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user:ewusch:chinabuffet

Gefangen in der chinesischen Büfettfalle

I

„Sag mal Schatz,“ Esther schaut mich an, „Du hast mich lange nicht mehr ausgeführt. Meinst Du nicht, wir könnten mal wieder hübsch essen gehen?“ „Müssen wir?“ entgegne ich scherzhaft. „Ja“ antwortet sie mit gespieltem Schmollen. „Und ich wüsste auch wohin. Am Stadtcenter hat vor kurzem ein neues Restaurant eröffnet, ein Mongole und wohl ein sehr guter. Sagt jedenfalls Jessi“ – „Jessi? Die von Deiner Arbeit? Die von nichts eine Ahnung hat…“ – „…außer von leckerem Essen. Da macht ihr so schnell keiner was vor.“ Esther lächelt mich an, wohl wissend, dass sie gewonnen hat. Es fällt mir auch nicht schwer, nach zu geben. „Okay, fahren wir essen! Wie heißt der Laden?“ – „Ehm, ich glaube der Name war ‚Dschingis Khan’. Bist ein Schatz!“

Einige Bedenken kamen mir jedoch in Erwartung der asiatischen Kochkunst. Ranken sich darum doch einige mehr oder weniger glaubwürdige Mythen. Etwa, ob das in der Speisekarte beschriebene Fleisch tatsächlich in der Pfanne landet und nicht die Filets kleiner niedlicher Vierbeiner. Zudem halte ich Reis schlichtweg für gekochte Ameiseneier. Aber die ungebremste Vorfreude meiner Dame wischt gnadenlos sämtliche meiner Bedenken hinweg. „Was ist los mit Dir?“ fragt sie voller Elan, „sei mal offen für etwas Neues!“ Ameiseneier sind überhaupt nichts Neues, hätte ich beinahe geantwortet. Doch sie ist schneller: „Mongolisch ist sicher etwas richtig Delikates.“ – „Na ja, wenn Du meinst. Der Trend geht eh in Richtung kulinarischer Selbstverstümmelung.“ spotte ich und ernte einen Knuff. Esther rückt noch näher an mich heran. „Komm schon, gib Dir einen Ruck!“

Und genau den gab ich mir dann auch. Denn zum einen hatte meine Frau natürlich recht – wir waren lange nicht mehr aus gewesen und zum anderen fand ich die Idee mit dem Mongolen gar nicht so übel. Es war höchste Zeit, meine bessere Hälfte in diesem mir noch unbekannten Gourmettempel zu entführen. Und warum erst etwas auf die lange Bahn schieben, wenn der selbige Abend sich förmlich anbietet.

Ich greife zum Telefon und wähle die im Internet recherchierte Nummer des Gastronomiebetriebes. Kurz darauf meldet sich eine fremdländisch klingende Stimme: „Restaurant Dschingis Khan, was kann ich für Sie tun?“ Der Akzent war sehr ungewöhnlich, ich brauche einen Augenblick, um meine Fassung zurück zu gewinnen. „Hallo, ich würde gern einen Tisch für zwei Personen bestellen. Wenn möglich für den heutigen Abend.“ - „Ja, für zwei Personen. Neunzehn Uhr?“ – „Passt perfekt!“ Ich gebe ihm zum Dank meinen Namen sowie meine Telefonnummer durch und der Tisch sollte uns sicher sein. Hoffe ich jedenfalls. Mich befiel zugleich auch der vage Verdacht, dass mein recht schlecht deutsch sprechende Gesprächspartner am anderen Ende der Leitung mich nicht verstanden haben könnte. Andererseits – ‚Dschingis Khan’ – das ist ganz sicher kein Name für ein Restaurant, in welchem man ausschließlich durch frühzeitiges Reservieren einen Tisch bekommt.

II

Pünktlichkeit ist eine Zier, sagt mein alter Herr stets und so war es natürlich wenig verwunderlich, dass wir uns überpünktlich und mit einem leichten Hungergefühl vor dem Eingang des Restaurants ‚Dschingis Khan’ wieder fanden - ganz in Erwartung eines schmucken mongolischen Restaurants mit einer nur bedingt deutsch sprechenden, aber dafür umso freundlicheren Bedienung. Der wuchtige Bachsteinbau weckt in mir das Gefühl, dass wir schon einmal hier waren. Nur wann und wieso? Ich mag solche Deja vu nicht. „Esther, was war das hier vorher? Ich glaube, wir waren hier schon einmal gewesen. Oder verwechsle ich da etwas?“ Grübelnd wühle ich in den unendlichen Tiefen meiner gastronomischen Erinnerungen. Nichts! Da ist rein gar nichts. Esther erinnert sich sofort. „Du, ich glaube, hier stand früher ein Supermarkt.“ War ja klar! Typisch Frau! „Echt? Aldi, Netto oder Lidl?“ „Nein, dass weiß ich nicht mehr.“ Ist ja auch nicht wichtig. Fest steht, das hier war einmal ein Mekka des Konsums, mit jeder Menge quietschender Einkaufswagen, quengelnder Kleinkinder und schlecht gelaunter Verkäuferinnen. Meine schlimmsten Befürchtungen scheinen sich zu bewahrheiten Oh je, was erwartet uns wohl hinter dieser Tür? Ein ehemaliger Supermarkt passt so gar nicht in mein Weltbild von exotischen Schlemmerparadiesen. Eine Markthalle als fernöstliche Form von Erlebnisgastronomie, die nun Westeuropa den kulinarischen Zahn ziehen soll? Dinieren zwischen gut gefüllten Einkaufsregalen, bei billigem Discount-Kerzenschein und gerade im Angebot befindlichen Maggitütensuppen als Tagesgericht? Esther reisst mich aus meinem mentalen Horrortrip: „Willst Du hier noch lange herum stehen? Mir wird langsam kalt. Und Hunger hab ich auch.“ Ich behalte meine düsteren Vorahnungen besser für mich. Meine Frau würde das Grauen noch früh genug bemerken. Wer weiß, vielleicht gefällt ihr das am Ende sogar.

