wenig um. In der Gegend scheinen Jugendliche zu Feuerwehrleuten ausgebildet zu werden. Die Ausbildung hat gerade Pause und die angehenden Brandbekämpfer schlagen sich mit bestem amerikanischem Fastfood die Mägen voll. Natürlich recht lautstark, so wie es die heutige Jugend so an sich hat. Zu unserer Jugendzeit war noch alles anders. Anstand und gutes Benehmen wurde uns bereits mit in die Wiege gelegt. Wir essen auf und machen uns wieder auf den Weg. Dieser Stopp hat uns einiges an Zeit gekostet. Weitere zwei Stunden Fahrzeit warten auf noch uns - falls wir nicht mit weiteren Pausen unsere Ankunftszeit noch weiter hinauszögern. Das Navi bekommt jetzt mit dem Prinsgården B&B Hotel in Mora unser heutiges Tagesziel eingegeben. Rein aus Neugierde wechseln wir die Navigationsapp und lassen uns statt von Google Maps nun von Apple Karten den Weg weisen. Siehe da, die allzeit bedrohlichen Blitzer werden nun nicht nur mit einem Warnton angekündigt, nein, die Navi-App spricht mit sogar uns. Das ist auch gut so, denn mittlerweile lauern diese hinterhältigen Geschwindigkeitsmesser mit Fotofunktion hinter jeder Kurve. Die Blitzer werden zwar stets mit einem Warnschild angekündigt. Doch sollten wir eines dieser Warnschilder übersehen gibt es immer noch diese App. Da kann ja nichts schief gehen. Die Landschaft ist wieder abwechslungsreicher geworden. Es wird bergiger. Wir fahren an vielen Seen vorbei und überqueren mehrfach den Dalälven, einen der großen Flüsse Mittelschwedens. Nach Wikipedia ist der Dalälven sogar der längste ins Meer mündende Fluss Schwedens. Die Ortschaften entlang unserer Route bestehen fast ausnahmslos aus den typischen rot gestrichenen Holzhäuschen. Besonders die vielen alten roten Scheunen wirken sehr eindrucksvoll. In Hedemora, der ältesten Stadt Dalarnas, verlassen wir den Riksväg 70 und wechseln auf den Riksväg 69, um dann kurz vor Falun auf die Europastraße 16 zu fahren. Wir erreichen gegen 16 Uhr die Stadt Falun, die berühmt für ihre Kupferbergwerke ist. Es gibt ein Museum zum Kupferbergbau, man kann das Bergwerk und die Kupfermine besichtigen. Falun ist die zweitgrößte Stadt und zugleich Provinzhauptstadt der Provinz Dalarna. Mit einer weithin sichtbaren Skisprungschanze habe ich jedoch nicht gerechnet. Diese Stadt ist ein Mekka für Wintersportler. In den Jahren 1988 und 1992 bewarb man sich hier zweimal erfolglos um die Ausrichtung der Olympischen Spiele. Seitdem wurde es in sportlicher Hinsicht ruhiger um Falun. Die letzten Weltcup-Veranstaltungen, nämlich die der Nordischen Kombinierer, fanden 2002, also vor über zwanzig Jahren, statt. Seitdem gibt es nur noch zweitklassige internationale Wettkämpfe in Falun. Zu Zeiten globaler Klimaveränderungen und häufigeren Schneemangels in den Alpen könnte Falun möglicherweise bald wieder als Standort für hochklassige Wintersportereignisse dienen. Der Verkehr hat merklich zugenommen, was im Bereich einer größeren Stadt normal ist. Inzwischen haben wir aufgepasst, mitgezählt und nachgerechnet. Hier wartet in der Tat alle 5 km ein Blitzer auf zu schnell fahrende Opfer. Da stellt sich die Frage über die Wirtschaftlichkeit dieser Geräte. Oder rechtfertigt das Ziel, eines Tages keine Verkehrstoten beklagen zu müssen, ein solches Projekt. Zumal nur wenige der Blitzer tatsächlich scharf sind. Leute mit Geschwindigkeit im Blut könnten es beim Rasen einfach darauf anlegen. Die Chance steht etwa 50:50 – ist der Blitzer scharf oder nicht? Oder man belässt es beim vorgegebenen Tempo und hilft dem schwedischen Staat beim ausgegebenen Ziel mit null Verkehrstoten. Drei Viertel der heutigen Strecke sind nun zurückgelegt. Pausen sind nicht mehr geplant, aber als wir die Stadt beinahe verlassen haben, überqueren wir eine kleine Brücke, von der man einen sensationellen Blick auf einen Seen bekommt. Die Aussicht auf den Varpan, so der Name des Sees, ist derart faszinierend, dass ich die Karte „Bitte dreh um, ich muss das da unbedingt fotografieren!“ spiele. Esther biegt rechts in die nächste Seitenstraße ab und sucht angestrengt eine Parkmöglichkeit. Erfolglos wendet sie nach zwei- oder dreihundert Metern und hält dann auf der gegenüberliegenden Straßenseite in einer Bushaltebucht. Ich jogge los und mache meine Fotos. Dann geht's im Laufschritt zurück zum Auto. Vom Joggen bleibt mir gehörig die Puste weg. Ich bin halt keine zwanzig mehr. Ein Sauerstoffzelt könnte helfen, doch Esther ist unerbittlich, setzt einfach den Blinker und kurz darauf haben wir Falun auf dem Riksväg 69 verlassen. Wenige Kilometer hinter Falun fahren wir auf ein Stauende auf. Stau in der schwedischen Provinz? So etwas ist unmöglich. Oder etwa doch? Es geht jedenfalls nur noch im Schritttempo voran und als wir durch eine langgezogene Kurve fahren, ist die Sicht zum vorderen Stauende möglich. Dort entdecke ich einen LKW, dessen hinteres Ende komplett von einer mindestens 2 x 2 Meter großen LED-Wand verdeckt wird. Den Text darauf kann man aus der Ferne unmöglich lesen, aber das Baustellenzeichen darauf erkennt man deutlich. So kommen wir dem Grund für die Verzögerung langsam, sehr langsam auf die Spur. Vor dem LKW mit dem Baustellen-LED-Schild fährt ein weiterer Lastkraftwagen mit einem großen Tank auf der Ladefläche. Beide Fahrzeuge kommen nur langsam voran und sorgen dadurch für den Rückstau. Das Problem ist also erkannt, doch Möglichkeiten zum Überholen wollen sich nicht bieten. Auf der Gegenspur kommen uns seit einiger Zeit pausenlos Fahrzeuge entgegen und lassen uns diese Situation mehr und mehr ausweglos erscheinen. Es geht kaum voran. Der Zufall will es, dass gerade jetzt aus den Lautsprechern irgendwelche depressive Töne einer zutiefst traurigen Band ertönen. Kaum auszuhalten! Doch Wunder geschehen immer wieder: Nach einer langgezogenen Linkskurve bietet sich ein ausgezeichneter Blick am Hindernis vorbei. Die Straße führt nun paar Kilometer wie am Reißbrett gezogen geradeaus. Und der Gegenverkehr? Fehlanzeige! The Cure und deren „Lullaby“ ist vorbei und Esthers Fuß hat das Gaspedal wiedergefunden. Während wir am Überholen sind, entdecke ich den Grund für das langsame Fahren der beiden LKWs. Das vordere Fahrzeug sprüht den rechten Fahrbahnrand ab. Ja, die Schweden sind offensichtlich sehr reinlich, wenn sie hier im Wald den Seitenstreifen reinigen. Oder wird die Straße mit irgendeinem Unkrautgift gegen eine Birkeninvasion geschützt? Wir werden es wohl nie erfahren Mora Tag 2 – Dienstag, 27.08.2024; N 61°00'37″ O 14°34'48″ Gegen 17 Uhr erreichen wir zum zweiten Mal an diesem Tag den Reichsweg 70. Und nun rollen wir in eine enorm große und dennoch nur auf der Karte und dazu mit etwas Fantasie erkennbare Sehenswürdigkeit. Wir haben nämlich den Rand des Einschlagkraters eines Asteroiden erreicht, der vor rund 370 Millionen Jahren in Skandinavien einschlug. Bis heute ist dieser Krater mit seinen 55 Kilometern Durchmesser der größte noch sichtbare Asteriodeneinschlag in Europa. Hier auf der Straße bring das ganze nerdige Wissen reichlich wenig. Von der Straße kann man bestenfalls Teile des Kraters erahnen. Man sieht nun den Siljan, den See, der mit einem weiten Bogen einen Teil des Kraters beschreibt. Dahinter wird es deutlich bergiger, während es im Inneren des ehemaligen Kraters heute mehr oder weniger flach ist. Das kleine Städtchen Rättvik am Ostufer des Siljan-Sees schaut recht nett und ziemlich verlassen aus. Während der Saison ist hier sicher einiges mehr los als heute. Wir rollen durch die gefühlt menschenleere Ortschaft, folgen einem einzelnen Auto und hoffen nun bald an unserem Ziel anzukommen. Am Nordwestufer des Siljan befindet sich bereits Mora. Wir müssen also noch um den halben See herumfahren. Das Navi zeigt verbleibende 35 Kilometer an, die wir in etwa einer halben Stunde schaffen sollten. Apples Karten-App macht bis Mora eigentlich alles richtig. Doch dann empfiehlt unser kleiner Freund und Helfer an einer Stelle links abzubiegen, an der das gar nicht erlaubt ist. Wir sind deutsche Touristen ohne jede Spur von Ortkenntnis und einem gottgegebenen Vertrauen in Navigationsgeräte. Da können die Schweden zehnmal ein Schild aufstellen, dass hier linksabbiegen nicht erlaubt ist. Wenn das Navi sagt, dass es hier linksherum geht, fahren wir nach links! Vielleicht ist das etwas viel Vertrauen in eine Navigations-App amerikanischer Bauart, die weitab der kalifornischen Heimat erst einmal mit den schwedischen Gegebenheiten klarkommen muss. Esther kümmert das herzlich wenig. Sie zwingt den Ford in eine nicht für möglich gehaltene Linkskurve und verlässt die Reichsstraße 70 in eine kleine Seitengasse. Gegen 18 Uhr erreichen wir endlich das „Prinsgården Bed & Breakfast Hotel“ – unserer Bleibe für die nächsten zwei Tage. Wir fahren eine Einfahrt hinauf und bleiben neben einem typischen Blockhaus „Made in Sweden“ stehen. Der Parkplatz ist leer und so hat Esther genügend Platz zum Einparken. Nun hat sie endlich Feierabend. Oder auch nicht – aber ich will nicht vorausgreifen. Wir sind also endlich angekommen. Ein leerer Parkplatz und ein menschenleeres Objekt begrüßen uns. Es gibt keine Hotelrezeption und auch sonst keine Möglichkeit sich vor Ort anzumelden. Per Mail haben wir jedoch bereits alle nötigen Informationen für unseren Aufenthalt erhalten, etwa zum Öffnen der Türen oder welches denn nun unser Zimmer ist. Und der Rest wird sich schon zeigen. Das Prinsgården Bed & Breakfast Hotel besteht aus dem bereits erwähnten braunen zweistöckigen Haupthaus und zwei deutlich kleineren Häusern auf der anderen Seite des Parkplatzes. Das alte Blockhaus wirkt sehr nostalgisch mit dem Treppenaufgang, einer Veranda vor und einer Terrasse hinter dem Haus. Die Haustür steht weit offen, also brauchen wir fürs erste keinen Zugangscode. Der Schlüssel zu unserem Zimmer mit der Nummer 12 steckt auch schon in der Tür. Ich drücke die Klinke herunter und die Tür öffnet sich. Wir betreten das Zimmer und stehen in einem Raum, der den Charme längst vergangener Zeiten in die Gegenwart gerettet hat. Viel Platz ist nicht. Im etwa 12 qm großen Raum steht ein Doppelbett aus Metall, welches trotz seines antiken Aussehens kaum zehn Jahre auf dem Buckel haben dürfte. Dazu gesellt sich ein kleiner Tisch mit zwei Stühlen und ein alter Sessel. Über dem Tisch ist in Kopfhöhe ein alter Fernseher mit einem zum Zimmer passenden kleinen Bildschirm installiert. Die Tapete wirkt nostalgisch, aber ich tippe darauf, dass die Wände erst vor kurzem tapeziert wurden. Sämtliche Stromleitungen verlaufen auf und nicht in der Wand. Das erleichtert uns die Suche nach einer Steckdose zum Aufladen unserer mobilen Technik. Ein kleines Seitenzimmer mit einer Fläche von höchstens einem Quadratmeter beinhaltet ein Waschbecken. Mehr passt gar nicht hinein. Die Tapete löst sich teilweise von der Wand, was in Kürze eine Renovierung nach sich ziehen wird. Mehr als Zähneputzen ist in diesem Raum nicht möglich. Gegenüber des Waschräumchens befindet sich ein kleiner Wandschrank mit Kleiderbügeln. Unsere Koffer bekommen wir darin nicht untergebracht, so dass uns die Dinger im engen Zimmer wohl stets im Weg stehen werden. Was mich zutiefst fasziniert sind die nach außen zu öffnendem Fenster. Zwar hatte eine Scheibe des Fensters zum Parkplatz hin einen Sprung, aber hey, da steckst Du halt nicht drin. Ein kleines Steinchen wird vom darüber rollenden Reifen auf die Reise geschickt und Dank der allmächtigen Physik endet es mit zerstörerischer Wucht an der Außenscheibe. Es macht kurz knack und der Schaden ist da. Die Fenster sind vierfach verglast und kommen mit einem Minimum an Technik aus. Drehgriffe oder Vorrichtungen zum Anklappen der Fensterflügel sucht man nämlich vergebens. Mit einer (schwer zu beschreibenden) Einhakvorrichtung öffnet und schließt man das Fenster. Um das Fenster nur einen Spalt weit offenzuhalten, gibt es einen Haken am Rahmen und die zugehörige Öse am Fensterflügel. Schlicht und einfach. Und funktioniert. Nachdem wir nun unser Zimmer hinlänglich in Augenschein genommen haben, schauen wir uns die Küche etwas genauer an. Der erste Eindruck: Sie könnte aufgeräumter sein. Frühstücken kann man laut Beschreibung hier in der Küche. Diese ist jedoch eher Durchgangsraum zur Terrasse, als ein Zimmer, in dem man sich lange aufhalten kann. Sitzmöglichkeiten gibt es in der Küche keine. Wenn also frühstücken, dann nur im Stehen. Als Alternative könnten wir auch im Zimmer oder auf der Terrasse frühstücken. Aber hey, dazu das finden wir zu gegebener Zeit schon noch heraus. Eine weitere Küche befindet sich im Keller. Diese ist wesentlich geräumiger und bietet den Platz, auch dort zu frühstücken. Kommen wir zur großen Überraschung: Hier gibt es ausschließlich Gemeinschaftstoiletten und -duschen. Eine enge Toilette befindet sich auf unserer Etage und zwei Duschen mit WC im Keller. Da habe ich offensichtlich beim Buchen nicht darauf geachtet. Denn eigentlich sind Gemeinschaftstoiletten von je her ein absolutes No Go für uns. Männern macht es möglicherweise wenig bis nichts aus, sich mit anderen die Dusche oder die Toilette zu teilen. Aber für Esther ist so etwas ein Kulturschock. Da aber das Zimmer längst bezahlt und eine Stornierung kaum mehr möglich ist, denken wir nicht darüber nach, uns um eine andere Bleibe umzusehen. Die Sommersaison ist schließlich vorbei, da besteht Hoffnung, dass wir die einzigen Gäste in diesem Hotel sind und uns niemand beim Toilettengang stören wird. Es scheint wohl so, als müssten wir in diesem Urlaub unsere Komfortzone hier und da verlassen. Man denke dabei auch an unsere nächste Unterkunft mit dem Etagenbett. Es wird sicher recht herausfordernd meine Frau die nächsten Tage halbwegs bei Laune zu halten. Als ich mich auf den Weg in den Keller begebe, folgt mir auf der engen Kellertreppe ein Mann, etwa vierzig und ganz offensichtlich der Besitzer oder Verwalter des Hotels. Im recht stockenden Gespräch kann ich nicht sonderlich mit Englischkenntnissen punkten. Der junge Mann ist auf jeden Fall unser Gastgeber. Viel Smalltalk kommt nicht zustande, aber wenigstens entlocke ich ihm einige Tipps zu Mora. Esther sitzt zur gleichen Zeit im Zimmer, blättert durch einen Ordner, in dem neben einigen Tipps zum Aufenthalt in Mora auch die Hausregeln abgeheftet sind. Der Frust über die Gemeinschaftstoiletten ist ihr anzumerken. Merklich angespannt teilt sie mir mit, dass bei der Abreise das das Zimmer gesaugt und gewischt übergeben werden soll. Auch das noch! Es wird zwar ein Reinigungsservice im für umgerechnet 30 Euro angeboten, aber aus Unkenntnis haben wir diesen nicht gebucht. Also überlegen wir hin und her, wie wir mit der Situation umgehen sollen. Und stellen dann fest, dass die eigentliche Ursache für die zunehmenden Bauchschmerzen einzig und allein darin besteht, dass es längst Zeit für das Abendessen ist. Wir beziehen die Betten, räumen das Auto aus und suchen unser Heil in der Flucht. Morastrand Tag 2 – Dienstag, 27.08.2024; N 61°00'17″ O 14°32'18″ Morastrand ist der Name des Zentrums der Stadt Mora und war vormals ein eigenständiger Ort. Dort tobt das öffentliche Leben und genau dorthin sind wir nun unterwegs. Das Navi geleitet uns auf einem großen Parkplatz, welcher nur eine Querstraße von der Flaniermeile von Mora entfernt ist. Kostenlos parken ist so nah am Schmelztiegel der Stadt nicht möglich. Mora lebt zu einem großen Teil vom Tourismus, was die hohe Anzahl von Hotels in und rund um Mora beweist. Da gibt es nichts umsonst, schon gar keine Parkplätze. Parkscheinautomaten sind mangels Bargelds in Schweden längst out. Das Parken wird hier per App bezahlt. So etwas ist nichts neues. Selbst im digital unterbelichteten Deutschland gibt es längst Apps für die kostenpflichtige Benutzung innerstädtischer Parkplätze. Wenn so eine App erst einmal richtig eingerichtet ist, lässt sie sich auch leicht bedienen. Und einen gewaltigen Vorteil bringt diese Art des Bezahlens zudem mit sich: Man spart aufgrund der sekundengenauen Abrechnung Geld. Die Parkgebühren zur guten alten Parkautomatenzeit mussten schließlich stets im Vorfeld bezahlt werden. Wie oft hat man zur Sicherheit eine halbe Stunde oder mehr draufgezahlt. Doch wie schon erwähnt muss eine solche App erst einmal richtig eingerichtet sein. Mit einer Parkplatzbezahl-App kommt man zudem nicht sehr weit, da es von Region zu Region verschiedene Anbieter solcher Apps gibt. Die für die öffentlichen Parkplätze in Mora zu verwendende App gibt es ausschließlich in schwedischer Sprache. Was gibt es Aufregenderes als ein Programm einzurichten, ohne ein Wort der verwendeten Sprache zu verstehen? Also versuchen wir uns zu helfen so gut es nur geht. Einer fotografiert den Bildschirm vom Handy des anderen. Es geht hin und her, dabei wird diskutiert und geflucht. Doch Dank des Fotoübersetzers von Google bekommen wir das schier Unmögliche tatsächlich hin und bekommen ein Nutzerprofil mit allen nötigen Bezahlinfos eingerichtet. Ob die wenigen Passanten irgendeine Ahnung haben, was wir hier auf dem Parkplatz minutenlang mit unseren Handys treiben? Outen wir uns gerade als ausländische Touristen? Ach egal, es wird Zeit die Parkplatz-App zu verwenden und dem Ford das bittere Schicksal eines abgeschleppten Schwarzparkers zu ersparen. Neugierig spazieren wir zur Einkaufsstraße mit dem Namen Kirchgatan und schlendern an Schaufenstern entlang in Richtung einer beeindruckenden Kirche. Am oberen Ende der Flaniermeile befindet sich ein Denkmal des heiligen Michael. Selbstverständlich ringt er auch hier einen Drachen nieder. Gibt es überhaupt Bildnisse des heiligen Michael ohne Drachen? Wir wenden am Denkmal und erhöhen in entgegengesetzter Richtung das Schwierigkeitslevel. Nun betrachten wir nicht nur die Auslagen der geschlossenen Geschäfte auf der anderen Straßenseite, sondern schauen auch nach einem geeigneten Restaurant. Die Auswahl ist nicht ohne, so dass eine Ausschlusstaktik Abhilfe schaffen muss. Wir hatten heute Mittag einen Burger, somit scheiden die beiden recht ansprechenden Grillrestaurants aus. Der Italiener wirkt hingegen wenig einladend. Bleibt ein Restaurant mit Chinesisch-Thailändischer Küche. Gut, warum auch nicht – dann eben das „Kina Thai Restaurang“! Erinnerungen an unseren ersten Besuch eines asiatischen Restaurants in Solleftea vor zwanzig Jahren kehren ins Gedächtnis zurück. Die Speisekarte jenes Restaurant gab es nur in schwedischer Sprache – welcher wir auch damals nicht mächtig waren. Die Bedienung hingegen verstand kaum ein englisches Wort und mit Deutsch haben wir es erst gar nicht probiert. Bahnbrechende Erfindungen wie etwa Foto-übersetzende Apps sollten erst in ferner Zukunft erfunden werden. Dennoch hat damals jeder etwas bestellen können und ist letztendlich in Solleftea auch satt geworden. Heute gibt‘s auf der Speisekarte zu jedem der chinesischen und thailändischen Gerichte eine englische Übersetzung. Wir können uns trotzdem lange nicht entscheiden. Die überaus freundliche Kellnerin glänzt mit viel Geduld. Aber dafür sind Asiaten schließlich auch bekannt. Selbst als wir schließlich unsere Bestellung aufgeben und Esther ihre mühsam erworbenen Englischkenntnisse zum Besten gibt, behält die Kellnerin die Fassung und lächelt freundlich. Esthers Englisch ist nicht unbedingt schlecht, doch sie traut sich das Englisch-Sprechen zu selten zu, weshalb sie damit eben etwas auf der Stelle tritt und nicht vorankommt. Als Vorspeise bestelle ich mir eine Pekingsuppe. Beim Löffeln der scharfen Suppe ahne ich, welch brennende Konsequenzen beim nächsten Besuch der Porzellanabteilung auf mich warten. Sofort schalten meine Gedanken zur Gemeinschaftstoilette im Prinsgårdens Hotel um. Und eine Idee überfällt mich augenblicklich: Wenn ich meinen gesamten Vorrat an Kohletabletten auf einmal verspeise, muss ich dann bis zum Urlaubsende keine Toilette mehr aufsuchen? Ich verwerfe alle Gedanken über Kohletabletten und Gemeinschaftstoiletten und freue mich stattdessen auf mein Bami Goreng als Hauptgang. Schon verrückt, dass ich fast immer dieses indonesische Gericht bestelle, wenn ich es auf einer Speisekarte entdecke. Es ist nun mal mein asiatisches Lieblingsgericht - auch wenn es ein wenig wirkt, als landeten bei diesem vornehmlich Küchenreste auf dem Teller. Doch hier heute steht Bami Goreng nicht auf der Karte. Aber ein Gericht mit Eiernudeln, Garnelen, Geflügel - und Schweinefleisch und wahrscheinlich einer Handvoll Curry. Das könnte vom Geschmack her passen. Doch weit gefehlt: Mein Essen schmeckt gut, aber keineswegs wie erwartet. Herrjeh, man muss nicht alles hinterfragen. Wir schreiten zur Bezahlung unseres fernöstlichen Abendessens. Hier wird nicht am Tisch kassiert, also geht es nach vorn zur Kasse. Ich zahle mit dem Smartphone, was erst im dritten Anlauf gelingt. Die Kellnerin ist wie zuvor sehr freundlich und diesmal auch ziemlich neugierig und beginnt uns auszufragen. Esther hält sich mal wieder zurück, also plappere ich los, berichte vom Roadtrip und unseren nächsten Zielen. Das funktioniert mit fortlaufender Dauer des Gespräches immer besser, womit jene Theorie über das Erlernen einer anderen Sprache bestätigt ist. Gut möglich ist aber auch, dass die junge Frau kaum ein Wort von meinem Gebrabbel versteht und trotzdem nett lächelt. Ganz so wie es eben ihre Art ist. Nach dem Verlassen des Chinesischen Restaurants überkommt mich der Wunsch nach einem kleinen Spaziergang. Und ich weiß auch schon wohin. Wie könnten wir behaupten in Mora gewesen zu sein, ohne den Vasaloppsmålet, den berühmten Zielstrich vom alljährlich stattfindenden Wasalauf (auf Schwedisch Vasaloppet) gesehen zu haben. Esther ist im ersten Moment nicht sonderlich begeistert. Verständlich, der Tag war lang und für sie als Fahrerin auch recht anstrengend. Aber wir haben auch viel gesessen. Ein paar Schritte werden uns ganz gut tun. Auf dem Weg zum ominösen Zielstrich kommen wir an einigen sehr alten Blockhäusern vorbei, die so alt sind, dass man sich nicht die Mühe macht, sie mit roter Farbe zu streichen. Beim Bau der Hütten wurde noch ganz traditionell Baumstamm auf Baumstamm gelegt. Damit es von unten nicht feucht wird gibts ne Lage Birkenrinde zu Isolation. Nachdem das Dach oben drauf war, nahm man sich noch einmal die Säge zur Hand und hat eine Tür und ein paar Fenster reingesägt. Fertig war das Blockhaus. So jedenfalls die fachliche Expertise von einem, der keine Ahnung vom Blockhausbau hat. Auf der anderen Seite der Straße steht ein roter Glockenturm, der „Mora Klockstapel“. Als 1760 ein Blitzschlag den Glockenturm der benachbarten Kirche stark beschädigte, baute man als ursprünglich temporären Ersatz einen freistehenden hölzernen Glockenturm. Kleine rote Holzschuppen bedecken die Wände des Glockenturms, gekrönt von einem Kupferdach. Viele Touristen halten den Mora Klockstapel für das hübscheste Gebäude von Mora. Und damit könnten sie sogar recht haben! Das Vasaloppsmålet entpuppt sich als eine imposante Holzkonstruktion, die entfernt an eine Toreinfahrt erinnert. Auf Fliesen über der Toröffnung ist der schwedische Spruch „I fäders spår - för framtids segrar“ (In der Spur der Väter – für die Siege der Zukunft) zu lesen. Und wo wir nun einmal hier sind, gibt es ein paar Fakten zum Wasalauf: Dieser findet seit 1922 alljährlich am ersten Sonntag im März statt und ist ein Skilanglauf über 90 Kilometer im klassischen Stil. Die Route wird als Vasaloppsleden bezeichnet und führt von der Stadt Sälen nach Mora. Dieses Sportereignis hat einen durchaus interessanten geschichtlichen Hintergrund. Und dazu müssen wir weit in der Zeit zurückreisen. 1520 befindet sich der schwedischen Königs Gustav Wasa auf der Flucht vor den Dänen. Hier in Mora versucht er vergebens die Bauern von Mora zum Widerstand zu bewegen und flüchtet erfolglos weiter in Richtung Norwegen. Kurz darauf erreicht Mora die Nachricht von der Blutnacht zu Stockholm, in welcher der dänische König Christian II. über achtzig schwedische Adlige wegen angeblicher Ketzerei hinrichten ließ. Die Information bewirkt ein Umdenken in Mora. Die Einwohner senden dem König einen Skiläufer hinterher mit dem Ziel ihn zur Umkehr zu bewegen. In der Stadt Sälen erreicht der Bote den König und damit nimmt Schwedens Geschick entscheidende Wende. Es dauert zwar noch zwei Jahr bis die Dänen endgültig besiegt sind. Aber man hat bis heute nicht vergessen wo alles einmal seinen Anfang nahm. In Sälen wendete sich also Schwedens Schicksal und deshalb beginnt heutzutage dort auch der Wasalauf. Die Sieger und Siegerinnen des Wasalaufes kamen in seiner langen Geschichte überwiegend aus Schweden und Norwegen. Aber hin und wieder gewinnt auch mal ein Skiläufer aus Ländern jenseits von Skandinavien, wie etwa Polen, Österreich oder 1975 mit Gert-Dietmar Klause auch mal ein Sportler aus der DDR. Und damit sei zum Thema Wasa-Lauf alles Wichtige gesagt. Auf dem Weg zurück zum Parkplatz begegnen uns hier und da ein paar der berühmten Dalarnapferdchen, sei es in Schaufenstern, Vorgärten oder auf einer Wiese am See. Vor einigen Wochen verfolgten uns in Ennepetal auf Schritt und Tritt Fuchsfiguren in verschiedensten Farben. Dort sollen sie an die Fuchsschwanzsage in der Kluterthöhle erinnern. In Berlin stehen hier und da bunt angemalte Bären im Weg herum. Und daheim in unserem kleinen Dörfchen sind es Enten, die hier und da als Metallfiguren herumstehen. Doch diese Pferdchen hier sind nicht nur Wahrzeichen dieser Region, sondern gelten als Wahrzeichen von ganz Schweden. Somit steht für uns fest: Ohne einen Magnet in Form eines solchen bunt angemalten Pferdchens geht es definitiv nicht nach Hause! Zurück im Hotel überdenken wir die verzwickte Endreinigungsthematik noch einmal. An der Auffahrt zum Prinsgården steht, dass es sich hier zugleich um ein Hotel und Wanderheim handelt. Gelten vielleicht für Wanderer andere Preise und andere Regeln? Diese zahlen nur einen Bruchteil des Hotelpreises, müssen aber die Zimmer gereinigt hinterlassen? Wir beschließen uns keine weiteren Gedanken zu diesem Thema zu machen. Sollte sich das Hotel im Nachhinein zu diesem Thema melden, dann können wir uns immer noch mit diesem Problem auseinandersetzen. Der heutige Tag war lang und ereignisreich. Wir haben viel erlebt, waren viel auf den Beinen und sind jetzt entsprechend müde. Esther sitzt im Sessel und spielt irgendwas auf ihrem Tablet und trinkt Cider. Ich probiere zur Feier des Tages ein paar der unterwegs gekauften Leichtbiere. Das Zeug schmeckt mal mehr, mal weniger und eines landet sogar im Ausguss. Das Leben eines Biertesters ist eines der Härtesten! Als wir uns irgendwann zur Ruhe begeben wollen, wird es auf dem Hausflur unruhig. Stimmen werden laut, Schritte eilen auf und ab. Wir sind also nicht mehr allein im Blockhaus. Der Traum von der uneingeschränkten Herrschaft über Dusche und Toilette ist leider ausgeträumt. Ohrstöpsel Tag 3 – Mittwoch, 28.08.2024; N 61°00'37″ O 14°34'48″ Beim Erkundungsgang durchs Hotel entdeckten wir gestern auf einem Schränkchen auf dem Flur eine Dose mit Ohrstöpseln. Und auch auf dem Nachttisch neben dem Bett fanden sich ein paar knallbunte Gehörschutzstopfen. Ein witziges Gimmick, dachten wir. Doch weit gefehlt… Unsere Behausung ist laut Gästeinfo das älteste Gästehaus der Stadt. Hier ist einfach alles alt. Heutige Standards wie etwa eine perfekte Lärmdämmung existieren nicht oder nur in Teilen. Die Fenster sind zwar vierfach verglast, was der kalten Jahreszeit und der unmittelbar am Grundstück vorbeiführenden Reichsstraße geschuldet ist. Doch gegen die Geräusche hier im Haus selbst helfen ausschließlich Ohrstöpsel. Irgendwann am frühen Morgen beginnt jemand in der Etage über unserem Zimmer aktiv zu werden. Auch unsere Zimmernachbarn regen sich früh. Türen quietschen, Dielung knarrt - an erholsamen Schlaf ist kaum noch zu denken. Der Spuk geht eine geraume Weile, dann beenden zuschlagende Autotüren die Unruhe zu mindestens auf unserer Etage. Doch das Tapsen im Obergeschoss bleibt weiterhin vernehmbar. Um 8 Uhr regt sich der Wecker und heute fühlt sich das wie eine Erlösung an. Von den anderen Gästen ist tatsächlich nichts mehr zu sehen. Auf dem Parkplatz steht nur noch unser Ford. Es ist also niemand da, der uns die Dusche streitig machen könnte. Wir bewaffnen uns mit unseren Duschutensilien und wagen uns die engen Treppenstufen hinab in den Keller. Der Duschraum ist riesig. Neben der Dusche gibt‘s im Raum ein freistehendes WC und eine Waschmaschine. Und sehr viel Freiraum. Die Dusche ist wie fast alles in diesem Haus schlicht gehalten, funktioniert aber bestens. Natürlich bleibt alles was unter der Dusche geschieht auch unter der Dusche. Die Geschichte springt also einige Minuten weiter und trifft uns frisch geduscht auf den Weg zur Küche. Die Küche ist aktuell ziemlich verschmutzt. Soweit ich mich erinnern kann, sah sie am gestrigen Abend noch nicht aus. Im kalten Abwaschwasser des Spülbeckens schwimmen keimige Aufbewahrungsboxen. Fast so, als hätte sich jemand beim Abwaschen einfach in Luft aufgelöst. Nun, da war der Lärm in den frühen Morgenstunden. Möglicherweise sind die anderen Gäste überstürzt aufgebrochen und haben die Küche in diesem Zustand zurückgelassen. Was auch immer der Grund dafür war, das ist deren Geschichte und tangiert uns noch nicht einmal am Rande. Brötchen gibt es heute keine, vom Toastbrot gibt’s nur noch einen Kanten und so bleibt uns nur Knäckebrot - davon aber jede Menge. Die Kaffeemaschinen wurden nach der letzten Benutzung nicht. Eine Tragödie! Nutzt aber nix. Ich werfe die vollen Filtertüten weg, spüle die Kanne ab und will Kaffee ansetzen. Doch leider finden wir nirgendwo Filtertüten. Esther versucht ihr Glück in der zweiten Küche unten im Keller. Als sie kurz darauf die enge Treppe hochkommt hat sie zwei Filtertüten in der Hand. Ein Zeichen! Es geht voran! Wir haben das Momentum wieder auf unserer Seite! Zu einem ordentlichen Frühstück gehören Eier, vorzugsweise gekochte Frühstückseier. Also will Esther zwei Frühstückseier kochen. Es gibt tatsächlich auch zwei elektrische Eierkocher für je sechs Eier. Doch ohne Anleitung oder beschrifteten Messbecher ist nicht ganz klar, wieviel Wasser diese neumodischen Küchenhelfer benötigen, damit die Eier letztlich die gewünschte Konsistenz erhalten. Doch einmal in Fahrt lässt sich Esther nicht von solchen Belanglosigkeiten unterkriegen. Sie schnappt sich einen Topf und möchte die Eier klassisch auf dem Elektro-Herd zubereiten. Aber das Ceranfeld streikt. Kindersicherung? Defekt? Muss so? Alles möglich – denn nichts geht! Ein kleines Symbol mit einem Schloss leuchtet auf und ich tendiere in Richtung Kindersicherung, an deren Deaktivierung ich aber klanglos scheitere. Also bleibt der Herd kalt und Esther versucht ihr Glück mit einem der Eierkocher. Sie gibt Pi mal Daumen etwas Wasser in den Apparat, gibt die Eier dazu und siehe da, am Ende sind die Eier gar nicht so übel. Mangels freier Steckdosen muss die Kaffeemaschine erstmal warten bis die Eier gekocht sind. In der Zwischenzeit spülten wir die schmutzigen Hinterlassenschaften unserer Vorgänger zu Ende und räumen die Küche auf. Oder anders: Wir konfrontieren unsere schwedische Umgebung mit etwas „Tysk renlighet“ - Deutscher Reinlichkeit. Das Innere des Kühlschranks hält kaum größere Überraschungen parat. Es gibt Käse in einer Frischhaltedose und denselben Käse noch einmal in der Originalverpackung. Als Wurst steht Zervelatwurst zur Verfügung. Es gibt zwei Sorten Konfitüre, keine davon in handelsüblichen Verpackungen verpackt. Das Apfelmus soll möglicherweise das fehlende Obst ersetzen. Gemüse gibt es in Form von drei oder vier Cocktailtomaten und zwei Zwiebeln. In rauen Mengen sind Milch und Joghurt in 1,5 Literverpackungen und jede Menge Müsli und Cornflakes vorhanden. Es gibt eine beinahe leere Tube Kalles, einer Art Krabbencreme-Brotaufstrich. Die Butterdose ist leer, aber es gibt zwei große Packungen gesalzener Lätta. Nach Salz suchen wir eine Weile und finden am Ende eine fast leere Packung Jozo-Salz. Wir beschließen auf der Terrasse zu frühstücken und tun dies tatsächlich ziemlich entspannt. Der Kaffee ist etwas zu stark, selbst für mich, der sich mit einem leichten Schlafdefizit herumplagt. Da ist also noch Luft nach oben, wenn ich morgen früh einen weiteren Versuch beim Kaffeekochen angehe. Das Knäckebrot ist übrigens gar nicht so schlecht. Ich bin mir aber sicher, dass ich mich auf Dauer nicht daran gewöhnen möchte. Esther pflegt ihre ganz eigenen Traditionen und schmückt ihre hellen Jeans mit Himbeermarmelade. Diesmal erwischt es mal nicht das T-Shirt, sondern die Hosen. Sollerön Tag 3 – Mittwoch, 28.08.2024; N 60°55'20″ O 14°37'05″ Blauer Himmel, die Sonne lacht - es wird Zeit, dass wir etwas unternehmen. Der aktuelle Wetterbericht gerät beinahe ins Schwärmen, und selbstverständlich lassen wir uns davon gerne anstecken. Das Navi wird startklar gemacht und bekommt die Adresse eines Freiluftmuseums auf der Insel Sollerön im Siljan-See. Weit ist es nicht. Die Fahrt dorthin dauert kaum zwanzig Minuten. Zuerst geht es durch Mora mit seinen vielen roten Holzhäusern. Dann wechselt die Szenerie, wir verlassen die Ortschaft und das Auto rollt durch Wald. Wir sind kurz auf der Europastraße 45 unterwegs. Eine Europastraße, die eine umfangreichere Erwähnung an dieser Stelle durchaus verdient hat, selbst wenn wir nur wenige Kilometer darauf unterwegs sein werden. Die Europastraße 45 beginnt in der Stadt Alta weit im Norden Norwegens. Von dort führt die E45 senkrecht durch Schweden, kreuzt dabei auch Mora und erreicht schließlich Göteborg. Nun geht es hinüber nach Dänemark und erreicht in Flensburg Deutschland. Uns Deutschen ist die E45 besser bekannt als Autobahn A7, die über Hamburg, Kassel und Würzburg senkrecht durch die Bundesrepublik führt. Südlich von Deutschland geht’s kurz quer durch Österreich und verlässt das Land über den Brenner. Im Südtirol heißt die Straße E22 und geht ab Verona senkrecht den italienischen Stiefel hinab. Die Europastraße 45 endet schließlich an der Südspitze Siziliens und hat eine Länge insgesamt von 5190 Kilometern. Die meisten davon befinden sich im Übrigen hier in Schweden. Natürlich werden wir diese nicht alle abreißen, wir werden noch nicht einmal ein gutes Stück auf der Europastraße zurücklegen. Nein, heute schnuppern wir nur kurz an ihrem Asphalt und biegen nach wenigen Kilometern zur Insel Sollerön ab. Kurz darauf wird eine kleine Brücke überquert und schon befinden wir uns auf dem Eiland. Auch das Freiluftmuseum im Ort Sollerön ist schnell erreicht. Wir durchfahren ein altes Holztor und stellen uns neben einen VW-Bulli mit Dachauer Kennzeichen. Die Welt ist halt klein und gerade in Schweden hat man das Gefühl auf Schritt und Tritt einem deutschen Landsmann zu begegnen. Aber war das nicht letztes Jahr in Prag und Paris recht ähnlich? Treiben wir Deutsche uns nur noch herum? Generell trifft eine Aussage auf so ziemlich jedes Freiluftmuseum in Schweden gleichermaßen zu: Alte Holzhäuser stehen mehr oder weniger ungeordnet herum. Einige davon wurden originalgetreu nachgebaut. Andere standen irgendwo einem Neubau im Weg und wurden ins Museum „umgesiedelt“ und so der Nachwelt erhalten. Im Grunde könnte die ganze Insel als Museum herhalten. Links und rechts der Straße stehen nicht wenige uralte Holzhäuser, die mal im typischen Falun-Rot gestrichen und dann wieder im natürlichen Braun gehalten sind. Einzig