Airportmomente
(2011)
Nachdem ich über Wochen in allumfassender Form über einen nicht funktionierenden Internetanschluss berichtete und viele Leser in unglaublich begeisternder Form langweilte, gibt es demnächst einen weiteren Mehrteiler. Yeah, welch drohender Unterton schwebt zwischen diesen Zeilen! Ich muss kurz innehalten und diesen Moment ausgiebig geniessen…
Dieser Mehrteiler liegt schon seit längerem in der virtuellen Schublade und ist in einer nahezu einzigartigen Situation und Umgebung entstanden. Nein, es war nicht der Moment, an dem ich bemerkte, dass die verrückte alte Amsel dort auf der Wiese endlich nen Wurm gefunden hatte, der dumm genug war sich als Amselfutter anzubieten.
Ich saß irgendwann auf Grund eines ebenso unbegründeten wie auch nervtötenden Bahnarbeiterstreiks viel zu früh in einer vergleichsweise gering frequentierten Flughafen-Wartehalle und langweilte mich gehörig. Sämtliche Souvenir-Shops waren gesichtet, die Bücherläden durchstöbert und der Duty Free-Shop als für zu teuer befunden worden. Was also tun, denn auf einen Besuch der Wartehallenbar hatte ich wirklich wenig Lust? Ich holte also das Notebook heraus und fing an zu tippen. Zwei Stunden später waren mehrere Seiten mit Buchstaben gefällt und die Wartezeit geduldig überstanden.
Ob die Zeit sinnvoll verschwendet wurde, müsst ihr entscheiden. Ich jedenfalls freu mich schon jetzt auf gut gemeinte Kommentare und vernichtende Kritik. Haut rein!
Teil 1
Heute melde ich mich einmal live vom Dresdener Flughafen. Es ist also offensichtlich, dass ich in Kürze Dresden verlassen werde und einige Zeit über den Wolken verbringen werde. Ihr wisst schon… da wo die Freiheit grenzenlos ist.
Aber noch sitze ich hier in einer Art Wartehalle, überall wuseln Gliedmaßen mit deren Besitzern herum, die Geräuschkulisse ist enorm und dennoch wirkt die Atmosphäre trist und feindlich. Das spröde Grau des allgegenwärtigen Betons wirkt nicht sonderlich beruhigend, hier und da unterbrochen von bunten mitunter aussagelosen Hinweisschildern. In der Regel stört die von der Architektur zur Schau getragene Teilnahmslosigkeit kaum einen gestressten Reisenden. Nur wenige geben sich voll der Langeweile hin und lassen sich dazu in vollen Zügen von der Lagerhallenatmosphäre inspirieren..
Die Anzahl amerikanisch sprechender Menschen, also der Damen und Herren, die mindestens einmal im Satz sich nen Knoten in die Zunge reden, ist heute außerordentlich hoch. So etwas wie eine Generation Mobilfunk gibts nicht. Junge und alte in der Regel wie Geschäftsmänner gekleidete Herren schreiten mit an die Wange getackerten Mobilphone die Wartehalle auf und ab. Und beschimpfen lauthals imaginäre Partner am ende der schnurlosen Leitung.
Es macht nicht wenig Spaß, sich hier den eigenen voyeuristischen Neigungen hinzugeben und ungeniert den Gewinnern und Versagern des Tages bei ihren Verrichtungen im Angesicht des in Kürze stattfindenen Fluges zu beobachten. Mir erscheint es die einzig sinnvolle Tätigkeit zu sein und euch an meinen Beobachtungen teilhaben zu lassen.
Teil 2
Trotz oder wegen des zeitintensiven Abhängens hier im weitläufigen Areal des Flughafens bin ich mal wieder müde. Es war zwar kein Abenteuer hier her zu gelangen, was aber nicht heißt, dass es ein Selbstläufer war. Aber ich beginne mal am Anfang.
Letzter Ausbildungstag in Dresden endet gegen 11:15 Uhr. Man verabschiedet sich mit Anstand, aber ohne einem geringsten Anzeichen von Euphorie oder eventuellen Trennungsschmerzes von einander und geht seiner Wege. Mein Weg führte mich direkt in die Kantine und ich verspeiste drei Gänge erlesenster Speisen (für eine Truppenküche ungewöhnlich schmackhaft). Gut genährt und mit dem Gepäck der vergangenen zwei Wochen ging's dann endlich in Richtung Heimat.