Neugierig drücke ich die schwere Messingklinke herunter. Nur einen Schritt später stehe ich im Restaurant und… atmete erleichtert auf. Keine defekten Pfandflaschenautomaten, nirgendwo gut sortierte Regale mit allerlei Konservendosen und auch kein nervöses Gedränge an den überfüllten Kassen. Von asiatischer Gemütlichkeit leider auch keine Spur. Eine weite Fläche bestückt mit unendlich vielen gut besetzten Tischen bietet sich meinem überraschten Auge. Und mitten drin thront ein göttliches Büfett.

III

Wobei… Eines nur? Nein, es sind vielmehr drei, bis an die Zähne mit Krabben, Nudeln, frittiertem Gemüse und rohem Fisch bewaffnete Lebensmitteltheken. Schon der Gedanke, man würde hier zum fernöstlichen Gourmet erzogen, verpufft angesichts der aufgetürmten Nudelberge. Enttäuscht registriere ich, dass hier wohl kulinarische Feingeiste völlig falsch am Platz sind. Das hier erfordert leere Mägen, ungezügelten Appetit und eine Menge Abenteuerlust. Der wohlerzogene Gaumen dürfte wohl etwas zu kurz kommen.

Mein Blick gleitet über die unzähligen Tische, einmal bis zur Unendlichkeit und wieder zurück. Alles gut mit hungrigem Volk gefüllt. Hier irgendwo gilt es einen Sitzplatz zu finden. Aber das ist kein Grund, unruhig zu werden, schließlich haben wir vorsorglich reserviert. Mein Bauchgefühl jedoch sagt mir etwas anderes. Das liegt vielleicht am Hunger, der sich zu meiner inneren Zufriedenheit zunehmend meldet. Meine Sorgen nehmen noch zu, als endlich ein sichtlich gestresster Kellner auftaucht und von unserer Reservierung natürlich nichts weiß. Irgendetwas in mir jubiliert vor Schadenfreude und Selbstdemütigung. Die eben noch frohe Stimmung schlägt augenblicklich in Abgrundtiefe Enttäuschung um.

„Sie nicht reserviert!“ Der Kellner hält mir seinen zerfledderten Terminplaner vors Gesicht. „ Schauen, alles voll und lesen kein Name!“. Esther nimmt energisch dem verdutzten Kellner das Buch aus der Hand und schüttelt den Kopf. „Das kann doch kein Mensch lesen. Moment, falsche Seite!“ Sie blättert um und gibt das Buch zurück. Seine Mine hellt sich auf „Entschuldigung, hier Ihr Name! Bitte Sie kommen!“ Na also, sagt mir der triumphierende Blick meiner Frau. Man muss so etwas nur richtig angehen.

Mit einem anständig überfüllten Tablett leerer Gläser in der einen Hand und dem abgenutzten Terminplaner in der anderen eilt unser Kellner zielstrebig durch das Meer besetzter Tische. Wir haben selbst ohne Tablett einige Mühe ihm zu folgen. Unvermittelt bleibt er plötzlich stehen und wie durch ein Wunder taucht neben ihm ein leerer Tisch auf. Doch bevor ich irgendwelche Worte des Dankes aussprechen kann, ist der Kellner wieder verschwunden. Esther schaut mich verblüfft an „Wo ist er hin?“ Ich nehme ihre Jacke entgegen und suche angestrengt nach einem Garderobenständer. Keiner da! Also hängen wir die Jacken über die Rückenlehnen unserer Stühle und nehmen endlich Platz. Die Personen an den Nachbartischen nehmen nicht die geringste Notiz von uns. Kein neugieriger Seitenblick, kein nervöses Stühlerücken. „Anonymer geht’s kaum“ sage ich zu meiner Frau und ziehe geistesabwesend die Karte an mich heran. „Ich denke, wir essen Büfett?“ fragt Esther. Ich erwidere beschwichtigend „Was trinken wir dazu?“ Die gute Stimmung hat sich in den letzten Minuten verflüchtigt. „Wasser, was sonst? Ich muss schließlich fahren.“ Der vorwurfsvolle Unterton ist nicht zu überhören. Schuldbewusst überfliege ich die Getränkeseiten, finde das Bier und entscheide mich für kleines Pils. Bevor die Stimmung zu Tisch noch weiter der Erdanziehung folgt, schiebe ich die Karte möglichst weit von mir weg und suche nach einem Kellner.