das Vorhandensein von Autos gibt einem die beruhigende Sicherheit nicht versehentlich im falschen Jahrhundert gelandet zu sein. An den Gebäuden hier im Museum gibt es die entsprechenden schwedische Beschreibungen mit dem Hinweis, dass man diese Informationen im Hauptgebäude kostenlos auch in deutscher Sprache bekommen kann. Ausgerechnet dieses Gebäude hat heute geschlossen. Somit sind wir einmal mehr auf die Hilfe unserer Übersetzungs-App angewiesen. Und siehe da, trotz der Weltabgeschiedenheit dieses Ortes funktioniert die Technik bestens, das heilige Internet ist verfügbar, so dass im Handumdrehen die Erklärungen und Informationen an den Holzhäusern übersetzt sind. Wer nun erwartet, von den ausgestellten Exponaten dieses Museums aus den Schuhen gehauen zu werden, wird enttäuscht. Diese Zeitzeugen bäuerlichen Lebens haben höchstens die letzten vier oder fünf Jahrhunderte erlebt. Doch so richtig alte und deshalb recht spektakuläre Gebäude im Originalzustand gibt es einfach nicht mehr. Man stelle sich dennoch einmal vor, wir befinden uns im Jahre 980 nach Christus. Wikinger Knut kehrt von einer langen und recht erfolgreichen Geschäftsreise zurück, die ihn bis weit ins Mittelmehr führte. Neben all dem Morden und Plündern hatte dieser Nordmann auch ein Auge für die mediterrane Architektur, etwa auf Sizilien. Kaum daheim angekommen, lässt er sich eine luxuriöse steinerne Finka von seinen eigens dafür mitgebrachten Sklaven errichten. Wider Erwarten überdauert dieses Gebäude bis in die heutige Zeit und würde dieses Museum auf ein ganz anderes Level hieven. Aber die hiesige Bevölkerung griff damals ausschließlich auf den Baustoff Holz zurück. Zu einem war dieser in viel größerem Umfang verfügbar und ließ sich einfacher bearbeiten. Der Nachteil: Bauholz geht irgendwann Weg jedes irdischen Lebens und wird wieder eins mit der Natur. Wird’s grad philosophisch? Befinde ich mich gerade in einem Museum und fantasiere über Dinge, die es hier nicht gibt? Ich könnte natürlich auch über das alte Kornhaus, der Schmiede, einer Scheune oder dem Trockenhaus schreiben. Aber warum damit langweilen. Sollte ich jedoch falsch liegen und das Interesse an derartige Gebäude ist größer als angenommen, dann nichts wie rein ins Auto! Von Köln aus beträgt die reine Fahrzeit bis nach Sollerön schlappe 18 Stunden. Das Museum ist rund um die Uhr geöffnet, auf geht’s! Man könnte jedenfalls mit Recht behaupten, dass unsere Begeisterung für dieses Freiluftmuseum noch Luft nach oben hat. Esthers Ding sind historische Sehenswürdigkeiten ohnehin nicht. Allerdings sind wir gar nicht wegen dem Museum hier. Mein Ernst! Dieses Museum ist bestenfalls Fassade für eine viel größere Sehenswürdigkeit, die sich irgendwo im Gelände hinter dem Museumsbereich befindet. Und genau deshalb werden wir die Gegend nun etwas genauer unter die Lupe nehmen. Hinter einem alten hölzernen Ziehbrunnen befindet sich ein aufrechtstehender Baumstamm, der einem alten Kultgegenstand ähnelt. Ein paar seiner toten Äste ragen geheimnisvoll wenige Meter zur Seite. Ein mannshohes Loch klafft im Stamm, möglicherweise wie geschaffen für Opfergaben. Am oberen Ende des Stammes eine verhindert eine Metallplatte das Eindringen von Wasser ins Holz. Ein merkwürdiges Gebilde, dass eigentlich kaum auffällt. Hat man jedoch diesen Stamm erst einmal genauer in Augenschein genommen, dann ist man schnell fasziniert davon. Informationen gibt’s allerdings keine vor Ort und auch online erhellt nichts die Dunkelheit meines Unwissens. Wie langweilig wäre eine Welt ohne Geheimnisse. Dieses hier bleibt allerdings für uns ungelöst. Hier nun also verlässt ein schmaler Pfad das Museumsgelände, auf welchem nun unsere kleine Entdeckungsreise zu jenen Sehenswürdigkeiten beginnt, die mir bei der Planung unserer Reise aufgefallen waren. Damals schaute ich mir die Karte an und überschlug die Strecke auf grob ein paar hundert Meter. Allerdings war der Kartenmaßstab nicht auf meiner Seite und so wird aus diesem kurzen Spaziergang eine kleine Wanderung über eine zum Glück nicht allzu große Insel. Was das Wandern angeht sind wir ohnehin topfit! Oder sollten es jedenfalls sein, denn zu unseren täglichen Angewohnheiten zählt seit Jahren ein etwa zwanzigminütiger Spaziergang am frühen Morgen. Die Insel erweist sich als recht hügelig. Zuerst hielt ich die Steinhaufen ringsherum für Ablageorte von Steinen, die den Bauern bei der Feldarbeit im Weg waren. Daheim in der Niederlausitz befinden sich genau aus diesem Grund an vielen Feldrändern Steinhaufen. Wie gesagt: am Rand. Hier jedoch liegen die Steine in großen Haufen mitten im Terrain. Die meist kreisrunden Hügel haben einen Durchmesser von schätzungsweise zehn Metern und eine Höhe von zwei bis drei Metern. Diese Steinhaufen und Hügel ringsumher entpuppen sich als uralte Gräber. Und wegen diesen sind wir nun hier. In der vorchristlichen Wikingerzeit, als noch die alten nordischen Götter angebetet wurden, verbrannten die Einheimischen ihre Toten. Die Asche wurde mit einigen praktischen Alltagsgegenständen (der Tote musste in Walhalla ja irgendwie klarkommen) in das Grab gelegt, mit Steinen bedeckt und ein Hügel darüber errichtet. Die in den Gräbern gefundenen Waffen und Alltagsgegenstände lassen darauf schließen, dass die Inselbevölkerung einen relativ hohen Lebensstandard besaß. Die Anzahl der Grabhügel war einst noch deutlich größer. Viele Hügelgräber wurden im Laufe der Zeit abgetragen, als die Bauern mit den Steinen morastige Löcher auffüllten (so die Informationen auf den Hinweisschildern) und um ihr Ackerland stetig zu vergrößern (meine unqualifizierte Sicht der Dinge). In der Nähe einer imposanten Birke steht ein zwei Meter hohes Holzkreuz in der Landschaft. Hier befand sich lange Zeit eine christliche Kapelle, die - wen wundert es - über ein Heiligtum der vorchristlichen Zeit errichtet wurde. Nebenan sprudelt eine Quelle, welche bereits zu jener vorchristlichen Zeit als Heiligtum verehrt wurde und der dabei Opfergaben gebracht wurden. Die Steine der ursprünglichen Quelleinfassung wurden vor einigen Jahren aus der Ruine der Kapelle geborgen und damit die Quelle erneut eingefasst. Von der Kapelle sieht man heute nicht mehr viel, die einstmals heilige Quelle hat die christliche Herrschaft hingegen unbeschadet überstanden. Verschiedene Münzen auf dem Grunde der Quelleinfassung zeugen davon, dass auch heute noch Menschen an die geheimen Kräfte dieses Naturheiligtums glauben. Wir setzen unseren Weg fort und streifen einen Hang von etwa drei bis vier Metern Größe, der aus aufgeschütteten Steinen besteht. Hier befand sich einst eine Kultstätte, bei der den alten nordischen Göttern gedacht wurde, Tiere wurden geopfert, man gedachte den Ahnen, feierte Feste und wertete Raubzüge aus. Kurz: man machte irgendwelche Dinge, die Nordmänner eben machten. Laut Informationstafel bestätigten archäologische Ausgrabungen an diesem Ort viel von dem, was in alten Schriften über das Brauchtum der Wikinger beschrieben wurde. Da diese alten Bücher meist von Geschichtsgelehrten jener dunklen Zeit geschrieben wurden, die nicht unbedingt zu den Freunden der Wikinger gehörten, so überrascht es dann doch, wie objektiv jene Chronisten in ihren Aufzeichnungen blieben. Der wenig geschichtsinteressierte Wanderer sieht hier jedoch nur einen vom Buschwerk vereinnahmten großen Steinhaufen. Es fällt tatsächlich schwer sich hier Tempel oder Opferstätten vorzustellen. Anders als die beispielsweise in der heimatlichen Eifel aus Stein errichteten Römer-Tempel bestanden jene in Skandinavien aus Holz. Aber das Thema hatten wir ja bereits… Seitlich der Anhöhe befindet sich ein Trichter von drei bis vier Meter Durchmesser. Das Ergebnis einer Raubgrabung? Ist hier ein unterirdischer Hohlraum eingestürzt? Eine Erklärung ist nirgends zu entdecken. Das nächste Geheimnis, welches unserer Neugierde nicht entgangen ist. Vor Ort gibt es auch diesmal keine Erklärung. Aber Dank Recherche kann ich berichten, dass die Anhänger der nordischen Götter ihre Treffen nicht selten im Verborgenen, also vielleicht auch im Unterirdischen, abhielten. Dem Weg folgend schreiten wir weiter ins Tal hinab und erreichen einen mit Schilf bewachsenen Teich. Wir befinden uns in einem kleinen Naturschutzgebiet. Ein kleiner Pfad führt seitlich in den Wald und geleitet den neugierigen Entdecker in eine schmale Felsschlucht, die an ihrer tiefsten Stelle vier oder fünf Meter tief und insgesamt sicher 30 Meter lang ist. Das Gelände bislang war zwar nicht unbedingt eben, aber auch nicht bergig, dass mit einer solchen Felsformation zu rechnen war. Wir schenken einem Hinweisschild Glauben, welches die Schlucht als alten Silbertagebau beschreibt. Hier wurde einst im oberirdischen Tagebau Silber abgebaut. Das ist natürlich faszinierend, auch wenn sich uns nicht der leiseste Anflug eines Erzganges offenbart. Also machen wir nur ein paar Fotos und setzen dann den Weg fort, der an das andere Ende des Teiches führt. Von hier aus führt unsere Route zurück zum Dorf. Die ersten noch recht abgelegenen Häuser sind schicke rotgestrichene Holzhäuser, die nur wenige hundert Meter vom Ufer des Siljan entfernt sind. Sonderlich alt sind sie nicht. Ich bin mir sicher, dass es sich hier um Wochenend- oder Ferienhäuser handelt. Vielleicht wird von hier im Home Office ein Weltkonzern geleitet? Anders als bei den zum Teil uralten Gehöften im Ortskern wird hier keine Landwirtschaft betrieben und ich bin mir auch recht sicher, dass hier niemand seinen Lebensunterhalt mit Fischerei im nahen Siljan verdient. Wir halten uns nicht länger auf und folgen unserem Pfad, der uns aus dem kleinen Ortsteil hinaus auf eine Wiesen- und Ackerfläche führt. Die Hügelgräber sind hier wieder allgegenwärtig. Auch finden sich nun mehrere etwa zwanzig Meter lange und zwei Meter breite Steinhaufen. Was mögen diese darstellen? Ruinen alter Steinscheunen? In einem Land, in dem die meisten Scheunen auch heute noch aus Holz bestehen? Handelt es sich vielleicht um ein Reihengrab all jener, die nicht den Hügelgräbern ihre letzte Ruhestätte fanden. Die Hügelgräber waren gewissermaßen den Reichen, den Starken und Einflussreichen vorbehalten. Wo aber wurden all die Frauen, die unbedeutenden Alten sowie die Fischer und Bauern bestattet? Ohne den geringsten Funken gefährlichen Halbwissens zu diesem Thema zu besitzen, behaupte ich einfach mal: dies hier ist ein Reihengrab! Sicher eine gewagte These, aber die soll mir doch erst einmal jemand streitig machen! Wir erreichen wieder das Dorf. Kurz überlegen wir, ob wir zur ursprünglichen Route zurückkehren und das Museum wieder durch den kleinen Pfad auf der Rückseite betreten sollten. Aber unsere Neugier lässt uns an der Straße entlang zum Museum zurückkehren. In diesem Teil des Dorfes sehen die Höfe ländlicher aus. Alte Scheunen befinden sich neben den rot gestrichenen Wohnhäusern und alte Geräte und Wagen stehen herum. Die gemauerten Schornsteine, deren Rauchfang eine kleine steinerne Krone ziert, schauen wirklich interessant aus. Obendrauf thront eine Wetterfahne. An der Straße warnt ein Schild vor freilaufenden Hühnern. Was ist mit diesen Hühnern? Warum müssen wir vor diesen gewarnt werden? Ist hier die Heimat der „Angry Birds“? Gibt es in Schweden statt Rinderwahnsinn „Crazy Chicken“? Nun sind wir jedenfalls gewarnt und werden auf der Hut sein, wenn auch nur eines dieser gefiederten Dinger in unsere Richtung blickt. Ein älterer Mann spricht uns an. Offensichtlich gehört er zur der Sorte Mensch, welcher seine Neugier nicht unterdrücken kann und deshalb mit ganz viel Herzlichkeit seine Gegenüber überfällt. Natürlich tut er dies auf schwedisch. Wir verstehen kein Wort und bleiben freundlich und vielleicht auch etwas unsicher auf Distanz. Zum Schlage jener Menschen, die sich gern zu endlosen Gesprächen über Gott und die Welt hinreißen lassen, gehören wir nun einmal nicht. Nun, nach zwei oder drei Bieren schaut das bei mir möglicherweise etwas anders aus, doch das verrate ich dem netten Herrn nicht. Dabei hätte ich so viele Fragen zu dieser Insel. Auch wenn unser Gegenüber vielleicht nicht das Alter hat, um Zeuge der letzten Wikinger-Raubzüge zu sein, er hat sicher vieles zu erzählen. Und Esther? Sie würde stumm danebenstehen, so wie ich freundlich nicken, obwohl sie kaum ein Wort versteht – so wie ich halt auch. Nach etwa zehn Minuten würde sie beginnen mir ungeduldig in die Seite zu pieken, weil sie endlich weiter möchte. Zu unserem Glück entdeckt der alte Mann in einer gerade vorbeikommenden Dorfbewohnerin eine bessere Gesprächspartnerin, bittet uns aber noch darum wenigstens uns an den vielen am Boden liegenden Äpfeln zu bedienen. Die Nordmänner sind in den letzten tausend Jahren deutlich freundlicher zu Fremden geworden. Unsere Runde über das Gräberfeld, durchs kleine Naturschutzgebiet und durchs Dorf endet schließlich wieder im Museum. Aktuell sind wir die einzigen hier und nutzen diese Gegebenheit die Gebäude etwas näher in Augenschein zu nehmen. Umwerfend beeindruckende Ausstellungsstücke gibt es - wie schon erwähnt - nicht. Es ist alles alt und gut erhalten. Und damit hat es sich auch schon. Hobby Archäologen werden mich sicher einen oberflächlichen Banausen schimpfen. Ein etwa A3-großes Blatt an der Eingangstür des heute geschlossenen Hauptgebäudes erregt unsere Aufmerksamkeit. Hier sind einige alte Zeitungsartikel inklusive der dazugehörigen Fotos in ziemlich schlechter Qualität aufgeklebt worden. In diesen Zeitungstexten ist die Rede von einer Familie hier auf Sollerön, die vor reichlich einhundert Jahren von der Spanischen Grippe in kürzester Zeit vollständig dahingerafft wurde. Einige Fotos der aufgebahrten Leichen der Familienmitglieder sind beigefügt. Auf dem örtlichen Friedhof soll sich noch immer das Grab der achtköpfigen Familie befinden. Man hat natürlich schon einmal etwas von der Spanischen Grippe gehört, doch tatsächlich mit Opfern konfrontiert zu werden ist trotz des großen zeitlichen Abstandes doch etwas anderes. Anschließend besichtigen wir tatsächlich so ziemlich jedes Gebäude (leider nur von außen) auf dem Museumsgelände. Wir machen hier und da Fotos und beschließen dann, dass es Zeit für den nächsten Tagesordnungspunkt ist. Dieser steht bis jetzt noch nicht fest und wird gleich mit aller verfügbaren Spontanität bestimmt werden. Doch bevor wir aufbrechen muss Esther die hiesige öffentliche Toilette besuchen. Diese entpuppt sich als ziemlich museumsreifes Plumpsklo. Esther ist natürlich wenig begeistert. Währenddessen postiere ich mich vor dem Eingang und halte Wache. Es wäre fatal, wenn irgendwer ihr den Platz auf dem Donnerbalken streitig macht. Nicht falsch verstehen – Esther braucht keinen Schutz, der unbesonnene „Irgendwer“ hingegen schon. Gerade wenn Esther wegen der allgemeinen Toilettensituation ziemlich angefressen ist, muss man mit allem rechnen. Ihren Frust kann man sicher nachvollziehen: In unserem Alter, also um die Fünfzig herum, macht man eigentlich keinen Erlebnis-Urlaub, um sich zu erinnern wie gut es einem daheim geht. Es ist Mittag, der kleine Hunger meldet sich und laut Navi befindet sich ein Restaurant hier im Ort. Der nächste Tagesordnungspunkt ist also gefunden: Nichts wie hin! Während der Fahrt zum Restaurant kommen wir an einer Schule vorbei. Die Betriebsamkeit dort beweist, dass die Ferien in Schweden vorbei sind. Das Restaurant hat folgerichtig auch geschlossen. Sollerön erwartet in diesem Jahr keine Gäste mehr. Also geht es zurück nach Mora. Wohin auch sonst? Zweimal dieselbe Tour fahren ist jedoch langweilig. Das Navi hat eine Alternative parat und so biegen wir auf eine unscheinbare Straße ab, kaum dass wir die Insel verlassen haben. Die Rücktour ist deutlich kürzer, sie führt uns allerdings quer durch Mora, was mehr Fahrzeit kostet als der Hinweg. Doch Zeit haben wir genug, wir sind schließlich im Urlaub. Zorn Tag 3 – Mittwoch, 28.08.2024; N 61°00'25″ O 14°32'19″ Wir schlagen uns zum selben Parkplatz durch, auf dem wir am gestrigen Abend geparkten. Unsere heldenhaft eingerichtete Parkplatz-App kommt erneut zur Anwendung. Großzügig tragen wir eine recht lange Parkzeit ein und können nun bis 19 Uhr Zeit Mora erkunden. Wie es sich für anständige Touristen gehört, führt uns der Weg zuerst zum Souvenirladen in der Kirchgatan. Hier gibt es die begehrten Dalarna-Pferdchen in allen Größen und Farben. Die in Handarbeit gefertigten Holzpferdchen sind alles andere als preiswert. Natürlich zu Recht! Man stelle sich nur mal vor wie die Bewohner dieses Landstrichs an langen und kalten Winterabenden am warmen Ofen sitzen und Pferdchen schnitzen und bemalen. Da steckt viel Liebe in jedem dieser bunten Mitbringsel. Der Schweden-Reisende, der sich ein solches Pferdchen als Souvenir mit nach Hause nimmt, wird es völlig unabhängig vom Preis als Andenken ins Regal stellen. Derjenige, der es geschenkt bekommt, überlegt wahrscheinlich, was er mit dem albernen Holzpferdchen will. Da fehlt einfach der Bezug zur Region. Insofern ist es als Geschenk nicht den hohen Preis wert. Ein (preiswerter) Plastik-Elch hat wohl eher eine Chance Freude bei unseren Nachbarn zu punkten. Wir kaufen erst einmal nur einen Magneten und hoffen, irgendwo einen hübschen Elch zu finden oder ein handgeschnitztes Dalapferd wenigstens etwas günstiger zu bekommen. In einem Laden nebenan hat eine Künstlerin ihr Geschäft aufgeschlagen. Hier kann man unter künstlicher Leitung sein Dalarna-Pferdchen selbst bemalen. Die im Schaufenster vorgestellten Pferdchen lassen eine ungeheure Kreativität vermuten. Vor meinem Auge explorieren Farbtuben, Pinsel fliegen kreuz und quer durch den Raum und aus einer Sprinkleranlage regnen Farbspritzer herab. Alles was nicht bei drei den Raum verlassen hat geht als Farbklecks in die Geschichte ein. Die Ergebnisse mannigfaltiger Kreativphasen stehen stolz nebeneinander gereiht im Schaufenster ausgestellt. Ich hätte nicht wenig Lust hier selbst Hand anzulegen. Doch unsere Zeit ist etwas zu knapp für solche Späße. Es ist an der Zeit die Gegend jenseits der Kirchgatan zu erkunden. Bislang haben wir ein paar alte Blockhütten, einen roten hölzernen Glockenturm und das Ziel Wasalaufes gesehen. Die Kirchgatan wirkt als Stadtzentrum und wichtigste Einkaufsstraße sehr gepflegt und ist tatsächlich auch recht hübsch. Der Rest des Stadtkerns ist jedoch ähnlich langweilig wie die Zentren vieler schwedischer Kleinstädte. Irgendwann in den achtziger und neunziger Jahren gab es wohl einen Bauboom und seitdem hat sich wenig getan. Vielleicht ist der Gedanke dahinter, dass man das Geld für regelmäßige Fassadenverschönerungen auch sinnvoller verwenden kann, handelt es sich doch dabei eh nur um Kosmetik. Der Hunger meldet sich erneut. In Touristenstädtchen Mora ist das Angebot sicher etwas besser als im verschlafenen Sollerön. Wir streifen durch ein paar Gassen in Richtung Siljan-See, vorbei an einigen Gaststätten, die entweder noch geschlossen sind oder deren Äußeres nicht einladend genug erscheint. Um bis zum See zu gelangen muss man sich mit einer mehrere hundert Meter langen Baustelle auseinandersetzen. Fast könnte man meinen hier entsteht eine neue Strandpromenade. Doch in Wirklichkeit wird hier die Europastraße 45 saniert. Mittendrin durchquert ein Fußweg die Baustelle und bietet uns damit die schnellste Möglichkeit zum See zu gelangen. Zugegeben, wir sind oft recht unentschlossen was die Wahl eines Restaurants angeht. So auch beim „Strand Il Gusto“, dass sich direkt am Promenadenufer des Siljan befindet. Es dauert einen Moment bis wir endlich eintreten und werden dann auf ganzer Linie positiv überrascht. Die Einrichtung des Restaurants ist sehr stilvoll und trifft voll unseren Geschmack. Von all den gastronomischen Einrichtungen, die wir in den letzten zwanzig Jahren in Schweden besuchten, kommt keines auch nur annähernd an das „Strand Il Gusto“ heran. Wir wählen einen Tisch mit bester Sicht auf den See. Eine Karaffe mit Wasser und zwei Gläser wird gereicht, während wir noch die Karte studieren. Wie schaut’s nun mit dem Essen aus? Esther entscheidet sich für einen Caesars Salat und meine Wahl fällt auf den Smashburger mit Pommes und einer Knoblauchcreme. Das Entertainmentprogramm steuert eine verzweifelte Wespe bei, die geduldig die Fensterscheibe nach einem Durchlass nach draußen absucht und sich dabei von nichts stören lässt. Das Essen kommt und ich hänge meine Jacke über den Stuhl. Ein wenig wundere ich mich, dass die Wespe plötzlich verschwunden ist. Die Vorstellung, dass meine Jacke etwas mit dem Verschwinden der Wespe zu tun haben könnte, sorgt für etwas Beunruhigung. Doch zuerst widme ich mich dem Burger und den Pommes im ungewöhnlichem U-Profil. Der Burger schmeckt richtig gut. Alles andere wäre enttäuschend in dieser gastlichen Umgebung. Esther hat währenddessen ihren Spaß mit ihrem gesunden Salat, der ihr ganz offensichtlich schmeckt. Hinterher gibt es noch einen Kaffee. Nun begebe ich mich auf die Suche nach der Wespe. Genaugenommen untersuche ich meine Jacke. Erst die Taschen, dann vorsichtig Ärmel für Ärmel. Ohne Erfolg. Doch siehe da, anders als die heimischen Quälgeister, die sich direkt auf jede Art von Speisen stürzen, hat sich unsere Wespe galant zurückgehalten. Sie kehrt zurück, als die leeren Teller abgeräumt sind und setzt ihre Suche nach einem Loch in der Scheibe fort. Erleichtert bitte ich um die Rechnung. Der Kellner erscheint mit der Kaffeekanne und möchte nochmals nachschenken. Der Kaffee ist hier ebenso kostenlos wie das Wasser und ein wenig haben wir ein schlechtes Gewissen keine anderen Getränke geordert zu haben. Am Kartenlesegerät haben wir die Auswahl zwischen schwedischen Kronen oder Euro. Konkret geht es um 550 Kronen oder eben 50 Euro. Wir entscheiden uns für die einheimische Währung und kurz darauf meldet die Bank-App eine Überweisung von 48 Euro. Hey, schon wieder gespart! Beim Verlassen des Restaurants biege ich kurz zur Toilette ab. Das Männer WC weist auffällig viele Beschädigungen auf, die mehr oder weniger notdürftig repariert wurden. Ob hier eine Massenprügelei stattfand, bei der einige Betonschädel Kontakt mit dem Toiletten-Porzellan hatten? Hollywood hat ein solches Szenario oft genug in seinen Blockbustern untergebracht, sei es bei James Bond, Matrix oder Mission Impossible. Immer ging bei einer üblen Prügelei viel Toiletten-Inventar zu Bruch. Hier ist jedenfalls eine Komplett-Renovierung angesagt. Esther hingegen schwärmt von der Einrichtung und Sauberkeit auf der Damen-Toilette. Frauen prügeln sich seltener und wenn doch, dann geht dank fehlender Betonköpfe weniger zu Bruch. Nicht weit vom Restaurant entfernt steht ein weiteres Dalarna-Pferdchen. Den Informationen auf einem Hinweisschild zufolge ist dies mit über drei Metern Höhe das weltgrößte hölzerne Dalapferd. Stellen wir also fest, dass wir innerhalb von zwei Tagen die weltgrößten Dalapferdchen aus Beton und Holz besucht haben. Aus welchem Baustoff könnte man in Schweden sonst noch rekordverdächtige Dalapferdchen bauen? Falls es ein schwedisches Legoland gibt, hätte ich da eine Ahnung. Hier am See gibt es aktuell nur die große Baustelle der E45 zu bewundern, weshalb wir dieselbe nun überqueren und einen weiteren kleinen Schaufensterbummel machen. Dabei staunen wir nicht wenig über das vergleichsweise hohe Angebot an Outdoorläden. Ein Messerladen zieht mich in den Bann und es dauert einen kleinen Moment bevor mir klar wird warum. Das Logo des Messer-Herstellers Moraknive prangt daheim auf meinem Gartenmesser. Schon am gestrigen Abend fiel uns der Bekleidungsladen Dressman auf. Diese Kette ist uns nicht ganz unbekannt. 2004 hatte ich mir im „Dressman“ in Härnösand eine Jeans gekauft, die ich anschließend getragen habe bis sie auseinanderfiel. Hier und heute gibt es also die Chance für eine neue Lieblingsjeans. Esther brauche ich eigentlich gar nicht fragen. Sie ist meistens Feuer und Flamme, wenn es darum geht mich einzukleiden. Und dennoch…. Unser Gepäck darf bei der Rückreise ein gewisses Maximalgewicht nicht überschreiten. Schweren Herzens nehme ich vom Besuch des „Dressman“ Abstand. Stattdessen besuchen wir einen Süßigkeiten Laden. Auf 500 Quadratmetern gibt es in diesem Geschäft ausschließlich ungesundes Zeug. Dies aber recht stilvoll, denn schon am Eingang fällt einem auf: Hier betritt man ein Heiligtum. Ein roter Teppich begleitet einen die Stufen hinab ins süße Paradies. Hier prallt man auf Regale voller Bonbons, Schokolade, Popcorn, Chips und so vielem anderen Kram. In allen Größen, Farben und Geschmäckern. Während meiner Kindheit wäre hier das Schlaraffenland. Doch zu meinem Glück bin ich längst volljährig, als ich von der Existenz dieses „Nöjesvaruhuset“, so der Name des Geschäfts, erfahre. Wo wir nun einmal hier sind, wage ich ein kleines Experiment. Ich schnappe mir eine Dose Chips mit Barbecue-Geschmack und frage freundlich an der Kasse nach, ob ich die 35 Kronen (etwa 3 Euro) in bar bezahlen kann. Ich darf! Über die Jahre hatte sich daheim einiges an schwedischem Bargeld angesammelt und jene 210 schwedische Kronen haben wir gerade dabei. Ich zücke meine Geldbörse und zaubere zwei Zwanziger hervor. Sofort werde ich von der Verkäuferin ausgebremst. Diese Scheine kann sie nicht annehmen, sagt sie, die sind zu alt. Esther greift geistesgegenwärtig in ihre Tasche und will das Dilemma direkt mit einer Kartenzahlung beenden. Doch noch bin ich nicht am Ende und zaubere einen deutlich moderner aussehenden 50 Kronen-Schein hervor. Die Frau an der Kasse nickt, entnimmt ihrer Kasse einen 20 Kronen-Schein und gibt ihn mir mit der Erklärung: So sieht der aktuelle Zwanziger in Schweden aus. Aus irgendeinem Grund gibt sie mir noch 15 Kronen in Münzen als Wechselgeld und wendet sich dem nächsten Kunden zu. Wir verlassen das Geschäft im Wissen etwas Bargeld losgeworden zu sein und leckere Chips gekauft zu haben. Erst ein gutes Stück des Weges später kommt uns die Abrechnung doch etwas spanisch vor. Kurz nachgerechnet: Die Chips kosten 35 Kronen, wir zahlen 50 Kronen und bekommen 20 Kronen als Schein und 15 Kronen in Münzen als Wechselgeld zurück. Sind zwanzig Kronen zu viel, oder eben rund zwei Euro. Schon wieder Gewinn gemacht. Wir haben definitiv eine Strähne. Der Wasalauf ist nicht das einzige Highlight in dieser kleinen Provinzstadt. Diese beherbergte einst einen international bekannten Maler, dessen Andenken noch heute sehr hochgehalten wird. Die Rede ist von Anders Zorn, einem deutschstämmigen Künstler, der mit seinen Kunstwerken weit über schwedische Grenzen hinaus berühmt wurde. In Mora gibt es neben seinem Wohnhaus mit Garten und Atelier auch das Zornmuseet - das Zornmuseum. Wir beschließen ein Blick auf das Zorn'sche Anwesen zu werfen und betreten den – selbstverständlich – perfekt gepflegten Garten. Hier und da steht eine kleine Statue zwischen den Blumen. Eine gelbe Villa befindet sich am anderen Ende des Gartens. Deren Eingangsbereich hat aktuell eine Besuchergruppe völlig in Beschlag genommen. Menschenscheu wie wir nun einmal sind gehen wir diesen Touristen aus dem Weg und besuchen lieber das Café in einem Nebengebäude. Die Beschäftigte an der Kasse ist gerade dabei den Innenraum zu reinigen. Vorsichtig frage ich, ob das Café etwa geschlossen sei, oder ob wir noch etwas bekommen? Wir bekommen zwei Stücken viel zu süßen Kuchens, organisieren uns eine Karaffe Wasser mit zwei Gläsern und nehmen an einem der Tische außerhalb des Gebäudes Platz. Aufgrund der Baustelle der E45 am See wird der Verkehr auf die hier direkt vorbeiführende Straße umgeleitet. Der Verkehrslärm dieser Umleitung lässt es leider nicht zu, dass das Zorn’sche Anwesen seinen Zauber richtig entfalten kann. Etwas mehr Ruhe und dieser Ort wäre einfach paradiesisch. Aber nicht nur der Verkehr stört akustisch. Vier Dohlen hüpfen zwischen den unbesetzten Tischen umher und zanken sich lautstark um die kulinarischen Hinterlassenschaften früherer Café-Besucher. Nach so vielen Kalorien muss unbedingt etwas Bewegung her und so machen wir nach dem Verlassen des Cafés einen kleinen Abstecher zur Kirche. Die Faszination an alten Kirchen und Kirchhöfe (Friedhöfe unmittelbar an Kirchen) hat uns schon immer begleitet. Es ist halt die Neugier, hier und da etwas Außergewöhnliches entdecken zu können. Und tatsächlich: der eine oder andere Grabstein schaut halt recht interessant aus. Die Datumsinschriften auf einigen Grabsteinen sind an einigen Steinen anders als gewohnt. So wird Tag und Monat wie ein mathematischer Bruch mitten in die Jahreszahl eingefügt. Der 1. Februar 1950 wird beispielsweise so dargestellt: 19 1/2 50. Einige recht alte Gräber haben den Rang eines Kulturgutes. Ein kleines Schild neben dem Grabstein weist darauf hin. Einige so gekennzeichnete Grabsteine haben sich Laufe der Zeit stark zur Seite geneigt und werden mit einem Strick gegen ein Umfallen gesichert. Das wirkt wenig seriös. Aber was verstehen wir schon davon? Auch das Grabmal des Künstlers Anders Zorn und seiner Frau befindet sich hier auf diesem Friedhof, womit wir nun genug gesehen haben und in Richtung Stadtzentrum gehen. Systembolaget Tag 3 – Mittwoch, 28.08.2024; N 61°00'16″ O 14°32'18″ Unser letztes Ziel am heutigen Tag heißt Systembolaget. Das Systembolaget ist die einzige landesweite Handelskette, bei der es hochprozentigen Alkohol zu kaufen gibt. Anders als im Süßigkeitsladen vorhin muss man hier älter als 20 Jahre alt sein um erfolgreich ein paar Flaschen oder Dosen käuflich erwerben zu dürfen. Da fällt mir doch glatte eine Begebenheit vergangener Tage ein. In Schweden ist es üblich, dass minderjährige Flüchtlinge ein Bleiberecht erhalten. Einige junge arabischstämmige Männer wussten dies zu nutzen und gaben an auf ihrer Flucht sämtliche Ausweispapiere verloren zu haben. Also galten sie nun als minderjährig und allein ihr erwachsenes Aussehen genügte den Verkäufern im Systembolaget nicht, um ihnen alkoholische Getränke zu verkaufen. Man kann halt manchmal nicht alles bekommen. Bei mir überwiegt heute in diesem Laden die Neugier als dass ich mich ernsthaft mit Alkohol eindecken möchte. Gibt es meinen irischen Lieblingswhiskey und was mag er kosten? Welche Biersorten gibt es und zu welchem Preis werden diese angeboten? Und vor allen Dingen: Finde ich irgendwas für meine beinahe alkoholabstinente Frau? Aus Neugier wird angesichts des großartigen Angebotes schnell Gier und so gibt es nun nur noch zwei Fragen zu beantworten: Was wollen wir kaufen? Und wie viel davon? Für Esther suchen wir irgendwas Sprudeliges, Fruchtiges und entscheiden uns für ein Mischgetränk aus Cider und Fruchtsaft, wobei das breite Spektrum des Cider-Angebotes ziemlich beeindruckend ist. Daheim gibt's Cider zwar auch, aber alkoholische Mixgetränke wie Alkopops haben aber klar die Nase vorn. Hier hingegen finde ich nirgendwo Alkopops. Auch Biermischgetränke wie Hefeweizen mit Grapefruit entdecke ich nicht. Aber hey, mein Lieblingsprosecco ist am Start und mit 99 Kronen, also rund neun Euro beinahe preiswert. Guck an! Der Irish Whiskey ist hingegen erwartungsgemäß etwa doppelt so teuer wie daheim. Beeindruckend ist, dass viele der hochprozentigen Getränke ebenfalls als 0,35 Liter-Flaschen angeboten werden. Das macht das ganze zwar nicht preiswerter, aber man kann sich so einmal quer durchs Angebot trinken, ohne gleich Privatinsolvenz anzumelden. Das Bierangebot ist ungeahnt vielseitig. Deutsches, tschechisches, polnisches, niederländisches, amerikanisches, italienisches, finnisches und schwedisches Bier in Flaschen und Dosen stehen friedlich nebeneinander und warten auf durstige Freunde dieses edlen Hopfengetränkes. Etwas verwirrend erscheint mir ein niederländisches Bier mit dem vielsagenden Namen „Bavaria“. Hier ist was los! Verwundert vergleiche ich die Preise einzelner Biersorten mit denen meines bevorzugten Getränkemarktes im Rheinland. Die Unterschiede sind weniger groß als erwartet. Klar, ein gutes Stout (Guinness sei hier mal ausgeklammert) steht auch in Deutschland im Regal bei den speziell gebrauten und handgestreichelten Bieren, deren Preise wohl auch in Schweden als Wucher gelten würden. Ein kleiner Ausflug in meine kleine hopfenlastige Welt: Seit ein paar Jahren teste ich spaßeshalber Biere. Zum Dank bekam ich bis vor wenigen Jahren eine Prämie für mindestens hundert per App bewertete Biere pro Jahr. Diese Prämie bestand – wen wunderts - aus einer Kiste mit Bieren verschiedener zum Teil unbekannten Brauereien. Auch wenn es inzwischen keine Prämien mehr gibt, macht das Probieren verschiedener Biere noch immer Spaß. Um einhundert verschiedene und bislang noch nicht probierte Biere auch in diesem Jahr zu finden, muss ich mich hier in Schweden ordentlich ins Zeug legen. Die Anzahl mir unbekannter Biere in diesem Getränkeladen ist jedoch absolut überwältigend, daran soll es also nicht liegen. Nur – wann soll ich das alles testen? Zumal Esther bei diesem Spielchen kaum mitspielen wird, da sie meine kleinen Alkoholexzesse überhaupt nicht leiden kann. Also werde ich überwiegend auf das im normalen Supermarkt erhältliche Leichtbier mit höchstens 3,5 % Alkohol zurückgreifen. Wir erreichen die Kasse. Zu meinem Entsetzen verlangt man nicht unsere Ausweise zu sehen. Verdammt! Sind wir schon so alt, dass man unser Alter nicht überprüfen möchte? Das ist deprimierend! Wir sollten umdrehen und aus Frust den Einkaufswagen mit Hochprozentigem beladen. Aktuell befinden sich im Einkaufswagen lediglich vier Flaschen, zwei Cider und zwei Bier. Ach was solls, dann sind wir eben alt. Um sieben Euro erleichtert verlassen wir den Laden. Es geht zurück ins Hotel, vorbei am Bahnhof von Mora. Ab hier verkehrt die Inlandsbanan, eine überwiegend touristisch genutzte Eisenbahnlinie, die bis hinauf nach Lappland führt. An vielen Sehenswürdigkeiten, wie etwa bei der Überquerung des Polarkreises legt der Zug Stopps für seine Passagiere ein. Billig ist so eine Reise nicht, dafür aber unglaublich faszinierend. Wer weiß, vielleicht, eines Tages… Zurück auf dem Hotelzimmer nutze ich die Chance etwas gegen meine Müdigkeit zu tun. Ich lege mich für einen Moment aufs Bett, schließe die Augen und schlafe die nächste Stunde wie ein Murmeltier. So kommt es, dass einiges an Zeit ins Land gezogen ist als ich mein kleines Nickerchen beende. Das Wetter ist wie vorhergesagt am späten Nachmittag noch recht angenehm. Wir schnappen unsere iPads, setzen uns auf die Terrasse und genießen die allmählich versinkende Sonne. Unser Gastgeber lässt sich kurz sehen, fragt wie unser Tag war und verschwindet wieder. Irgendwann steht unsere Unterkunft der wärmenden Sonne wortwörtlich im Weg und so sitzen wir schnell im Schatten. Ohne die wärmenden Sonnenstrahlen wird es schnell kühler, dennoch halten wir es noch einige Augenbliche im Freien aus. Dabei dürfen wir am eigenen Körper feststellen, dass sich manch fundamentale Ansichten über die Evolution zu mindestens in Teilen als falsch erweisen. Nicht der Mensch steht an der Spitze der Nahrungskette. Hier auf der Terrasse stellt mein Körper eine Art Selbstbedienungsbuffet für hungrige Mücken dar, die sich allzu gern bedienen. Erst reagiere ich noch recht passiv und unbeeindruckt, unterschätze die Gefahr und brenne die Bissstellen mit meinem Mückenbissbrenndings aus. Doch irgendwann lassen sich die fliegenden Ungeheuer nicht mehr ignorieren und panisches Herumschlagen befeuert bestenfalls deren Angriffslust. Mein zackiges „Rückzug“ hallt in die anbrechende Nacht. Wir schnappen unsere sieben Sachen und stürmen ins Innere des Hauses. Noch gesättigt vom verspäteten Mittagessen beschließen wir auf das Abendessen zu verzichten. Wir haben Käse im Kühlschrank, verschiedene Dosen mit Chips und die Getränke aus dem Getränkeladen. Mit dieser kalorienreichen Auswahl kommen wir bestimmt zurecht. Und dann wäre da noch ein ordentliches Stück (immerhin 670g) milder Käse, dem wir mit einem typischen schwedischen Käsehobel zu Leibe rücken werden. Für die abendliche Unterhaltung sorgt das TV mit der Eröffnungsfeier der Paralympics in Paris. Dazu gönne ich mir ein Leichtbier (Falcon Bayerskt Bärnstenslager), welches zu meiner Freude ausgesprochen gut schmeckt. Während dessen genießt Esther die erste Dose Cider mit Erdbeer-Limettengeschmack. Am Rande müssen wir feststellen, dass die Paralympics keinen sonderlich hohen Stand im schwedischen TV genießen. Mitten in der Eröffnungsveranstaltung bricht die Übertragung ab und wird durch regionale Nachrichtenersetzt. Und langsam geht auch dieser Tag vorbei. Er war ereignisreich und Gott sei Dank ohne nennenswerte Rückschläge. Morgen geht unser Roadtrip weiter mit einer etwa zweistündigen Fahrt nach Järvsö. Gehetzt von Terminen werden wir früh aufbrechen müssen und haben somit eine willkommene Motivation heute zeitig ins Bett zu gehen. Vom Duschvorhang Tag 4 – Donnerstag, 29.08.2024; N 61°00'37″ O 14°34'48″ Der Donnerstag beginnt ruhiger als der Mittwoch. Niemand wirft mit Türen, springt auf Dielenböden herum oder meint in aller Frühe abreisen zu müssen. Es bleibt alles ruhig und so sind wir beinahe ausgeschlafen als der elende Wecker diesen Tag einläutet. Punkt 12 Uhr ist der Besuch eines Tierparks im etwa zwei Stunden entfernten Järvsö geplant, wir sollten also Mora bis spätestens zehn Uhr verlassen haben. Zuvor gehts unter die Dusche, es wird gefrühstückt, unsere sieben Sachen zusammengepackt und im Auto verstaut. Und dann nichts wie weg aus Mora. Soweit der Plan. Und hier nun die Umsetzung: Wir springen motiviert aus dem Bett und werden direkt vor dem Duschraum im Keller ausgebremst. Die Tür ist von innen abgesperrt und hinter der Tür ist die Dusche zu hören. Gut, dass es noch eine weitere Dusche gibt, die jedoch wenig einladend wirkt. Zu eng, mit Duschvorhang, dunkel. Kann schon sein, dass es Leute gibt, die es mögen, wenn sich einem der nasse Duschvorhang ungefragt um die Hüften legt. Besser gar nicht weiter daran denken. Dieser Duschraum ist kaum ein Viertel so groß wie der andere Raum. Eine Wand wird von einem Tarnnetz verdeckt, welches mit ein paar Plastikblumen gespickt dieses Loch freundlicher wirken lassen soll. Aber das funktioniert nicht einmal im Ansatz. Der Platz reicht kaum für zwei Personen. Trotzdem bekommen wir das irgendwie geregelt. Immerhin. Das Wasser in der Dusche will sich nicht auf eine Temperatur festlegen. Es schwankt zwischen ordentlich heiß (aber noch erträglich) und einem „gleich wird's lauwarm“. Dies sorgt für ein völlig neues Duscherlebnis, ein Wechselbad im Stehen. Oder kurz: Wellness! Unsere morgendliche Körperpflege findet irgendwann ein gutes Ende und unser Urlaub ist wieder um ein kleines Erlebnis reicher. Das Frühstück bringt keine neuen Erkenntnisse. Neben Knäckebrot gibt es erneut keine Backwaren wie Brötchen, Toastbrot oder dergleichen. Die Auswahl im Kühlschrank ist unverändert mäßig. Machen wir einfach das Beste draus. Wenigstens müssen wir heute nicht das schmutzige Geschirr anderer Gäste abwaschen. Auf der Terrasse herrschen trotz Sonnenschein heute nur kalte 10 Grad. Wir frühstücken deshalb auf dem Zimmer. Es gibt Knäckebrot und Käse, Ei und Kaffee. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Davon kann man in der Tat satt werden und schmecken tuts auch. Vielleicht muss man das Gute auch mal in weniger komfortablen Situation suchen. Es lohnt sich. Während ich ein paar Fotos dieser in jeder Hinsicht eindrucksvollen Behausung mache, ist Esther dabei unsere Sachen zu packen. Wir ziehen die Betten ab, beladen das Auto und verlassen das Prinsgården B&B pünktlich um zehn. Wir kreuzen die Reichstraße 70 und verlassen Mora schließlich auf der Europastraße 45. Und am Ortsausgang winkt traurig ein letzter Blitzer.   Hälsingland Ensam på vägen Tag 4 – Donnerstag, 29.08.2024; N 61°8'31″ O 15°8'16″ Es dauert eine geschlagene Stunde bis wir wieder einen Blitzer begegnen. Die ganze Zeit über rollt der Ford durch eine ländliche Landschaft, die sich fast durchweg durch Wälder, Seen und Berge definiert. Hier und da begegnen wir einzelnstehende Gehöfte, die meist aus einem anderen Jahrhundert stammen. Landwirtschaft wird kaum betrieben. Wir fahren durch nahezu unberührte Natur und kommen trotz der maximal erlaubten 80 km/h gut voran. Gut, der Fahrerin unseres Personenkraftwagens der Marke Ford ist es zu langsam. Madam Bleifuß kann mit der betörenden Kraft der Einsamkeit hier draußen einfach wenig anfangen. Irgendwann wechseln wir vom Länsväg 296 auf den Länsväg 301. An einer Straßengabelung bei der kleinen Ortschaft Arvet springt einem ein Plakat ins Auge. „THATS ALL BULLSHIT - AND IT'S BAD FOR YOU!“ - begleitet von den Logos bekannter und weniger bekannter Social Media-Plattformen. Zum Fotografieren geht es gerade zu schnell. Leider. Oder auch nicht. Die Message ist auch so angekommen. Aber ob sie etwas ändern wird? Die Straße ist nach wie vor in einem recht guten Zustand. Da gibt es nichts zu kritisieren. Keine Schlaglöcher, keine notdürftig ausgebesserten Stellen und keine Spurrillen. Einfach nur tadelloser Asphalt soweit das Auge reicht. Wenn ich die geografischen Gegebenheiten auf der Karte richtig deute, verlassen wir in Furudal den Siljan Ring, also das Gebiet des bereits mehrfach erwähnten Einschlagskraters. Hier in Furudal befindet sich unter anderem eine der größten und ältesten Eishockeyschulen Schwedens. Außerdem gibt es hier einen schönen Blick auf den Oresjön, einem recht beeindruckenden See, der wie der Siljan bei Mora zu den sichtbaren Hinterlassenschaften des Asteroideneinschlages vor rund 370 Millionen Jahren gehört. Etwa fünfzig Kilometer weiter verlassen wir den Länsväg 301 in Edsbyn - einer Kleinstadt, die auch wie eine solche ausschaut. Häuser sind aus Stein und haben zwei und mehr Etagen. Es gibt Bürgersteige, auf denen Leute unterwegs sind. Auf der Straße muss tatsächlich hier und da die Vorfahrt beachten. Das artet ja fast schon in Stress aus! Und genau hier hält das Navi eine kleine Überraschung für uns parat. Statt den etwas längeren Weg über den Reichsweg 50 nach Bollnäs zu empfehlen, konfrontiert es uns mit einer kleinen Abkürzung. Natürlich! Unser Smartphone-Navi kennt eine ganze Menge Abkürzungen, von denen nicht alle es wert sind gefahren zu werden. Manchmal durchkreuzten nämlich Einbahnstraßen, Straßensperrungen oder Ackerwege die Absichten unserer digitalen Streckenführung. Dem Navigator auf dem Beifahrersitz wird meist flau im Magen, wenn die Navigationssoftware zu experimentieren beginnt. Und genau das scheint gerade der Fall zu sein. Die empfohlene Route führt uns durch den kleinen Ort Roteberg, in dem sich die Straße zur Schotterpiste zurückentwickelt. Der Ford quält sich über den Schotter einen Berg hinauf und wir können kaum glauben, dass bei diesem Straßenbelag Tempo 70 erlaubt ist. Drei Kilometer später stellen wir dann erleichtert fest, dass uns das Navi auf eine asphaltierte Straße mit der Bezeichnung X682 geleitet hat. Gut, die Straße hat gerade keine Fahrbahnmarkierung, Verkehrsschilder oder Leitplanken, aber es sind nur noch 50 Kilometer bis zum Tierpark. Diese Straße könnte sich auch irgendwo in Nordamerika oder in Sibirien befinden. Immer wieder, wenn wir eine Hügelkuppe überfahren, bekommen wir einen weiten Ausblick auf die weite Landschaft und unsere nicht enden wollende Straße. In diesen unendlichen Weiten kommen menschliche Behausungen selten vor und entsprechend wenig Verkehr ist unterwegs. Wir haben die Straße ganz für uns allein. Doch statt diesen Umstand zu nutzen und mal so richtig auf die Tube zu drücken, nun ja… Es geht mit sage und schreibe achtzig Sachen durch dieses Nirgendwo. Die schwedischen Strafen für Tempoüberschreitungen haben es in sich und für ein paar Momente rasender Freude möchte man seine Urlaubskasse sicher nicht gefährden. Esther ist trotzdem bedient. Vom Tempo (Esther: noch langsamer und wir fahren rückwärts) und leider auch von der Eintönigkeit der Landschaft. Vielleicht sollte sie den Tempomaten anwerfen, das Lenkrad festbinden und ein Nickerchen machen. Was soll in dieser Einöde schon passieren? Selbst das heilige Internet hat sich von diesem Landstrich abgewendet. Ohne Internet gibt es kein Internetradio und ohne Internetradio keine Musik. Stille erobert das Fahrzeuginnere! Nur das Motorgeräusch, die Reifen auf der Straße und ein Frosch, der sich lautlos in den Straßengraben rettet. Bei aller Liebe zur friedlichen Ruhe dieses malerisch langweiligen Landstriches, aber dies ist kein Ort, an dem man mit einer Fahrzeugpanne liegen bleiben möchte. Erneut und wie zuvor recht unvermittelt wechselt die Asphaltdecke der X682 zur Schotterpiste. Trotzdem sind weiterhin 80 km/h erlaubt. Diese Geschwindigkeit erreichen auf diesem Untergrund nur Volvos und deutsche Schützenpanzer, die keine Rücksicht auf die Splitterwirkung des Schotters nehmen müssen. Die Einheimischen, denen die Optik ihrer Autos selten wichtig ist, brettern wahrscheinlich mit ihren Pickups über diese Piste, als gäbe es kein Morgen mehr. Ist der Lack erstmal ab, dann ist der Lack halt ab. Dem Ford Focus wollen wir das nicht zumuten. Unser Verhalten ist möglicherweise einer gewissen deutschen Mentalität geschuldet, in der das Auto quasi zur Familie gehört. Dementsprechend fährt Esther zähneknirschend nun noch etwas langsamer. In weiser Voraussicht, dass das irgendwas in ihr bewirkt, suche ich auf dem Handy schon einmal ein paar Adressen hervorragender Seelenklemptner im Rheinland heraus. An der tristen (Esther) und atemberaubenden (ich) Landschaft hingegen ändert sich hingegen nichts. Wie auch. Baum reiht sich an Baum, die Straße erstreckt sich noch einige Kilometer vor uns und über all dem belohnt uns ein sommerlich blauer Himmel. Die Wahrheit hinter dieser gefühlten Endlosigkeit inmitten der skandinavischen Wildnis ist jedoch niederschmetternd. Die Tour wird sich nicht noch Tage so hinziehen, nein, wir reden nur von etwa fünfzig Kilometern. Nicht mehr und nicht weniger. Und das Ganze mit gnadenloser Schrittgeschwindigkeit. Man kann es auch so beschreiben: Jammern auf ganz hohem Niveau! Wenigstens reißt hier und da eine Fahrbahneinengung den dahin dösenden Fahrer aus allen Träumen. Mag sein, dass die Straße zu 99 Prozent breit genug ist, damit zwei Fahrzeuge mit Tempo 80 aneinander vorbei rasen und sich gegenseitig mit Rollsplitt eindecken können. Doch beim Ausbau der Fahrbahn unterlies man es die Brücken auf die neue Fahrbahnbreite anzugleichen. Das Ergebnis: über diese Brücken kommt immer nur ein Fahrzeug. Das Andere gewährt Vortritt oder zerschellt an der Leitplanke. Die Fahrt auf dieser zähen Angelegenheit von Landstraße kann also auch mit Überraschungen aufwarten. Die nächste Überraschung: ein asphaltierter Straßenbelag löst den Schotter wieder ab. Schneller fahren dürfen wir trotzdem nicht. Der Sinn steht ohnehin nach einer kurzen Pinkelpause. Eine Raststätte wäre grad sehr willkommen, aber im weiten Umfeld gibt es überhaupt keine menschliche Behausung, keinen Verkehr und deshalb zu Recht auch keine Tankstelle mit Toilette und Kaffeeautomaten. Welche Wahl bleibt uns also? Wir halten irgendwo im Nirgendwo und parken das Auto auf einem sich langweilenden Seitenstreifen. In dieser menschenleeren Gegend könnte man sein Geschäft ungestört direkt an der Straße erledigen. Aber dank einer guten Erziehung sucht man instinktiv nach etwas Vegetation als Deckung. Passendes Gebüsch gibt es hier im Überfluss, da braucht es in der Tat keine Raststätte. Nach der völlig unspektakulären Pinkelpause geht's unter einem strahlend blauen Himmel und bei angenehmen Temperaturen um die zwanzig Grad weiter in Richtung Järvsö. Selbstverständlich im gewohnten Tempo so um die achtzig Sachen. Die Region wird inzwischen bergiger und unsere Straße kurviger. Die Anzahl menschlicher Behausungen nimmt allmählich zu. Eine Ortschaft namens Harsa ist erreicht, möglicherweise ein Wintersportort, doch jetzt, Ende August, ist hier wenig los. Eine Brückenbaustelle bei Grönås zwingt uns an einer Ampel haltzumachen. Natürlich könnte ich jetzt von wartenden Autos, stauähnlichen Zuständen oder dergleichen schreiben. Aber nein. Weit und breit kein Auto in Sicht. Trotzdem müssen wir vor einer roten Ampel halten und artig warten. Es wird grün und Esther lässt den Ford sacht über einen Feldweg rollen und umfährt gekonnt die Baustelle. Damit endet dieses kleine Abenteuer der automobilen Tiefenentspannung. Der Reichsweg 83 ist erreicht, der Verkehr nimmt schlagartig zu, was wenig verwundert. Schließlich ist es nun nur noch ein Katzensprung bis Järvsö. Vildriket Järvsö Tag 4 – Donnerstag, 29.08.2024; N 61°42′49″ O 16°10′0″ I Wie geplant erreichen wir pünktlich zu Mittag Järvsö, die kleine Stadt am Fluss Ljusnan. Ein Wegweiser kurz hinter dem Ortseingang weist hinauf zum heutigen Ausflugsziel, dem Vildriket. Vildriket heißt wörtlich übersetzt „wildes Königreich“, ist aber tatsächlich eine Mischung aus Wildgehege und Tierpark, der in diesem Fall ausschließlich Tiere beheimatet, dies hier im Norden zu Hause sind. Als Zooliebhaber verschmähen wir selten einen Tierpark, ein Wildgehege oder Zoo auf unseren Reisen. In den letzten Jahren wurden sogar Hotels gebucht, um gut ausgeruht am folgenden Morgen die Tore eines Zoos durchschreiten können. Heute ist es mal umgekehrt: erst gibt es den Tierpark und danach das Hotel. Ein neugieriger Blick auf unsere Wander-App bestätigt die bergige Angelegenheit vor uns. Dutzende Höhenlinien überziehen den kleinen Smartphone-Screen und lassen übles vermuten. Ich schiebe die Gedanken schweißtreibende Pfade zwischen übelriechenden Käfigen schnell beiseite und widme mich dem Geschehen am Nachbarberg. Dort befördern moderne Glasgondeln einer Seilbahn adrenalinsüchtige Fahrradfahrer den Berg hinauf. Oben angekommen schwingen sich die Verrückten auf den Fahrradsattel ihres Vertrauens und stürzen sich lebensmüde den Järvsö Bergcycel Park wieder hinab. Macht das Sinn? Bin ich zu alt für etwas Spaß am Freitagnachmittag geworden? Ist dieser Sport die schneelose Alternative für den alpinen Wintersport zu Zeiten fortschreitenden Klimawandels? Wir betreten das Eingangsgebäude des Tierparks und sehen uns von aufdringlichen Kuscheltier-Regalen umringt. Kommerz oder Kindererziehung? Ob sich der antiautoritär erzogene Nachwuchs davon tatsächlich abhalten läßt, ein echtes fleischfressendes Tier zu entführen? Aber herrje, was soll schon passieren? Wir sind hier im hohen Norden. Das gefährlichste Tier in Skandinavien dürfte der Braunbär sein und den bekommt der Kleine sicher kaum in seinen Rucksack. In jedem anderen Fall sorgt eine Tetanusspritze für die Rückkehr der Normalität im geliebten Elternhaus. Egal, in jedem Tierpark der Welt gibt es Regal mit Kuscheltierchen und sorgt dafür das sich die Kasse füllt. Genau dort will ich unsere digitalen Tickets vorzeigen, doch für die interessiert sich die nette Dame hinter dem Tresen kaum. Stattdessen weist sie auf die QR-Scanner an den Durchgangstüren und schickt uns mit der Info, dass die Verpflegungspunkte im weiten Rund geschlossen sind, auf die Reise. Die Saison ist halt vorbei. Der QR-Scanner akzeptiert unsere Eintrittskarten und gibt kommentarlos den Weg frei. Dann mal rein in die gute Stube! Wir betreten den Järvsö Vildriket. Vor uns führt ein breiter Holzsteg durch einen Nadelwald. Rechts und links verhindert ein Zaun das Verlassen des Steges und nimmt uns quasi an die Hand. Dieser eine Weg ist momentan alternativlos, so dass uns nichts anderes übrig bleibt als ihm zu folgen. Und es geht fürs Erste nur in eine Richtung: hinauf! Das erste Gehege, welches wir zu sehen bekommen, soll Wölfe beherbergen. So stehts auf unserem Faltplan. So stehts auch am Schild direkt am Zaun. Gemeinsam mit einer anderen Besucherin schauen wir etwas ratlos und enttäuscht über das verlassen wirkende Terrain. Doch eine ungeduldige Neugier treibt uns weiter und als nächstes spazieren wir an einem Igelgehege vorbei. Erneut ist niemand zu Hause. Weil die Saison vorbei ist? Es folgt ein umzäunter Bereich mit zwei Bergziegen, welche sich sonnen und sich dabei von nichts stören lassen. Aber sie sind da und das ist schon eine Erwähnung wert. Okay, dann lassen wir die Ziegen ihr Ding machen und folgen unserem Pfad. Selbstverständlich bergan. Linkerhand befindet ein weitläufiger Spielplatz. Der richtige Ort um hyperaktive Kinder ein paarmal auf und ab zu jagen. Bewegung ist gesund, macht muntere Kinder müde und schenkt den Tieren und uns ein paar Momente nötiger Ruhe. Ruhe! Just in diesem Moment fällt einem die ungewöhnliche Stille ringsherum im Wald auf. Es ist so ruhig, dass man den Wind durch die Baumwipfel streichen hört. Nirgendwo kreischen Kinder herum und versuchen sich in Sachen Lautstärke zu überbieten - ganz so wie es eigentlich in Zoos und Tierparks üblich ist. Wow! So etwas muss man erst einmal sacken lassen. Tief durchatmen und die wohltuende Stille in vollen Zügen aufsaugen. Herrlich! Durch die Bäume hindurch zeichnen sich die Umrisse eines Gebäudes ab. Laut Plan erwartet uns dort ein Hotel. Unser Steg führt genau in diese Richtung und teilt sich am Varghotell - zu Deutsch: dem Wolfshotel. Man kann in diesem Wolfshotel tatsächlich übernachten. Eine exquisite Lage für ein Hotel und dass spiegelt sich natürlich auch im Preis wider. Zwei Übernachtungen im Varghotell für zwei Personen im Doppelzimmer kostet 7100 schwedische Kronen, rund 620 Euro. Aber dafür bekommt man auch etwas geboten. Die Zimmer haben Panoramafenster mit Blick ins Wolfsgehege. Glaubt man den Fotos auf der Webpräsenz des Wolfshotels, wagen sich die Wölfe bis an die großen Panoramafenster heran. Als Hotelgast kann man zudem kostenlos zu jeder Tages- und Nachtzeit durch den Tierpark schlendern, was besonders in den langen hellen Sommerabenden seinen Reiz hat. Jedenfalls wenn das Hotel geöffnet hat. Aber die Saison ist heute nun mal vorbei. Das scheinen auch die Wölfe zu wissen und lassen sich auch hier oben nicht sehen. Ihnen fehlt offensichtlich das Entertainment hinter den großen Hotelfenstern. Wir lassen das Hotel hinter uns und folgen an einer Gabelung dem Steg, der uns in Uhrzeigerrichtung durch den Park führen wird. Erwähnte ich bereits, dass es nach wie vor strikt bergauf geht? Der Wald lichtet sich und das Elchgehege taucht vor uns auf. Nach Bewohnern muss nicht lange gesucht werden. Eine Elchkuh liegt etwa dreißig Meter vom Weg entfernt und schaut neugierig herüber. Ähnlich interessiert beobachten uns zwei Jungtiere aus deutlich größerer Entfernung. Ein stattliches Elchgeweih bekommen wir allerdings nicht geboten. Papa Elch ist nicht zuhause. Wahrscheinlich wurde der Elchbulle zum Schutz der beiden Jungtiere in ein anderes Gehege verbannt. II Unsere Tour führt uns weiter bergan. Wenn man dem Faltplan Glauben schenkt, dann sollten uns gerade ein paar Rentiere argwöhnisch beäugen. Aber da ist mal wieder nur ein leeres Gehege. Und auch nebenan: Leere statt Moschusochsen. Ein Stück weiter hält endlich das Faltblatt was es verspricht. Wir bekommen Rentiere zu sehen. Domestizierte Rentiere zwar, aber das macht gerade keinen Unterschied. Das Geweih der meisten Tiere ist wie mit Filz überzogen. Anders beim Rentier-Bullen. Sein Geweih ist glatt und spitz. Er ist hier eindeutig Chef im Ring und sein Interesse gilt gerade einzig einer gewissen Rentier-Kuh. Die anderen Tiere dieser Herde haben ihre Ruhe und widmen sich entspannt dem bereitgestellten Futter. Eine Weile beobachten wir das Treiben, schließlich gibt es hier wenigstens ein paar hungrige Rentiere zu sehen. Dann treibt es uns weiter. Das kann es nicht gewesen sein. Da kommt bestimmt noch mehr. Das Gelände wird offener, der lichter werdende Wald gibt den Blick auf ein weites Gehege frei. Auf dem ersten Blick scheint wieder niemand daheim zu sein. Doch dann entdecken wir zwei braune zottelige Fleischberge, die es sich in der Sonne gut gehen lassen. Das Schild am Zaun erklärt, dass es sich dort um Moschusochsen handelt. Die Fleischberge dösen vor sich hin und scheren sich nicht im Geringsten um die neugierigen Tierparkbesucher am Zaun. So viel tiefenentspannte Gelassenheit ist kaum auszuhalten. Also weiter! Ein Rotfuchs-Gatter folgt kurz darauf und wirkt nicht nur auf dem ersten Blick leer. „Tyvärr finns det för närvarande inga rödrävar hemma.“ steht auf einem Hinweisschild. „Aktuell sind keine Rotfüchse zu Hause“ übersetzt mein Google-Übersetzer. Wir haben definitiv einen Lauf! Der auf dem Faltblatt eingezeichnete Verpflegungsbereich taucht auf. Ein heute völlig verwaister Spielplatz soll an belebteren Tagen den energiegeladenen Minderjährigen den letzten Zahn ziehen. Weitläufig, anspruchsvoll, schweißtreibend. Das könnte funktionieren. Natürlich haben heute – wie bereits angekündigt - die Imbissstände geschlossen. Einer Grillwurst wäre jetzt nicht schlecht, selbst wenn meiner Meinung nach schwedische Bratwürste nur mit sehr viel Senf genießbar sind. Doch die Ferien sind vorbei und für die überschaubare Besucherzahl stellt sich wohl niemand hinter den Grill. Ja, zwei Sachen scheinen sich heute stetig zu wiederholen. Zum einen die schmerzhaften Konsequenzen aus der seit ein paar Tagen beendeten Saison. Und zum anderen nervt sicher langsam die ständige Erwähnung des aufwärts führenden Weges. Aber immerhin: Der bislang stetig bergan führende Weg schlägt sich auch in Höhenmetern nieder. Wir befinden uns inzwischen auf alpinen 350 Metern Höhe. Gestartet sind wir auf dem Parkplatz bei rund 200 Metern. Macht gnadenlose hundertfünfzig Höhenmeter! Gebirgswanderer und Alpinisten werden jetzt müde lächeln, Einheimische sowieso. Wir hingegen werden gleich die Sauerstoffflaschen auspacken. Puh! Wenn ich beim Lesen der Karte nicht völlig falsch liege, sollte das Schlimmste überstanden sein. Sprich: wir sind beinahe oben. Allerdings entfernt sich unser Steg gerade unmerklich aber stetig vom Boden und mausert sich zum Baumwipfelpfad. Da kommt eine unerwartete Herausforderung auf uns zu. Wir sind beide nicht sonderlich höhentauglich. Deshalb behalte ich diese Entdeckung erstmal für mich. Esther wird die gähnenden Abgründe beiderseits des Stegs noch früh genug entdecken. Unser Weg führt schon nach kurzer Zeit etwa fünf Meter Höhe über den Erdboden. Über uns gibt’s einen sommerlich blauen Himmel, unter uns felsigen Waldboden und beiderseits neben uns dunkelgrüne Baumwipfel. Fast schon zu idyllisch um wahr zu sein. Am linken Handlauf entdecke ich übereinander angebrachte straffe Metalldrähte. Interessant! Führen diese Drähte Strom? Will ich das wirklich herausfinden? Und wozu das Ganze? Wie zur Erklärung taucht linkerhand ein Gehege mit einem überaus hohen Zaun auf. Darin muss etwas sehr Gefährliches untergebracht sein. Welches Tier in Skandinavien ist derart gefährlich, dass es soviel Sicherheit bedarf? Wie gut kennen wir Skandinavien eigentlich? Das Blutrünstigste, was einem hier begegnen kann sind doch bestenfalls Schwärme von Milliarden durstiger fieser Mücken. Oder? Ein schwedisches „Nicht berühren“ soll wohl jedwede Experimentierfreude in Bezug auf die Drähte am Geländer im Keim ersticken. Ein paar Schritte weiter ist endlich klar weshalb: Auf dem zoologischen Präsentierteller direkt unter uns bewegt sich ein zutiefst launischer Braunbär. Ein weiterer Bär befindet sich am Hang weiter oben. Der launische Bär unter uns knabbert an einem im Wasser schwimmenden Fell. Sind das die Reste vom vermissten Elchbullen? Oder gar von einem Tierparkbesucher, der so verwegen war, den Teddybär streicheln zu wollen? Jedenfalls ist der Braunbär aktuell beschäftigt und kommt nicht auf die Idee, die Leute auf dem Baumwipfelpfad aus nächster Nähe zu beschnuppern. Der zweite Bär trabt hinzu, schaut sich das Getue seines Artgenossen an und tappst dann gelangweilt davon. Über uns kreisen laut kreischend einige Kolkraben und belästigen uns auf die übelste akustische Art und Weise. Ausgleichende Gerechtigkeit? In diesem Tierpark werden ausnahmsweise mal nicht die Tiere durch lärmende Kinder malträtiert. Stattdessen schlägt hier die Natur erbarmungslos zu und malträtiert unsere Ohren. Selbst dem Braunbären unter uns scheint der Lärm zuviel zu sein. Entnervt lässt er das Dingsda (hoffentlich nur ein belangsloses Stück Fell) im Wasser zurück und trabt dem anderen Bären hinterher. Den lärmenden Krähen dürfte das nur recht sein. Ich mache es dem Bären gleich und trabe Esther hinterher, die inzwischen weiter gegangen ist. Ein paar Tierparkbesucher holen uns ein. Das ist nicht weiter verwunderlich, da wir auffällig langsam unterwegs sind und dabei die frische Luft und die Ruhe genießen (und natürlich glücklich sind, dass es nicht mehr bergan geht). Abgesehen vom Tierparkbesuch steht heute nur das Einchecken im Hotel an. Nichts und niemand treibt uns. Es ist fast wie im Urlaub. Ehm, moment… egal… Ein weiteres Wolfsgehege ist erreicht. Dieses wirkt deutlich überschaubarer. Die Vegetation ist durch den felsigen Untergrund nur spärlich vorhanden. Ein Blick ins weiter Rund bringt also – wieder nichts! Selbst schuld denke ich. Gibt's doch in Deutschland an allen Ecken und Enden inzwischen Wölfe, selbst nördlich der Eifel werden erste Wölfe gesichtet. Warum also hier, knapp 2000 Kilometer von der Heimat entfernt, nach Wölfen suchen? Macht eigentlich keinen Sinn. Tatsächlich liegen die hier untergebrachten Wölfe wahrscheinlich im Schatten der vielen Felsen und blicken - von uns unentdeckt – zu uns herüber. Ob sie bereits gefüttert wurden? Grübeln sie vielleicht Dank ihres natürlichen Jagdinstinktes darüber, wie sie auf die andere Seite dieses Zauns gelangen? Hierher, wo wir Opfer stehen und uns fälschlicherweise immer noch an der Spitze der Nahrungskette wähnen. Egal, wir müssen weiter… Auch das nächste Gehege wirkt verlassen. Hier sollten sich eigentlich ein paar Polarfüchse tummeln. Möglicherweise machen sie es den Wölfen gleich und chillen im Fresskoma, irgendwo im Schatten der niedrigen Tannen. Oder sie waren das Fressen für die Wölfe. Wie auch immer, es sind jedenfalls keine Füchse zu sehen. Weder im winterlichen weißen noch im sommerlichen braunen Fell. Unser Fazit bis hierher: Keine Wölfe, keine Füchse. Selbst die Viecher scheinen das mit der Saison ziemlich genau zu nehmen. IV Das nächste Gehege soll ein Tier beherbergen, wegen dem wir eigentlich den langen Weg hierher unternommen haben. All die mühsam hervorgebrachten Argumente, die Feier zum 50. Geburtstag etwa, weil wir dringend Urlaub nötig haben oder wir gerne in Zoos und Tierparks gehen, nein, alles falsch! Der einzige Sinn und Zweck dieser Schwedenreise besteht ausschließlich darin, das merkwürdigste Tier Nordeuropas zu besuchen: den Vielfraß. Der gebräuchliche englische Name dieses Tieres lautet übrigens „Wolverine“. Mein voller Ernst! Du weißt was das bedeutet? Das Marvel-Universum ist entzaubert und die X-Men völlig am Ende! Welchen Respekt zollt man dem von Hugh Jackman gespielten Wolverine, wenn einem klar ist, dass es sich dabei nur eine mutierte Form eines äußerst gefräßigen Marderartigen handelt? Gut, Esther und meine Wenigkeit kommen damit ganz gut klar. Superhelden-Geschichten haben uns bislang kaum vom Hocker gehauen. Doch was mag der pelzige Vierbeiner dort im Gehege davon halten, für kommerzielle Zwecke missbraucht zu werden. Das schmucke Raubtier, welches wie erwähnt zu den Mardern gehört und bis zu 32 Kilogramm auf die Waage bringen kann, macht gerade seine Runde übers Gelände und läuft mir dabei wie gerufen vor die Linse. Dankbar drücke ich auf den Auslöser. Der Kopf des Geschöpfes schaut klein, gemein und verdammt bissig aus. Ich erkenne da wenig Ähnlichkeit zu Hugh Jackman. Aber was verstehe ich schon von großem Kino? Unser Vielfraß wirkt nur etwas größer als ein Dachs und dennoch ist er wohl der mächtigste Predator hier im Norden. Kein anderes Raubtier ist ihm gewachsen. Wenn erstmal Schnee liegt ist sogar der wendige Luchs gegen den Vielfraß chancenlos. Und anders als bei uns daheim liegt hier recht oft Schnee. So ein Wolverine hat es eben voll drauf! Inzwischen hat der Vielfraß seine Patrouille in diesem Teil des Geheges beendet und verschwindet wieder im Dickicht. Wie ich schon sagte: Für Momente wie diesen sind wir eigentlich hierhergekommen. Okay, und natürlich auch wegen Urlaub, Geburtstag und schwedischem Bier. Laut Karte müssten wir nun auf den Luchs treffen. Tun wir aber nicht. Also nutzen wir die Zeit und tun etwas für unser leidgeplagtes Gewissen. Selbstverständlich gehören Luchse, wie viele andere Tiere auch, einfach nicht weggesperrt in Käfige oder Gehege. Diese großen Katzen mit dem Stummelschwanz und den Antennen auf den Ohren durchstreifen in freier Wildbahn viele Quadratkilometer. Das Gelände in diesem Tierpark ist wahrscheinlich weitläufig, geländemäßig anspruchsvoll und (solange kein Schnee liegt und der Vielfraß ausbüchst) für den Luchs recht sicher. Trotzdem ist es nicht artgerecht und am Ende nur eine Zurschaustellung. Und selbst das funktioniert heute nicht. Das ausgelegte Fleisch im Gehege ist Futter und zugleich auch Köder um die scheuen Tiere hervorzulocken. Und ein sicheres Zeichen, dass es in diesem Gelände definitiv Luchse gibt. Aber davon haben wir sensationslüsterne Tierparkbesucher wenig. Mir kommt eine geniale Geschäftsidee in den Sinn: Neben der Eintrittskarte sollte den Tierparkbesuchern auch Bonus-Karten angeboten werden. Bonuskarten etwa mit der Garantie, heute definitiv einen Wolf, oder einen Fuchs oder eben einen Luchs zu sehen zu bekommen. All das kostet natürlich extra. Ist doch klar. Und um die Garantie auch wirklich zu gewährleisten, soll sich der unterbezahlte Tierpfleger gefälligst irgendetwas einfallen lassen. Ich schweife ab. Am Geländer des Holzsteges nur wenige Meter weiter sind die Umrisse bekannter Großkatzen angebracht. Wir wandeln nun auf dem „Catwalk“, wie es ein Schild passend beschreibt, und staunen über die Größenunterschiede. Der Vergleich eines Bengalischen Tigers mit einer Hauskatze wirkt erschreckend gewaltig. Wie viele Miezekatzen benötigt dieser Tiger um halbwegs satt zu werden? Und wie sehr muss ich mit meinen Hüften wackeln, um meiner Anwesenheit auf diesem Catwalk gerecht zu werden? V Unbemerkt von uns hat sich der Pfad wieder mit dem Waldboden vereint. Die Höhe hatte uns zum Glück nicht zugesetzt. Das ist nicht immer so und ist schon allein deshalb durchaus erwähnenswert. Uns bietet sich gerade die Möglichkeit vom Rundweg auszubrechen und eine kleine Aussichtsplattform zu besuchen. Das Angebot nehmen wir gerne an und werden mit einem Blick auf die Mountainbiker am Berghang gegenüber belohnt. „Über Stock und Stein“ sollte vielleicht passender „über massig Totholz und Fels“ heißen. Es mutet absolut halsbrecherisch an, was die Verrückten dort mit ihren Fahrrädern anstellen. Und während dort ein paar Schutzengel schwer gestresst über ihre Schützlinge wachen, tun wir ganz viel für unsere Entspannung und traben gemächlich zum Rundweg zurück. Welche spannenden Geschichten fallen einem eigentlich ein, wenn man an Eulen und Uhus in zoologischen Einrichtungen denkt? Meist sitzen diese Vögel gelangweilt auf einem Ast und ignorieren uns Tierparkbesucher. Provoziert man sie jedoch mit nervigen Geräuschen, dann kann es passieren, dass sie ein Auge öffnen. Zur Hälfte etwa. Das dann völlig genervt. Und dann schnell wieder schließen. Nichts ist schließlich so wichtig wie ein erholsamer Schönheitsschlaf! Es kann aber auch passieren, dass man auf diese Weise das Interesse eines Greifvogels weckt. Als ich an einem Käfig vorbei gehe, hat mich dessen Bewohner, ein Käuzchen, als potentielles Opfer ausgemacht. Seine schwarzen Knopfzellenaugen folgen mir unerbittlich auf Schritt und Tritt. Selbst wenn dies erforderlich macht, dass es sich dabei den Käuzchen-Kopf um fast 180 Grad drehen muss. Die Augen brennen sich an mir fest und egal was ich tue, der aufmerksame Blick eines Käuzchens ist mir sicher. Als wolle der Vogel damit sagen: „Freundchen, Dich behalte ich im Auge!“ Jedenfalls so lange, bis die gnadenlose Realität klarstellt, wer auf welcher Seite des Maschenzauns weiterhin sein Dasein fristen muss. Bevor uns das frustrierte Käuzchen mit Gewölle bespuckt gehen wir schnell weiter. Jedwede Grübelei über all das, was hier und heute im Tierpark nicht recht passte, scheint inzwischen wie weggeblasen. Ein paar Meter weiter erwischen wir eine der Schneeeulen außerhalb ihrer Ruhephase. Oder besser: beim Yoga. Den rechten Fuß seitwärts von sich streckend, folgt alsbald der linke Flügel die entgegengesetzte Richtung. Von dieser skurrilen Körperhaltung wechselt die Eule ansatzlos in einem angedeuteten Sturzflug, der bekanntlich üble Verspannungen in Rücken und Flügelmuskulatur löst. Das verspricht ausgezeichnete Haltungsnoten und vielleicht nur geringe Abzüge bei der B-Note. Schlagartig wird der Eule klar, dass sie beobachtet wird und wechselt prompt in die „Lasst mich doch alle in Ruhe“-Position. Doch zu spät, denn mein Handy meldet: Die Geschichte ist im Kasten! Ein paar Käfige weiter sitzt ein Steinadler wie ein Häufchen Elend am Boden und schaut störrisch zu den vorbeikommenden Besuchern hoch. Was soll ich sagen? „Augen auf bei der Berufswahl?“ „Schau, dass Du im nächsten Leben auf der anderen Seite der Gitterstäbe landest!“ oder „Kopf hoch! Du bist weder ein Truthahn, noch ist Thanksgiving!“ Hilft alles nichts. Das einzige, was diesen Adler zu besserer Laune verhelfen würde, wäre ein großes Loch im Käfig. Oder ein unvorsichtiger Tierpfleger in Schlag- bzw. Greifdistanz. Adler in Gefangenschaft haben eben selten etwas Majestätisches, Erhabenes oder Stolzes an sich. Es macht weder Spaß sich dieses Elend anzusehen, noch darüber zu schreiben. Hier zählt einzig der Pathos: Lieber tot als eingefangen! Deprimiert wenden wir uns ab und setzen unsere Runde fort. Die liebevolle Gestaltung des folgenden recht weiträumigen Buntspecht-Glaskastens ist gelungen. Viele aufrechtstehende Stämme laden die Spechte zum Picken und Perforieren ein. Die beiden Buntspechte sind recht präsent und bearbeiten hör- und sichtbar das Holz. VI Wie jeder anständige Tierpark hat auch dieser einen kleinen Streichelzoo. Ein Gatter voller großer und kleiner Ziegen, die sich über Zuwendungen der kleinen Besucher freuen - wenn die Kleinen denn dürften. Doch Pech gehabt! In diesem Tierpark heißt es nämlich: „Nur Gucken - und nicht anfassen!“ Den Ziegen geht es deshalb nicht schlechter als anderswo. Im Vergleich zu vielen anderen zoologischen Einrichtungen haben die Tiere hier richtig viel Auslauf, den die Tiere auch nutzen und dabei wie verrückt blöken. Bei dem Lärm ist es kein Wunder, dass sich offensichtlich sämtliche Raubtiere aus dem Staub gemacht haben. Damit wären wir wieder am Wolfshotel angelangt. Die Runde wäre damit abgeschlossen. Von hier aus geht der Steg nur noch hinab in Richtung Ausgang.