Das allgemeine Bahnchaos dank des Bahnarbeiterstreiks trieb mich heute unglaublich früh zum kleinen Bahnhof im Dresdner Stadtteil Strehlen. Eine gesunde Maßnahme, wie sich schnell herausstellte. Der erste Blick zur Bahnhofsuhr – es war punkt zwölf Uhr, der zweite auf den Fahrplan: mein Zug fuhr in halbstündigen Abständen zum Flughafen und die nächste wäre 12:13 Uhr an der fahrplanmäßigen Reihe. Und der dritte und wohl ernüchterndste Blick fiel auf die Anzeige über dem Bahnsteig, welche mich informierte, dass der Zug von 11:13 Uhr etwa 30min Verspätung hat.
Alles klar, denke ich mir, dass ist nun auch einige Zeit lang her, nun sollte er aber auch gleich kommen. Es war recht frisch, ein halbwegs funktionierendes Thermometer würde den Quecksilber- oder Alkoholfaden deutlich im Minusbereich enden lassen. Zudem sorgte ein böiger Wind dafür, dass man die niedrigen Temperaturen noch weitaus intensiver fühlte.
Kurz darauf wechselte aber die Anzeige auf dem Bahnsteig die Abfahrtszeit meines Zuges auf 11:43 Uhr und behielt die obligatorischen 30 Minuten Verspätung bei. Eine nette Frauenstimme erklärte diesen Umstand Sehbehinderten und Analphabeten noch einmal ausführlich und mir blieb nichts anderes übrig als zu warten und zu frieren.
Ich wußte aus verschiedensten Medien, dass heute landesweit gestreikt wird und dass es durchaus unvorhersagbaren Problemen mit der S-Bahn-Linie S2 geben könnte. Nun, ich wartete auf die S1, was sollte also schon passieren, diese Linie wurde doch laut Internet nicht bestreikt. Und während ich gelangweilt auf dem tristen Bahnsteig herumstand, erreichte die eine oder andere S2 nahezu pünktlich den Bahnsteig gegenüber. Irgend etwas habe ich da wohl übersehen, falschgemacht oder vielleicht falsch gelesen? Klasse, langsam nahm ich den Streik persönlich.
Um 12:13 Uhr stand nach wie vor der Zug von 11:43 Uhr mit seiner handelsüblichen Verspätung auf der Anzeige. Wie in Stein gemeisselt verhöhnte mich dieser Anblick nun schon seit einer geschätzten Ewigkeit. He, viele werden nun sagen, hey Wusch, das ist doch überhaupt keine Verspätung, und natürlich haben sie recht! Doch mal ehrlich, wenn man schon eines von einigen Millionen Streikopfern ist, neigt man frierend und gefrustet schnell dazu ein wenig zu übertreiben.
Gerade gibt es von dieser verdammten Anzeige wieder die verstörenden Geräusche die wesentliche Änderungen im Fahrplan ankündigten. Mein Kopf schwenkte hoffnungsvoll in die empfohlene Richtung und klick, nun stand da gar nichts mehr auf der Anzeige. Kein Zug, keine Abfahrtszeit und auch keine Verspätung, null und nix stand da. Soviel zur oft beschworenen Reisefreiheit – ich sollte irgendjemanden auf versuchte Irreführung, Freiheitsberaubung und versuchter Körperverletzung, wegen der zu erwartenden schweren Erfrierungen im winzig kleinen Hirn.
Okay, dachte ich mir, ich habe ja Zeit. Mein Flieger geht erst 16:40 Uhr, kein Grund zur Sorge. Hätte ich es natürlich eilig, dann… ja dann, keine Ahnung, dann hätte ich wohl trotzdem warten müssen. Klar, es gibt die Chance per Bus und 5x Umsteigen den Flughafen zu erreichen, aber he, das muss doch wirklich nicht sein, ich hab doch schließlich Zeit. Was tat ich also? Ich wartete, ich fror, ich verfluchte die Bahn und all ihre unzufriedenen Angestellten. Und irgendwann kam dann auch eine völlig unangekündigte Bahn der Linie S1 und brachte mich Klumpen Eis zum Dresdener Flughafen.
Jetzt, wo ich dies niederschreibe, weiß ich natürlich, dass all diejenigen, die in den vergangenen Wochen viele Stunden des Frustes auf irgendwelchen überfüllten Bahnsteigen dieser mal wieder so ungerechten Republik verbrachten über diesen Text nur müde lächeln können. Und um alles zu relativieren – ich halte es natürlich auch nicht für ein Abenteuer, eher für eine eher amüsante Randnotiz, die es verdient hat hier im Blog zu landen.