IV

Aber da ist keiner. Weder an den Nachbartischen, noch im weiteren Rund. Welch unangenehme Situation. Mir kommt die viel gebrauchte Schlagzeile von der ‚Servicewüste Deutschland’ in den Sinn. Okay, jetzt ist viel Geduld gefragt. Wir haben genug Zeit, der Abend ist noch jung. Ich schaue mich um und begutachte die Lokalität, einem mongolischen Restaurant mitten im Herzen unserer Stadt. Inzwischen ist mir klar geworden, dass es sich hierbei um eines dieser derzeit aus dem Boden sprießenden „All you can eat“-Restaurants handelt, welche Kalorienschleudern gleich asiatische Leckereien tonnenweise unter die hungrige Menschheit katapultieren. Und noch etwas stelle ich fest: es ist verdammt laut hier!

„Was hat das eigentlich mit einem Mongolen zu tun?“ frage ich meine Frau. Esther zuckt mit den Schultern. „Woher soll ich das wissen? Wahrscheinlich unterscheidet sich die mongolische kaum von der chinesischen Küche.“ Ich gebe mich damit nicht zufrieden. „Meinst Du? Die Mongolen sind ein Steppenvolk, die essen bestimmt etwas anderes als die Chinesen. Vielleicht Yak-Steaks oder Schafaugensuppe? Ameiseneier?“ Grinsend blicke ich meine Frau an. „Bah! Du bist ekelig!“ erwidert sie und lächelt endlich wieder. Wenigstens kehrt die gute Stimmung an unseren Tisch zurück.

Aus den Augenwinkeln mache ich eine Bewegung aus. Ich drehe mich um, aber Fehlalarm! Kein Kellner in Sicht. Meine Finger trommeln nervös auf der Tischplatte. Ein nicht zu deutender Blick meiner Frau lässt mich damit unvermittelt aufhören. Ich ziehe den Kerzenstände zu mir herüber und beginne den brandstiftend den Docht zu entflammen.

Ungeduldig werden beginne ich das Gespräch wieder auf das Restaurant zu lenken. „Schau mal hier, auf der Karte steht ‚mongolischer Grill’. Und etwas von chinesischer und thailändischer Küche. Dann ist das wohl kein Mongole? Aber weißt Du was“ ich krame den Klugscheißer heraus „der Durchschnittsbürger will es exotisch, lecker und vor allem billig. Wer kann das besser als die Chinesen?“ Ich grinse sie an. Esther ist wenig beeindruckt und meint „Komm, lass mal das Thema. Wo bleibt bloß der Kellner. Wenn ich hier wenigstens eine Rauchen könnte.“ Also schweigen wir uns in mitten des Getöses an. Ratlosigkeit beschleicht mich. Mein Magen gibt ein erstes leises Knurren von sich, der Durst macht sich langsam bemerkbar und nirgendwo eine Rettung in Form einer Kellnerblockschwingenden Servierkraft.

Eine gefühlte Ewigkeit später reicht es mir. „Komm, lass uns das Büfett genauer unter die Lupe nehmen. Mir wird die Warterei hier zu lang.“ Esther blickt mich fragend an „Meinst Du? Und wenn der Kellner kommt?“ Sie überlegt kurz „Geh ruhig und inspiziere mal schön das Büfett. Ich halte hier die Stellung“. Dankbar beschließe ich, ihr irgendeine kleine Leckerei mitzubringen.

V

Ich erhebe mich bedächtig und schaue mich um. In der Ferne erkenne ich tatsächlich zwei Kellner durch das Meer von Tischen eilen. Vielleicht begegnet mir unterwegs einer davon. Meine Füße finden fast von ganz allein den Weg durch den Tischbein-Dschungel hin zum Büfett. Höchste Zeit für eine anständige Aufklärung des unbekannten Gebietes. Und unbekanntes Gelände ist stets als ein feindlich besetztes Gebiet zu betrachten. Doch der Zauber der Gerüche betört selbst den größten Strategen und lässt ihn einer Magie erliegen, die man mit nur einem Wort umschreiben kann: Lecker! Das Ergebnis hätte ich voraus ahnen müssen. Eine Woge aufkommenden Futterneides schlägt über mir zusammen und verschlingt den letzten Rest meiner ohnehin mangelhaften guten Erziehung. Was danach übrig bleibt, ist ein hungriger und durstiger Wilder, dem sämtliche Manieren abhanden gekommen sind.