Eine Bewegung im Wolfsgehege lässt mich innehalten. Da war doch etwas. Eine winzige Bewegung im Gebüsch möglicherweise, nur ein Schemen im schattigen Grün. Ich bleibe stehen und schaue gespannt. Tatsächlich, erneut gibt’s eine schemenhafte Bewegung im dichten Gestrüpp etwa siebzig oder achtzig Meter bergab. Ertappt! Der Wolf gibt sein Versteckspiel auf. Vorsichtig tritt er aus dem Gebüsch. Sein gelblich braunes Fell wirkt ganz anders als das uns bekannte graue Fell eines Wolfes. Dort unten könnte auch schlanker und ziemlich großer Schäferhund stehen. Dieses Intermezzo dauert nur einen Augenblick, dann ist der Wolf wieder weg. Aber immerhin, nach Braunbär und Vielfraß gibt es nun also noch einen Wolf. Wir setzen unseren Abstieg fort und passieren erneut den Spielplatz für die ganz Kleinen, auf dem zwei Mütter mit ihrem Nachwuchs etwas Zeit verbringen. Im Gatter mit den beiden Bergziegen ist gerade mehr los als noch bei unserem ersten Besuch. Die Bergziegen haben das Chillen aufgegeben und stehen auffällig erregt am Zaun. Liegt es an den nervenden blökenden Zicklein weiter bergan? Oder etwa daran, dass vom benachbarten Wolfsgehege gerade ein Wolf interessiert in diese Richtung schaut. Tja, Nachbarn kann man sich nicht immer aussuchen. Es ist derselbe Wolf von eben. Er steht da, schaut zu den Bergziegen, schaut zu uns und trabt dann in aller Ruhe hinauf zum Hotel. Fasziniert blicken wir dem Raubtier nach. Weitere Wölfe verlassen das dichte Gebüsch. Schnell wird daraus ein Rudel, welches dem Leitwolf bergauf in Richtung Wolfshotel folgt. Ich hingegen folge meiner Chefin den Weg bergab zum Ausgang. Wir treten durch die Tür ins Eingangsgebäude und kaufen den obligatorischen Magneten für die heimische Kühlschranktür. Die Auswahl fällt auf einen magnetischen Wolfskopf, sicher ein gutes Andenken an den Vildriket Järvsö. Wie üblich hat Esther in der GeoCaching-App nach lohnenden Zielen in der unmittelbaren Gegend gesucht. Am Fuße des Parkplatzes hat sie tatsächlich ein Ziel ausgemacht. Also folgen wir der abschüssigen Straße bis zu einer großen Hinweistafel, bei der wir nach kurzer Suche das Döschen mit dem Logbuch entdecken. Wieder einer mehr… Damit aber nun genug. Es ist an der Zeit Järvsö zu verlassen. In etwa dreißig Kilometern Entfernung erwartet uns das Hotel für die kommende Nacht. STF Undersvik Gårdshotel och vandrarhem Tag 4 – Donnerstag, 29.08.2024; N 61°36'23„ O 16°19'9“ Das Auto rollt vom Parkplatz hinab nach Järvsö. Neben der schmalen Straße stehen einfache Ferienhäuser aufgereiht – allesamt unbelegt. Ein Stück weiter befindet sich direkt am Gondellift ein großes Hotel für die Mountainbiker. Wie bei Wikipedia zu erfahren, machen Touristen den größten Teil der Bevölkerung in Järvsö aus. Dies zudem in erster Linie im Winter, wenn die Stockholmer für den Wintersport gern die drei Stunden Autofahrt hierher in Kauf nehmen. Ist etwa die Saison gar nicht gerade zu Ende gegangen, sondern beginnt erst mit dem ersten Schnee in wenigen Wochen? Wir fahren auf den Reichsweg 83 in Richtung Süden. Nur noch etwa zwei Kilometer vom Hotel entfernt biegen wir linkerhand auf eine schmale Schotterpiste und finden uns sofort in der tiefsten schwedischen Provinz wieder. Eben noch eine runderneuerte Fernverkehrsstraße, geschaffen um dem nächsten Touristenstrom trotzen zu können. Und nun eine Schotterpiste, die wie eine Vollbremsung in der fortschrittlichen Regionalentwicklung dieser Gegend wirkt. Wie um dies ausdrucksvoll zu unterstreichen folgt ein einzelnes Gehöft mit Scheunen beiderseits der Straße, mit privatem Schrottplatz und einem Milchkannenpodest. Über solche Einöden wurden längst auch ein paar Horrorfilme gedreht. Solche Schauplätze des unvorstellbaren Grauens sind zu unserem Glück sehr weit weg und zudem nur der Fantasie eines semierfolgreichen Schriftstellers zu verdanken. Dennoch: Wer mag hier wohnen? Werden wir vielleicht in diesem Moment beobachtet? Hat sich da eben eine Gardine bewegt? Einmal tief durchatmen und dann haben wir den kleinen Ort Undersvik am Fluss Ljusnan erreicht. Die Straße wechselt auf Asphaltbelag und kaum zweihundert Meter später stoppen wir am „STF Undersvik Gårdshotel och vandrarhem“, unserem Hotel für die kommende Nacht. Gibt man diesen Namen in die angesagtesten Übersetzungstools unserer Zeit ein, dann erhält man Ergebnisse, die von Hofhotel über Jugendherberge bis hin zum Hostel und Farm Hotel reichen. Einigen wir uns einfach auf „Hotel und Wanderheim des schwedischen Tourismusverbandes STF“. Vor dem Gebäude wird gerade fleißig in den Blumenrabatten gewerkelt. Dem Unkraut geht’s an den Kragen. Die Schweden haben halt eine Schwäche für makellose Vorgärten. Uns Neuankömmlingen wird vom gärtnernden Personal keine Beachtung geschenkt. Gut, dann rein in die gute Stube. Die Rezeption ist aktuell nicht besetzt. Ein kultiviertes Betätigen der Klingel auf dem Thresen scheint auch niemanden in hektische Bewegungen zu versetzen. Draußen in der Blumenrabatte wird man das Ding wahrscheinlich ohnehin nicht hören. Egal, man hat uns schließlich reingehen sehen. Ich bin mir sicher, es wird gleich jemand kommen. Um die Warterei irgendwie sinnvoll zu nutzen beginne ich das Erdgeschoss zu inspizieren. In einem kleinen Raum neben der Rezeption werden einheimische Lebensmittel angeboten. In einer Gefriertruhe liegen tiefgefrorene Fleischstücken – ich als lupenreiner Tourist tippe natürlich auf Elch oder Rentier. Verschiedene Eierteigwaren und Gewürzmischungen stehen in den Regalen. Die Preise an den Waren orientieren sich definitiv nicht an üblichen Supermarktpreisen. Regionale Lebensmittel direkt vom Erzeuger haben eben ihren Preis und das hier einkehrende Publikum ist offensichtlich bereit diesen zu zahlen. Gut, die direkte Nachbarschaft der Rezeption ist damit ausgekundschaftet. Es ist an der Zeit in die Offensive zu gehen. Ich begebe mich ins kulinarische Zentrum dieses Hotels – eben dahin, wo der Gast seinen Hunger stellen möchte, wenn er von seinen täglichen Unternehmungen zurückkehrt. Ich schreite durch eine doppelflügelige Tür und betrete einen feudal anmutenden Speisesaal mit Kamin, dem sich ein weiterer größerer Speisesaal anschließt. Hier wurde definitiv nicht mit Stuckarbeiten gespart. Nun stoße ich endlich wieder auf Personal. Eine Frau deckt im Speisesaal die Tische ein. Als sie mich bemerkt unterbricht sie ihre Tätigkeit und begleitet mich freundlich zur Rezeption. Dort prüft sie kurz im Computer unsere Reservierung. Zwei kleine Papiercouverts wandern über die Theke, gefolgt von einigen Informationen für unseren Aufenthalt, in die sie einige Brocken Deutsch einfließen lässt. Mehr Einchecken ist nicht nötig. Und damit beginnt unser Aufenthalt in einem Hotel und Wanderheim des schwedischen Tourismusverbandes. Wir parken das Auto auf den Hotel-Parkplatz um, der sich etwas abseits der Straße befindet. Von hier aus malen unsere Koffer parallele Spuren in den tiefen Schotter bis hinüber zum Haus Nummer 4. Die Außentür lässt sich behindertengerecht mit einem Schalter öffnen, welcher noch zwei Meter von der Tür entfernt ist. Dann geht es mit Schwung hinein und mit einem Fahrstuhl direkt eine Etage tiefer. Dieser Fahrstuhl ist allerdings eine Sache für sich. Hier bewegt sich eine Plattform in einem Schacht auf und ab. Während der Fahrt rauschen die kalten Wände des Schachtes an uns vorbei - allerdings nur solange man den entsprechenden Button gedrückt hält. Nimmt man den Daumen vom Knopf, bleibt der Fahrstuhl augenblicklich stehen, egal wo man sich gerade befindet. Nennen wir es mal vorsichtig „ungewohnt“. Wir entnehmen den Couverts die Schlüsselkarten für unser Zimmer und öffnen damit eine recht schwere Tür hier im Keller von Haus 4. Neugierig treten wir ein und inspizieren unser Obdach für die kommende Nacht. Es ist schlicht eingerichtet. Ein einzelnes Bild ziert die karge weiß gestrichene Wand. Kein Tisch, kein Schrank und auch kein TV-Gerät – stattdessen aber eine eigene Toilette und Dusche. Manchmal muss halt man Prioritäten setzen. Ursprünglich hatten wir eine Übernachtung in einem 12 qm großen Raum mit Etagenbett gebucht. Exakt dieses Etagenbett stellte noch bis vor wenigen Tagen die große Herausforderung, nein, eigentlich das große Abenteuer dieses Urlaubs dar. Wer schläft oben, wer unten? Herrlich sich im Alter von über fünfzig Jahren noch solchen Fragen stellen zu müssen. Oder zu dürfen… Doch Dank des 8 Euro-Upgrades haben wir nun ein deutlich größeres Zimmer bekommen. Nun befinden neben dem Etagenbett zwei Einzelbetten im Zimmer. Die Konsequenz aus derart viel Luxus: Das Etagenbett bleibt ungenutzt. Schade eigentlich. Wir bleiben nur für eine Nacht, was es hoffentlich für Esther erträglicher macht, der es hier nicht gefällt. Sie hat nun zwar ihr eigenes Bad, aber ohne ein gewisses Mindestmaß an Inneneinrichtung gehts halt auch nicht. Dieses Hotel ist eben in erster Linie ein Wanderheim. Hierher fährt man in erster Linie zum Wandern. Das erklärt hoffentlich die spartanische Zimmerausstattung. Andererseits gibt es in unserem Haus pro Etage einen Gemeinschaftsraum zum Kochen und Beisammensitzen sowie eine Sauna. Im Hauptgebäude befindet sich ein gemütlicher Leseraum mit Kamin. Da sollte einem selbst das Ausspannen nicht schwerfallen. Und wem das zu wenig ist, dem bieten sich im Außenbereich einige Möglichkeiten der Freizeitgestaltung. Doch dort an der frischen Luft muss man mit der fleischgewordenen Aufdringlichkeit in Form von Millionen von Mücken klarkommen. Esther macht sich ans Beziehen der Betten und ich gehe auf Erkundungstour. Das mehrstöckige Hauptgebäude mit Rezeption, der gastronomischen Einrichtung und einigen Hotelzimmern bildet den Kern dieser Hotelanlage. Weitere Unterkunftsgebäude sind um den Hof herum verteilt, die wahrscheinlich wie Haus 4 mit Fahrstühlen und Gemeinschaftsküchen ausgestattet sind. Hinter den Gebäuden befindet sich ein Sportplatz und ein Spielplatz. Und ein gutes Stück dahinter verbirgt sich hinter einer Baumreihe der Ljusnan, der (gemessen am Einzugsgebiet) zehntgrößte Fluss in Schweden. Esplanaden i Arbrå Tag 4 – Donnerstag, 29.08.2024; N 61°28'11″ O 16°22'37″ Ein Fußball liegt verlassen im Graben. Ich rette ihn aus seinem Versteck und befördere ihn (ohne mich dabei zu verletzen) mit einem Tritt in Richtung Sportplatz. Natürlich ist der Drang da, dem Ball hinterher zu stürmen und mit dem runden Leder ein wenig zu zaubern. Okay, erstens ist das mit den Zauberkünsten am Ball ewiges Wunschdenken und zweitens möchte ich mir nicht bei der sportlichen Betätigung körperliche Schmerzen einhandeln. Außerdem knurrt mein Magen. Seit dem Frühstück gab es schließlich nichts Ordentliches zwischen die Zähne. Die Gastronomie im Hotel beschränkt sich seit dem Saisonende ausschließlich auf das Frühstück der Hotelgäste. Dort bekommen wir nichts am heutigen Abend. Die Gemeinschaftsküche im Untergeschoss von Haus 4 schaut recht gut eingerichtet aus. Aber was sollten wir kochen? Sämtliche Zutaten müssten erst noch eingekauft werden. Es läuft definitiv darauf hinaus, dass wir nochmal ins Auto steigen müssen, entweder zum Einkaufen oder zum Restaurantbesuch. Wir entscheiden uns für letzteres und beginnen online mit der Suche in der näheren Umgebung. Das Navi schwärmt von einer Brasserie, die nur zehn Kilometer entfernt sein soll. Esther gibt dem Ford die Sporen und nach kurzer Fahrt stehen wir auf einem Parkplatz, nur ein paar hundert Meter vom Ziel entfernt. Direkt anbei befindet sich ein Campingplatz und eine „zip@climb“ - Einrichtung zum Hochgeschwindigkeits-Abseilen. Für Adrenalin-Abstinenzler: Man wird hier an einem gespannten Stahlseil in sehr hohem Tempo übers Tal befördert. Doch das interessiert uns gerade kaum bis gar nicht. Wir müssen nämlich feststellen, dass sich all unsere Vorstellungen über eine Brasserie als völlig falsch erweisen. Statt vor einem kleinen französischen Restaurant stehen wir vor einer Brauerei. Gut. Wieder etwas gelernt. Doch Dank Saisonende ist auch hier alles geschlossen. Also folgen wir dem Reichsweg 83 noch ein Stück weiter in Richtung Süden und erreichen nach weiteren zehn Kilometern einen Ort namens Arbrå. Das Navi führt uns punktgenau zum Restaurant „Esplanaden i Arbrå“ und siehe da: die Pizzeria hat geöffnet. Wir parken unseren treuen Ford auf dem Restaurant-Parkplatz und ignorieren direkt die Tische im Außenbereich. Stattdessen suchen und finden wir ein gemütliches Eck im Restaurant, von dem man das gesamte Restaurant gut überblicken kann. Kaum sitzen wir, steuert auch schon ein Kellner schnurstracks auf uns zu. Aber nicht, um uns die Speisekarte um die Ohren zu hauen, sondern um mitzuteilen, dass das gesamte Speiseangebot an einer Wand im Nebenraum aufgelistet sei. Warum gewöhnlich, wenn man eine ungenutzte Wand mit dem Speiseangebot tapezieren kann. Schwerfällig erheben wir uns und begeben uns in den besagten Nebenraum. Tatsächlich ist hier eine Wand von oben bis unten mit Speisekarten beklebt. Allein die Anzahl der Pizzen italienischer, amerikanischer und mexikanischer Herkunft ist überwältigend. Das Handy wird gezückt, die Übersetzungs-App bekommt mächtig Arbeit und nach einem kurzen Moment der Unentschlossenheit hat jeder etwas für sich entdeckt: Esther entscheidet sich für eine Calzone Gorgonzola und meine Wahl fällt auf die mexikanische Pizza Azteka. Wir bestellen und bekommen vom Kellner die nett gemeinte Aufforderung auch am Buffet zuzugreifen. Am Buffet gibt es eine überschaubare Auswahl von Pizzasalaten. Hey, was sind Pizzasalate? Nun, es sind Krautsalate, die in schwedischen Pizzerien offensichtlich zum Standard gehören. Trotz des leeren Magens können wir uns jedoch nicht durchringen am Buffet zuzuschlagen und warten lieber auf unsere Pizzen. Nach einer absolut vertretbaren Wartezeit bringt der Kellner die Pizza und stellt zudem neben meinen Teller ein kleines Schälchen Knoblauchcreme. Okay, die war jetzt nicht bestellt, doch wer weiß schon wozu das gut ist. Meine Pizza Azteka schaut lecker aus und schmeckt auch richtig gut. Sie ist aber auch verdammt scharf. Die alten Azteken kannten offensichtlich gut mit Schärfe aus und die schwedischen Italiener wussten das auch gekonnt in dieser Pizza umzusetzen. Es dauert eine ziemliche mit Jalapeños gewürzte Weile, bis ich dahinterkomme, dass die Knoblauchcreme der Pizza einiges an Schärfe nimmt. So so, deshalb steht das Schälchen also hier. Hey, artet das hier in einen Bildungsurlaub aus? Wir essen auf, zahlen an der Theke und gehen direkt zum nächsten (völlig ungeplanten) Tagesordnungspunkt über. Direkt diagonal gegenüber befindet sich nämlich ein ICA. Die ICA-Supermärkte haben hier auf dem Land einen gewissen dörflichen Charme behalten. Niemand kommt hier auf die Idee, die Inneneinrichtung in allen Märkten einheitlich zu gestalten. Nicht wie in Deutschland, wo das Innere der Supermärkte so ähnlich ist, dass das Suchen keinen Spaß mehr macht. Quasi nach dem Prinzip: Kennste einen, kennste alle! Hier jedoch, nun… Der Durchgang zwischen den Regalen ist schmal und die Sortierung der Waren recht willkürlich. Man ist stets am Suchen, weil man das System einfach nicht durchschaut, mit welchem der hiesige Marktleiter punkten möchte. Das auf diese Weise geförderte Schmökern macht schon Spaß, nur eilig darf man es nicht haben. Einheimische werden natürlich stirnrunzelnd behaupten, dass hier alles bester Ordnung ist. Und damit haben sie auch verdammt nochmal recht. Bis ihr Laden mal Betriebsferien macht und sie im nächsten ICA in rund 20-30 Kilometern Entfernung ihre Wocheneinkäufe tätigen müssen. Mein Blick streift durch das Regal mit den Leichtbier-Dosen. Hier gibt’s es tatsächlich noch einige ungetestete Biersorten. In Hinblick auf den morgigen Tag landet ein Sixpack „Falcon Bayersk Bärnstenslager“ hochmotiviert im Wagen. Ein kleine Beitrag für die brüderlichen Biertrinkfestspiele am kommenden Wochenende. Esther hingegen interessiert das Ciderangebot und wird hier ebenfalls fündig. Beladen mit allerlei Getränkedosen verlassen wir kurz darauf den ICA und wenig später Arbrå. Undersvik Tag 4 – Donnerstag, 29.08.2024; N 61°36'23″ O 16°19'9″ Die Planungen für den Rest des heutigen Tages sehen folgendes vor: Nichts. Naja, beinahe nichts. Es ist noch früh am Abend und zudem zu hell, um schon aufs überaus kühl wirkende Hotelzimmer zu verschwinden und sich dem Nichtstun hinzugeben. Größere Unternehmungen lässt die Uhrzeit zwar nicht zu, aber warum also nicht unseren Aufenthalt in Undersvik mit einem kleinen Spaziergang würzen? Einen kleinen Faltplan mit einer vielversprechenden Route von 3,4 Kilometern Länge ich vorhin an der Rezeption mitgehen lassen. Dem Plan nach sollten wir die Runde in 45 Minuten absolviert haben. Das klingt recht spannend. Bevor wir aufbrechen prüft Esther die Gegend auf versteckte GeoCaches und wird tatsächlich fündig. In der Nähe des Hotels ist eine kleine Dose versteckt. Unser Plan: erst die Dose, dann der Spaziergang. Unsere Suche nach dem GeoCache führt uns zum hölzernen Glockenturm der nahegelegenen Kirche. Wie viele ländliche Kirchen hat auch die Kirche von Undersvik einen Glockenturm, der wenige Meter neben dem Kirchengebäude steht und komplett aus Holz gefertigt ist. Die Erbauer dieses Glockenturms waren offensichtlich Meister Ihres Fachs. Die Konstruktion schaut ungemein kunstvoll gearbeitet aus und macht den Turm zu einer kleinen Sehenswürdigkeit. Doch egal wo wir suchen, wir können das Versteck der kleinen Dose nicht ausfindig machen. Das Abtasten von Rillen und Spalten erzürnt bestenfalls die vielbeinigen Bewohner dieses alten Bauwerkes. Aber es bringt uns in unserer Suche keinen Deut weiter. Missmutig geben wir die Suche auf. GeoCaching ist kein Spiel mit Gewinnern und Verlierern. Auch ohne den Cache erfolgreich geloggt zu haben lernten wir doch einmal mehr eine interessante Lokalität (oder Location, ganz wie ihr wollt…) kennen. Also weiter im Programm: Ein kleiner Spaziergang steht an und die kleine Route führt uns direkt am Hotel vorbei. Auf der dem Hotel gegenüberliegenden Straßenseite entdecken wir einen dieser Meilensteine, die uns auf der Fahrt recht häufig begegnet sind. Nun bietet sich endlich die Gelegenheit, einen vom schwedischen König Gustav III. im Jahr 1785 höchstpersönlich aufgestellten Meilenstein zu fotografieren. Die eben besuchte Kirche wurde übrigens vier Jahre später ebenfalls von Gustav III., nun, wenn schon nicht aufgebaut, aber zu mindestens eingeweiht. Um den Sinn dieser Meilensteine zu ergründen wurde natürlich recherchiert. Das Ergebnis: Diese Meilensteine wurden einstmals aufgestellt, um die Reisekosten königlicher Beamter zu berechnen. Als lupenreiner Beamter, der ich nun einmal bin, kenne ich mich natürlich bestens mit Reisekosten aus. Hier nun finde ich tatsächlich die Bestätigung, dass Bürokratie keine Erfindung unser Tage ist. Diese Geißel macht schon immer den Leuten das Leben schwer. Zufrieden mit dem Foto vom metallenen Meilenstein setzen wir unseren Spaziergang fort, der uns durch ein menschenleeres Undersvik führt. Es folgt ein felsenbestückter Wald, der wiederum von kleinen Äckern abgelöst wird, auf denen der eine oder andere runde Steinhaufen Erinnerungen an die Wikingergräber von Sollerön aufkommen lässt. Wir treffen schließlich auf einen Bauernhof, der uns bereits auf der Anreise aufgefallen ist. Ihr wisst schon, die perfekte Kulisse für Horrorfilme mit Namen wie „The redpainted walls have eyes“, „Swedisch chainsaw massacre“ oder „Bauer sucht Frau“. Die Gegend wirkt eben wenig vertrauenserweckend. Liegt es an der Abgeschiedenheit? An den verwahrlosten Autowracks? Haben wir in der Vergangenheit vielleicht zu viele schlechte Filme geschaut? Als wir kurz darauf einen Bahnübergang erreichen, erwacht dieser zum Leben. Uns Spaziergängern stellt das Blinken am Andreaskreuz vor keine Probleme, da das Überqueren der Bahnschienen nicht Teil unserer Route ist. Das Blinken wird von einem unüberhörbaren Ton begleitet. Die Schranken schließen und ein Zug nähert sich. Ich zücke mein Handy und filme das Spektakel. Der Zugführer nutzt die Chance auf eine kleine Rolle in unserem Urlaubsfilm und drückt auf die Hupe. Vielleicht muss er das ohnehin vor jedem beschrankten Bahnübergang tun. Die Tatsache, dass er nur unsretwegen hupt, gefällt mir jedoch besser. Der Weg führt eine kurze Strecke an den Gleisen entlang. Einem weiteren Zug begegnen wir nicht mehr, dafür aber anderen Zeitgenossen, die es in erster Linie auf meine unbekleideten Waden abgesehen haben. Zugegeben, meine Bekleidungswahl ist gemessen an Ort und Jahreszeit etwas gewagt. Die kurzen Hosen bieten jede Menge Angriffsfläche für Mücken. Die blutrünstigen Insekten verrichten ihr Werk in einer solchen Perfektion, dass mir das Perforieren meiner Haut lange Zeit nicht einmal auffällt. Aber irgendwann beginnt es dann doch zu jucken. Nun ist es höchste Zeit sich zu wehren. Hunderte Blutsauger fallen meiner flachen Hand zum Opfer. Tausende zeigen sich völlig unbeeindruckt davon und Millionen warten bereits im Unterholz auf ihre Chance. Am Ende kostet mich dieser Spaziergang einige Milliliter kostbaren Blutes. Blut, welches sich nun durch die Wälder von Schweden verbreitet und dafür sorgt, dass neue Generationen stechender Insekten entstehen. Die Anzahl menschlicher Behausungen entlang des Weges nimmt allmählich wieder zu. Ein finster wirkender Bauernhof macht den Anfang, gefolgt von neu gebauten oder perfekt restaurierten roten Holzhäusern. Hier und da steht ein Tesla vor der Tür, was irgendwie nicht ganz zur ländlichen Gegend passen mag. Mein Tipp: Wenn ihr es naturverbunden mögt, dann fahrt mit dem Fahrrad oder mit den Öffentlichen. Einige hundert Meter weiter entdecken wir eine Scheune auf dem Acker, die im Kampf gegen die Naturgewalten inzwischen ins Hintertreffen geraten ist. Das windschiefe Gebäude wehrt sich nach Kräften, doch die Löcher im Dach und in den Wänden sind kaum zu übersehen. Nur noch wenige Winter und dann holt sich die Natur zurück, was sie einst zum Bau der Scheune gegeben hat. Oder wie ich schon öfter gehört habe: „Die Natur gibt, die Natur nimmt!“ Die Gegend recht und links des Weges erscheint langsam vertrauter. Wir nähern uns dem Ausgangspunkt unseres kleinen Spazierganges. Nach etwa einer Stunde Marschzeit erreichen wir wieder unser Hotel. Dreieinhalb Kilometer kann man sicher schneller zurücklegen. Doch auf unseren gemütlichen Spaziergängen lassen wir uns nicht hetzen, noch nicht einmal von blutrünstigen Mücken. Auf dem Zimmer verarzte ich die von den Mückenbissen verursachten Pusteln mit unserem Ausbrenndings. Man hält den „Insektenstichheiler“ oder auch „Heizstift“ auf die Stelle des Bisses, betätigt eine Taste und kurz darauf brennt ein etwa 60 Grad heißes Keramikblättchen die Wunde bzw. das darin enthaltene schädliche Eiweiß aus. SadoMaso in Reinkultur. Kinder hassen mit Sicherheit diese Art der Heilung. Wir Männer beißen die Zähne zusammen und genießen publikumswirksam den Schmerz. Man darf ruhig sehen, was wir alles aushalten können. Frauen hingegen zucken nur müde mit den Schultern. Diese paar Sekunden Hitze sind schließlich nichts im Vergleich zum Kinderkriegen. Wie auch immer… Der Zauber mit dem „Insektenstichheiler“ dauert zwischen drei und sechs Sekunden und hilft recht erfolgreich gegen den nervigen Juckreiz. Die roten Schwellungen brauchen hingegen deutlich länger bis sie endlich verschwinden. Inzwischen wird es dunkel, der Abend bricht an. Die Motivation, jetzt noch das Hotel zu durchstreifen, hält sich in Grenzen. Horrorfilme wie „Shining“ mahnen schließlich dem allzu Neugierigen seine Neugier im Zaum zu halten. Bringt ja nichts, wenn am Ende Jack Nicholson mit einer Axt zum Gegenbesuch im Hotelzimmer erscheint. Also bleiben wir auf dem Zimmer und lassen hier den Tag ausklingen. Ich organisiere Gläser aus der Gemeinschaftsküche in der Etage über uns. Esther ist schnell in ihrem Buch versunken und ich genieße irgendeine Serie auf dem Tablet. So vergeht die Zeit bei Cider und Leichtbier und damit ein weiterer Abend im Urlaub. Freitag Tag 5 – Freitag, 30.08.2024; N 61°36'23″ O 16°19'9″ Um halb acht morgens beendet die Smartphone-Wecker-App die Nacht! Etwas früh im Urlaub? Nach zwei Tagen bestenfalls mittelprächtiger Verpflegung gibt es heute ein richtiges Hotel-Frühstück – das aber nur von sieben bis neun Uhr morgens! Dies hier ist schließlich ein Wanderheim und Wanderer sind nun einmal Frühaufsteher, die zeitig aufbrechen und bis zum Dunkelwerden durch die Wildnis Schwedens streifen wollen. Solch frühmorgendliche Frühstückzeiten sind eigentlich nichts für Wohlfühl-Urlauber wie uns, die dekadent in den Tag hineinleben. Doch nach unseren Erlebnissen in Mora sind wir etwas neugierig ob die Schweden überhaupt Frühstück können. Also bekommt der Wecker die Aufgabe uns bereits um halb acht mit seinem üblichen Lärm zu wecken. Welch waghalsiges Unternehmen. Die Nacht ist insgesamt recht kurz und deshalb wenig erholsam für uns beide. Das Gebell der Hunde in den Nachbarzimmern ist kaum zu überhören. Die Wände sind offensichtlich weniger dick als die schweren Zimmertüren zu vermuten ließen. Natürlich können wir es auf die Matratzen schieben, die überhaupt keine Zeit hatten sich an unsere Rücken zu gewöhnen. Ach egal, die Hunde waren schuld. Basta! Kurzes Fazit: Heute ist Freitag, wir sind übermüdet und befinden uns schon hart an der Grenze zu schlecht gelaunt. Die Tatsache, heute völlig ungestört duschen zu können, sollte uns aber schnell in die Spur zurückführen. Aber so recht funktioniert das auch nicht, weshalb ich Esther dränge auf das Föhnen zu verzichten und endlich Verpflegungsbereitschaft zu melden. Auch nicht unbedingt der beste Zug hier positive Stimmung aufkommen zu lassen. Wenigstens geht es nun voran. Mit feuchtem Haar watscheln wir durch das tiefe Split hinüber zum Hauptgebäude. Eine kurze Orientierungslosigkeit später befinden wir uns im großen Speisesaal, ich welchem ich gestern die Dame von der Rezeption entdeckt hatte. Der Raum hat etwas Feudales. Doch das genauer zu beschreiben fehlt mir gerade die Zeit, denn vor uns erstreckt sich ein umfangreiches Buffet. Meine Begeisterung wäre sicherlich noch größer, wenn ich mich überwiegend von Körnerbrot, Müslis und anderem höchst gesunden Zeugs ernähren würde. Denn davon gibt es hier mehr als genug. Gut, unzufrieden bin ich auf keinen Fall. Es gibt Rührei, gekochtes Ei, Käse und immerhin eine Sorte Wurst. Die Auswahl an Backwaren erstreckt sich von hausgemachtem Knäckebrot über Weißbrot, Roggenbrötchen bis hin zu Mini-Croissants. Ja, die Schweden können tatsächlich Frühstück! Viel ist hier nicht los. Nun, wir erinnern uns, dass die Saison seit einigen Tagen vorbei ist. Und dennoch, trotz einer überschaubaren Anzahl an Frühstücksgästen läuft verhältnismäßig viel Küchenpersonal herum. Wirklich viel zu tun gibt es nämlich nicht. Doch was fällt mir Urlauber eigentlich ein, hier das arbeitende Volk zu kritisieren? Ein paar Tische weiter im ansonsten leeren Frühstücksraum sitzen die beiden Frauen, die mir gestrigen Abend bereits in der Gemeinschaftsküche begegnet sind. Ein älterer Mann vervollständigt das Trio. Ein Vater mit seinen beiden Töchtern im gemeinsamen Urlaub? Ein Chef mit seinen Vorzimmerdamen auf Dienstreise? Der schwedische Tennis-Nationaltrainer mit zwei Tennis-Stars? Will ich das überhaupt wissen. Jedenfalls genießen derzeit keine weiteren Gäste ihr Frühstück im weiten Rund dieses hübschen Speisesaals. Ist das Hotel einfach nur schlecht besucht oder steigen hier tatsächlich Wandersleute ab, die inzwischen längst gefrühstückt haben und nun durch das Hälsingland wandern? Also frühstücken wir in aller Ruhe und machen uns danach auf den Weg durch das Split hinüber zum Haus 4. Es ist an der Zeit für uns weiterzuziehen. Wir packen unsere sieben Sachen und empören uns gehörig über die Nutzlosigkeit von Kofferrollen im tiefen Split dieses Hofes. Was bleibt uns anderes übrig als die Koffer die rund zweihundert Meter zum Auto zu tragen. Doch es sollte noch schlimmer kommen. Wir sind noch nicht weit gekommen, da kommt uns ein Auto entgegen und steuert Haus 4 an. Hätte ich nicht gerade in jeder Hand einen Koffer, würde ich mir wohl ordentlich vor die Stirn schlagen. Während ich mich nämlich Meter um Meter zum Parkplatz voran kämpfe, beladen die beiden unbekannten Frauen in aller Ruhe ihr Auto direkt vor dem Haus. Dank meines ausgeprägten Dickkopfes brauche ich mir keine Gedanken machen hier die Koffer stehen zu lassen und das Auto zu holen. Das kommt nämlich überhaupt nicht in Frage. Geschadet hat die Bewegung jedenfalls nicht, da wir die nächsten Stunden erneut überwiegend sitzend verbringen werden. Das Auto wird beladen, danach checken wir aus und Esther lässt den Ford vom Parkplatz des Hotels rollen. Damit beendet sie das Thema Undersvik. Diese Gegend hat etwas, aber wird das reichen uns irgendwann noch einmal hierher zu locken? Das nächste Kapitel unseres Roadtrips beginnt und wenn ich richtig gerechnet habe, beginnt irgendwo auf der heutigen Tour zeitlich gesehen bereits unser Rückweg nach Stockholm. Oder kurz gesagt: Wir feiern Bergfest und wollen im Grunde überhaupt nicht drüber nachdenken. Keine zwei Kilometer vom Hotel entfernt überqueren erneut den Bahnübergang und biegen auf den Reichsweg 83 Richtung Norden. Die Straße ist kurz vor Järvsö recht umfangreich saniert worden. Die Fahrbahndecke ist neu, die Seitenstreifen fehlen noch und statt einer Mittelmarkierung wurde ein entsprechend breiter Streifen in die Mitte der Straße gefräst. Dieser Teil der Straße ist somit hinreichend ausführlich präpariert, dass jeder Fahrzeugführer zu spüren bekommt, wenn er die Fahrbahn wechselt. Obwohl es aktuell bis zur Ostsee nur etwa fünfzig Kilometer Luftlinie sind, fahren wir weiterhin konstant durch Bergland. Die höchsten Berge der Region sind wohl an die fünfhundert Meter hoch. Bei Järvsö überqueren wir den Ljusnan und verlassen den Reichsweg 83, kämpfen uns auf einer Straße mit dem Namen Kalvstigen bis nach Delsbo, überqueren hier den Reichsweg 84 und fahren auf den Länsväg 305. Diese Provinzstraße wird uns ein gutes Stück in Richtung Sundsvall begleiten. Erneut wechseln sich Wälder und Seen ab, das Gelände wird wieder bergiger und an einer Stelle wird ein Gefälle von unglaublich steilen fünf Prozent angezeigt. Immer wieder verabschiedet sich der LTE-Empfang. Dem Navi stört das wenig, es geht eh immer nur geradeaus. Um unsere musikalische Begleitung ist es jedoch schlimmer bestellt. Gerade läuft „Just around the corner“ von Cock Robin und mittendrin… Stille. Der Internet-Radiosender hat sich mangels Empfangs abgemeldet, man könnte richtigerweise auch sagen, dass der Radiostream abgerissen ist. Das Resultat bleibt dasselbe: Stille! Mir war bislang unbekannt, dass es außerhalb von Deutschland Regionen mit Problemen bei der Oline-Versorgung gibt. Okay, ich mag verwundert sein, jedoch Esthers Smartphone reagiert aufrichtig empört. Selbst als das heilige Internet wieder verfügbar ist, denkt die Radio-App nicht daran, den Stream zu neuen Leben zu erwecken. Das erfordert ein sofortiges Eingreifen durch den Beifahrer und als endlich wieder Musik aus den Lautsprechern des Autos schallt, hat Genesis Cock Robin längst abgelöst. Wir erreichen das Örtchen Hassela und verlassen den Länsväg 305. Fortan bekommt unsere Straße die vielversprechenden Bezeichnung X 769, gefolgt von Y 548 - so jedenfalls werden sie auf dem Navi-Display angezeigt. Die Route führt uns weiterhin durch tiefe Wälder, hügelige Felder und an unberührten Seen vorbei. Die Landschaft ist deutlich abwechslungsreicher als gestern. Hier und da streifen wir Ortschaften, und inzwischen weisen Straßenschilder unsere Straße als Sundsvallvägen aus. Wir sind auf Kurs!   Medelpad Sundsvall-Birsta Tag 5 – Freitag, 30.08.2024, N 62°26′49″ O 17°19′57″ Esther ist von den verschiedenen Warnschildern unterwegs ziemlich begeistert. Wer will es ihr verdenken. Hier wird einfach vor so ziemlich alles gewarnt was die Fahrbahn kreuzen kann. Die üblichen dreieckigen gelben Schilder mit dem jeweiligen Symbol von Pferden, Schneemobile, Blitzer, Radfahrer und spielenden Kindern wechseln sich in steter Regelmäßigkeit ab. Nicht zu vergessen das inoffizielle skandinavische Wahrzeichen mit den cool dahin trottenden Elchen. Ein Schild mit der Warnung vor freilaufenden Hühnern taucht allerdings nicht wieder auf. Aus Langeweile und einer Prise Faszination beginne ich die Blechschilder während der Vorbeifahrt zu fotografieren. Daheim werden die Fotos wahrscheinlich direkt gelöscht. Oder auch nicht, man weiß schließlich nie wozu so ein abgelichtetes Warnschild noch sein kann. Der Verkehr nimmt langsam zu - ein sicheres Zeichen dafür, dass wir uns langsam einer größeren Ortschaft nähern. Die Landschaft wandelt sich zunehmend von Wald zu landwirtschaftlich genutzten Flächen. Kurz hinter Matfors verlassen wir die Y-544 und fahren fortan ostwärts auf der Europastraße 14. In den ersten Ideen für diese Reise führte uns der Trip auch nach Östersund. Hätte sich dieser Gedanke durchgesetzt, dann wären wir in Östersund auf die E14 gefahren und hätten Schweden in diesen Breiten einmal von West nach Ost durchquert. Doch Pläne änderten sich manchmal und am Ende begnügen wir uns mit einem Kurztrip auf der E14. Kurz bevor wir Sundsvall erreichen, verlieren wir uns in einem Labyrinth aus Autobahnabfahrten. Der Navigator auf dem Beifahrersitz verliert auch noch an diesem Verkehrsknoten völlig die Orientierung. Hier gibts einfach ein paar 180 Grad-Kurven zu viel. Zum Glück übernimmt Esther im Tanz auf dem Asphalt die Führung und findet den richtigen Weg auf den Reichsweg 86. Auf dem Reichsweg 86 verweilen wir nur kurz und biegen auf den Timmervägen ab, auf welchem wir schließlich das Einkaufsgebiet Sundsvall-Birsta erreichen, dass in Größe und Fläche durchaus mit einer Kleinstadt konkurrieren könnte. Unser Ziel in diesem Einkaufs-Eldorado ist eine Filiale einer weithin bekannten schwedischen Möbel- und Einrichtungskette, kurz: Wir besuchen einen IKEA! Und zwar mit einem klaren Ziel: Wir suchen einen Bilderrahmen, der in Größe und Dicke ein Fußballtrikot aufnehmen kann kann. Daheim wäre es ein leichtes gewesen, ein solches online zu bestellen. Doch wie bekommt man den recht großen Bilderrahmen mit dem Flieger nach Schweden? IKEA hat in der Regel eine eigene Abteilung mit Bildern und Bilderrahmen in allen möglichen Größen. Es sollte also mit dem Teufel zugehen, wenn… Tja, unsere Suche wird nicht von Erfolg gekrönt und so verlassen wir den IKEA nach rekordverdächtigen fünfzehn Minuten. Und diese Viertelstunde rührt überwiegend daher, dass der kürzeste Weg zum Ausgang durch ein überlegt angelegtes Labyrinth führt. Aber nochmal zum Mitschreiben: 15 Minuten! Im IKEA! Auf Empfehlung meines Bruders besuchen wir im Anschluss an das kurze IKEA-Abenteuer ein asiatisches Schnell-Restaurant mit dem verführerischen Namen YumYum. Offensichtlich hat es sich herumgesprochen, dass das YumYum recht gut sein soll. Der Laden ist brechend voll und diese Tatsache senkt augenblicklich die Motivation hier die Speisekarte von oben nach unten durch zu probieren. Vielleicht ist es auch noch zu früh am Tag um sich mit dem Mittagessen zu befassen. Das Navi liefert die Lösung: Runter vom Parkplatz, am gleich darauffolgenden Kreisverkehr die erste Ausfahrt nutzen und schon gehts auf der Europastraße 4 in nördlicher Richtung weiter. Ab jetzt sind wir auf bekannten Pfaden unterwegs. Mag sein, dass ein paar Jahre seit der letzten Fahrt auf der E4 vergangen sind, vieles kommt einem trotzdem immer noch recht bekannt vor. Auf dem Weg nach Härnösand, der nur durch einen Baustellenstopp und einer kurzen Tankpause unterbrochen wird, kommen wir zum Beispiel an der Eisporthalle von Timrå vorbei. Hier trägt der heimische Eishockeyverein Timrå IK seine Heimspiele in der Svenska Hockeyligan, der höchsten schwedischen Eishockeyliga aus. Kurz darauf sehen wir linkerhand den Flughafen von Sundsvall und fahren durch das Mündungsdelta des Flusses Indahl - oder wie er auf schwedisch heißt: Indahlsälven. Und schließlich nähern wir uns der Hauptstadt der alten Provinz Ångermanland: Härnösand.   Ångermanland Härnösand Tag 5 – Freitag, 30.08.2024; N 62°37′51″ O 17°56′18″ Wie freut man sich doch, wenn man nach so langer Zeit mal wieder das Schild mit dem Biber zu Gesicht bekommt, welches die Härnösand Kommun (Gemeinde Härnösand) ankündigt. Härnösand war bislang stets Dreh- und Angelpunkt, wenn es uns nach Schweden verschlagen hatte. In besonderer Erinnerung geblieben sind die Ausflüge zu den Grotten am Strand von Smitingen, die Besuche des Freiluftmuseums Murberget oder Fahrten zum Västanåfallet, einem durchaus sehenswerten Wasserfall etwas weiter im Landesinneren. Auf unserem aktuellen Trip spielt Härnösand keine besondere Rolle. Was mich aber nicht davon abhält in Erinnerungen zu schwelgen. Während wir an den ersten Häusern der Stadt vorbeifahren, halte ich Ausschau nach bekannten Orten. Rechterhand huscht das „Sjögården“ vorbei, in dem Marks vierzigster Geburtstag im Kreise von Freunden, Familie und Kollegen gefeiert wurde. Zehn Jahre ist dies nun her. Während Esther damals daheim blieb und sich um unsere Hunde kümmerte, begleitete ich meine Eltern hierher. Zuerst gings mit dem Flieger von Düsseldorf nach Stockholm und im Anschluss mit einem Leihwagen, einem weißen Seat Leon ST, in einem Rutsch nach Härnösand. Damals übernachteten wir in Marks Haus in der Trumpetgatan. Ja, wie schnell die Zeit vergeht. In wenigen Tagen feiern wir den fünfzigsten Geburtstag meines Bruders, der seine Zelte inzwischen im weiter nördlich gelegenen Ullånger aufgeschlagen hat. Bin gespannt wo das Brüderchen seinen sechzigsten Geburtstag feiert. Bei aller Euphorie habe ich vergessen zu erwähnen, dass seit etwa zwei Stunden eine muntere Kommunikation mit meinem Bruder stattfindet. Zeitweilig war ich mehr mit WhatsApp beschäftig als meinen Aufgaben als Navi-Ersatz nachzukommen. Manchmal muss man eben Prioritäten setzen, zumal noch ein paar nicht unwichtige organisatorische Dinge zu klären waren. Und hierum drehte sich unsere digitale Kommunikation: Mein Neffe Tim, der seit kurzem eine Wohnung hier in Härnösand bewohnt, würde gern die Mitfahrgelegenheit nutzen und uns auf den letzten Kilometern nach Ullånger begleiten. Eine willkommene Gelegenheit für uns, doch noch einen kurzen Abstecher nach Härnösand zu unternehmen. Es war verabredet, dass Tim uns im Big Boy, einer skandinavischen Fastfoodkette treffen wird. Und damit war dann auch unser Mittagessen gesichert. Am Bahnhof von Härnösand verlassen wir die E 4, fahren in Richtung Zentrum der etwa 18.500 Einwohner zählenden Stadt und suchen uns einen Parkplatz in der Nähe eines McDonalds. Im Groben meine ich den Weg zum Big Boy noch zu kennen. Vom Parkplatz aus geht es über die Brücke hinüber zur Innenstadt, dort hält man sich rechts und geht am Wasser entlang bis man an den Marktplatz erreicht. Dort irgendwo sollte sich der Burgerladen befinden. Nun, bis zum Marktplatz funktioniert das auch überraschend gut. Doch das „irgendwo“, welches eine ungeheuer unkonkrete Ortbeschreibung darstellt, lässt mich etwas ratlos auf der Stelle verweilen. Mein Smartphone, unser kleiner technischer Freund und Helfer hilft uns auch in dieser Not und keine zweihundert Meter später wird aus dem „irgendwo“ ein „genau hier“. Hallo Big Boy – lange nicht gesehen! Mit einem Burger in der Hand wartet es sich besser, also betreten wir den Laden und haben beinahe die maximal mögliche Platzwahl. Hier ist absolut nichts los. Ach ja, die Urlaubssaison ist vorbei, beinahe hätte ich das vergessen. Die Kundschaft sitzt aktuell im Büro, hinter der Schulbank oder jagt Elche. Der Laden wird wohl erst nach Feierabend von den aktuell noch schwer beschäftigten Fastfood-Junkies überrannt. Die Bestellungen werden auch im Big Boy an einem Terminal aufgegeben. Damit kommen wir eigentlich inzwischen ganz gut klar. Überraschenderweise ist Bedienung des Bestellterminals nur in schwedischer Sprache möglich. Die bunten Bildchen helfen wenig weiter und so brauchts einmal mehr Googles Übersetzungs-App, die bei der Eingabe hilfreich unterstützt. Eigentlich gehört zu einem richtigen Roadtrip auch etwas Abenteuerlust und Verwegenheit dazu. Mit etwas Mut zur Lücke bekommt man den Bestellvorgang vielleicht auch ohne digitale Hilfe hin. Doch nur ein winziger Fehler, einmal nur auf die falscheste aller falschen Tasten gedrückt und schon hat man ein Big Boy Burger-Jahresabonnement abgeschlossen. Prost Mahlzeit! Obwohl wir beide Eingangsbereiche kaum aus den Augen lassen, ist es Timmy der uns zuerst entdeckt. Den Jungen haben wir zuletzt vor drei Jahren gesehen. Meine Güte, ist der vielleicht gewachsen. Muss an den Genen liegen, wenn auch nicht an denen meiner Familie. Appetit auf Fastfood hat er jedenfalls gerade nicht. Er lässt sich weder zu einem Getränk noch zu einem Burger einladen. Stattdessen hat er viel zu erzählen. Über seine Ausbildung, seine Freunde, seinen Wunsch zum Militär zu gehen und noch einiges mehr. Die Worte sprudeln nur so aus ihm heraus. In einer der seltenen Redepausen wird mein schwedischer Neffe mit einigen Merkwürdigkeiten konfrontiert, die uns in den letzten Tagen aufgefallen sind. Da waren die extrem langsam fahrenden Fahrzeugen mit einem roten Dreieck am Heck. Die Vermutung, dass das rote Dreieck hier den nachfolgenden Verkehr auf einen Defekt am Fahrzeug hinweisen soll, ist also falsch. Vielmehr kennzeichnet das Zeichen ein solches Fahrzeug als „A-Traktor“ oder „EPA“. Das mit dem Traktor bitte nicht allzu ernst nehmen, es handelt sich bei zu allermeist um normale PKWs, die technisch umgerüstet wurden. Mehr als dreißig km/h sind beim A-Traktor nämlich nicht erlaubt. Dafür kann dann jeder mit einem Moped-Führschein ein solches Fahrzeug fahren. Der Größe des Autos selbst sind allerdings keine Limits gesetzt, so dass Kleinwagen, Limousinen oder auch Pickups als A-Traktor verwendet werden. In dieser sehr ländlichen Region soll es sogar vorkommen, dass aufgrund des Fehlens des entsprechenden Führerscheins LKWs ein rotes Dreieck erhalten. So lauschen wir Tims Worten, erfahren von weiteren Veränderungen in Härnösand und essen dabei in aller Ruhe auf. Ullånger Tag 5 – Freitag, 30.08.2024; N 63°00′44″ O 18°10′42″ Der Stadt Härnösand wäre damit unsere Aufwartung gemacht. Neffe Tim ist eingesammelt und wir sind wieder in der Spur. Dies sind unsere letzten Kilometer gen Norden. Das Höchsttempo beträgt aktuell 110 km/h, die Fahrbahn ist perfekt. Unter diesen Umständen könnte man gerne noch etwas weiterfahren. Die Högakustenbron - zu deutsch Hochküstenbrücke ist mit knapp zwei Kilometern Spannweite eine der längsten Hängebrücken der Welt. Und sie ist hoch. Angeblich soll sie das zweihöchste Bauwerk Schwedens sein. Und da ich große Stücke auf Wikipedia lege, gilt das eben verwendete „Angeblich“ als gestrichen. Die hohen Pylonen grüßen bereits von weitem. Wir überqueren auf dieser Brücke den Ångermanälven, der hier in die Ostsee mündet. Rechterhand zwischen Halbinseln, großen und kleinen Schären befindet sich irgendwo die Ostsee, hinter deren Horizont sich Finnlands Westküste versteckt. Das Navi bezeichnet die Mündung des Flusses als Störfjorden. Ein Fjord also? Das Flussbett des Ångermans liegt inmitten von Bergen. Und von der Brücke aus gesehen, aus über 40 Metern Höhe über dem Wasser, kann man das mit dem Fjord auch gerne glauben. Vor Jahren sind wir mit einem Ausflugsdampfer, der Ådalen III, unter der Brücke hindurch gefahren und anschließend zwischen die Schären gekreuzt. Die Natur hier ist wildromatisch. Schroffe Felsen, tiefdunkle Wälder und hier und da ein Wochenendhäuschen auf einer der vielen kleinen Inseln. Ein Paradies für Naturverliebte, Angler und Menschen, die einfach nur ihre Ruhe haben wollen. Am Ende der Brücke wartet eine kleine Baustelle. Nach inzwischen über eintausend zurückgelegten Kilometern ist dies die dritte Baustelle. Das ist durchaus bemerkenswert. Und dennoch sind die von uns bislang benutzten Straßen in Ordnung. Selbst auf den Asphaltfreien Fahrbahnen wirkt der Splitt wie glatt gestreichelt. Nun könnte man nicht zu Unrecht behaupten, dass auf Schwedens Straßen längst nicht die Masse an Verkehr unterwegs ist wie etwa in Deutschland. Andererseits setzen die recht extremen Winter den Straßenbelägen hier oben arg zu. Die Reparatur dieser Schäden erfolgt kaum, dass der Schnee geschmolzen ist und geht vergleichsweise schnell von statten. Ein großer Vorteil beim Straßenbau ist sicherlich die Erkenntnis, dass man mit diesen Fahrbahnreparaturen jedes Jahr aufs Neue beginnen muss. Straßen von Grund auf sanieren, wie es etwa in Deutschland üblich ist, macht hier überhaupt keinen Sinn. Hier zeigt einem das Leben tatsächlich mal, das ein „Schnell schnell“ unter gewissen Umständen mehr Sinn macht als gewissenhaftes Arbeiten. Schon wenige Kilometer vor der Brücke änderte sich das Terrain merklich. Die E4 wurde hier einst durch den Felsen gesprengt und auch jenseits der Brücke führt unser Weg durch eine steinerne Rinne. Hier und da macht der Fels eine kurze Pause und gibt den Blick auf viel Wasser frei. Jenseits der Gewässer erheben sich wiederum Inseln aus dem Wasser. Einen freien Blick auf die Ostsee kann man hier nicht erhaschen. Wir sind definitiv an der Hohen Küste angelangt, kein Zweifel. Vor uns erheben sich mehrere Berge, die angesichts der Küstenlinie überaus hoch erscheinen. Diese Region wächst tatsächlich etwa ein Zentimeter pro Jahr in die Höhe. Das Meer wird dabei mehr und mehr zurückgedrängt und übrig bleibt eine der wundervollsten Landschaften in Schweden. Mir würde es hier auch gefallen! Grüße gehen nach Schweden! Unvermittelt begrüßt uns ein Schild mit der Aufschrift „Ullånger“. Das Navi bestätigt: Wir sind da. Naja, beinahe. Jetzt noch links, links, rechts, rechts, Kurve, rechts und jetzt wir rollen wirklich auf Marks Haus zu.

Mein Bruder wartet davor. Ein Cowboy-Hut verdeckt sein nun fast fünfzigjähriges Haupt. Graue Haare zieren seinen Bart. Mein kleiner Bruder ist definitiv älter geworden. Wie alles und jeder eigentlich, aber gerade unter Brüdern will man das eigentlich nicht wahrhaben. Er bleibt der Kleine (und das hat nichts mit der Körpergröße zu tun) und ich bin halt der Dicke. Ja, etwas übergewichtig mag ich inzwischen sein, behaupte aber, dass Mark aktuell noch etwas mehr auf die Waage bringt. Egal, mit Gewicht oder Bauchumfang hat auch der „Dicke“ nichts zu tun. Doch die Erkenntnis, dass der jüngere Bruder inzwischen auf die Fünfzig zugeht, lässt einem natürlich auch über das eigene Alter nachdenken. Die Begrüßung ist herzlich, könnte aber herzlicher sein. Der Grund: Marks Frau Christina ist eben von einem Krankenwagen abgeholt worden. Was jedoch nach einem medizinischen Notfall klingt ist vielmehr eine Notlösung, da die medizinische Versorgung in der schwedischen Provinz relativ schwach ausgeprägt ist. Landärzte sind absolute Mangelware. Deshalb wählt man bei gesundheitlichen Beschwerden nicht selten die 1-1-2 und bekommt einen Krankentransport ins nächstgelegene Krankenhaus. Dort erfolgt neben der nötigen Behandlung auch ein gewissenhafter Check aller lebensnotwendigen Organe. Mein Bruder hofft seine Frau noch im Laufe dieses Abends vom Krankenhaus im etwa fünfzig Kilometer entfernten Örnsköldsvik abholen zu können. Bis dahin muss er sich allerdings alleine mit meiner Frau und mich herumschlagen. Dank einer gewissen Euphorie wird das sicher bestens funktionieren. Von der Straße aus gesehen, wirkt Marks Haus wie ein Flachbau. Beim genaueren Hinsehen erkennt man das abschüssige Gelände am Haus. Wenn man dann noch genauer hinschaut, wird klar, dass dieses Haus aus mehr als nur einer Etage besteht.