So, demnächst geht’s natürlich in den Airportmomenten weiter – und dann natürlich wieder direkt vom Ort des Geschehens, live, ungeschminkt und völlig übertrieben…
Teil 3
Welcome back in Deutschlands einsamster Flughafenhalle. Nein, ich bin hier nicht wirklich allein, aber gemessen an der chaotischen Triebsamkeit auf anderen Airports ist hier unglaublich wenig los. Hier und da ein Passant, ein paar träge hinterhergeschleifte Koffer und jede Menge kalter Beton. Aber genau das macht die Geschichte so reizvoll, ich mache es mir so richtig bequem und geniesse diese inspirierende Aussicht.
Wer nicht gerade ein Mobiltelefon in der Hand hält und damit mit irgendwem in der Welt telefoniert, der schlendert total gelangweilt durch die Halle. Aber wohin soll man gehen? Die einzige wirklich besuchenswerte Bar dieser Wartehalle ist seit Monaten geschlossen und erfährt einen ausgiebigen Frühjahrsputz. Die Aushilfsbar schreckt mehr ab als lockt sie Leute zum Geldausgeben an. Der Duty Free-Shop ist wie immer hoffnungslos überteuert, irgendwie wurde hier das Prinzip des Verkaufs zollfreier Waren falsch verstanden. Lediglich der Southern Comfort lächelte mir preisgünstig zu und flüsterte mir zu: „Nimm mich“. Doch ich blieb hart: „Nix da Verführerischer!“ Und bevor jemand die Tränen des Bedauerns in meinen Augen sieht oder ich vielleicht doch noch weich werde, verziehe ich mich heimlich aus diesem Steuerparadies für Arme.
Ein Lufthansaflug wird zum wiederholten mal aufgerufen. Und diesmal werden sogar die Namen der Passagiere aufgerufen, he he, eine persönliche Einladung – das nenn ich Service! Da hat wohl der Pilot noch etwas furchtbar wichtiges vor und will nun endlich los. Und hat Glück: Ein junges Paar sprintet in die angegebene Richtung des Ausganges, na, gerade noch mal gut gegangen.
Eine Dame im mittleren Alter unweit von mir verputzt ein belegtes Brötchen. Kein Handy, kein Notebook, keine „Financial Times“ – selten so deutliche Anzeichen der Geschlechtertrennung gesehen. Männer haben fast zwanghaft den Drang zur Nutzung des Mobiltelefons, Frauen stärken sich noch einmal bevor es in den Flieger geht. Der männliche Part steht voll auf die „Finanzial Times“, Frauen wohl doch eher auf eine bunte Illustrierte voller Tratsch, Klatsch und Kochrezepte. Tja, meine Herren, man muss halt auch mal abschalten können. Schaut euch die Herzinfarktquote an, Stress ist halt doch irgendwo ungesund. Frauen geniessen noch immer die angenehme Situation, dass die nicht existierende Frauenquote in der deutschen Industrie sie in stressige Männerjobs zwingen könnte.
Ich fühle mich allerdings so ein wenig gezwungen, euch noch ein wenig auf die Folter zu spannen. Denn wie es hier im Terminal weitergeht, na ja, das gibt’s dann demnächst an gleicher Stelle zu lesen. Bis dahin…
Teil 4
In einem sind hier alle gleich: Die Gesichter strotzen nur so vor Teilnahmslosigkeit und tristem Ausdruck. Da drüben liest ein mir irgendwie bekannter Mann in Lederjacke die Bild, Deutschlands erfolgreichstes Bildungsmagazin. Entweder das ist Bushido oder kein Vielflieger, mit einer solchen Zeitung ist man bestenfalls routinierter Straßenbahnfahrer. Pass Dich an Junge, möchte ich ihm fast zurufen, doch da fällt mein Blick auf die nette Dame schräg gegenüber. Das Brötchen ist verputzt und nun macht sie, nein, das glaub ich jetzt nicht. Sie wird doch nicht etwa…
Hat die Dame die vielen vielen Sicherheitshinweise aus den unsichtbaren viereckigen Dinger genannt Lautsprecher nicht gehört? Sie steht auf, streicht sich die Brötchenkrümel aus dem Kostüm und bewegt sich von mir fort. Ein Schritt, noch ein Schritt, ganz unbeschwert und lässt doch glatt ihre Tasche allein und unbeaufsichtigt auf der Bank gegenüber zurück. Herrje, Terroralarm!!!