Eine Suppe käme mir gerade recht. Was ich trinken kann, kann ich bestimmt auch schlürfen! Was mag dort in diesen Töpfen sein? Pekingsuppe und Wan-Tan-Suppe steht auf einem handgeschriebenen Zettel. Verwundert nehme ich die kleinen Suppenschälchen wahr. Was soll das denn? ‚All you can eat’ ist der Spruch der Stunde und dann gibt’s nur Bierdeckelgroße Schüsselchen? ‘All you can eat’, denke ich mir, ‘all you can eat’. Nun, warum eigentlich nicht! Das ist kein Werbeslogan, nein, das ist eine Lebensweisheit für Momente wie diesem!

Ich schnappe mir also drei von den Schüsselchen, fülle alle randvoll mit irgendeiner dickflüssigen roten Gulaschsuppe und ignoriere großzügig die missgünstigen Blicke der Wartenden neben und hinter mir. He, schaut nicht so! Euer Neid ist mir so etwas von egal. Ich habe nämlich gerade begriffen wie das hier läuft!

Vorsichtig bugsiere ich meine Beute an den Tisch. Es stellt sich nämlich als durchaus gewagt heraus, mit knurrendem Magen, drei randvollen Suppenschüsselchen und den gierigen Blicken im Rücken zum Slalom durch das Tischwirrwarr anzusetzen. Aber es funktioniert hinlänglich. Bei meiner Rückkehr erwartet mich nicht nur eine verwunderte Esther sondern auch ein verdutzt dreinblickender Kellner. Dieser steht unschlüssig neben dem Tisch und fragt im gebrochenen Deutsch nach meinem Getränkewunsch. Jetzt bloß nichts Falsches sagen. Ein Pils war angedacht. Aber die Situation hat sich grundlegend geändert.

„Zwei große Hefeweizen bitte und ein Mineralwasser für meine Frau!“ bestelle ich ohne Regung. Der Ärger des langen Wartens verwandelt mich in einen undankbaren Ignoranten. Der Kellner wartet noch einen Moment in der Hoffnung, das die zwei Hefeweizen vielleicht nur ein Scherz waren. Da ich aber keine Notiz von seinem fragenden Blick nehme, eilt er schließlich davon. Mir fällt ein, dass ich eigentlich meiner Frau ne Kleinigkeit mitbringen wollte. Schweren Herzens schiebe ich ihr eine der drei Schüsseln herüber. „Oh, danke!“ Überrascht schaut sie mich an. Ich sage nichts – es wird Zeit der Suppe an den Kragen zu gehen!

Es dauert in der Tat noch eine ganze Weile, bis die bestellten Getränke ihren Weg an den Tisch finden. Die Suppenschüsselchen sind da längst ausgelöffelt und ein erstes, wenn auch sehr schwaches Sättigungsgefühl überrascht meine ‚All you can eat’-Einstellung. Vorsicht ist angebracht. Wie soll ich das maximale Esserlebnis erreichen, wenn mich ein Vorsüppchen schon sättigt? Ich beschließe, ab sofort für den Rest des Abends auf jedwede Sättigungsbeilage zu verzichten.

„Naja, für den Anfang war das gar nicht so schlecht, oder?“ ziehe ich ein erstes kurzes Fazit. „Ja, die Suppe war lecker. Was war das überhaupt? Hatte die einen Namen?“ – „Rote Gulaschsuppe, süß-sauer-scharf, Pekingsuppe“ rate ich „nein, keine Ahnung. Komm, wir schauen mal nach und nehmen uns direkt etwas für den nächsten Gang mit!“ Und zu meiner eigenen Überraschung brauche ich das Esther nicht zweimal sagen. Also ran ans Büfett. Es wäre doch fatal, das anwesende Volk uns alles wegisst.

VI

Ich ignoriere die enorm sättigenden gebratenen Nudeln und auch die frittierte Hähnchenbrust im Bierteig bleibt im Warmhaltebehälter. Aber die Ente blickt so unglaublich geheimnisvoll von der lauwarmen Aluplatte. Erst frittiert, dann zerstückelt und anschließend in Sojasoße ertränkt. Ein Schicksal, welches es an dieser Stelle kurz zu bedauern gilt. Dann mal rauf auf meinen Teller! Ich garniere das edle Federvieh mit einigen herrenlosen Champignons, die sich im Topf gleich nebenan langweilen. Und noch einige Bambussprossen, bis der Teller wirklich gnadenlos überfüllt ist. Ich jongliere den Teller im üblichen Slalomschritt hin zum heimatlichen Tisch, während Esther noch immer mit einem leeren Teller das Büfett erkundet. Die Ente erweist sich als unglaublich lecker. Ich schlinge das Fleisch beinahe unzerkaut herunter. Mein Gaumen fühlt sich wie im siebenten Himmel. Herrlich! Was spricht eigentlich gegen einen gehörigen Nachschlag? In Anbetracht des reichhaltigen Büfetts ist es zwar eine Sünde, zweimal das selbe zu essen, aber ich kann einfach nicht anders. Ich nehme einen großen Schluck vom Bier und mache mich erneut auf den Weg. Dabei begegne ich meiner Frau. Lächelnd zeigt sie mir ihren halbvollen Teller. „Nanu, hast Du keinen Hunger?“ frage ich im Vorübergehen und nehme noch ihr Schulterzucken wahr. Mein zweifelnder Blick ist ihr offensichtlich nicht entgangen. Möglicherweise wird sie gleich selbst feststellen, dass sie zu wenig auf dem Teller hat. Mein Teller dagegen ist erneut randvoll gefüllt, als ich ihr kurz darauf zum Tisch folge.