Unser Heim für die nächsten knapp zwei Tage befindet sich im Untergeschoss des von Mark modernisierten Hauses unter. Über eine recht schmale Treppe gelangt vom „Straßenniveau“ hinunter ins „Gartenniveau“, also nach unten. Doch bevor ich mich im wahrsten Sinne des Wortes mit dem Gepäck dort hinunterstürze, rolle ich die Koffer über einen perfekt geschnittenen Rasen außen um das Haus herum. Bergab geht das natürlich recht problemlos. Wenige Schritte später steht das Gepäck vor unserer Zimmertür. Aktuell ist Mark ganz besonders stolz auf die in diesem Jahr entstandene Terrasse mit Feuerstelle im Garten. Holz soweit man sehen mag. Die Sitzbänke, die schlichte und gerade deshalb sehr sehenswerte Terrassen-Überdachung sowie die Poolumrandung – alles aus Holz, alles handgezimmert. Wen wunderts, wir sind halt in Schweden! Lediglich Pool und Gewächshaus scheinen eine Ausnahme zu machen und präsentieren sich in den Materialien unserer modernen Wegwerfgesellschaft: Gummi und Plastik. Das schöne Wetter lockt uns hinaus auf die Terrasse. Das erste Bier wird geöffnet und die Feuerstelle erwacht zum Leben. Es wird über dieses und jenes geredet und die Zeit verrinnt wie im Fluge. Ein paar Nürnberger Würstchen landen als Abendessen auf dem Grillrost. Hier draußen merkt man schnell, dass der Sommer in den allerletzten Zügen liegt. In der Sonne konnte man es vorhin noch gut aushalten. Doch längst sind die Schatten länger geworden und haben die wärmenden Strahlen der Sonne verdrängt. Jetzt wird es schnell frischer, doch Dank des Feuers beeindruckt uns das wenig. Gegen einundzwanzig Uhr bekommt Mark die Info, dass Christina in Örnsköldsvik abgeholt werden kann. Umgehend macht er sich mit Tim auf den Weg. Für zweimal rund fünfzig Kilometer sind wir nun wieder unter uns. In diesem kleinen Idyll sehen wir dem Feuer beim Niederbrennen zu und genießen die Ruhe. Das Feuer ist inzwischen kaum noch in der Lage der Abendfrische etwas entgegenzusetzen. Es wird Zeit nach drinnen zu gehen. Als Christina endlich daheim ist zeigt die Uhr halb elf an. Auch wenn wir schon geraume Zeit auf den Beinen sind, denkt grad niemand ans Schlafengehen. Nicht nur, dass es noch so viel zum Quatschen gibt, nein es gibt auch noch etwas zu sehen. Kurz nach dreiundzwanzig Uhr bemerkt jemand aus unserer Runde ein merkwürdiges Leuchten am Himmel. Polarlichter etwa? Wenn in den letzten Monaten die Aurora Borealis zuweilen bis ins Rheinland beobachtet wurden, dann sollte das hier, knapp unterhalb des Polarkreises erst recht möglich sein. Ein grünes Band zieht sich quer über den Himmel. Die Formen innerhalb des grünen Gebildes bewegen sich langsam aber beständig, so dass aus dem Band Flecken werden, begleitet von zarten violetten Lichtern. Das Ganze wirkt unwirklich, künstlich, so gar nicht wie ein natürliches, nun gut, astronomisches Phänomen. Aber will man sich beschweren? Da wir in unserem Leben noch nie ein solches Leuchten am Himmel beobachten konnten, trauen wir unseren Augen kaum. Die Faszination ist greifbar. Die Polarlichter erscheinen ausgerechnet am nördlichsten Etappenort unserer Reise, die damit um ein unerwartetes Highlight reicher ist. In den nächsten Minuten versuche ich mit unterschiedlichen Foto-Apps Himmelsbilder zu knipsen, in der bangen Hoffnung, dass ein paar sehenswerte Aufnahmen gelingen. Schließlich will ich auch morgen noch glauben können, dass dieses Schauspiel tatsächlich stattgefunden hat und nicht nur ein Ergebnis des übermäßigen Genusses eines überaus leckeren Rums ist. Örnsköldsvik Tag 6 – Samstag, 31.08.2024; N 63°17′27″ O 18°42′56″ Gegen 6:00 Uhr erzeugen die Bewohner dieses Hauses ersten akustischen Content. Christina und Mark starten wie gewohnt in den Tag. Weniger attraktiv finden das die beiden Langschläfer eine Etage tiefer. Endlich mal ausschlafen – so war unser Plan. Tatsächlich halten wir es noch bis 08:30 Uhr im Bett aus, dann macht der Handy-Wecker endgültig Schluss mit ohnehin nicht mehr lustig. Mit der Dusche kommt die Motivation zurück, die Stimmung steigt und der Samstag macht für uns einen Neustart. Zum Frühstück gibt es Shakshuka - Eier in Tomatensoße. Zum Teufel mit der Vorherrschaft gekochter Frühstückseier. Hier landen richtig leckere Sachen auf dem Tisch. In Mora war das Frühstück schlicht, in Undersvik war es sehr gesund und hier werden wir verwöhnte Leckermäulchen auf das Feinste verwöhnt. Im Anschluss an das Frühstück fahren wir zu viert nach Örnsköldsvik, der nächst größeren Stadt nördlich von Ullånger. Nördlicher als hier waren wir bislang noch nie auf diesem Planeten, und Örnsköldsvik liegt immer noch weit unterhalb des Polarkreises. Dieser Ort ist zudem auch der östlichste jemals besuchte Punkt von uns. Das primäre Ziel der Fahrt nach Örnsköldsvik besteht darin, Tinas Medizin in einer Apotheke in der Fußgängerzone der Stadt abzuholen. Natürlich sind wir dabei und nutzen die Chance, den Laden neugierig in Augenschein zu nehmen. Esther entdeckt hier aufgestapelte Tetrapacks, deren Inhalt als Blutsaft bezeichnet wird. Was mag das sein? Da ich nicht dumm sterben möchte, frage ich das allwissende Google und erhalte als Antwort, dass es sich bei Blutsaft um eisenhaltige Nahrungsergänzungsmittel handelt. Dann kann ich wohl den Spinat künftig weglassen, oder? Esther kommt auf die geniale Idee, hier in Örnsköldsvik auf GeoCache-Suche zu gehen. Ihre App meldet ein Cache-Versteck in nur wenigen Metern Entfernung. Allerdings haben wir die Rechnung ohne den hohen Publikumsverkehr in diesem Teil der Fußgängerzone gemacht. Die Suche gestaltet sich deshalb als schwierig bis gänzlich unmöglich. Also geben wir erfolglos auf. Irgendwie schade. Die Gruppendynamik treibt uns ein paar Geschäfte weiter und schon landen wir erneut im Systembolaget. Das Betrachten der Alkoholitäten in den Regalen macht einfach Spaß. Die Preise hingegen dämpfen die Freude direkt wieder. Ein paar Biere werden trotzdem erstanden, schließlich kann man einen solchen Laden unmöglich mit leeren Taschen verlassen. Anschließend geht’s quer durch die Stadt, um einige Kleinigkeiten in einem Lidl einzukaufen. Die Chance nutzen wir und kaufen schon mal ein paar Sachen für unsere nächste Unterkunft ein. Am morgigen Sonntagnachmittag werden wir deutlich südlicher unser Lager aufschlagen. Die Ferienwohnung mit dem interessanten Namen „Haga Mini“ ist eine Unterkunft ohne Restaurant und ohne Frühstück. So etwas bedarf natürlich einer guten Vorbereitung. Also kaufen wir Bratwurst und Kartoffelsalat für den ersten Abend ein. Die Erfahrung hat nämlich gezeigt, dass man in Schweden besser darauf achtet, wo man Bratwurst kauft. Die übliche schwedische Bratwurst muss man vor dem Verzehr in Senf ertränken, wenn man sie irgendwie hinunter bekommen möchte. Die Bratwurst aus dem Lidl hat aber offensichtlich eine deutsche Rezeptur und schmeckt entsprechend gut. Oh, wie liebe ich doch die kleinen Vorurteile kulinarischer Art. Selbstverständlich findet auch ein großes Stück Käse seinen Platz im Einkaufswagen. Davon können wir hier nicht genug haben. Daheim hingegen liegt der Käsehobel seit Jahren unbenutzt in der Schublade. Rotsidan Tag 6 – Samstag, 31.08.2024, N 62°50'41″ O 18°22'12″ Relativ häufig besuchten wir in den vergangenen Jahren die Gegend um Bönhamn, Rotsidan und Nordingrå. Diese Halbinsel ist reich an Sehenswürdigkeiten und ist natürlich auch für Naturliebhaber ein wahrer Hingucker. Und selbst nach so vielen Ausflügen haben wir noch längst nicht alles gesehen. Zum ersten Mal greifen wir heute von Norden an. Von Ullånger aus führt uns eine Straße direkt in die Region um Nordingrå. Der Besuch einer alten Holzkirche in Barsta mit anschließendem Picknick in Rotsidan war ursprünglich bereits für gestern geplant. Jedoch hatte Christinas Krankenhausaufenthalt dem einen Strich durch die Rechnung gemacht. Dann also heute. Barsta ist ein kleines touristisches Fischerdorf direkt an der Ostseeküste. Eine besondere Sehenswürdigkeit stellt die schwarze Holzkirche von 1643 dar. Wir schreiten vom Parkplatz einige Stufen hinauf zum eigentlich unscheinbaren Gotteshaus, das die Größe einer mittleren Scheune hat. Nie und nimmer hätte ich hier eine Kirche vermutet. Doch wenn man erst einmal hinter dieses Geheimnis gekommen ist, kann man sich einer gewissen Faszination nicht erwehren. Eine schwarze Kirche – wem kommen da keine Gedanken an schwarze Messen? Mark kennt sich hier aus und greift neben der Tür in die Höhe und befördert einen großen museumsreifen Schlüssel ans Licht, der tatsächlich ins Schloss der Kirchentür passt. Die Tür öffnet sich (leider ohne Knarren, was perfekt zur Szenerie gepasst hätte) und gibt den Weg in einen liebevoll gestalteten Innenraum frei. Hier ist absolut alles aus Holz. Malereien zieren die Holzwände und lassen den fehlenden üblichen Prunk kaum vermissen. Wahrscheinlich gibt’s hier noch keinen elektrischen Strom und die Lampen werden noch mit Walöl betrieben. Gut, meine Phantasie geht gerade auf die Reise, aber was solls, diese Kirche ist halt etwas ganz besonders. Kein Wunder, dass Mark sie uns zeigen möchte. Viel Platz findet sich nicht, doch wahrscheinlich reichen die wenigen Plätze für alle Gläubigen dieses kleinen Dorfes. Im Umfeld um die Kirche befindet sich ein GeoCache meint Esther mit Blick auf ihr Handy. Na dann nichts wie los. Das Versteck ein paar Meter abseits der Kirche ist schnell gefunden. Wir tragen uns ins Logbuch ein und verstecken die Dose wieder. Beim Loggen des GeoCaches in der Handy-App stellen wir überrascht fest, dass dies unser östlichster Cache überhaupt ist, den wir bislang entdeckt haben. In Örnsköldsvik gingen wir vorhin bekanntlich leer aus. Und unser bislang nördlichster gefundener Cache ist auch nur 13 Kilometer Luftlinie von hier entfernt, nämlich in einer Kirchenruine in Nordingrå. Um das zu vervollständigen, unser südlichster GeoCache befindet sich irgendwo im Süden von Bayern und der westlichste in Paris. Wirklich weit sind wir wahrlich noch nicht herumgekommen. Die nächste Etappe des heutigen Tages ist das geplante Picknick in Rotsidan, einem Teil der hiesigen Ostseeküste, an welcher flache Felsen - einem Sandstrand ähnelnd - flach ins Wasser führen. Auch wenn uns die Gegend nicht neu ist, es ist dennoch immer wieder schön diese einzigartige Strandlandschaft zu sehen. Während die Damen mit dem Auto zum Waldparkplatz des äußerst felsigen Strandes fahren, werden Mark und ich den direkten Weg quer durch die Natur zum Grillplatz laufen. Ein Bier dient als Wegzehrung, mehr gibt’s nicht - schließlich wollen wir die Mädels nicht unnötig warten lassen. Kaum wagen wir den Schritt raus aus der Zivilisation und hinein in die scheinbar unberührte Natur, da begegnen uns zwei Frauen. Die Beiden haben jeweils eine randvoll gefüllte Tüte Pfifferlinge dabei. Es hat den Anschein, dass diese Pilze hier wie Heu wachsen. Während unseres kleinen Spazierganges sehen wir zwar Unmengen von Tannen, Flechten, Blaubeerpflanzen - aber nicht einen Pfifferling. Nun, Frauen haben halt ihre Geheimnisse und in diesen Breiten haben diese Geheimnisse möglicherweise etwas mit Verstecken zu tun, in welchen diese begehrten gelben Pilze wachsen. Der an einigen Stellen ausgetretene Weg bietet die eine oder andere Wurzel, die den unaufmerksamen Wanderer nur zu gern mit der Schwerkraft konfrontiert. Besser man achtet auf seine Füße, sonst wird man schneller von selbigen geholt als einem lieb ist. Wir entgehen diesem Schicksal und kommen durchaus gut voran. Linkerhand ist inzwischen die Ostsee zwischen den Bäumen zu sehen. Die Birken und Tannen werden zunehmend lichter, der flache Felsen tritt immer mehr als Untergrund hervor. Was eben noch als Waldweg begann wandelt sich nun allmählich zu einem Pfad der auf nacktem Gestein entlang führt. Hier und da liegen beigefarbene Kügelchen auf dem Boden und Mark erklärt, dass dies der Kot von Elchen ist. Tatsächlich führt uns der Weg ziemlich nah ans Ufer. Der felsige Untergrund wird zunehmen anspruchsvoller. Breite Spalten durchziehen das Gestein, welche teilweise mit Wasser gefüllt sind. Ein paar niedrige Felsen wollen sogar kletternd überwunden werden, wobei man achtgeben muss, nicht auf lose Steine zu treten. Sonst sitzt man schneller als man denkt mit dem Hintern im Wasser und wer will schon mit nassen Hosen am Grill sitzen? Wider Erwarten erreichen wir kurz darauf trocken und wohlbehalten unseren Grillplatz. Von hier aus ist der Ausblick über den Felsenstrand Rotsidan ziemlich beeindruckend. Die Mädels sind schon etwas länger hier und haben bereits einiges vorbereitet. Für den Grill fehlt Holz, dass sich aber problemlos organisieren lässt. Hinter einem Toilettenhäuschen im Wald ist fertig gespaltenes Brennholz aufgeschichtet. So dauert es nicht lang bis das Feuer in der Feuerstelle lodert und während das Holz langsam anbrennt, essen wir Garnelen, die Mark daheim geräuchert hat. Ein Bierchen rundet die Sache perfekt ab. Irgendwann landen die Grillwürstchen auf dem Grill, gelangen dann ins Brötchen und wandern zuletzt in den Magen. Dieser Ausflug ist bislang eine rundum eine gelungene Sache. Die Kirche in Basta war ein Hingucker, die kleine Wanderung hat Spaß gemacht und Rotsidan ist bei diesem schönem Wetter einfach traumhaft. Auf der Rückfahrt nach Ullånger halten wir an einem unscheinbaren Häuschen direkt an der Steaße. Dies also ist das kleinste Museum an der Hohen Küste. In diesem Gartenhäuschen, nur wenig größer als ein Plumpsklo, sind verschiedene Exponate und Artikeln zur lokalen Geschichte ausgestellt. Die Neugier lässt uns kurz anhalten, aber angesichts der heute erlebten Highlights haut mich das Mini-Museum kaum aus den Socken. Dann geht’s wieder zurück nach Ullånger. Cruising Days Tag 6 – Samstag, 31.08.2024, N 63°00′43″ O 18°11′11″ Bei mir macht sich eine Erkältung bemerkbar. Beinahe unbemerkt hat sie sich im Laufe des Tages angeschlichen. Wann und wo ich mir den Spaß eingefangen habe, kann ich nicht mit Bestimmtheit sagen. In Mora vielleicht, als ich mich kurzzeitig recht unwohl fühlte. Oder in Undersvik während unseres abendlichen Spazierganges? Selbst der gestrige Abend, als wir dem Holz im Grill beim Verglimmen zuschauten, kommt als mögliche Erklärung in Frage. Spielt alles keine Rolle mehr, der Salat ist inzwischen angerichtet. Der Hals kratzt gewaltig und meine Stimme ist nicht mehr sie selbst. Und ich habe überhaupt keinen Bock, diesen Urlaub durch eine Erkältung sabotieren zu lassen. Die unergründliche Weisheit eines ehemaligen Chefs offenbarte mir einst, dass eine Erkältung über drei Tage anrollt, drei Tage bleibt und über weitere drei Tage langsam abebbt. Fragt sich, wo ich heute stehe? Sind die ersten drei Tage bereits unbemerkt vorübergezogen? Dann ist der Rest des Wochenendes und mindestens der Montag im Eimer. Aber es besteht die berechtigte Hoffnung ein paar angenehme Tage hintenraus genießen zu können. Der heutige Samstag sollte jedenfalls gelaufen sein. „Ab ins Bett“ sagt das Engelchen auf der rechten Schulter. „Nutz die Zeit die Dir hier bleibt“ sagt das Teufelchen auf der linken Schulter. Christina kocht mir derweil einen Pfefferminztee. Wenn die Erkältung beschlossene Sache ist, macht Tee Sinn. Das Teufelchen setzt sich derweil durch und überredet mich am heutigen Abend in die Vollen zu gehen bis mich der Husten auf die Bretter schickt. Vernünftig ist anders, ich weiss. Die Frauen sitzen am Küchentisch und tauschen sich über Paris aus. Christina und Mark waren inzwischen schon öfter dort, Esther und ich im vorigen Jahr zu einzigen Mal bisher. Dies ist ein Frauengespräch, also verdrücke ich mich nach draußen und leiste meinem Bruder am Grill Gesellschaft. Burgerpatties aus Elchfleisch zieren einen provisorischen Rost. Pures Eisen statt Chromveredeltem Edelstahl. Zugegeben, das hat was. Diese Feuerstelle hat den ungehobelten Charme der rauen Landschaft in dieser Region Schwedens. Ein Gasgrill hätte kaum diesen Hauch von Romantik aufkommen lassen. Ist das der Neid eines Besitzlosen, nur weil ich keinen Gasgrill auf meinem heimischen Hof dulde? Passt die Frage überhaupt hierher? Ich denke nicht. Also zurück auf den Rost. Dort erreichen die Elchpatties den gewünschten Gargrad. Zeit fürs Abendessen. Die Burger schmecken durchaus lecker, auch wenn das relativ trockene Fleisch nicht unbedingt mit normalem Burgerfleisch vergleichbar ist. Muss man etwas mit etwas anderem vergleichen, nur um ersteres toll zu finden? Eben! Die Burger sind anders und sie sind lecker! Dazu gibt es angequetsche Kartoffeln mit einem Kräuterquark. Wir haben das Glück, dass ausgerechnet an diesem Wochenende eine Veranstaltung namens „Cruising Days“ stattfindet. An den „Cruising Days“ führen die Liebhaber amerikanischer Wagen ihre Schätzchen aus und alle dürfen zusehen. Die Schweden haben halt ein Fable für große amerikanische Wagen. Je älter desto besser. Schon den ganzen Tag über stehen die Straßenkreuzer auf einer großen Freifläche und lassen sich vom neugierigen Volk betrachten, anschmachten und ziemlich oft auch anfassen. Dieser Tagesordnungspunkt fiel heute jedoch Örnsköldsvik, Barsta, Rotsidan und den Elchburgern zum Opfer. Esther hätte sicherlich ihren Spaß gehabt, sich mal hinters Steuer eines solchen Kreuzers zu setzen. Doch statt Dogde Ram gab es die Apotheke in Örnsköldsvik, statt Ford Thunderbird gabs die alte Holzkirche in Barsta. Und die eine oder andere Klapperkiste hätte sich über unsere Aufmerksamkeit freuen können, wenn wir nicht am Strand von Rotsidan ein paar Würstchen gegrillt hätten. Die „Cruising Days“ locken noch immer und jetzt nach dem Abendessen gibt es keine Ausrede mehr. Selbst die sich anbahnende Erkältung ist für den Moment vergessen. Nach dem Essen geht's zu Fuß hinunter an die Hauptstraße von Ullånger. Die Hauptstraße empfängt uns mit groteskem Lärm und dem Gestank nach Abgasen. Dutzende, wenn nicht sogar mehr als hundert alte amerikanische Wagen fahren bei lauter Technomusik (vornehmlich aus den Neunzigern) durch den Ort. Ein paar alte Volvo stehlen sich in die Polonaise. Alte VW-Bullys und Käfer, Hot Rods und sogar ein alter Bus aus den fünfziger Jahren vervollständigen die Szenerie. Definitiv etwas fürs technikverliebte Auge, und ich behaupte, auch etwas fürs Ohr, denn bei genauerem Hinhören kann man inmitten des infernalen Lärmes auch das ästhetische Werkeln von Motoren mit relativ großem Hubraum vernehmen. Diese Motoren machen Spaß! Gebt mir mehr davon. Die Palette reicht von auf Hochglanz polierte Straßenkreuzer bis zu sorgfältig auf Schrottkarre getunte Fahrzeuge, bei den die Optik nichts mit dem tatsächlichen Zustand der Karosse gemein hat. Bei beinahe allen Fahrzeugen wird der Innenraum mittels LEDs in verschiedenen Farben ausgeleuchtet. Aus den geöffneten Fenstern dröhnt Eurodance der Extraklasse. Ich meine sogar Blümchen mit irgendeinem ihrer Hits aus jener dunklen Zeit zu erkennen, der Zeit, in der musikalische Billigware meine geliebten Achtziger verdrängte. (Alles Geschmackssache, ich weiß) Den Abend beschließen wir in Marks Wohnzimmer, hören Musik, quatschen und trinken - nach Esthers Meinung zu viel - Bier. Die Erkältung ist jedenfalls vergessen. Nach Süden Tag 7 – Sonntag, 01.09.2024; N 63°00′44″ O 18°10′42″ Eine weitere unruhige Nacht ist vorbei. Seit Beginn unseres Urlaubs ist dies bereits unsere vierte Unterkunft. Der Rücken sollte sich langsam daran gewöhnt haben, dass die Matratzenbeschaffenheit alle ein bis zwei Tage wechselt. Vier weitere Hotels warten auf uns. Vier weitere Betten haben also die Chance zu meinem Rückenwohl beizutragen und dafür zu sorgen, dass dieser Urlaub auch der körperlichen Entspannung dient. Schlimmer noch als mein Rücken schmerzt jedoch inzwischen mein Hals. Der Husten macht unmissverständlich klar, dass die Erkältung angekommen ist. Unmöglich das jetzt noch zu ignorieren. Wenn ich die schon erwähnte Dreier-Regel heranziehe, dann könnte heute oder morgen Halbzeit sein. Mit etwas Glück bin ich am Donnerstag, spätestens am Freitag an Marks Geburtstag wieder topfit. Doch bis dahin… Beim Frühstück gibt es für meine Reibeisenstimme Pfefferminztee statt Kaffee und Christina verabreicht mir einen Löffel Honig. Mund auf und rein damit. Wehrlos lasse ich diesen Ausdruck mütterlicher Nächstenliebe über mich ergehen. Mark kümmert sich derweil ums Rührei mit Pfifferlingen. War der Frühaufsteher etwa im Wald unterwegs und hat dort ein paar Hühnereier, ehm, Pfifferlinge eingesammelt? Das Frühstück wird, wie inzwischen gewohnt, schwatzend verbracht. Seit dem ersten Tag in Christina und Marks Haus wird ununterbrochen geredet, geschwätzt und erzählt. Womöglich bin ich gar nicht erkältet, sondern nur heiser vom Reden? Nach dem Frühstück ist es leider wieder an der Zeit aufzubrechen. So ist das nun einmal an einer Rundfahrt. Man verbringt stets zu wenig Zeit an den schönen Orten. Wir packen und während das Auto beladen wird, beginnt es zu regnen. Das bislang mehr als solide Urlaubswetter erhält einen Dämpfer. Doch das dürfte uns in den nächsten Stunden während der Autofahrt reichlich egal sein. Aufgrund des Regens fällt auch die Verabschiedung recht kurz aus und ehe wir uns versehen, sitzen wir im Auto und sind nun auf der E4 gen Süden unterwegs. Intermezzo in Solum Eine Zeitreise 20 Jahre zurück Kurz vor Härnösand biegen wir spontan von der Europastraße 4 ab und nutzen die Chance dem kleinen Örtchen Solum einen Besuch abzustatten. Im Grunde ist uns der Ort relativ egal. Die allermeisten Erinnerungen hier hängen beinahe ausschließlich an Harrys Haus. Harry? Nun, ich denke, das lässt sich nicht mit ein zwei Sätzen erklären. Harry ist Niederländer und lehrte an einer Schule in Härnösand die englische Sprache. Auf welchem Wege schließlich der Kontakt zu meiner Familie zustande kam ist mir nicht zu 100% bekannt. Möglich, dass Harry einstmals bei der Suche meines Vaters nach geeigneten Ferienobjekten half. Und wenn auch damals keine Holzhäuser in den Besitz meiner Familie wechselten, so blieb doch man freundschaftlich verbunden. Als meinem Bruder zu Beginn dieses Jahrtausends Deutschland zu eng wurde, tauchte er in die unendlichen Freiheiten Skandinaviens ab. Damals kam er bei eben diesem Harry für viele Monate unter und half bei dessen Unternehmungen tatkräftig mit. Da waren seine Schilderungen vom Anpflanzen ganzer Wälder in den rauesten Gegenden Schwedens und sah Fotos vom Ausweiden von Elchen. Nun, mein Bruder war auf dem besten Wege seinen Traum zu leben. Später kehrte er nach Deutschland zurück, gründete eine Familie und wanderte mit dieser endgültig nach Schweden aus. Aber zurück zu Harry, bzw. Harrys Haus in der Zeit von Marks erstem Aufenthalt. Genau hier verlebten wir fast auf den Tag genau vor zwanzig Jahren unseren ersten Urlaub in Schweden. Die An- und Abreise erfolgte mit Ryan-Air zwischen Flughafen Frankfurt/Hahn und Stockholm-Skavsta. Von dem etwa zwei Fahrstunden südlich von Stockholm gelegenen Flughafen Skavsta holte uns Mark mit einem alten Volvo 745 ab. Anschließend gings die ganze Nacht gefühlt durch halb Schweden, mit einem nicht ganz planmäßigen Stopp kurz vor Uppsala. Ursache des Halts war ein Streifenpolizist, dem die vier Deutschen im altersschwachen Volvo etwas suspekt erschien. Von einer Anhöhe konnten wir während der Verkehrskontrolle imposante Lichteffekte verfolgen, die vierzehn Ampeln an der damals noch schnurgerade durch Uppsala verlaufenden E4 erzeugten. Am Morgen erreichen wir schließlich nach etwa siebenstündiger Fahrt Harrys Haus hier in Solum. Eine Woche vieler Erinnerungen stecken in diesem Holzhaus. Da waren die allabendlichen Treffen in der Küche so gegen 22 Uhr, bei denen es in geselliger Runde neben einem starken Kaffee auch das eine oder andere alkoholische Getränk gab. Wir kamen damals sogar in den „Genuss“ des berühmten Surströmming, der als vergorener Fisch aus der geöffneten Blechdose seinen unverwechselbaren Duft verströmte. Ein Erlebnis, das hier tatsächlich etwas eingehender geschildert werden soll. Harry war damals Lehrer an einer Schule in Härnösand. Wie der Zufall es wollte, machte sich in jenem Sommer eine Schulklasse einer polnischen Partnerschule per Fahrrad in Richtung Härnösand auf. Nun mag die lange Fahrt bis ins Angermanland bereits ein Abenteuer darstellen, doch hier wartete ein nicht minder aufregendes Highlight. Als guter Gastgeber lud Harry die Radler nämlich zum traditionellen Surströming-Essen ein. Wir waren damals ganz sicher mehr als zwanzig Leute, die sich eng bei eng um den Tisch im wenig genutzten Sommerhaus trafen. Es gab viel Alkohol, es wurde viel gesungen und irgendwann standen geöffnete Konservendosen mit dem berüchtigten Stinkefisch auf dem Tisch. Der Surströmming ist keine zehn Zentimeter lang, wurde etwa zwölf Monate in der Dose vergoren und schaut genauso aufregend aus wie er riecht. Wenn ich mich recht erinnere, rollte man eine Scheibe Dünnbrot aus, verteilte einige Kartoffelbrocken und Zwiebeln darauf und bröckelte dann vereinzelte kleine Fischteilchen dazwischen. Der Geschmack war relativ unspektakulär. Wenn ich mich recht erinnere, dann schmeckte das Ganze relativ süß und absolut nicht so wie der Geruch zuvor vermuten ließ. Aber gerochen hatte man zu diesem Zeitpunkt dank des Alkohols und des Gesangs eh nichts mehr. Man durfte nur den Raum nicht verlassen. Auf gar keinen Fall! Es sei denn man hatte nicht vor zurückzukehren. Aus diesem Grund finden solche Veranstaltungen in der Regel auch stets im Freien statt. Vom weiteren Weg der polnischen Klasse kann ich allerdings ebensowenig berichten, noch weiß ich wie lange das Sommerhaus aufgrund des Geruchs nicht nutzbar war. Mein Gedächtnis scheint aktuell auf Hochtouren zu laufen, denn ich erinnere mich sogar an meine ersten und einzigen Erfahrungen beim Bäumepflanzen. Auf ein „Haste Bock?“ folgte ein „…türlich!“ Von mir und schon war ich dabei. Dabei läuft man durch eine Landschaft, die nur aus Felsen, etwas Gestrüpp und noch mehr steinigem Untergrund besteht. Gedanken an sanft hügelige Kieferwälder der Niederlausitz oder die bergigen Fichtenwälder von „Preußisch Sibirien“ – der Eifel sind völlig fehl am Platz. Hier geht die Natur deutlich forscher zur Sache. Alle paar Schritte rammt man ein stählernes Pflanzrohr (in Form und Größe durchaus mit einer Panzerfaust vergleichbar) in den Boden und zieht an einem Griff, der eine Öffnung am unteren Ende frei gibt. Nun lässt man ein Pflänzchen durchs Rohr gleiten, dass nun frisch in dem Boden gerammt eines Tages ein Baum werden soll. Absolut erwähnenswert ist dabei die Tatsache, dass mindestens zwei von drei Versuchen am blanken Felsuntergrund scheiterten. Der Aufprall des Stahls auf dem unnachgiebigen Gestein setzt sich ungebremst in Arm und Schulter fort. Wer hier ähnlich unbedarft zu Werke geht wie ich damals, dürfte noch Tage sehr schmerzhaft an das Pflanzen erinnert werden. Wir nutzten damals die Zeit natürlich auch um die Gegend genaustens unter die Lupe zu nehmen. So wie auch im Jahr darauf und in den folgenden Jahren immer wieder. Und es war immer wieder schön. In jener heute beinahe legendär empfundenen Woche besuchten wir das Küstendorf Bönhamn, das Museum Mannamine, Ostseebad Smittingen, streichelten Elche an der Höga Kusten Bron und machten selbstverständlich auch Härnösand unsicher. Die Heimreise begann mit einer siebenstündigen Fahrt mit ebenjenem alten Volvo zum Flughafen Stockholm Skavska. Ich kann mich nicht erinnern, ob ich meinem Bruder für diese Kutscherei jemals angemessen gedankt habe. Während nämlich unsere Reise nach einem zweistündigen Flug und weiteren zwei Stunden Fahrt durch Hunsrück und Eifel am 26. August 2004 ihr Ende fand, war Mark noch immer auf seiner siebenstündigen Rückfahrt allein im Volvo 745 unterwegs. (Eine kleine Notiz am Rande: Am 26. August 2024 begann unsere aktuelle Reise mit dem Abflug in Richtung Schweden in Frankfurt/Main.) Das ist nun also zwanzig Jahre her. Inzwischen ist Harry seit einigen Jahren pensioniert und lebt in den USA. Unser Ford rollt langsam am Harrys Haus vorbei, an dem sich wenig bis gar nichts verändert hat. Ein wenig Wehmut kommt auf, bekommt aber keine Gelegenheit sich aufs Gemüt zu legen. Hier lebt niemand mehr, warum also alten Geistern nachjagen? Wir verlassen das Grundstück und kehren über verlassene Straßen zur E4 zurück. Es ist an der Zeit unsere Tour fortzusetzen und die vergangenen Zeiten hinter uns zu lassen. Härnösand ist viel zu schnell erreicht und liegt noch schneller hinter uns.   Medelpad Sundsvall Tag 7 – Sonntag, 01.09.2024; N 62°23'19″ O 17°20'27″ In Timrå, wenige Kilometer vor Sundsvall treffen wir auf eine Baustelle auf der E4. Gut, Freitag hatten wir schon einmal die Ehre, die Baustelle umfahren zu dürfen. Dennoch ist es bemerkenswert, dass man sich auch mit etwas Abstand noch an alle Baustellen erinnern kann, die uns während der Tour durch Mittelschweden begegnet sind. Da wäre jene kurz vor Järvsö, als die Umleitung über einen matschigen Feldweg erfolgte. Eine weitere Baustelle befindet sich direkt auf der Höga Kusten Bron, aber habe ich diese Brücke jemals ohne Baustelle gesehen? Ich glaube nicht. Und die dritte Baustelle ist hier in Timrå. Drei Baustellen nach etwa zwei Dritteln unseres Roadtrips, damit kann man sicher leben. Klopfe auf Holz! Am Freitag sind wir noch haarscharf an Sundsvall vorbeigeschrammt, gewürzt mit dem Kurzbesuch im IKEA in Sundsvall-Birsta. Heute, auf unserer Tour gen Süden, geht's auf der E4 nonstop durch die Hafenstadt Sundsvall hindurch. Nein, das stimmt nicht so ganz. Denn nun geht es über die Sundsvallbron, einer 2,3 Kilometer lange Brücke über den Sundsvallsfjörd und nicht durch Sundvalls Innenstadt. Eine quälend schleppende Fahrt bleibt einem erspart. Zugleich schont die Brücke auch die Nerven der Sundsvaller Bevölkerung, wenn der Verkehr auf der E4 den Stadtverkehr nicht mehr zum Erliegen bringt. Im Gegenzug ist ein kaum erwähnenswerter Beitrag für die Brückenmaut zu entrichten, was in der Regel digital erfolgt. Soll heißen, unser Autovermieter wird uns in wenigen Tagen etwa einen oder zwei Euro in Rechnung stellen. Heute kommt also kein weiterer Stopp in Sundsvall dazu. So bleibt es bei den bisherigen zwei Besuchen: 2012 startete auf dem Bahnhof in Sundsvall unsere Heimreise, damals per Bahn zum Flughafen Stockholm-Arlanda. Kleiner Geheimtipp am Rande: Bahnfahren in Schweden hat etwas, soviel steht fest. Wenn die Passagiere beim Einsteigen die Schuhe ausziehen, um in Socken durch den Waggon zum Sitzplatz zu gelangen, oder ein Buffet Leckereien während der Fahrt bereithält – Mir ist diese Fahrt mit der Bahn in bester Erinnerung geblieben. Probiert es ruhig mal aus. Vier Jahre später gings erneut nach Sundsvall. Damals ohne Esther, die sich daheim um Haus, Hof und Hund Tosca kümmerte. Wir ließen das Auto im Hafen stehen und unternahmen eine Schiffstour. Ähnlich wie einige Jahre zuvor einige Kilometer nördlicher kreuzten wir bis zum Dunkelwerden nun zwischen den Schäreninseln vor Sundsvall. Es gab auch diesmal reichlich zu sehen und noch viel mehr von einem sehr reichhaltigen Buffet zu essen. Zurück in die Gegenwart. Aufgrund der Brücke bekommt man heutzutage von Sundsvall recht wenig zu sehen. Stattdessen gibt’s für den Reisenden auf der E4 einige wenige Eindrücke von den Vororten der Provinzhauptstadt der historischen Provinz Medelpad. Es regnet. Sundsvall liegt hinter uns. Eben passieren wir einen graubraunen Haufen direkt am Seitenstreifen, der sich bei genauerem Hinsehen als Elch entpuppt. Genau genommen handelt es sich dabei um einen ziemlich toten Elch. Lange liegt er wahrscheinlich noch nicht dort. Was mag ihm zugestoßen, oder besser, mit ihm zusammengestoßen sein? Ein PKW eher nicht. Jedenfalls sehe ich nirgends einen entsprechend großen Haufen Blech am Straßenrand. Ein Zusammenprall mit einem LKW ist wahrscheinlicher. Zehn Tonnen Stahl, die sich mit unstoppbaren rund 100 Kilometern pro Stunde über den Asphalt schieben, lassen sich bestimmt nicht von einer Tonne Biomasse bremsen. Doch was solls, tote Elche stehen nicht in unserem Reiseplan, sind nicht von allgemeinem Interesse und schon gar kein Selfie wert. Also setzen wir unsere Fahrt gen Süden fort.   Hälsingland Harmånger Tag 7 – Sonntag, 01.09.2024; N 61°55'50″ O 17°13'01″ Ziemlich genau 50km vor dem heutigen Ziel Haga Mini ist ein kurzer Stopp am Rastplatz Harmånger eingeplant. Weder Hunger noch ein Toilettenbesuch zwingen uns dazu und dennoch muss dieser Halt sein. Der eine oder andere wird es bereits erraten haben: Es geht schon wieder um alte Erinnerungen und einen Ort, der mal mal wieder besucht werden möchte. Dieser Besuch beginnt mit dem ziemlich lächerlichen Umstand, dass wir die Europastraße eine Abfahrt zu früh verlassen. Nun, so etwas kann ausnahmsweise passieren, zumal die richtige Ausfahrt kaum einen Kilometer später folgt. Wir könnten nun wenden und zur E4 zurückfahren. Doch macht es nicht viel mehr Spaß diesem unerwarteten Wink des Schicksals zu folgen und völlig neue Wege einzuschlagen? Also los… Navigator: Weise uns den Weg! Und der erweist sich als überaus holprig. Aber befahrbar. Mehr als Schritttempo ist nicht drin, doch der Rastplatz ist bereits in Sichtweise. Dank einer abenteuerlichen Straßenpflasterung werden wir auf den wenigen Metern gut durchgeschüttelt. Wahrscheinlich sind wir dabei hier und da auch mal etwas härter mit dem Kopf irgendwo angeschlagen. Denn als wir schließlich ankommen gibt es keine kritischen Anmerkungen seitens der Fahrerin. Dabei spart sie eigentlich selten mit Kritik, wenn der Beifahrer bei seinen Routenführungen auch nur ein wenig daneben liegt. Da wären wir nun also: auf dem Rastplatz Harmånger. Der Grund für diesen Stopp liegt rund neunzehn Jahre zurück und muss natürlich erzählt werden. Damals, im Jahre 2005 waren wir auf dem Weg in unseren zweiten Schwedenurlaub – in Begleitung meiner Schwiegereltern und deren jüngster Tochter. Die Strecke von der Niederlausitz bis ins Angermanland legten wir zu sechst in einem VW-Transporter zurück, der eigens dazu von meinen Eltern ausgeliehen wurde. Mit der Fähre gings damals von Saßnitz nach Trelleborg. Auf dem weiteren Weg legten wir relativ überschaubare Distanzen zurück und übernachteten in Jönköpping und tags darauf in Stockholm. Sicher kann man die komplette Strecke von etwa zweitausend Kilometern in einem Rutsch zurücklegen. Doch verpasst man dann so manche Highlights. Auf der damaligen Hin- wie auch auf der Rücktour wurde damals am Rastplatz Harmånger eine Rast eingelegt. Eigens dafür wurde ein Einweg-Grill und gute deutsche Bratwürste im Gepäck mitgeführt. Das Ergebnis war seinerzeit ein feines Picknick. Natürlich wurde alles auf Foto festgehalten und damit bestens im Gedächtnis konserviert. Und nun sind wir also wieder hier. Der Picknick-Platz direkt am Fluss hat sich kaum verändert. Tisch und Bänke sehen genauso aus wie vor zwanzig Jahren. Nur war 2005 das Wetter deutlich besser, sommerlicher – so wie man es sich zu Beginn eines Urlaubs wünscht. Aktuell regnet es leicht. Die dreizehn Grad Celsius machen es nicht besser. Grillwürstchen haben wir zwar auch heute dabei, aber keinen Grill. Ein neuerliches Picknick an dieser historischen Stätte war halt nicht geplant. Und das Wetter motiviert uns kein bisschen kurzentschlossen umzuplanen. Nein, hier und heute geht’s nur darum in Erinnerungen zu schwelgen und ein paar Fotos zu machen. Dann wird aufgesessen und die Tour geht weiter. Weit kommen wir jedoch nicht, denn am Rastplatz befindet sich ein ICA-Supermarkt. Und der kommt wie gerufen! Unsere nächste Unterkunft ist nur noch einen Katzensprung entfernt und dort müssen wir uns zwei Tage selbst verpflegen. Mehr Motivation zum Einkaufen braucht es nicht, besonders, da heute Sonntag ist und die Geschäfte in Schweden geöffnet haben. Fragt man übrigens nach dem Grund weshalb die Läden auch sonntags geöffnet haben, dann bekommt man in Schweden nicht selten folgende Erklärung: „Wenn Krankenschwestern am Sonntag arbeiten müssen - können die Supermärkte an diesem Tag ebenfalls öffnen.