Ah, nach vier oder fünf Metern endet ihr Abenteuer. Sie kehrt zurück und schaut nach der Tasche, greift hinein und ich mache mich zum finalen Sprung auf sie bereit. Ah, ich sehe schon die Schlagzeile „Der Wusch rettet Dresden“! Miss Al-Kaida zieht ihre Hand langsam aus der Tasche und befördert… ihr Portmonaise ans Tageslicht. Ich atme tief durch und bemerke gerade noch rechtzeitig, dass die Dame ihr schändliches Treiben erneut aufgenommen hat und sich entfernt. Die Tasche verbleibt verlassen mir gegenüber auf der Bank und ich spitze die Ohren, ob da vielleicht doch etwas Tickendes zu hören ist. Lady Ziemlich Wunderlich verschwindet geschäftig im Buchladen gegenüber und gleichzeitig gibt's über die Lautsprecher den nächsten Sicherheitshinweis.
Inzwischen füllt sich der Bereich um Gate 8, also mein Einsteigebereich, wie auch immer man das sonst nennen sollte. Der Flieger scheint sich heute ein Beispiel an der Bahn genommen zu haben. Er ist noch nicht da, und somit verzögert sich auch mein Abflugprozedere nach hinten hinaus. Der Herr mit der Lederjacke wechselt nun von der Bild zur Süddeutschen Zeitung. Nein, das ist unmöglich Bushido, und mit dem strickten Imagewechsel gehört nun auch er zur Riege der Vielflieger. Der ich natürlich nicht angehöre, da ich weder dem liberalem Journalismus fröhne, noch eine weltweite Handy-Flatrate besitze.
Warum müssen Herren im mittleren Alter, als Geschäftsmänner getarnt, recht albern mit einem Mobiltelefon an der Backe laut schwatzend stets und ständig vor den Wartenden auf und ab schreiten? Ist doch total widerlich. Oder diese merkwürdig wichtigen Bankarbeiter mit dem unendlich teuren Notebook auf den Knien, die so tun, als müssten sie noch Minuten vor dem Anflug ein paar Millionendeals an Land ziehen. Leider muss ich betonen, dass es sich hierbei allesamt um Herren der Schöpfung handelt. Aber ich bin mir sicher, dass nach Einführung der gesetzlichen Frauenquote auch das schwanzlose Volk hier ihre multimediale Aufwartung machen wird.
Die ganz alltägliche Rollkoffer-Meisterschaft nähert sich gerade ihrem Höhepunkt. Links und rechts rollt's an mir vorbei und manchmal ist es schon sehr verwunderlich, was einige gut betuchte Bürger noch für Handgepäck halten. He, das ist zwar fast schon ein Wandschrank, aber die Stewardess wird es schon irgendwie in den Handgepäckboxen unterbringen. Besser nicht weiter darüber nachdenken, Missgunst ist eine schlechte Angewohnheit.
Ist euch vielleicht schon einmal aufgefallen, dass diese Rollkoffer die unterschiedlichsten Rollgeräusche von sich geben. Klar, sie sind allesamt nervtötend, aber dennoch, es gibt feine, eigentlich unüberhörbare Unterschiede. Von fast einem fast lautlosen Surren, dem patentierten sauberen Rollton, dem „Öl mich“ Gequietsche oder verschiedenen rumpelnden Tönen, die das baldige Dahinscheiden des Kofferfahrwerks ankündigen..
Teil 5
Normalerweise beginnt etwa 30 Minuten vor Abflug des gewünschten Transportmittels das „Bording“. Das ist also in etwa der Zeitpunkt, an dem die reisegeilen Passagiere an Bord des hoffentlich technisch einwandfreien Wunderdings dürfen. In unseren Zeiten wird dies zwar längst als selbstverständlich angesehen, aber mal ehrlich, so ganz vertrauen tut man dieser Sache dann doch nicht.
Ich für meinen Fall beruhige meine wenigen voll funktionstüchtigen Sinne mit dem verkrampften Festhalten eines Plastikbechers zum Teil gefüllt mit einer alkoholischen Flüssigkeit. Aber nur in dem Fall, dass man so nett ist, mir etwas in dieser Art während des Fluges zu reichen. Aber ehrlich gesagt, stumpfen die ureigensten Ängste, die den Menschen in grauen Vorzeiten nicht selten das Leben retteten, mit der Zeit immer mehr ab. Eines Tages steigt man völlig emotionslos in eines solcher geflügelten Ungetüme und wird noch nicht einmal dann unruhig, wenn der Pilot unfreiwillig im direkten Senkrechtflug eine Landung probiert.