Und wieder löst sich die Ente auf der Zunge auf und es dauert kaum länger als beim ersten Mal, bis auch dieser Teller vollständig geleert ist. Wer will es mir verdenken. Ich nehme einen großen Schluck vom Hefeweizen. Das hab ich mir verdient!

„Hallo, Entschuldigung. Könnten Sie mir bitte die Sojasoße kurz leihen?“ Hallo, wer spricht da? Rechts und links haben alle genug mit sich selbst zu tun. Esther schaut mich mit ihren hübschen Augen an, aber aus ihrem Blick werde ich gerade auch nicht klug. Ihr Finger zeigt an mir vorbei. Also drehe ich mich um und starre direkt in ein rundes, verschwitztes Gesicht mit riesigen runden Brillengläsern. Er grinst mich komisch an. „Ihre Sojasoße, bitte!“ stößt er schwerfällig atmend hervor.

Verblüfft greife ich blind nach der Menage, ziehe einer der Flaschen heraus und reiche sie ihm. Er blickt nur kurz drauf und gibt mir die Flasche zurück. „Ehhh, nein, das ist Essig. Die Sojasoße ist die dunkle dort.“ Dabei grinst er mich an, als wenn er einen Vollidioten vor sich hat. Das geht mir jetzt etwas zu weit. Wofür hält der Typ sich? Das ist meine Sojasoße, nicht seine! Soll er sich gefälligst bei der Bedienung beschweren, meine bekommt er nicht. „Nein, tut mir leid. Ich gebe Ihnen meine Sojasoße nicht!“ Dann drehe ich mich wieder um.

In meinem Rücken macht sich augenblicklich eine Welle der Entrüstung breit. Der wahrscheinlich cholerische Mann stößt unverständlicher Laute der Empörung aus und seine Frau versucht vergeblich, ihn zu beruhigen. „Mausibärchen, ich benötige die Sojasoße gar nicht.“ Mausibärchen antwortet grunzend „Das wollen wir doch mal sehen!“ Ein Stuhl wird verrückt und eine massige, nach Atem ringende Person baut sich neben meinem Tisch auf. „Die Sojasoße! Bitte!“

Ich setze meinen finstersten Blick auf, meine Hände krallen sich um des Besteck. Die Zeit scheint zu gefrieren. Sekunden, Stunden, Jahre vergehen. Wollen wir doch mal sehen, wer hier sturer sein kann! Da reicht die liebliche Hand meiner Frau freundlich die begehrte Flasche herüber. Esther schaut mich zweifelnd an „Was sollte das denn?“ - „Ich hätte sie ihm nicht gegeben! Wer weiß, was er damit anstellt?“ Sie erwidert genervt „Du bist blöd! Was soll er schon mit der Soße machen? Komm mal wieder runter!“ – „Nun, er könnte…, ähh, er könnte die Ente darin ertränken!“ Die Verständnislosigkeit im Blick meiner Frau lässt mich verstummen. Ich blicke auf meinen Teller. Leer! Gott sei Dank! Auf zum Büfett!

VII

Bevor mich ein Anflug von Sättigung überfällt, bewege ich mich eiligst an eine bislang unbesuchte Theke. Das erste, was ich hier entdecke, sind einige merkwürdig aussehende Pilze. Magic Mushrooms? Schon möglich, denn da steht: „Nicht zum rohen Verzehr geeignet!“ Aha! Ich bin definitiv auf der richtigen Spur. Hier irgendwo ist der wahre kulinarische Geist versteckt. Komm heraus, Geheimnisvoller und stell Dich! Meine Abenteuerlust ist geweckt.

Dieses Areal roher, ungewürzter Lebensmittel ist für den mongolischen Grill reserviert, der ausschließlich mit den exotischen Eigenkreationen der Restaurantgäste gefüttert werden möchte. Nehmen wir doch mal diesen Blauhai. Er harrt in filetierter Form geduldig seiner Dinge. Sein Schicksal nähert gerade sich in Form eines Gastes, welcher mit Thai-Curry, Knoblauch und einer Prise Wasabi ganz geheime Chefkochambitionen über den toten Wasserbewohner hereinbrechen lassen wird. Aber was passt ideal zu Blauhai? Zwiebeln, Lauch, Brokkoli? Nein, das ist mir zu gesund! Gleich um die Ecke erwartet mich massig weiteres rohes Fleisch von allerlei Vierbeinern. Wie etwa Pferdefleisch, welches - ganz unüblich - sogar als solches ausgewiesen ist. Ja, das ist genau mein Ding! Höchste Zeit zum Experimentieren. Also greife ich blind zu und füge dem Fischfilet etwas Hirsch, Schwein, Pferd und Känguru hinzu. Zum Schluss bedecke ich den übervollen Teller mit den geheimnisvollen Pilzen und bewege den Lebensmittelberg hinüber zur Theke des mongolischen Grills.