“ Klingt irgendwie logisch und funktioniert hierzulande und auch anderswo ganz gut. Daheim in Deutschland haben jene, die am Wochenende arbeiten müssen, leider ein anderes Standing. Warum fällt mir bei diesem Gedanken der sicher gut gemeinte Beifall von deutschen Balkons während der dunklen Coronazeit ein? Wir kaufen das übliche ein, also das, was wir stets kaufen, damit wir nicht verhungern müssen. Da wäre das beliebte weiche Dünnbrot, eine Tube Kalles (ein Brotaufstrich aus Kaviar), gesalzene Lätta, drei sehr kleine Gläser mit verschiedenen Marmeladen und ausreichend Getränke für die kommenden zwei Tage. Ist ja nicht so, dass wir gestern erst in Örnsköldsvik einen Lidl leergekauft hatten… Nicht im Einkaufswagen landet eine Flasche HP Original Brown Sauce, die es daheim im Rheinland nirgendwo zu kaufen gibt. Online kostet die Viertelliter-Flasche etwa dreimal soviel wie hier im ICA. Die Sauce wird jedoch in Glasflaschen angeboten, wiegt also nicht gerade wenig und droht das Gesamtgewicht unseres Gepäcks beim Rückflug in gefährliche Höhen zu treiben. Doch Übergewicht ist bei der Heimreise keine Option. Also bleibt die Flasche hier. Enånger Tag 7 – Sonntag, 01.09.2024; N 61°32'31″ O 17°01'54″ Dieser Sonntag ist nasskalt, die Landschaft wirkt grau und man frag sich was man hier im dunstigen Nirgendwo verloren hat. Bei diesem Wetter sitzt man eigentlich daheim, verordnet sich ein paar Heißgetränke und widmet sich irgendeinem Hobby. Unser Hobby heißt immer noch Road Trip durch Schweden und das nächste Etappenziel ist zum Greifen nahe. Ein paar Kilometer südlich von Hudiksvall verlassen wir die E4. Wir rollen durch das verträumte Nest Enånger und sind sichtlich angetan, dass diese Ortschaft im Wald liegt. Erst am anderen Ortsrand lichtet es sich und einige Äcker kommen zum Vorschein. Der Tag ist noch jung und lockt trotz des unwirtlichen Wetters direkt zu einem kleinen Abstecher ans große Wasser. Die Ostsee ist nur wenige Kilometer entfernt. Statt also die Unterkunft anzusteuern, ignorieren wir sämtliche Weisungen des Navis und fahren zur Borka Brygga - einem Freizeithafen mit einem regional recht bekannten Fischrestaurant. Die Facebook-Seite des Restaurants hatte ich während der Reiseplanung besucht und die Speisekarte ausgiebig studiert. Was ich da las machte Freude auf mehr und nun bin ich voller Vorfreude und Zuversicht, dass dieses Restaurant das Zeug hat, das Highlight während unseres Aufenthaltes in Enånger zu werden. Wir finden schnell zum Freizeithafen. Viel ist hier nicht los. Nein, das stimmt nicht ganz. Hier ist gerade überhaupt nichts los. Das umliegende Terrain am Hafen ist während der Saison ein großer Campingplatz, der sich uns heute leer und verlassen präsentiert. Und das liegt leider nicht nur am Wetter. Auf Nachfrage wird uns erklärt, dass das Restaurant seit Samstagabend, also gestern, bis zum Beginn der kommenden Saison 2025 geschlossen hat. War ja klar! All die Vorfreude war umsonst. Aber das erklärt letztendlich warum dieses Fischrestaurant auf seiner Facebookseite einen Surströming-Abend in der vergangenen Woche ankündigte. Surströming, das vielleicht bekannteste Fischgericht unter den Stinkefischgerichten, in einem Restaurant anzubieten, ist zu mindestens gewagt. Um diesen Geruch aus den Räumlichkeiten zu bekommen, braucht es Zeit. Sehr viel Zeit sogar. Da kommt das Ende der Saison gerade recht. Um uns die Enttäuschung nicht zu sehr anmerken zu lassen bleiben wir am Restaurant neben einer Übersichtskarte stehen und betrachten diese interessiert. Die Texte darauf preisen in mehreren Sprachen, auch in deutsch, diese Region an. Wir erfahren, dass diese Region zwischen den Städten Gävle und Hudiksvall Jungfrauenküste genannt wird. Was es nicht alles gibt in Schweden! Über 4500 Inseln sollen die Jungfrauenküste am Bottnischen Meerbusen säumen. Das ist schon beachtlich, wenn man bedenkt, dass sich diese Küstenlinie über kaum 150 Kilometern Luftlinie erstreckt. Es tröpfelt wieder. Was wollen wir hier noch? Wir verlassen den fast verlassenen Hafen in die entgegengesetzte Richtung aus der wir kamen. Etwas außerhalb von Enånger liegt der Ortsteil Haga, der aus einigen wenigen Gehöften besteht. Haga auf der Karte zu finden war eigentlich gar nicht so schwer. Deutlich schwieriger hingegen war es, Haga Mini ausfindig zu machen. Deshalb haben uns unsere Gastgeber ein Foto zukommen lassen, was die Identifizierung des richtigen Gebäudes sehr vereinfacht. Mit Hilfe von Google Streetview wurde schon im Vorfeld die Gegend hinreichend ausführlich erkundet, so dass uns die Örtlichkeit nun beinahe vertraut vorkam. Gleich vorneweg: Haga Mini ist kein Hotel, sondern nur der Name unserer kleinen Ferienwohnung. Und diese ist eine von mehreren Wohnungen in einem langgezogenen zweistöckigen Haus. Der Zugang zur oberen Etage erfolgt über außen liegende Treppen, wobei jede Wohnung über eine eigene Treppe verfügt. Die Wohnung direkt unter Haga Mini heißt übrigens Haga Maxi. Unsere bei booking.com als „Apartment“ angebotene Ferienwohnung besteht eigentlich nur aus einem karg eingerichteten Zimmer mit Bad. Im Zimmer stehen zwei einzelne Betten im rechten Winkel zueinander an der Wand. Ein Tisch mit zwei Stühlen und eine durchaus ausreichend eingerichtete Studentenküche runden die Inneneinrichtung ab. Es gibt weder Radio noch ein TV-Gerät. Das Bad ist eng, aber wenigstens müssen wir es mit niemanden teilen. Ein Highlight des Zimmers stellt eine interessante Wanduhr dar. Zeiger wie auch die Stundenmarkierungen sind direkt an der Wand befestigt, so dass sich diese Uhr im sichtbaren Bereich auf das absolute Notwendigste beschränkt. Die Wanduhr sieht klasse aus, aber sie nicht nur falsch, nein, sie geht überhaupt nicht. Weshalb darüber kein weiteres Wort verloren werden soll. Da das Toilettenpapier den Eindruck erweckt, dass es unmöglich zwei Tage reichen wird, steigt die Motivation uns ein weiteres Mal dem Shopping-Wahn hinzugeben. Das Auto bringt uns ins Zentrum von Enånger, wo ein Coop-Supermarkt Wurzeln geschlagen hat. Auf dem Parkplatz vor dem Coop steht ein typischer Vertreter der A-Traktoren. Ein großer blauer Pickup mit dem eindrucksvollen roten Dreieck steht dort und wartet auf seinen Fahrer. Ich erinnere kurz: A-Trakor, fahrbar ohne Führerschein, maximal 30km/h… irgendwie Herzzerreißend, was man diesem Auto antut. Wir kaufen im Coop Toilettenpapier, löslichen Kaffee und einige andere Sachen, wie etwa zwei Stücken Kuchen zum Kaffee. Mit einem nicht einmal halbleeren Einkaufswagen geht’s zum Auto zurück. Letzteres verbleibt jedoch erst einmal an Ort und Stelle. Denn erneut hat Esther einen Geocache in der Nähe ausgemacht. Dieser Cache soll etwa dreihundert Metern Luftlinie entfernt sein. Eine Distanz, die zu einem kleinen Spaziergang einlädt. Wir gehen zu Fuß zu einer alten Kirche am Ortsrand. Genau genommen handelt es sich um Enångers gamla kyrka – der Alten Kirche – bei der ein GeoCache versteckt sein soll. Die Kirche aus dem 14. Jahrhundert ist eine kleine Sehenswürdigkeit und ein Wallfahrtsort zugleich. Das Kirchengebäude besitzt wie die meisten Kirchen in der schwedischen Provinz keinen eigenen Glockenturm. Aber auch ein freistehender hölzerner Glockenturm ist weit und breit nicht zu sehen. Stattdessen entdecken wir ein hölzernes Gestell mit einer einzelnen freihängenden Glocke, bzw. einem Glöcklein. Berühmt ist diese Kirche in erster Linie für die gut erhaltenen spätmittelalterlichen Malereien im Innern der Kirche. Doch das erfahre ich erst später bei den Recherchen zu diesen Zeilen. Das GeoCache-Versteck ist im Übrigen schnell entdeckt und so machen wir uns auf den Rückweg zum Auto. Auf dem Rückweg zum Parkplatz fällt uns ein Schild „Loppis“ (Trödel) auf. Mit Speck fängt man Mäuse und mit Trödel mich! Das Schild ist an einem typischen Wohnhaus an der hellblauen Garageneinfahrt befestigt. Mein Interesse ist auf jeden Fall geweckt. Esther ist hingegen nicht zu bewegen einen Blick in die Garage zu werfen. Also fühle ich mich verpflichtet allein dieser Geschichte nachzugehen. Die Garage ist wie ein Selbstbedienungsladen eingerichtet. Eingerahmt von gut gefüllten Holz-Regalen stehen in der Mitte des Raumes einige Ablagen, auf denen Spielzeug, Geschirr, Bekleidungsstücke und jede Menge anderer alter Plunder zum Kauf angeboten werden. Nichts davon interessiert mich wirklich. Hätte ich jedoch etwas kaufen wollen, dann wäre die Bezahlung in Bar (durch einen Schlitz in der Wand) oder über Swish möglich. Über Swish sind wir in den letzten Tagen bereits ein paarmal gestolpert. Dazu deshalb später ein paar Worte mehr. Ich verlasse den Laden mit einem guten Gefühl. Nein, nicht weil ich es ausnahmsweise mal geschafft habe einen Trödelladen zu verlassen ohne irgendeinen Plunder erstanden zu haben. Sondern, weil ich endlich mal in einem der schwedischen Loppis-Läden war, von denen es gefühlt an jeder Straßenecke einen zu geben scheint. Gut, 2012 besuchten wir ein Antiquitätengeschäft in der Nähe von Härnösand. Das Angebot umfasste all das, was beim Entrümpeln alter Häuser entdeckt wurde und einen gewissen Wert hat. In erster Linie handelte es sich damals um Bücher und Bekleidung, aber auch ein paar alte hübsche Münzen, die mich in ihren Bann zogen. Hier und heute im Loppis in Enånger gibt’s jenen Plunder, der beim Entrümpeln von Kinder- und Jugendzimmern anfällt, und einiges von dem Kram, mit dem man nichts mehr anzufangen weiß. Wertloser Kram – und doch zu schade zum Wegwerfen. Gemütlich geht’s zum Auto zurück. Die etwa dreihundert Meter fühlen sich nun, wo uns der Weg bekannt ist, deutlich kürzer an. Dennoch lassen wir uns Zeit und genießen die Tatsache, dass wir gerade alle Zeit der Welt haben, aus vollen Zügen. Die nassen Straßen verleihen diesem Augenblick seine ganz eigene Atmosphäre. Soll noch einmal jemand sagen, dass Regen und Urlaub nicht zusammenpassen. Ein Ziegenbock prangt als Metallschild an vielen Häusern in Enånger. Doch nicht nur hier, denn schon während des kurzen Zwischenhalts in Järvsö fiel uns der Ziegenbock neben den Hauseingängen auf. Eben jener Bock ist seit etwa fünfhundert Jahren das Wappentier der historischen Provinz Hälsingland. Die heutigen Länder Västernorrland (Västernorrlands Län), Gävleborg (Gävleborgs Län) und in Teilen Jämtland (Jämtlands Län) liegen im Großen und Ganzen heute auf dem Gebiet von Hälsingland. Soviel zum Geographie-Unterricht. Und der Ziegenbock gehört untrennbar zur Region dazu. Inzwischen haben wir das Auto erreicht und sind damit das kurze Stück zurück zur Unterkunft gefahren. Haga Mini – ein Name wie ein orientalisches Gedicht, ein Kurzgedicht sozusagen und überaus kultverdächtig dazu. Normal geht eben nicht. Normal wäre Ferienwohnung Nr. 28, so wie es sie zu Dutzenden auf Rügen, bei Rostock und anderswo an der ostdeutschen Ostseeküste gibt. FeWo Nr. 35 - schlicht, einfach, deutsch. Allerdings kommt bei einem solchem Namen selbst bei der schönsten Unterkunft wenig Romantik auf. Bei „Haga Mini“ hingegen… Weniger sexy und zudem recht unüblich sind in Schweden Probleme mit dem WLAN. Wenn in der Wildnis mal kurz der Mobilfunk streikt, dann ist das Pech. Aber eine Ferienwohnung ohne Wifi ist für die heutige Jugend absolute Höchststrafe und deshalb undenkbar in diesem Etablissement. Genau, richtig – es gibt WLAN, die Technik funktioniert gerade nur nicht. Und damit leben zu müssen, was unsere Smartphones liefern, ist uns etwas zu dürftig. Nach einer sehr nett verfassten Reklamation unsererseits bekommt der Gastgeber tatsächlich das Problem mit dem WLAN recht schnell in den Griff. Die Kommunikation läuft dabei übers Smartphone, wir bekommen hier keine Menschenseele zu Gesicht. Zum einen ist das etwas merkwürdig, zum anderen ist ein wenig Einsamkeit einfach nur traumhaft. Dank des WLANs müssen wir uns nun keine Gedanken darüber machen, wie wir die verregnete Zeit hier in der Haga Mini hinter uns bringen. Der Wetterbericht sagt nicht nur übles voraus, nein, bislang steht er auch noch im Ruf, sich nicht zu irren. Aber ich will nicht vorgreifen. Genaugenommen ist das WLAN mit Abstand die modernste Einrichtung in unserem Zimmer. Gefolgt von einem Dimmer für die Badbeleuchtung. Doch wozu braucht man einen Dimmer im Bad? Für romantische Abende unter der viel zu engen Dusche? Für eine chillige Atmosphäre auf der Toilette? Nachdem ich mich gerade ertappt habe, wie ich mir ernsthaft Gedanken über die Verwendung einer dimmbaren Badbeleuchtung mache, kann ich auch direkt zugeben: Das Licht kannte während unserer Anwesenheit nur zwei Zustände: An oder Aus, womit dieses Thema hoffentlich vom Tisch ist. (Kopfkino aus!) Zum Abendessen gibt es heute die Bratwurst aus dem Lidl in Örnsköldsvik. Dazu gibt es einen in der Wahrnehmung unterschiedlich bewerteten Kartoffelsalat. Esther fand ihn langweilig, mir hat er geschmeckt. Als ob wir jemals einer Meinung in Bezug auf einen guten Kartoffelsalat gewesen wären. Erschwerend kommt hinzu, dass Ehefrauen aus Prinzip keinen Kartoffelsalat mögen, der eine Ähnlichkeit mit dem Kartoffelsalat der Schwiegermutter hat. Und noch schlimmer: wenn ihr Ehegatte den Salat seiner Mutter auch noch vergöttert. Das birgt zwischenmenschlichen Sprengstoff, aber knapp dreißig Jahre Ehe zeigen, dass man damit klarkommen kann, wenn man nur will. Die Jungfrauenküste Tag 8 – Montag, 02.09.2024; N 61°32'31″ O 17°01'54″ Unsere zweite Woche in Schweden hat begonnen. Man stelle sich vor dieser Urlaub wäre eine X-beliebige Serie im Trash-TV. Die neue Woche kommt gerade als brandneue Staffel zur besten Sendezeit. Nun geht’s endlich weiter, denn der letzte Teil der ersten Staffel endete mit einem gewaltigen Cliffhanger. Einer der beiden Hauptdarsteller schniefte und hustete ohne Unterlass. Ein Elend ihm dabei zusehen zu müssen. Der Bildschirm wurde schwarz und der Zuschauer total im Unklaren gelassen, ob der Darsteller diese heimtückische Infektion mit dem „Tödlichen Männer Schnupfen“ überhaupt überlebt. Drama beiseite - ich lebe natürlich noch. Der „Tödliche Männer Schnupfen“ ist eine real existierende Erkältung, die sich bereits angekündigt hatte. Die Dreitage-Regel soll an dieser Stelle nicht noch einmal hervorgekramt werden. Also beschränke ich mich darauf anständig zu leiden und mich ein wenig von Esther pflegen zu lassen. Meine Reibeisenstimme wirkt leider nicht sonderlich sexy auf Esther, die in den kommenden Stunden kaum eine Chance ungenutzt lassen wird mich mit Pfefferminztee abzufüllen. Und damit rein in den Montag. Wir befinden uns seit gestern erneut im Hälsingland, genauer im kleinen Örtchen Enånger und das Wetter ist wie angekündigt mies. Es regnet, es ist grau, demotivierend und wie im normalen Arbeitsleben habe ich nur einen Wunsch: Ich will zurück in mein Bett. Während ich unter der Dusche stehe, macht Esther das Frühstück und versucht sich im Eierkochen ohne Eierkocher. Das Ergebnis kann sich sehen lassen, denn anders als daheim sind die Frühstückseier hier auf den Punkt. Zu den Eiern gibt's Dünnbrot, Käse, Marmelade und löslichen Kaffee. Schlicht, einfach, ausreichend! Und Lecker wars auch.

Während des Frühstücks überlegen wir angestrengt darüber nach, was wir mit diesem Tag anfangen. Es gibt einige interessante Geocaching-Touren in der Gegend, mit Hudiksvall eine Stadt mit einem hübschen alten Ortskern und in Söderhamn ein Flugzeugmuseum, welches mir mein Bruder wärmstens empfohlen hat. An Ideen mangelt es offensichtlich nicht. Nur die Motivation, irgendetwas davon anzugehen, ist nicht vorhanden. Kein Stück! Es ist viel einfacher das Regenwetter als Ausrede zu missbrauchen und einfach mal nichts zu tun. Wir bleiben in der Haga Mini und machen es uns bequem auf den Betten. Ganz ähnlich wie es andere in All-inclusive-Beachhotels auf den Liegen am Pool tun. Was jene mit uns gerade verbindet? Wir haben alle Urlaub! Nur durchleben wir gerade das ganze Gegenteil eines All Inclusive Luxus-Urlaubs. Statt Longdrinks gibt's Pfefferminztee. Ein Animationsprogramm findet im Haga Mini quasi nicht statt. Keine Karaokebars, keine Beachball-Partys und nirgendwo wird man zum Zumba aufgefordert. Hier ist absolute Eigeninitiative gefordert! Esther hat sich eigens für solch chillige Momente ein Buch mitgebracht und ich widme mich meinen Studien der Dunklen Seite der Macht. Dazu braucht es nur Wifi und den richtigen Streaming-Dienst. Am frühen Nachmittag legt der Regen eine Pause ein und bietet uns eine Gelegenheit unser Domizil zu verlassen. Ein kleiner Spaziergang an der frischen Luft ist sicher keine schlechte Medizin. Die Luft ist aktuell mit 12 Grad ziemlich frisch. Doch mit derartigem Sommerurlaubs-untypischem Wetter hatten wir natürlich gerechnet und entsprechende Kleidung eingepackt. Mit irgendetwas mussten wir schließlich daheim unsere vier Koffer füllen. Schwach erinnere ich mich an einige Waldwege, die mir beim Kartenstudium dieser Gegend aufgefallen sind. Und diese schauen wir uns nun etwas genauer an. Nach nur etwa zweihundert Metern kommen wir an einem einsturzgefährdeten Gebäude vorbei, dass so richtig urig wirkt, dass man beinahe Lust hat, sich eingehender mit dieser Immobilie auseinanderzusetzen. Klar, mit einigen kleinen Reparaturen erreicht man hier nichts. Und schaut man noch ein kleines bisschen genauer hin, dann wird es offensichtlich, dass hier der Verfall nicht mehr aufzuhalten ist. In absehbarer Zeit wird ein Balken nach dem anderen aufgeben und das Haus Stück für Stück von der Natur einverleibt. Nichts ist für immer, außer vielleicht das eine oder andere Foto, welche ich gerade noch machen kann, bevor Esther mich weiterzieht. Wir biegen rechts in einen Waldweg ab. Abseits der Straße ist es natürlich richtig nass. Der Weg ist jedoch problemlos begehbar. Kein hohes Gras, Pfützen oder schlammiger Untergrund hindert uns aktuell am Vorankommen. Ein weiteres schicken Holzhaus erscheint zu unserer Rechten. Dies ist in einem ungleich besseren Zustand im Vergleich zur Ruine in spe irgendwo hinter uns. Ein kleiner Betrieb schließt sich an und danach gibt es für uns Spaziergänger nur noch Natur zu bestaunen. Die Beschaffenheit des Weges ändert sich allmählich. Oft kommt hier wohl keiner entlang, so dass sich die Vegetation einen Teil des Weges zurückerobert hat. Dieser überaus nasse Bewuchs könnte nun tatsächlich für nasse Füße sorgen, also Obacht! Ein paar gelbe Tupfer in einer ansonsten üppigen grünen Flora stellen sich überraschenderweise als Pfifferlinge heraus. Und nur ein paar Meter weiter gibt es die nächste Pilzkolonie. Bei so viel Finderglück wissen wir gar nicht wohin mit den Pfifferlingen. Also bleiben sie da wo der Pfeffer, ehm, der Pfifferling wächst. Soll sich jemand anderes über die kleinen gelben Pilze freuen. Die Straße ist wieder erreicht. Direkt gegenüber führt ein Pfad auf eine größere Lichtung, die nur spärlich mit Buschwerk bewachsen ist. Irgendwo hinter der Lichtung vermutet Esther die Ostsee. Doch bevor wir dieser Sache nachgehen flirtet Esther mit einem fotogenen steinernen Schneemann, der sich unweit der Straße im niedrigen Gestrüpp langweilt. Die Lichtung wird am entgegengesetzten Ende von einem Hügel begrenzt, auf dem eine steinalte Kiefer thront. Das wirkt ungeheuer majestätisch. Sicher auch von jenseits des Hügels, also vielleicht der Ostsee? Nichts wie ran an den Speck. Finden wir‘s heraus! Also mühen wir uns die nicht sehr hohe aber scheinbar nur aus losem Geröll bestehende Erhebung hinauf. Unmengen kleiner abgerundeter Steine gesäumt von kleinen Bäumchen und Blaubeerbüschen mit reifen Früchten, die darauf warten gepflückt zu werden. Wir tun ihnen selbstverständlich den Gefallen. Und dann sind wir endlich oben. Der Ausblick hat noch Entwicklungspotential, denn für das was uns hier geboten wird, krabbeln wir ganz sicher nicht noch einmal hier rauf. Die Ostsee gibt es nämlich nicht zu sehen. Stattdessen Bäume über Bäume. Das hat man halt davon, wenn man die touristischen Epizentren Skandinaviens verläßt und auf eigene Faust die nahezu unberührte Natur erkundet. Einige niedrige Kiefern mit sehr langen Nadeln ziehen meine Aufmerksamkeit auf sich. Ich beschließe ein paar Kienäpfel einzusammeln. Keine Ahnung was ich damit anfangen möchte. Mein heimischer Garten ist viel zu klein angesichts der vielen Pflanzensamen, die ich von überall mit nach Hause bringe. Aber haben ist definitiv besser als brauchen. Oder? Swish Tag 8 – Montag, 02.09.2024; N 61°32'31″ O 17°01'54″ Vor vielen Wochen gab es kurz nach der Buchung der Haga Mini eine nette Mail der Gastgeber, die damit auf die Tatsache hinwiesen, dass wir in der Unterkunft Selbstversorger sind. Gleichzeitig gab es den Hinweis, dass keine zweihundert Meter von der Unterkunft entfernt eine Fischräucherei existiert. Ein Bäcker wäre mir zwar lieber, oder ein Pub, aber gut, geräucherter Fisch schmeckt immer und man kann ihn eigentlich zu jeder Tageszeit essen. Deshalb beschließen wir, dass heute Abend Fisch aus dem Räucherofen auf den Tisch kommt. Irgendetwas müssen wir schließlich essen, denn mit meiner noch nicht restlos ausgestandenen Erkältung sollen die Besucher irgendeines Restaurants höchst ungern belästigt werden. Falls hier überhaupt etwas geöffnet hat, denn wir erinnern uns: Die Saison ist vorbei. Jeglicher Spaß in Schweden hat nun ein Ende gefunden. Alles wartet auf den Winter, die Dunkelheit und die Schneeschmelze im kommenden Jahr. Wer hat da noch Gedanken an mit feinster Kulinarik getarnte Kalorien? Eben! Also biegen wir nach unserem kleinen und feinen Spaziergang einen unscheinbaren Weg gegenüber der Einfahrt zur Haga Mini ab und erreichen nach etwa zweihundert Metern einen abgelegenen Hof. Dessen Highlight ist ein Schneemobil, jedenfalls für den Rheinländer in mir. Ein solches Gefährt sucht man daheim vergebens. Tolles Gefährt! Esther hingegen teilt die spontane Technikbegeisterung ihres Ehegatten kein Stück und schenkt dem Schneemobil null Aufmerksamkeit. Hätte sie die Chance mit diesem Teil durch den Schnee zu pflügen, ich denke, nichts könnte sie davon abhalten. Doch aktuell hat sie sich im Griff. Ihr Blick ist vielsagend und etwas darin gibt mir unmissverständlich zu verstehen, dass ihr mein Herumstöbern auf diesem fremden Hof ganz und gar nicht gefällt. Willenlos ergebe ich mich und folge ihr in den Verkaufsraum eines kleinen Fischereibetriebes. Ziemlich überrascht stellen wir fest, dass es sich hier um einen Selbstbedienungsladen handelt. Ein Kühlschrank mit Glastür präsentiert uns das Angebot des Ladens, dass mit etwa einem halben Dutzend verschiedenen Fischsorten nicht sonderlich umfangreich aber offensichtlich völlig ausreichend ist. Die aushängende Preisliste sagt uns, dass guter Fisch selbst direkt an der Küste seinen Preis hat. Egal, wir haben Urlaub, nicht wahr? Trocken Brot mag es daheim geben, hier aber lassen wir es krachen. Ein schönes Stück geräucherter Lachs ist uns gerade recht. Ein Becher Aioli kommt dazu wie gerufen. Knoblauch-Mayo und Räucherfisch? Zusammen mit dem Dünnbrot wird das sicher eine leckere Mahlzeit abgeben. Und wenn nicht, dann schließen sich möglicherweise meine Verdauungsorgane der aktuellen Rebellion meiner Atemwege an. Ein Zustand, über den ich in diesem Moment nicht nachdenken möchte. Gut, unser Abendessen haben wir, nun geht's ans Bezahlen. Endlich eine Möglichkeit das noch vorhandene Bargeld loszuwerden! Wenn hier eine Kasse wäre. Aber Fehlanzeige! Selbst für die anderswo gebräuchliche Kartenzahlung gibt es hier keine Möglichkeit. An der Wand weißt ein DIN A4-grosser Aushang auf die Bezahlmöglichkeit mit „Swish“ hin. Swish also. Hätte ich mir doch denken können. An dieser Stelle folgt nun eine kurze Erläuterung dieser Bezahlmethode! Eine andere Möglichkeit mit dem Text fortzufahren bietet sich augenblicklich nicht. Leser, die dieses Buch zum wiederholten Male lesen, dürfen das folgende Kapitel also guten Gewissens überspringen. Swish ist eine Online-Bezahldienst, den man zu heutigen Zeiten in Deutschland am ehesten mit PayPal vergleichen kann. Nur um Lichtjahre sicherer. Statt der E-Mail-Adresse des Geldempfängers kommt bei Swish eine Ziffernkombination zum Einsatz, die vom freundlichen Verkäufer überwiegend als QR-Code angeboten wird. Zahl oder Code wird in die Swish-App des Zahlungswilligen eingegeben, man teilt der App den zu überweisenden Betrag mit und weg ist das Geld. Kurz und schmerzlos. Kurz darauf erscheint auf dem Smartphone-Display des Kunden ein animiertes Bild, das als Beweis für den erfolgreichen Bezahlvorgang dem Verkäufer vorgezeigt werden kann. Geht schnell, ist unkompliziert und ist für uns deutsche Touristen trotzdem nicht verwendbar. Denn um den Online-Bezahldienst Swish nutzen zu können, benötigt man zur Authentifizierung eine schwedische Bank-ID. Diese bekommt man eigentlich nur als schwedischer Staatsbürger und nur in recht seltenen Ausnahmefällen als „Nicht-Schwede“, nämlich wenn man in Schweden Steuern zahlen muss. Das alles trifft nicht bei uns zu. Verrückt! Und nun? Glücklicherweise verfüge ich nicht nur über viel Hunger auf geräucherten Lachs, sondern auch über einen Bruder mit einer doppelten Staatsangehörigkeit. Meine Ahnung, dass uns das einmal von Nutzen sein könnte, fühlt sich bestätigt. In aller Kürze berichte ich ihm per WhatsApp von unserem Dilemma. Mark liest die Mitteilung glücklicherweise sofort, fragt nach Swish-Code und Preis und begleicht unsere Rechnung bei der Fischräucherei über Swish. Mittels Paypal werden wir kurz darauf unsere Schulden los und können uns den Fisch heute Abend gut schmecken lassen. Ach ja, noch ein kleiner Nachbrenner für all jene, die diesem Text mit aller gebotenen Sorgfalt verfolgen. Denen wird nämlich nur wenige Zeilen oberhalb erzählt, dass der Überweiser des Geldes mittels einer Animation in der Swish-App die erfolgreiche Transaktion nachweisen kann. Wir hatten allerdings noch nicht einmal eine Swish-App vorzuweisen, wäre just in diesem Moment der Fischhändler hereingeschneit. Jene animierte Zahlungsbestätigung flatterte gerade in etwa zweihundertfünfzig Kilometern Entfernung über den Handyscreen meines Bruders. Ein weiteres Dilemma, doch zu unserem Glück erschien niemand. Und wer Fan von ziemlich schrägen Sicherheitskamera-Filmen ist, der stelle sich nur die Reaktion des Fischverkäufers vor, wie er an einem Bildschirm uns im Verkaufsraum beobachtet. Er sieht wie wir zuerst per App die Fischnamen ins Deutsche übersetzen, später die Kasse suchen und letztlich mit viel Hin und Her die Bezahlaktion per Swish ans laufen bringen. Er amüsiert sich also prächtig, irgendwo macht des „Pling“ und er weiß, da hat gerade jemand Geld überwiesen. Doch er kommt nicht aus Deutschland, weshalb ihm nicht in den Sinn kommt, dass er uns nun die Hölle wegen der nicht vorzeigbaren Animation heiß machen könnte. Gut, der Fisch ist ja bezahlt und solche Missverständnisse lösen sich in der Regel irgendwann auf, besonders wenn man sprachlich überhaupt nicht zueinanderfindet und deshalb entnervt aufgibt. Nach dem erfolgreich überstandenen „Swish“-Abenteuer treten wir den kurzen Heimweg zur Haga Mini an. Der Rest des Abends ist mitnichten auch nur ansatzweise so erwähnenswert wie die Erläuterung eines schwedischen Online-Bezahldienstes. Er ist geprägt vom übermäßigen Konsum heilenden Pfefferminztees und dem Verspeisen des Räucherlachses. Ansonsten strecken wir alle viere von uns und tun einfach mal nichts, was auch ausgesprochen unfallfrei gelingt. Die Zeit bis zum Einschlafen wird sinnvoll mit dem Schließen weiterer Wissenslücken des Star Wars-Universums verbracht. Fernsehen bildet eben! Frühstückseier Tag 9 – Dienstag, 03.09.2024; N 61°32'31″ O 17°01'54″ Wir schreiben Tag 9 und damit den vorletzten Tag in selbstbestimmter Bewegungsfreiheit im schwedischen Land. Oder wie die Editors einst ihr zweites Album betitelten: „An end has a start“. Machen wir das Beste draus. Aufstehen, duschen, Tischdecken - und schon wieder macht Esther das Frühstück. Wie schon am gestrigen Montag stehe ich zur selben Zeit unter der Dusche und genieße das warme Wasser. Man kann über die unkomfortable Dusche sagen was man will, sie macht ihr Ding und das eben ganz gut. Esther hat inzwischen ein hervorragendes Frühstück auf den Tisch gezaubert. Es gibt zwar keine Wurst, nur eine Sorte Käse, weder gebratenen Speck, noch Rührei oder Pancakes. Die Frühstückseier sind aber erneut perfekt getroffen. Selbstverständlich hat des Schicksal auch bei diesem Frühstück ein paar äußerst kreative Ideen um unseren Alltag nicht langweilig erscheinen zu lassen: Den Salzstreuer habe ich zwei Bissen lang im Griff. Beim dritten ertränkt das Salz das Eigelb. Ich zucke kurz mit den Schultern. Egal, auch da muss man nun durch. Die Erkältung befindet inzwischen spürbar auf dem Rückzug. Das Schlimmste ist durchstanden und genau genommen, beschränkte sich das Ganze auf ein paar Tage Heiserkeit und eine tropfende Schniefnase mit mittelmäßigem Durchhaltevermögen. Mit dem, was nun noch nervt sollte ich ohne große Probleme klarkommen. Also Haken dran! Nach dem Frühstück wird die Bude auf Vordermann gebracht. Die Bezeichnung „Bude“ trifft es bei dieser Unterkunft genau auf den Punkt. Haga Mini ist von einer Schlichtheit, mit der man klarkommt, wenn man seinen Anspruch an Komfort sehr weit herunterschrauben kann. Ab einem gewissen Alter wird das allerdings schwerer und ich glaube, in diesem Alter sind wir inzwischen angekommen. Ich nutze einige Momente zwischen Kofferpacken, Abwaschen und Kofferverladen und mache mich kurz aus dem Staub. Dieser Urlaub muss schließlich auch mit einer nicht zu geringen Anzahl an Fotos bestens dokumentiert werden. Also mache ich ein paar Fotos rings um unsere Unterkunft. Hinter dem Haus befindet sich fast wie selbstverständlich ein Abstellplatz mit mehreren schrottreifen Autos. Ist es vermessen zu behaupten, dass beinahe jeder größere Hof auf dem Land seinen ganz privaten Schrottplatz pflegt? Von unserem Zimmer haben wir zudem besten Blick das Nachbargrundstück und damit auf den Schrottplatz des Nachbarn. Ein silberfarbener Ford F150 Ranger aus den späten 80er Jahren hat mich dort augenblicklich in seinen Bann gezogen. Was für ein Auto! Einige Roststellen an der Karosserie lassen sich zwar nicht wegleugnen, aber einmal kräftig drüber poliert und der Wagen schaut wie neu aus. Ein Träumchen. Aber man kann halt nicht alles haben. Deshalb wandert nun der Fokus vom Ford Ranger hin zum Ford Focus. In diesem wird in den kommenden Minuten all unser Gepäck verladen. Im Anschluss verschließen wir unser kleines Domizil und hinterlegen den Zimmerschlüssel im Mini-Schlüsselsave. Dann verlassen wir Haga Mini. Der gestrige Regentag wirkt nach. Es ist diesig und ähnlich herbstlich frisch wie gestern. Doch wenn der Wetterbericht recht hat verlassen wir jetzt nicht nur die Jungfrauenküste, sondern kehren noch am heutigen Tag in den real existierenden Sommer zurück. Im kaum 250 Kilometer entfernten Uppsala sind tatsächlich über zwanzig Grad für heute vorhergesagt. Wer’s glaubt… Ångersjöns Badplats Tag 9 – Dienstag, 03.09.2024; N 61°31'04″ O 16°58'33″ Der Plan für den heutigen Vormittag: Wir fahren zum Ångelsjön, einem See in der Nähe von Enånger und werden diesen auf einer etwa sechs Kilometer langen Wanderung umrunden, mit dem Ziel möglichst viele GeoCaches zu entdecken. Im so genannten Listing wird uns der Weg überwiegend aus Schotterpiste und Asphaltweg beschrieben. Eine relativ kurze Tour eben, und etwa zwei Stunden später werden wir nach Uppsala und damit in die Wärme aufbrechen. So jedenfalls unser Plan. Kurz nach der Auffahrt zur E4 folgt der Rastplatz Ångelsjön am gleichnamigen See. Den Ford lassen wir auf dem fast leeren Parkplatz eines Rastplatzes zurück, dessen Restaurant geschlossen hat. Viel ist hier nicht los. Das liegt am Wetter und natürlich auch an der Saison – die leider vorbei ist. Die Jagd auf die GeoCaches kann beginnen. Genau genommen handelt es diesmal sich um eine Serie zusammengehöriger Geocaches, die rund um den See versteckt sind. Finden wir einen GeoCache, also in eine gut versteckte Plastikdose mit einem inliegenden Büchlein, dann tragen wir uns in diesem Logbuch ein. Einige dieser Logbücher enthalten zudem Bonusinformationen. Diese sammelt man und zu gegebener Zeit nimmt man einen höchst komplizierten Algorithmus, der aus all diesen Informationen eine weitere Koordinate errechnet. Muss ich erwähnen, dann man an dieser Koordinate einen weiteren wohlversteckten Bonus-Cache finden kann? So viel zur Theorie. Zeit sich ins Abenteuer zu stürzen, Waldboden zu riechen, sich Gestrüpp um die Ohren zu schlagen und Logbücher vollzukritzeln. Schon der erste Cache tanzt aus der Reihe. Er gehört noch nicht zur eben genannten Serie von Caches. Aber als Beifang wird er selbstverständlich mitgenommen. Und beinahe genauso selbstverständlich suchen wir diesen vergeblich. Sind wir etwa mit Blindheit geschlagen? Man schaut hier und sucht da, prüft wiederholt die Koordinaten und versucht sich krampfhaft an vergleichbare Orte mit ähnlichen Verstecken zu erinnern. Aber das hilft alles nicht. Es ist natürlich möglich, dass es den Cache gar nicht mehr gibt. Zeit aufzugeben und unseren Weg fortzusetzen, bevor unser Scheitern aufs Gemüt schlägt. Der Pfad führt uns aus dem Wald heraus und kurz darauf erreichen wir einem Strand, an dem uns ein hölzerner Torrahmen begrüßt. An diesem Portal finden wir ein Schild mit einem QR-Code und dem inzwischen recht bekannten Swish-Logo. Wahrscheinlich muss man zum Angeln an diesem See eine Angelkarte erwerben. Möglich auch, dass hier ein Bademeister während der Saison nach dem Rechten sieht und sich seine Dienste an dieser Stelle reich entlohnen lässt. Ähnlich wie in Rotsidan gibt es auch hier eine öffentliche Feuerstelle. An den Toiletten befindet sich auch hier das obligatorische Gatter mit einigen letzten Holzscheiten. Im Wald dahinter tauchen einige Gebäude auf, die schnell Gewissheit schaffen, dass sich hier in exponierter Lage ein Campingplatz befindet. Das Highlight dieses Platzes stellt zweifelsohne eine stattliche Saunahütte dar. Zwei einsame Wohnmobile zeigen, dass der Campingplatz noch nicht völlig unbewohnt ist. Und genau hier finden wir endlich den ersten GeoCache an diesem Tag. Nicht weit hinter dem Campingplatz biegen wir auf einen Waldpfad ab, der es in sich hat. Steinig, matschig, arg verwurzelt und mit hohem Bewuchs. Leider befindet sich weder Machete noch Rasenmäher in unserem Gepäck. Erfahrene GeoCacher werden uns nun sicher vorwerfen, dass eine rasierklingenscharfe Machete zum Equipment dazugehört. Nun gut, ich werde mir umgehend eine Machete auf den Einkaufszettel für den nächsten Besuch eines Kolonialwarenladens notieren. Ich erinnere mich entfernt daran in der Beschreibung des Rundweges von Schotter- oder Asphaltbelag gelesen zu haben. Vielleicht befindet sich sogar in einem Meter Tiefe eine Schotterschicht. Egal, die Motivation ist noch immer hoch. Also nehmen wir auch diese Herausforderung an. Es geht nur langsam auf diesem Naturpfad voran, dennoch finden wir aber nahezu jeden einzelnen GeoCache. Zwischenzeitlich wird der Weg arg steinig, so dass man ziemlich genau darauf achten muss, wohin man tritt. Dem wird noch eins draufgesetzt, als der Weg mit einmal mit armdicken Holzstangen gepflastert ist. Für Forstfahrzeuge angesichts des groben steinigen Untergrundes sicher eine sinnvolle Lösung. Für Wanderer hingegen wird es nun doppelt anstrengend, da es beinahe unmöglich scheint hier ohne Waden- oder Schienbeinbruch den Weg zu meistern. Kurz führt uns der Weg dann tatsächlich auf einer Schotterstraße entlang, bis uns unsere Route auf einen beinahe idyllischen Wanderweg führt, der aufgrund des Wetters der letzten Tage allerdings äußerst schlammig daherkommt. Stets den See in Sichtweite, eingehüllt in eine wunderbare grüne Welt - Wanderer was willst Du eigentlich mehr? Wie sehr mag so manchem Naturfreund das Herz aufgegangen sein, als er feststellen muss, dass ein kleiner lebendiger Bach seinen Weg kreuzt? Wir lassen uns vom Bach nicht aufhalten und jonglieren von Stein zu Stein, wobei ich das Ganze mit dem Handy filmisch dokumentiere. Das gehört schließlich auch irgendwie mit dazu. Insgesamt legen wir fast zwei Kilometer im schwedischen Dschungel zurück , bevor es schließlich dies restliche Strecke auf Schotter- und Asphaltwegen weitergeht. Der Rest der Runde ist wenig berichtenswert. Der Blick auf den See ändert sich kaum, das Buschwerk linkerhand vom Weg ebenso wenig. Hier und da kommen wir an einem Haus vorbei. Von einigen führt ein kleiner Pfad hinunter zum See, wo ein kleiner Anleger einen genialen Ausgangspunkt für Angelausflüge bildet. Während der Wanderung haben wir fleißig gesucht, gefunden und geloggt. Nur zwei der achtzehn GeoCaches haben wir am Ende nicht entdeckt, was uns tatsächlich in die vortreffliche Lage versetzt, die Koordinaten des BonusCaches zu ermitteln. Aber ausgerechnet jetzt fängt es leicht zu regnen an. Schweren Herzens geben wir die Suche nach dem Bonuscache auf und versuchen halbwegs trocken das Auto zu erreichen. Eine weise Entscheidung, denn kaum sitzen wir im trockenen Auto nimmt der Regen an Intensität zu. Und wieder werden die Altforderen der GeoCaching-Gemeinde belehrend den Finger heben und behaupten, dass solide Regenbekleidung zur GeoCaching-Ausrüstung gehört. Ein Blick auf die Wettervorhersage für Uppsala zeigt nach wie vor zwanzig Grad und Sonne. In etwa drei Stunden werden wir voraussichtlich dort ankommen und sehen, was von dem schönen Wetter noch übrig ist. Esther lenkt den Ford vom Parkplatz und fährt auf die Europastraße 4 in Richtung Stockholm. Die nächsten zwei Stunden geht es nun strikt in südliche Richtung. Auf dem Handy erscheint eine Nachricht unseres nächsten B&B-Hotels. Dort ist man ist neugierig, zu welcher Zeit man mit uns rechnen kann. Gleichzeitig gibt es den Zugangscode für die Eingangstür. Und zuletzt erfahren wir, dass wir in unserer nächsten Unterkunft erneut mit einer Gemeinschaftstoilette und -dusche vorliebnehmen müssen. Wir sind bedient. Die E4 ist lange Zeit dreispurig, was das Überholen langsamer LKWs bei stärkerem Verkehr etwas erschweren würde. Doch heute sind nur wenige Fahrzeuge unterwegs und so fliegen wir mit maximal erlaubter Geschwindigkeit an Söderhamn und Gävle vorbei und machen noch nicht einmal am Rastplatz Tonnebrö halt. Uppland Örsundsbro Tag 9 – Dienstag, 03.09.2024; N 59°44'08″ O 17°18'36″ An der Abfahrt Uppsala Nord biegen von der Europastraße 4 auf den Reichsweg 55 ab. Erstaunt nehmen wir wahr, dass wir immer noch an die vierzig Kilometer zu fahren haben. Von „Vorort“ kann bei dieser Entfernung wohl kaum noch die Rede sein. Auch die Tatsache, dass wir für diese vierzig Kilometer noch eine dreiviertel Stunde benötigen, stimmt uns nachdenklich. Was wissen wir eigentlich von unserer heutigen Unterkunft? Sie liegt nicht an der Reichsstraße, sondern etwas abseits an einem See. Es gibt erneut eine Gemeinschaftstoilette, was uns gar nicht begeistert . Auch wäre da die Info, dass sich weder Restaurants noch Einkaufsmöglichkeiten in der Nähe befinden. Unser Plan deshalb: wir essen morgens und abends in der Unterkunft und zu Mittag wird auswärts gespeist. Für heute Abend müssen wir deshalb noch einige Lebensmittel einkaufen. Aufgrund des Verkehrs in Uppsala lassen wir erst einmal alle Supermärkte links liegen. Dann lichtet sich der Verkehr merklich, Uppsala liegt hinter uns. Unser Ziel ist laut Navi noch 28 Kilometer entfernt. Den nächsten Einkaufsmarkt werden wir jetzt nutzen. Aber klar, gemäß Murphys Gesetz kommt bis zur Abfahrt vom Reichsweg 55 keine Einkaufsmöglichkeit mehr. Noch einmal nach Uppsala umzukehren lässt mein Dickschädel nicht zu und so bleibt uns nichts anderes übrig, als zu hoffen, dass das Einkaufszentrum in Uppsala nicht das letzte bis zur norwegischen Grenze war. Wir folgen weiter dem Reichsweg 55 und ignorieren sämtliche Aufforderungen des Navis auf irgendeine schmale Straße abzubiegen. Irgendwann muss schließlich ein ICA, Coop oder Lidl an dieser Landstraße auftauchen. Und so ist es auch! Etwa zehn Kilometer später verlassen wir in Örsundsbro den Reichsweg und suchen den örtlichen ICA auf. Wir decken uns dort mit einigen Lebensmitteln ein und kommen an einem Kühlregal mit Surströming-Dosen vorbei. Sollten wir eine Dose dieser legendären Fischkonserve kaufen? Haben ist bekanntlich besser als brauchen! Doch wem sollten wir die als Dose vergorenen Fisches getarnte Bio-Waffe schenken? Uns fällt niemand ein, der eine solch apokalyptische Strafe verdient hat. Nein, der Surströming bleibt wo er ist. Stattdessen kaufen wir uns zwei Stücken Kuchen und wagen uns schließlich an die letzten Kilometer des Tages. Bastuviken Bed & Breakfast & Lake Spa Tag 9 – Dienstag, 03.09.2024; N 59°44'15″ O 17°31'52″ Um 17:13 Uhr und damit nur minimal später als geplant kommen wir am Hotel Bastuviken B&B an - und aus dem Staunen nicht mehr heraus: Wo sind wir denn hier gelandet? Eine gepflegte Anlage mit einer strahlend weißen Villa erwartet uns. Ein weiteres Gebäude linkerhand erkennt man unschwer als Unterkunftsgebäude. Dazwischen viel Rasen der bis hinunter an einen See führt. Womit ich direkt zu einer kleinen Warnung komme: Auf den kommenden Seiten wird unerhört viel geschwärmt, gelobt