Nun, meine Linienmaschine ist noch nicht mal da. Ich könnte mir also einen Snickers holen, es scheint wohl wieder länger zu dauern. Naja, dass ist ja kaum etwas neues, schließlich scheinen es die Beförderungsunternehmen zu Luft mit der Pünktlichkeit noch weniger genau zu nehmen wie die Konkurrenz am Boden. He, und das ist auch genau der Grund, warum so viele Süßwarenautomaten auf Bahnsteigen und Wartehallen die Sinne ernährungsbewusst lebender Bürger auf die Probe stellen.
Die altbekannte Dudeldidei-Melodie knirscht aus den versteckten Lautsprechern und die Lufthansa entschuldigt sich schon einmal vorsorglich für den verspäteten Flieger nach Düsseldorf. Durch die verglasten Außenwände sehe ich möglicherweise meine Maschine gerade landen. Hier in Sachsens Metropole landen und starten German Wings-Maschinen ausschließlich von bzw. nach Köln, dieser hin und wieder richtig tollen Stadt am Rhein. Also wird’s wohl mein Flieger sein.
Ich überlege kurz ob ich mich der allgemeinen Aufbruchstimmung anschließe und in Richtung Schalter stürze. Dabei werden rücksichtslos fragile Rentner zur Seite geboxt, kleine Kinder niedergetreten und mit dem Handgepäck der eigene Sicherheitsabstand knallhart durchgesetzt. Aber nach kurzem Überlegen entschließe ich mich, dem gut betuchten Mob den Vortritt zu lassen. Ich sitze nachher auf 2A, also ganz vorn, ich brauche mich also nicht um einen freien Platz herumbalgen. Außer der Notebooktasche verfüge ich heute über kein Handgepäck, das bekomme ich später sicher problemlos untergebracht. Was soll also schon passieren?
Ich darf nun schon einmal ganz prophylaktisch unruhig werden, aber keine Angst, das ist ganz normal. Die Vorfreude wächst, es geht nach Hause, ich darf mir die Wolken von oben ansehen und irgendwo da oben wartet (vielleicht) ein Whisky auf mich.
Oh je, Kleinkinderalarm! Einer besonders schamloser Vertreter dieser unglaublich übermütigen Schreihälse begibt sich auf den direkten Weg zu meinem Gate. Oh Gott, mach, dass dieser kleine Teufel am anderen Ende der Maschine sitzt, sonst… Ja was sonst? Momentan wird nur der Wartebereich beschallt und he, ich will die letzten Minuten vor Köln und der Heimat erholsam verbringen.
Die Dame vom Check-in nimmt ihren Platz am Gate ein und wird nun etwa eine halbe Stunde am Rechner herum tippen und mit dem Drucker in Form von Papierverschwendung ganzen Wäldern den Garaus machen. Irgendwie gilt es viel Zeit totschlagen und den total gestressten Passagieren den unbefugten Zutritt zur Maschine zu erschweren. Und das so lange, bis die Stewardessen das Flugzeug auf ein Weiteres geputzt haben und der Pilot halbwegs flugtüchtig ausgenüchtert ist.
Das Notebook-Akku gibt alles, ich bin erstaunt. Meine Müdigkeit kehrt zurück. Ich werde wohl meine Zeit auf Platz 2A größtenteils schlafend verbringen, dies mit dem obligatorischen Whisky in der Hand. Jedenfalls wenn ich diesmal einen bekomme und das Bordpersonal nicht wieder von der riesigen Auswahl an Whiskysorten auf der bordeigenen Speisekarte schlichtweg erschlagen wird. (es gibt nur eine Sorte, aber das wissen diese fliessbandgefertigten und mit dem festgenagelten Grinsen im Gesicht versehenen Stewardessen leider nicht)
Ahhh, nun es geht los, das verdammte Gate wird geöffnet. Der Mob drängt nach vorne und ich vermeine im völlig chaotischen Gewühl Schienbeinknochen splittern und elegant ausgeführte Kinnhaken zu hören. Famous, meine Freunde, so macht das Leben spaß, wer zuletzt kommt bestraft das Leben und wer nicht rechtzeitig im Flieger sitzt… hmmm? Ich muss Schluss machen. Bis denne, ich werde schon irgendwie irgendwo wieder runterkommen.