Ein unglücklich dreinblickender Aushilfskoch mit einer typischen OP-Gesichtsmaske darf nun sein ganzes Können hinter dem Grill beweisen. Ich schiebe meinen Teller gekonnt in eine kleine Lücke zwischen den sorgsam aufgereihten Tellern und hoffe, dass der Koch meine Tellerdrängelei nicht mitbekommen hat. Tja, und nun? Mir bleibt wohl nichts anderes übrig, als zu warten, dass Hai und Co ihren Weg auf die heiße Grillplatte finden. Mit Gesten gibt mir der Koch zu verstehen, dass ich gehen kann. Mein Teller wird mir an den Tisch gebracht. Okay, mit soviel Service habe ich natürlich nicht mehr gerechnet. Der Herr will wohl unbeobachtet sein Handwerk betreiben. Aber ich füge mich gern, bietet doch die Warterei auf das Ergebnis meines Grillexperimentes die willkommene Chance, meine Frau und mein Bier zu besuchen. Wer wird mich wohl mehr vermissen?

VIII

Meine bessere Hälfte hält sich noch immer an ihrem ersten Teller auf, auf dem ein paar letzte gebratene Eiernudeln längst kalt sein dürften. In diesem Tempo schafft sie nie die fünf Teller, die in wohl nötig sind, um den „All you can eat“-Preis zu rechtfertigen. Ich dagegen bin bester Hoffnung, denn mein vierter Gang nähert sich in Begleitung einer netten und charmant lächelnden Bedienung.

Esther schaut neugierig auf meinen Teller „Meine Güte, das sieht wirklich lecker aus. Was ist denn das?“ – „Blauhai in einem Beet von Magic Mushrooms, meine Beste“ antworte ich galant „und dazu noch einige andere vierbeinige Delikatesse. Frag bitte nicht, was hier was ist. Jedenfalls ist Kängeruh dabei.“ Ich bin froh, dass sie die elende Geschichte mit der Sojasoße vergessen hat.

Vom Lebensmittel-Berg auf meinem Teller ist nicht viel übrig geblieben. Das Häufchen auf dem Teller ähnelt nicht einmal im Ansatz dem Mount Everest, den ich vertrauensvoll am Grill abgegeben hatte. Und wo wir gerade bei der Sojasoße waren – auch von ihr fehlt natürlich jede Spur. Der Typ hat sie natürlich nicht wieder hergegeben, was mich nicht sonderlich verwundert. Aber darum kümmere ich mich vielleicht später. Im Moment hab ich ein Rendezvous mit einem Flossentier, das ich um nichts in der Welt verpassen möchte.

Aber was liegt da nun wirklich auf meinem Teller? Es schein unmöglich, die Fleischbrocken irgendwelchen Tierarten zuzuordnen. Okay, der Fisch sticht heraus, aber der Rest? Da in mir kein Pathologe steckt, worüber ich meist auch sehr glücklich bin, bleibt mir nichts weiter übrig, als nach geschmacklichen Unterscheidungsmerkmalen zu suchen. Nach zwei Bissen erkenne ich meine Chancenlosigkeit – ich habe die falsche Soße am Grill ausgesucht. Der Geschmack von Curry und Knoblauch lässt einfach alles gleich schmecken. Auch die Pilze. Der nächste Gang benötigt definitiv eine andere Soße, stelle ich fest, als ich auch diesen Teller geleert habe.

Eigentlich bin ich gut gesättigt. Und schon bahnt sich eine mittlere Eruption ihren Weg an die Freiheit. In letzter Sekunde reiße ich die Hand vor den Mund und schaffe es irgendwie den verdienten Rülpser zu unterdrücken. Erleichtert atme ich aus. „Satt?“ fragt mich meine Frau lächelnd. „Nein, nicht wirklich“ lüge ich und versuche gleich meine Notlüge etwas zu relativieren „Appetit auf einen kleinen Happen hätte ich schon noch.“ Sie lächelt weiterhin und ich fühle mich durchschaut. So einfach mache ich ihr halt nichts vor. Doch um ihr zu beweisen, dass ich es ernst meine, erhebe ich mich und bewege mich vorsichtig in Richtung Büfett. Ich und Satt? Satt ist definitiv untertrieben.

IX

Ich stelle fest, dass ich den Garnelen bislang zu wenig Beachtung geschenkt habe. Ich esse die Dinger furchtbar gerne, aber im Zuge der allgemeinen Reizüberflutung sind sie wohl untergegangen. Nun wird’s höchste Zeit. Wer weiß, wie viel ich noch verspeisen kann, bevor…. Bevor was? Ach komm, grüble mal nicht herum, mach lieber den Teller voll!