und angepriesen. Gut möglich, dass dem einen oder anderen Leser diese Lobduselei etwas zu übertrieben ist. Dann möchte ich mich hiermit natürlich direkt im Voraus entschuldigen. Zurückgenommen wird aber nichts! Unsere Gastgeberin kommt uns zum Parkplatz entgegen und begrüßt uns auf das herzlichste. Freundlich sind die Schweden! Auch im Undersvik Gårdshotel vor, lass mich kurz überlegen, fünf Tagen wurden wir überaus freundlich empfangen. Da können wir uns Deutsche eine dicke Scheibe abschneiden. Am Unterkunftsgebäude verwende ich unter den Augen unserer Gastgeberin den mitgeteilten Zugangscode und bekomme im zweiten Versuch die Tür geöffnet. Wir betreten einen stilvoll eingerichteten Korridor und werden mit offenen Mündern herumgeführt. Zwar redet unsere Gastgeberin etwas schnell und zudem recht viel. Weshalb ich nur einen Bruchteil verstehe, ich finde aber, es wäre unfreundlich ihren wohlgemeinten Redeschwall zu unterbrechen. Es erklärt sich ohnehin vieles von selbst. Die Einrichtung im Landhausstil stellt so ziemlich alles in den Schatten was wir bislang in Ferienwohnungen gesehen haben – und zwar nicht nur in diesem Urlaub. Dieses Haus wurde mit sehr viel Liebe eingerichtet und dekoriert, hier muss man sich einfach wohlfühlen. Ich behaupte mal, dass Redakteure von Zeitschriften für Inneneinrichtungen hier reichlich Stoff für mehrere Ausgaben finden würden. Das Bett schaut traumhaft einladend aus und bietet einen wunderbaren Blick auf den Mälarsee . Es gibt eine Klimaanlage, ausreichend Steckdosen, sogar eine Netzwerkdose und viel zu viele Lichtschalter. Die Suche nach dem jeweils richtigen Schalter lässt uns während unserer Anwesenheit nicht selten verzweifeln. Wie muss es von außerhalb des Hauses gewirkt haben, wenn alle möglichen Lampen unseres Zimmers immer wieder kurz aufleuchteten, bis wir den richtigen Schalter gefunden hatten. Da ich grad etwas Zeit übrighabe, möchte ich kurz das Unterkunftsgebäude grob beschreiben. Der Grundriss ähnelt einem in die Länge gezogenen Rechteck, an dessen Enden sich jeweils zwei Schlafzimmer mit zwei bzw. drei Betten befinden. Zur Mitte dieses Grundrisses hin folgt auf beiden Seiten ein kurzer Korridor, sowie ein hübsch eingerichtetes Bad mit Dusche und Waschmaschine. Bleibt mittig im Gebäude ein von beiden Seiten erreichbarer Aufenthaltsraum mit der Küche. Die Küche ist mit Mikrowelle, Ceranfeld-Herd, Spülmaschine, zwei großen Kühlschränken, einem Tiefkühlschrank sowie einem zahlreichen Sortiment an Geschirr recht umfangreich ausgestattet. Es fehlt offensichtlich an nichts. Gegenüber der Küche befindet sich der Gemeinschaftsbereich. Wie geschaffen für regnerische Tage oder nach einbrechender Dunkelheit, wenn Mückenschwärme im Freien alles und jeden in Sekundenschnelle bis auf die Knochen abnagen. Ein riesiger Flatscreen-TV von LG hängt an der Wand - 75 Zoll die lauthals nach monumentaler Kinokunst schreien. Mittendrin steht eine gemütliche Couch zum Kuscheln, Chillen oder zum Spielen von Gesellschaftsspielen. Für die nötige Wärme an kalten Abenden sorgt ein freistehender Edelstahl-Kamin. Ein wahres Träumchen! Hoffen wir dennoch, dass unser Urlaubswetter den Kamin überflüssig macht. Die hölzerne Terrasse vor dem Gebäude lädt zum morgendlichen Frühstück mit Seeblick ein. Es gibt zwei kuschelige Sitzecken und einen sehenswerten Grill inklusive Outdoorküche. Ich bin total überwältigt. Wieso kommen wir eigentlich erst jetzt hierher? Natürlich ist auch hier der Rasen perfekt geschnittenen. Mit einer grenzenlosen Geduld irrt ein Rasenmähroboter emsig über den Rasen und kürzt die Grashalme auf die perfekte Länge. Die einem Teppich gleichende Grünfläche führt hinunter zum See, wo ein rechts und links von Schilf eingerahmter kleiner Strand mit zwei Strandliegen auf Entspannungssüchtige wartet. Die gesamte Szenerie beherrscht ein sicherlich fünf Meter hoher und ungefähr zwanzig Meter breiter Felsen. Ein kleiner Fußweg führt über eine Treppe auf den überdimensionalen Klotz hinauf. Ist man dann erst einmal oben, laden einige Sitzmöglichkeiten sowie eine Schaukel, die an einer knorrigen Kiefer befestigt ist, zur Fernsicht über den Mälarsee ein. Ein traumhafter Platz gerade jetzt am späten Nachmittag! Das „Bastuviken Bed & Breakfast & Lake Spa“ schaut im warmen Licht der langsam untergehenden Sonne gleich nochmal so hübsch aus. Hier oben in der Schaukel sitzend denke ich noch einmal an den heutigen Morgen zurück, als es in einem für skandinavische Verhältnisse nur einen Katzensprung entfernten Jungfernküste regnete. Und nun sind wir zurück im Sommer! Sämtliche Wetterprognosen für das Wetter hier in Uppland haben Recht behalten. Seitdem wir in Uppsala die E4 verlassen haben scheint die Sonne und ist wie versprochen ist die Temperatur auf warme zwanzig Grad angestiegen. Und verdammt, niemand vermisst meine Erkältung, die wohl an der schwedischen Virgin Coast zurückgeblieben ist. Bevor nun sich nun die restlichen Seiten dieses Buches mit Lobpreisungen des aktuellen Wetters gegenseitig zu überbieten versuchen, fahren wir mit der Schilderung des Abendessens fort. Diese – wen wunderts – nehmen wir auf der Terrasse zu uns. Es gibt Garnelen, Aioli, Baguette und Käse. Lauter unglaublich nahrhaftes und gesundes Zeug, solange man es nur anschaut. Aber der heutige Abend hat es verdient, dass wir ihn recht lecker angehen. Bevor wir uns nach drinnen verziehen (Mücken!) räumen wir noch die Polster der Sitzecke weg. Nun, wir versuchen es und stellen uns recht umständlich dabei an. Das Gewurschtel mit den Polstern und den Planen will einfach nicht passen und ruft irgendwann den Gastgeber auf den Plan. Wir schwätzen eine Runde und er erklärt uns noch einmal in gebrochenem Deutsch, wie das mit der Abdeckung der Sitzecke eigentlich gedacht war. Wie befürchtet hatte ich die eine oder andere Ausführung seiner Frau missverstanden. Die Polster verbleiben auf den Sesseln und werden dort und nirgendwo anders mit der Plane abgedeckt. Schau an - schon passt's. Nach dem Abwaschen landen wir vor der Glotze und schauen uns ein paar Folgen „Huber ohne Staller“ an. Ganz wie zu Hause, auch wenn uns die üblichen Vorabendkrimis der öffentlich-rechtlichen Sender bislang wenig begeistert haben. Aber Ausnahmen bestätigen bekanntlich die Regel. Gegen 22 Uhr wird es noch einmal unruhig. Im gegenüberliegenden Flügel unseres Unterkunftsgebäudes ziehen neue Gäste ein. Drei Frauen unterschiedlichen Alters bekommen erst eine Führung durchs Gebäude und gesellen sich schließlich zu uns auf die große Eckcouch. Die Drei, genauer eine Mutter und ihre beiden Töchter kommen aus Oberhausen und verbringen wie wir einige Tage hier in Schweden. Auch sie haben ein glückliches Händchen bei der Wahl ihrer Unterkunft bewiesen. Und damit soll dieser durchaus ereignisreiche Tag endlich ein Ende finden. Zeckenalarm Tag 10 – Mittwoch; 04.09.2024; N 59°44'15″ O 17°31'52″ Auf dem Bett sitzend entdeckt Esther eine Zecke an ihrem Schienbein. Das nicht nur in meinen Augen monströse Tier hat es sich seit wahrscheinlich zwanzig Stunden am Bein meiner Gattin gemütlich gemacht. Womit das unausgesprochene Gesetz „Was im Wald passiert bleibt im Wald!“ auch in hiesigen Breiten wohl keine Gültigkeit besitzt. Wir haben ein ernsthaftes Problem und werden es angehen müssen. Zecken, von denen die gefährliche Borreliose oder FSME ausgehen kann, gibt es meiner vom Halbwissen geprägten Meinung nur in Süddeutschland und in wenigen Ausnahmefällen auch in Mitteldeutschland. Niemals hätten wir mit den Krabbelviechern in Skandinavien gerechnet. Bei der Vorbereitung dieses Urlaubs kam uns deshalb nicht in den Sinn, eine Zeckenzange einzupacken. Und nun haben wir den Salat. Wir beteiligen unsere Gastgeber mit einer Kurznachricht an unserem Problem und erhalten kurz darauf feinstes chirurgisches Gerät in Form einer Pinzette zur Entfernung des unerwünschten Krabbeltieres. Doch statt direkt zur Tat zu schreiten, entscheiden wir uns erst einmal zu frühstücken. Unser Problem in Form einer Zecke wird uns nicht weglaufen und wenn doch, dann haben wir ungewollt alles richtig gemacht. Das Frühstück selbst unterscheidet sich übrigens kaum von dem der vergangenen Tage in der Haga Mini. Zuerst sollen die Vorräte aufgebraucht werden, bevor wir uns auf das reichhaltige Angebot im Kühlschrank stürzen, für das wir schließlich auch gezahlt haben. Leser von Arztromanen werden inzwischen vor Ungeduld schier platzten und wollen erfahren, wie es mit der Zecken-Situation weiter geht. Sie sollen nun endlich erhört werden: Es ist Zeit für die OP! Bewaffnet mit Tupfer (ein Desinfektionstuch) und einer Pinzette als hochkompliziertes chirurgisches Spezial-instrument schreite ich zur Tat. Unterstützt werde ich von einem Handy, dass mir als Lupe assistieren soll . Der Handy-Bildschirm liefert verstörend scharfe Bilder, da die Lupe sich als überaus brauchbar erweist. Das so um ein vielfaches vergrößerte Insekt auf dem superhochauflösenden Bildschirm verdeutlicht die Dringlichkeit eines sofortigen Eingriffes. Der Kopf der Zecke hat sich tief in die Haut seines Opfers gebohrt. Freiwillig wird es diese Position definitiv nicht mehr aufgeben. Unverzüglich schreite ich deshalb zur Tat. Die Patientin liegt ruhig auf dem Bett, wir können somit auf eine Fixierung verzichten. Eine Betäubung kommt nicht in Frage, da kein Äther zur Verfügung steht, um damit die Zecke ins Reich der Träume zu schicken. Alkohol ist im Übrigen in Schweden viel zu teuer um die Patientin damit zu betäuben. Da muss sie jetzt nüchtern durch! Als temporär fungierender Halbgott in Weiß atme ich erst einmal vielsagend durch. Das strahlt Souveränität aus und beruhigt alle anwesenden Patienten. Mit einem „so so“, gefolgt von einem Räuspern und einem abschließenden „aha“ wende ich mich nun meiner Aufgabe zu. Obwohl sich die Zecke mit dem Kopf in die Haut vergraben hat, ahnt sie das nahende Ungemach und beginnt mit allen Füssen unqualifiziert zu strampeln. Meine Versuche das Vieh mit Sprüchen wie „Ruhig - dann tut's nicht weh!“ zur Aufgabe zu bewegen erweisen sich als wenig nützlich. Gut, dann eben auf die harte Tour! Unbeeindruckt vom Zappeln der Zeckenbeine ergreife ich das kleine Kerlchen mit der Pinzette und ziehe vorsichtig daran. Ganz so wie ich es eben bei YouTube in einem Online-Crashkurs für angehende Wald- und Wiesenchirurgen gelernt habe. Doch trotz höchster Sorgfalt will sich kein Erfolg einstellen. Ein wenig vermisse ich nun den fehlenden hochprozentigen Alkohol. Die Patientin könnte inzwischen sicher ein Schnäpschen vertragen und der Doktor gleich zwei. Hier und heute wird ein Ergebnis erwartet. Und das sieht kein zappelndes Insekt an den unteren Extremitäten meiner Frau vor. Also wage ich einen erneuten Versuch und setze die Pinzette nochmals an. Diesmal ziehe ich etwas ungeduldiger, kräftiger, zielstrebiger. Doch das erweist sich als fatale Fehleinschätzung der Lage und der riesige Körper auf dem Handydisplay geht einfach so kaputt. Nun strampeln keine Zecken-Füßchen mehr. Der Doktor kratzt sich mit Hand am Hinterkopf. Das war jetzt nix! Stand der kompletten Entfernung eines Fremdkörpers fand eine Amputation gleich mehrerer Gliedmaßen statt. Zum Glück sind es nicht die Gliedmaßen der Patienten. In den nächsten Minuten entferne ich weitere Teile des Zeckenkörpers, doch gegen den Dickschädel der Zecke komme ich jedoch nicht an. Eine letzte Idee könnte die Situation noch retten: Ich wringe ein Desinfektionstuch aus und träufle möglichst viel von der Flüssigkeit auf die Wunde. Diese schaut harmlos aus, doch mit dem Fremdkörper darin wird es auf jeden Fall zu einer Entzündung kommen. Hoffentlich neutralisiert die Desinfektionsflüssigkeit die übelsten Krankheitskeime. Doch danach bin ich mit meinem Latein am Ende. Ich beende die OP und überlasse die Patientin ihrem weiteren Schicksal . Sie ist schließlich kein Privatpatient. Gamla Uppsala Tag 10 – Mittwoch, 04.09.2024; N 59°53'53″ O 17°37'45″ Und damit willkommen an Tag zehn! Wie wäre es, wenn wir heute einen der mythischsten Orte in ganz Skandinavien einen Besuch abstatten? Klingt gut, oder? In der bekannten Fernsehserie „Vikings“ wird Uppsala als religiöser Mittelpunkt des Glaubens der Nordmänner dargestellt. Tatsächlich soll sich in Gamla Uppsala (Alt-Uppsala) einst ein Tempel für Freya, Thor und Odin befunden haben. Alle neun Jahre pilgerten die Menschen aus ganz Schweden hierher, um mit Opfern die Gunst der Götter zu erringen oder diese wenigstens Milde zu stimmen. Dieser Fakt macht die Serie „Vikings“ allerdings nicht zur Geschichts-Doku, erwähnenswert ist es dennoch. Schon im Altertum wurde das alte Uppsala erwähnt, etwa im englischen Beowulf-Epos oder in den isländischen (Hrólfs saga kraka) und dänischen (Gesta Danorum) Chroniken. Aus dem historischen Uppsala ist inzwischen Alt-Uppsala geworden. Der heidnische Tempel wurde 1087 von zum Christentum konvertierten Schweden niedergebrannt. Und dennoch soll es dort viel aus jener Zeit zu sehen geben, in der die Nordmänner noch Angst und Schrecken in ganz Europa verbreiteten. Auf geht's! Kaum losgefahren, halten wir bereits wieder an einer der nächsten Straßenabzweigungen. Ein Runenstein hat unsere Aufmerksamkeit erregt. Zum Parken kommt uns ein gegenüberliegender Wendeplatz gerade recht. So kann ich in aller Ruhe die Straße überqueren und den Runenstein U848 fotografieren. Ein kleines Schildchen gibt uns die Bedeutung der Inschrift wieder, und dass in der alten Runenschrift, einer Übersetzung ins Schwedische und zu meinem Glück auch in Englische. In einer Karten-App habe ich bereits weitere solcher Steine eingetragen. Wenn wir also Zeit und Lust haben, können wir den ganzen Tag damit fortfahren, Runensteine dieser Region zu besuchen. Irgendwo in der Nähe dieses Runensteines soll sich ein GeoCache befinden und wo wir nun einmal vor Ort sind, nehmen wir diesen auch noch mit. So jedenfalls der Plan! Doch erst einmal warten wir, bis ein Motorradfahrer den Wendeplatz verlässt. Aber augenblicklich denkt dieser nicht daran und umkurvt stattdessen gelangweilt unser Auto. Mal in größeren und mal in kleinen Kreisen. Wieso macht er das? Uns fehlen die Nerven für solche Spielchen. Der GeoCache kann fürs erste auch warten. Wir setzen uns ins Auto und die Fahrt nach Gamla Uppsala fort. Doch kaum sind wir unterwegs, biegt auch der mysteriöse Kradfahrer in dieselbe Richtung ab und folgt uns mit etwas Abstand. Esther gibt sich beste Mühe völlig unbeeindruckt zu bleiben. Die Straße ist schmal, es sind 80 km/h erlaubt und bis zum Reichsweg sind noch einige Kreuzungen zu passieren. Da muss sie die Augen nach vorn richten. Mit mir geht natürlich die Phantasie durch. Gedanken an den Film Mad Max, in dem Motorradfahrer harmlose Autofahrer terrorisieren, geistern durch mein geplagtes Hirn. Aber mal ehrlich, es wäre naiv einen solch penetranten Verfolger zu ignorieren. Zumal ich meine Paranoia auch weiterhin bestätigt sehe: Egal wie wir abbiegen, der Motorradfahrer bleibt uns beharrlich erhalten. Nun haben Zweiräder in der Regel einen deutlich kleineren Tank. Ewig kann er uns also nicht folgen. Und tatsächlich: beim Auffahren auf den Reichsweg bleibt unser Verfolger zurück und verschwindet schließlich aus unserem Sichtfeld und damit aus dieser Geschichte. Einmal tief durchatmen bitte! In Uppsala verlassen wir den Reichsweg 55 auf eine Straße, die noch 2004 die ehemalige Europastraße 4 gewesen sein könnte, als diese noch mitten durch Uppsala führte und uns damals des nachts mit 14 Ampeln ein bezauberndes Farbenspiel bot. Nur ein Jahr später, während unserer Schweden-Reise 2005 kamen wir erneut hier vorbei und dabei meine ich die Königsgräber von Alt-Uppsala gesehen zu haben. Auf der Rückreise machten wir damals sogar in Uppsala halt und besuchten die Innenstadt und den Dom. Alt Uppsala hingegen blieb damals außen vor. Und genau das soll sich heute ändern! Ein Blick auf die Karte zeigt, dass unsere schnurgerade verlaufende Straße parallel zur heutigen E4 verläuft. Demnach könnten meine vagen Erinnerungen vielleicht stimmen. Linkerhand liegt ein Militärflughafen und rechterhand sehen wir die ersten Hügel, derentwegen wir uns auf den Weg gemacht haben. Wir fahren an einem bäuerlichen Gehöft vorbei, welches sich später als Freiluftmuseum Disagården herausstellen wird. Gefolgt von der Einfahrt zu einem Parkplatz – für uns die erste und beste Möglichkeit sich vom Auto zu trennen. Das Museum von Gamla Uppsala nicht weit entfernt, die Hügelgräber ebenfalls. Doch zuerst steht mir der Sinn nach dem Besuch einer öffentlichen Toilette. Eine solche findet sich unweit des Parkplatzes auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Also nichts wie hin. Doch welch Bild bietet sich hier? Das relativ neue Toilettenhäuschen ist völlig verschmutzt. Was natürlich die Frage aufwirft: Wer baut an so exponierter Stelle eine öffentliche Toilette und sorgt sich nicht um die Reinigung? Vielleicht weil – wie wir inzwischen wissen - die Saison vorbei ist und erst in der kommenden Saison 2027 wieder gereinigt wird? In der Zwischenzeit hat sich Esther auf die Suche nach einem GeoCache begeben, der hier irgendwo am Rande dieses Platzes versteckt ist. Ich steige direkt ein, so dass nun vier Augen auf der Suche nach einem kleinen Plastik-Döschen sind. Doch selbst zu zweit kommen wir dem Cache nicht auf die Schliche. Möglicherweise auch deshalb, weil unsere Suche immer wieder unterbrochen wird, wenn neue Besucher vom Parkplatz gelaufen kommen. Am Ende geben wir erfolglos auf. Unsere GeoCaching-Ausbeute ist heute noch nicht sonderlich von Erfolg gekrönt. Bevor wir uns im Gelände umsehen, besuchen wir das Museum. Beziehungsweise den Museumsshop, denn für den Besuch des Museums fehlt uns einfach die Motivation. All das, was Alt-Uppsala gleich für uns bereithält, wird uns bestimmt mehr als zufriedenstellen. Hingegen all die Informationen, die uns das Museum bietet, man sicher auch in einem Buch nachlesen kann. Und wo gibt es Bücher? Genau - im Museumsshop! So ein Rundgang durch den Museumsshop ist immer recht interessant. Neben Fachbücher in schwedischer und englischer Sprache gibt es themenbezogenes Spielzeug für die Kinder, nachempfundener Schmuck der Wikingerzeit und jede Menge Socken in vielen Farben und Größen. Die richtige Shopping-Laune will sich aber nicht einstellen. Selbst die Magneten gefallen uns nicht. Also verlassen wir den Museumshop und folgen einem ausgeschilderten Rundweg, der uns nun zu den großen Hügelgräbern führt. Diese haben die seltsam uninspirierten Namen Östhögen (Osthügel), Mitthögen (Mittelhügel) und Västhögen (Westhügel). Wer es etwas mythischer mag, der Osthügel hieß einst Odins Hügel und später dann Adils Hügel. Der Mittlere Hügel war ursprünglich Frejs Hügel und danach Auns Hügel. Und letztlich der hieß der Westhügel einmal Thorshügel, bevor auch er in Egils Hügel umbenannt wurde, ein Name, der letztlich auch nicht für ewig Bestand hatte. Verlassen wir kurz das Hier und Jetzt und wenden uns jener Zeit zu, in welcher die heutige Hauptattraktion dieses Ortes entstand. Dem Volksglauben nach liegen hier drei Schwedenkönige des uralten Geschlechtes der Ynglinger begraben. Wikipedia bestätigt dies, also muss das wohl stimmen. Alten Sagen zufolge sollen diese Hügel sogar die Gräber der nordischen Götter Thor, Odin und Freya sein – sicher ist da auch ein bisschen was dran. Glaubt man den etwas nüchternen Forschungsergebnissen, dann entstanden diese Gräber vor etwa 1500 Jahren, etwa zu der Zeit, als im südlichen Europa die letzten Reste des weströmischen Reiches einer gewissen spätrömischen Dekadenz und germanischen Horden zum Opfer fielen. Die Dimensionen der Hügelgräber legen auf jeden Fall nahe, dass hier nicht nur bedeutungslose Regionalherrscher bestattet wurden. Mit einem Durchmesser von 55 bis 70 Metern und sieben bis elf Metern Höhe sind diese Hügelgräber ein echter Hingucker. Mir persönlich gefällt die Annahme, dass hier die großen Altvorderen der Nordmänner bestattet wurden. Dabei darf man allerdings nicht vergessen, dass noch rund dreihundert Jahre nach der Errichtung dieser Hügel vergehen sollten, bis die Wikinger begannen Europa das Fürchten zu lehren. Hunderte weiterer kleiner Hügelgräber befinden im weiten Umfeld um Gamla Uppsala. Vor wenigen Jahren wurden auch Bootsgräber entdeckt, die aus der Wikingerzeit stammen. Wir umrunden langsam die Königshügel. Hier und da sieht man an der arg zerschundenen Grasfläche und vereinzelten Trampelpfaden, dass weder Verbote noch Zäune Menschen davon abhalten konnten die Hügel zu ersteigen. Respektlose Banausen! Die beeindruckenden Königsgräber sind sicher einen Besuch wert, doch am Ende sind es nur Erdhügel, die bestenfalls zum Spaziergang einladen. Und auf exakt diesem Spaziergang haben wir nun die Hügel umrundet, viele Fotos gemacht und einen weiteren GeoCache erfolglos gesucht. Aber hier gibt es noch mehr zu sehen. Wir folgen unserem Pfad, der uns nun von den Königshügeln fortführt. Disagården Tag 10 – Mittwoch, 04.09.2024; N 59°54'02 O 17°37'44″ Der Weg führt uns direkt zum Freilichtmuseum Disagården, welches ein Sammelsurium bäuerlicher Behausungen und Ställen darstellt, die ihren Weg aus anderen Teilen Upplands hierher gefunden haben. Die Holzgebäude sind durchweg klassisch Falun-Rot gestrichen. Einige der Häuser sind mit Reet gedeckt, andere Holzschindeln und ein paar sogar mit richtigen Dachziegeln. Beim Herumschlendern durch die Anlage landet man irgendwann am Schweinegatter. Die Bewohner dieses Gatters beäugen sein Publikum neugierig. Offensichtlich werden die Schweine von den Besuchern mit so manchen Leckereien verwöhnt. Sie kommen entsprechend schnell an den Zaun gelaufen, als wir gerade dort vorbeikommen. Als regelverliebte Deutsche halten wir uns selbstverständlich an das Fütterverbot. So ein Verbot macht Sinn, sollte nämlich die Besucher von früh bis spät die Schweine füttern, bitten die völlig übermästeten Schweine am Abend freiwillig um die Schlachtung. Nein, diese Schweine werden sicher keinen Hunger leiden, wenn wir sie nicht mit ein paar Äpfeln füttern. Wir kommen an einem alten Plumpsklo vorbei. Privatsphäre war zur Zeit der Nutzung dieser Bedürfnisanstalt ein Fremdwort. Auf diesem Klo verrichteten bis zu zwei Personen zeitgleich ihr Geschäft. An recht kalten Wintertagen ist es sicher auch ganz angenehm, nicht allein mit dem Hintern festzufrieren. Man konnte es sich hier draußen gemeinsam mit der Schwiegermutter gemütlich machen. Während man sich also gegenseitig wärmt und übers Leben philosophiert, lässt man das eine oder andere sausen. Klitsch! Klatsch! Und zack – schon kommen die eigenen Kindheitserinnerungen wieder hoch, als die einzige Toilette ein unbeheiztes Plumpsklo draußen auf dem Hof war. Nur ein paar Meter weiter findet man sich auf einem rundum geschlossenen Bauernhof wieder. Der quadratische Grundriss des Hofes sowie der eigenartige Baustil ist mir auf meinen Reisen durch die schwedischen Lande so noch nicht aufgefallen. Die Gebäude umschließen den Hof komplett. Über eine Außentreppe gelangt man zu einer kleinen Kammer, in der vor vielen Generationen die Knechte des Hofes untergebracht wurden. Eine Kammer, sie zu knechten, sie alle zu finden, ins Dunkle zu treiben und ewig zu binden! Tolkien wäre ziemlich begeistert von dieser Behausung. Kann man sich das Leben, dass die Knechte damals führten, heute überhaupt noch vorstellen? Kein Kühlschrank, in dem ein kühles Bier wartet. Keine heiße Dusche, unter der man sich den Schweiß eines harten Arbeitstages abspült und bevor man um die Häuser zieht gleich noch einmal duschen geht. Kein Smartphone, Playstation oder Pizzalieferdienst. Die Kerle, die hier einst hausten, waren definitiv aus einem anderen Holz geschnitzt. Wir streifen im Anschluss nach dem Besuch der Knechtstube ein wenig durch einen alten Garten, in dem rote Rüben und Hopfen angebaut werden. Die Sonne sorgt inzwischen für angenehme Wärme. Das tut gut und verleitet uns beinahe hier länger zu verweilen. Ein paar Minuten lang genießen wir noch den Moment und dann brechen wir auf. Das Freiluftmuseum Disagården haben wir nun also besucht. Haken dran! Auf dem Weg zurück zum Parkplatz kommen wir an einem platten großflächigen Hügel vorbei, auf der einst ein königliches Gebäude aus der Wikingerzeit stand. So sagt es ein Hinweisschild. Bodenfunde belegen, dass es sich um ein außerordentlich großes Gebäude gehandelt haben muss. Als später der Königssitz verlegt wurde, ordnete der König die Zerstörung dieser königlichen Behausung in Form einer Langhalle an. Übrig blieb ein auffällig geformter Hügel in der Landschaft. An einem recht alten und aktuell sogar bewohnten Haus steht ein hoher Stein, den ich im ersten Moment für einen Runenstein halte. Es ist aber keiner keiner. Ein am Stein befestigtes Blatt soll die Weisheit verbreiten, dass Kinder, die auf einem Bauernhof aufwachsen und sich hier und da auch mal dreckig gemacht haben, im späteren Leben deutlich seltener an Allergien leiden. Dem stimme ich zu. Es gibt demnach in der naturverbundenen schwedischen Bevölkerung offensichtlich ähnliche Probleme und Ansichten wie in Deutschland. Kaum zu glauben! Leute, nehmt euren Kindern die Gamecontroller, Tastaturen und Handys weg und bewegt deren und eure Hintern an die frische Luft! Das wahre Leben findet da draußen statt und nicht auf irgendwelchen Displays! Genau - und nun raus mit euch! Odinsburg Tag 10 – Mittwoch, 04.09.2024; N 59°54'02 O 17°37'44″ Zurück nach Alt-Uppsala. Eine beeindruckende alte Kirche mit einem danebenstehenden hölzernen Glockenturm und umliegenden Friedhof befindet sich ebenfalls auf der eben beschriebenen Fläche. Von der ursprünglichen Größe der Kirche ist bestenfalls die Hälfte erhalten geblieben. An der Außenmauer erkennt man an einigen Stellen Reste ehemaliger Anbauten. An der Außenwand wurde ein recht gut erhaltener Runenstein eingesetzt. Selbstverständlich wird auch dieser sofort fotografiert und die angebrachte Beschreibung mittels Google Übersetzer ins Deutsche übersetzt. Dieser Stein wurde zum Gedenken an jene Nordmänner gesetzt die auf Reisen zu den Britischen Inseln starben. Als die Kirche vor rund neunhundert Jahren gebaut wurde, dann möglicherweise an der Stelle jenes sagenumwobenen Tempels der Wikingerwelt. So wie es auch an so vielen anderen Orten der heutigen christlichen Welt passierte. Dabei wurde auch ein weiterer Königshügel abgetragen, von dem nur ein kleiner Rest vor der Kirche übrigblieb. Ein Schild am Eingang zur Kirche weist uns auf das Schicksal König Eriks hin, einem christlichen Missionar, der im zwölften Jahrhundert lebte. Um 1159 oder 1160 besuchte König Erik in dieser Kirche die Messe. Beim Verlassen der Kirche kam es zu Auseinandersetzungen mit dänischen Soldaten, infolge dessen der Erik enthauptet wurde. Der Sage nach rollte sein Kopf den Hügel hinab und an der Stelle, an der der Kopf liegen blieb, sprudelte eine Quelle aus dem Boden. Dieses Quell-Wunder führte zur Heiligsprechung des Missionars. Über viele Jahrhunderte fanden Prozessionen vom Dom in Uppsala zur Kirche in Alt Uppsala statt, auf der die Reliquien des Heiligen Erik mitgeführt wurden. Ich denke, nun haben wir genug Geschichten rund um die Kirche erzählt. Es ist an der Zeit das heilige Gemäuer von innen in Augenschein zu nehmen. Die Kirche präsentiert sich wie erwartet recht schlicht. Nichts zu sehen von der prunkvollen Gestaltung katholischer Kirchen wie vergleichsweise im Süden Deutschlands. Die Wände sind seit Alters her mit Symbolen und Verzierungen bemalt und daran hat sich bis heute nichts geändert. Eine Tafel weist darauf hin, dass sich in der Kirche das Familiengrab der Familie Celsius befindet, dessen berühmtestes Mitglied Anders Celsius ist. Anders Celsius, seines Zeichens Professor der Astronomie, erdachte einstmals die Temperaturskala Celsius, die vielleicht dem einen oder anderen ein Begriff ist. Die metallene Grabtafel der Familie Celsius können wir an einer der Außenwände der Kirche ausmachen. Wir schreiten die Reihen der Bänke ab und genießen die angenehme Ruhe in den altehrwürdigen Mauern. Außerhalb der Kirche herrscht gerade viel Betrieb. Einige Touristengruppen werden von Führern durch das Terrain geleitet. Da alle mit sich selbst und der jeweiligen Führung zu tun haben, fühlen wir uns ungestört genug, uns erneut auf die Suche nach einem GeoCache zu gehen. Natürlich ist das Versteck recht raffiniert und dürfte so manchen bereits in die Irre geführt haben. Doch Dank der Erfahrung aufgrund einer jahrelangen Jagd nach GeoCaches und natürlich auch etwas Glück, tragen wir uns kurz darauf in das Logbuch unseres 2584sten GeoCaches ein. Was wir allerdings jetzt noch nicht wissen: dies ist der letzte GeoCache, den wir in diesem Urlaub in Schweden finden werden. Auf dem Rückweg von der Kirche zum Parkplatz kommen wir am Tingshügel vorbei. Dieser Hügel ist kein Grabhügel, sondern war früher der Sitz der Gerichtsbarkeit. Der Legende nach soll einst Gustav Wasa I. von diesem Hügel eine Rede zu seinen Untertanen gehalten haben. Schon wieder dieser Gustav Wasa! Egal wo wir auch hinkommen - König Wasa war schon da. Im Jahre 2005, als wir den Dom zu Uppsala besuchten, entdeckten wir dort das Grab dieses legendären Königs. Im selben Dom wurde Gustav Wasa im Jahre 1528 zum König von Schweden gekrönt. Es wäre recht verwunderlich, wenn wir Gustav Wasa in den kommenden Tagen nicht noch öfter über den Weg laufen sollten. Direkt hinter dem Tingshügel befindet sich das Café Odinsburg. Das Cafe ist ein recht sehenswertes altes schwarzes Gebäude, in welchem seit vielen Jahrzehnten die Gäste von Gamla Uppsala bewirtet werden. Nach so viel frischer Luft während unseres Spaziergangs verspüren wir inzwischen ein kleines Hungergefühl und lassen uns nicht davon abschrecken, dass im Café Selbstbedienung angesagt ist. Esther bestellt sich Flunder mit Kapern und eine Kartoffelsuppe gibt es für denjenigen unter uns beiden, der Kapern absolut nicht mag. Kaffee und stilles Wasser ist auch hier kostenlos. Wir decken uns mit Getränken ein und suchen einen freien Tisch auf der terrassenartigen Fläche vor dem Café, finden aber alle Schattenplätze besetzt. Die praktische Lösung steht an einer Wand gelehnt: Sonnenschirme nämlich. Einen davon schnappen wir uns und besetzen einen freien Tisch, der in der prallen Sonne steht. Der Sonnenschirm, den man in ein Loch in der Tischmitte steckt, benötigt eigentlich einen Schirmständer. Einen solchen gibt es aber nicht. Und so lassen leichte Windstöße den Sonnenschirm unablässig auf und ab hüpfen und ich will mir nicht ausmalen, was passiert, wenn ein ordentlicher Windstoß den Schirm abheben lässt. Mit einer Hand halte ich den Sonnenschirm deshalb fest und merke, dass mir das schnell zu viel wird. Wie will man hier in Ruhe zu Mittag speisen, wenn man damit beschäftigt ist den Schirm am Fortfliegen zu hindern? Als ein Tisch im Schatten frei wird wechseln wir kurzerhand die Stellung. Auf dem neuen Tisch steht noch das Geschirr der letzten Gäste. Langsam sind wir es leid den Schweden alles nachräumen zu müssen. Wir stellen das Geschirr auf einen benachbarten leeren Nachbartisch und machen es uns gemütlich. Der Kaffee schmeckt wie Kaffee schmeckt, nachdem er stundenlang sein Dasein in einer Thermoskanne fristen musste: viel zu kräftig mit einem Hauch von Ungenießbarkeit. Vielleicht sind wir den starken schwedischen Kaffee einfach nicht gewohnt. Während wir im Schatten sitzen, beobachte ich eine zutrauliche Blaumeise, die auf herabfallende Krümel wartet. Die Meise ist ganz offensichtlich diesen Trubel gewohnt und hüpft unbeeindruckt zwischen den Stühlen der Nachbartische umher. Eine ältere Kellnerin balanciert die Teller mit unserem Essen gekonnt durch die chaotisch platzierten Tische und stellt sie lächelnd vor uns ab. Das mit insgesamt 25 EUR recht preiswerte Essen ist nicht nur etwas fürs Auge. Auch der Gaumen hat seinen Spaß und zeigt sich wieder gnädig gestimmt, nach dem der kostenlose Kaffee die Geschmacksnerven arg strapaziert hat. Das Café Odinsburg ist also durchaus zu empfehlen. Dollarstore Tag 10 – Mittwoch, 04.09.2024; N 59°50'57″ O 17°33'53″ Gestärkt brechen wir auf. Wir wählen denselben Weg zurück, allerdings mit einem kleinen Abstecher zum Dollarstore. Das Navi wird ordnungsgemäß mit diesem Zwischenziel gefüttert und führt uns mit hoher Präzision… auf einen Radfahrweg, auf dem wir den letzten Kilometer mit dem Ford zurücklegen sollen. Die Beschaffenheit des Fahrradweges (mit eigenen Leitplanken auf beiden Seiten) lädt allerdings nicht dazu ein, den Weisungen des Navis zu folgen. Die Chance, auf den Titelblättern lokaler Zeitungen mit der Schlagzeile: „Auto auf Fahrradweg zwischen Leitplanken eingeklemmt“ zu landen, ist nämlich relativ groß. Also wenden wir und versuchen uns auf eigene Faust im schwedischen Verkehr zurechtzufinden. Es ist nur ein Kilometer Luftlinie - wieviel kann da schief gehen? Nichts! Es sei denn, man vertraut weiterhin dem Navigationsgerät. Dieses besteht hartnäckig darauf, dass wir wenden und zum bereits erwähnten Fahrradweg zurückkehren. Erst als wir den Parkplatz direkt vor dem Eingang des Dollarstores erreichen, gibt das Navi nach und behauptet prophetisch: „Sie haben ihr Ziel erreicht!“ Besser man denkt nicht weiter drüber nach. Computer sind schließlich auch nur Menschen. Der Dollarstore ist eine typische Ladenkette, die sich auf Billigprodukte spezialisiert hat. Vergleichbare Ketten gibt es auch daheim in Deutschland, mir fällt da „Action“ ein, der ein ähnlich breitgefächertes Angebot hat. Man bekommt hier fast alles, und das in verdammt billig – sogar im Preis. Es wirkt im ersten Moment recht schäbig, wenn man diesen Laden aufsucht, um ein Mitbringsel für die netten Nachbarn daheim zu kaufen. Andererseits bekommt ein fünfzehn Zentimeter hohes bemaltes Holzpferdchen für rund siebzig Euro kaum die Wertschätzung wie ein Elch in ähnlicher Größe, den ich hier für etwa fünf Euro zu kaufen hoffe. Letztendlich finden wir hier weder Elche noch irgendein anderes geeignetes Mitbringsel. Stattdessen finden wir Party-Equipment ohne Ende und ärgern uns solche Kleinigkeiten bereit in Deutschland gekauft zu haben. Hier ist die Auswahl ungleich besser und witziger, weshalb wir unser kleines Arsenal an Luftballons noch um eine Kerze und andere Kleinigkeiten erweitern. Vom Konfetti lassen wir hingegen die Finger. Irgendwer muss schließlich hinterher die Euphorieschnipsel wegräumen… Wir bezahlen und verlassen diesen mit Wegwerfartikeln bis unters Dach gefüllten Shoppingtempel. Auf dem Weg zum Auto bemerke ich ein unangenehmes Grummeln im Unterleib. Meine Gedärme melden sich zu einer sehr unpassenden Zeit. Und das tun sie mit Nachdruck. Was also tun? Bis zur Unterkunft sind es mindestens fünfzehn bis zwanzig Minuten Fahrt bei Höchsttempo. Das wird niemals funktionieren. Der Parkplatz selbst nimmt kein Ende. Außerdem sind keine Büsche weit und breit zu sehen. Es hilft alles nix, wir müssen zurück in den Betonpalast, der neben dem Dollarstore noch andere Geschäfte und hoffentlich auch eine Toilette beherbergt. Bereits im Foyer entdecke ich eine Kunden-Toilette. Ich bin gerettet! Gut, natürlich ist diese abgeschlossen. Wäre ja auch zu schön, wenn… Egal! In der benachbarten Apotheke versuche ich mein Glück und frage nach dem Toilettenschlüssel. Pech gehabt: ich werde an die Infotheke verwiesen. Dort bringe ich erneut mein Anliegen vor und habe endlich Erfolg. Einen Schlüssel braucht es hier nicht. Die Tür lässt sich (für mich recht überraschend) aus der Ferne entriegeln. Die Dame an der Infotheke genießt sichtbar das verdutzte Gesicht des Kunden aus dem technikfremden Deutschland. Mir egal, denn kurz darauf hat mein Leiden endlich ein Ende. Erleichtert verlasse ich kurz darauf die Toilette. In einem schlechten Horrorfilm würde die kommende Szene in etwa so eingeleitet: „Welcher Wahnsinn trieb die beiden ein zweites Mal in diesen Laden? Neugier? Langeweile? Spaß am Geldausgeben?“ Statt uns ins Auto zu setzen und das Weite zu suchen, betreten nun wir den Dollarstore ein zweites Mal. Tja, selber schuld! Das Stöbern in den Regalen des Dollarstores geht also weiter. Diesmal überwiegend in der Abteilung für Werkzeug, Outdoor und Garten. Angelausrüstungen, Messer und Thermobehälter in vielen Größen und Formen wollen hier gekauft werden und landen höchstwahrscheinlich nach wenigen Benutzungen direkt im Müll. Das ist Wegwerfgesellschaft per excellence. Recht preiswerte Hartschalenkoffer in verschiedenen Größen wecken unsere Aufmerksamkeit. Koffer stehen in unserer erweiterten Liste künftiger Neuanschaffungen recht weit vorn. Doch nach eingehender Begutachtung und sorgfältiger Abwägung bleiben die Koffer besser an Ort und Stelle. Die Erinnerung an jene Dame auf dem Stockholmer Flughafen, die ihren defekten Koffer tragen musste, ist einfach noch zu frisch. Neben zwei Kofferanhängern mit dem überaus weisen Aufdruck „NOT YOUR BAG!“ landet auch ein Eis für Esther im Einkaufskorb. Dann aber, nach dem Besuch der Kasse, verlassen wir diesen unheilvollen Ort endgültig. Die Phase unbekümmerten Geldausgebens hält noch ein wenig an. Unsere Planung sieht für den heutigen Nachmittag eine kleine Tour übers Land vor und der Tank des Fords braucht dazu Treibstoff. Morgen müssen wir das Auto ohnehin vollgetankt abgeben, warum den Tank nicht schon jetzt füllen und morgen früh nur noch einmal nachtanken? Esther steuert die nächste Tankstelle an. An unserer Zapfsäule warten mehrere Zapfhähne, wovon jene mit E5 und E10 in die engere Auswahl kommen. Gewohnheitsgemäß greife ich zum Zapfhahn mit E5-Benzin und stecke den Rüssel in die Tanköffnung des Fords. Der Sprit schießt in den Tank und um mir die Zeit zu vertreiben entschlüssele ich die komplette Bezeichnung des Benzins. Das E10 entspricht unserem normalen „Super“ mit E10, also 10% Bio-Anteil. Demnach wird wohl auch das E5 wie unser normales Super mit 5% Bio-Sprit-Anteil sein, oder? Pah, denkste… Das E5 stellt sich als 98 Oktan-haltiges Super Plus heraus. Dumm gelaufen. Der Tankvorgang wird natürlich direkt unterbrochen. Trotzdem ist bereits hochwertiger Sprit für umgerechnet 34 Euro in den Tank geflossen. Da wird unser Ford nun aber fliegen. Ich zahle wie immer mit dem Smartphone und Esther bekommt umgehend eine Abbuchung für über einhundert Euro mitgeteilt. Wie bitte? Einhundert Euro? Gleichzeitig werden die letzten mit dem Handy bezahlten Rechnungen in der Bank-App doppelt angezeigt. Softwarefehler? Handy gehackt? Fehlbuchungen? Wir einigen uns darauf, uns heute nicht darum zu kümmern. Das Urlaubskonto ist gut genug gefüllt, damit dieser Urlaub sorgenfrei genossen werden kann. Also kein Grund jetzt in Panik auszubrechen! Runensteine Tag 10 – Mittwoch, 04.09.2024; N 59°37'49″ O 17°30'08″ Der Rest des Nachmittags soll dazu verwendet werden, Runensteine zu besuchen. In einer Karten-App wurden zuvor einige Örtlichkeiten mit Runensteinen markiert, was das Auffinden hoffentlich etwas erleichtert. Und so kehren wir nicht auf den Reichsweg zurück, sondern wagen den Sprung ins kalte Wasser, hinein ins unbekannte schwedische Hinterland. Auf unbefestigten Wegen die einem zuzurufen schienen „Komm und erlebe ein Abenteuer. Kaum einen Kilometer später erreichen wir unser Ziel: einen kleinen Wanderparkplatz bei Kvarnbo. Eine Tafel mit Informationen zu einem Naturschutzgebiet sticht hier sofort ins Auge. Über das, weshalb wir hier sind, finden wir jedoch kein einziges Wort auf dieser Tafel. Denn glaubt man dem Internet, dann befindet sich in unmittelbarer Nähe zum Parkplatz, vielleicht einhundert Meter entfernt, ein Grabfeld mit mehreren Runensteinen. Also nichts wie hin! Was wollen wir uns auch lange an einer Infotafel aufhalten, wenn dort hinten, direkt hinter dem Buschwerk in Stein gehauene Geschichte auf uns wartet? Wir folgen einem schmalen Trampelpfad, gesäumt von hohem Gras und aggressiv dreinschauenden Brennnesseln. Abrupt endet jegliche Euphorie an einem Pferdekoppelzaun. „Bis hierher und nicht weiter“ –unmissverständlich macht der Landwirt mit diesem Zaun klar, dass er es leid ist, dass ständig Touristen über seine Wiese laufen. Nein, das ist zu negativ gedacht. Möglicherweise ist es an der Zeit, dass die Pferde das hochgewachsene Gras bis zum nächsten Sommer auf Rasenmäher Niveau bringen. Damit die Touristen diese archäologische Stätte während der Feriensaison (und nicht danach) vollends genießen können. Das Objekt der Begierde in Form spitz aufragender Steine befindet sich etwa fünfzig Meter entfernt im hohen Gras. Ein Informationsschild weist auf die Grabstätte hin und dies sogar auf deutsch. Wenigstens etwas. Trotzdem treten wir etwas zerknirscht den Rückweg an. Später werde ich im Internet einen besseren Blick auf diese altehrwürdige Grabstätte bekommen, aber für den Moment bin ich erstmal bedient. Leider übersehe ich auf der Karte ein kaum zwei Kilometer entferntes Objekt bei Håga, das schon seit Jahrhunderten König Björns Hügel genannt wird. Während sich alle bislang besuchten Königshügel aus der Eisenzeit stammen, so existiert der Grabhügel von König Björn bereits seit der Bronzezeit, ist also rund 2000 Jahre älter. Und ist damit ein recht lohnenswertes Ziel für einen weiteren Schwedenurlaub – dann aber besser während der Feriensaison. Unweit vom Parkplatz unseres Autos stolpern wir erneut über Gustav Wasa. Auf einer alten Steinbrücke wurde vor über einhundert Jahren ein Denkmal errichtet, das im ersten Blick gar nicht richtig wahrgenommen wird. Der Text auf dem Stein besagt, dass einst an dieser Stelle Gustav Wasa das Leben gerettet wurde. Nur Monate nach der bereits erwähnten Geschichte in Mora im Jahr 1521 fand hier eines von vielen Gefachten statt, die nötig waren, damit Schweden von Dänemark unabhängig wurde. Oben auf dem Denkmal ist eine goldene Ährengarbe angebracht - das Wappen des Hauses Wasa. In den folgenden zwei Stunden fahren wir nun einen Runenstein nach dem anderen ab. Esther interessiert sich kaum für die etwa tausend Jahre alten Steine, macht aber gute Miene und fährt ihren von den Dingern wie besessenen Ehemann ein kleines Stück durch Uppland. Dieser wiederum fotografiert jeden einzelnen der Steine und freut über jedes Infoschild, die sich zwar in Art der Informationsfülle etwas unterscheiden, aber stets die jeweilige Steinnummer angeben. Mit dieser Nummer findet man auf einschlägigen Online-Datenbanken alle nötigen Informationen zum Runenstein. Was will ich mit diesen Infos? Gute Frage! Nun, wir sind noch ein paar Tage unterwegs, mir wird schon etwas einfallen. Die von uns besuchten Runensteine unterscheiden sich im Grad der Erhaltung beachtlich. Einer, möglicherweise der größte Runenstein, den ich bislang überhaupt zu Gesicht bekomme, wurde einst gesprengt und ist später wieder zusammengefügt worden. Entsprechend schlecht ist der Zustand der Runen. Anderen sieht man ihr etwa tausendjähriges Alter kaum an. Hier und da sind die Runen vor nicht langer Zeit neu ausgemalt worden, bei anderen hat man Probleme, überhaupt noch etwas erkennen zu können. Die Runensteine weisen hier allesamt die sogenannte Schlangenbandschrift auf. Der Text befindet sich dabei in einem Band, welches meist in Form einer Schlange dargestellt wird, die den flachen Bereich des Steines umrahmt. Begleitet wird die Schlange hin und wieder von weiteren Tierdarstellungen, die kunstvoll umschlungen dargestellt werden. Auch das christliche Kreuz ist nicht selten auf Runensteinen zu sehen. Auf einem Stein finden wir einen Krieger mit Pfeil und Bogen. Dieser scheint auf Ski zu stehen, was genau genommen die erste bildliche Biathlon-Darstellung sein dürfte. Die meisten Runensteine jedoch kommen recht schlicht daher. Man sieht ein Band mit Runen und sonst nichts. Doch was steht nun konkret auf diesen Steinen? In Anundshög bei Västerås kann man folgendes auf dem hohen Runenstein mit der Nummer Vs13 lesen : „Folkvid (Folkviðr) errichtete all diese Steine zum Gedenken an seinen Sohn Heden (Héðinn), den Bruder von Anund (Ǫnundr). Vrede zerschnitt die Runen.“ Um Uppsala herum finden sich auch einige andere Inschriften. Auf dem Runenstein U 654 kann man folgendes lesen: „Andvéttr und Kárr und <kiti> sowie Blesi und Djarfr errichteten diesen Stein zum Gedenken an Gunnleifr, ihren Vater, der im Osten mit Ingvarr getötet wurde. Möge Gott ihrem Geist helfen. Alríkr(?), ich habe die Runen geschnitzt. Er konnte ein Frachtschiff gut steuern.“ Auch Runenstein U 859 haben wir besucht: „Fastbjörn und Þórunnr hatten … errichtet… die Brücke, die zum Gedenken an Ingifastr, ihren Landwirt, errichtet wurde. Möge Gott seinem Geist helfen. Ásmundr schnitzte die Runen.“ Runenstein U 652 hatte einst eine Frau in Auftrag gegeben, was aber zur Wikingerzeit gar nicht so selten war: „Gunnhildr ließ diese Denkmäler zum Gedenken an Þjálf, ihren Sohn, und zum Andenken an sich selbst anfertigen. Arnbjörn hat diesen Stein geschliffen.“ In der Nähe von Varpsund befindet sich unser letztes Ziel für heute. Der Runenstein U 671 befindet sich auf einer Anhöhe zwischen zwei Seen, die beide Teil des Mälaren sind. Vor Ort angekommen müssen wir feststellen, sich das Ziel nicht direkt an der Straße befindet, sondern irgendwo oben. Gut, wir reden hier von zwanzig oder dreißig Höhenmetern, so genau lässt sich das manchmal schlecht einschätzen. Einen Weg hinauf kann ich nicht ausmachen, also gehts querfeldein nach oben. Der Hang ist teilweise so steil, so dass ich auf allen vieren vorwärtsbewege. Oben angekommen gibt es als Lohn nicht nur einen sehr schönen Runenstein, sondern eine prächtige Aussicht über die hiesige Seenlandschaft. Diese genieße ich erst einmal und komme langsam wieder zu Atem. Unten auf dem Parkplatz nutzt Esther die Gelegenheit und raucht erstmal eine. Es sei ihr vergönnt. Esther hätte vor rund tausend Jahren wahrscheinlich eine erstklassige Schildmaid abgeben. Auch heute sollte sich jeder, der sich mit ihr anlegen möchte, das vorher gut überlegen. Unser letzter Roadtrip-Abend ist angebrochen. Im Gegensatz zu den recht moderaten Geschwindigkeiten auf schwedischen Straßen verging unser Urlaub in maximaler Höchstgeschwindigkeit. Unglaublich, dass wir schon morgen das Auto abgeben müssen. Der Rückflug nach Deutschland geht erst in drei Tagen, uns bleibt also noch etwas Zeit in Schweden, die wir in angenehmer Runde verbringen werden. Das Ganze ist aber nicht vergleichbar mit den vergangenen neun Tagen, in denen wir tun und lassen konnten, wonach uns der Sinn stand. Zum Abendessen gibt es die Reste vom Käse, die ich mit dem Hobel zerteile. Danach steht ein gemeinsamer Fernsehabend mit unseren Hotelnachbarn aus Oberhausen an. Es gibt einen Film mit Til Schweiger, der mich allerdings (wie vielleicht zu erwarten war) wenig begeistert. Und damit machen wir einen Haken an diesen Mittwoch. Tankstopp Tag 11 – Donnerstag, 05.09.2024; N 59°44'25″ O 17°48'44″ Wie bereits dutzende Male in diesem Urlaub geübt, springen wir beim ersten Hahnenschrei der Wecker-App aus den Betten und landen direkt unter die Dusche. Die Zähne werden gewienert und hey, ich rasiere mich sogar. Wir frühstücken zum ersten Mal in dieser Woche nichts selbst Eingekauftes, sondern das, was uns der gut gefüllte Kühlschrank des Bästuviken B&B anbietet. Am Ende essen wir trotzdem dasselbe wie immer. Wie auch sonst bei nur einer Sorte Wurst und einer unglaublichen Auswahl an Müslis und Joghurts. Zur Feier des Tages gibt es gesundes Mehrkornbrot und Gurkenscheiben. Esther bekommt ihre Marmelade und an Kalles und Käse führt natürlich auch kein Weg vorbei. Gekochte Eier gibt's selbstverständlich auch. Nach dem Frühstück stopft Esther die restlichen Klamotten in die Koffer, während ich in der Küche für Ordnung sorge. Alles läuft inzwischen recht routiniert. Die Koffer landen im Auto und Punkt zehn Uhr rollen wir vom Grundstück des Bästuviken B&B Hotels. Das Navi bekommt ein letztes Ziel vorgegeben und präsentiert im Gegenzug eine solide Route. Als Ankunftszeit an der Autoverleihstation auf dem Flughafen Stockholm-Arlanda wird 10:52 kalkuliert. Damit hätten wir knapp zehn Minuten zum Tanken und irgendwo das Leergut loszuwerden. Das sollte soweit passen. Erwähnte ich auf den letzten Seiten die recht schmalen Straßen hier auf dem Land? Zwei sich begegnende Fahrzeuge müssen sich stets einig sein, wer dem anderen den Vortritt lässt. Bemerkenswert oft muss Esther heute bei entgegenkommenden Fahrzeugen rechts ranfahren, da niemand sonst auf die Idee kommt, den Gegenverkehr vorbei zu lassen. Es ist fast wie verhext. Wie schon erwähnt müssen wir noch unser Leergut loswerden. Mir kommt eine Idee als ich unterwegs schwarze Tonnen am Wegesrand bemerke. Unsere Flaschen könnten aus Versehen einfach in eine der vielen Mülltonnen fallen. Fällt das nicht auch unter Jedermannsrecht? Nein, Esther ist nicht begeistert von meiner Idee. Also fahren wir weiter und machen bereitwillig Platz, wenn uns ein Fahrzeug entgegenkommt. Zum Tanken haben wir eine Tankstelle in Uppsala direkt an der Auffahrt zur E4 auserkoren. Laut Karte befinden sich dort sogar zwei Tankstellen, wir werden also die Qual der Wahl haben. Oder auch nicht, denn das Navi lotst uns geschickt über eine Umgehungsstraße auf eine südlichere Auffahrt zur E4, so dass wir die Tankstellen überhaupt nicht zu Gesicht bekommen. Und nun rollen wir auf der E4 dahin und haben noch immer unsere zwei Aufgaben zu erledigen. Der Flughafen kommt schnell näher, aber wir liegen auch recht gut in der Zeit. Bevor ein nicht randvoll gefüllter Tank und zwei volle Leerguttüten die Situation eskalieren lassen, bekommt das Navi eine Aufgabe: „Wo ist die nächste Tankstelle?“ Die Antwort folgt prompt: Bereits die nächste Abfahrt führt zu einem Autohof - inklusive Tankstelle. Auf dem Gelände dieser Tankstelle geht es geschäftig vor. Deshalb nehmen wir eine Zapfsäule ins Visier, an der aktuell noch ein weißer Pickup steht. Getankt wird nicht mehr. Vom Fahrer keine Spur. Wahrscheinlich steht er an der Kasse und zahlt. Wir stehen also an und warten. Und warten. Und warten weiterhin, weshalb ich mir den ersten Beutel Leergut schnappe und das Leergut sorgfältig getrennt entsorge. Aus den Augenwinkeln sehe ich dabei, dass einige Arbeiter im Tankstellen-Bistro sitzen und tiefenentspannt frühstücken. Ob das die Insassen des Pickups sind? Kurzerhand wechseln wir die Spur, fahren eine andere Tanksäule an und können sofort tanken. Während dessen entsorge ich auch den Rest vom Leergut. Selbstverständlich vorbildlich getrennt und dennoch völlig verschwenderisch. Hätten wir an den letzten Tagen einen Pfandflaschenautomaten entdeckt, dann wären wir jetzt zwar keine Pfandflaschen-Millionäre, aber das Pfand einfach so wegzuschenken ist nicht gerade angenehm. Ja, wir hätten fragen können. Stimmt. Haben wir aber nicht. Zurück zum Pickup. Selbst nach eineinhalb Wochen haben wir noch nicht verinnerlicht, dass in Schweden vieles anders funktioniert als daheim. Hier wird alles und überall mit der Karte oder diversen Apps bezahlt. Bargeld ist sowas von tot. Vor dem Tanken meldet man sich mit seiner Kreditkarte oder einer Bezahl-App an der Säule an und tankt. Der Betrag wird automatisch abgezogen und wenn gewünscht, gibt's einen Beleg. Wenn also an einer Zapfsäule ein führerloses Fahrzeug steht, dann ist es höchst unwahrscheinlich, dass der Fahrer gerade zum Bezahlen unterwegs ist. Die Arbeiter sitzen derweil immer noch an ihrem Tisch und frühstücken in aller Ruhe, während der weiße Pickup eine komplette Spur mit mehreren Zapfsäulen blockiert. Unser Ford ist vollgetankt, das Leergut entsorgt – unsere beiden Probleme wären also aus der Welt geschafft. Aber wir haben viel Zeit verloren. Laut Navi werden wir um 11:02 bei der Autovermietung ankommen. Das sind zwei Minuten zu spät. Auch wenn wir nicht damit rechnen, dass wir deswegen Probleme mit Sixt bekommen werden, so wurmt es uns doch. Aber noch ist nicht alles verloren. Wir sind noch 13 Kilometer entfernt, Esther sitzt hinterm Steuer und ich werde wie ein Luchs auf Blitzer achten. Zwei Minuten lassen sich aufholen. Also Esther - drück aufs Gas! Airport Stockholm-Arlanda zum Zweiten Tag 11 – Donnerstag, 05.09.2024; N 59°38'17″ E 17°56'26″ Zurück auf der E4 spricht das Navi nicht mehr mit uns. Auch die Musik bleibt stumm. Soll ich mich auf den letzten Kilometern von der Technik ärgern lassen? Nein, ich hake das Problem mit einem „typisch Ford“ einfach ab. Das ist verdammt ungerecht gegenüber einem Auto, dass uns den gesamten Urlaub über treu von Ort zu Ort brachte und dabei null Scherereien bescherte. Egal. Dann muss es eben ohne Musik gehen. Die wenigen nötigen Anweisungen zur Streckenführung gibt es nun von mir. Wobei ich es sehr genieße, dass Esther mal auf mich hört. Die Stille im Auto ist bedrückend. Vielleicht sollte ich die Ruhe nutzen und Esther Eigeninterpretationen bekannter Titel von Marianne Rosenberg begeistern. Doch diese erstickt meine musikalischen Ambitionen direkt im Keim. Etwas toleranter gegenüber meinen Gesangskünsten könnte sie schon sein. Oder hat Esther etwa Angst um ihre Trommelfelle? Der Flughafenbereich wird beinahe pünktlich erreicht. Melancholie macht sich im Ford breit, als wir die letzten Meter in Richtung Autoverleihstation fahren. Kurz nach elf Uhr erreichen wir die Autovermietung und finden direkt den Leihwagen-Abgabepunkt von Sixt. Das wars dann wohl. Hoffentlich vergehen nicht wieder sieben oder acht Jahre, bis Schweden uns erneut begrüßen darf. Die Abgabe von Leihwagen ist hier offensichtlich bis ins Detail geregelt. Wir räumen die Koffer raus, geben die Schlüssel ab und wechseln wenige Worte mit einem Angestellten von Sixt. Unser Roadtrip ist damit offiziell beendet. Nun beginnt der Bonus-Part, sprich das Geburtstagswochenende meines Bruders. An der Bushaltestelle müssen wir nicht lange warten bis das Flughafenshuttle kommt, uns aufsaugt und am Terminal 4 wieder ausspuckt. Es braucht nur einen Moment und schon sind wir mittendrin im Flughafenchaos. In etwa neunzig Minuten will Mark hier sein und eine knappe Stunde darauf wird der Flieger mit dem Rest der lieben Verwandtschaft landen. Und spätestens dann hat die beschauliche Ruhe ein Ende. Lost on SKY-City Tag 11 – Donnerstag, 05.09.2024; N 59°38'57″ O 17°55'45″ Seit etwa 11:30 Uhr treiben wir uns irgendwo in den endlichen Weiten zwischen Terminal vier und fünf herum. Mit dabei sind unsere vier Koffer, die natürlich überaus hinderlich beim Herumtreiben sind. Einer muss stets auf das Gepäck achtgeben, während der andere auf irgendeine Weise die üppig vorhandene Freizeit nutzt - sei es um auf die Toilette zu gehen oder im Andenkenladen nach Souvenirs für die Nachbarn zu schauen. Letzteres nimmt recht merkwürdige Züge an: Ich gehe hinein, finde etwas interessantes, gehe hinaus und schicke Esther hinein, damit sie mal schaut und mir dann ihre Meinung sagt. Das tut sie dann auch und fragt mich um meine Meinung zu anderen Sachen, weshalb ich den Laden erneut betrete. So geht das ein paarmal. Irgendwann klingt sich der Verkäufer ein und versucht nützlich zu wirken – mit überschaubarem Ergebnis. Am Ende kaufen wir nämlich… nichts. So bleibt die Hoffnung, irgendwo in Stockholm ein hölzernes Dalarnapferdchen zu einem vertretbaren Preis zu finden. Wir setzen uns in ein Café, trinken Café Latte und naschen einen Vanilla-Bun dazu. Für unschlagbare 17,88 Euro! Was solls? Wir haben schließlich Urlaub! Ich schlürfe also am Kaffee und werfe einen Blick voraus. Stockholm… Die Altstadt werden wir uns auf jeden Fall ansehen. Doch ganz oben auf der Liste steht der Besuch der Vasa, einem Schiff der schwedischen Kriegsmarine, dass im 30jährigen Krieg nach kaum tausend Meter Fahrt sank. Im zwanzigsten Jahrhundert wurde das Schiff geborgen, restauriert und ein Museum rundherum errichtet. Und genau da möchte, nein, muss ich hin. Natürlich werden wir uns das Schloss einmal von innen ansehen. Wer weiß, vielleicht gibt es ja sogar eine Schatzkammer. Tja, und dann dürfte die zwei Tage auch schon wieder um sein. Letztlich überstehen wir die Wartezeit. Und das völlig unbeschadet. Die Familie trudelt ein, wir fahren gemeinsam nach Stockholm und verleben dort zwei interessante Tage zusammen. Ein Geburtstagswochenende mag als Anlass für einen Urlaub dienen. Aber in einem Bericht über Abenteuer auf Schwedens Straßen hat ein Familientreffen wenig verloren. Oder besser: “Was in Stockholm passiert, bleibt in Stockholm!“ Und so überspringen wir die 48 Stunden zwischen dem Verlassen des Flughafens und dem Zeitpunkt, an dem wir Stockholm-Arlanda zum aller letzten Mal erreichen. Um nämlich nach Hause zu fliegen. Airport Stockholm-Arlanda zum Dritten Tag 13 – Samstag, 07.09.2024; N 59°39'07 O 17°56'02″ Ein Großraumtaxi entlässt uns direkt vor den Eingangstüren vom Terminal 5. Da sind wir also wieder. Während Esther noch vor der Tür ihren Nikotinpegel erhöht , wage ich eine kurze Erkundungstour durch die weiten Hallen des Terminals. Was befindet sich wo? Ist am Check-In viel los? Gibt es eine frei zugängliche Kofferwaage? Ja, eine solche Waage gibt es und was soll ich sagen? Allen Befürchtungen zum Trotz passt das Gewicht bei all unseren Koffern. Im Gegenteil, es ist sogar noch Luft nach oben. Was hätten wir nicht alles noch einkaufen können? Hätte hätte… Vielleicht sollten wir auf künftigen Reisen eine eigene Kofferwaage mitführen. Wir stellen uns im Check-In Bereich 1 an und können nach kurzer Wartezeit alle vier Koffer, also auch das Handgepäck problemlos abgeben. Es folgt ein unspektakulärer Gang durch die Sicherheitskontrolle. Mein Gürtel landet in der Box, alles andere bleibt in Esthers Handtasche und im Rucksack. Im Duty-Free-Bereich gehen wir auf die Suche nach einem vernünftigen Trinkbehälter, den wir an einem Wasserspender auffüllen können. Hierbei haben wir nämlich diesmal gepennt und uns im Vorfeld keine leeren Wasserflaschen besorgt . Wir fliegen mit Lufthansa und werden wahrscheinlich im Flieger mit Wasser versorgt, aber es ist nie verkehrt etwas Wasser dabei zu haben. Doch unsere Suche nach einer modischen Trinkflasche mit Trinkhalm bleibt erfolglos. Am Ende kaufen wir eine 0,5l Flasche Wasser für etwa 3,50 Euro, zwei Schokocroissants, zwei Hotdogs und eine Blechdose schwedische Plätzchen für daheim. Die Suche nach einem Wasserspender hat sich damit erübrigt. Im Anschluss geht’s zum Gate, wo sich die üblichen menschlichen Dramen abspielen. Zwei ominöse Sachen fallen mir hier auf. Da gibt es nämlich einen Glaskasten, in dem Raucher ihrer Sucht nachgehen dürfen. Ansonsten ist hier überall Rauchverbot. Dieser Raum ist klein und von zwei Seiten komplett einsehbar, so dass die Raucher mehr oder weniger zur Schau gestellt werden. Was auch immer einige dort drinnen konsumieren - es erzeugt viel Rauch. Sehr viel Rauch! Jeder Raucher dort inhaliert neben der eigenen Zigarette zusätzlich passiv das Nikotin von zwanzig oder mehr Zigaretten. Die andere ominöse Sache ist, dass die Flughafentoiletten nicht nach Geschlechtern getrennt werden. Also balgen sich Männlein wie Weiblein um die wenigen Toilettenkabinen. Den dabei entstehenden Andrang kann man sich sicher vorstellen. Ich selbst habe Glück und finde direkt eine leere Kabine. Ohne mit unappetitlichen Details vom stillen Örtchen zu glänzen zu wollen, muss ich doch kurz auf das recht geheimnisvolle Verriegelungssystem der Toilettentüren eingehen. In Deutschland gibt es unterhalb der Türklinke meist einen Drehknopf zum Verriegeln der Tür. Das hier etwas anders. In Schweden haben wir verschiedene Ansätze in dieser Thematik kennenlernen dürfen. Diese Toilettentür wird zum Beispiel verriegelt, in dem man die Türklinke nach oben dreht. Ob das optisch von außen wahrnehmbar ist, wage ich zu mindestens zu bezweifeln. Mehrfach wird von außen in einer Art und Weise an der Tür gerüttelt, dass zu fürchten ist, dass die Tür mitsamt Rahmen aus der Wand gerissen wird. Über den Wolken Tag 13 – Samstag, 07.09.2024; N 50°03'00″ O 8°34'19″ Wir gelangen ins Flugzeug, das heute richtig gut gefüllt ist. Plätze 15 E und 15 F sind unsere. Zur Feier des Tages nehmen wir uns vor zwei Kaffee und die Dallmayr-Pralinen zu bestellen. Wir heben ab und kurz bevor die Stewardess uns erreicht, hören wir, dass die Getränke heute kostenlos sind. Klingt richtig gut! Weshalb erfahren wir allerdings nicht. Also plane ich um und freue mich statt des Kaffees auf ein Bier. Die Stewardess redet gerne und sehr viel und kommt kurz vor uns nicht weiter. Auf 14C, also direkt vor uns, bestellt eine Passagierin ein Glas Sekt. Siehe an - es wird eigens dafür eine große Flasche Sekt geköpft. Heute wird also geklotzt und nicht gekleckert! Dann sind wir endlich an der Reihe und bekommen unsere Getränkewünsche erfüllt. Esther wird sogar gefragt, ob sie zum Kaffee zusätzlich ein kühles Getränk wünscht. Nein, Esther möchte die Freigiebigkeit nicht über Gebühr ausnutzen. Ich bekomme mein Bier und so sind wir beide derart glücklich, dass wir die Pralinen vergessen. Direkt hinter uns auf 16D wird ein weiteres Glas Sekt eingeschenkt. 20 Minuten später steht die Stewardess erneut bei der Dame auf 16D und füllt ungefragt Sekt nach. Sie meint, dass sie all das, was nach der Landung in der Sektflasche ist, wegschütten müsse. Mit dem Spruch „Sie kommen sicher aus dem Urlaub, da kann man auch mal 2-3 Gläschen Sekt trinken“ lässt sie die Sektflasche auf 16D zurück und geht ihrer Wege. Etwas später später steht die Passagierin von 16D auf, geht zur Passagierin von 14C und füllt auch dort das Sektglas auf. Unsere Welt ist offensichtlich doch nicht so schlecht wie man immer denkt. Selbst überzeugte Pessimisten wie mich kann das Leben manchmal überraschen. Und so vergeht die Zeit des Rückfluges. Das große Wasser ist schnell überquert. Das Festland bewegt sich unter uns langsam voran. Fast unmöglich scheint der Versuch sich an der Landschaft unter uns zu orientieren. Keine Ahnung wo wir uns gerade befinden. Die Tatsache, dass unser Flieger pünktlich ist und bereits stark an Höhe verliert, ist ein brauchbarer Ansatz. Demnach müssten wir uns im Süden Hessens befinden, ganz in der Nähe von Frankfurt am Main. Das Überfliegen der Startbahn West erfolgt schließlich wie zur Bestätigung und nur einige Sekunden später setzt das Flugzeug ziemlich unspektakulär auf. Noch bevor die Maschine schließlich am Terminal andockt, kann man dutzende Vertreter der Gattung Mensch dabei beobachten, wie die helle Panik sie ergreift und sie schleunigst das Flugzeug verlassen müssen. Vorhersehbar wie immer. Hessen Holiday Inn Frankfurt Flughafen Tag 13 – Samstag, 07.09.2024; N 50°03'21″ O 8°35'25″ Das Flugzeug leert sich allmählich. Wir warten das Ganze ab und verlassen die Flieger als Letzte. So ganz ohne Gepäck lässt sich der weite Weg zur Gepäckausgabe recht unbeschwert zurückzulegen. Warum eilen? Für gewöhnlich wartet man nämlich recht lange an den Frankfurter Gepäckbändern. Und als wir endlich anlangen tut sich am Koffertransportband wie prophezeit nichts. Laut Display wird sich hier auch die nächsten 15 Minuten noch nichts tun. Fünfzehn Minuten später bewegt sich das Kofferband. Die ersten Gepäckstücke erscheinen. Mehr aber auch nicht. Das Band ist wieder leer. Alle paar Sekunden erbebt das Blechgehäuse, es ruckelt gewaltig, doch kein Koffer erscheint. Ganz so, als ob etwas in den Eingeweiden dieses Flughafens etwas hakt, der Druck immer mehr zunimmt und demnächst ein gewaltiger Ausbruch dieses Koffervulkans bevorsteht. Doch statt des Ausbruchs kehrt Ruhe ein. Alles steht still. Angesichts der geringen Menschenmenge kommen mir kurz Zweifel am falschen Band zu stehen. Unser Flug war schließlich voll gewesen. Ein Blick auf den Bildschirm beruhigt meine nervösen Nerven. Da steht Stockholm – alles ist gut. Das Band beginnt wieder zu ruckeln. Einige Koffer erscheinen, es geht also endlich weiter. Ein kleiner ungeduldiger Junge will die Koffer seiner Familie vom Kofferband herunterziehen und wird dabei fast von einem Koffer erschlagen. Seine Mutter steht sichtbar überfordert daneben. Kurz darauf erscheint unser gesamtes Gepäck hintereinander auf dem Gepäckband. Jetzt heißt es schnell zuzugreifen, damit die Koffer keine Strafrunde fahren müssen. Das funktioniert wie immer problemloser als man zunächst annimmt. Das Gepäck haben wir nun, also nichts wie raus hier. Wir begeben uns zum Ausgang dieses Flughafengebäudes und damit direkt auf die Suche nach dem Abfahrtsort für unser Hotelshuttle. Vor der Ausgangstür 5 soll unser Hotelshuttle abfahren. Stressige Betriebsamkeit soweit man schaut. Das ist eigentlich nicht unbedingt das, worauf wir gerade Lust haben. Trotzdem mischen wir uns unter all die gestrandeten Reisenden, die ebenfalls auf irgendein Shuttle warten. Ein Blick auf die Uhr macht es deutlich: Inzwischen ist eine Stunde seit der Landung vergangen. Fast pausenlos fahren große und kleine Shuttlebusse in Richtung der Hotels in der näheren Umgebung ab. Ein Shuttle mit Ziel „Holiday Inn Frankfurt-Flughafen“ ist lange Zeit nicht darunter. So geht eine weitere halbe Stunde ins Land. Jeder am Ende der Straße auftauchende Bus weckt kurzzeitig die Hoffnung, unserer zu sein. Um kurz darauf jegliche Euphorie gnadenlos im Keim zu ersticken. Unser Bus kommt irgendwann tatsächlich und hält direkt vor uns. Es gibt für den Moment kein Halten. Alle Anwesenden drängen mit ihrem Gepäck zur Bustür - wo ich bereits stehe und unser Gepäck einlade. Nicht übertrieben ruhig, aber auch nicht hektisch. Genauso, dass der üblichen Flughafenhektik etwas Entspannung entgegengesetzt wird. Wir nehmen im Bus Platz und nachdem auch der Rest der Mitreisewilligen ihr Gepäck verladen und einen Platz gefunden haben, rollt der Bus los. Der Bus fährt seine kurze Tour. Das Hotel ist kaum zwei Kilometer entfernt. Eine Frage sei dabei erlaubt: Wie können bei solch knappen Entfernungen überhaupt Verspätungen entstehen? Zuerst hält der Shuttlebus am Meininger Hotel, welches sich direkt gegenüber von unserem Hotel, dem Holiday Inn befindet. Ein paar Fahrgäste steigen hier aus. Eine davon geht aber nicht zum Hotel sondern überquert direkt vor dem Bus die Straße. Kurz darauf verschwindet sie Holiday Inn. Hmm, das ist kurios! Warum machen wir das nicht auch? Weil es sonst keiner tut? Gibt es ein Geheimnis, warum hier ausschließlich die Gäste des Meininger Hotels aussteigen? Unser Hotel ist schließlich kaum mehr als zwanzig Meter entfernt. Ich muss zugeben, ich bin verdammt neugierig auf das was als nächstes passiert. Der Busfahrer schließt die Türen, fährt etwa zehn Meter weiter und versucht sich dann an einer 180 Grad-Wende. Platz für ein solches Wendemanöver ist vorhanden. Zumal der übliche Grünstreifen zur Trennung der beiden Richtungsfahrbahnen an dieser Stelle durch Asphalt ersetzt wurde. Doch ein im Halteverbot abgestelltes Fahrzeug schränkt den Wendekreis entscheidend ein und sorgt für Frust beim Busfahrer. Dieser setzt den Bus ein Stück zurück und wagt einen weiteren Versuch. Der Bus überfährt ein paar Randsteine und dann klappt das Wenden. Nun steht der Bus direkt vor dem Holiday Inn. Wir sind dem Hoteleingang nun tatsächlich etwa zehn Meter nähergekommen. Die restlichen Fahrgäste schicken sich an nun den Bus verlassen zu wollen. Erneut beginnt das Hauen und Stechen um das Gepäck und unsere Koffer befinden sich ganz unten. Ein ziemlicher Nachteil im Rennen um die besten Plätze beim Einchecken. Wir haben nicht die Spur einer Chance, im Schlusssprint erfolgreich zu sein. Das Ergebnis: Als wir endlich das Hotel betreten, warten bereits viele Fahrgäste vor uns an der Rezeption. Schon wieder warten. Die junge Dame, die vorhin am Meininger Hotel ausstieg und zu Fuß die Straße hierher überquerte, verlässt eben die Rezeption und nun den ganzen Sonntagabend vor sich. Drei Hotelmitarbeiter bedienen die Kundschaft an der Rezeption. Zwei davon mühen sich an den „normalen“ Hotelgästen ab. Eine dritte Mitarbeiterin steht an einem Pult etwas abgesondert und betreut ausschließlich Gäste mit einer IHG-Clubmitgliedschaft. Zwei Frauen drängeln sich recht dreist an uns vorbei. Offensichtlich haben sie es eilig. Unsere im Urlaub hart erkämpfte Ausgeglichenheit sorgt dafür, dass wir sie ungestraft passieren lassen. Es gibt keine Konfrontation verbaler Art, noch ziehen wir unsere Lichtschwerter oder zwingen die Damen unter Androhung körperlicher oder seelischer Gewalt sich wieder hinter uns einzureihen. Der Stress ist ganz mit ihnen und da soll er auch bleiben. Die Mitarbeiterin am IHG-Stand winkt uns zu. Genre nehmen wir die Gelegenheit war und stürmen hinüber. Jetzt kurz erwähnen, dass wir hier über Booking.com gebucht haben und dann geht's auf Zimmer - Ein Narr der solches denkt! Dass an diesem Teil der Rezeption ausschließlich englisch gesprochen wird, ist für uns kein Problem. Doch dann wird es bürokratisch, denn hier in Hessen herrscht Zucht und Ordnung. Wir müssen ein Formular ausfüllen. Kein Wunder, dass es an der Rezeption kaum vorangeht. Also machen wir uns ans Ausfüllen und sind schließlich nur noch zwei Unterschriften vom Ende des Eincheck-Vorganges entfernt. Wir unterschreiben also und gewinnen unbeabsichtigt eine Mitgliedschaft im IHG-Club. Dem Intermezzo an der Rezeption folgt die Fahrt mit dem Fahrstuhl in die sechste Etage. Kurz darauf stehen wir im luxuriösesten Zimmer dieses Urlaubs, welches zugleich über eine eigene Dusche und WC verfügt. Die Minibar ist leider leer. Doch wir wollen uns nicht lange aufhalten, machen uns kurz frisch und dann geht's mit dem Fahrstuhl zurück ins Erdgeschoss. Wir haben ein Date mit Esthers Schwester und sind schon arg verspätet. Ein kleiner Spaziergang tut uns nach dem Wahnsinn der letzten Stunden sicher ganz gut. Wir finden das China-Restaurant auf Anhieb. Der Abend verläuft harmonisch, es wird gelacht, gegessen und getrunken. Irgendwann geht's im Spazierschritt zurück zum Hotel, aber nicht ohne zuvor dem „Grünen Mann“, einer vier Meter hohen Statue des bekannten Ampelmännchens, einen kurzen Besuch abzustatten. Melancholisch nähert sich dieser Abend seinem Ende. Jetzt wäre die Hotelbar ein lohnendes Ziel. Meine bessere Hälfte hält das jedoch für keine brauchbare Idee. Statt Aperol Spritz gibt's eine Fahrt mit dem Fahrstuhl zurück aufs Zimmer. Alles muss schließlich mal ein Ende haben: Dieser Abend und auch dieses Kapitel. Es geht nach Hause Tag 14 – Sonntag, 08.09.2024; N 50°03'52″ O 8°47'53″ Am heutigen Sonntag steht die letzte Etappe unserer Heimreise an. Die Entscheidung eine Nacht in Frankfurt zu verbringen, statt nach der Landung am gestrigen Abend heimzufahren, war in Ordnung. So genießen wir noch einmal all die Vorzüge eines guten Hotels. Ich springe unter die Dusche, spiele an der Armatur und schon erreicht der Duschstrahl C-Rohr-Qualität. Das sorgt für porentiefe Reinlichkeit und jedwede Müdigkeit ist schlagartig vorbei. Kommen wir direkt zum nächsten Programmpunkt dieses Morgens: Das Frühstück. Ein kurzer Check unserer Buchung zeigt, dass ein Frühstück nicht in unserer Buchung enthalten ist. Also wir buchen es für gnädige 13 Euro nach und ganz anders als beim gestrigen Einchecken funktioniert das spektakulär unbürokratisch. Dieser Sonntagmorgen beginnt vielversprechend. Die dreizehn Euro sind bestens angelegt. Wir schlagen uns noch einmal den Magen so richtig voll, bevor es gleich nach Hause geht. Wer weiß schon, wann es wieder etwas zu essen gibt. Passend zum leckeren Frühstück gibt es Motocross vom Feinsten, beste Unterhaltung also, der man sich aufgrund der vielen Bildschirmen im Frühstückssaal kaum entziehen kann. Die letzten Pancakes mit Ahornsirup sind verspeist. Wir können aufbrechen. Leider endete mit dem letzten Pancake unsere kleine Glückssträhne. Bis hierher war schließlich alles gut an diesem Morgen. Beim Telefonat mit dem Parkplatz-Shuttleservice „Infinity-Parking“ erfahren wir nämlich, dass man uns (angeblich aus Versicherungsgründen) nicht am Hotel abholen darf. Wir müssen zurück zum Flughafen. Die gestrige Fahrt mit dem Shuttle-Bus war übrigens kostenlos. Die Rückfahrt kostet sechs Euro – pro Person. Also löhnen wir zwölf Euro beim Auschecken an der Hotelrezeption und erhalten dafür zwei blaue Chips. Dann verfrachten wir die Koffer in den Bus und drücken dem Busfahrer die beiden Chips in die Hand. „Herr Kutscher, fahr er zu!“ denke ich und schon geht's los. Kurz bevor wir am Terminal 1 des Flughafens Frankfurt am Main eintreffen, telefoniere ich wie abgesprochen erneut mit Infinity-Parking. Unser Beförderungswunsch wird einem zweiten Fahrer weitergegeben, der gleich da sein sollte. Ein Déjà-vu? Mir schwant böses. Und tatsächlich: Eine gute halbe Stunde später ist vom Shuttle noch immer nichts zu sehen. Das Handy klingelt. Der nette Mitarbeiter von Infinity-Parking ist dran und bittet uns ihm ein Stück entgegen zu kommen. Sämtliche Zufahrten zum Flughafen seien verstopft, weshalb er im Stau steht. Na klar doch! Es ist Sonntag, wir haben vier Koffer dabei und der Wartebereich ist gut gefüllt. Machen wir doch gerne… Wir schnappen kurz nach Luft, danach unser Gepäck und kämpfen uns genervt durch die Menschenmassen. Doch kaum erreichen wir den vereinbarten Treffpunkt hält auch schon ein weißer Kleinbus neben uns. Ein Pärchen steigt aus. Der Shuttle-Service macht also noch nicht mal am Sonntag eine Leerfahrt. Der Fahrer hat bestimmt noch auf dem Parkplatz gestanden und auf Passagiere gewartet - lange nach dem mir versichert wurde, dass das Shuttle gleich da sei. Der angetrunken wirkende weibliche Part des Pärchens bemerkt irgendetwas bezüglich unserer Koffer. Ja, tatsächlich, ihre Koffer schauen den unsrigen in der Tat recht ähnlich. Allerdings sind wir aktuell etwas zu angefressen, um das mit mehr als nur einem Lächeln zu quittieren. Aber immerhin: wir können lächeln! Kaum befindet sich unser Gepäck im Kleintransporter, verlassen wir den Eingangsbereich vor Terminal 1. Denkste! Der Kleinbus hält noch einmal und diesmal genau da, wo wir über eine halbe Stunde auf das Shuttle warteten. Egal, weiter drüber nachzudenken macht keinen Sinn. Hier steigen weitere Passagiere hinzu, die übel gelaunt wirken. Die Stimmung in diesem Fahrzeug ist definitiv im Keller. Doch das lassen wir nicht an uns heran, schließlich haben wir noch immer Urlaub. Eine halbe Stunde später sitzen wir endlich wieder im eigenen Auto, es tröpfelt leicht und wir machen uns auf den Heimweg. Knapp drei Stunden prognostiziert das Navi. Das wären etwa dreißig Minuten länger als üblich. Der Verkehr auf der A3 ist unglaublich dicht, was an einem verregneten Sonntagmittag nicht unbedingt zu erwarten ist. Trotzdem kommen wir verhältnismäßig gut voran. Das Wetter wird mit jedem Kilometer in Richtung Heimat besser. Beim Überqueren des Rheins bei Koblenz regnet es bereits nicht mehr und daheim in Kelz begrüßt uns ein spätsommerlich blauer Himmel und immerhin 25 Grad. Esther steuert den Octavia auf den Hof und ich schließe hinter ihr das Hoftor. Klappe zu, Affe tot. Dieser Urlaub ist nun Geschichte.   Nachbereitung Die Arbeiten zu diesem bahnbrechenden Werk der Reiseliteratur begann schon während des Roadtrips und wurden nicht selten auf dem Beifahrersitz fortgeführt. Esther quält sich mit lähmenden 80 km/h eine endlose Straße entlang und ich tippe auf dem Handy herum. Der Text bestand damals noch aus losen Stichwörtern, aus denen später am heimischen Schreibtisch ein Text gebastelt und mit der einen oder anderen recherchierten Info aufgehübscht wurde. Kaum war ein abschließender Punkt hinter dem letzten Satz gesetzt, ging der Text auf die Reise zurück nach Schweden. Um falsch dargestellte schwedische Sachverhalte bereits im Vorfeld auszumerzen, bekamen Christina und Mark die Chance für eine erste Fehlersuche. Kapitelweise kam das Feedback auf demselben Weg zurück und so manche törichte Halbwahrheit fiel nun knallhart dem Rotstift zum Opfer. Danach bekam Esther die Chance sich die Grammatik und die Rechtschreibung anzusehen. Was sie natürlich gern tat. Welch Chance dem Ehemann zeigen zu „dürfen“ was er alles falsch gemacht hat. Aber hey: Wurden die Kommata nicht längst von den Grünen abgeschafft, weil die Kommasetzung für unsere Jugend zu stressig ist? Und ist die deutsche Rechtschreibung nicht nur noch als Empfehlung anzusehen? Wie soll man denn da noch durchsehen? Kein Wunder, dass sich die künstliche Intelligenz in vielen Bereichen schnellen Schrittes durchsetzt. Wie Mark und Christina machte auch Esther einen letztendlich großartigen Job. Mein Brüderchen kritisierte übrigens in erster Linie, dass ich zu viele Sachen zu negativ beschrieben habe. Wie kann er nur? Also gut, dann habe ich eben die gesamte Geschichte noch einmal überarbeitet. Das dauerte geschlagene achtzehn Monate und hat sich meiner Meinung nach durchaus gelohnt. Natürlich könnte ich den Text noch ein letztes Mal überarbeiten und dann noch ein weiteres letztes Mal. Ganz sicher werde ich viele Textpassagen finden, die einen guten Grund für eine solche Entscheidung liefern. Aber nein, es wird Zeit für einen allerersten Schlussstrich. Für diesmal würde genug geschraubt, geschliffen und geradegerückt. Nun steht der Reisebericht. Endlich! Nun ist endlich wieder Zeit für so viele andere Sachen. Bis dahin… Sven Wusch im Juni 2026

schwedenneu.txt · Zuletzt geändert: von ewusch