Bleibt die entscheidende Frage, nehme ich die fix und fertig konfigurierten Gambas aus dem reichhaltigen Angebot der Warmhalteplatten oder bemühe ich ein weiteres mal den Chef am Grill. Ich entscheide mich für letzteres. Mit einer Kelle schaufele ich die Schalentiere haufenweise auf meinen Teller und finde eine farblich zu den Riesengarnelen passende Paste bei der kleinen Auswahl von Soßen. Bloß nicht wieder die Knoblauch-Curry-Tunke. Nein, meine derzeitige Auswahl sieht mit ihrer hellroten Farbe eindeutig freundlicher aus. Dann schiebe ich Teller dem nach wie vor Schwerstarbeit verrichtenden Grillmeister zu und begebe mich hoffnungsvoll zurück auf meinen Platz.

Esther hat ihren Teller inzwischen abräumen lassen und macht keine Anstalten, sich noch einmal zum Büfett zu bewegen. Die Getränke sind auch alle und nur um nicht vor leeren Gläsern zu sitzen, würde ich gern eine neue Runde bestellen. Vorzugsweise diesmal nur ein kleines Bier für mich. Aber das Getränkebestellen bleibt heute ein Glücksspiel. Wenn sich schon mal ein Kellner in Rufnähe befindet, ist er meist nicht für Getränkebestellungen zuständig. Schafft man es tatsächlich bei einem zuständigen Servicemitarbeiter ein paar Getränke zu bestellen, dann heißt das noch lange nicht, dass diese auch wirklich unseren Tisch erreichen. Womöglich stibitzt ein anderer dehydrierter Gast die kostbare feuchte Fracht direkt vom Tablett oder der Kellner liefert die kostbare Fracht am falschen Tisch ab. So etwas frustriert. Und was hilft gegen Frust? Essen!

Im Gegensatz zu den Getränken funktioniert der Service mit den Speisen vom Grill prächtig. Eine Bedienung bringt meine Garnelen und lässt mich sofort meinen Bierfrust vergessen. Meine offensichtlich gesättigte Ehefrau sitzt mir gegenüber und blinzelt amüsiert herüber. „Ah, der Höhepunkt des Abends!“ sagt sie und ich erwidere lapidar „du musst es ja wissen!“ Esther ist natürlich beleidigt, deshalb hake ich schnell nach „Du bist schließlich Köchin.“ Das rettet die Situation kein bisschen. Bleiben noch die Garnelen.

X

Eigentlich bin ich längst an dem Punkt angekommen, an dem absolut nichts mehr reinpasst. Und wenn ich sage, dass nichts mehr rein passt, dann meine ich das auch so. Bis auf die paar Garnelen vom Grill - ein höchstprivates Minzblättchen sozusagen. Die müssen noch rein, koste es was wolle. Der Anblick der hellroten Riesengarnelen macht mächtig Appetit und lässt mir das Wasser im Mund zusammenlaufen.

Das diese Paste ihre Farbe dem enthaltenen Chili verdankt, bemerke ich leider erst, als die Garnelen in meinem Mund explodieren. Bamm! Die Zunge taub, die Kehle steht in Flammen und eine sich ins Dunkelrot verändernde Gesichtsfarbe sind die Folgen des Chiligenusses. Als die ersten Tränen zu Tage treten, stelle ich fest, dass ich auf diese unsägliche Situation denkbar schlecht vorbereitet bin. Mein Bierglas ist gähnend leer und außer weiteren, in ätzend scharfer Chilipaste gebadete Garnelen gibt’s weit und breit nichts zu essen.

Was also bleibt mir übrig? Schwitzend verspeise ich die verbliebenen Garnelen und stelle fest, dass sich tatsächlich so etwas wie Geschmack hinter der Schärfe versteckt. Dann blicke ich meine Frau flehend an. Sprechen ist gerade unmöglich. Auch atme ich besser die nächste Zeit nicht in Richtung Kerze. Wer weiß, was dann passiert?

Esther schaut mich besorgt an. Im normalen Leben würde sie meine jämmerliche Situation schamlos ausnutzen, mich ordentlich aufzuziehen. Aber das hier ist nicht das normale Leben, sondern scharf und verdammt unangenehm. Hoffentlich hat sie eine Lösung parat, die meine Pein etwas lindert. Esther erhebt sich und kommt kurz darauf mit einem Schälchen Litschis zurück. Ich gönne meinem vom Chili vergewaltigten Gaumen diese unglaublich süßen Früchte. Und dass, wo doch eigentlich schon so lange nichts mehr reinpasst, aber das spielt momentan überhaupt keine Rolle.

XI

Während dessen gönnt sich meine Angetraute sich ein Eis, welches sie sich an einer mir verborgen gebliebenen Theke gebastelt hatte. Neidisch blicke ich hinüber. Es scheint ihr zu schmecken. Und wie! Genussvoll verschwindet Löffel um Löffel in ihrem Mund. Folter pur für mich! Doch noch hat sich mein Gaumen nicht vollständig erholt. Erste japsende Töne entrinnen meiner verbrannten Kehle. „Sag mal bitte, wo gibt es hier eine Eistheke?“ – „Eis? Du? Du solltest langsam genug haben. Und ehm, wolltest Du nicht abnehmen?“ Warum erinnert sie mich gerade jetzt daran? Aber sie hat Recht. Schon wieder. Ich gebe auf. Nichts geht mehr, kein Eis und auch kein Minzeblättchen. Längst bin ich über jenen ominösen Punkt hinaus gemästet, an welchem Essen noch irgendetwas mit Ernährung zu tun hat. Dieses Abendessen hätte wohl eine afrikanische Kleinstadt vor dem Hungertod bewahrt. Mein schlechtes Gewissen macht mir bereits jetzt ordentlich zu schaffen. Dafür komme ich definitiv in die Hölle! Direkt auf den Grill!

Inzwischen hat sich nun doch ein Kellner an den Tisch verirrt und mir unaufgefordert ein drittes Bier gebracht. „Nein, nicht noch ein Hefeweizen“, aber ich gebe nach, „ach egal, lassen Sie es stehen.“ Zu mehr Dankbarkeit bin ich gerade nicht in der Lage. Wichtiger ist, einen Verdauungsschnaps zu bestellen. „Welchen Sie wollen?“ fragt mich der Kellner und zeigt erklärend auf die Speisekarte. Ahnungslosigkeit macht sich bei mir breit. „Überraschen Sie mich bitte! Irgendeinen!“ Ich bin so satt, ich will nicht einmal mehr in Richtung Speisekarte schauen, geschweige denn hinein. Und sei es nur, um nach Jägermeister, Ramazotti oder Underberg zu suchen. Meine Frau verzichtet natürlich gänzlich. Kein Wunder, was soll sie denn verdauen?

Der obligatorische Verdauungsschnaps, den der Kellner kurz darauf an den Tisch bringt, heißt Wu-Ka-Pi. Sagt der Kellner und ich weiß nicht, ob ich ihn wichtig verstanden habe. Ist ja auch egal, oder? Wu-Ka-Pi. Klingt exotisch, schmeckt jedoch höchst gewöhnungsbedürftig. Ich meine jetzt zu verstehen, warum Asiaten keinen Alkohol vertragen. Mit einem solchen Zeug kann man unmöglich trainieren! Damit gewöhnt man sich bestenfalls das Trinken ab. Sei's drum. Ich leere das Glas mit einem Zug und hoffe auf die schnell eintretende Verdauungsfördernde Wirkung des Alkohols. Mir ist definitiv nicht wohl in der Magengegend.

Und dann passiert es! Ein mächtiger Rülpser bahnt sich seinen Weg an die Freiheit und noch bevor ich sinnvolle Gegenmaßnahmen ergreifen kann, ist er auch schon da. Er entfährt meinem Mund in einer Intensität, auf welche so mancher Hirsch stolz wäre. Laut, tief und lang anhaltend! Was folgt ist eine ohrenbetäubende Stille. Einige in der Nähe sitzende Gäste drehen sich mit entsetztem Gesicht zu uns um. Esther wird schlagartig rot und flüstert „Man, musste das jetzt sein? Beherrsch Dich doch mal. Das ist ja so was von peinlich! Mit Dir kann man ja wirklich nirgendwo hingehen.“ Schuldbewusst versuche ich mich ganz klein zu machen. Das wäre auch fast gelungen, aber mein überfüllter Bauch lässt ein solches Manöver nicht mehr zu.

Esther trinkt hastig ihr Wasser aus und teilt mir ihren Entschluss mit. „Wir zahlen jetzt und dann fahren wir heim!“ Wir? Zahlen? Das ist noch immer eine Bürde, die mir allein auferlegt ist. Aber ansonsten habe ich rein gar nichts einzuwenden. Nichts wie raus aus dieser fernöstlichen Mastanlage. Das hier ist vorsätzliche Verführung zur kulinarischen Selbstverstümmelung. Mir ist noch immer schlecht und einen weiteren Schluckauf will ich meiner Frau nicht zu muten.

Ich halte kurz meine Brieftasche hoch und so etwas ähnliches wie blindes Verständnis huscht über das ewig lächelnde Gesicht der sich nähernden Bedienung. Der Kellner weiß genau, wie es mir geht, denke ich. Er sieht so etwas jeden Tag dutzende Male. Ist dieses Lächeln mitleidvoll oder schadenfroh? Oder einfach nur, weil ich erwarte, dass Kellner in asiatischen Restaurants stets lächeln. Nein, mir ist gerade wirklich nicht danach, über den tieferen Sinn dieser eigentümlichen Situation nachzugrübeln. Eigentlich mag ich überhaupt nicht mehr denken, sondern nur noch weg! Ganz schnell und verdammt weit…

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